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Der Terrorist und Rumis Weg

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Eine Kurzgeschichte von Ahmet Aydin über den tiefen Graben zwischen Maulanas Lehre und extremistischem Wahnsinn.

(iz). Omars. Puls. Schlug. Spürbar. Er saß im Mustang. Und war im Begriff in die Menschenmenge zu fahren. Um in dieser für die Christen so friedlichen Jahreszeit Angst und Schrecken zu verbreiten. Einmal sollte die Gesellschaft fühlen, was es heißt Angst zu haben. Er selbst musste immer Angst haben, als Terrorist bezeichnet zu werden. Es reichte, wenn er fastete im Ramadan oder wenn ihn irgendwer beten sah.

„Sie nannten mich ständig Terrorist. Sie brachten den Terror in mich. Jetzt bekommen sie ihren Terror zurück.“ Tränen füllten seine Augen. Die Worte seiner Freundin schossen ihm ins Herz: „Omar, wieso hörst du nicht auf ständig, so hässlich über die Menschen zu sprechen? Wann hörst du endlich auf? Wenn du so weitermachst, dann kann ich nicht bei dir bleiben…“

„Aahh!“ Er schrie. Denn die Menschen, die ihn krank nannten, wenn sie erfuhren, dass er betete und fastete, sie sind Schuld daran, dass er mit Wut und Zorn gefüllt wurde. Deshalb verließ ihn die einzige, die ihm je das Gefühl gab, dass er Liebe verdient… Sie war weg. Seine Freundin war weg.

Sie ging. „Sie ging wegen Zorn und Wut. Zorn und Wut werden euch treffen. Ihr habt kein Recht friedlich zu leben. Ihr habt mir meine Kindheit und meinen Frieden genommen und jetzt nehme ich euch euren Frieden. Ihr seid Ungläubige. Ihr verdient kein Leben. Ich weiß, was wahr ist. Ihr seid keine Menschen.“ Und er drückte aufs Gas. Er drückte durch. Er hörte die Schreie. „Jetzt. Schreit. Ihr. Mein Herz schreit nicht mehr. Mein Herz wird ruhig.“

Denn Omars Herz starb gemeinsam mit den Menschen, die er tötete. Keine Herzlichkeit blieb in ihm, die ihn hätte Schmerz spüren lassen können. Sie waren einst taub für seine Erklärungen. Er wollte beten und sich durch das Fasten humaner machen. So hatte es ihm der Hodscha in der Moschee beigebracht. Hodscha Ebubekir.

An ihn dachte er nicht mehr. Denn sein Islamverständnis war auch falsch. Der Hodscha schlug nicht zurück. Aber Selbstverteidigung heißt zurückschlagen. Omar hörte die Schreie. Blut spritzte auf die Scheibe und an die Fenster. Der Mustang war robust.

Nachdem er einige Menschen getötet und zahlreiche verletzt hatte, fuhr er weiter. Er wusste wohin. Er fuhr an eine Stelle, um den gestohlenen Wagen stehen zu lassen. Von dort würde er mit der Bahn zu seinem einstigen Freund, Mehmed. Er war mal sein bester Freund. Mehmed war auch Muslim. Nicht einer, der bloß behauptete, Muslim zu sein. Auch er betete und fastete. 

Gemeinsam wurden sie immer wieder krank genannt. Einmal von einem Lehrer. Und ein Mitschüler sagte ihnen: „Ihr müsst doch Menschen töten, um gute Muslime zu sein. Das ist doch bei euch das, was bei uns Christen das Missionieren ist.“ Heute hatte er die Beleidigungen gerächt.

Mehmed öffnete die Tür und sah seinen Freund aus Jugendtagen. Sie hatten sich ewig nicht gesehen. Irgendwann kam Omar nicht mehr in die Moschee. Sprach immer öfter nur noch von Koran und Sunna und den Kuffar. Er begann die Gelehrten zu ignorieren und Koran und Sunna selbst zu deuten. Das hätten die Gefährten des Propheten auch so gemacht. Mehmed würde den Koran nicht kennen, denn er könne kein Arabisch. Wer kein Arabisch kann, habe kein Recht über den Islam zu sprechen.

Das hatte sie voneinander entfernt. Maulana Rumi, der sei ein Kafir. Der könne nur dichten und sei Römer. Der Name allein schon: Rumi. Das sei der Beweis, dass Rumi ein Kafir sei. Die Türken, die ihm folgen, seien alle abgeirrt. Die Araber seien die Vertreter des Islams. Das waren seine letzten Erinnerungen an seinen einstigen Bruder. Er hatte ihn geliebt. Jetzt war er überrascht ihn vor sich zu sehen.

„Bruder, ich brauche deine Hilfe. Können wir Tee trinken? Kannst du allen sagen, dass ich bei dir war in den letzten drei Stunden?“ – Mehmed durchströmte ein mehr als seltsames Gefühl. Sollte er froh sein oder nicht? Er wollte froh sein, doch wusste nicht, was es mit dem Besuch auf sich hatte. Er hätte doch zumindest Bescheid geben können.

Der Abend war zwar schon vorangeschritten, doch die Nacht schien gerade erst begonnen zu haben. Sie setzten sich. Auf dem Tisch war Tee, frisch eingegossen. Mehmed holte ein zweites Glas. Und da saßen sie sich gegenüber. Zwei Menschen. Zwei Brüder. Zwei Muslime. Sie tranken denselben Tee. Doch was der Tee aus ihnen machte, hätte unterschiedlicher nicht sein können. Was der Tee beiden bedeutete, hätte unterschiedlicher nicht sein können. Mehmed trank Tee, um den Moment zu genießen, um sich auszutauschen über Erlebtes, Gelesenes, Gefühltes. Mehmed liebte es die Schnelligkeit zu dämpfen. Dann fühlte er sich Allah, dem Erhabenen, besonders nah.

Seine Gegenwart war in Ruhemomenten besonders spürbar. Anders Omar. Er trank Tee, weil die verdammten Kuffar Wein und Bier tranken. Der Muslim müsse sich in allem vom Kafir unterscheiden. Das gehöre sich so. Ein Nichtmuslim musste nur irgendetwas tun oder sagen und Omar fand daran etwas auszusetzen. In allem vermutete er eine geheime Agenda. Darin glich Omar den Rechtsradikalen. Radikale ahnen in allem eine versteckte Agenda. Unzählige weitere Gedanken kamen Mehmed, doch Omar war sein Gast und diesem wollte er zuerst ein gutes Gefühl geben.

„Ich bin froh dich zu sehen, Bruder. Möchtest du über Nacht bleiben? Ich dachte, du lebst in Hamburg. Was treibt dich in deine Heimat?“ – „Erinnerst du dich, Bruder? Erinnerst du dich, wie sie uns beleidigt haben? Wie wir verdächtigt wurden, nur weil wir beteten? Erinnerst du dich daran, dass wir verheimlichen mussten, dass wir Muslime sind? Schon dass wir in die Moschee gingen, machte uns zu Verdächtigen… Erinnerst du dich daran?“ – „Kamst du deshalb irgendwann nicht mehr in die Moschee? Weil du es nicht mehr ausgehalten hast, von der Mehrheitsgesellschaft verdächtigt zu werden?“ – „Nein, Bruder. Hältst du mich für einen Feigling? Ich habe gelernt den Islam zu verteidigen. Ich habe gelernt, was es heißt, den echten Dschihad zu führen.“

Diese Worte weckten in Mehmed große Sorgen. Doch zugleich hatte er Angst ihn direkt vor den Kopf zu stoßen, er wollte sich dem Thema langsam annähern und ihr unterschiedliches Islamverständnis nicht direkt hervorheben. „Meinst du, was die früheren Sufis sagten? Meinst du Tasawwuf?“ Omar ahnte, dass sich Mehmed in die für ihn falsche Richtung entwickelte, doch er war angewiesen auf den Schlafplatz. Er hatte es bis hierher geschafft. Er wollte ihm zeigen, was für ein Glaubenskrieger er sei. Er kämpfte mit den Menschen, die ihn als Terroristen beleidigt hatten. Es würde nie wieder wehtun, wenn sie ihn so nennen.

Niemals wieder würde es wehtun, wenn jemand sagt, er würde immer die Rassismuskarte ziehen oder in die Opferrolle gehen. Denn heute war er der Täter. So hatte er es im Seminar auf der Arbeit gelernt. Opfer sein oder Täter – jeder Mensch müsse sich entscheiden. So wurde es im Westen vermittelt. Omar entschied sich dafür Täter zu sein. „Wir dürfen die Konfrontation nicht scheuen! Das meine ich. Und ich habe heute an der Front gekämpft. Ich habe meine Pflicht erfüllt.“ Mehmed schaute ihn verwirrt an. Um es zu demonstrieren holte Omar das Smartphone hervor und gab in der Suchleiste „Weihnachtsmarkt“ ein.

Rumis Weg. Mehmed sah auf das Smartphone. „13 Tote. 25 Verletzte.“ Er konnte nicht fassen, was er gerade sah. Es war, als sei er in einem Film. In einer App. Eine Animation. Das musste irgendetwas dergleichen sein. Omar stand vor ihm. Kein Lächeln. Kein Ausdruck der Trauer. Omar war tot. Zu keinen Gefühlen mehr fähig. Sein Freund aus Jugendtagen war ein lebender Toter. Er hatte den großen Dschihad verloren. Er hatte gegen den Schmerz verloren und ließ sich vom Schmerz, den andere ihm zufügten, in einen Menschen verwandeln, der herzlos war. 

Es war nur der Körper, die Hülle, die übrig war. Sein Freund war tot. 13 Menschen hatte er umgebracht. 13. Er kannte sie nicht mal. Es waren nicht die Menschen, die Omar und ihm Schmerz zufügten. Es waren nicht die Menschen, von denen sie in ihrer Jugend so beleidigt und gedemütigt wurden. Es waren willkürliche Menschen. Menschen, deren Namen sie nicht kannten.

Mehmeds Augen füllten sich mit Tränen, sein Herz mit Wut und Zorn. Er begann zu brüllen: „Sag mir ihre Namen! Sag mir ihre Namen!“ – Omar erschreckte sich. Mehmed konnte sich nicht beruhigen – „Du sollst mir ihre Namen sagen. Los! Sag mir Ihre Namen!“ – Omar schrie zurück: „Es ist mir scheiß egal, wie sie heißen. Sie tolerieren es, dass Muslime beleidigt und gedemütigt werden. Sie tolerieren es, dass wir keine friedliche Kindheit hatten, obwohl wir nicht einmal in einem Kriegsgebiet leben. Sie gehören zu denen, die den Krieg in mich brachten und jetzt sollen sie in der Hölle brennen.“

In der Hölle brennen. Mehmed musste sich besinnen. Er suchte in seinen Gedanken nach einem Weg. DER WEG. Was war der Weg? DER WEG. „Ich weiß, du bist müde, doch komm: Das ist der Weg.“ Scheikh Rumis Worte… Scheiße, er hat Menschen getötet. Vor ihm stand ein Mörder, der glaubte etwas Richtiges getan zu haben. „Allah!“, dachte Mehmed… „Allah! Hilf mir! – Ja, Allaah!“ Mehmed ist was aufgefallen: „Omar, du hast heute nicht einmal Allah erwähnt. Du hast nur darüber gesprochen, was uns angetan wurde und was die anderen verdient haben. Dein Motiv war Rache. Was ist mit Allah? Muss die Absicht eines Muslims nicht die Zufriedenheit Allahs sein? Muss unsere Absicht nicht sein, Allahs Wohlgefallen zu erlangen?“

Omar fühlte sich getroffen. Was seine Wortwahl betrifft, hatte Mehmed recht. Er hat keine Sekunde über Allah gesprochen. Wenn er ehrlich war, hatte er nichtmal an Allah gedacht. Wie passte das zusammen? Er brauchte eine Erklärung. Ohne Erklärung, wäre er nichts weiter als ein Mörder. „Allah hasst die Kuffar. Das weißt du!“ – „Nein. Sie sind Menschen. Das weißt du.“ – „Wir sind im Krieg.“ – „Du bist im Krieg mit dir selbst.“ – „Ihr seid scheiß Philosophen, ihr verdammten Türken!“

Urplötzlich stürmten Polizisten die Wohnung. Omar zog seine Waffe und schoss auf einen Polizisten. Die anderen Polizisten schossen auf Omar und Mehmed. „Die Terroristen wurden unschädlich gemacht. Sofort einen Krankenwagen. Wir haben eine Verletzte.“

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Der unbekannte Rumi: Warum Europa ihn bisher falsch versteht

Rumi

Mevlana Rumi und sein Werk sind Teil der islamischen Lehre und keine substanzlose Esoterik.

(iz). In Europa kennt man Rumi vor allem als Dichter der Liebe, als sanftmütigen Mystiker, dessen Worte von Sehnsucht und leuchtendem Herzen sprechen. Seine Verse stehen auf Postkarten, in Kalendern und Bildbänden. Doch dieser Rumi, den Europa feiert, ist nur die sichtbare Oberfläche eines viel tiefsinnigeren Gelehrten.

Der Rumi, wie ihn Muslime kennen und wie er in Konya, seiner Wirkungsstätte, lebendig war, ist ein anderer. Wir lernen ihn unter anderem im Buch „Von Allem und vom Einen“ kennen. Dieses Buch besteht aus Scheikh Rumis Predigten und Annemarie Schimmel hat sie auf Deutsch zugänglich gemacht.

Rumi – ein traditioneller Gelehrter

Mevlana war ein Prediger, der auf der Kanzel stand, eine Gemeinde belehrte und ermahnte, ein muslimischer Gelehrter, der seine Zuhörer geistlich formte. Seine Worte waren nicht bloß Dekoration, sondern Teil eines religiösen Alltags und seiner lebendigen Beziehung zwischen Lehrer und Gemeinschaft.

Der Name „Rumi“ bedeutet Römer. Denn „Rum beldeleri“ wurden die Gebiete genannt, die von den Seldschuken frisch von Byzanz erobert wurden. Das waren die ehemals römischen Gebiete. Daher der Name „Rumi“.

Bevor er Dichter wurde, war er Lehrer und Prediger. Ein Großgelehrter nach hanifitischem Recht und der Glaubenslehre des Imam Maturidi. Das hat sich zeitlebens nicht geändert. Geändert hat sich lediglich, dass er seine Gefühle poetisch zu Wort gebracht hat.

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Foto: MDart10, Shutterstock

In der Moschee von Konya sprach er zu den Menschen, erklärte Qur’anverse, deutete prophetische Überlieferungen und verband sie mit den moralischen Herausforderungen des Lebens. Annemarie Schimmel macht diese oft übersehene Seite seines Lebens in ihrer Übersetzung und ihrem Vorwort sichtbar.

Seine Predigten sind in ihrem Kern klare und eindringliche Unterweisungen – und seine Gedichte sind deren ästhetische Facette. Allen Menschen, die im Qur‘an keine Liebe finden, sagt Scheikh Rumi: „Du hast das jungfräuliche Wort interpretiert; interpretiere dich selbst, nicht das Buch. Du interpretierst den Koran nach deiner Begierde; durch dich wird die erhabene Bedeutung erniedrigt und pervertiert.“ (Masnawi, Vers 1078f)

Weit entfernt von substanzlosen Kalendersprüchen

Diese Verse, die sich im Original reimen, sind weit entfernt von der sanften Poesie der oft zitierten Kalendersprüche. Sie zeigen das Profil eines Muslims, der den Islam verteidigt gegen alle Barbaren, die es wagen, herzlose Deutungen anzustellen.

Hier spricht jemand, der den Qur’an als Quelle von Verstand, Liebe und Moral begreift. Rumi ruft die Menschen dazu auf, ihr niederes Selbst zu erziehen. Manche würden heute Psyche sagen. Der Ton ist ernst, nicht dekorativ; er ist belehrend, nicht ästhetisierend.

Der europäische Blick blendet diese Seite oft aus, weil sie nicht in das säkularisierte Bild von „Spiritualität“ passt, das möglichst religionsfrei bleiben soll. Doch Rumis Predigten sind fest im Islam verankert. Sie kreisen um moralische Selbstprüfung, Demut, die Nähe zu Allah, den Erhabenen, und die Reinigung der Seele.

Das Werk im Dienste der Lehre

Rumis Gedichte und Predigten wirken häufig wie eine Deutung des Qur’an und der Aussagen des Propheten Muhammed, Allahs Segen und Frieden auf ihm. Sie wirken als moralische Anleitung, als Erinnerung an religiöse Pflichten.

Rumi mahnt alle Menschen: Muslime sowie Nichtmuslime. Insbesondere mahnt er Muslime, die zwar mit den Lippen den Islam bezeugen, aber Gottesdienste vernachlässigen und ihren Charakter nicht verschönern: 

Jemand sagte: Die Mongolen glauben auch an die Auferstehung und sagen, es werde ein Gericht geben. Er antwortete: Sie lügen. Weil sie sich mit den Muslimen zusammen tun möchten, sagen sie: »Wir wissen und glauben das auch.« […] Wenn sie nun wirklich an die Auferstehung glauben – wo ist Zeichen und Beweis dafür? Ihre Sünden und Unrecht und Übeltaten sind wie Schicht um Schicht von Schnee. Wenn die Sonne der Reue und der Umkehr kommt, Nachrichten aus dem Jenseits und Gottesfurcht, dann wird dieser Schneehaufen von Sünden ganz schmelzen, sowie die Sonne Schnee und Eis schmilzt. Wenn Schnee und Eis sagen: »Ich habe die Sonne gesehen und die Junisonne hat auf mich geschienen [d.h. ich habe den Islam erkannt und ihn auf mich wirken lassen]«, und es bleibt immer noch Schnee und Eis, würde kein vernünftiger Mensch das glauben. Es ist unmöglich, dass die Julisonne kommen und Schnee und Eis nicht schmelzen würden.“ („Von Allem und vom Einen“, von Annemarie Schimmel übersetzt)

Der Islam wirkt kultivierend. Wer das leugnet, dem stellt sich Rumi entgegen. An wem das als Muslim nicht sichtbar wird, den ermahnt Rumi. Seine Worte richten sich nicht bloß an ein poetisches Publikum. Rumi wendet sich an Menschen in und außerhalb der Moschee.

Er reicht seine seelische Hand den Menschen, die nach Orientierung suchen. Jede seiner Predigten und alle seine Gedichte tragen die Handschrift eines Gelehrten, der die islamischen Grundlagen mit Weisheit zu Wort bringt, auf gewandte Weise.

Annemarie Schimmel beweist, dass seine Dichtungen ohne seine Predigten nicht zu verstehen sind. Seine Gedichte sind nicht Weltflucht, sondern geistige Verdichtung dessen, was in den Predigten offen ausgesprochen wird: Die Predigt ist der Boden, die Dichtung ist die Blüte.

Goethe Divan

Foto: Alexander Johrmann | Lizenz: CC BY-SA 2.0

Der Spiegel: Rumi in Europa, Goethe bei den Muslimen

Es ist falsch Rumi zu entislamisieren. Das tun areligiöse Europäer und auch bestimmte Gruppen von Muslimen. Beides ist verkehrt. Und mehr noch: Es zeigt sich auch eine bemerkenswerte Parallele zur Frage, wie manche Muslime Goethe lesen.

Dort geht es oft darum, ob Goethe ein Muslim gewesen sein könnte. Diese Frage ist nett gemeint, doch sie führt in die Irre. Sie reduziert Goethe auf eine identitäre Kategorie, statt ihn in seiner Ganzheit wahrzunehmen.

Genau dieselbe Mechanik wirkt in Europa, wenn gefragt wird: „Wie liberal ist Rumi?“ oder „Wie universal ist er?“ Oder subtiler: „Wie sehr passt Rumi in unser Verständnis von moderner, offener Spiritualität?“ Solche Fragen sagen mehr über die Bedürfnisse der Fragenden aus als über die Person, die sie zu verstehen versuchen.

Die muslimische Goethefrage und die europäische Rumifrage ähneln sich darin, dass sie große Persönlichkeiten durch eine vorgefertigte Schablone pressen wollen, statt ihnen als eigenständigen Persönlichkeiten zu begegnen. 

Weder lässt sich Goethe bloß durch seine mögliche Nähe zum Islam verstehen, noch lässt sich Rumi durch seine mögliche Nähe zu Europa erfassen. Beides sind Ersatzfragen. Sie umgehen das Eigentliche. Beide Sichtweisen verhindern ein echtes Verständnis, weil sie die Menschen auf Aspekte reduzieren, die mit ihrer geistigen Leistung nur wenig zu tun haben.

Wenn Europäer und Muslime mit radikalen Tendenzen Rumi auf eine universale Liebesfigur reduzieren, verlieren sie den Prediger, den Theologen, den Muslim, dessen Worte manchmal streng und schneidend waren. Wenn ausgewogene Muslime Goethe auf die Frage seiner religiösen Zugehörigkeit reduzieren, verlieren sie den Staatsmann und Denker, der aus einer tiefen Bildungstradition heraus sprach und experimentierte.

In beiden Fällen entsteht ein Mythos, aber kein Mensch. Annemarie Schimmel führt allen Lesern vor, wie man über kulturelle Grenzen hinweg jemanden wirklich liest: Sie nimmt Rumi ernst, in seiner eigenen Sprache, seinem eigenen religiösen Kontext, seiner eigenen Symbolwelt. Dadurch wird er nicht enger, sondern weiter. Denn Tiefe verbindet, während zu große Vereinfachung verzerrt und entfremdet.

Rumi in seiner Ganzheit – und warum das verbindet

Rumis Ganzheit zeigt sich gerade in der Einheit seiner Rollen. Er ist Prediger und Dichter, Gelehrter und Liebender, Theologe und Erzieher. Seine Liebe ist keine sentimentale Geste, sondern der brennende Kern einer islamischen Disziplin. Seine Predigten zeigen, wie ernst er die innere Entwicklung seiner Zuhörer nahm

 Sie handeln von Demut, von der Überwindung des Nafs Emmare, d.h. dem niederen Selbst, von der Nähe zu Allah und von der Verantwortung der Seele für ihr eigenes Wachstum. Dieser Rumi lässt sich nicht entkernen – der Islam ist sein Kern – ohne seine Kraft zu verlieren. Er fordert den Leser auf, sich selbst in Frage zu stellen, er lädt zur Selbstläuterung ein, nicht zur Selbstbestätigung.

Foto: Sufi Devran

Ein solcher Rumi besitzt das Potenzial, wirklich zu verbinden, denn Verbindung entsteht nicht durch Glättung, sondern durch Tiefe. Auch Goethe kann verbinden, aber nur in seiner Ganzheit. Eine Gesellschaft, die zusammenwachsen will, muss lernen, Menschen nicht nur in Ausschnitten, sondern vollständig zu sehen.

Europa wird Rumi erst dann verstehen, wenn es ihn als islamischen Gelehrten akzeptiert und nicht nur als poetischen Mystiker. Muslime werden Goethe erst dann wahrhaft verstehen, wenn sie ihn nicht über die Frage seiner religiösen Identität definieren, sondern über die Tiefe seines Denkens.

Eine reife Begegnung: Was wir voneinander lernen können

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, wie europäisch Rumi ist, und ebenso wenig, ob Goethe ein Muslim war. Die entscheidende Frage lautet, ob wir bereit sind, einander ganzheitlich anzusehen und wertzuschätzen. Der Rumi der Predigten ist ein Lehrer, der Menschen zur Wahrhaftigkeit aufruft.

Seine Liebe ist nicht bloß weich und tröstend, sondern ein Feuer, das reinigt und erhebt. Wenn Europa beginnt, diesen Rumi zu lesen, kann aus einer oberflächlichen Bewunderung eine echte geistige Begegnung stattfinden. Und wenn Muslime lernen, Goethe in seiner Ganzheit zu lesen, wird aus der fernen Ikone ein echter Gesprächspartner.

Aus dieser gegenseitigen Reifung entsteht die Möglichkeit einer neuen Art des Zusammenlebens. Nicht kulturelle Aneignung, sondern Begegnung. Nicht Projektion, sondern Verständnis. Nicht Abgrenzung, sondern Gemeinschaft. 

Rumi und Goethe, beide groß und beide wahr, können uns dazu führen, einander tiefer zu verstehen. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir bereit sind, jeden von ihnen so anzunehmen, wie er war – ganz, und nicht in Ausschnitten.

Von Gott verirrt, hast du nur Schmach erworben;
Dich hüllen hunderttausend Schleier ein;
Du nährst den Leib, doch ist dein Herz erstorben;
Du siehst es morgen; doch zu spät wird’s sein.

Als Prediger sprichst du von der Menschheit Schwächen,
Und birgst dich hinter’m Vorhang härchenfein;
Wo sind die Taten die dem Wort entsprächen?
Du siehst es morgen; doch zu spät wird’s sein.

(Aus Rumis: Diwan asch-Schams, übersetzt von Vincenz von Rosenzweig, 1838)

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Mit Rumi und Shakespeare lernen

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Mit Rumi und Shakespeare lernen: Können vermeintlich unlösbare Konflikte der menschlichen Existenz beigelegt werden? (Renovatio Magazine). Jalaluddin Rumi wurde manchmal als „Shakespeare des Ostens“ bezeichnet. Der Vergleich ist gerechtfertigt: Die […]

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Wem gehört Rumi?

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750 Jahre Todestag von Mevlana Rumi – der größte Dichter der Weltgeschichte (iz). Woran wird die Größe eines Dichters und Denkers bemessen? – An Verkaufszahlen? Nach der Bibel ist Rumis […]

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Rumi bewahren: Vor 750 Jahren starb der Sufi-Meister

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Hintergründe zu Rumis Schaffen. Der Musiker und Künstler Kudsi ­Ergüner über Mevlanas Werk. (iz). Am 17. Dezember 2023 jährte sich der 750. Todestag des Sufimeisters und Dichters Maulana Dschalaluddin Rumi. […]

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Den Meister ehren. In der Kölner Zentralmoschee gedachte man Rumis Todestag

(iz). Jeder kennt ihn oder hat zumindest mal seinen Namen gehört: Maulana Dschelaleddin Rumi. Am 17. Dezember jährte sich sein Todestag zum 749. Mal. In der Türkei ist es anlässlich […]

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In Köln wurde an Rumi und sein Werk erinnert

Köln (iz). Jeder kennt ihn oder hat zumindest mal seinen Namen gehört: Mewlana Celaleddin Rumi. Am 17.12. jährt sich sein Todestag zum 749. Mal. In der Türkei ist es anlässlich dieses Tages üblich, an diesen großen Sufimeister zu erinnern, der vielleicht der bedeutendste Poet der Weltgeschichte ist. Diese Tradition, diese Form der Erinnerungskultur, möchte das Moscheeforum der DITIB-Zentralmoschee nun auch in Deutschland ins Leben rufen und lud am 11.12.2022 bereits zum zweiten Mal dazu ein, das Andenken Rumis zu pflegen. 

Şeb-i Arus nennt Scheikh Rumi selbst seinen Todestag. Das ist Persisch und bedeutet „Hochzeitsnacht“. Als Nacht der Vereinigung sieht er den Tod an. Der Tod sei kein Grund zur Trauer, ganz im Gegenteil: Der Tod sei das ersehnte Treffen mit Allah, dem Geliebten. In einem Gedicht sagt der Scheikh: „Ihr haltet es für einen Untergang, doch nein, es ist ein Aufgang.“ 

Steve Jobs, der bereits verstorbene Apple-Gründer, sagte in seiner bekannten Rede in Stanford, dass nicht einmal Gläubige sterben wollen würden, um ins Paradies zu kommen. Er irrte. Kannte er etwa Rumi und die Menschen, die in seiner Tradition stehen, nicht? Einer der Imame der Zentralmoschee trug wunderschöne Gesänge vor, begleitet von orientalischen Instrumenten wie der von Rumi besungenen Ney und auch Kanun, Trommel und Geige ertönten und versetzten uns Gäste in eine Atmosphäre, die an Konya erinnert. Zusätzlich zu den schönen Reizen des Ohres drehte sich ein Semazen, ein tanzender Derwisch, auf der Bühne. Dieser Anblick erinnerte mich sehr an Konya, das ich bereits mehrere Male besuchte, und weckte die Sehnsucht und den Willen es erneut aufzusuchen. 

Moderiert wurde die Veranstaltung auf Deutsch, die Gesänge fanden auf Türkisch statt. Zu Anfang erinnerte die Moderatorin daran, dass Scheikh Rumi als „Flüchtling“ nach Konya ging. Die damaligen Türken nahmen ihn auf und boten ihm Schutz und so wurde Scheikh Rumi zu einem Musterbeispiel dafür, wie ein Geflüchteter nicht nur die Beschützer, sondern die ganze Welt mit dem Reichtum seines Herzens bereichern kann. Ein Imam der Zentralmoschee trug die Poesie melodisch vor und vermittelte daneben Informationen auf Deutsch über Scheikh Rumi und dessen Geisteswelt. So trug er vor:

„Duydum ki bizi bırakmaya azmediyorsun, etme.
Başka bir yar, başka bir dosta meylediyorsun, etme.“

[Dt.: Ich hörte, du hast vor uns zu verlassen, tu es nicht.
Einem anderen Geliebten, einem anderen Freund willst du dich zuneigen, tu es nicht.]

Meine Begleitung selbst konnte kein Türkisch, doch war sie vom Klang und der Wirkung dieses ästhetischen Vortrags angetan. Es ist nicht immer nötig die Sprache zu verstehen, die Wirkung liegt zwischen den Zeilen, sofern die Menschen ihr Herz öffnen und mit sehnsuchtsvollem Ohr lauschen.

Ich lauschte. „Bischnev“ lautet das erste Wort im Mesnewi, „hör zu“. Ich hörte zu, wurde inspiriert und die folgende Verse fing ich sogleich zu schreiben an:

Wie lange willst du noch den Stein umkreisen, wie lang?
Ist nicht die Zeit das Herz nun zu umkreisen, ist‘s nicht?
Ist’s dir nicht bang die Form nur anzubeten, dir bang?
Wann wirst du lichter durch das Herz der Weisen, du Licht?

Hiermit möchte ich den Veranstaltern meinen Dank dafür aussprechen, dass sie uns in dieser durch und durch profanen Welt einen Moment lang den Geist Konyas in Köln haben schmecken lassen… danke! Möge Allah, der Ur-Liebende, die Initiatoren lieben und ihnen Ideen inspirieren, die uns als Menschen inspirieren und unsere Herzen nähren.

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