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Was macht Moscheen zu Orten der Schönheit?

moschee moscheen schönheit

Wer über Moscheen spricht, darf nicht zuerst an Dekor, Kuppeln oder orientalisch Fassaden denken. (iz). Sie sind im Kern der Ort der Niederwerfung, der Sammlung und des physischen Ausdrucks unserer […]

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Agrigent oder das Maß des Schönen

Agrigent Reiseblog

IZ-Reiseblog: In Agrigent gelangt man vom platonischen Ideal über Goethe zum Schönheitsbegriff der Muslime.

(iz). Etwa vierzigtausend Kilometer hat Goethe in seinem Leben bewältigt: zu Lande, zu Wasser, zu Fuß und zu Pferd, mit dem Postwagen oder der eigenen Kutsche, mit Kahn und Schiff. Man staunt über diese Energieleistung, zumal die italienische Reise oft ein gefährliches Abenteuer war.

Neben den körperlichen Anstrengungen und den gewagten Ausritten zu Pferde, verzichtet der Schriftsteller auf den gewohnten Komfort. In Agrigent gibt es zu seiner Zeit keine Gasthöfe. Er kommt privat unter. Eine freundliche Familie macht Platz und räumt ihm einen erhöhten Alkoven ein. Ein grüner Vorhang trennt ihn und sein Gepäck von den Hausmitgliedern, welche in dem großen Zimmer Nudeln fabrizieren.

Agrigent – oder Goethe auf den Spuren der Antike

Der Schriftsteller nutzte seine Zeitspanne, die Hinterlassenschaften der Klassik zu besichtigen. Sein Anspruch war – wie er in Rom vermerkt – hoch: „Überhaupt ist dies die entschiedenste Wirkung aller Kunstwerke, dass sie uns in einen Zustand der Zeit und der Individuen versetzen, die sie hervorbrachten.“

In seinem Reisebericht sind einige Sarkophage in der Kirche San Gerlando erwähnt. „Mich dünkt, von halberhabener Arbeit nichts Herrlicheres gesehen zu haben, zugleich vollkommen erhalten. Es soll mir einstweilen als ein Beispiel anmutigster Zeit griechischer Kunst gelten.“

Auf unserem Stadtrundgang wandern wir durch die engen Gassen, sie sind in arabischer Zeit entstanden, hinauf zu dem Dom, um dieser Empfehlung zu folgen. Und wir staunen ebenso über die 2.000 Jahre alten Kunstwerke. Der Blick auf die Stadt – das Bauwerk steht an höchster Stelle – zeigt die urbane Entwicklung, bis hin zu einigen modernen Wohnsilos, die das Bild abrunden.

Es ist ruhig hier, weil die meisten Touristen nicht die Altstadt hinaufsteigen, sondern nur das Tal der Tempelbauten besuchen. Zurück am Hauptplatz sehen wir auf eines der beeindruckenden Bauwerke hinunter. Goethe schrieb: „Der Tempel der Konkordia hat so viele Jahrhunderten widerstanden; seine schlanke Baukunst nähert ihn schon unserem Maßstab des Schönen und Gefälligen (…)“

Was ist das Maß des Schönen

Was ist dieser Maßstab, von dem Goethe hier spricht? Über die Jahrhunderte war eigentlich nicht strittig, was schön und gut ist. Platon unterscheidet zwischen der sichtbaren Domäne der Dinge und der unsichtbaren Welt der Ideen (bzw. Formen). Schönheit, wie wir sie wahrnehmen – etwa in Gesichtern, Kunstwerken oder in der Natur – ist für ihn nur ein Abbild, ein Schatten der Vollkommenheit. Diese Wirklichkeit existiert unabhängig von Zeit und Raum und ist unveränderlich.

Für den Philosophen sind die Ideale eng miteinander verbunden – sie sind verschiedene Aspekte derselben höchsten Idee. Deshalb hat Schönheit für ihn eine ethische und metaphysische Dimension: Sie zieht die Seele an, weil sie eine Ahnung des Göttlichen vermittelt.

Der Platonismus wurde von späteren Denkern, zum Beispiel Nietzsche, kritisiert, da er Gott bzw. das Göttliche in einen abgehobenen, unzugänglichen Raum zu verlagern scheint, wodurch die konkrete Welt an Wert verlieren könnte. Goethe folgt diesen Bedenken grundsätzlich: Er war kein Freund abstrakter Metaphysik. Und er schätzte das unmittelbare Erleben, das sinnliche Erfahren und die Naturbeobachtung höher als spekulative Systeme. In seinen naturwissenschaftlichen Schriften wandte er sich gegen die Abstraktion, wie sie bei Platon typisch ist.

Welchen Schönheitsbegriff haben wir Muslime?

Im Café unterhalten wir uns über den Schönheitsbegriff der Muslime. Der Bau von Moscheen zeigt, dass es unter uns enorme Unterschiede des ästhetischen Empfindens gibt. In Sizilien erleben wir die Faszination, wenn die Architektur zu einer Symbiose, zum Teil einer Landschaft wird und die Gestaltung örtliche Einflüsse übernimmt. Der Zauber dieser Baukunst wirkt bis heute, zeigt sich in einem Staunen, der Menschen aus allen Kontinenten verbindet. Vielleicht sollten wir Muslime mehr miteinander besprechen, was wir für schön halten?

Am Busbahnhof, den wir aufsuchen, um zu unserer Unterkunft zu fahren, herrscht städtebauliche Tristesse. Wir bewegen uns in einer Gegenwelt, in einer Ecke der Stadt, in der es wenig zu bestaunen gibt. Von platonischen Idealen ist hier nichts zu spüren. Der Platz, nur einige hundert Meter weg von der schmucken Innenstadt, ist schmutzig. Zudem ist das System des örtlichen Nahverkehrs für Fremde nur schwer zu durchschauen. Wir sind froh, endlich den Busfahrer zu finden, dessen Bus zu unserer Unterkunft fährt.

Foto: Ekatarina, Adobe Stock

Der Mann trägt eine Sonnenbrille und strömt sizilianische Gelassenheit aus. Er nutzt die Zeit bis zur Abfahrt, um uns zu unterhalten, und ist sichtbar begeistert uns ein paar Tipps zu geben. Dass wir kein Italienisch sprechen, stört ihn nicht.

Er listet Strände, Aussichtspunkte, Lokale und Cafés in der Umgebung auf, deren Namen wir nicht verstehen, aber die seiner Meinung nach etwas gemeinsam haben: Sie sind schön. Die anschließende Fahrt wird zu einer Odyssee, da die Buslinie kreuz und quer verläuft und scheinbar alle Vororte verbindet. Dafür verabschiedet uns der Fahrer am Ziel per Handschlag und wünscht – natürlich – eine schöne Zeit.

Das Tal der Tempel

Am nächsten Morgen brechen wir auf, um die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt zu sehen. Das Tal der Tempel gehört zu den bedeutendsten archäologischen Stätten Siziliens – und zu den am besten erhaltenen Zeugnissen der griechischen Antike außerhalb Griechenlands.

Die Anlage ist weitläufig und eine Welt für sich. Sie erstreckt sich entlang eines Hügels mit Blick auf das Mittelmeer und vereint eindrucksvoll monumentale Tempelarchitektur mit mediterraner Pflanzenvielfalt. Zwischen Mandelbäumen, Olivenhainen und Agaven wirkt die Tempellandschaft fast wie ein botanischer Garten mit antiken Kulissen.

Zu den herausragenden Bauwerken zählen das Heiligtum der Concordia, einer der besterhaltenen dorischen Tempelbauten der Welt. Der Schrein des Herakles ist der älteste hier. Der Tempel des Zeus Olympios fällt durch seine gewaltigen Ausmaße auf; selbst wenn er nun nur in Fragmenten erhalten ist. Am östlichen Ende der Anlage befindet sich zudem das Grab des Theron, ein turmartiges Monument aus hellenistischer Zeit, dessen genaue Funktion bis heute nicht eindeutig geklärt ist. Vermutlich war es ein Ehrenmal für Gefallene der Punischen Kriege.

Unser Rundgang durch das Tal ist nicht nur eine Reise in die Vergangenheit, sondern – wie wir finden – ein Naturerlebnis. Wir entdecken im wahrsten Sinne des Wortes einen „goetheanischen“ Ort: Natur, Kunst und die Antike verschmelzen ineinander. Die leicht ansteigende Hauptstraße von zwei Kilometern endet an einem Gedenkplatz, der an die ethischen Verpflichtungen des Menschen erinnert.

Foto: Abu Bakr Rieger (Autor)

Kleine Tafeln erinnern an den Einsatz von Zeitgenossen, an ihren Kampf gegen die Tyrannei, die Diktatur und den Antisemitismus. Erwähnung findet hier der marokkanische König Muhammad V, der die Juden unter den Schutz des Gesetzes stellte und jede Form der Diskriminierung ablehnte. Die Idee, die Besucher, darunter viele Schulklassen, zu einer Aktualisierung der Themen „Ethik und Schönheit“ aufzurufen, gefällt uns.

Neben einer Kunstausstellung, mit zeitgenössischen Werken, erhält ebenso die Poesie ihren Platz. Auf einer Tafel an einer alten Mauer lesen wir das Gedicht, „Ein Garten der Ruinen“, von Carmelo Mezzasalma. Wir fotografieren die Zeilen und setzen uns in das Museumscafé, um den Text zu übersetzen. Er lautet:

Wer wird über diese Steine weinen,
jahrtausendealt, so wartend auf einen Befehl?
Sieh, Du gehst durch eine Luft,
die nach Sandstein riecht, berührt vom Flug der Sonne.
Spähe in die Zeit in dir und miss den Schritt von Generationen,
die hier vielleicht das Antlitz Gottes suchten.
Und wer sind wir nun, da wir in diesen Steinen
auch unser Verlieren und unsere Mühen zurücklassen?
Wer wird über unseren Exodus weinen?

Carmelo Mezzasalma ist ein italienischer Priester, Dichter und Kulturwissenschaftler. Bekannt ist er für sein Engagement im interkulturellen Dialog und seine spirituelle Lyrik. Seine poetischen Werke sind von philosophischen Themen geprägt.

In einem seiner Bücher, „Il silenzio e la memoria“ („Das Schweigen und die Erinnerung“), reflektiert er über die Bedeutung von Stille und dem Gedächtnis in einer konsumorientierten Gesellschaft. Der Dichter betont, dass der Mensch nicht nur konsumieren, sondern sich mit dem Göttlichen verbinden möchte – ein Wunsch nach Transzendenz und Hingabe.

Jedes Kunstwerk der Vergangenheit muss, wie es Mezzasalma versucht, neu gelesen werden. Goethe wusste auf seiner Reise nach Italien, dass es kein Zurück in die griechische Epoche gibt. Er hatte eine Ahnung, dass der Verlust der Einigkeit über das Wahre und Schöne droht und die Erfahrung der Einheit allen Seins schwierig wird. Erhofft hat er sich eine Wiederbelebung der Tugenden und ihre Aktualisierung – in Taten und Werken – nach seiner Rückkehr, in seiner Heimat.

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Sokotra – ein umstrittenes Paradies

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Sokotra: Seit Längerem beanspruchen arabische Staaten die jemenitische Inselgruppe und ihre Naturschönheit. (The Conversation). Wenige Tage nach der COP28 in Dubai ist ein kaum bekanntes Archipel in den Vordergrund gerückt: […]

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Über Kunst und Gott: „Eine Tochter der Freiheit“

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Kunst: Ohne den Bezug zur Schönheit droht die islamische Lebenserfahrung in einem kalten System von Gesetzen zu erstarren. (iz). Seit Menschen denken, beschäftigt sie das Phänomen der Schönheit. Warum findet […]

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Das Werk verweist auf den Schöpfer

Die Vielfalt der künstlerischen Stile in der islamischen Welt ist eine Reflexion ihrer Fähigkeit, durch verschiedene Landschaften und Kultur hindurch zu scheinen. Sie bietet „eine grundlegende ästhetische Einheit innerhalb der […]

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Kalligraphie ist einer der originellsten Beiträge der muslimischen Welt zur Kunst

Eine Hand schreibt mit einer Rohrfeder arabische Kalligrafie auf goldfarbenes Papier.

Kalligraphie ist zweifelsohne der originellste Beitrag der muslimischen Welt zu den bildenden Künsten. Für Muslime ist die Kunst des Schönschreibens zuerst eine religiöse Erfahrung. Die meisten Nichtmuslime im Westen schätzen […]

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Kunst spiegelt das Verhältnis zu Gott und zur Welt wider

(iz). Seit Menschen denken, beschäftigt sie das Phänomen der Schönheit. Warum findet man etwas schön, unter welchen Voraussetzungen erfahren wir das Schöne und wie stehen wir heute zu den Werken der Klassik? „Wer mit dem Schönen und Göttlichen umgeht, wird selbst schön und göttlich“, lehrte Platon. Nach seiner Philosophie erkennt der Mensch das Erhabene in sich und Anderen, dann in den Seelen und so findet er zu der übergeordneten, allgemeinen Idee des Schönen. Über viele Jahrhunderte waren diese Erfahrungen mit der Existenz des Göttlichen verknüpft. Bis in die moderne Dichtung war dieser Leitgedanke stets präsent. „Alle, die in Schönheit gehn, werden in Schönheit auferstehn“, heißt es in einem Gedicht Rainer Maria Rilkes.

In der heutigen Zeit, geprägt von der Entzauberung der Welt, sind die gewohnten Begriffe kompliziert geworden. Die Erfahrung des Schönen, die Beschreibung der Schönheit dreht sich um die Frage, ob sich das Phänomen allein aus der subjektiven Bestimmung des Individuums oder aus objektiven Kriterien heraus ableiten lässt. Die moderne Kunst spiegelt diese Verunsicherung, die mit den scheinbar allgemein gültigen Eigenschaften der Ästhetik einhergehen. Sie bietet keine verbindliche Definition an, sondern fordert auf, über das Wesen des Schönen nachzudenken. Die Objektivisten vertreten in diesem Kontext die Ansicht, dass Schönheit ein geistesunabhängiges Merkmal der Dinge ist. Die Gegenposition ist der Auffassung, dass der Einzelne oder eine Gruppe von Menschen dieses Urteil fällen.

Die Debatte um diese Fragen reicht weit zurück in die deutsche Geistesgeschichte. Ästhetische Urteile basieren nach Kant auf privaten, subjektiven Empfindungen des Gefallens oder der Abneigung, der Lust oder Unlust. Schönheit sei eine „Zweckmässigkeit ohne Zweck“. Der Philosoph stellt fest: Über das Angenehme lässt sich nicht streiten, denn jeder empfindet etwas anderes als angenehm. Ästhetische Urteile dagegen sind zwar persönlichen Ursprungs, sie haben jedoch Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Nach dieser Logik bedeutet es, über die Schönheit eines Gegenstandes zu richten, zugleich, ein Urteil zu fällen, dem auch andere zustimmen müssten. Die Kunst und der mögliche Konsens über das Schöne und Wahre, wird zu der eigentlichen kulturstiftenden Kraft einer Epoche. Sie tritt damit zunehmend in Konkurrenz zur Religion.

Für Schiller ist die Kunst eine Tochter der Freiheit. „Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf, leiste deinen Zeitgenossen, aber was sie bedürfen, nicht was sie loben“, schreibt er in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung. Für den Dichter ist der Mensch ganz Mensch, wo er spielt, dichtet und erschafft und sich in seiner Freiheit von persönlichen Begierden, aber auch von den Machenschaften und den Zwängen des Politischen fernhält. Die Anschauung des Schönen schafft einen mittleren Zustand, in einer glücklichen Mitte zwischen den Gesetzen der Gesellschaft und den Bedürfnissen des Einzelnen. Seine Maximen führen ihn von der Schönheit zur Wahrheit und schließlich zur Pflicht. „Der Mensch in seinem physischen Zustand erleidet bloß die Macht der Natur, er entledigt sich dieser Macht in dem ästhetischen Zustand, und er beherrscht sie in dem Moralischen“, fasst Schiller seine Philosophie zusammen.

Wie kommt man aber in diesen Zustand? Der freie Mensch lässt sich möglichst unvoreingenommen von den herrschenden religiösen Überzeugungen auf die Objekte ein. In den Mittelpunkt der Erfahrung rückt dabei der Betrachter selbst, der, in aller Offenheit, seinen Blick auf das Ding an sich richtete. Der chinesische Maler Wang Yüan Ch’i ermahnte seine Schüler, die das Wesen einer Kiefer erfassen wollten, von der Kiefer selbst zu lernen. Dabei sollte nicht ihr Ego für eine Abwägung oder Kategorisierung gebraucht werden. Die Aufgabe war es vielmehr, in das Objekt einzudringen, bis ihnen ihr unergründliches Wesen offenbart wird. In seinem Text „Über die Seele“ (1917) ergänzt Herman Hesse, dass nur mit einem Schauen, das reine Betrachtung ist, die Seele der Dinge, also ihre Schönheit, erscheint. Diese Phänomenologie erlaubte eine Form der religiös anmutenden Erfahrung, ohne sich gleichzeitig auf eine konkrete Religion einzulassen.

Die moderne Kunst stellt mit dem Ende der Metaphysik und ihrer allgemeinverbindlichen Gewissheiten zunehmend die traditionellen Konventionen und Ursprünge der Welt in Frage. Françoise Gillot, Lebensgefährtin des spanischen Künstlers Picasso, berichtet („Mein Leben mit Picasso“) über das Kunstverständnis des Malers. Für ihn sei die Kunst der Griechen von ihren gemeinsamen Regeln und Traditionen bestimmt gewesen, diese Überzeugungen gerieten in Vergessenheit, es begann der Individualismus, der Impressionismus und damit das Ende der klassischen Malerei. Die Werke verstanden sich nicht mehr als Lobpreisung des Göttlichen, sie drückten eine individuelle Erfahrung aus. Die Kunst wurde zur Religion des Säkularen. Was sich dem Menschen in den Kunstwerken offenbarte, war nicht unbedingt Ausdruck der Nähe zu der Existenz eines Gottes oder einer transzendenten Idee.

Spätestens seit den Erfahrungen der Weltkriege verstanden sich die Künstler als Teil einer revolutionären Kraft. Ihre Überzeugung war es, dass eine wahre Kunst die erlebte Zerstörung durch die Ideologien reflektieren müsse. Pablo Picasso verewigt diese Sicht mit seinem Bild über Guernica, einer von einem deutschen Luftangriff zerstörten Stadt. Dadaisten und Surrealisten kämpften gegen das bürgerliche Verständnis der Kunst an. Die Entfernung zu den Ursprüngen aller Werke war nicht mehr zu übersehen.

In der Malerei, in der Dichtung, in der Musik wurde experimentiert, provoziert und schockiert. In den Museen trafen die Menschen auf Kunstwerke, die die Sehgewohnheiten vergangener Jahrhunderte in Frage stellten. Das Bürgertum empörte sich über die Zumutungen oft mit der Klage: Das ist nicht schön! Die Künstler selbst wurden Teil einer Avantgarde, ihre Werke mutierten nur wenige Jahrzehnte später zu teuer verkauften Konsumartikeln. Die Kommerzialisierung der Kunst war nicht aufzuhalten. „Kunst hat immer die Kraft, Menschen zu begeistern und kulturelle und geistige Transformationen zu beflügeln. Das wird aber nicht gelingen, solange der Kunstbetrieb total kommerzialisiert ist und sich, was Kunst ist, nicht durch Schönheit, sondern durch seinen Marktwert definiert“, kritisiert der Philosoph Christoph Quarch diesen Trend. Auch wenn immer mehr Museen gebaut werden, der Traum einer revolutionären, weltverändernden Kunst gehört heute längst der Kunstgeschichte an.

In der islamischen Welt war über Jahrhunderte die Kunst traditionellen Normen unterworfen. Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom hielt das muslimische Kunstverständnis zunächst für unmenschlich. „Es gibt kein Gesicht und keine Gestalt, an denen man sich festhalten kann, die Religion lässt keine menschliche Darstellungen zu, diese Kunst ist nichts als Form, Konstruktion und Geometrie.“ Später erkannte er bei einem Besuch der Alhambra in Granada eine andere Dimension, er entdeckte in den Verzierungen, den Arabesken, eine Schrift und damit einen Raum, der sich mit fließenden Worten selbst beschreibt. Auf diese Weise ergriffen, ahnte er, dass nicht nur die Menschen Reisende sind, sondern ebenso der Kosmos und die Buchstaben in steter Bewegung sind. Die Schönheit dieser Erfahrung spiegelt sich in jeder Zeile, die dem Dichter in seinem Text („Der Blinde und die Schrift“) zufließen.

Navid Kermani beschreibt in seinem Buch „Gott ist schön“ die Ästhetik des Islams und verweist darauf, dass der Qur’an selbst Zeugnis über seine ästhetische Wirkung gibt: „Gott hat herabgesandt die schönste Kunde“ (Az-Zumar, Sure 39, 23). Für Kermani dominieren die ethisch-moralischen und für die Gesetzgebung und die gesellschaftliche Normgebung relevanten Elemente den heutigen Eindruck über das Leben der Muslime. Der Qur’an ist keine Poesie, aber die Erfahrungen der Schönheit, insbesondere die Harmonie der Rezitation, gehört zu einer ganzheitlichen Lebenspraxis dazu. „Im kulturellen Gedächtnis der muslimischen Gemeinde tritt ihr Verlangen, den Koran zu hören, als ein ästhetisches auf, wird davon ausgegangen, daß es – nicht allein, aber doch als ein wesentlicher Faktor, die sprachliche Gestalt des Textes war, die auf die Zeitgenossen Muhammads wirkten“, schreibt er. In vielen Moscheen, unabhängig davon, ob die Gläubigen arabisch-sprachig sind oder nicht, ist das Wunder dieser Vermittlung heute zu beobachten. Liebe und spirituelle Erfahrungen sind für Kermani aus dem Mittelpunkt einer maßvoll ausgeübten Religion nicht wegzudenken. Ohne den Bezug zur Schönheit, argumentiert der Schriftsteller, droht die islamische Lebenserfahrung in einem kalten System von Gesetzen zu erstarren. Hier mag man sich wieder an die Philosophie Schillers erinnern und an seine Mahnung, die Lebenskunst und die Freiheit in ihrer Einheit zu verstehen. Unter den Verhältnissen des Zwanges entfaltet sich keine Schönheit.

Wer auf der Reise nach Mekka die Millionen Pilger gesehen hat, die um das Haus Allahs kreisen, wird dies mit dem Begriff der Harmonie verbinden. Mensch, Schöpfung und Schöpfer bleiben aufeinander bezogen. Es ergibt sich eine Gestalt, die aus mehr besteht als nur aus ihren Teilen. In ihrem Grundkern wirkt die ästhetische Erfahrung unverändert fort. In Qadi Ijads „Asch-Schifa“ findet sich ein Kapitel zur Schönheit des Propheten. Seine Erscheinung wird darin detailliert beschrieben und eine Beschreibung des Abu Huraira wiedergegeben: „Nie habe ich etwas Schöneres gesehen als den Gesandten Allahs! Es war, als strahle die Sonne aus seinem Gesicht, und wenn er lachte, strahlte es zurück von den Wänden.“

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Schönheit braucht Ruhe

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Schönheit: Wahr ist die Aussage, dass heutzutage kein Mensch mehr in völliger Ruhe leben kann. Ruhe – was ist das überhaupt?

(iz). Eine Abwesenheit von Lärm, oder nicht doch etwas mehr? Wahr ist auch, dass Schönheit nicht nur Geschmackssache ist, sondern dass uns meistenteils im Alltag eindeutig Hässliches seine Fratze entgegensetzt, nicht zuletzt in Zeitungen und Fernsehbildern, aber auch in der so genannten Freizeit.

Allenthalben und von allen Seiten wird des Menschen Seele bestürmt von Eindrücken und Einflüssen, die ihn seiner Mitte berauben, ihn hin und her wanken lassen, ihn verzweifelt nach einem Lichtschimmer im dunklen Kerker des Geistes (und manchmal auch des Körpers) suchen lassen.

Schönheit: Ist das für einen Muslim nicht insbesondere das Erkennen der Dinge in ihrer Wahrheit, gemäß der qur’anischen Aussage, dass Allah die Wahrheit (Haqq) ist und ebenso Sein (ta’ala) Wort? Und ist nicht das, was Freude im Herzen des Menschen erweckt, schön?

Und wird nicht zuhauf in Qur’an und authentischer Tradition ­gesagt, dass Schönheit in äußeren und innerlich verborgenen Dingen gut und erwünscht ist, ja zum ausgewogenen Menschen gehört?

Gerade heute bewegt mich der starke Wunsch nach Ruhe, nach Betrachtung schöner Dinge, wohl weil ich mich in der Stadt umgeben sehe von lauter unangenehmen Stimmen, Bildern; stinkende Gerüche krempeln mir gleichsam die Nasenschleimhäute um. In der Bahn, auf der Straße, in Läden und Gängen viel Dreck, Schmutz und Lärm, wie es ihn vor Jahren so nicht gab.

Doch vor meinem inneren Auge sehe ich Schönes, wenn es mir nur gelingt, die Widerwärtigkeit des Alltags auszublenden: Trockenes Grasrascheln, nicht blödes Handy-Gepiepse; gemächliche Klassik und traditionelle Kunstmusik anstelle von Hip-Hop und Konsorten; feine Federzeichnungen und herrliche Farben statt plumper Plakatwerbung mit dumm-ekligem Inhalt und verrückter Botschaft.

Ohne klaren Plan, wie man in dieser Lage zu einem „schönen“, also von Schönheit erfülltem Sein zurückgelangen kann. Man ist verloren, vor sich hin kriechend; stammelnd und lallend versucht man Stellungen zu erreichen, Posten zu ergattern, die letztendlich doch nur die Leere würdelosen Seins bekräftigen.

Ehre und Anstand bilden eine der ­Voraussetzungen, ein schönes Inneres im Menschen heranzubilden, jedoch sind diese Eigenschaften sicherlich immer dünn gesät. Aber wenn sich nur ein ­kleiner, feiner Keim dieser inneren ­Haltung gegen den ihn umgebenden Schmutzflor von Skrupellosigkeit und Hemmungslosigkeit durchsetzt, dann hat man Hoffnung und gibt sich nicht ­geschlagen.

Aber auf wen vertrauen? Wer kann ­einem derart Suchenden helfen, eine Harmonie wiederzugewinnen, die – so scheint es – dem heutigen Menschen der Postmoderne verloren ist? An erster Stelle steht für den Gläubigen Allah, denn wer es einmal durchmachen musste, wie sich alle Welt von einem abwendet, wird seine Zuflucht nur noch bei dem Herrn und Schöpfer des Universums suchen, Der prüft, aber niemals abweist.

Foto: Shutterstock

Andererseits lebt der Mensch nicht allein. Er hat Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunde und Verwandte usw., und wird doch bald – wie auch viele Gelehrte der islamischen Geschichte, wie zum Beispiel Abu Hamid Al-Ghazali, der Autor der „Wiederbelebung der Religionswissenschaften“ – erfahren, wie wenig und wie oberflächlich das Verständnis der meisten Mit-Menschen ist.

Kaum findet sich einer, der die ­Wirklichkeit hinter Schleiern und ­Masken sucht, Selbsttäuschung und ­Lügen beherrschen in einer postmo­dernen, künstlichen Welt Hirne und Herzen der Mehrheit aller Völker. Wenn erst einmal gespottet wird über dich, du niemanden weißt, dem du deinen ­Hoffnungskeim anvertrauen kannst, dann stehst du am Anfang eines neuen, harten Weges, dessen Ende nur Allah ­allein kennt.

Dieser Weg hat unvorstellbar viele Stufen, aber auch Plattformen gleich Ruheplätzen, und wer eine bestimmte Ebene der Welterkenntnis erlangt, kann nur erkennen, was unter ihm liegt, doch weder kann er das folgende wissen, noch können ihn andere begreifen, die seine Stufe noch nicht erklommen haben.

So spricht Al-Ghazali – stellvertretend für viele Gelehrte und Wahrheitssucher und zu Allah Strebende – eine gewaltige Wahrheit mit weitreichenden Folgen aus, wenn er bekennt: „Es gibt einen Ghazali, den alle sehen, dann gibt es einen Ghazali, den nur seine Freunde kennen, dann gibt es einen, den nur seine enge Familie kennt, und schließlich existiert ein Ghazali, den nur Allah und außer Ihm und Ghazali niemand kennt.“

geschwindigkeit

Foto: Yayasan, Pixabay

Je mehr ein Suchender also nach Ruhe und Schönheit strebt, desto mehr strebt er notwendigerweise nach der Wirklichkeit und Wahrheit der göttlichen Sphäre, und je mehr Erfolg er damit hat, umso mehr muss er sich auch von seinen Mitmenschen entfernen, die diesen Weg nicht mitgehen und im Zustand der Unruhe, Hässlichkeit und Selbsttäuschung verharren.

All dies, ohne dass der Suchende seine Mitmenschen hochmütig behandelt oder gar vor den Kopf stößt. War nicht der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, seinem Herrn so unglaublich nah, und war er nicht dennoch sanftmütig zu den Menschen?

Vertraue keinem Menschen völlig: nur Allah verdient Hingabe, Glauben und Vertrauen ohne Grenzen. In einem Hadith heißt es vom Gesandten Allahs (s): „Wahrlich, Allah ist schön und liebt die Schönheit“. Wieviel Weisheit ist darin!

Schönheit braucht Ruhe. Ruhe braucht Zeit. Zeit braucht Kraft.

Hast du diese Kraft? Und warum das? Wer sich keinen Zeit-Freiraum schafft und gegen andere(s) verteidigt, hat keine Zeit, schon gar nicht für sich selbst, geschweige denn für Dinge außerhalb seiner selbst und seiner Pflicht. Ohne diese „Frei-Zeit“ gibt es keinen Spielraum für die Ruhe. Ruhe lässt sich nicht schnell erzwingen, Ruhe muss gedeihen und wachsen.

Die Zeit ist die Nahrung der Ruhe, so wie die Ruhe die Nahrung für das Schöne ist. Ruhe braucht alles, was etwas werden will. Wer schon alles ist und alles hat, braucht keine Ruhe – er ist selbst Ruhe. Und wer alles will und nach allem strebt, der erhält keine Ruhe, weil er nicht alles bewahren kann – so sehr er sich auch bemühen mag. Schönheit entsteht, wird zu etwas, was der wahre Liebhaber des ruhigen Seins schätzt.

Weil aber Schönheit sich dauerhaft in bestimmten Dingen, feinstofflichen Seinsformen, darstellt, entsteht auch beim anspruchslosen, einfachen Geist der Wunsch nach Schönem. So wird die aufgesparte Ruhe aufgebraucht durch das Streben nach etwas, was schön ist oder zur Schaffung von Schönem nötig und unentbehrlich ist.

Ein Bild braucht Papier, Leinwand, Holz oder eine Steinwand; Farben sind ein Muss, Pinsel, Lösmittel und Instrumente zur Vorzeichnung kann man nicht entbehren… und wie das alles zur Ruhe und Schönheit erhalten? Durch Suchen, Hetzen, Kämpfen, Streben, kurz: Verbrauchen der Ruhe, welche man doch noch kurz zuvor angespart hatte…

kunst kreativität Künstler

So gesehen gleicht das erfolgreiche Schaffen von Schönem (im Kunstsinne) einem gesunden Atmungsvorgang: Einatmen – Ruhe sammeln; Ausatmen – Ruhe opfern, ausgeben, für Schönes. Aber tatsächlich wird Ruhe meist nicht für Schönes angespart, sondern für Hässliches vergeudet: Probleme, Streitigkeiten, unnützes Zeug und Gerede, Zerstörung und Wut; diese sind das Ergebnis von Streben, Anstrengen und Hetzen der meisten Menschen.

Es ist klar, dass niemand sich ganz davor bewahren kann: Es ist nun einmal Allahs Gewohnheit, den Menschen durch solche Heimsuchungen zu prüfen. Aber wer schmeißt denn ohne Notwendigkeit seine Erträge in den Müll, vernichtet sein Kapital ohne Sinn und Zweck? Nur ein Schwachsinniger oder ein Wahnsinniger.

Wo liegt nun die besondere Verbindung zum Monat Ramadan, den Allah – mit Seiner Erlaubnis – uns gewährt? Gerade in dem: im Ausruhen. „Saum“ (wörtlich: Fasten) bedeutet ursprünglich „Innehalten“; man bezeichnete in alter Zeit Pferde, die in ihrem Lauf innehielten, anhielten und dann stillstanden, als „Khail sa’im“.

In diesem Sinne wird auch in einer Reihe berühmter Sahih-Hadithe seitens des Propheten (s) empfohlen, dass der Fastende, wenn er angegriffen wird, nur sagen solle: „inni sa’im“, also: ich halte inne, mit Essen, Trinken, Geschlechtsverkehr, aber auch mit allem anderen.

Der Ramadan schafft eine Trennung, zwingt – wenn er ernst genommen wird und aufrichtig befolgt wird – zu einer Ruhe, zur Besinnung; wer darunter nur ein Nicht-Essen und Nicht-Trinken, einen rein körperlichen Verzicht sieht, und sei es aus sozialen Aspekten heraus, reduziert die Kraft des Ramadan dementsprechend. In Sahih-Hadithen heißt es vom Gesandten Allahs, Heil und Segen auf ihm: „Und so mancher wird vom Fasten (des Ramadan) nicht mehr haben, als dass er hungert und dürstet.“

Wem sich aber die innerliche und geistige Dimension des Ramadan erschließt, findet hierin einen Schlüssel zur Ruhe, Ruhe des Körpers und des Herzens, und somit auch Schönheit, und somit auch Wirklichkeit und Wahrheit.