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Islamrat legt Programmbeschwerde gegen „Klar“-Sendung ein

Islamrat ARD

Der Islamrat kritisiert ARD-Sendung „Klar“ scharf: Die Folge „Wo Islamisten Deutschland unterwandern“ sollte „Islamismus“ enttarnen – und landete nun selbst in der Kritik.

(iz). Eltern und eine Berliner Schule protestieren, der Bayrische Rundfunk (BR) schneidet nach. Im Zentrum steht die Frage, wo notwendige Islamismuskritik endet und die alte Erzählung von der drohenden „Islamisierung“ beginnt.

Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland ist mit einer formellen Programmbeschwerde gegen eine Folge des ARD-Reportagemagazins „Klar“ in die Offensive gegangen und kritisiert darin eine mediale Erzählung, die muslimisches Leben unter Generalverdacht stellt.

Der Fall zeigt, wie Berichterstattung über „Islamismus“ kippen kann: von notwendiger Kritik an Extremismus hin zu einer alarmistischen Unterwanderungsstory, in der reale Muslime vor Ort nur noch als Kulisse für sicherheitspolitische Dramaturgie vorkommen.

Die Programmbeschwerde des Islamrats

Auslöser ist die am 29. April ausgestrahlte „Klar“-Folge mit dem Titel „Wo Islamisten Deutschland unterwandern“, produziert von BR24 in Kooperation mit dem Norddeutschen Rundfunk. Der Vorsitzende Burhan Kesici bezeichnete ihn Beitrag als „einseitig, alarmistisch und gesellschaftlich gefährlich“ und betont, dass sich die Beschwerde nicht gegen die Berichterstattung über Extremismus an sich richtet.

Der 1986 gegründete Islamrat zählt zu den größeren muslimischen Dachverbänden in Deutschland und versteht sich als Koordinierungsinstanz von mehreren Dutzend Mitgliedsorganisationen.

In seiner Stellungnahme monierte der Verband, die Sendung verbinde sehr unterschiedliche Phänomene zu einer „alarmistischen Unterwanderungserzählung“ und stelle islamische Praxis und migrantisch geprägte Räume in einen generellen Verdachtszusammenhang.

Konkret forderte er eine umfassende programmrechtliche, journalistische und medienethische Prüfung des Beitrags. Sollte die Beschwerde im Haus nicht zu Konsequenzen führen, müsste sich der Rundfunkrat der Anstalt mit dem Vorgang befassen. Das ist jenes Gremium, das den Sender im Sinne der Allgemeinheit beaufsichtigen soll.

Der „Klar“-Beitrag und seine Erzählung

Die „Klar“-Folge folgte einem inzwischen etablierten Muster sicherheitspolitischer Formate im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Im Mittelpunkt stand die Frage, ob der Staat den Einfluss religiös begründeten Fundamentalismus ausreichend im Blick hat.

Dazu begleitete Moderatorin Julia Ruhs unter anderem eine ehemalige Verfassungsschützerin, zeigt Straßenszenen aus Berlin-Neukölln, in denen „islamistische Tendenzen“ ausgemacht werden, und marschiert an Büchern mit angeblich problematischem Demokratieverständnis vorbei.

Der Beitrag arbeitet mit starken Bildern und zugespitzten Begriffen: „Unterwanderung“ suggeriert eine verborgene, konspirative Strategie, während der Spannungsbogen von „Scharia-Richter“ über „TikTok-Islamisten“ bis zu „Parallelwelten“ reicht.

In dieser Mischung aus Bedrohungsszenario und investigativer Pose geraten alltägliche Formen muslimischer Religionspraxis in eine Nähe zum Extremismus, die für die Betroffenen kaum trennscharf aufzulösen ist.

Hinzu kommt, dass das Format „Klar“ von Beginn an mit dem Anspruch gestartet ist, „konservativere Zielgruppen“ zu erreichen – ein publizistischer Kurswechsel, der im Vorfeld Kritik an inhaltlicher Zuspitzung und politischer Rahmung ausgelöst hatte. Der Streit um die Episode ist damit nicht nur eine Auseinandersetzung über Fakten und Zitate, sondern auch ein Symptom dafür, wie sich öffentlich‑rechtliche Angebote zunehmend an polarisierte Publikumssegmente adressieren.

Elternproteste und Korrekturen des BR

Besondere Brisanz erhielt der Fall durch Beschwerden von Eltern und der Schulleitung einer Schule in Berlin‑Neukölln, die in der Sendung eine Rolle spielt. Sie werfen der Redaktion vor, Interviews mit Kindern und der Schulleiterin zur religiösen und kulturellen Vielfalt an ihr selektiv und einseitig montiert zu haben, sodass ein verzerrtes Bild von Konflikten um Ramadan und schulischen Alltag entstehe.

Der Bayerische Rundfunk bestreitet die Vorwürfe, hat die in der Mediathek abrufbare Fassung allerdings nachbearbeitet. Die umstrittenen Passagen mit den Kindern wurden teilweise gelöscht oder unkenntlich gemacht; nach Angaben des BR auf Bitten der Eltern und „ohne Anerkennung einer Rechtspflicht“.

In seiner Stellungnahme verwies der Sender darauf, die Schule von Beginn an über den Fokus der Dreharbeiten, darunter „Fasten im Ramadan als Konfliktthema“, informiert zu haben. Zugleich betonte er, der Beitrag zeige, wie sie sich inzwischen erfolgreich für Toleranz engagiere, und würdige sie ausdrücklich als „Vorzeigeschule“ – ein Hinweis, der die Kritik an der Bildauswahl jedoch nicht aus der Welt schafft.

Reaktionen im BR und in den Medien

Der Bayerische Rundfunk bestätigt den Eingang der Beschwerde und kündigt an, sich „in der gebotenen Sorgfalt“ inhaltlich damit auseinanderzusetzen. Nach epd‑Angaben liegen dem Sender inzwischen drei Programmbeschwerden zu derselben Folge vor: neben der des Islamrats zwei weitere von Privatpersonen, die die journalistische Herangehensweise kritisieren.

BR‑Rundfunkrätin Sanne Kurz, Grünen‑Abgeordnete und selbst erfahrene TV‑Journalistin, fordert eine „vollumfängliche Aufklärung“. Dazu zähle nicht zuletzt die Frage, ob bei den Dreharbeiten an der Berliner Schule transparent wurde, für welche Sendung und mit was für einer Stoßrichtung die Aufnahmen gedacht waren.

Auch andere und kirchliche Medien greifen den Vorgang auf, häufig mit ähnlicher Rahmung: Es gehe um den Balanceakt zwischen notwendiger Islamismuskritik und der Gefahr, muslimisches Leben pauschal in den Schatten von Extremismus zu stellen. Dass ausgerechnet ein islamischer Dachverband eine solche Debatte programmrechtlich anstößt, markiert einen Schritt weg von bloßer Empörung hin zu institutionellem Widerspruch innerhalb bestehender medienrechtlicher Verfahren.

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Die „Islamisierung“ als mediales Schreckgespenst

Dass der „Klar“-Beitrag auf das Bild einer „Unterwanderung“ setzt, fügt sich in ein größeres Muster ein, das die Islamische Zeitung seit Jahren beschreibt: die Erzählung einer angeblich bevorstehenden „Islamisierung“ Deutschlands. Unter Schlagworten wie „Unterwanderung“, „Parallelgesellschaft“ oder „schleichende Islamisierung“ werden unterschiedliche Themen – vom Moscheebau bis zur Kopftuchdebatte – zu einem einheitlichen Bedrohungsnarrativ verklammert, das empirisch nie eingelöst wird.

Zahlreiche Analysen im IZ‑Archiv zeigen, dass es sich dabei weniger um eine Beschreibung realer Machtverhältnisse als um ein instrumentelles Schreckgespenst handelt.

Die Vorstellung, eine kleine religiöse Minderheit könne „den Westen“ in absehbarer Zeit kulturell überrollen, hält keiner nüchternen Betrachtung von Zahlen, Institutionen und Gesetzeslage stand. Sie funktioniert aber als Mobilisierungsmittel für politische Kampagnen, Talkshow‑Dramaturgie und Reichweitenlogik.

Besonders deutlich wurde das in der Debatte um den Muezzinruf in Köln, die von IZ‑Autorinnen und -Autoren als Beispiel einer aufgeheizten Symbolpolitik analysiert worden ist. Ein einmal wöchentlicher Gebetsruf im Innenhof wurde dort in Überschriften zu einem angeblichen Machtsignal des „Politischen Islam“ hochgeschrieben – bis hin zu Unterstellungen einer „Islamisierung“ der Domstadt –, während das grundgesetzlich garantierte Recht auf Religionsausübung kaum vorkam.

Alte Angst, neue Verpackung

Die „Klar“-Sendung knüpft an diese Muster an, indem sie unter dem Schlagwort „Unterwanderung“ vertraute Signale bedient, die weite Teile des Publikums bereits aus rechtspopulistischen Kampagnen kennen. Wo der Jargon der „Islamisierungs“-Rhetorik in die Bildsprache öffentlich‑rechtlicher Formate einsickern, verschwimmen die Grenzen zwischen kritischer Recherche und der Reproduktion eines schon vorhandenen Feindbildes.

Die IZ hat immer wieder darauf hingewiesen, dass diese „Erzählung der Islamisierung“ nicht nur Muslime trifft, sondern den gesamten Diskurs verengt. Wenn der Islam primär als kulturelle Bedrohung und nicht Teil gesellschaftlicher Normalität vorkommt, verschiebt sich der Fokus von sozialen Problemen, Bildungschancen oder Rassismuserfahrungen auf eine vermeintliche Abwehrschlacht gegen „das Fremde“ – eine Verschiebung, von der jene profitieren, die politisch aus Angst Kapital schlagen.

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Öffentlich‑rechtliche Verantwortung und muslimische Perspektiven

Der Fall zeigt auch, wie fragil das Vertrauen vieler Muslime in das öffentlichrechtliche System ist. Schon die Ankündigung, konservativere Zielgruppen zu gewinnen, weckt bei Betroffenen die Sorge, ihr Alltag könnte zum Material für identitätspolitische Lagerkämpfe werden, statt die Grundlage für eine faire und gründliche Recherche zu bilden.

Gleichzeitig erinnert die Programmbeschwerde daran, dass Muslime nicht nur Objekt von Berichterstattung sind, sondern zunehmend als Akteure in medienrechtlichen und öffentlichen Debatten auftreten. Ein Dachverband, der programmrechtliche Mechanismen nutzt und ein medienethisches Kurz‑Gutachten vorlegt, beansprucht Teilhabe an der Aushandlung dessen, was als legitime Islamkritik und was als stigmatisierende Erzählung gilt.

Für die Anstalten bedeutet dies, dass die Pflicht zur ausgewogenen Darstellung nicht nur formale Balance von Pro und Contra meint. Sie erfordert Sensibilität für strukturelle Machtverhältnisse: Wenn eine redaktionelle Entscheidung dazu beiträgt, dass muslimische Kinder und ihre Schule sich bloßgestellt oder verzerrt dargestellt sehen, ist der Schaden größer als der kurzfristige Quoten‑ oder Aufmerksamkeitsgewinn.

* Mit Material der KNA.

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Unterwegs auf der Sonnenallee

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Die Sonnenallee: Kaum eine Straße hat in Deutschland solch eine Symbolwirkung wie diese Neuköllner Verkehrsweg.

(iz). Es ist jetzt Freitagnachmittag auf der Sonnenallee nach dem Mittagsgebet, und ich sitze an einem Tisch vor einem arabischen Baklava-Laden und trinke einen dünnen Kaffee aus einem Pappbecher.

Der Bürgersteig ist voller Syrer und Palästinenser, die aus ganz Berlin gekommen sind, um in arabischen Supermärkten und Gemüseläden einzukaufen, und ich warte auf eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Straße – den Mann, der als Ali Sonnenallee bekannt ist.

Er ist ein 75-jähriger deutscher Muslim, der zum Islam konvertiert ist, Internetprediger und allgemein ein Mann der Sonnenallee. Mein Freund Mehmet Martin, ein deutscher Muslim mit einem Ohr für esoterische Mystiker, die eine Liebe predigen, sagte mir, ich müsse ihn einfach kennenlernen.

Vor drei Jahren, als die Berliner Boulevardzeitung BZ einen Artikel über diese Straße schrieb, konzentrierten sie sich auf ihn und fotografierten ihn in seiner Wohnung in der Sonnenallee, umgeben von seinen Katzen.

Ali lebt schon seit langer Zeit in der Sonnenallee. Er kam im Alter von neunzehn Jahren aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Kassel in Westdeutschland hierher. Seit 2003 wohnt er in seiner Hinterhofwohnung mit Blick auf einen schummrigen Innenhof voller ausrangierter Möbel.

Sonnenallee oder „das Verschwinden der Deutschen“

Er hat miterlebt, wie sich die Straße mit dem allmählichen Verschwinden der Deutschen und der Ankunft arabischsprachiger Berliner verändert hat. Wenn du sie nicht schlagen kannst, schließe dich ihnen an, scheint seine allgemeine Philosophie zu sein. Anstatt wie viele seiner deutschen Nachbarn aus der Sonnenallee zu fliehen, blieb er und wurde Muslim.

Ali erklärte, dass er vor seiner Konversion zum Islam vor zwölf Jahren Drogenprobleme hatte, zahlreiche Süchte, Tabletten nahm, große Mengen Alkohol trank, aber immer „auf der Suche nach dem Licht“ war.

Ein türkischer Freund hatte ihn in eine Moschee mitgenommen, wo Ali „eine starke Ausstrahlung“ verspürte. Aber er wollte keine voreilige Entscheidung treffen; Muslim zu werden war nichts, was man überstürzen konnte. Nachdem er jedoch lange genug darüber nachgedacht hatte, kam er schließlich zu dem Schluss, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war. Er betrat eine Moschee in einer Seitenstraße der Sonnenallee. Jemand fragte ihn, ob man ihm helfen könne.

Er erzählt: „Ich war auf der Suche nach etwas. Ich suchte nach einem Licht. Und ich habe dieses Licht in Ihrer Moschee gefunden. Jetzt weiß ich, dass ich gefunden habe, wonach ich gesucht habe. Und ich weiß, dass ich Muslim werden möchte.“

Die Sonnenallee: für die einen Heimat, für andere Grund zu gehen

Hadice Kalender ist türkisch-kurdischer Abstammung und stammt aus der Region im Südosten der Türkei, die sich zwischen Urfa und Adana entlang des Euphrat erstreckt.

Sie kam 1989 nach Berlin, um mit ihrem damaligen kurdischen Ehemann zusammen zu sein, und landete direkt in der Sonnenallee Nr. 75, ganz in der Nähe des berühmten City Chicken – eines der wenigen Geschäfte, die noch aus den späten Achtzigern/frühen Neunzigern existieren.

Damals betrieb sie – eine fähige Geschäftsfrau, bevor sie Mitte der Neunzigerjahre aus gesundheitlichen Gründen in den Vorruhestand gehen musste – mehrere erfolgreiche Geschäfte in den Seitenstraßen der Sonnenallee.

Eines davon war ein Blumenladen in der Flughafenstrasse, an der Stelle der heutigen Neukölln Arkaden. Das andere war ein türkischer „Bakkal” – eine Art Tante-Emma-Laden – an der Ecke Weserstrasse/Weichselstrasse.

Hadice behauptet, die Sonnenallee 1997 aus mehreren Gründen verlassen zu haben und nach Spandau gezogen zu sein. Einer davon scheint der demografische Wandel in der Straße gewesen zu sein, als Einwanderer aus dem Balkan hinzukamen, die die Atmosphäre in der Straße veränderten und die alten Türken vertrieben (so wie die Türken zuvor die alten Deutschen vertrieben hatten).

Ein weiterer Grund war, dass Kurden, die Geld von ihr für die Finanzierung ihrer PKK-Aktivitäten wollten, immer wieder an ihrer Tür auftauchten und Geldforderungen stellten.

Heutzutage haben sich internationale Hipster und junge Kreative im Norden der Sonnenallee, auch „Kreuzkölln” genannt, niedergelassen. Eines Tages beschlossen sie und ich, durch ihr altes Viertel zu spazieren, um zu sehen, wie sich die Dinge seit ihrer Zeit dort verändert hatten.

Ihr alter Bakkal war nun ein hippes französisches Restaurant. Wir kamen mit dem jetzigen Besitzer ins Gespräch, der von Hadices Geschichte begeistert war und ihr schließlich als kleine Geste der Wertschätzung einen Karton Sojamilch schenkte.

Susana H. ist ein achtzehnjähriges Mädchen, das einen Hijab trägt. Ihre Mutter stammt aus Bosnien, ihr Vater aus Kurdistan. Sie besucht eine Schule, an der ich Englisch unterrichte, am südlichen Ende der Sonnenallee, nur einen Block entfernt von der – wie manche sagen würden – berüchtigten Al-Nur-Moschee, die von den Medien als salafistischer Hotspot dargestellt wird.

Im Unterricht verteidigt Susana die Sonnenallee, wenn ihre Mitschüler sie als „schmutzig” und kriminell bezeichnen. Sie nennt sie einfach „die Sonne”. Susana erzählt mir, dass sie, solange sie sich erinnern kann, in der Sonnenallee lebt. „Mein Beileid”, sagt ein türkisches Mädchen.

Susana zuckt mit den Schultern. Sie unterscheidet zwischen der „normalen“ Sonnenallee – dem südlichen Ende – und der „verrückten“ Sonnenallee, die jeder kennt und die sich über eine Handvoll Häuserblocks südlich des Hermannplatzes erstreckt.

Sie kann sich nicht erinnern, jemals Deutsche auf dieser Straße gesehen zu haben. „Deutsche? Nicht, dass ich mich erinnern könnte. Nur Ausländer.“ In den letzten Monaten und Jahren sind pro-palästinensische Straßendemonstrationen zu einem regelmäßigen Bestandteil der Sonnenallee geworden.

„Um ehrlich zu sein, gehen mir diese Demonstrationen langsam auf die Nerven“, sagt Susana. „Man will den Bus nehmen, aber die Busse fahren nicht. Man hat es eilig, aber es sind zu viele Menschen da und es ist laut. Auf der Sonne ist immer etwas los. Immer. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich unterstütze die Palästinenser. Aber es ist einfach die ganze Zeit, die ganze Zeit.“

Erinnerung an New Yorker Einwandererviertel

Die Sonnenallee erinnert mich an New Yorks Einwandererviertel – Orte wie Little Italy oder Brighton Beach. Aber während New York solche Viertel feiert, behandelt Berlin seine oft als Probleme, die es zu lösen gilt. Für viele ist die Sonnenallee nicht nur eine Straße. Sie ist ein Symbol. Ein politisches Symbol für die Flüchtlingsmigration nach 2015 und den gescheiterten sozialen Zusammenhalt.

Manchmal schafft es die Straße ins Fernsehen oder auf die Kinoleinwand, wie beispielsweise 2017, als die Serie „4 Blocks“ Premiere feierte – ein deutsches Krimidrama, produziert von TNT Serie (jetzt Warner TV), das in Neukölln spielt und eine fiktive libanesisch-deutsche Verbrecherfamilie, den Hamady-Clan, begleitet.

Die Serie wurde im Wesentlichen als Berliner Version von „Die Sopranos“ präsentiert, die sich mit Themen wie Familie, Loyalität, Kriminalität, Territorium und Männlichkeit befasste – und dabei die Sonnenallee als Kulisse nutzte.

Die Autoren und der Regisseur gaben an, komplexe Charaktere und nicht nur Karikaturen darstellen zu wollen, um den flachen Klischee der „kriminellen arabischen Clans“ zu vermeiden.

Kritiker bemängelten jedoch weiterhin, dass die Serie arabische/libanesische Identität pauschal mit Kriminalität gleichsetzte und die Sonnenallee als gesetzlose Parallelgesellschaft darstellte.

Stereotype Darstellungen – alles andere als glaubwürdig

So gewann der in den Boulevardmedien bereits gängige Begriff „Clancriminalität“ weiter an Bedeutung und verstärkte die entschuldigende Botschaft der Medien, sodass rechte Kommentatoren sagen konnten: „Genau. Wir haben es euch ja gesagt. Das haben wir doch immer über Neukölln gesagt.“

Kubilay Sarikaya ist Co-Regisseurin eines sehr realistischen Berliner Einwandererfilms namens „Familiye (2017)“ – im Vergleich dazu eine sehr ehrliche und realistische Kriminalgeschichte, gedreht in Schwarz-Weiß im stark von Einwanderern geprägten Lynar Kiez in Berlin-Spandau, von einem Hollywood-Reporter als „deutsches Mean Streets“ gelobt.

Für Sarikaya war „4 Blocks2“ alles andere als glaubwürdig. „Es war, als hätten sich ein paar deutsche Jungs an einen Cafétisch in Friedrichshain (einem gentrifizierten Berliner Stadtteil) gesetzt und versucht, sich in Neukölln hineinzuversetzen – eine Welt, von der sie nichts wussten.“

Als Lieblingsfeindbild der BZ-Zeitung versuchen Boulevardjournalisten oft, Teile der Sonnenallee als von sogenannten „arabischen Clans“ dominiert darzustellen, als Ort der „Clankriminalität“, was in den deutschen Medien zu einer Art Kurzformel geworden ist.

Aber wer sind diese Menschen, vor denen uns die BZ so gerne warnt? Und was haben sie mit der Sonnenallee zu tun, einer Straße, in der vor allem Syrer und Palästinenser ihre Einkäufe erledigen – und die nicht unbedingt ein Ort ist, an dem Kriminalität grassiert? Mit „Clans“ sind im Grunde genommen eine kleine Anzahl von Großfamilien gemeint, die hauptsächlich aus Libanesen (manchmal auch Palästinensern oder Kurden) bestehen und in den 1980er Jahren als staatenlose Flüchtlinge aus dem Libanon nach West-Berlin kamen.

Diese Menschen waren oft jahrelang mit einem unklaren Rechtsstatus und kaum Zugang zu Arbeit konfrontiert, bauten enge, auf Verwandtschaftsbeziehungen basierende Netzwerke auf und wurden in einigen Fällen in die organisierte Kriminalität verwickelt.

Ein Faktor für ihre Verwicklung in kriminelle Aktivitäten scheint die Notwendigkeit gewesen zu sein, die ihnen von der deutschen Regierung in Form von „Duldung“ Aufenthaltsgenehmigungen auferlegten Arbeitsbeschränkungen zu umgehen (die es Nichtstaatsangehörigen grundsätzlich erlauben, sich in Deutschland aufzuhalten, aber nicht zu arbeiten).

In den deutschen Medien werden die „arabischen Clans“ weitgehend als Vertreter von etwas eher Unheimlichem dargestellt, von „archaischen“ Stammesbräuchen und Integrationsunwilligkeit. Die Sonnenallee ist für diese Erzählung nützlich, weil sie sich gut fotografieren lässt: arabische Ladenschilder, belebte Gehwege, sofortige Wiedererkennbarkeit. Fernsehteams können dort eine ganze Geschichte inszenieren, auch wenn die Protagonisten woanders in der Stadt leben.

„Vor kurzem hat die Polizei eine Razzia in der Sonnenallee durchgeführt“, sagte mein kurdisch-arabischer Freund und Fixer Hamad. „Das machen sie jede Woche. Das ist Rassismus. Reine Schikane.  Glauben die etwa, dass in der Sonnenallee Gangster wohnen? Oder dass diese Kriminellen in Neukölln leben? Die Polizei weiß doch alles. Sie schlagen nur zu, damit sie der Öffentlichkeit sagen können: ‘Wir tun was.’ Das ist reine PR-Scheiße.“

Mein deutscher Cousin Georg wohnt in einer WG in Neukölln an der Sonnenallee. Von Zeit zu Zeit fährt er nach Dresden zurück, das sehr deutsch ist und Welten von der multikulturellen Realität der Sonnenallee entfernt liegt.

Nichts, sagt Georg, sei vergleichbar mit dem Kontrast, wenn man das eher homogene Dresden verlässt, durch die karge Kiefernlandschaft Brandenburgs fährt, die Autobahnausfahrt Berlin-Neukölln nimmt und plötzlich mitten in der „Arabischen Straße“ landet, mitten im Geschehen der Sonne.

„Wenn das kein Kulturschock ist”, sagt Georg, „dann weiß ich auch nicht, was sonst.“

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Dieser Ramadan in Berlin

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Ramadan 2026 in der Hauptstadt. Der US-Berliner Journalist Robert Rigney zieht eine recht persönliche Bilanz.

Berlin (iz). Von 2011 bis 2012 lebte ich in Istanbul. Es war mein letztes Jahr als Nichtmuslim. Seit mehr als einem Jahrzehnt hatte ich über den Islam nachgedacht. Das Leben drehte sich bis dahin um Balkanmusik und abendliches Ausgehen, und doch wusste ich im Hinterkopf, dass der beschrittene Weg nicht der richtige war. Gedanken über den Din drängten sich mir immer wieder auf.

Ich ahnte, dass ich mich eines Tages zum Islam bekehren würde, aber ich war noch nicht bereit. Die Erfahrungen, die ich in Istanbul sammelte, sollten mich schließlich dazu ermutigen, die letzten Schritte zur Annahme des Islam zu gehen. Ich war dort Englischlehrer und unterrichtete an einer Filiale der Berlitz-Schule auf der asiatischen Seite der Stadt. Meine Schüler waren Geschäftsleute aus allen Gesellschaftsschichten. Einige waren nicht religiös, andere schon.

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Berlitz hat recht strenge Richtlinien, wie Englischunterricht zu gestalten ist, doch für eine spezifische Klasse beschloss ich, die mir auferlegte starre Struktur aufzugeben und stattdessen offene Konversation zu fördern. Das Thema unserer Gespräche drehte sich unweigerlich um Religion, insbesondere um den Islam.

Noch nicht in Berlin: Istanbuler Vorspiel

Der Fastenmonat 2011 fiel damals auf Ende Juli. Vielleicht war es die wohltuende Wirkung der Gespräche mit meinen muslimischen Schülern. Jedenfalls beschloss ich, obwohl noch kein Muslim, am ersten Tag zu fasten, nur um zu sehen, wie es so ist.

Zuvor verbrachte ich die Wochenenden in Taksim, Istanbuls Ausgehviertel auf der europäischen Seite, das voller Meyhanes und Musikclubs ist. Doch der Reiz dieses Kiezes hatte allmählich nachgelassen. Stattdessen wuchs das Interesse am religiösen Viertel Fatih am Goldenen Horn, einem der geschichtsträchtigsten Stadtteile Istanbuls, den mir einige meiner wohlmeinenden Studenten jedoch abzuraten versuchten.

Ich hatte begonnen, mich nahe der Fatih-Moschee aufzuhalten, einem historischen Sultans-Komplex aus dem 15. Jahrhundert, der von Sultan Mehmed II. nach seiner Eroberung im Jahr 1453 in Auftrag gegeben wurde, einen bedeutenden Übergang zur osmanischen Herrschaft markierte und das Grab von Mehmed II. beherbergt.

Dort verbrachte ich den ersten Tag des Ramadan 2012, in und um die Moschee herum, und versuchte, mein Verlangen nach einer Zigarette sowie Hunger- und Durstgefühle zu bekämpfen. Schließlich ging ich zum Iftar in ein kleines türkisches Restaurant vor den Moscheetoren, wo mir ein paar freundliche Muslime alles Gute wünschten und meine Mahlzeit bezahlten.

Ich erinnere mich noch immer an die Herzlichkeit ihrer Begrüßung, als ich mich an ihren Tisch setzte. Muslim zu sein bedeutete, Teil einer großen universellen Bruderschaft zu sein, beschloss ich.

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Zurück in Berlin

Als ich etwa fünf Monate später wieder in Berlin war, beschloss ich schließlich, dass die Zeit gekommen war, den Islam anzunehmen. Ich hatte mich nicht aus oberflächlichen politischen Gründen dazu entschlossen, Muslimin zu werden.

Vielmehr entsprang dieser Wunsch aus tiefstem Herzen. Ich sprach meine Schahada und versuchte, wann immer es mir möglich war, die fünf täglichen Gebete zu verrichten. Es dauerte eine Weile, bis mir die volle Bedeutung dieser Pflicht bewusst wurde. Ebenso wie die des Ramadanfastens.

Verzicht während des Monats Ramadan ist eine der fünf Säulen des Islam, und doch hatte ich diese Praxis viele Jahre lang vernachlässigt, nachdem ich Muslim geworden war. Ich musste morgens und abends Medikamente einnehmen, und mir war von wohlmeinenden Hocas und Mitmenschen erklärt worden, dass ich daher von der Fastenpflicht befreit sei.

Dennoch machte es mich traurig, dass ich an dieser wichtigen islamischen Pflicht nicht teilnehmen konnte, und ich fühlte mich von diesem reichen Teil unserer Religion abgeschnitten.

Vor zwei Jahren beschloss ich dann, daran teilzunehmen. Ich schaffte es und nahm mir vor, von da an jedes Jahr zu fasten. Doch erst 2026 begann ich, die volle Bedeutung der Tarawihgebete zu schätzen, jener besonderen nächtlichen Gebete, die während des Ramadan verrichtet werden.

Ein Tarawih in der Hauptstadt

An diesen Gebeten, die nach dem Nachtgebet stattfinden und als Sunna von großer Bedeutung sind, um die spirituelle Verbindung zu vertiefen, hatte ich schon ein paar Mal teilgenommen. Doch damals erschienen sie mir sinnlos und anstrengend. Erst als ich letzten Monat zur Umrah aufbrach, konnte ich die Gnade, die mit ihrer Vollendung einhergeht, voll und ganz würdigen.

Tarwih wird oft gemeinsam in Moscheen verrichtet und fördert so den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Es besteht aus mehreren Rakats, in der Regel zwischen 8 und 20. Der Prophet Muhammad sagte: „Wer während des Ramadan aus Glauben und auf der Suche nach seiner Belohnung zum Nachtgebet steht, dem werden alle seine früheren Sünden vergeben.“

Nach meiner Rückkehr von der Umrah, wo ich mich gemeinsam mit anderen aus meiner Gruppe dem Tarawih in der Masjid al-Haram in Mekka gewidmet hatte, kehrte ich nach Berlin zurück und begann, mich in der Emir-Sultan-Moschee im Berliner Stadtteil Schöneberg diesen Gebeten zu widmen.

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Foto: Muslimische DiaLogen | Rat Berliner Imame

Schulter an Schulter – Ramadan in Berlins Moscheen

In Berlin gibt es mehr als achtzig Moscheen. Die meisten davon befinden sich in den traditionellen Einwanderervierteln der Stadt, wie Neukölln, Kreuzberg und Wedding.

Dort, wo ich wohne, im Bezirk Wilmersdorf, gibt es nur eine, zufälligerweise der älteste noch erhaltene Bau Deutschlands, der in den 1920er Jahren errichtet wurde. Die für mich am günstigsten gelegene ist jedoch die Emir-Sultan-Moschee, eine fünfzehnminütige Busfahrt von meinem Wohnort entfernt.

Die Gemeinschaft, die sich (wie viele in Berlin) im Hinterhof einer ehemaligen Fabrik aus rotem Backstein befindet, ist eine türkisch geprägte. Sie ist benannt nach der gleichnamigen Moschee in Bursa, Türkei, einem osmanischen Komplex aus dem 14. Jahrhundert und bedeutenden Pilgerort, der gegenüber dem Mausoleum von Emir Sultan liegt, einem renommierten islamischen Gelehrten und Berater von Bayezid I.

Im Laufe der Jahre, in denen ich die Gebete in ihr besucht habe, habe ich einige der Stammgäste dort kennengelernt. Es ist immer eine Freude, ihre Gesichter zu sehen. Wir geben und nehmen geistige Kraft voneinander.

Durch ihren regelmäßigen Besuch werde ich immer wieder von der Bedeutung und den Tugenden der Jamaat beeindruckt. Das Gebet in Gemeinschaft gilt als 27-mal lohnender als das Beten allein, wie in zahlreichen Hadithen betont wird.

Man steht Schulter an Schulter, unabhängig von Nationalität und sozialem Status, und entwickelt so ein Gemeinschaftsgefühl. Es wird während des Tarawihs noch verstärkt, wo der gute Geist unserer muslimischen Glaubensbrüder dazu anspornt, einander in Ausdauer und richtigem Handeln zu übertreffen.

Es ist 24 Jahre her, seit ich 2012 den Islam angenommen habe, und im Laufe meiner Zeit als Muslim ist mir bewusst geworden, dass man sich nicht über Nacht vollständig verändern kann.

Spirituelle Reife und Reifung erfolgen schrittweise, in kleinen Sprüngen, über die Jahre hinweg durch die Gnade Allahs. Man kann sie nicht beschleunigen. Dieser Ramadan war für mich jedoch ein besonderer.

Was mit der Umrah in Mekka begann und hier in Berlin fortgesetzt wurde und inshallah bis zu den letzten Tagen des Ramadan andauern wird, wird sich mit der Gnade Allahs über den Rest des Jahres und der kommenden fortsetzen.

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Claim zu Islamfeindlichkeit: Gedenktage alleine reichen nicht!

Muslimfeindlichkeit Islamfeindlichkeit Gedenktag

Islamfeindlichkeit: Der 15. März ist in Berlin in diesem Jahr erstmals offizieller Gedenk- und Aktionstag.

Berlin (iz). Doch aus Sicht von Expertinnen und Experten reicht ein symbolischer Termin allein nicht aus, um den Alltag vieler Musliminnen und Muslime sicherer zu machen. In Politik und Zivilgesellschaft wächst der Druck, den neuen Tag mit konkreten Maßnahmen gegen antimuslimischen Rassismus zu unterfüttern.

Islamfeindlichkeit: UN-Gedenktag mit Ursprung in Christchurch

Der Hintergrund des Datums liegt außerhalb Deutschlands: Die UN‑Generalversammlung hat 2022 den 15. März zum „International Day to Combat Islamophobia“ erklärt. Die Resolution reagiert auf das rechtsterroristische Attentat im neuseeländischen Christchurch 2019, bei dem ein Rechtsextremist 51 Menschen in zwei Moscheen ermordete.

Die UN betonen seitdem, Terrorismus und gewaltbereiter Extremismus dürften nicht einer Religion zugeschrieben werden, und fordern die Staaten auf, Muslime besser vor Hass, Diskriminierung und Gewalt zu schützen.

Berlin hat diesen Impuls aufgegriffen und den 15. März – in Ergänzung zum zivilgesellschaftlich etablierten 1. Juli, dem Gedenktag – als eigenen Gedenk‑ und Aktionstag eingeführt. Ein entsprechender Beschluss im Abgeordnetenhaus verpflichtet den Senat, das Thema in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen und den Austausch mit Moscheegemeinden gezielt zu suchen.

Alarmierende Zahlen zu antimuslimischem Rassismus

Die aktuelle Jahresbilanz der Melde‑ und Informationsstelle Report! Berlin, die von der Allianz CLAIM getragen wird, zeichnet ein deutliches Bild einer strukturellen Problemlage. Für 2024 wurden in der Hauptstadt 644 muslimfeindliche Übergriffe und Diskriminierungen dokumentiert – ein Anstieg von mehr als 68 Prozent gegenüber 2023 mit 382 Fällen. Statistisch sind das fast zwei Vorfälle täglich in Berlin.

Auch die polizeiliche Statistik zur politisch motivierten Kriminalität weist keinen Rückgang aus. Bis zum 31. Dezember 2025 registrierten die Behörden 172 islamfeindliche Straftaten, bereits mehr als im Vorjahr mit 166 Fällen nach Nachmeldungen. Fachleute gehen von einem erheblichen Dunkelfeld aus, weil viele Betroffene Vorfälle nicht melden oder diese im institutionellen Alltag gar nicht erst als rassistische Taten erkannt werden.

​Studien bestätigen den gesellschaftlichen Nährboden für solche Verbrechen. Der Berliner Monitor kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der Einwohner antimuslimischen Aussagen zustimmt.

Auf Bundesebene zeigt die EU‑Grundrechteagentur (FRA), dass 68 Prozent der befragten Musliminnen und Muslime in Deutschland bereits rassistische Diskriminierung erfahren haben – einer der höchsten Werte im europäischen Vergleich.

Aktuelle Erhebungen wie der Motra‑Monitor verweisen zudem auf einen bundesweiten Anstieg muslimfeindlicher Einstellungen: 43 % der Bevölkerung teilen laut Studie antimuslimische Haltungen, knapp 29 % vertreten eine manifeste Muslimfeindlichkeit.

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Foto: Shutterstock.com

„Keine Einzelfälle, sondern Alltag“

Für CLAIM ist damit klar, dass der neue Gedenktag die Wirklichkeit vieler Leute widerspiegelt, die in Berlin leben, arbeiten oder zur Schule gehen. „Wir sprechen nicht über Einzelfälle, sondern über eine strukturelle Realität – und über den Alltag vieler Menschen in dieser Stadt“, sagte Rima Hanano von CLAIM. Antimuslimischer Rassismus treffe Betroffene auf der Straße, in Bildungseinrichtungen, am Arbeitsplatz und im Kontakt mit Behörden.

Sie knüpft konkrete Erwartungen an den 15. März: Der Tag könne ein wichtiges Signal sein, müsse aber mit politischen Schritten verbunden werden. Genannt werden der bessere Schutz von Betroffenen, der Ausbau von Beschwerde‑ und Antidiskriminierungsstrukturen in Verwaltung und Bildung sowie niedrigschwellige Beratungs‑ und Meldestellen.

Ebenso fordert CLAIM eine konsequentere Erfassung und Strafverfolgung von Hasskriminalität, um aus Einzelfallberichten belastbare Strukturen der Prävention und Intervention zu entwickeln.

Foto: Wolfgang Staudte | Lizenz: CC-BY-NC 2.0

Mit Blick auf die Berliner Wahlen im September verweist das Projekt auf die wirtschaftlichen Folgen eines aufgeheizten Klimas. Wer die Hauptstadt als offene, vielfältige Metropole stärken wolle, müsse das Phänomen ernst nehmen – Engagement gegen Rassismus sei zugleich menschenrechtliche Verpflichtung und Teil einer Standortpolitik, die im Zeichen des Fachkräftemangels um qualifizierte Zuwanderung wirbt.

Wie sich antimuslimischer Rassismus im Alltag konkret äußert, zeigt eine Reihe von Fällen, die Report! Berlin für 2025 dokumentiert hat.

– Im Februar wurden am S‑Bahnhof Grünau zwei Mädchen im Alter von 14 und 16 Jahren am Kopftuch gezerrt, geschlagen und mit einem Messer verletzt.

– Im März erhielt eine Moschee in Neukölln ein Drohschreiben mit Gewaltaufrufen gegen Musliminnen und Muslime.

– Im Dezember wurde eine 65‑jährige Kopftuchträgerin am U‑Bahnhof Gesundbrunnen rassistisch beleidigt, bespuckt und zu Boden gestoßen.

Muslimfeindlichkeit

Foto: Dirk Enters/CLAIM

Zwischen Signalpolitik und Verpflichtung

In der Hauptstadtüolitik gilt der neue Gedenk‑ und Aktionstag vielen als überfälliges Signal an die rund eine halbe Million Musliminnen und Muslime in der Stadt. Nach Darstellung der Regierungsfraktionen soll der 15. März Schulen, Kultureinrichtungen, Medien und andere Akteure einladen, sich intensiver mit antimuslimischem Rassismus auseinanderzusetzen und entsprechende Bildungs‑ und Dialogformate zu entwickeln.

Gleichzeitig begleitet die Einführung des Tages eine Debatte darüber, wie konsequent der Senat die eigene Verpflichtung umsetzt. Während zivilgesellschaftliche Organisationen seit Jahren auf eine systematische Erfassung und Auswertung antimuslimischer Vorfälle drängen, bleibt die Implementierung umfassender Maßnahmen in Verwaltung und Sicherheitsbehörden vielerorts unvollständig.

Auch innerlinke Kontroversen über die Zusammenarbeit mit bestimmten Moscheegemeinden oder Trägern zeigen, dass praktische Antirassismusarbeit immer wieder politische Konfliktlinien berührt.

​Dennoch sehen Organisationen wie CLAIM im 15. März eine Chance, Themen auf die Tagesordnung zu setzen, die andernfalls leicht marginalisiert würden. „Es muss sich viel tun, damit Rassismus jeglicher Art nicht immer weiter zunimmt“, sagt Hanano und knüpft an die Forderung der UN an, dass der Gedenktag mehr sein soll als ein jährliches Ritual.

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Kurzmeldungen Inland (Nr. 365): vom Ende der Blitzeinbürgerung bis zum Gebet an Schulen

Kurzmeldungen syr

Die Kurzmeldungen aus dem Inland (Nr. 365) reichen von von deutscher Aufbauhilfen für Gaza, Verband der Tafeln zu Solidarität und dem Gebet an Schulen.

Regierung verspricht 100 Mio. Aufbauhilfe

BERLIN (KUNA). Deutschland hat am 12. Oktober zugesagt, mindestens 100 Millionen Euro Entwicklungshilfe für den Gazastreifen bereitzustellen, die in erster Linie zur Unterstützung der Wiederaufbaumaßnahmen in dem vom Krieg zerstörten palästinensischen Gebiet dienen soll. Die Ministerin für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit, Reem Alabali-Radovan, erklärte, dass die Mittel auch die nach dem 7. Oktober 2023 eingefrorenen Hilfen umfassen werden, und betonte die Dringlichkeit der Wiederherstellung der grundlegenden Infrastruktur und lebenswichtiger kommunaler Dienstleistungen. Sie fügte hinzu, dass Übergangsbeihilfen wie Fertighäuser und Güter des täglichen Bedarfs bereitgestellt werden, und betonte, dass die katastrophale humanitäre Lage in Gaza gemeinsame internationale und regionale Anstrengungen erfordert, um die dringendsten Bedürfnisse zu decken.

Bundesregierung

Foto: Deutscher Bundestag / Tilo Strauss / photothek

Syrien: Außenpolitik droht mit Kürzungen

BERLIN (KNA). Nach der Parlamentswahl in Syrien fordern Außenpolitiker von Union, SPD und Grünen einen härteren Kurs gegenüber der Assad-Nachfolgeregierung. „Im Frühjahr habe ich gemeinsam mit der damaligen Außenministerin Baerbock Präsident al-Sharaa in Syrien besucht und klar gemacht, dass Teilhabe und Schutz für alle ethnischen, religiösen und gesellschaftlichen Gruppen Bedingung für jede Unterstützung Europas sind“, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Armin Laschet (CDU), am 14. Oktober.

Bundestag ändert Gesetz für Einbürgerung

BERLIN (IZ). Am 8. Oktober hat das Parlament das Ende der beschleunigten Naturalisation beschlossen. Künftig soll der Erwerb der Staatsangehörigkeit wieder nach den bisherigen Fristen erfolgen. Die Regelung, die schnellere Prozesse insbesondere für gut integrierte Ausländer ermöglichte, war im Zuge der Fachkräftestrategie eingeführt worden. Kritiker warnten vor Integrationshürden, während die Regierung betonte, das Verfahren solle transparenter und rechtssicherer gestaltet werden.

Foto: Tafel Deutschland e.V., Thomas Lohnes | Getty Images

Dachverband der Tafeln rufen zu Solidarität auf

BERLIN (IZ). Am 4. Oktober fand unter dem Motto „Gemeinsam Menschlichkeit zeigen“ der 18. Tafel-Tag statt. Zum 30-jährigen Bestehen rief der Dachverband dazu auf, Solidarität zu leben und gesellschaftliche Spaltung zu überwinden. 75.000 Ehrenamtliche in 974 Tafeln würden 1,5 Mio. Bedürftige mit geretteten Lebensmitteln versorgen. Vorsitzender Steppuhn mahnte in Berlin, Mitmenschlichkeit statt Hetze zu fördern und warnte davor, politische Debatten mit Abstiegsängsten zu führen. Ein starker Sozialstaat bleibe Grundlage der Demokratie.

Klage gegen Berliner Verbot von Gebeten

BERLIN (KNA). Ist es rechtens, das Beten in einer Schule zu verbieten? Mit dieser Frage muss sich nun ein Verwaltungsgericht beschäftigen. Die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) hat Verbandsklage gegen ein Gymnasium erhoben, wie sie am 16. Oktober mitteilte. Nach Angaben der GFF verbietet das Ganztagsgymnasium im Bezirk Mitte „im Interesse des Schulfriedens“ die „demonstrative Ausübung religiöser Riten“. Diese „allgemein formulierte Regelung“ in der Ordnung richte sich gegen muslimische Schüler, denen das islamische Gebet auf dem Schulgelände untersagt werde, so die GFF, die sich für ihre Klage auf das Berliner Antidiskriminierungsgesetz beruft.

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Religionsgemeinschaften kochen für Bedürftige in Berlin

Religionsgemeinschaften

Über religiöse Grenzen hinweg kochen drei Religionsgemeinschaften für 500 Bedürftige am Berliner Bahnhof Zoo. Das Projekt des jungen Forums der Religionen soll keine Eintagsfliege bleiben. (KNA). Eine süßliche Currynote liegt […]

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Berlin: Muslimfeindlichkeit stark gestiegen

berlin CLAIM

Muslimfeindlichkeit in Berlin: Am 11. Juni stellte die CLAIM Allianz neuen Zahlen für die Hauptstadt vor. Und berichtet einen starken Anstieg.

Berlin (KNA, iz). In Berlin kam es 2024 laut der CLAIM Allianz zu einem sprunghaften Anstieg von antimuslimischen Übergriffen und Diskriminierungen. 

Die am 11. Juni vorgestellte Jahresbilanz der Allianz gegen Islamfeindlichkeit und Muslimfeindlichkeit registrierte 644 Fälle, fast 70 % mehr als im Vorjahr. Beinahe zwei Drittel der Betroffenen sind demnach Frauen, häufig in Begleitung ihrer Kinder. Antimuslimischer Rassismus zeige sich meist in Form von Diskriminierung (46 %) und verbalen Übergriffen (40 %).

Dokumentiert wurde eine Zunahme bei schweren Delikten: 2024 wurden nach Angaben des Netzwerkes mehr antimuslimische Körperverletzungen registriert als im Vorjahr.

Nach Ansicht von Ioannis Demosthenous vom Berliner Antidiskriminierungsnetzwerk sah einen Zusammenhang zwischen hiesigen Debatten und dem Anstieg von Diskriminierungen. „Als Beratungsstelle im Antidiskriminierungsbereich verzeichnen wir in den letzten zwei Jahren einen Anstieg der Fälle antimuslimischen Rassismus um 65 %. Besonders auffällig ist, dass hitzige öffentliche Debatten über das Migrationsrecht zunehmend in konkrete Diskriminierung umschlagen – ein Trend, der das Sicherheitsgefühl vieler als muslimisch gelesener Menschen massiv beeinträchtigt.“

Berlin: CLAIM spricht von „alarmierenden Ergebnissen“

Claim-Geschäftsführerin Rima Hanano sprach von alarmierenden Ergebnissen. Seit dem Terrorangriff der islamistischen Hamas vom 7. Oktober 2023 habe nicht nur Antisemitismus deutlich zugenommen, sondern auch antimuslimischer Rassismus.

„Die Jahresbilanz zeigt, dass antimuslimische Übergriffe und Diskriminierungen in Berlin an der Tagesordnung sind. Der massive Anstieg dokumentierter Fälle um fast 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und die Enthemmung gegenüber betroffenen Menschen müssen als Weckruf verstanden und dürfen nicht länger hingenommen werden.“

Der Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024 habe ebenfalls zu einer Dynamisierung geführt. Muslime würden unter Generalverdacht gestellt; das ermutige andere, Muslime öffentlich zu diskriminieren, so Hanano.

Realität des Berliner Alltags

Antimuslimischer Rassismus sei kein Randphänomen, sondern eine strukturelle Realität in Schule, am Arbeitsplatz und bei der Polizei. 35 & der erfassten Fälle fand laut Bericht im Bildungsbereich statt. „Dabei diskriminierten nicht nur Schüler, sondern auch Lehrkräfte“, sagte Hanano.

Sie kritisierte, antimuslimischer Rassismus werde politisch weitgehend ignoriert. An den Berliner Senat appellierte sie, Vorfälle besser zu erfassen und mehr unabhängige Beratungsstellen zu schaffen, damit Betroffene spezielle Hilfe bekommen könnten. Auch müsse das Berliner Neutralitätsgesetz abgeschafft werden, da es Frauen mit Kopftuch diskriminiere.

„Für die Bekämpfung von antimuslimischem Rassismus und den Schutz von betroffenen Menschen in Berlin sind jetzt entschiedenes Handeln und eine klare Positionierung notwendig. Insbesondere in Schulen aber auch in der Verwaltung und in Behörden insgesamt ist eine stärkere Auseinandersetzung mit antimuslimischem Rassismus notwendig.“

Claim warb dafür, den 1. Juli zum Gedenktag gegen antimuslimischen Rassismus zu machen – im Gedenken an die Ermordung der schwangeren Marwa El-Sherbini in einem Dresdner Landgerichtssaal am 1. Juli 2009.

Sie hatte in einem Strafprozess als Zeugin ausgesagt, als der Angeklagte sie mit 18 Messerstichen tötete. Im Prozess ging es darum, dass er sie auf einem Spielplatz islamfeindlich beschimpft hatte.

Senatorin Kzilepe: Berlin steht für eine offene Gesellschaft

Berlins Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung erklärt zu den Zahlen: „Berlin steht für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Doch wir erleben leider auch hier antimuslimischen Rassismus. Wir müssen ihn sichtbar machen und dürfen ihn nicht verschweigen. Denn nur so können wir ihn erfolgreich bekämpfen und uns vor ihm schützen. Monitoringstellen wie Report! leisten dafür eine unverzichtbare Arbeit.“

Diese Dokumentationen bilden in ihren Augen die Grundlage für die Politik und die Zivilgesellschaft, um noch besser zu handeln und betroffene Menschen wirksam schützen können. Die aktuelle Jahresbilanz von CLAIM zeig ein zunehmend vergiftetes soziales Klima. Muslimfeindlichkeit werde zur Spaltung der Gesellschaft genutzt. „Alle Demokrat*innen sind aufgefordert, noch mehr dagegen zu tun, damit unsere Gesellschaft nicht verroht. Wir stehen allen Menschen, die von antimuslimischem Rassismus betroffen sind, solidarisch zur Seite.“

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IZ-Reiseblog: Kafkas Metamorphosen in Berlin

kafka

Was ist „kafkaesk“? Zweifellos werden, allgemein gesprochen, Erfahrungen der Desorientierung, der Ausgrenzung und die Begegnung mit sinnentleerten Ordnungen beschrieben.

(iz). Bereits letztes Jahr erschien in der „Islamischen Zeitung“ ein Artikel über die Frage: Warum fasziniert Franz Kafka bis heute? Die Aktualität dieses Schriftstellers, der ein Meister der Beschreibung von Stimmungen der Moderne war, steht auch im Mittelpunkt einer sehenswerten Ausstellung (Access Kafka) im jüdischen Museum in Berlin.

Das Thema wird für den Besucher im Begleitmaterial konkretisiert: „Als Jurist und Beamter verbindet Kafka Fragen über das Gesetz mit der Kunst: Ihn beschäftigt das sinnentleerte Regelwerk der Bürokratie, die anonyme Fremdbestimmung der Gewalten, das Eindringen in die Privatsphäre und die Unzugänglichkeit der Macht.“

Warum benutzen wir das Adjektiv „kafkaesk“?

Während ich durch die thematisch gegliederten Räume wandere, fällt mir immer wieder das Adjektiv „kafkaesk“ ein, das sich tief in unseren Sprachgebrauch eingegraben hat. Was ist damit gemeint?

Zweifellos werden, allgemein gesprochen, Erfahrungen der Desorientierung, der Ausgrenzung und die Begegnung mit sinnentleerten Ordnungen beschrieben. Wir erleben Prozesse, die scheinbar auf Grundlage von Gesetzen vollzogen werden, deren Inhalt aber unbekannt oder unbestimmt sind und nicht unmittelbar sinnvoll erscheinen.

Es sind oft Minderheiten, die derartige Phänomene früh registrieren. In der muslimischen Erfahrungswelt, um nur ein Beispiel zu nennen, werden Situationen als „kafkaesk“ erfahren, wenn wir im Ergebnis politischer Beurteilung immer verdächtig sind, weil Definitionen wie „islamistisch“, „legalistisch“ und „fremd“ unbestimmt bleiben und uns diejenigen schnell treffen, die in der Öffentlichkeit auffallen.

Oder wir erleben, dass x-beliebige, von Muslimen begangenen Straftaten als Ausdruck der Religion an sich gelten. Sie geraten in das kollektive Bewusstsein und wir rechtfertigen uns im Prozess dieser Logik permanent.

Foto: Mondadori Portfolio | Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Kafka hatte ein ambivalentes Verhältnis zur Religion

Kafka selbst hatte – wie die Ausstellung zeigt – ein ambivalentes Verhältnis zur Religion. Er stammte aus einer assimilierten, liberal-jüdischen Familie, beschreibt in seinen Büchern nicht explizit das Judentum, lernt Hebräisch und informiert sich über die Idee des Zionismus.

Mit dem Trend der „Identitätspolitik“ unserer Zeit könnte er wenig anfangen. In seinem Tagebuch fragt er: „Was habe ich mit Juden gemeinsam?“ Und erwidert sogleich: „Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam!“ Sein eigenes Selbst ist niemals fassbar, in einer permanenten Veränderung und das Ende seiner Entwicklung bleibt stets offen.

Drastisch verläuft die Idee der Metamorphose in der „Verwandlung“, eines seiner berühmtesten Bücher. Die Geschichte handelt von Gregor Samsa und dessen plötzlicher Umgestaltung in ein „Ungeziefer“. Dieser Begriff ist für deutsche Bildungsbürger, die ihren Goethe kennen, als Naturprinzip positiv besetzt.

Kafka dagegen zeigt die Dramatik fehlgeleiteter Verwandlungen – seien sie auf persönlicher oder gesellschaftlicher Ebene. Wieder ist die Aktualität des Schriftstellers greifbar: Wie verändert der Populismus in den sozialen Medien unser Bewusstsein? Warum sind differenzierende Positionen – gerade im Umgang mit Minderheiten – heute derart unpopulär?

In diesem Sinne durch den Ausstellungsbesuch gestimmt, steige ich eine die Treppe hinunter zur Dauerausstellung des Museums. Im Untergeschoss des Libeskind-Baus kreuzen sich drei Achsen, die symbolisch für die unterschiedliche Entwicklung jüdischer Lebensgeschichten in Deutschland stehen: die des Exils, eine des Holocaust und die der Kontinuität.

Foto: Jens Ziehe | Copyright: Jüdisches Museum Berlin

Die Auseinandersetzung mit dieser Konstellation geschichtlicher Erfahrung hat uns Deutsche geprägt; egal, ob wir Muslime sind oder nicht. Warum dies so ist, zeigt die Kontinuitätsachse des Museums. Hier lässt sich der traurige Gang der Historie studieren. Sprachlichen Verfehlungen und Gerüchten folgen kollektive Zuschreibungen gegenüber den Juden. Der Horror der Verfolgung bricht schleichend in den Alltag ein und endet im industriell organisierten und bürokratisch verwalteten Massenmord.

Die Achse des Holocaust endet im Voided Void (entleerte Leere), auch Holocaust-Turm genannt. Er erinnert an das Geschehen, das Hannah Arendt mit dem schlichten Satz zusammenfasste: „Es hätte niemals passieren dürfen!“

Es ist hier still, kalt, dunkel, die Atmosphäre wirkt beklemmend. Tageslicht dringt ausschließlich durch einen schmalen Schlitz an der Decke des Betonschachts. Beim Verlassen dieses Ortes denke ich darüber nach, mit welchen Hoffnungen die BesucherInnen wohl das Licht in der Dunkelheit verbinden: Ist es ein Gott? Das Völkerrecht? Die Vernunft- und Lernfähigkeit des Menschen?

Foto: Tobias Arhelger, Shutterstock

Nachklang der „Kontinuität“

Am Anschluss meiner Reise in die dunklen Abgründe der Geschichte klingt die Idee der „Kontinuität“ nach. Wie geht es weiter? Wir erleben heute hitzige Debatten über die Politik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern und die Reaktion auf den Terrorismus der Hamas im Konkreten.

Ist das geflügelte Wort der deutschen Staatsräson – im Angesicht geschichtlicher Verantwortung – gar selbst „kafkaesk“, weil hier eine gesetzlich nicht fassbare Wortschöpfung einen Geltungsanspruch beansprucht?

Verständlich ist, dass der Begriff eine klare Haltung postuliert, die sich innenpolitisch dazu verpflichtet, religiöses Leben in Deutschland abzusichern und gegen Angriffe, von wem auch immer – zu verteidigen. Die Klage darüber, dass jüdische MitbürgerInnen sich auf deutschen Straßen nicht mehr frei bewegen, ist nicht nur ein Warnsignal, sondern umschreibt eine beschämende Realität.

Die Überzeugung dagegen, dass die Normen und das Maß des internationalen Völkerrechts für alle Parteien gelten, ist eine andere Lehre aus der Geschichte und ein Maßstab für die Glaubwürdigkeit deutscher Außenpolitik.

Wem nach dem richtigen und angemessenen Tonfall in diesen Auseinandersetzungen gelegen ist, sei ein Besuch der Ausstellung in Berlin empfohlen.

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Berlin: DMZ verleiht Ehrenamtspreis für engagierte muslimische Frauen

Ehrenamtspreis

Das Deutsche Muslimische Zentrum (DMZ Berlin e.V.) verleiht den Ehrenamtspreis „Nisa“ am 28. November 2024, ab 18:30 Uhr an drei ausgewählte muslimische Frauen, die durch ihren sozialen Einsatz und ihr Engagement aktiv an der positiven Entwicklung und Verstärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und Fortschritts beitragen.

Berlin (DMZ). Die feierliche Veranstaltung findet mit geladenen Gästen aus Politik, Gesellschaft und anderen Religionen im Gemeindesaal der St. Johanniskirche, Alt-Moabit 24, 10559 Berlin, statt. Für das Grußwort wurde Herr Joe Chialo, Senator für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt angefragt. Umrahmt wird die Veranstaltung von künstlerischen Darbietungen und einem abschließenden gemeinsamen Essen.

Zuvor waren die Berliner Moscheen und muslimischen Organisationen aufgerufen worden, besonders engagierte Frauen ihrer Gemeinschaften vorzuschlagen. Fünf muslimische Jurorinnen mit eigener weitreichender Erfahrung im Ehrenamt wählten aus den Nominierten die ersten drei Plätze aus, die hier mit dotierten Preisen besonders geehrt werden.

Der Preis wird nun bereits zum vierten Mal vom DMZ Berlin e.V. ausgelobt. Yalcin Delikaya, Vorsitzender des DMZ hebt hervor: „Ehrenamt ist elementar für eine starke Zivilgesellschaft und unverzichtbar wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland. Was mit ehrenamtlichem Engagement möglich ist, welche Kraft dahintersteckt, zeigen die hier ausgezeichneten Schwestern mit ihrer Vita und ihrem freiwilligen Einsatz.

Jedes Engagement in den Diensten der Gesellschaft verdient großen Dank und höchsten Respekt. Umso schöner ist es, wenn für jahrelange ehrenamtliche Tätigkeiten ein Abend organisiert und diese Personen auch gebührend gefeiert werden.“ 

Das Deutsche Muslimische Zentrum Berlin engagiert sich seit 1989 im Dialog mit der Berliner Gesellschaft und setzt hier immer wieder innovative brückenbauende Themen über kulturelle Grenzen hinweg.

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Kotti oder das geheime Herz von Westberlin

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Robert Rigney erzählt Geschichten rund um den Kotti und von Geistern der Vergangenheit. (iz). In den letzten zwanzig Jahren hat sich hier am Kottbusser Tor (oder Kotti, wie es liebevoll […]

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