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Dialog heute oder die Müdigkeit des Gesprächs

Dialog denken

Warum wir das Denken im Dialog verlernen – und gerade jetzt neu lernen müssten.

(iz). Bis heute sind die platonischen Dialoge mehr als philosophische Texte; sie sind ein kultureller Mythos. In ihnen entfaltet sich Denken als Bewegung, als tastendes Fragen, das sich um Schönheit und Gerechtigkeit kreist, ohne je in endgültigen Antworten zu erstarren. Platon selbst misstraute der Schrift, weil sie das Gespräch erstarren lässt.

Wahrheit, so legt sein Werk nahe, ereignet sich nicht im fixierten Satz, sondern im lebendigen Austausch, im Widerstand sowie im gemeinsamen Ringen um Begriffe.

Dialog: Für Platon liegt Wahrheit im Austausch

Gerade darin liegt ihre unerwartete Aktualität. Denn die großen Ideen Platons erscheinen heute zugleich als Orientierung und als Provokation. Sind diese Begriffe – das Gute, das Schöne, das Gerechte – Relikte einer metaphysischen Vergangenheit, die es zu dekonstruieren gilt? Oder sind sie notwendige Bezugspunkte, ohne die unser Denken ins Beliebige zerfällt?

Die eigentliche Frage verschiebt sich damit: Nicht, ob wir diese Ideen bewahren, sondern wie wir sie unter den Bedingungen der Gegenwart neu zum Sprechen bringen.

Für die Griechen war klar, dass diese Aufgabe an eine Fähigkeit gebunden ist, die selbst geübt werden muss: die Kunst des Gesprächs.

Rhetorik war mehr als Kunst der Überredung

Rhetorik war kein bloßes Instrument der Überredung, sondern eine Praxis der gemeinsamen Welterschließung. Der Mensch erschien als ein Wesen, das sich im Dialog bildet – nicht in der Vereinzelung, sondern im Gegenüber.

Heute hingegen scheint genau diese Voraussetzung brüchig geworden zu sein. Die Gesellschaft ringt sichtbar um Orientierung, doch sie verfügt immer weniger über gemeinsame Formen, in denen dieses Ringen produktiv werden könnte.

Im Privaten begegnen wir einander oft als „volle Gläser“, gesättigt von Informationen, Meinungen und vorgefertigten Urteilen, kaum noch aufnahmefähig für das Fremde.

Im Öffentlichen verschärft sich diese Situation: Debatten drehen sich nicht nur um Inhalte, sondern zunehmend um ihre eigenen Bedingungen. Wer darf sprechen? Wer wird ausgeschlossen? Und nach welchen Regeln soll überhaupt gestritten werden?

Wo findet unser Gespräch statt?

Der Ort des Gesprächs hat sich dabei verschoben. Was einst auf dem Marktplatz oder in der Akademie geschah, findet heute in Talkshows und Podcasts statt. Doch diese Formate folgen eigenen Logiken.

Talkshows leben häufig von der Zuspitzung, vom kalkulierten Konflikt, der Aufmerksamkeit erzeugt, aber selten zur Klärung beiträgt. Podcasts dagegen versprechen Tiefe, doch auch sie bewegen sich zwischen ernsthafter Auseinandersetzung und inszenierter Kontroverse. Dass hier tatsächlich Erkenntnis entsteht, bleibt eine offene, vielleicht die entscheidende Frage.

Mit dem Aufkommen künstlicher Intelligenz tritt nun eine neue Form des Gesprächs hinzu. Wie jede Technik ist auch sie zunächst neutral; entscheidend ist ihre Anwendung. Auffällig ist, dass sie eine Struktur bereitstellen kann, die dem klassischen Dialog überraschend nahekommt.

Wer eine Frage präzise stellt, erhält differenzierte Antworten, oft entlang von Argumenten und Gegenargumenten. In dieser Hinsicht bestätigt sich eine alte Einsicht in neuer Form: Die Qualität des Denkens hängt an der Qualität der Frage.

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Foto: wohislimos, Unsplash

Abhilfe bei Vereinzelung?

Für manche wird diese neue Gesprächsform sogar zu einem Ersatz. Gerade in der Vereinzelung moderner Lebenswelten kann der Dialog mit einer KI eine eigentümliche Faszination entfalten. Sie hört zu, bleibt beim Thema, erinnert sich an den bisherigen Verlauf und entwickelt Gedanken weiter.

Mitunter entsteht der Eindruck eines Gegenübers, das geduldiger und strukturierter reagiert als viele reale Gesprächspartner. Doch gerade diese Erfahrung wirft eine beunruhigende Frage auf: Was sagt es über unsere Gesprächskultur, wenn Maschinen diese Rolle übernehmen können?

Dabei wäre es zu einfach, die Störung allein der Technologie zuzuschreiben. Auch menschliche Kommunikation ist nie frei von Verzerrungen. Missverständnisse, Übertreibungen, ja selbst Formen von „Halluzination“ gehören zum Alltag des Sprechens.

Wir bewegen uns stets in Modellen der Welt, nicht in der Welt selbst. Der Unterschied liegt weniger in der Fehlerhaftigkeit als in der Art, wie wir mit ihr umgehen – ob wir sie reflektieren oder verstärken.

Vielleicht zeigt sich darin auch ein leiser Zug unserer Zeit: dass das reale Gespräch als anstrengend empfunden wird. Es verlangt Aufmerksamkeit, Geduld, die Bereitschaft, sich irritieren zu lassen.

Der Rückzug ins Vereinfachte, ins Kontrollierbare, ist daher nicht nur eine Folge wachsender Einsamkeit, sondern auch Ausdruck wachsender Bequemlichkeit. Gerade darin liegt jedoch eine Gefahr.

Denn wo das Gespräch vermieden wird, verkümmert nicht nur die Form, sondern auch die Fähigkeit zur gemeinsamen Wirklichkeit. Dies hinzunehmen hieße, einen stillen Verlust zu akzeptieren, der sich erst bemerkbar macht, wenn er kaum noch rückgängig zu machen ist.

Foto: Freepik.com

Die entscheidende Frage ist eine menschliche

Am Ende führt all dies zurück zu einer älteren, vielleicht grundlegenderen Einsicht: Die entscheidende Frage ist nicht technologischer, sondern anthropologischer Natur. Es geht um die Vertiefung des Menschen selbst.

Nur, wenn wir unsere Fähigkeit zum Zuhören, zum Fragen und zum gemeinsamen Denken erneuern, können wir den Herausforderungen neuer Technologien begegnen, ohne uns in ihnen zu verlieren.

Der eigentliche Ort des Gesprächs bleibt dabei offen: Er ist weder rein privat noch vollständig digital, sondern entsteht dort, wo echte Begegnung möglich wird.

Dass diese Begegnung auch eine öffentliche Dimension hat, wussten bereits die Griechen. Gespräch war für sie kein Rückzug, sondern eine Form des Erscheinens vor anderen. Diese Dimension preiszugeben hieße, einen wesentlichen Teil unserer kulturellen Praxis aufzugeben.

Die Herausforderung unserer Zeit besteht daher nicht nur darin, neue Räume des Dialogs zu schaffen, sondern die Bedingungen dafür wiederzuentdecken, dass Gespräch überhaupt mehr sein kann als bloßer Austausch von Meinungen: nämlich ein gemeinsamer Weg zur Erkenntnis.

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Offener Brief vom Benjamin Idriz: Kanzleramt ließ Chance verstreichen

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Im Frühjahr hat der Imam Benjamin Idriz in einem offenen Brief den Kanzler zu einem Gespräch eingeladen. Dieser hat die Chance ausgeschlagen.

(iz). Benjamin Idriz hat mit einem Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz ein stilles, aber deutliches Signal gesetzt: Er widerspricht der pauschalen Rede vom „Frauenbild im Islam“ – und lädt den Kanzler zugleich zum Gespräch nach Penzberg ein. 

In einer aufgeheizten Atmosphäre seit Oktober 2023 markiert dieses Schreiben den Versuch, die Debatte über Muslime und ihre Religion zurück auf eine differenzierte, dialogische Grundlage zu holen.

Beim F.A.Z.-Kongress 2026 in Frankfurt knüpfte Merz die Debatte über Gewalt gegen Frauen eng an Zuwanderung und verwies dabei ausdrücklich auf „das Familienbild im Islam“ und „das Frauenbild in diesen Gesellschaften“. Während er Beifall im Saal erhielt, lösten seine Worte bei vielen Muslimen Irritation und die Sorge aus, erneut als Kollektiv problematisiert zu werden.

Merz traf einen Nerv: Seit den Terroranschlägen der Hamas im Oktober 2023 und dem Krieg in Gaza haben sich Misstrauen und Distanz zwischen Bundesregierung und islamischen Organisationen spürbar verschärft, Klagen über Generalverdacht und einseitige Erwartungen zur Distanzierung häufen sich.

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Foto: B. Idriz

Benjamin Idriz ist seit Jahren eine prominente Stimme einer dialogorientierten Community. Die Islamische Gemeinde Penzberg gilt bundesweit als Modellgemeinde: Sie wird regelmäßig von Spitzen aus Politik, Kirchen und Wissenschaft besucht, darunter Bundespräsident Steinmeier und jüngst der bayerische Ministerpräsident Söder.

Idriz verbindet Gemeindearbeit mit theologischer Reflexion. Sein Buch „Der Koran und die Frauen“ wird inzwischen in fünfter Auflage aufgelegt und dient vielen als Referenz für ein, aus der Lehre begründetes Verständnis geschlechtergerechter Religionspraxis.

In Penzberg, darauf verweist er ausdrücklich, haben Musliminnen Leitungsfunktionen inne, gestalten das religiöse Leben mit und sind an allen Entscheidungsprozessen beteiligt. Gleichberechtigung soll hier Alltag, nicht bloß Programmsatz sein.

In seinem Schreiben an Merz setzt Idriz nicht bei der Verteidigung gegen Kritik an, sondern bei der Unterscheidung: Er akzeptiert ausdrücklich, dass problematische gesellschaftliche Entwicklungen benannt werden müssen, betont aber, entscheidend sei die „begriffliche Rahmung“.

Wenn der Kanzler vom „Frauenbild im Islam“ spreche, verwische er die Grenze zwischen religiöser Norm, kulturellen Praktiken und individuellen Fehlentwicklungen – und erwecke so den Eindruck, das Problem liege im Glauben selbst.

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Foto: Adobe Stock

Dem hält Idriz eine Gegenlektüre entgegen: Qur’an und prophetische Tradition formulierten ein Frauenbild, das auf Würde, Verantwortung, spiritueller Gleichwertigkeit und sozialer Gerechtigkeit beruhe; Defizite seien Folge historischer und sozialer Konstellationen, nicht religiöser Vorgaben.

Zugleich unterstreicht er, dass die eigene Gemeinde nicht nur theoretische Positionen vertrete, sondern Strukturen geschaffen habe, in denen Frauen tatsächlich mitbestimmen und gegen Diskriminierung aktiv vorgegangen werde. Damit verschiebt er den Fokus: Weg von abstrakten Zuschreibungen, hin zu konkreten Praxisbeispielen, an denen sich politische Debatten messen lassen.

Zentraler Punkt des Briefes ist die Einladung an den Kanzler, die Penzberger Gemeinde zu besuchen. Idriz schlägt vor, den von Merz eingeforderten „offenen Diskurs“ durch direkte Begegnung zu unterfüttern und daraus eine sachlich fundierte Debatte auf Augenhöhe zu machen.

Er bietet an, dem Bundeskanzler sein Buch zu überreichen und das Gespräch über Frauenrechte, Religion und Integration auf eine wissenschaftlich und praktisch erprobte Basis zu stellen.

Gleichzeitig verweist er höflich, aber unmissverständlich auf die Verantwortung politischer Spitzen für Ton und Wirkung ihrer Worte. Wer Debatten anstoße, müsse dafür sorgen, dass neben berechtigter Kritik auch positive Beispiele sichtbar würden – gerade jene Gemeinden, die sich aktiv für Gleichberechtigung einsetzen. 

Ein solcher Perspektivwechsel, so die Botschaft, stärke das Vertrauen von Muslimen in die Institutionen und ermutige diejenigen, die seit Jahren an einem partnerschaftlichen Miteinander arbeiten.

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Foto: Ryan Nash Photography, Shutterstock

Seit den Massakern vom 7. Oktober 2023 und dem Gazakrieg hat sich die Kommunikation zwischen Moscheeverbänden und Bundesregierung spürbar verschlechtert: Viele Gemeinden berichten von wachsender Verunsicherung, angespannten Sicherheitslagen und einem Diskurs, in dem Muslime häufig in sicherheits- oder problembezogenen Kontexten vorkommen.

Vorwürfe pauschaler „Importprobleme“, Diskussionen um Demonstrationsverbote und islamfeindliche Übergriffe haben das Vertrauen auf beiden Seiten belastet.

In dieses Klima hinein ist der Brief aus Penzberg mehr als eine Einzelreaktion auf eine unglückliche Formulierung. Er markiert den Versuch, die Beziehung zwischen Staat und Muslimen nicht defensive Stellungnahmen überlassen, sondern sie über konkrete Kooperation und theologisch reflektierte Praxis neu zu justieren.

Dass ein bundesweit vernetzter Imam früh und öffentlich das Gespräch mit Merz sucht, zeigt, dass es in Moscheegemeinschaften nicht an Ansprechpartnern mangelt, sondern an politischen Formaten, die diese Ressourcen ernsthaft nutzen. Das Schreiben ist damit ein Test: ob die Bundesregierung bereit ist, differenzierte muslimische Stimmen nicht nur als Adressaten von Integrationsappellen, vielmehr als Partner in einer gemeinsamen Wertearbeit wahrzunehmen.

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Frieden im Fokus: Bischöfe empfangen Muslime

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Frieden im Fokus: Das Gespräch zwischen Christen und Muslimen ist für die deutsche Gesellschaft wichtiger denn je. Beim diesjährigen Empfang der katholischen Bischöfe für die muslimischen Dialogpartner setzte man auf die Gemeinsamkeiten.

Frankfurt (KNA/iz) Christen und Muslime haben für ein friedliches und solidarisches Miteinander geworben. Bischof Bertram Meier rief beim Jahresempfang der katholischen Deutschen Bischofskonferenz für die Akteure im christlich-islamischen Dialog in Frankfurt am 27. März zum Schulterschluss gegen radikale Kräfte und für eine offene Gesellschaft auf.

„Wir brauchen echte Solidarität, wenn Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit Anfeindungen und Übergriffe erfahren“, so der Augsburger Bischof. Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und jede Form von Menschenfeindlichkeit dürften in der Gesellschaft keinen Platz haben.

Meier, in der Bischofskonferenz Vorsitzender der Unterkommission für den Interreligiösen Dialog, erinnerte an das Weltgebetstreffen der großen Religionen für den Frieden 1986 in Assisi auf Einladung von Papst Johannes Paul II.

„Als gläubige Menschen wissen wir, dass Frieden letztlich immer ein Geschenk Gottes ist. Damit jedoch der Friede, den Gott gibt, in dieser Welt wirksam wird, bedarf es unserer Mitwirkung“, betonte Meier.

Rund 120 Gäste waren der Einladung zu dem Empfang im Frankfurter Haus am Dom gefolgt. Bei einem Eröffnungsgebet im Dom betonte Meier, dass Christen und Muslime trotz Unterschieden in der Glaubenslehre geistliche Berührungspunkte teilten.

Beide Religionen vertrauten sich einem barmherzigen Schöpfergott an. Er appellierte an die gemeinsame Verantwortung für den Frieden in der Welt. „Denn Frieden ist mehr als das Schweigen der Waffen – er beginnt im Herzen der Menschen.“

Die Vorsitzende der Christlich-Islamischen Gesellschaft, Dunya Elemenler, warb in ihrem Grußwort für aktives Handeln. Es gehe darum, „nicht nur Unterschiede zu benennen, sondern vor allem Vertrauen wachsen zu lassen“, so die Muslimin.

Denn am Ende entscheide sich die Zukunft des interreligiösen Dialogs im Miteinander der Menschen. „Wenn es uns gelingt, Dialog als echte Beziehungsarbeit zu verstehen und zu leben, dann kann daraus mehr entstehen als Verständigung: nämlich gegenseitige Wertschätzung, Vertrauen – und vielleicht sogar Freundschaft.“

Der katholische Bischof von Innsbruck, Hermann Glettler, und der muslimische Religionspädagoge und Imam Abualwaffa Mohammed berichteten über ihre gemeinsamen Dialogerfahrungen, über die sie 2025 ein Buch veröffentlicht haben.

Glettler hob eine Haltung von Offenheit hervor: „Fruchtbare Dialoge gelingen nur, wenn wir uns selbst verletzlich machen und uns aus der Sicherheitszone der eigenen Positionen herauslocken lassen – hin zu einer beglückenden Erfahrung des Menschseins.“

Foto: Marko Orlovic/Deutsche Bischofskonferenz/X

Imam Mohammed warnte vor Freund-Feind-Denken und ideologischen Vereinfachungen, die Rassisten und radikale Islamisten verbinde. „Einen Ausweg gibt es nur, wenn wir versuchen, in jedem einen Menschen zu sehen.“

Es war der siebte Jahresempfang der Bischofskonferenz für die Partnerinnen und Partner im christlich-muslimischen Dialog. Dessen Ursprünge gehen in der katholischen Kirche zurück auf das Dokument „Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965).

Die Kirche vollzog darin eine Öffnung zu anderen Religionen. Nach Jahrhunderten von Gegensätzen und Feindschaft zwischen Christen und Muslimen bekundete das Konzilsdokument 1965 Hochachtung vor dem Islam. Insbesondere die Päpste Johannes Paul II. und Franziskus förderten später den Dialog mit den Muslimen.

Auch die katholische Kirche in Deutschland führt das Gespräch mit Musliminnen und Muslimen, Islamverbänden und weiteren Vertretern auf vielen Ebenen. So haben etliche Bistümer eigene Islam-Beauftragte.

Mit der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle Cibedo in Frankfurt am Main unterhält die Bischofskonferenz zudem eine wissenschaftliche Fachstelle für den christlich-islamischen Dialog.

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Jerusalem – der Schlüssel, der Religionen verbindet

Jerusalem

Jerusalem: Wie ein tägliches Ritual im Morgengrauen um die Grabeskirche einen Weg zu mehr Frieden weisen kann

(iz). Wenn die Altstadt von Jerusalem noch im Halbdunkel liegt und nur vereinzelte Schritte durch die Gassen hallen, beginnt ein Vorgang, der älter ist als viele Staaten dieser Welt.

Zwei Männer begegnen sich vor dem Portal der Grabeskirche. Beide gehören muslimischen Familien an, deren Namen seit Generationen mit diesem Ort verbunden sind. Die Familie Judeh al-Husseini und die Familie Nusseibeh.

Einer trägt den Schlüssel bei sich, ein langes, schmales Stück Metall von beträchtlicher Größe. Der andere übernimmt ihn, setzt ihn ins Schloss und öffnet das schwere Tor. Hinter ihm liegt nach christlichem Glauben das Grab Jesu, das Zentrum der Christenheit. Die Szene wirkt schlicht. Doch sie erzählt von einer komplexen Geschichte.

Foto: Jorge Láscar/via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Jerusalem: Konkurrenz im Heiligtum

Schon früh wurde die Grabeskirche nicht von einer einzigen Kirche verwaltet. Mehrere alte christliche Gemeinschaften beanspruchten Rechte an Kapellen, Altären und sogar an einzelnen Stufen. Armenier, Griechen, Kopten, Syrer, Äthiopier und auch Katholiken teilen sich das Gebäude bis heute nach streng festgelegten Regeln.

Was von außen wie Einheit aussieht, ist im Inneren oft ein empfindliches Gleichgewicht. Selbst kleinste Veränderungen, wie z.B. wo ein bestimmtes Möbelstück stehen darf und nicht stehen darf, lösen Spannungen aus. Historisch führten solche Auseinandersetzungen nicht nur zu lautstarken Streitigkeiten, sondern auch zu politischen Konflikten mit internationaler Tragweite.

Im 19. Jahrhundert etwa nutzte das Russische Reich Differenzen um Schutzrechte an christlichen Stätten als Vorwand für militärische Schritte gegen das Osmanische Reich. Der daraus entstandene Krimkrieg zeigt, wie eng religiöse Fragen mit Machtpolitik verflochten waren.

Bis heute kommt es gelegentlich zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen Geistlichen verschiedener christlicher Konfessionen. Die Spannungen sind Teil einer langen Geschichte konkurrierender Ansprüche.

Die Entscheidung Saladins

Ein Wendepunkt trat 1187 ein. Nach seinem Sieg über die Kreuzfahrer übernahm Saladin die Herrschaft über Jerusalem. Wie viele seiner muslimischen Vorgänger in anderen Gebieten, entschied auch er sich gegen die Zerstörung von Kirchen und Synagogen. Die Grabeskirche blieb bestehen.

Um jedoch dauerhafte Konflikte unter den christlichen Gruppen zu verhindern, wurde eine ungewöhnliche Lösung gefunden. Die Verantwortung für den Schlüssel ging an muslimische Familien über. Damit lag die Kontrolle über das Öffnen und Schließen des Tores in neutralen Händen.

Foto: Freepik

Diese Regelung stabilisierte die Situation. Keine der christlichen Kirchen musste befürchten, dass eine rivalisierende Gemeinschaft die Oberhand gewann. Gleichzeitig blieb der Zugang für Pilger gesichert.

Christen und Juden konnten sich auf die muslimischen Schlüsselträger verlassen. Seit fast 900 Jahren sorgen sie für Schutz und Sicherheit in der Grabeskirche, so dass der Gottesdienst stattfinden kann.

Ein lebendiges Gleichgewicht

Heute erscheint diese Praxis wie ein stilles Lehrstück über Zusammenleben. In einer Stadt, in der religiöse Identitäten tief verwurzelt sind und politische Spannungen zum Alltag gehören, existiert hier eine Kooperation, die auf Vertrauen und Tradition beruht.

Der Schlüssel wechselt jeden Morgen die Hand. Zwei Männer erfüllen ihre Aufgabe, unabhängig von theologischen Differenzen oder politischen Entwicklungen.

Das schwere Tor öffnet sich nur, wenn beide ihren Teil beitragen. In dieser einfachen Handlung liegt eine symbolische Kraft. Selbst an einem Ort voller Geschichte und Konflikte ist das Miteinander möglich, wenn Rollen klar verteilt und gegenseitiger Respekt gewahrt bleiben.

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Fasten: Muslime und Christen in diesem Jahr beinahe zeitgleich

fasten christen muslime

Fasten gilt in vielen Religionen als wertvolle geistige Übung. Auch für Christen und Muslime. In diesem Jahr beginnen sie gemeinsam.

Bonn (KNA). Am 19. Februar beginnt für Muslime der Fastenmonat Ramadan. Nur einen Tag zuvor, am Aschermittwoch, gehen auch Christen in ihre 40-tägige Fastenzeit bis Ostern.

Für den Dialog zwischen den Religionen ist das ein Glücksfall, der dem islamischen Mondkalender zu verdanken ist. Denn er verschiebt den Beginn des Ramadan jedes Jahr um zehn bis elf Tage nach vorne.

Schon seit einigen Jahren haben sich beide Fastenzeiten deshalb überschnitten, doch ein gemeinsamer Start ist äußerst selten.

Fasten als Besinnung auf Gott

Christen wie Muslime suchen im Verzicht auf materielle Genüsse die Besinnung auf Gott, ihre jeweiligen Glaubensinhalte und die eigene Spiritualität.

Die Zeit der Entbehrung und Buße soll geistige Selbstdisziplin und das Mitgefühl mit Bedürftigen stärken. Beide Religionen erlauben Ausnahmen für bestimmte Gruppen, so sollen etwa Kranke und Schwangere nicht fasten.

Doch es gibt auch große Unterschiede zwischen Ramadan- und christlichem Fasten. Während Muslimen an allen 30 Tagen des Monats von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang jegliches Essen und Trinken, sogar Rauchen und Geschlechtsverkehr strikt untersagt sind, gilt für Christen vor allem der Fleischverzicht.

Streng geregelt sind in der katholischen Kirche aber nur der Aschermittwoch und der Karfreitag. Für Protestanten herrschen keine speziellen Vorschriften.

Zwischen Individuum und Gemeinschaft

Auch deshalb ist das Fasten im christlichen Kontext heute stark individualisiert. Man verzichtet auf Süßigkeiten, Alkohol, Fernsehen oder Social Media. Im Alltag christlich geprägter Länder wie Deutschland spielt die vorösterliche Enthaltsamkeit kaum noch eine Rolle.

Der Ramadan, der mit dem dreitägigen Fest des Fastenbrechens endet, hat im Glaubensleben von Muslimen dagegen einen wichtigen Platz. Neben dem Glaubensbekenntnis, den täglichen Pflichtgebeten, der Almosengabe und der Wallfahrt nach Mekka ist er eine der fünf Säulen des Islam.

Foto: Ini Keutamaan Menghafal

In der islamischen Welt kommt das öffentliche Leben tagsüber quasi zum Erliegen. Dafür ist nach dem abendlichen Fastenbrechen (Iftar) auf den oft festlich beleuchteten Straßen umso mehr los; es gibt öffentliche Armenspeisungen und selbst im Fernsehen laufen fromme Sendungen und besondere Unterhaltungsprogramme.

Zuhause kommen die Familien zum Iftar-Essen zusammen, am späten Abend versammeln sich Männer zum sogenannten Tarawwih-Gebet in den Moscheen – Gemeinschaft wird im Ramadan großgeschrieben.

Fasten – über alle Grenzen beliebt

In Deutschland ist das Fasten über alle kulturellen Grenzen hinweg sehr verbreitet. Etwa drei Viertel der schätzungsweise sechs Millionen Muslime in Deutschland halten sich laut einer Studie ganz oder teilweise an die Gebote des Ramadan.

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Foto: PlanetZ/Adobe Stock

Aber auch 72 Prozent der Mehrheitsgesellschaft gaben 2025 in einer repräsentativen Forsa-Umfrage an, zwischen Aschermittwoch und Ostern auf Genüsse zu verzichten, meist auf Alkohol, Süßes oder Fleisch – und das, obwohl bekennende Christen inzwischen die Minderheit sind.

Der diesjährige gemeinsame Fasten-Start sei für das interreligiöse Verständnis eine besondere Gelegenheit, sagten christliche und muslimische Vertreter der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Förderlich für den Dialog

„Die zeitliche Überschneidung bietet eine willkommene Gelegenheit, einander besser kennenzulernen und den respektvollen, förderlichen Dialog zwischen Christen und Muslimen zu vertiefen“, so Timo Güzelmansur, der die Fachstelle der katholischen Deutschen Bischofskonferenz für den christlich-islamischen Dialog (CIBEDO) in Frankfurt leitet. Trotz unterschiedlicher theologischer Hintergründe teilten beide Religionen das Streben nach Nächstenliebe und Solidarität.

„Ein schöner Zufall“, meint auch die Vorsitzende der Christlich-Islamischen Gesellschaft in Köln, Dunya Elemenler, über den gemeinsamen Aufbruch ins Fasten. „Auch wenn wir aus unterschiedlichen Gründen und auf verschiedene Weise fasten, verbindet uns dabei die Hinwendung zu Gott und zum Mitmenschen.“

hamburg

Foto: IHG Hamburg

Schon in den vergangenen Jahren habe man bei gegenseitigen Einladungen die jeweiligen religiösen Eigenarten beachtet, erzählt die Muslimin. Wenn sie christliche Freunde und Freundinnen zum Fastenbrechen einlade, stimme sie das Menü auf deren Fasten ab und verzichte beim Hauptgang auf Fleisch oder Zucker im Nachtisch.

„Umgekehrt beginnen meine christlichen Freundinnen und Freunde erst mit dem Essen, wenn meine Zeit des Fastenbrechens gekommen ist.“ Nicht nebeneinander, sondern als gläubige Menschen miteinander in dieser Gesellschaft zu agieren, nennt Elemenler den Inbegriff eines gelebten Dialogs.

Zeit für interreligiöses Fasten bietet auch noch das kommende Jahr: Dann beginnt der Ramadan am 8. Februar – dem Rosenmontag.

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Coexister oder „Weltfrieden im Kleinen“

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Nahostkrieg, Flüchtlingskrise, Konflikte – der Verein Coexister geht dem nicht aus dem Weg, sondern macht das Miteinander zwischen Religionen und Weltanschauungen möglich. Und bekam dafür jetzt einen wichtigen Preis. (KNA). […]

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Imam Benjamin Idriz: „Diese Vielfalt hat uns bereichert“

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IZ-Begegnung mit Imam Benjamin Idriz über eine Kindheit in einer Gelehrtenfamilie, multikulturelle Moscheegemeinden und die Notwendigkeit des Dialogs. (iz). Benjamin Idriz, 1972 in Skopje geboren, ist Imam und islamischer Theologe […]

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60 Jahre „Nostra Aetate“ – ein neues Kapitel des Dialogs

dialog Nostra Aetate

Die Erklärung Nostra Aetate wird 60 Jahre alt. Eine Muslima reflektiert über den anhaltenden Ruf nach christlich-muslimischer Verständigung

(iz). Ich wuchs als muslimisches Einwandererkind in der schönen Stadt Mainz auf. Umgeben von einer reichen katholischen Kultur spürte ich oft die Last, als „anders“ angesehen zu werden.

Ich erlebte am eigenen Leib sowohl die Schönheit als auch die Spannung, die das Leben zwischen religiösen Welten mit sich bringen kann. Zu Hause rezitierte ich den Qur’an, in der Schule sang ich Weihnachtslieder. Ich fastete während des Ramadan, während meine Klassenkameraden Adventskalender öffneten.

Schon als Kind erkannte ich, dass unsere Glaubensrichtungen nicht so weit voneinander entfernt waren, wie sie oft dargestellt. Ich wurde dazu erzogen, Jesus zu verehren nicht nur als Prophet, sondern als eine der beliebtesten Figuren im Islam. Ich wusste von Maria, deren Name im Qur’an mehr geehrt wird als der jeder anderen Frau.

Wenn ich meine Familie und Freunde im Osten der Türkei besuche, bewundere ich oft die alte Aghtamar Heilig-Kreuz-Kirche. Es erinnert mich daran, wie Christen und Muslime im riesigen islamischen Reich fast 1.300 Jahre lang größtenteils friedlich zusammenlebten. Und ich glaube an den einen Gott – an Barmherzigkeit, an Verantwortlichkeit und an einen gemeinsamen moralischen Ruf nach Gerechtigkeit.

Foto: Catholic Press Photo/Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Heute, in einer Zeit, in der jede zweite muslimische Frau in Europa Diskriminierung erlebt, denke ich über die anhaltende Notwendigkeit christlich-muslimischer Zusammenarbeit nach. In „Nostra Aetate“, dem bahnbrechenden Dokument der katholischen Kirche über ihre Beziehungen zu anderen Religionen, sah ich eine Vision, die meine Erfahrung bestätigte. Eine Vision, die beide einlädt, ihre Angst zu überwinden und sich gegenseitigem Respekt, gemeinsamen Werten und einer gerechteren Zukunft zuzuwenden.

Der Geist dieses Dokuments gab mir als Muslima die Möglichkeit, an der Georgetown University – einer katholischen Institution – zu studieren und auf demselben Campus als muslimische Seelsorgerin zu arbeiten. Ich unterstützte Studenten aller Glaubensrichtungen und ohne Glauben und lernte, wie transformativ echte christlich-muslimische Beziehungen sein können.

Das Dokument löscht die schmerzhaften Kapitel unserer verbindenden Geschichte nicht aus – und das sollte es auch nicht. Beide sollten die Vergangenheit nicht vergessen, dürfen sich aber ebenfalls nicht von ihr gefangen nehmen lassen. Der einzige Weg nach vorn führt gemeinsam, in Wahrheit und gegenseitigem Respekt.

Während diese Vision einen großen Wandel in der Geschichte der katholischen Kirche darstellte, bemühten sich die Muslime auch, die Beziehungen zu anderen Gemeinschaften zu verbessern.

So schrieb beispielsweise der Gelehrte Bediüzzaman Said Nursi einen Brief an Papst Pius XII., in dem er seine Hoffnung auf eine Zusammenarbeit zwischen Christen und Muslimen gegen wachsende Feindseligkeit, weit verbreitete Armut und moralischen Verfall zum Ausdruck brachte.

1953 besuchte Nursi den Patriarchen Athenagoras in Istanbul, um ihn um Kooperation zu bitten. Seine Vision war im Vorbild und in den universalen Lehren des Propheten Muhammad (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden) verwurzelt und hat immer noch Bestand: Zusammenarbeit, die im Glauben ruht.

Deshalb war ich tief bewegt, als ich erfuhr, dass Papst Johannes Paul II. bei seinem apostolischen Besuch in meiner Heimatstadt Mainz im Jahr 1980 sich direkt an die muslimischen Einwanderer – meine Gemeinde – wandte und unsere Anwesenheit, unseren Glauben und unsere Würde bestätigte:

„Aber nicht alle Gäste in diesem Land sind Christen; eine besonders große Gruppe bekennt sich zum Glauben des Islam. Auch euch gilt mein herzlicher Segensgruß!

Wenn ihr mit aufrichtigen Herzen euren Gottesglauben aus eurer Heimat hierher in ein fremdes Land getragen habt und hier zu Gott als eurem Schöpfer und Herrn betet, dann gehört auch ihr zu der großen Pilgerschar von Menschen, die seit Abraham immer wieder aufgebrochen sind, um den wahren Gott zu suchen und zu finden.

Wenn ihr euch auch in der Öffentlichkeit nicht scheut, zu beten, gebt ihr uns Christen dadurch ein Beispiel, das Hochachtung verdient. Lebt euren Glauben auch in der Fremde und lasst ihn euch von keinem menschlichen oder politischen Interesse missbrauchen!“

Dieser Moment ist wichtig. Diese Gesten sind wichtig in einem wachsenden Klima der Entmenschlichung und Dämonisierung muslimischer Einwanderer und Flüchtlinge.

Foto: CNS/Paul Haring

Und in unserer Zeit hat Papst Franziskus dieses Erbe fortgeführt. In „Fratelli Tutti“ ruft er Menschen aller Glaubensrichtungen – und auch solche ohne Glauben – dazu auf, einander als Brüder und Schwestern anzuerkennen. Inspiriert von seiner Freundschaft mit Groß Imam Ahmed el-Tayeb der al-Azhar bekräftigte der ehemalige Papst Franziskus, dass „authentische Religion“ eine Kraft für Frieden und Solidarität sein muss.

Die Botschaft von Nostra Aetate ist daher nicht nur für Geistliche und Theologen, sondern auch für die breite Öffentlichkeit nach wie vor relevant. Sie soll der nächsten Generation helfen, die Komplexität unserer Geschichte zu verstehen und sich eine gemeinsame Zukunft vorzustellen.

Wir leben in einer Welt der Polarisierung, doch dieses Dokument erinnert uns daran, dass christlich-muslimische Zusammenarbeit nicht naiv, sondern notwendig ist. Und dass wir in den heiligen Schriften und Herzen des anderen die Grundlagen für respektvolle Beziehungen, Gerechtigkeit und Frieden finden können.

Dr. Zeyneb Sayılgan ist Islamwissenschaftlerin am Institut für Islamische, Christliche und Jüdische Studien in Baltimore. Ihre Forschung beschäftigt sich mit dem theologischen Gedankengut von Bediüzzaman Said Nursi (1876–1960). Zeyneb’ s Arbeit wurde in The Guardian, Religion News Service, U.S. Catholic, The Living Church sowie deutschen und türkischen Medien veröffentlicht. Ihre Artikel und ihr Podcast sind auf ihrem Blog zugänglich.

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Hoffnung in der Gewalt: Ein syrisches Kloster will Wandel begleiten

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Die Schlagzeilen zu Nahost beherrscht derzeit der Krieg im Gazastreifen. Ähnlich angespannt ist die Lage in Syrien. Ein Besuch in einem Wüsten-Kloster mit einer besonderen Mission . (KNA). Die Hand […]

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Chancen und Herausforderungen der islamischen Religionsgemeinschaften

gebet gemeinschaft Religionsgemeinschaft

Zum Verhältnis von Religionsgemeinschaften und dem Staat. Ein Gastbeitrag von DİTİB-Generalsekretär Eyüp Kalyon.

(iz). Auf die neue Bundesregierung schauen auch die Muslime in Deutschland und ihre Vertreterstrukturen sehr genau und hören bei den Statements aufmerksam zu; so zum Beispiel bei ihrer Positionierung in globalen Konflikten wie in der Ukraine oder in Gaza. Ein Großteil der Muslime sind in Deutschland geboren, leisten ihren Beitrag für die Gesellschaft, übernehmen immer mehr Führungspositionen, deren Bedeutung als Wählergruppe stetig steigt. Von Eyüp Kalyon

Islamische Religionsgemeinschaften wie die DİTİB, der Islamrat in Deutschland, der Zentralrat der Muslime (ZMD), bosnische (IGBD)-, albanische (UIAZD)-, marokkanische Organisationen (ZRMD) sind Sprachrohe der muslimischen Bürgerinnen und Bürger dieses Landes und treten gegenüber Bundes-, Landes und Kommunalpolitik als Vertreter für die Mehrheit der Muslime in Deutschland auf.

Religionsgemeinschaften: Regierung sollte Gelegenheit erkennen

Die neue Bundesregierung sollte daher in den Beziehungen zu und in der Zusammenarbeit mit den Islamischen Religionsgemeinschaften eine wichtige Gelegenheit erkennen, die Partizipation und die Zugehörigkeit von Muslimen in Deutschland zu stärken. Dieser Prozess birgt große Chancen wie auch Herausforderungen.

Den Auftakt für dieses Spannungsfeld zwischen islamischen Religionsgemeinschaften und der neuen Bundesregierung stellt der Koalitionsvertrag dar, zu dem sich die Islamischen Religionsgemeinschaften kritisch äußerten.

Nicht ohne Grund: Denn darin werden Muslime fast nur mit Themen wie „Islamismus“, Auslandsbeziehungen oder Präventionsarbeit in Verbindung gebracht. Somit reduziert sich der Blick auf Muslime auf eine sicherheitspolitische Perspektive.

Genau das Gegenteil müsste der Fall sein: Langjährige Projekte und Kooperationen müssen vertieft werden, um die Verwurzelung des Islams und der Muslime in Deutschland auf unterschiedlichen Ebenen voranzutreiben.

Eine größere Akzeptanz ihrer positiven Beiträge und des Respekts gegenüber ihren Leistungen in unserer Gesellschaft wird zwangsläufig zur Stärkung ihrer gesellschaftlichen Teilhabe und ihrer Zugehörigkeit zu Deutschland führen. Genau das entzieht dem religiös begründeten Extremismus den Nährboden.

Warum Muslime negativ kontextualisieren?

Der parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Christoph de Vries (CDU), bezeichnete in einem Interview die Erwartung der Islamischen Religionsgemeinschaften, nicht mehr in einem negativen Kontext erwähnt werden zu wollen, als „Wortklauberei“. Ist es falsch zu erwarten, dass der Name der eigenen Religion nicht ständig im negativen Kontext genannt wird? Ist es nicht leichtfertig, eine ganze Religionsgemeinschaft wegen einiger Fanatiker und Krimineller ausschließlich im negativen Kontext zu erwähnen?

Eine Notwendigkeit, Muslime im Koalitionsvertrag zu erwähnen, gibt es natürlich nicht. Aber wenn Sie erwähnt werden sollen, dann bitte sowohl Potentiale als auch Herausforderungen gleichermaßen aufführen. Denn das gehört zum gegenseitigen Respekt dazu.

Er geht einen Schritt weiter. Es wird erklärt, dass die neue Bundesregierung sich die Gesprächspartner sehr gut anschauen wird. Sie werde aussuchen, mit wem sie das Gespräch und die Zusammenarbeit fortführen wird. Das ist eine Nichtbeachtung und ein falsches Verständnis unserer Verfassung. Denn wer Religionsgemeinschaft ist und die Voraussetzungen für diesen Status erfüllt, bestimmt die Verfassung und nicht die Politik (§140 GG, 137 WRV).

Bei strafrechtlich auffälligen Religionsgemeinschaften schreiten die Sicherheitsbehörden ein. Dieser Prozess darf nicht in einem Generalverdacht münden. Hier hat die neue Bundesregierung die Möglichkeit, Muslimen auf Augenhöhe zu begegnen, leider verpasst.

Zur Rolle und Folge des Nahostkonflikts

Ein weiterer Diskurs zwischen Politik und den Islamischen Religionsgemeinschaften ist der Konflikt im Nahen Osten. Muslime wurden nach dem 7. Oktober in der Öffentlichkeit häufig pauschal unter Generalverdacht gestellt und mit Antisemitismus beschuldigt, weil sie sich angeblich nicht ausreichend von der Hamas distanziert hätten.

Die Islamischen Religionsgemeinschaften haben dieses Leid genau wie den unsäglichen Angriff der Hamas vom 07. Oktober angesprochen und sich in aller Deutlichkeit positioniert. Diese Brandmarkung war jedoch das Signal für einige Autoren und vermeintliche Experten, sich stärker auf dieses verzerrte Bild zu stürzen.

Diese Stimmungsmache hat zu einem starken Anstieg antimuslimischer Straftaten und Moscheeübergriffe geführt (seit dem 07. Oktober hat die DİTİB-Antidiskriminierungsstelle fast 400 Straftaten festgestellt, die Dunkelziffer dürfte weit darüber hinaus liegen). Die Kooperationen und Dialogformate wurden entweder komplett aufgegeben oder auf das Minimale reduziert.

Erst in den letzten Wochen hat sich der Fokus etwas verschoben, nachdem der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen den israelischen Ministerpräsidenten und weiteren Regierungsmitgliedern ausgesprochen hat und die UN-Sonderberichterstatterin Anzeichen für Völkermord attestierte.

Die israelische Regierung hat seit Mitte April keine Nahrungs- und Hilfsmitteltransporte in den Gazastreifen zugelassen und öffnete erst vor einigen Tagen die Grenzen für zunächst sporadische Hilfslieferungen.

Nicht nur Muslime erwarten von der Bundesregierung, dass sie sich viel deutlicher für eine politische und diplomatische Lösung einsetzt, sondern auch wegen der historischen Verantwortung Deutschlands und der Tatsache, dass Deutschland ein wichtiges Mitglied dieser internationalen Organisationen, wie der Vereinten Nationen und des internationalen Gerichtshof, ist. 

Pressemitteilungen oder ähnliche Verlautbarungen werden das Leid in Gaza nicht lösen. Wir befinden uns derzeit in der größten humanitären Katastrophe der jüngeren Geschichte, zu der man sich klar positionieren muss. Genau wie jüdische Bürger dieses Landes, Verwandte und Freunde in diesem Konflikt verloren haben, so haben auch muslimische Bürger Angehörige verloren.

Diese Entwicklung darf nicht dazu beitragen, dass vor allem junge Muslime sich in Deutschland von der Politik alleingelassen und mit ihren Sorgen ausgegrenzt fühlen. Dass unsere Nachbarländer eine viel deutlichere Wortwahl und Haltung zum Gazakonflikt eingenommen haben, ist kein Geheimnis.

Die Bundesregierung wäre gut beraten, die Sorgen und Erwartungen aller Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen wahrzunehmen, sich viel intensiver für einen Frieden in Gaza und für die Einhaltung internationalen Rechts einzusetzen.

Muslimfeindlichkeit Islamkonferenz debatte

DIK 2022. Ministerin Faeser im Gespräch mit einer Teilnehmerin. (Pressefoto: © Henning Schacht / Bundesinnenministerium)

Aufbruchstimmung im Rahmen der Islamkonferenz

In den Jahren 2006 und 2007 gab es im Kontext der Deutschen Islamkonferenz (DIK) und dem Koordinationsrat der Muslime eine Art Aufbruchsstimmung. Ziel war es, dass sich der Staat und die Vertreter der Muslime auf Augenhöhe begegnen. Der Staat hatte ein großes Interesse an der Verwurzelung des Islams in Deutschland.

Bisher hatte die DIK fünf Phasen, in dem unterschiedliche Themenschwerpunkte gesetzt wurden. Bereiche wie Islamischer Religionsunterricht (IRU) in Schulen, Islamische Seelsorge in z.B. Krankenhäusern, Justizvollzugsanstalten oder im Militär oder das Studienfach Islamische Theologie an Universitäten wurden behandelt und bis zu einem bestimmten Grad auch weiterentwickelt.

Die Resultate sind, dass junge Muslime ihre Religion in der Schule und an der Universität reflektiert und fachpädagogisch erlernen können und dass es in drei Bundesländern Staatsverträge (Stichwort: Res Mixta) zwischen Landesregierungen und Islamischen Religionsgemeinschaften gibt. Ziel war es zudem, dass insbesondere die Bedarfe und Sensibilitäten auf beiden Seiten in einem von der Politik bestimmten Rahmen fortlaufend wahrgenommen werden können.

Das war und ist nach wie vor von großer Bedeutung. Seit der letzten Legislaturperiode dominierte die DIK unter Innenministerin Nancy Faeser (SPD) der Themenschwerpunkt der Imam-Ausbildung – ein Hoheitsgebiet der Religionsgemeinschaften nach Artikel 4, Abs 2 GG. Doch wie wird unsere neue Bundesregierung die DIK ausgestalten?

Foto: IMO | photothek.net

Der Austausch ist notwendig

Trotz allen Diskussionspunkten, die von vielen Akteuren geäußert werden, ist dieser Austausch notwendig; auch wenn er mit Höhen und Tiefen verbunden ist. Denn am Beispiel der Beziehungen zwischen Staat und Kirche sehen wir, dass es für einen Konsens und eine nachhaltige Arbeit, eines langen Atems bedarf. Diese Begegnung tut beiden Seiten gut und sie schafft Räume und Möglichkeiten für Muslime, dass sie die Gesellschaft mitgestalten können.

Deswegen sollten auch die islamischen Religionsgemeinschaften ein Interesse daran zeigen, sich so zu organisieren und ihre Strukturen so anzupassen, dass die Nachhaltigkeit garantiert wird und die Effizienz der Arbeiten sichtbarer zunimmt.

Der KRM müsste hierbei mehr in den Fokus rücken, weil sich dort die Belange und Erwartungen der Islamischen Religionsgemeinschaften größtenteils überschneiden. Langfristig kann und sollte der KRM sich als Sprachrohr der Mehrheit der Muslime, insbesondere im gesellschaftspolitischen Kontext, weiter etablieren und entfalten. Dafür braucht es mehr Reformen und nachhaltige Strukturen.

Es gab in der Vergangenheit viele wichtige und gemeinsame Projekte und Zusammenarbeit, die von öffentlichen Fördermitteln finanziert wurden und einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft geleistet haben. Darunter zählt das Projekt PRODialog, ein Projekt zwischen DİTİB und dem BAMF, in dem hunderte Ehrenamtler zu Multiplikatoren ausgebildet wurden. 

Auch mit der Strukturförderung für das IKW (Islamisches Kompetenzzentrum für Wohlfahrtswesen e.V.) wurden wichtige Schritte für die Zukunft eingeläutet. Islamische Religionsgemeinschaften sind im Prozess ihre eigenen Wohlfahrtsstrukturen aufzubauen, um die Bedarfe der Muslime auch im Sozialwesen zu decken und gegenüber dem Sozialstaat mit robusten und nachhaltigen Organisationen aufzutreten.

Signale in beide Richtungen

Dies sind wichtige Signale in beide Richtungen. Davon brauchen wir mehr. Sowohl die Islamischen Religionsgemeinschaften als auch der Sozialstaat müssen näher zusammenrücken und Gemeinsamkeiten finden, um in Partnerschaft besondere Impulse zu setzen.

Der Islam legt den Muslimen hierbei eine wichtige Verantwortung auf. So heißt es in einem Prophetenausspruch, Frieden und Segen auf ihm, folgendermaßen: „Achtet auf die Armen und sorgt für sie. Zweifelt nicht daran, dass ihr durch die Schwachen unter euch Hilfe von Allah erlangt und mit Versorgung gesegnet werdet.“ (Abu Dawud, 2588)

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Beziehungen zwischen Islamischen Religionsgemeinschaften und der Bundesregierung entwickeln werden. Die Personalentscheidungen in den Führungspositionen in den einzelnen Ministerien stehen vor großen Chancen und Herausforderungen.

Diese Möglichkeiten sollten nicht unbeachtet bleiben, denn dass eine starke Bindung zueinander nur Positives für unsere Gesellschaft bewirken kann, steht außer Frage. Auch die Islamischen Religionsgemeinschaften müssen reflektieren, was in den letzten Jahren in den Gesprächen gut und schlecht lief, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Der Autor ist Generalsekretär des Moscheeverbands DİTİB.