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Die Frömmigkeit des Fragens im Zeitalter der KI

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Frömmigkeit des Fragens: Von Platon über Heidegger – wie wir mit denkenden Maschinen zusammenleben wollen.

(iz). Wer heute über Künstliche Intelligenz spricht, stößt schnell auf eine zweite Debatte: die, über einen tiefgreifenden Umbau der Machtverhältnisse. Der griechische Ökonom Yanis Varoufakis deutet ihn als Übergang in ein neues Regime, das er „Technofeudalismus“ nennt – eine Ordnung, in der Plattformen und Datenrenten klassische Märkte und Gewinne überlagern und wenige „cloud lords“ über viele digitale Untertanen verfügen.

Die Metapher ist drastisch, aber sie markiert eine reale Verschiebung: Souveränität wandert zu denjenigen, die nicht nur Fabriken, sondern Datenströme, Rechenzentren und die Anschlussstellen zum Staat kontrollieren.

Sichtbar wird dies dort, wo Technologieunternehmen und staatliche Gewalt ineinandergreifen. Datenanalyse-Firmen, Betreiber großer Modelle und Rüstungskonzerne liefern nicht mehr nur Werkzeuge, sondern gleich ganze Entscheidungshorizonte.

Ihre Systeme sortieren Informationen, gewichten Risiken, strukturieren militärische und sicherheitspolitische Optionen. Wo früher Behörden allein die Lagebilder entwarfen, bestimmen heute auch jene mit, die die entsprechenden Algorithmen bereitstellen. Die Figur des „neutralen Dienstleisters“ verliert an Plausibilität.

So verschiebt sich auch die alte Parole des Neoliberalismus. Das Vertrauen, man könne den „Markt machen lassen“, steht einer neuen Trias aus Industriepolitik, nationaler Sicherheitslogik und algorithmischer Steuerung gegenüber. Varoufakis trifft den Nerv der Veränderung, wenn er diese Konstellation scharf benennt.

 Doch seine Rede vom vollständigen Bruch mit dem Kapitalismus und von einer Rückkehr feudaler Hörigkeit überzeichnet die Lage. Präziser lässt sich von einer neuen Konzentration politischer, technologischer und ökonomischer Ressourcen sprechen – mit Chancen auf Effizienz und Innovationskraft, aber auch mit Risiken wachsender Überwachung, privater Machtblöcke und einer schleichenden Entwertung von Privatheit.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich, warum die Reaktionen auf Künstliche Intelligenz so weit auseinandergehen. Für die einen ist sie ein Werkzeug, das menschliche Ideen beflügelt; für die anderen ein Verstärker ohnehin problematischer Tendenzen, der die vertraute Lebenswelt aus den Angeln heben könnte. Und zwischen beiden Seiten steht die Frage, wie diese Technik überhaupt angemessen zu beurteilen ist.

Der Mensch als eigenes Sprachmodell

Ein erster Blick könnte nahelegen, die Lager entlang einer klaren Grenze zu ordnen: hier das „eigentliche“, menschliche Denken, dort die „bloß simulierte“ Intelligenz der Maschine. Doch schon der Alltag irritiert diesen Gegensatz. Unsere alltäglichen Gespräche bestehen aus Vereinfachungen, Halbwissen, Missverständnissen, aus Ergänzungen, die mehr deuten als wissen. Menschen erfinden, übertreiben, fabulieren Sachverhalte, sie konstruieren Zusammenhänge, die erst im Nachhinein Bestand gewinnen oder zerfallen.

In diesem Licht erscheint der Mensch selbst als eine Art lebendiges Sprachmodell, als Wesen, das Lücken füllt, Muster sucht, Sinn stiftet, wo die Daten noch unvollständig sind. Und doch ist der Unterschied zur Maschine entscheidend.

Wenn große Modelle „halluzinieren“, produzieren sie statistische Plausibilitäten ohne Erfahrung; wenn Menschen irren, sind Fantasie, Biografie und Verantwortung im Spiel. Aus einem maschinellen Fehler folgt nichts als eine Korrektur im Code. Aus einem menschlichen Irrtum kann Schuld erwachsen, Reue, Lernfähigkeit – oder Verirrung.

Die Versuchung, Mensch und Maschine nach oberflächlicher Ähnlichkeit gleichzusetzen, ist darum ebenso irreführend wie die Idee einer unüberbrückbaren Distanz. Interessant wird der Vergleich dort, wo er die Struktur des eigenen Denkens sichtbar macht. Vielleicht ist das die erste Zumutung der KI: Sie zwingt dazu, das menschliche Bedürfnis nach stimmigen Geschichten ernst zu nehmen – und zugleich misstrauisch gegenüber den eigenen Gewissheiten zu bleiben.

Künstliches Denken vor der digitalen Ära

Die Frage, ob eine Maschine denken kann, ist älter als Computer und Rechenzentren. Goethe hat sie in seiner Faust-Dichtung ins Bild gesetzt, lange bevor von Algorithmen die Rede war.

In der Homunculus-Szene entsteht ein künstliches Wesen im Labor, ein Geist in der Glasampulle, hervorgebracht durch menschliche Kunstfertigkeit. Die Szene ist grotesk und ernst zugleich: Sie spielt mit der Vorstellung, dass sich Geist technisch erzeugen lässt, und tastet doch zugleich an der Grenze dessen, was als menschlich gilt.

Die Figur des Homunculus ist keine primitive Vorform des Roboters, sondern ein Spiegel. Die künstliche Kreatur fragt zurück, was den Menschen ausmacht, wenn das, was er für seinen geistigen Vorzug hielt, plötzlich als Produkt eines Verfahrens erscheint. Schon hier geht es weniger um die Machbarkeit als um eine Verstörung des Selbstbildes.

Die Moderne experimentiert mit der Idee des künstlichen Denkens – und legt damit auch die Fragilität des eigenen Begriffs von Geist frei. So führt die Frage nach der Denkfähigkeit der Maschine unweigerlich zur Gegenfrage: Was heißt es, ein denkendes Wesen zu sein?

Die Technik ist der Anlass, nicht der eigentliche Gegenstand dieser Überlegung. Wer über KI spricht, spricht immer zugleich über den Menschen.

Foto: Kosths, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Platons alte Fragen im neuen Licht

An diesem Punkt treten Gedanken in den Vordergrund, die mehr als zwei Jahrtausende alt sind. Platon stellte nicht Maschinen, sondern Grundbegriffe ins Zentrum seines Nachdenkens: Wahrheit, Schönheit, Gerechtigkeit.

Die britische Philosophin Angie Hobbs hat in ihrer jüngeren Studie „Why Plato Matters Now“ gezeigt, wie sehr diese Fragen in eine Gegenwart hineinragen, die von Desinformation, Erosionsprozessen der Demokratie und globaler Vernetzung geprägt ist. Platons Dialoge, so ihre These, sind keine musealen Texte, sondern Übungsräume für eine Form des Denkens, die auf Antworten nicht vorschnell festlegt.

Auffällig ist die Differenz zur heutigen Praxis des Fragens. Der digitale Dialog mit einem Chatbot, mit einer Suchmaschine, mit einem Empfehlungssystem zielt auf die rasche, gut formatierte Antwort. Ein Prompt, eine Liste, ein Absatz – und das Gefühl, zunächst einmal „versorgt“ zu sein. Platons Dialoge zielen auf das Gegenteil.

Sie führen in Aporien, in Sackgassen und in Schleifen. Am Ende steht oft weniger Gewissheit als zuvor, dafür ein geschärftes Gefühl für die eigenen Voraussetzungen. Gerade darum gewinnt Platon im KI-Zeitalter an Kontur.

Wo Technik den Eindruck entstehen lässt, für jede Frage eine Antwort parat zu haben, erinnert der Dialog daran, dass die Form der Frage ebenso entscheidend ist wie die Information, die auf sie folgt. Künstliche Intelligenz wird so zum Anlass, die Kunst des Fragens neu zu lernen.

Gelassenheit gegenüber mächtiger Technik

Die Frage nach der richtigen Haltung zur Technik hat der späte Heidegger unter einen Begriff gestellt, der heute fast altmodisch wirkt: Gelassenheit. Gemeint ist nicht Resignation, auch nicht ein romantischer Rückzug, sondern eine Form wacher Distanz. Technik soll genutzt werden, ohne dass sie das letzte Wort erhält. Man lässt sie wirken, lässt sich aber von ihr nicht bestimmen. Diese Gelassenheit hält die Extreme in Schach.

Zwischen dem Alarmruf vor dem Untergang der Menschheit und der Verheißung einer durchdigitalisierten Erlösung behauptet sie einen reflektiven Raum: den der Prüfung. Was kann eine Technik, was richtet sie an, wem dient sie, was kostet sie? Gelassenheit heißt hier: sich nicht vom Pathos der Innovation tragen zu lassen, aber auch nicht im Reflex des Kulturpessimismus stehenzubleiben.

Vielleicht lässt sich der Begriff so aktualisieren: „Gelassenheit ist die Kunst, technische Macht ernst zu nehmen, ohne ihr die Deutungshoheit über das Menschliche zu überlassen.“ In dieser Perspektive wird Künstliche Intelligenz nicht verharmlost, aber sie verliert den Nimbus des Unvermeidlichen.

Foto: Jose Aljovin, Unsplash

Wenn Intelligenz nicht reicht: Weisheit

Mit der Frage nach der Haltung ist die Frage nach den Maßstäben eng verbunden, an denen sich der Einsatz von KI messen lassen soll. Der Philosoph Edward H. Spence schlägt vor, hier von Weisheit zu sprechen.

In seinem Buch „Wisdom in the Age of Intelligent Machines“ deutet er Weisheit als Fähigkeit, Wissen mit ethischer Orientierung und Sinn für das gute Leben zu verbinden. Es geht nicht um ein nostalgisches Ideal, sondern um einen Rahmen, innerhalb dessen sich technische Intelligenz verantwortbar einsetzen lässt.

Unter diesem Gesichtspunkt verschiebt sich der Fokus. Die spannende Frage lautet nicht mehr, wie leistungsfähig die Modelle werden, wie viele Parameter sie verarbeiten oder wie schnell sie lernen. Entscheidend wird, in welcher Art von Praxis sie stehen. Eine KI, die Effizienz maximiert, aber Blindheit für soziale Folgen verstärkt, mag „intelligent“ heißen. Weise ist sie nicht.

Weisheit wirkt hier weniger als Eigenschaft herausragender Einzelner, sondern als verteilte Kompetenz von Institutionen, Bildungsprozessen und öffentlichen Debatten. Sie zeigt sich darin, ob eine Gesellschaft Strukturen schafft, in denen maschinelle Vorschläge nicht ungeprüft zu Normen werden.

Man könnte sagen: „Intelligenz berechnet Möglichkeiten; Weisheit legt fest, welche wir ergreifen dürfen.“ Wichtiger denn je wird für den Menschen im KI-Zeitalter, seine Quellen der Weisheit zu reaktivieren.

Ethik durch KI: Ko-Evolution statt Abwehr

Der Bonner Philosoph Markus Gabriel knüpft an diese Überlegungen an, wenn er von „ethischer Intelligenz“ spricht. In seinem Buch gleichen Namens rückt er die Wirkung von KI-Systemen auf Gefühle, Werte und moralische Urteile in den Vordergrund. Moderne Modelle agieren nicht nur als neutrale Rechenmaschinen.

Sie antworten, spiegeln, verstärken, irritieren – sie werden zu Resonanzflächen, auf denen sich gesellschaftliche Konflikte abzeichnen. „Worauf es nun ankommt“, schreibt er, „ist, eine angemessene Beziehung zu dem Umstand zu entwickeln, dass wir im Innenraum unserer Seele nicht mehr allein sind.“

Der Philosoph fordert dazu auf, den technologischen Herausforderungen mit einer Vertiefung unseres Denkens zu begegnen. Aus diesen Beobachtungen zieht Gabriel eine doppelte Konsequenz. Eine Ethik, die sich darauf beschränkt, rote Linien zu ziehen und Verbote zu formulieren, greift zu kurz.

Aber ebenso unzureichend wäre ein naiver Glaube an den moralischen Fortschritt durch Technik. Gabriel schlägt vor, das Verhältnis von Menschen und Maschine als Ko-Evolution zu denken: Beide Seiten verändern sich in der Begegnung, keine bleibt, wie sie war.

In dieser Sichtweise wird KI nicht zur moralischen Instanz, aber sie kann zu einem Instrument der Klärung werden. Systeme, die Wertkonflikte sichtbar machen, Entscheidungssituationen transparent strukturieren oder alternative Handlungswege durchspielen, können helfen, Verantwortung konkreter zu fassen. Eine Formel dafür könnte lauten: „Nicht Ethik gegen KI, sondern Ethik mit KI – sofern der Mensch die letzte Instanz des Urteilens bleibt.“ Die Pointe liegt im Nachsatz.

Zugleich markiert dieses Ko-Evolutionsdenken die politischen Bedingungen des Gelingens. Eine „ethische Intelligenz“ setzt voraus, dass die Gestaltung von KI nicht allein in den Händen der Konzerne liegt, sondern demokratisch verhandelt wird: in Bildung und Recht, in Institutionen und Öffentlichkeiten. Sonst droht das Pathos der Ethik zur Begleitmusik einer Technik zu werden, die längst andere Ziele verfolgt.

Kairo: In der Sultan-Hassan-Moschee wird das Werk von An-Nawawi für die Besucher erklärt. (Foto: Waleed Arafa)

Die Frömmigkeit des Fragens

Am Ende sind wir zu einer scheinbar schlichten, in Wahrheit aber anspruchsvollen Verschiebung gezwungen. Im Zentrum der Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz steht weniger die Frage, was die Maschinen können, als die Frage, was der Mensch von ihnen will. Entscheidend ist nicht die Eleganz der Antwort, sondern der Ernst der Frage, die an sie herangetragen wird.

Der späte Heidegger hat diesen Gedanken in eine knappe Formel gebracht, wenn er das Fragen „die Frömmigkeit des Denkens“ nennt. Frömmigkeit meint hier nicht zwingend eine bestimmte Konfessionalität, sondern eine Haltung der Aufmerksamkeit.

Wer fragt, anerkennt, dass er die Wahrheit nicht besitzt, sondern sucht. Übertragen auf die KI-Debatte könnte man sagen: Solange der Mensch in der Lage bleibt, die eigenen Fragen zu prüfen, bleibt er mehr als der Administrator seiner Maschinen.

Die alten Leitfragen Platons nach Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit, die Gelassenheit im Umgang mit Technik, die Idee von Weisheit als Maßstab und die Vision einer ko-evolutionären Ethik mit KI bilden zusammen keinen fertigen Bauplan. Sie zeichnen eher einen Horizont, vor dem sich konkrete Entscheidungen abheben.

In diesem Horizont zeigt sich, was auf dem Spiel steht, wenn Rechenleistung, Bilderzeugung und Urteilsunterstützung an technische Systeme delegiert werden. Vielleicht ist dies die eigentliche Zumutung des KI-Zeitalters: Es verlangt, die großen Fragen nicht an die Maschinen zu delegieren.

Intelligente Systeme können Informationen ordnen, Muster erkennen, Szenarien durchspielen. Aber die Entscheidung, welche Welt wir mit ihnen bauen wollen, bleibt an jene gebunden, die fragen können und bereit sind, sich von ihren eigenen Fragen leiten zu lassen.

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Was ist eine Lingua franca?

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Lingua Franca: Ein kurzer Überblick über ihre Geschichte, von den Kreuzzügen bis heute. (The Conversation). Als die Kreuzritter Ende des 11. Jahrhunderts an den östlichen Küsten des Mittelmeers landeten, mussten […]

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Goethe, Molla Dschami und die Sprache des Islam auf Deutsch

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Problem der Sprache: Wer islamische Inhalte nur in den Vokabeln von Moral, Pflicht und Regel wiedergibt, sagt oft zu wenig. Warum es sich lohnt, nach einer reicheren Fülle der Worte für das geistige Erbe des Islam zu suchen.

(iz). Als Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1815 seinen West-östlichen Divan ankündigt, geschieht etwas, das bis heute zu wenig beachtet wird. Goethe eröffnet sein Projekt nicht im luftleeren Raum und auch nicht bloß aus romantischer Schwärmerei für den Orient.

Er stellt sich vielmehr bewusst in eine geistige Nachbarschaft zu den großen Stimmen der persisch-islamischen Dichtung und Gelehrsamkeit. Schon auf dem Titelblatt zollt er mehreren Werken und ihren Autoren seine Verehrung. Neben Firdusi, Rumi, Feriduddin Attar, den Moallakat und dem „staunenswerten Koran des Paradieses“ findet sich dort auch Molla Dschami mit seinem Werk „Tohfat ahra“.

Dieses Werk bezeichnet Goethe als „edelsinnig“. Dieses Wort ist kein beiläufiges Lob und kein dekorativer Zusatz. Es ist ein sehr genau gewählter Begriff. Goethe erkennt in Molla Dschami etwas, das er mit einem seiner höchsten deutschen Wertwörter benennt: eine innere Vornehmheit des Geistes und des Herzens.

Foto: Designed by Freepik

Sprache und Begriffe repräsentieren Kulturen

Gerade dieses Wort verdient heute unsere Aufmerksamkeit. Denn „edelsinnig“ ist im heutigen Deutsch fast ausgelöscht. Wenn es überhaupt noch verstanden wird, dann oft nur im Sinne von „gut“, „anständig“ oder „moralisch“. Doch das ist für Goethe zu wenig.

Wer sich mit seinem Sprachgebrauch beschäftigt, erkennt schnell, dass Edelsinn für ihn weit mehr bedeutet als bloß korrektes Verhalten. Gemeint ist eine veredelte innere Gesinnung, eine Haltung, in der Würde, Großmut, Selbstüberwindung, Freiheit vom Niedrigen und menschliche Reife zusammenkommen.

Ein edelsinniger Mensch handelt nicht nur gut, sondern er ist innerlich so geformt, dass aus ihm das Gute hervorgeht. Goethe meint damit also nicht bloß Tugend im äußeren Sinn, sondern eine Art Adel der Seele.

Damit wird auch verständlich, warum er ausgerechnet Molla Dschamis „Tohfat ahra“ so bezeichnet. Dieses Werk ist kein Roman, keine bloße Erbauungsschrift und auch keine Sammlung isolierter Moralregeln. Es ist vielmehr ein geistiges Lehrgedicht, eine Schule der inneren Formung.

Molla Dschami behandelt Grundthemen des menschlichen und geistigen Lebens: die Vergänglichkeit der Welt, die Gefahr des Hochmuts, den Wert von Demut und Genügsamkeit, die Läuterung des Nafs, die Bedeutung von Aufrichtigkeit, Geduld, Dankbarkeit, Liebe, Reue und Gottesnähe.

Das Ziel all dieser Kapitel ist nicht einfach, den Menschen zu einem „braven“ Menschen zu machen. Molla Dschami will den Menschen verwandeln. Er will ihn aus dem Zustand innerer Zerstreuung, Eitelkeit und Selbstbezogenheit herausführen und zu einem Wesen formen, das wahrhaft, geläutert, frei und gottbezogen lebt.

Genau darin liegt die Nähe zu Goethes Begriff des Edelsinns. Denn auch Goethe denkt den Menschen nicht als bloßes Regelwesen. Ihn interessiert nicht nur, ob ein Mensch Vorschriften einhält, sondern welchen innere Geist ein Mensch besitzt. Edelsinn meint bei ihm eine Seele, die sich über das Niedrige erhebt, ohne künstlich zu werden.

Es ist eine Haltung, in der sich ethische Höhe und menschliche Schönheit verbinden. Wer edelsinnig ist, ist nicht kleinlich, nicht roh, nicht eitel und nicht von bloßem Nutzen bestimmt.

Er ist innerlich frei genug, um sich am Höheren auszurichten. „Ahrar“ ist der Plural des Wortes „hurr“, was frei bedeutet. Wenn Goethe also Molla Dschamis Werk „edelsinnig“ nennt, dann erkennt er darin genau diesen Zug: eine Literatur, die den Menschen nicht nur belehrt, sondern ihn innerlich veredeln will.

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Foto: Crazy Cloud, Adobe Stock

Die angemessenen Begriffe finden

Hier beginnt ein Punkt, der für Muslime im deutschsprachigen Raum von großer Bedeutung ist. Denn wenn islamische Begriffe und Texte ins Deutsche übertragen werden, geschieht häufig eine sprachliche Verarmung. Begriffe wie İhlâs, Adab, Tazkiya, Sabr oder Aşk werden oft in flache, rein funktionale oder moralische Formeln übersetzt.

Dann heißt es: Aufrichtigkeit, gutes Benehmen, Reinigung, Geduld, Liebe. Das ist nicht falsch, aber es bleibt oft unterhalb dessen, was diese Begriffe eigentlich tragen. Vor allem entsteht dadurch schnell der Eindruck, der Islam spreche vor allem über Regeln, Pflichten und Moral.

Doch das greift zu kurz. Die islamische Geistestradition spricht nicht nur über das richtige Handeln, sondern über die Veredelung des Menschen. Sie spricht über die Bildung des Herzens, über Läuterung, Charakteradel, Würde, Feinheit, innere Form und Gottesnähe.

Genau an dieser Stelle wird Goethes Wort Edelsinn fruchtbar. Es eröffnet im Deutschen einen Resonanzraum, in dem islamische Begriffe nicht flach und nicht fremd, sondern tief und anschlussfähig zur Sprache kommen können.

Wenn wir etwa sagen, dass das Ziel islamischer Ethik nicht nur „Moral“ ist, sondern Edelsinn, dann rückt plötzlich etwas in den Vordergrund, das der Tradition viel gerechter wird. Dann geht es nicht mehr bloß darum, was erlaubt oder verboten ist, sondern darum, welche Art Mensch aus der Beziehung zu Allahu ta‘ala hervorgehen soll.

Ein Mensch, der demütig ist, nicht weil er schwach ist, sondern weil er innerlich geordnet ist. Ein Mensch, der barmherzig ist, nicht aus sozialem Kalkül, sondern aus veredelter Seele. Ein Mensch, der wahrhaftig ist, weil sein Inneres nicht mehr von Eitelkeit und Schein zerrissen wird.

Foto: Martin aka Maha, via flickr | Lizenz: CC BY-Sa 2.0

Klassische Sprachgewandtheit macht Islam auf Deutsch erfahrbar

Deshalb reicht es eben nicht aus, islamische Theologie auf Deutsch nur als „moralisch“ zu bezeichnen. Das Wort „moralisch“ ist zu trocken und zu modern verwaltet. Es klingt schnell nach Regelwerk, Pflichtgefühl und normativer Kontrolle. Viele klassische islamische Texte zielen aber auf etwas Tieferes. Sie wollen nicht nur Verhalten regulieren, sondern den Menschen innerlich emporheben.

Dafür braucht das Deutsche stärkere, schönere und wahrere Begriffe. Edelsinnig ist ein solcher Begriff. Er ist nicht kitschig, nicht schwammig und nicht bloß literarisch dekorativ. Er trägt eine geistige Höhe in sich, die dem islamischen Menschenbild oft näherkommt als die meisten gängigen Vokabeln unserer Gegenwart.

Gerade deshalb sollten Muslime Goethes Sprache nicht nur bewundern, sondern fruchtbar machen. Das heißt nicht, dass man Goethe unkritisch übernehmen oder die islamische Tradition in deutsche Klassik auflösen sollte.

Es bedeutet vielmehr, dass man das Deutsche auf seiner eigenen Höhe sucht. Wer islamische Inhalte nur mit Verwaltungsdeutsch, Pädagogikdeutsch oder modernem Alltagsvokabular ausdrückt, wird ihnen oft nicht gerecht.

Unsere Aufgabe ist nicht nur, Begriffe zu übertragen, sondern einen sprachlichen Raum zu schaffen, in dem die Tiefe der islamischen Tradition im Deutschen wirklich atmen kann. Dazu gehört, alte deutsche Wörter neu ernst zu nehmen, wenn sie noch etwas von Seele, Würde und geistiger Form bewahren.

Dass Goethe ausgerechnet Molla Dschamis Tohfat al-Ahrar als „edelsinnig“ bezeichnet, ist deshalb mehr als eine literarische Randnotiz. Es ist ein Hinweis. Ein Hinweis darauf, dass zwischen der islamischen Weisheitsliteratur und der deutschen Sprachkultur eine tiefere Verbindung möglich ist als viele heute ahnen.

Goethe hat Molla Dschami nicht exotisch gelesen, sondern geistig ernst genommen. Und genau darin liegt eine Aufgabe für uns heute: nicht nur den Islam ins Deutsche zu übersetzen, sondern ihn in einer Sprache auszusprechen, die hoch genug ist, um ihn zu tragen.

Denn am Ende ist die Frage nicht nur, was wir sagen, wenn wir über islamische Theologie sprechen. Die entscheidende Frage ist auch, in welcher sprachlichen Höhe wir es sagen. Und vielleicht beginnt ein Teil dieser Antwort tatsächlich mit einem fast vergessenen Wort: Edelsinn.

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Kein Deutsch: Jeder Vierte mit Migrationsgeschichte spricht daheim eine andere Sprache

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Deutsch ist hierzulande nicht überall Familiensprache: Jeder Vierte mit Einwanderungsgeschichte spricht im eigenen Haushalt eine andere Sprache. Wiesbaden (KNA). Etwa jeder vierte Mensch mit Einwanderungsgeschichte in Deutschland (23 %) spricht […]

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Die Worte der Extremisten: Sprache wird gewalttätig

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Gewalttätige Extremisten setzen Worte als Waffen ein. Eine neue Studie enthüllt sechs Taktiken, die sie anwenden. (The Conversation). Worte sind mächtige Werkzeuge. Gewalttätige Extremisten wissen das nur zu gut und […]

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Über KI, Sprache und Technologie: Verantwortung aus islamischer Perspektive

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Künstliche Intelligenz, Sprache und Technologie stellen die Menschheit vor neue Herausforderungen. Aus islamischer Sicht stehen dabei Verantwortung, Maß und Wahrhaftigkeit im Mittelpunkt: Wie geht der Islam mit KI und neuer […]

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Auf was baut eine muslimische Gemeinschaft auf?

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Kommentar: Muslimische Gemeinschaften müssen sich fragen, auf welchen Fundamenten sie ihre Zukunft bauen wollen. Diese Tür steht allen offen, die hindurchgehen wollen. (iz). Die Mitgliedschaft in der muslimischen Gemeinschaft beruht […]

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Kommentar: Schlimmer geht immer

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Es kann schlimmer werden: Die Vorstellung, vor einem Dilemma zu stehen, entpuppt sich oft genug als falscher Gegensatz. (iz). In den vergangenen zwölf Monaten wurde in vielen einflussreichen Demokratien der […]

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Kommentar: Klein, aber schwierig – das Wort „islamisch“

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In den diversen Islamdebatten und unter Muslimen: Wir haben uns angewöhnt, alles Mögliche als „islamisch“ zu bezeichnen.  (iz). Als zeitgenössische Menschen sind wir ungeachtet unserer religiösen oder sonstigen Überzeugungen vergleichbaren […]

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Von der Radikalisierung der Sprache

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Themenschwerpunkt soziale Medien und ihre Folgen: „Was heißt hier »wir«? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten“ – eine Buchvorstellung zur politischen Sprache von Ahmet Aydin.

(iz). „Wir müssen im großen Stile abschieben“, titelte vor kurzem ein deutsches Massenmedium mit Bundeskanzler Olaf Schulz im Hintergrund. Im Jahr 2019 gehörten solche Aussagen noch zum Jargon der parlamentarischen Rechten. AfD-Politiker wie Höcke verkündeten unverblümt, dass sie die anderen Parteien und Politiker „jagen“ werden. Wer sich den Sprachgebrauch heute ansieht, stellt fest: Die Jagd war erfolgreich.

„Messermänner“ ist längst schon zum Synonym für Männer südländischen Aussehens geworden. Die AfD um Höcke, Gauland und Weidel hat es geschafft, die Sprache der Mitte auf eine Art und Weise zu radikalisieren, dass Menschen, die widersprechen als verharmlosend abgetan werden. Dies bewerkstelligte sie, bevor sie in Brandenburg, Thüringen und Sachsen jeweils fast ein Drittel der abgegebenen Stimmen erlangte.

Nach dem Mund gesichert Rechtsextremer zu sprechen, überzeugte die Wählerinnen und Wähler nicht davon, auf die Wahl der sehr Radikalen zu verzichten. Im Gegenteil, es führte dazu, dass die Hetze gegen die Schwächsten jeder Gesellschaft zunimmt und befeuert wird. Geistiger Terror ist in Deutschland präsent und er treibt sowohl die Politiker als auch die WählerInnen. War das alles abzusehen oder kommt es überraschend?

afd

Foto: Olaf Kosinsky / kosinsky.eu / Lizenz: CC BY-SA 3.0

Deutschland leidet darunter, dass seine Politikerinnen und Politiker zu wenig lesen. Sie bilden sich zu mangelhaft. Würden sie es tun, hätten sie bereits 2019 das Büchlein „Was heißt hier »wir«? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten“ vom ehemaligen Präsidenten der „Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung“ lesen können. Dieses im Reclam-Verlag erschienene Büchlein ist in nicht einmal zwei Stunden durchgelesen und bietet eine Analyse der Sprache rechtsradikaler Menschen.

Es überrascht, dass auch ein Horst Seehofer sich darin findet. Hatte er nicht die Studie zur Untersuchung der Muslimfeindlichkeit in Auftrag gegeben? Ja, das tat er, als eine seiner letzten Amtshandlungen als Innenminister. Vorher bezeichnete er die „Migration“ noch als die „Mutter aller Probleme“. Diese Wortwahl nimmt Detering als vielleicht scharfsinnigster Literaturwissenschaftler Deutschlands unter die Lupe. Dasselbe ließe sich heute mit dem Parteivorsitzenden der CDU, Merz, machen. Der wohl größte Sprachexperte Deutschlands, Heinrich Detering, zeigt Methoden auf, wie solche Aussagen analysiert werden können.

Er betrachtet die skandalösen Stellen nicht gesondert, sondern stellt sie in den Kontext der Rede. Dieser Kontext erst ermöglicht es, die Relativierungen, die in der Folge immer kommen, zu entlarven. Detering wird nicht müde, den Leserinnen und Lesern dies bewusst zu machen: Auf menschenverachtende Aussagen, die einen Skandal auslösen, folgen Relativierungen. Dies sei das Muster. Der jeweilige Kontext der Aussagen jedoch zeige auf, was Höcke und seine Gleichgesinnten wirklich beabsichtigten. Das lassen sich nicht nachträglich korrigieren.

Die Sprache kann deshalb als radikal bezeichnet werden, weil sie teilweise identisch mit der Sprache vor der Machtergreifung der NSDAP-Politiker unter Hitler ist. Von „Schafen“ ist die Rede, die vom „Wolf“, damals der NSDAP und heute der AfD, getrieben werden. Das mag wie eine Fremdzuschreibung anmuten, doch so beschreibt sich die AfD selbst. Es ist erstaunlich.

Foto: Martin aka Maha, via flickr | Lizenz: CC BY-Sa 2.0

Während sich auf deutsche Größen berufen wird, wie Friedrich den Staufer, Luther oder Goethe, wird alles, was nicht ins eigene Narrativ passt ausgeblendet und geleugnet. Kulturelle Leistungen sind für die AfD und damit stellvertretend für alle radikalisierten Parteien, bloß ein Mittel, um die eigene Überlegenheit gegen andere ausspielen zu können. Auch stellt Detering meisterhaft dar. Er führt Beispiele von Goethe und anderen an, die belegen, dass alles wofür Goethe beispielsweise steht, verraten wird.

Dieses Büchlein macht scharfsinnig. Als Leser lernen wir kritisch mit Aussagen von Politikerinnen und Politikern umzugehen. Wir lernen, dass soziale Medien das Gegenteil von dem bewirken, was nötig ist, um die Konsequenz aus den Reden zu verstehen: Hass. Purer Hass, die auf den Straßen in Gewalt umschlägt. Rhetorische Mittel von Politikern führen dazu, dass sie sich selbst schützen, doch die Menschen auf der Straße, so Detering, führen dann aus, was rhetorisch angedeutet wurde, ohne sich strafbar zu machen.

Dieser Beitrag stellt allen Politiker in der Öffentlichkeit eine grundlegende Frage: Möchte ich sprachliche Methoden von Radikalisierten benutzen, um Wahlen zu gewinnen? Der Gewinn ist nicht einmal garantiert, doch bin ich bereit mich ethisch auf dieses Niveau der menschenverachtenden Rhetorik einzulassen? Gleichzeitig lese ich einen versteckten Appell aus dem letzten Kapitel heraus: Setzt euch mit deutscher Kulturgeschichte auseinander! Nur so sind wir gefeit vor dem Missbrauch. Wissen schützt. Und es diene eben nicht, um sich als größer, besser und überlegener auszuweisen, sondern um sich als Menschen zu bilden und Humanität zu entwickeln.

Heinrich Detering: „Was heißt hier »wir«? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten“, Reclam-Verlag, 6€.