Islamic Relief startet mit „30 mal 30.000 Euro für Deutschland“ ein neues Förderprogramm für kultursensible Ehrenamtsprojekte – im Interview erklärt Taner Yüksel, welche sozialen Lücken geschlossen und welche lokalen Netzwerke gestärkt werden sollen.
(iz). Das neue Inlandsprogramm von Islamic Relief Deutschland ist das Ergebnis eines mehrjährigen Diskussions- und Entwicklungsprozesses. Mit „30 mal 30.000 Euro für Deutschland“ fördert die Organisation 30 kultursensible Ehrenamtsprojekte in Nordrhein-Westfalen und Berlin.
Im Gespräch erläutert Taner Yüksel, Islam- und Kommunikationswissenschaftler sowie Pädagoge mit therapeutischer Ausbildung, warum es darum geht, soziale Bedarfe neu wahrzunehmen, lokale Akteure zu vernetzen und zivilgesellschaftliches Engagement zu stärken. Zugleich fragt das Interview, welche Rolle eine international tätige humanitäre Organisation in Deutschland übernehmen kann.
„Ich glaube, dass dieser Zeitpunkt tatsächlich der richtige für Veränderungen ist“
Islamische Zeitung: Islamic Relief Deutschland feiert 30 Jahre Bestehen und hat gleichzeitig seine Arbeit im Inland auf ein neues Fundament gestellt. Warum richten Sie ihren Blick nun stärker auf soziale Projekte hier?
Taner Yüksel: Ja, ich glaube, dass dieser Zeitpunkt tatsächlich der richtige für Veränderungen ist. Genauer betrachtet, befinden wir uns in einem Spannungsfeld, das auf der einen Seite von der Dauer unseres Bestehens und auf der anderen vom Wandel in unserer Gesellschaft geprägt ist.
Unser Bestehen für die Dauer von drei Jahrzehnten steht symbolisch für Beständigkeit. In mehr als einer Generation Organisationsgeschichte mit unterschiedlichen Entwicklungsphasen lassen sich gewisse Erkenntnisse ableiten, indem wir fragen: Was hat sich bewährt? Was muss beibehalten werden? Und an welchen Stellen sollten wir uns weiterentwickeln?
Der Dauer unseres Bestehens steht auf der anderen Seite der Wandel in der Gesellschaft gegenüber. Wir erleben starke politische, soziale sowie kulturelle und wirtschaftliche Veränderungen. Ich möchte dafür jetzt keine allzu großen Worte benutzen, aber mein Eindruck ist, dass wir uns in einer Art Paradigmenwechsel befinden, den man durchaus ernst nehmen muss.
Kurz gesagt: Es ist die richtige Zeit darüber nachzudenken, wie wir uns neben der erfolgreichen Humanitären Hilfe und der Entwicklungszusammenarbeit weiterentwickeln wollen. Wir haben uns dafür entschieden, mit unserem Inlandsprogramm 30 Projekte in Deutschland zu fördern und so Wandel mitzugestalten.

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„Häufig werden Community und Gesellschaft künstlich als getrennt betrachtet“
Islamische Zeitung: Es gibt in der Community in Deutschland manchmal die Idee, man müsse im Inland jenseits der „eigenen“ Moschee nichts fördern, weil das „ja der Staat“ schon macht. Abgesehen davon, dass wir derzeit eine tiefe Wirtschaftskrise erleben – ist diese Einstellung hilfreich?
Taner Yüksel: Ich glaube, die Vorstellung, der Staat solle die sozialen Aufgaben übernehmen, ist nachvollziehbar. Wir leben nach wie vor in einem recht gut funktionierenden Gemeinwesen.
Aber vor allem unser Sozialsystem hängt vom Engagement der Bürgerinnen und Bürger ab. Die Einsicht, dass jenseits der eigenen Moschee etwas gefördert werden sollte, hängt auch mit der Geschichte der Muslime in dem jeweiligen Land oder Ort zusammen.
Vor dem Hintergrund der sozioökonomischen Situation ist es nachvollziehbar, dass man versucht, erst einmal konkrete Strukturen in der eigenen Community aufrecht zu erhalten. Andererseits ist das nicht die Herangehensweise, die ich bevorzugen würde.
Ich halte es für wichtig, dass sich muslimische Communitys in der Allgemeinheit deutlich stärker engagieren. Häufig werden Community und Gesellschaft künstlich als getrennte Bereiche betrachtet. Doch wir leben in dieser Gesamtgesellschaft und sind Teil von ihr. Entsprechend haben wir eine bestimmte Rolle zu erfüllen.
Wenn wir uns auf spezifische Blickwinkel verständigen, besteht in den Communitys durchaus das Bewusstsein, dass wir mehr für die Gesamtgesellschaft tun müssen. Wenn wir z.B. nachfragen, was geschieht, sollte das deutsche Sozialsystem, das erheblich unter Druck steht, in eine Krise geraten oder im schlimmsten Fall zusammenbrechen, was macht ihr dann?
Eine solche Entwicklung war früher unvorstellbar, doch die heutige Lage ist schwierig. Die entscheidende Frage wäre dann: Welches System greift dann? Dann bekommen Nachbarschaft, lokale Netzwerke und regionaler Zusammenhalt vor Ort eine sichtbarere Bedeutung. Das ist ein wichtiger Punkt, der aber vielleicht einen eigenen Beitrag verdient.
„Wir brauchen ein Vorgehen, das bisher unsichtbare Themen sichtbar macht.“
Islamische Zeitung: Sie fördern 30 kultursensible Ehrenamtsprojekte mit jeweils bis zu 30.000 Euro – nach welchen Leitlinien haben Sie die Themen ausgewählt?
Taner Yüksel: Es wäre ein großer Luxus, die Auswahl allein anhand eines Leitgedankens treffen zu können. Tatsächlich ging ihr eine Abwägung diverser Ansprüche voraus.
Seit 30 Jahren haben wir eine treue und stetig wachsende Gruppe von Spenderinnen und Spendern. Deshalb mussten wir uns fragen, ob sie bereit wären, zukünftig Inlandsprogramme zu finanzieren und ob sie sagen würden: „Wir finden gut, was ihr da macht, und würden es direkt fördern.“
Für Programme im Inland waren bisher keine zweckgebundenen Mittel vorgesehen. Spenden, die etwa ausdrücklich für den Sudan, Bangladesch oder andere konkrete Zwecke, wie Brunnenbau oder Waisenkinder eingegangen sind, dürfen nicht für sie eingesetzt werden.
Auch Gelder für die Zakat bleiben hier unberührt. So kommen bisher ausschließlich ungebundene Mittel zum Einsatz. Wir müssen uns aber fragen, ob und unter welchen Bedingungen unsere Förderer in Zukunft bereit wären, solche Projekte langfristig mitzutragen.
Seit 2022 hat sich eine interne Arbeitsgruppe mit dem Thema Inlandsprojekte beschäftigt. Im Hinblick darauf wurden unterschiedliche Ansätze diskutiert. Besonders häufig ging es um Angebote für Kinder, Frauen und Senioren.
Bei der Entwicklung des neuen Inlandsprogramms wollten wir aber nicht weiterhin nur in den bekannten Kategorien denken. Wir brauchen ein Vorgehen, das bisher unsichtbare Themen sichtbar macht.
Vielleicht würden wir sonst übersehen, dass eine ältere, gebrechliche Frau wie „Oma Müller“ im zweiten Stock eines Hauses in Duisburg kaum noch ihre Wohnung verlassen kann, sich nicht mehr über die Treppe traut und vereinsamt, weil niemand sie wahrnimmt oder bei ihr anklopft.
Ähnlich ist es bei Menschen, die allein im Hospiz im Sterben liegen und kaum Besuch bzw. Zuwendung erfahren. Auch Obdachlosigkeit – das dritte Programmfeld – macht deutlich, dass wir oft an Personen vorbeigehen, ohne dass sich ausreichend viele berufen fühlen, etwas konkret zu tun.
Kurz gesagt: Wir haben uns gefragt, welche Form von Hilfen jetzt angebracht wäre, um auch die bislang übersehenen Bedarfe wahrzunehmen. Was wird gebraucht – und wie erkennen wir das verlässlich? Das nun aufgelegte Förderprogramm ist der Versuch, sie auf verlässliche Weise zu erkennen und darauf zu reagieren.
„Transparenz ist ein fester Bestandteil unserer Überlegungen.“
Islamische Zeitung: Kann sich Islamic Relief vorstellen, in dieser Hinsicht eigene Kampagnen zu entwickeln?
Taner Yüksel: Transparenz ist ein fester Bestandteil unserer Überlegungen. Wir wollen diese Arbeit offen weiterentwickeln und Spenderinnen und Spendern die Möglichkeit geben, sich unmittelbar daran zu beteiligen und sie gezielt zu unterstützen.
Das wäre für uns zugleich ein bedeutender Gradmesser: Die Hilfe würde zeigen, ob die Menschen sagen, dass sie mit diesem Ansatz einverstanden sind und ihn für wichtig halten. In diesem Sinne wäre es die Stunde der Wahrheit – nämlich dann, wenn sich keiner dafür interessieren würde.
Ich bin optimistisch. Bisher hat niemand, mit dem ich darüber gesprochen habe, anders reagiert als mit einem klaren: „Endlich!“ Es ist wichtig, dass wir ebenfalls das Leid im Inland wahrnehmen und uns dafür einsetzen.
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„So lässt sich eine deutlich stärkere Leuchtturmwirkung erzielen.“
Islamische Zeitung: Besonders berücksichtigt werden Nordrhein-Westfalen und Berlin, zugleich sollen mindestens 50 Prozent der Zielgruppe Menschen mit Einwanderungsgeschichte sein. Geht es hier eher um eine Reaktion auf konkrete soziale Bedarfe oder zusätzlich um ein Signal an muslimische und migrantische Communitys?
Taner Yüksel: Die Auswahl der beiden Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Berlin hat pragmatische Gründe. Das Programm ist grundsätzlich bundesweit angelegt.
Bei der konkreten Planung haben wir jedoch festgestellt, dass 30 über Gesamtdeutschland verteilte Projekte nach dem Gießkannenprinzip womöglich nur eine begrenzte Wirkung entfalten würden.
Eine regionale Konzentration ermöglicht dagegen einen direkten Kontakt zu den Trägervereinen. Wir können Fachvorträge und Netzwerkveranstaltungen anbieten sowie unmittelbar mit den Beteiligten arbeiten.
So lässt sich eine deutlich stärkere Leuchtturmwirkung erzielen, als wenn Projekte von München bis Flensburg verstreut liegen und kaum persönlicher Kontakt zu den Organisationen besteht, mit denen wir zusammenarbeiten möchten.
Ziel ist eine langfristige Kooperation. Wir werden sehen, mit welchen Trägern sich diese gut gestalten lässt. Sie soll nicht nach einem Jahr enden.
Vielmehr wollen wir das Programm erneut auflegen, gegebenenfalls auf weitere Regionen ausweiten und es inhaltlich sowie thematisch weiterentwickeln. Dabei orientieren wir uns an den Erfahrungen, die wir sammeln, und an den Bedarfen, die weiterhin an uns herangetragen werden.
Islamische Zeitung: Es gab Vorläuferprojekte. Dazu zählt etwa Speisen für Waisen. Auch wenn dabei hier keine Mittel vergeben werden und die Unterstützung Waisenkindern im Ausland zugutekommt, entfaltet das zugleich eine Wirkung im Inland. Darüber hinaus fördern Sie MuTeS, das Muslimische Seelsorgetelefon in Berlin. Knüpft das neue Programm an diese Erfahrungen und Projekte in Deutschland an?
Taner Yüksel: In die Gespräche und Diskussionen der vergangenen vier Jahre, die auch in internen Arbeitsgruppen geführt wurden, sind selbstverständlich die bisherigen Erfahrungen eingeflossen. Was soll nun anders laufen? Bisher bestand unsere Inlandsarbeit vor allem aus einzelnen Themen und Projekten. Neben der Telefonseelsorge haben wir uns während der Flutkatastrophe im Ahrtal stark engagiert. Außerdem sind wir seit 2016 an einem Flüchtlingsprojekt in Köln beteiligt, um nur einige zu nennen. Vereinzelt haben wir also bereits Projekte im Inland umgesetzt.
Für uns stellt sich vor allem die Frage nach einer systematischen Herangehensweise: Wie können wir auf den bisherigen Erfahrungen aufbauen, unsere Arbeit wirksamer und erkennbarer gestalten und uns stärker am öffentlichen Diskurs über diese Themen beteiligen? Es geht insofern auch um Sichtbarkeit.
Das Programm richtet sich nicht nur als Signal an die muslimische und migrantische Community, sondern an die gesamte Gesellschaft. Seit vielen Jahren wird gefordert, dass muslimische Träger sich stärker an gesamtgesellschaftlichen Themen beteiligen. Muslime nehmen diese Aufgabe bereits wahr, wenn auch nicht sichtbar genug.
Zugleich muss man fairerweise feststellen, dass die Wohlfahrtsarbeit in Deutschland auf mehr als 100 Jahren Erfahrung etablierter Organisationen beruht. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege bildet dabei einen gewachsenen und in gewisser Hinsicht eher geschlossenen Kreis.
Für muslimische Trägerorganisationen ist es deutlich schwieriger als für etablierte Akteure wie Caritas, Diakonie oder andere Wohlfahrtsverbände, an Mittel zu gelangen und entsprechende Projekte umzusetzen. Deshalb müssen wir zunächst als Träger oder Förderer von Trägern in der Öffentlichkeit stärker auftreten, Vertrauen gewinnen und zeigen, dass wir ernsthaft etwas bewegen wollen – und es auch können.
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„Es muss noch mehr geschehen.“
Islamische Zeitung: Versteht sich das Programm als Impuls, einer möglichen „Selbstverzwergung“ von Gemeinschaften entgegenzuwirken und ihre zivilgesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten stärker zu nutzen?
Taner Yüksel: Es wäre, ehrlich gesagt, etwas anmaßend, uns selbst als Initialzündung zu verstehen. In Deutschland leben seit mehr als 60 Jahren Muslime in größerer Zahl. Es existiert längst eine gewachsene Community und eine Vielzahl von Organisationen, die ernsthaft und erfolgreich arbeiten. Eine gewisse Selbstverzwergung gibt es jedoch.
Es muss noch mehr geschehen. Muslimische Träger sozialer Aufgaben stehen vor strukturellen Schwierigkeiten. Diese entstehen nicht allein innerhalb der Gemeinschaften, sondern hängen auch mit allgemeinen Rahmenbedingungen zusammen, auf die wir derzeit nur begrenzt Einfluss haben.
Zunächst können wir nur auf das schauen, was sich beeinflussen lässt: unsere eigenen Strukturen und Möglichkeiten. Diese sollten wir gezielt einsetzen. Sichtbarkeit ist dabei besonders wichtig. Wir müssen zeigen, wofür wir stehen.
Ich stelle mir das gern wie eine Landschaft vor: Niemand kann sie allein gestalten. Aber wir können uns um eine bestimmte Wiese, ein kleines Waldstück oder eine Straße kümmern; in der Hoffnung, dass weitere Akteure andere Bereiche übernehmen. So kann es gelingen, die unterschiedlichen Bedarfe gemeinsam in den Blick zu nehmen.
Bei der Entwicklung des Programms haben wir deshalb gefragt: Wenn wir im Ausland als humanitäre Hilfsorganisation und in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sind, welche Rolle haben wir dann in Deutschland?
Das Spektrum ist breit. Auch etablierte Institutionen sind divers ausgerichtet: Die AWO arbeitet anders als etwa der Arbeiter-Samariter-Bund, der beispielsweise eher im Rettungsdienst und mit Krankentransporten tätig ist. Weitere konzentrieren sich mehr auf Kindertagesstätten, Seniorenarbeit oder spezifische soziale Einrichtungen. Keine ist daher gleich aufgestellt.
Für uns stellt sich die Frage: Worin liegt unsere besondere Stärke? In welchem Bereich sollten wir uns engagieren, um in dieser Landschaft eine Lücke zu schließen? Solche Fragen muss man zunächst aushalten, ohne sie vorschnell beantworten zu wollen.
Dieses Förderprojekt ist der Versuch, uns dieser Antwort zusammen mit anderen Trägervereinen zu nähern. Innerhalb der Projekte wollen wir Diskussionen anstoßen, Netzwerke aufbauen und Fachvorträge nutzen, um einen gemeinsamen Prozess der Bewusstwerdung in Gang zu setzen. So möchten wir Lösungen auf die Fragen unserer Zeit gemeinsam entwickeln.
Islamische Zeitung: Lieber Taner Yüksel, wir bedanken uns für das Interview.
Link zum Projekt: www.islamicrelief.de/inlandsprogramme/


