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Kurzmeldungen aus Ausgabe 355: von bürgerlichen Freiheiten bis zum Assad-Sturz

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Kurzmeldungen Ausgabe 355: In dieser Ausgabe spannen sich die internationalen Meldungen vom globalen Stand der bürgerlichen Freiheiten, über Muslimfeindlichkeit in britischen Medien bis zum Assad-Sturz.

Gewalt journalisten krieg

Foto: Marwan Hamouu, Shutterstock

54 Journalisten in einem Jahr getötet

BERLIN (KNA). 2024 sind bislang 54 Journalistinnen und Journalisten wegen ihrer Arbeit getötet worden. Zu diesem Ergebnis kommt die Jahresbilanz der Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF), die am 11. Dezember veröffentlicht wurde. Die Zahl der Todesopfer in Kriegsgebieten sei so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr, beklagt sie. Mit einbezogen wurden die Fälle, die bis zum Monatsanfang bekannt waren. Die mit Abstand gefährlichste Region für Medienschaffende sei erneut Gaza, so RSF. Fast ein Drittel der 54 Medienschaffenden wurden dort 2024 im Rahmen ihrer Tätigkeit getötet. Insgesamt seien seit Beginn des Krieges am 7. Oktober 2023 in Gaza mehr als 145 getötet worden, 35 davon mit klarem Bezug zu ihrer Arbeit. „Medienschaffende werden getötet, inhaftiert und entführt, und viel zu häufig bleiben diese brutalen Verbrechen straffrei“, sagte RSF-Geschäftsführerin Anja Osterhaus. „Wir müssen diejenigen schützen, die uns informieren. Ihre mutige Arbeit macht menschliches Leid in Kriegen, Korruption und Machtmissbrauch sichtbar.“

Gaza: Amnesty spricht jetzt von „Völkermord“

LONDON (Agenturen). Amnesty International hat einen bahnbrechenden Bericht veröffentlicht, in dem Israel beschuldigt wird, einen Völkermord an den Palästinensern in Gaza zu begehen, was einen weltweiten Aufschrei auslöste. In dem Report mit dem Titel „You Feel Like You Are Subhuman“ (dt. „Man fühlt sich wie ein Untermensch“) wird behauptet, dass die anhaltenden Militäroperationen Israels in Gaza die Kriterien für einen Völkermord gemäß der Völkermordkonvention der Vereinten Nationen erfüllen. Die Ergebnisse von Amnesty konzentrieren sich auf den Zeitraum nach den von der Hamas geführten Angriffen auf Südisrael am 7. Oktober 2023. Laut der Generalsekretärin der Organisation, Agnès Callamard, hat die anschließende Militäraktion Israels verheerende Zerstörungen angerichtet, die zivile Infrastruktur ins Visier genommen und Massenvertreibungen verursacht. „Israel hat Handlungen begangen, die nach der Völkermordkonvention verboten sind, mit der spezifischen Absicht, die Palästinenser in Gaza zu vernichten“, erklärte Callamard. „Monat für Monat wurden die Palästinenser in Gaza als eine untermenschliche Gruppe behandelt, die der Menschenrechte und der Würde nicht würdig ist.“ Zu den schockierendsten Enthüllungen des Berichts gehört die Zahl der Todesopfer: Über 42.000 Menschen, darunter 13.300 Kinder, wurden getötet und weite Teile des Gazastreifens unbewohnbar.

Foto: Sandra Sanders, Shutterstock

Der Großteil der Welt wird unterdrückt

NEW YORK (IPS). Am 10. Dezember war Internationaler Tag der Menschenrechte. Normalerweise sollte dies ein Anlass sein, die Arbeit derer zu feiern, die sich für die Schaffung friedlicher, gerechter, gleichberechtigter und nachhaltiger Gesellschaften einsetzen. Doch die Bedingungen für Menschenrechtsorganisationen, frei zu agieren, sind weltweit äußerst schwierig. Fast drei Viertel der Weltbevölkerung leben in Staaten, in denen die bürgerlichen Freiheiten stark eingeschränkt sind. Dies sind die neuesten Erkenntnisse des CIVICUS Monitor. Trotz der enormen technologischen und kulturellen Fortschritte, die die Menschheit für sich beansprucht, wird der überwältigenden Mehrheit der Weltbevölkerung aktiv die Möglichkeit verweigert, die Entscheidungen, die ihr Leben beeinflussen, mitzugestalten. Die grundlegenden bürgerlichen Freiheiten sind durch Gesetze und Praktiken stark eingeschränkt, sodass Journalisten und Aktivisten der Zivilgesellschaft ernsthaft Gefahr laufen, verfolgt zu werden.

Frauen wehren sich gegen Härte der Taliban

GENF (IPS). Drei Jahre nachdem die Taliban die Kontrolle über Afghanistan wiedererlangt haben, sind Frauen weiterhin mit unterdrückerischen Gesetzen und systematischer Marginalisierung konfrontiert. Sie haben drakonische Regeln eingeführt: Frauen müssen ihren gesamten Körper von Kopf bis Fuß bedecken, sie dürfen in der Öffentlichkeit nicht ihre Stimme erheben, sie dürfen sich nicht gegenseitig den Qur’an vorlesen. Es ist ihnen seit langem verboten, eine Arbeit außerhalb des Hauses anzunehmen oder eine Ausbildung zu absolvieren. Trotzdem sind sie entschlossen, Widerstand zu leisten. „Wir werden unsere Proteste und Kämpfe fortsetzen, bis wir Freiheit erlangen“, erklärt Farzana, ein Mitglied der afghanischen Frauenbewegung. In den letzten 20 Jahren hatten Frauen in Afghanistan höhere Bildung und berufliche Qualifikationen erworben, sind aber jetzt stärker von den Taliban bedroht. Sie wurden durch die deren Herrschaft plötzlich an den Rand gedrängt.

Foto: hyotographics. Shutterstock

Türkei vermittelt: Annäherung an Somalia

ANKARA (KUNA). Der türkische Präsident Erdogan gab am 11. Dezember bekannt, dass Äthiopien und Somalia bei den von Ankara vermittelten Friedensgesprächen eine Einigung zur Lösung des Konflikts zwischen den beiden Nationen erzielt haben. „Wir haben den ersten Schritt in Richtung eines Neuanfangs auf der Grundlage von Frieden und Zusammenarbeit zwischen Somalia und Äthiopien getan“, sagte er auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem somalischen Amtskollegen Sheikh Mohamud und dem äthiopischen Premierminister Ahmed. Beide Seiten einigten sich darauf, bis Ende Februar 2025 technische Verhandlungen unter der Leitung der Türkei abzuhalten und innerhalb von vier Monaten ein für beide Seiten vorteilhaftes Abkommen auszuarbeiten, das den potenziellen Nutzen eines sicheren Zugangs Äthiopiens zum Meer anerkennt und gleichzeitig die territoriale Integrität Somalias respektiert.

Forschung belegt antimuslimischen Bias

LONDON (Agenturen). Eine am 10. Dezember veröffentlichte Studie beleuchtet die weit verbreiteten anti-muslimischen Vorurteile in britischen Medien. Der Sender GB News machte die Hälfte der Berichterstattung über Muslime und den Islam in Nachrichtensendern aus, wobei ein Großteil davon negativ ausfiel. Nach einer zweijährigen Analyse ergab die vom Zentrum für Medienbeobachtung (CFMM) durchgeführte Untersuchung „strukturelle und systematische Voreingenommenheit in der Berichterstattung von GB News über britische Muslime“. „Geschichten über den Islam sind überwiegend negativ und lassen die Vielfalt der muslimischen Gemeinschaften im Vereinigten Königreich außer Acht“, hieß es im Bericht.

Foto: Anna Polishchuk, Adobe Stock

Erneut Teile einer Moschee zerstört

ALLAHABAD (Agenturen). Die Behörden im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh in Indien haben am 10. Dezember einen Teil einer 185 Jahre alten Moschee abgerissen und dies mit „Überbauung“ begründet. Im August schickten die Behörden eine Mitteilung an 139 Personen, darunter das Moscheekomitee, mit der Aufforderung, die „Beeinträchtigung“ zu beseitigen. Mohammad Moin Khan vom Moscheekomitee sagte, dass sie vor Gericht eine Petition gegen den Abriss eines Teils der Moschee eingereicht hätten.

Will Iran weiter mit IAEA kooperieren?

TEHERAN (KUNA). Irans Außenminister Abbas Araghchi bekräftigte die kontinuierliche „konstruktive“ Kooperation seines Landes mit der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO). Am 10. Dezember telefonierte der Minister mit IAEO-Generaldirektor Rafael Grossi. Dabei betonte er, dass Teheran weiterhin zur Zusammenarbeit mit der IAEO innerhalb eines spezifischen technischen Rahmens bereit sei. Die beiden Seiten erörterten die bilaterale Zusammenarbeit im Rahmen des Sicherungsabkommens.

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Foto: doglikehorse.com, Adobe Stock

OIC kritisiert Angriffe auf Syrien

JEDDAH (KUNA). Die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) verurteilte am 10. Dezember „die anhaltende und eskalierende israelische Aggression auf syrischem Gebiet“ durch Attacken auf die Infrastruktur und die Ausweitung der illegalen Besetzung der Pufferzone zu Syrien und betrachtete dies als schwerwiegenden Verstoß gegen das Völkerrecht und die einschlägigen UN-Resolutionen. In einer Erklärung betonte sie die Notwendigkeit, die Einheit, Souveränität und Integrität Syriens anzuerkennen, seine Sicherheit und Stabilität zu wahren, dem syrischen Volk zur Seite zu stehen und seine politischen Entscheidungen zu respektieren.

Biden: Huthis immer noch eine Bedrohung

WASHINGTON (Agenturen). US-Präsident Biden sagte, dass Huthi-Kämpfer weiterhin die Gefahr zukünftiger Attacken auf US-Militärschiffe und den übrigen Seeverkehr im Roten Meer darstellten. In einem Brief an den Kongress erklärte er am 6. Dezember, dass „die US-Streitkräfte als Reaktion auf diese Drohungen diskrete Angriffe auf Einrichtungen, Standorte und Ausrüstung im Jemen durchgeführt haben, die die Angriffe der Huthi-Kämpfer in der Region des Roten Meeres unterstützen und erleichtern“. In dem Schreiben wurde darauf hingewiesen, dass die Huthis seit November 2023 eine Reihe von Angriffen gegen US-Schiffe und -Flugzeuge sowie auf Handelsschiffe im Roten Meer, in der Straße von Bab al-Mandab und im Golf von Aden verübt hätten.

lehrgedicht

Foto: Paolo Gamba, vie Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Marokko wird Mit-Ausrichter der FIFA-EM 2030

ZÜRICH (IZ). Der FIFA-Rat stimmte am 11. Dezember für die gemeinsame Bewerbung Marokkos, Spaniens und Portugals als Gastgeber der FIFA-Fußballweltmeisterschaft 2030. Diese Entscheidung wurde während einer außerordentlichen Kongresssitzung getroffen, an der Mitgliedsverbände aller 211 nationalen Fußballverbände an der offiziellen Abstimmung teilnahmen. Die gemeinsame Bewerbung erhielt die meisten Stimmen.

Norwegen: Wir wollen ein ganzes Palästina!

OSLO (MEMO). Norwegen gab am 7. Dezember bekannt, dass es einen „integrierten Palästina-Staat“ benötigt, der die Westbank und den Gazastreifen umfasst, berichtete die Anadolu Agency. Oslos Außenminister Barth Eide sagte auf der Podiumsdiskussion des 22. Doha-Forums mit dem Titel „Konfliktvermittlung in einer neuen Ära“ zusammen mit dem Premierminister von Katar und seinem indischen Kollegen, dass „wir ein integriertes Palästina wollen, das das Westjordanland, den Gazastreifen und relevante Teile Jerusalems umfasst“.

Foto: WHO Bangladesh/Tatiana Almeida

Kampagne gegen steigende Polio-Fälle

ISLAMABAD. Pakistan hat die letzte Anti-Polio-Kampagne des Jahres gestartet, um die Kinderlähmung ein für alle Mal auszurotten. Die Kampagne wurde vom Premierminister bei einer Zeremonie in der Hauptstadt Islamabad gestartet. Sie zielt darauf ab, Kindern unter fünf Jahren in 143 Distrikten den Polioimpfstoff zu verabreichen. „Wir werden den Kampf gegen Polio gewinnen, trotz der Schwierigkeiten, mit denen wir in der Vergangenheit konfrontiert waren. Die Zahl der Poliofälle ist gestiegen und in Pakistan sind etwa 60 Fälle aufgetreten, was eine große Herausforderung und ein Grund zur Sorge ist“, sagte Sharif.

Hoffnungsschimmer in der Fluchtkrise

GENF (KUNA). Der Hohe Flüchtlingskommissar der UN, Filippo Grandi, erklärte am 10. Dezember, dass die jüngsten Entwicklungen Hoffnung bieten, dass das Leid, das das syrische Volk seit 14 Jahren erträgt, ein Ende haben könnte. Und dass die größte Vertreibungskrise der Welt auf faire und gerechte Lösungen zusteuern könnte. In einer in Genf veröffentlichten Erklärung betonte er, dass Syrien an einem kritischen Scheideweg zwischen Frieden und Krieg, Stabilität und Gesetzlosigkeit sowie Wiederaufbau oder weiterem Verfall stehe. Er unterstrich die einzigartige Gelegenheit für Syrien, den Frieden zu suchen, und für die Vertriebenen, mit der Rückkehr in ihre Heimat zu beginnen. Grandi bekräftigte, dass Mio. von Flüchtlingen weiterhin vorsichtig und zögerlich seien, was ihre Sicherheit und die unsicheren Bedingungen angehe. Er betonte, wie wichtig es sei, sich auf die Frage der Heimkehr zu konzentrieren, und wies darauf hin, dass Geduld und Aufmerksamkeit von entscheidender Bedeutung seien.

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2017: Putin bei einem Besuch auf der damaligen russischen Luftwaffenbasis Khmeimin in Syrien. Foto: Ministry of Defence of the Russian Federation, Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 4.0)

Dokumente der Repression brauchen Schutz

DAMASKUS (MEMO). Die Aufbewahrung der syrischen Gefängnisakten ist von entscheidender Bedeutung, um das Schicksal von Inhaftierten und gewaltsam Verschwundenen aufzudecken. Und um die Täter von Menschenrechtsverletzungen unter dem abgesetzten Regime zu identifizieren, sagte Fadel Abdul Ghani, der Leiter des Syrian Network for Human Rights (SNHR). Er äußerte sich, während weiterhin Details aus Gefängnissen bekannt werden, die von Folter und Misshandlungen zeugen. „Der Schwerpunkt sollte nun darauf liegen, Dokumente mit den Namen der Verantwortlichen der Sicherheitsbehörden und ihren Akten zu beschaffen und sie aufgrund ihrer entscheidenden Bedeutung aufzubewahren“, sagte Abdul Ghani. In Bezug auf Haft- und Folterzentren unter dem Assad-Regime nannte er die berüchtigten Sicherheitsabteilungen in Damaskus. Dazu zählten die Al-Khatib-Abteilung, Abteilung 215 sowie Luftwaffengeheimdienst, in die Häftlinge oft nach ihrer Inhaftierung in anderen Sektionen überstellt wurden. Diese gehörten zu den schlimmsten Orten in Syrien.

Ankara: Baath-Kollaps öffnet Tor zum Frieden

ANKARA (Agenturen): Der Sturz des „blutigen Baath-Regimes“ hat den Weg für Frieden und Sicherheit in Syrien geebnet, sagte der türkische Präsident am 11. Dezember. „Mit dem Ende des blutigen Baath-Regimes haben sich die Türen für Frieden und Sicherheit in Syrien geöffnet“, sagte Recep Tayyip Erdogan. Bei seiner Rede auf der Veranstaltung zum Tag der Menschenrechte seiner Partei in Ankara bekräftigte Erdogan das Engagement der Türkei, den unterdrückten Völkern der Welt zur Seite zu stehen. Er kritisierte auch die globale Doppelmoral in Bezug auf Menschenrechte und sagte, dass diese heute als „Privilegien angesehen werden, die nur für bestimmte Regionen und Bevölkerungsgruppen gelten“.

usa biden Israel Hamas Angriff

Foto: Marc A. Hermann / MTA, via flickr

Biden legt Plan gegen Muslimfeindlichkeit vor

WASHINGTON (KNA). Kurz vor Ende seiner Amtszeit will sich der scheidende Präsident verstärkt für die Belange der in den USA lebenden Muslime einsetzen. Ein neuer Aktionsplan soll sie vor Diskriminierung schützen. Damit wolle man gegen Voreingenommenheit, Entwürdigung und Drohungen vorgehen, denen sie und arabische US-Bürger zunehmend ausgesetzt seien, heißt es in einer Erklärung. Es seien viele Maßnahmen vorgesehen.

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Kommentar: Zu wenige sind frei

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Eine aktuelle Erhebung von CIVICUS Monitor kommt zu dem erschütternden Schluss: Die Mehrheit aller Menschen lebt unter mehr oder weniger unfreien Verhältnissen. (iz). Zu den häufigen Allerweltsvokabeln unserer Sprache gehört […]

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Sklaverei – eine moderne Barbarei

sklaverei

Weltweit leben 50 Millionen Menschen in der einen oder anderen Form von Sklaverei. Von ihrem Elend profitieren auch Verbraucher in reichen Ländern.

(KNA/IZ). Sie müssen gegen ihren Willen arbeiten, sich prostituieren oder werden zwangsverheiratet. Sichtbar sind die Opfer von moderner Sklaverei so gut wie nie. Doch überall auf der Welt werden bis heute Menschen versklavt.

Menschenrechtsorganisationen und die Vereinten Nationen fordern einen besseren Schutz vor moderner Sklaverei. Anlässlich des Internationalen Tages zur Abschaffung der Sklaverei am 2. Dezember sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres, Regierungen müssten die Strafverfolgung stärken und Täter vor Gericht bringen.

50 Mio. Menschen leben in Sklaverei

Nach Schätzungen der australischen Organisation Walk Free leben knapp 50 Millionen Menschen in moderner Sklaverei. Im Verhältnis zur Bevölkerung treten die meisten Fälle in Nordkorea, Eritrea und Mauretanien auf

Betroffen sind laut Guterres vor allem jene, die durch „Armut, Diskriminierung und Konflikte verwundbar geworden sind“. Unter ihnen seien viele Kinder und Frauen. Sie seien von Menschenhandel, Zwangsarbeit, sexueller Ausbeutung und Zwangsheirat betroffen.

Nach Einschätzung von Hanno Schedler, Referent für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung bei der Gesellschaft für bedrohte Völker mit Sitz in Göttingen, sollten Menschenrechtsorganisationen, die in Staaten arbeiten, in den es weiterhin Sklaverei gibt, aus dem Ausland politisch und finanziell unterstützt werden.

Foto: ILO, M. Crozet, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

In der Verantwortung sieht Schedler auch die Bundesregierung und die Europäische Union. Wenn wie im Falle Mauretaniens prominente Anti-Sklaverei-Aktivisten in Haft kämen, müssten sich Bundesregierung und Europäische Union massiv für deren Freilassung einsetzen, sagte Schedler der Katholischen Nachrichten-Agentur.

„Staaten wie Deutschland müssen bei bilateralen Gesprächen das Thema Sklaverei ansprechen und Institutionen wie die Vereinten Nationen, deren Komitees auf globaler Ebene wichtige Aufklärungsarbeit leisten, stärker finanziell unterstützen“, so Schedler.

Einflussmöglichkeiten über die Ökonomie

Auch könnten demokratische Staaten Importe aus Regionen verbieten, in denen Menschen zu Zwangsarbeit gezwungen werden. Davon betroffen seien beispielsweise muslimische Uigurinnen und Uiguren in der Region Xinjiang in China.

Ein Risiko, Opfer von moderner Sklaverei zu werden, haben laut Angaben des Experten auch Migranten, die ohne gültige Papiere ihre Heimatländer verlassen. „Immer wieder gibt es Fälle, in denen gerade Frauen ihre Pässe weggenommen werden und die dann zur Prostitution gezwungen werden. Auch in westlichen Staaten existieren Zwangsarbeit und sexualisierte Ausbeutung“, so Schedler.

Der Internationale Tag für die Abschaffung der Sklaverei und das Ende der Leibeigenschaft wurde 1949 eingeführt. Im Jahr zuvor hatte die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet. In Artikel 4 heißt es: „Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden.“

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Nach 54 Jahren: Wenn die Herrschaft einer Familie endet

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Innerhalb von 12 Tagen beendeten die Syrer aus eigener Kraft die blutige und ungerechte Herrschaft der Assad-Familie. Inmitten des Jubels bleiben Fragen über die Zukunft.

(dpa, iz). Am 15. März 2011 begannen friedliche Proteste in der südsyrischen Stadt Daraa gegen die Diktatur von Bashar Al-Assad und die Herrschaft seines Familienclans.

Anstatt in einer Demokratisierung und Befreiung des Landes mündete der „Arabische Frühling“ in Syrien zu einem schier unendlichen Bürger- und Stellvertreterkrieg, der hunderttausenden Syrern das Leben kostete und Mio. in die Flucht trieb. Dieses Kapitel der syrischen Geschichte scheint an ihr Ende gekommen zu sein.

Die Regierungszeit von Machthaber Assad in Syrien ist selbst der staatlichen Armee zufolge beendet. Dies habe das Armeekommando den Regierungssoldaten mitgeteilt und diese damit außer Dienst gestellt, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus syrischen Militärkreisen.

HTS-Führer Al-Julani im ersten Interview mit einer westlichen Reporterin nach der Einnahme von Aleppo. (Screenshot: CNN)

Das Ende der Herrschaft des Assad-Clans: Es begann mit einer begrenzten Offensive

Erst vor anderthalb Wochen starteten die HTS-Rebellen ihre Offensive – und scheinen ihr Ziel erreicht zu haben. Verschiedene oppositionelle Gruppen haben jetzt aus mehreren Himmelsrichtungen die Hauptstadt Damaskus eingenommen. Der ehemalige Machthaber Baschar Al-Assad hat das Land verlassen – man munkelt in Richtung Moskau.

Innerhalb kurzer Zeit übernahmen die Aufständischen die Kontrolle über viele Orte, darunter Aleppo und Hama, weitgehend kampflos. Erst am Samstag hatten die Rebellen das strategisch wichtige Homs eingenommen. Verschiedene andere Gruppen rückten zugleich von Süden aus Richtung Damaskus vor. Sie eint bisher das Ziel, Assad stürzen zu wollen.

Wie der Sprecher einer der bewaffneten Fraktionen erklärte, markiere der 8. Dezember 2024 das „Ende einer dunklen Ära“ der Unterdrückung unter Assad und seinem Vater Hafiz.

Bisheriger Ministerpräsident will angeblich kooperieren

Syriens Ministerpräsident Mohammed al-Dschalali blieb eigener Darstellung zufolge im Land und will bei einem Machtwechsel Kooperieren. „Wir sind bereit, (die Macht) an die gewählte Führung zu übergeben“, sagte Al-Dschalali in einer Videobotschaft, die er laut eigener Aussage in seinem Zuhause aufzeichnete. Über diese Führung müsse das Volk entscheiden. „Wir sind bereit, sogar mit der Opposition zusammenzuarbeiten.“

Im Zentrum von Damaskus brach nach Assads Flucht Jubel aus. Anwohner klatschten dort auf der Straße und einige waren beim Gebet zu beobachten, wie Augenzeugen berichteten. In sozialen Netzwerken machten Videos von Anwohnern die Runde, die auf einen Panzer klettern und feierliche Gesänge anstimmen.

Exilsyrer im Jubel mit ihren Landsleuten vereint

Mit Begeisterung und ungläubigem Staunen haben Assad-Gegner im Exil auf den Vormarsch der Rebellen reagiert. Einige von ihnen rufen gleichzeitig zu Mäßigung und Versöhnung auf.

Mit Euphorie und Aufrufen zur Versöhnung haben syrische Exil-Oppositionelle in Deutschland und anderen westlichen Staaten auf das Ende der Herrschaft von Präsident Baschar al-Assad reagiert.

Gleichzeitig verfolgen viele von ihnen mit Spannung die Nachrichten von der Befreiung ehemaliger Weggefährten und anderer politischer Gefangener. „Lasst uns unser Syrien gemeinsam wieder aufbauen“, schrieb der Menschenrechtsanwalt Michal Shammas auf seiner Facebook-Seite.

Screenshot: Obaida Al Hayani, X

Hassan al-Aswad von der Syrischen Demokratischen Allianz rief seine Landsleute auf, denjenigen zu verzeihen, die zwar Teil des alten Systems waren, aber keine schweren Verbrechen begangen haben.

Der Anwalt aus der Stadt Daraa, der als Flüchtling in Hannover lebt, veröffentlichte ein Video, in dem er sagte, es sei gut, dass beim Vorrücken der Assad-Gegner bislang keine staatlichen Einrichtungen zerstört worden seien. Er sagte: „Ich verzeihe dem Menschen, der seit 2012 mein Haus besetzt hat.“ Er fügte hinzu: „Gott möge dir verzeihen. Ich will nichts von dir.“ 

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„Keinerlei Freiheit“: Caritas-Expertin über Frauen in Afghanistan

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Vor drei Jahren eroberten die Taliban Afghanistan im Handstreich zurück. Vor allem für Frauen fürchteten Menschenrechtler danach schwere Einschränkungen. Eine Expertin sagt nun: Es wird sogar noch schlimmer.

(KNA). Henrike Bittermann ist Afghanistan-Referentin bei Caritas international. Die katholische Hilfsorganisation ist seit Jahrzehnten mit humanitären, psychosozialen und medizinischen Projekten in Afghanistan aktiv. Drei Jahre nach der erneuten Taliban-Machtübernahme zeichnet sie ein drastisches Bild der Unterdrückung und des Schikanierens von Frauen. Hoffnung auf einen Wandel sieht sie derzeit nicht. Und das führe zu großer Verzweiflung und Angst.

Frage: Vor wenigen Tagen haben die Taliban – drei Jahre nach ihrer Machtübernahme – ein „Tugendgesetz“ zur „Prävention gegen das Laster“ veröffentlicht. Welche Folgen hat das neue Gesetz?

Henrike Bittermann: Wir dachten schon vorher, schlimmer kann es bei den Einschränkungen für Frauen nicht werden – aber es wurde schlimmer. Frauen müssen sich jetzt am ganzen Körper verschleiern. Der bislang übliche Hijab, bei dem das Gesicht offen bleiben dürfte, ist jetzt verboten. Frauen sollen in der Öffentlichkeit nicht mehr laut sprechen – manche Tugendwächter könnten das als vollständiges Sprechverbot auslegen. Frauen dürfen Männer nicht mehr anschauen. Und Frauen dürfen nur noch mit ihrem „Mahram“ – einem eng verwandten männlichen Aufpasser oder ihrem Ehemann – das Haus verlassen.

afghanen

Foto: UN Photo/Eric Kanalstein, www.unmultimedia.org/photo, via flickr

Frage: Was bleibt dann noch an Freiheiten?

Henrike Bittermann: Fast keine mehr. Der Alltag von Frauen findet zu 95 bis 99 Prozent nur noch im eigenen Haus statt. Über alle diese Vorschriften wacht die sogenannte Tugendpolizei. Diese Männer kontrollieren Frauen auf offener Straße und schikanieren sie. All das zielt darauf ab, Frauen Angst zu machen, damit sie nur noch zu Hause bleiben.

Frage: Wie kann eine Gesellschaft funktionieren, wenn die Hälfte der Menschen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen ist? Mädchen nur bis zur sechsten Klasse in die Schule gehen dürfen und Universitäten für Frauen Tabu sind?

Henrike Bittermann: Die Taliban sind so stark, dass sie ihre Regeln durchsetzen. Im Moment denken sie nicht an die langfristigen Folgen: Aber was wird künftig sein, wenn keine Ärztinnen oder Lehrerinnen mehr ausgebildet werden? Für Stellen, die nach islamischem Recht Männer gar nicht ausüben dürfen.

Frage: Könnten Frauen aus dem Land fliehen?

Henrike Bittermann: Kaum, es gibt überall im Land sehr scharfe Kontrollen und Checkpoints. Wenn überhaupt, können sich Frauen nur mit ihrem Mahram bewegen. Ich habe am Flughafen erlebt, wie alleinreisende Frauen nicht ins Flugzeug steigen durften. Und selbst wenn sie das Land mit ihrer Familie verlassen könnten – welche Perspektive hätten sie denn? Welches Land würde sie aufnehmen? Nicht nur Deutschland verschärft seine Migrationsgesetze.

Frage: Im Iran kam es nach Übergriffen der Tugendpolizei zu Massenprotesten – wäre das in Afghanistan auch denkbar?

Henrike Bittermann: Momentan auf keinen Fall! Die Taliban sind zu stark. Und es gab hier noch nie eine breite gesellschaftliche Bewegung gegen das Regime. Zwar wünschen sich natürlich auch viele Männer mehr Freiheiten für ihre Ehefrauen und für ihre Töchter. Sie hoffen, dass sie eine weiterführende Schule oder Universität besuchen können. Aber dass sie dafür auf die Straße gehen, in Widerstand gegen das Taliban-Regime, das ist, auch aus Angst, jenseits aller denkbaren Möglichkeiten.

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Die Freiheit und der Staat. Wie wird unser Jahrhundert aussehen?

freiheit demonstration

Stehen wir vor einem Jahrhundert der Toleranz oder der Intoleranz? In den letzten Wochen wurde das Verhältnis von Meinungsfreiheit und Sicherheit erneut heftig diskutiert.

(iz). Im Jahr 1994 veröffentlichte Jean-Christophe Rufin ein provokantes Buch: „Die Diktatur des Liberalismus“. Jede Demokratie brauche, so die streitbare These, veritable Feinde. Nicht der Sieg über den Feind selbst sei dabei zentral, sondern die Angst, die der Feind erzeuge.

Der Staat, argumentierte der Politologe weiter, gebe sich gerne das Bild der eigenen Zerbrechlichkeit, sei aber nicht ernsthaft in Gefahr, denn er verfüge in Wirklichkeit über einen robusten, stets wachsenden Sicherheitsapparat. Nach dem Untergang des Kommunismus beschrieb Rufin in seinem Buch eine neue Welt der Gegensätze, die am Horizont auftauchte und die er geographisch mit dem Norden und Süden verknüpfte.

Der Staat zwischen Freiheit und Feindbildern

Dreißig Jahre später gibt es immer noch Narrative, die sich mit Feinden und Feindbildern beschäftigen. Die Vision einer kontinentalen Friedensordnung von Europa bis an die Grenzen Chinas hat sich längst zerschlagen. Schlimmer noch: Mit dem brutalen Angriffskrieg Russlands in der Ukraine ist der Krieg nach Europa zurückgekehrt. Politisch gesehen zeigt sich der Gegensatz von Freiheit und Diktatur in aller Schärfe. Nicht zuletzt wird der russischen Führung vorgeworfen, die Feinde der liberalen Demokratie in ganz Europa zu unterstützen.

Während die Idee friedlicher Nachbarschaft mit dem großen Nachbarn im Osten in einem Desaster endet, deuten sich in der Bewertung des Konfliktes die Nord-Süd Gegensätze an, die Rufin in den 1990er Jahren voraussah. Die so folgenreiche wie bedingungslose Unterstützung der ukrainischen Position, wird jenseits der westlichen Wertegemeinschaft nur bedingt akzeptiert.

In den letzten Jahrzehnten drehen sich die wichtigsten Debatten in unserer Gesellschaft um das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit. Dabei geht es weniger um die systemischen Fragen der alten Bundesrepublik. Der alte Wahlkampfslogan der bürgerlich Konservativen, „Freiheit statt Sozialismus“, wirkt heute trotz steigender Staatsausgaben und planwirtschaftlicher Ökopolitik antiquiert.

Der Staat ist vielmehr engagiert in der Bewältigung einer ganzen Reihe von konkreten Metaproblemen, die zuverlässig mit Ängsten einhergehen: Terrorismusbekämpfung, Pandemie, Klimakrise und Immigration.

Foto: Adobe Stock, lven

Zu den alten Ideologien kommen neue hinzu

Es treten neben den seit Jahrzehnten bekannten Ideologen eine ganze Reihe von neuen, idealtypischen Feinden auf die Bühne: der Terrorist, der Querdenker, der Klimakleber oder der bewaffnete Flüchtling. Der auf diese Weise geforderte Staat reagiert mit neuen Gesetzen, feingliedriger Überwachung, mit mehr Polizei und eigenen Investitionen, die das öffentliche Klima beeinflussen und gefährliche Meinungen bekämpfen sollen.

Es ist kein Zufall, dass sich gerade jetzt wieder Stimmen mehren, die sich – angesichts der Allmächtigkeit staatlicher Organisation – um die Freiheit des Bürgers sorgen. Im Meinungsstreit unserer Tage wiederholt sich immer wieder ein Grundsatzkonflikt, der auf ein Dilemma verweist: Der Staat tut aus Sicht seiner freiheitsliebenden Bürger entweder zu viel oder zu wenig. Die Frage nach der „Verhältnismäßigkeit“ staatlichen Handelns gerät nicht zufällig immer häufiger in das Zentrum juristischer Debatten.

Zweifellos waren es die Jahre der Pandemie, die die Machtmöglichkeiten des modernen Staates auf besondere Weise verdeutlichte. In diesem Fall der gesundheitspolitischen Notlage spürte jeder Bürger, völlig unabhängig von seinem politischen Engagement, dass die Regierung jederzeit massiv in die persönliche Freiheit eingreifen kann.

Foto: Mummert-und-Ibold, Shutterstock

Der Staat im Ausnahmezustand

Zu Beginn der Krise erinnerte der Philosoph Peter Sloterdijk an eine in einem liberalen System eigentlich undenkbare Möglichkeit: „Im Ausnahmezustand streift der Staat die Samthandschuhe ab, mit denen er im Normalzustand die Bürger anfaßt. Dann lässt er die eiserne Faust unter dem Samthandschuh sehen. Das heißt, der Staat zeigt sich auf reine Exekutivgewalt reduziert.“

Wie immer man den Sinn und das Maß der staatlichen Maßnahmen dieser Zeit beurteilt, muss man natürlich in diesem Kontext daran erinnern, dass die Bevölkerung zu jeder Zeit der Pandemie auf ein funktionierendes Rechtssystem zugreifen konnte.

Bis heute sind jedoch die Spuren der Auseinandersetzung nicht vollständig bewältigt. Es wird beklagt, dass die öffentliche Debatte viel zu schnell berechtigte Kritik mit der Akzeptanz von Verschwörungstheorien und Umsturzphantasien  verwechselte.

Zudem erkannten diverse Trittbrettfahrer die Demonstrationen gegen die deutsche Corona-Politik als ideale Gelegenheit, sich unter das protestierende Volk zu mischen. Ein Problem, das nachwirkt. Muss man die Proteste einstellen, wenn sich eine Minderheit von Radikalen in den eigenen Protestzug einfädeln?

Das schwierige Verhältnis zwischen Meinungs- und Demonstrationsfreiheit und politischer Agitation vermischt sich mit dem natürlichen Mißtrauen des Staates gegen die Macht der Straße. Zudem ist die wachsende Gewaltbereitschaft von Teilen der Bevölkerung im politischen Feld eine soziologische Tatsache. Unter dem Eindruck der scharfen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, tut man gut daran sich an den Kern der Meinungsfreiheit zu erinnern.

Foto: Foto: EyEm, Adobe Stock

Wer wird vor was geschützt?

Gegenstand des Schutzbereichs des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG sind Meinungen, durch das Element der Stellungnahme und des Dafürhaltens, geprägte Äußerungen. Dabei kommt es bei diesen Meinungen nicht darauf an, stellt das Bundesverfassungsgericht fest, „ob sie sich als wahr oder unwahr erweisen, ob sie begründet oder grundlos, emotional oder rational sind, als wertvoll oder wertlos, gefährlich oder harmlos eingeschätzt werden“.

Jeder vernünftige Bürger wird einsehen, dass das Grundrecht der Meinungsfreiheit nicht vorbehaltlos gewährleistet sein kann. Nach Art. 5 Abs. 2 GG unterliegt es insbesondere den Schranken, die sich aus den allgemeinen Gesetzen ergeben. Es ist zum Beispiel völlig legitim Verstöße gegen Normen des Strafrechts zu unterbinden.

Das Grundgesetz erlaubt auf der anderen Seite nicht den staatlichen Zugriff auf die Gesinnung, sondern ermächtigt erst dann zum Eingriff, wenn Meinungsäußerungen die rein geistige Sphäre des Für-richtig-Haltens verlassen und in Rechtsgutverletzungen oder erkennbar in Gefährdungslagen umschlagen.

Dies ist der Fall, wenn sie den öffentlichen Frieden in dem Verständnis als Friedlichkeit der öffentlichen Auseinandersetzung gefährden und so den Übergang zu Aggression oder Rechtsbruch markieren. Im Jahr 2018 stellt das Bundesverfassungsgericht diesbezüglich klar:

„Nicht tragfähig ist ein Verständnis des öffentlichen Friedens, das auf den Schutz vor subjektiver Beunruhigung der Bürger durch die Konfrontation mit provokanten Meinungen und Ideologien zielt. Die mögliche Konfrontation mit beunruhigenden Meinungen, auch wenn sie in ihrer gedanklichen Konsequenz gefährlich und selbst wenn sie auf eine prinzipielle Umwälzung der geltenden Ordnung gerichtet sind, gehört zum freiheitlichen Staat.“

Die Herausforderung an den Rechtsstaat liegt hier offen zu Tage und berührt ein Trauma der deutschen Geschichte. Die Verhinderung einer, insbesondere legalen Machtergreifung der Intoleranten, unterliegt de facto rechtsstaatlichen Grenzen. Kurz gefasst: die besten Gesetze nutzen nicht, wenn eine Mehrheit der Bürger in das undemokratische Milieu abdriftet.

Die Rechtssprechung rund um die Meinungsfreiheit, soweit sie überhaupt bekannt ist, irritiert all diejenigen, die im Grunde unbemerkt „politisierte“ Vorstellungen in ihren Erwartungen an die Gerichtsbarkeit bezüglich extremistischer Meinungen einfließen lassen. Natürlich werden Linke das Verbot von rechten, Rechte das Verbot von linken Organisationen erwarten.

Die möglichst schrankenlos gewährte Meinungsfreiheit ist zweifellos ein Ideal unseres Grundrechts, dass je nachdem eine Zumutung sein kann. So müssen Muslime beispielsweise hinnehmen, dass ihre Religion in Meinungsartikeln scharf kritisiert oder in satirischen Beiträgen geschmacklos abgehandelt werden.

VIP-Prediger

Foto: Adobe Stock, Montecillo

Markierungen oder die Macht der Medien

Es gibt aber auch andere Aspekte, die die Meinungsfreiheit – trotz des grundrechtlichen Schutzes – effektiv einschränken. Hierher gehört zum Beispiel die Macht von Medien, auf ihre Art die Meinungsfreiheit zu nutzen und missliebige Akteure und Meinungen mit diversen Attributen zu versehen, die einigermaßen sicher den Ausschluss aus dem öffentlichen Diskurs bedeuten, ohne dass sich Betroffene vor Gerichten wehren können.

Die Markierung als „Antisemit, Islamist, Querdenker oder Nazi“ oder die berühmte Formulierung „strittig“ mag berechtigt sein oder nicht, sie sind jedenfalls keine gerichtliche anfechtbare Tatsachenbehauptungen, sondern eben nur Meinungen.

Das Phänomen „Cancel Culture“ zeigt, dass diese Veröffentlichungen sehr effektiv sein können, um Andersdenkende auszugrenzen; sagen wir es schärfer, fertig zu machen. Im Gegensatz zum Gerichtsverfahren, haben die Betroffenen hier kaum eine Möglichkeit, Gegenbeweise vorzulegen oder zumindest ihre Sicht der Dinge darzustellen.

Die Problematik zeigt sich in aller Schärfe in den Diskussionen über die Folgen der israelischen Verteidigungspolitik im Gazastreifen. Aus guten, historischen Gründen bedeutete der Vorwurf des Antisemitismus in Deutschland jahrzehntelang das soziale Aus.

Wer die aktuelle Debatte verfolgt, muss zumindest erkennen, dass diese Logik in dem Kontext der Kritik von Muslimen und Palästinensern an der israelischen Regierung zu zweifelhaften Ergebnissen führen kann. Auf der anderen Seite ist der Druck aus den eigenen Reihen, die Muslime erfahren, die die zynische Strategie der Hamas offen kritisieren, ein Indiz dafür, dass das Problem der Meinungsfreiheit nicht nur das Verhältnis Bürger-Staat, sondern die Innenverhältnisse aller gesellschaftlichen Schichten betrifft.

Dilemma Ukraine

Fotos: Martin Kraft, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0 (links) | Gregor Fischer re:publica 18, via Wikimedia Commons / Lizenz: CC BY-SA 2.0 (rechts)

Religiöse Wurzeln säkularer Werte

Das Faktum, dass Ideologien in letzter Konsequenz niemals die Meinungsfreiheit dulden, gehört zu den wenigen Gewissheiten im Diskurs um die Freiheit. Das Grundgesetz gibt dem Bürger aus guten Gründen Abwehrrechte gegen den Staat. Zu diesen gehört auch die Skepsis gegenüber der Möglichkeit einer liberalen Ideologie, die versucht ist, ihre wahren und vermeintlichen Feinde mit rechtsstaatlich fragwürdigen Mitteln zurückzudrängen.

In seinem neuen Buch „Das Jahrhundert der Toleranz“ fasst der Philosoph Richard David Precht die paradoxen Hintergründe des Problems. „Doch was die liberale Demokratie anbelangt, stehen die westlichen Industrieländer, wie es derzeit scheint, noch immer in ihrer monotheistischen Tradition. Aus religiösen Wurzeln entwachsen, ist die Suprematie augenscheinlich ein wichtiger Baustein im Selbstverständnis, auch wenn sie, mangels Frömmigkeit, inzwischen säkularisiert ist zu westlichen Werten.“

Süffisant fügt der Denker hinzu, dass, wie es nur einen Gott geben kann, nur eine liberale, quasi gottgewollte, Demokratie nach dieser Logik denkbar ist. Precht verweist ähnlich wie Rufin auf die Tendenz der Politik, diesen Anspruch mit einfachen Narrativen rund um die neuen Feinde – einsichtig im Fall Russland, schwieriger im Umgang mit China – zu begleiten.

Precht führt das Phänomen der Derivationen ein, die schon Karl Marx – ironischerweise – als „Ideologie“ brandmarkte: „Einseitige und verallgemeinernde Erzählungen über das, was eine Nation, ein Volk, ein einender Glauben, eine Rasse, eine Klasse usw. sein sollen.“

Foto: Shutterstock

Unter Druck geraten

Wenn die Postmoderne mit dem Ende der alten, religiös eingefärbten Narrativen einherging, sind die alternativen, rationalen Erzählungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts selbst unter Druck geraten. Die Gültigkeit der universellen Rechte beispielsweise, auf die sich die internationale Strafgerichtsbarkeit beruft, wird von verschiedenen Akteuren aus dem Westen – wie die Debatte um Israel zeigt – nur eingeschränkt akzeptiert.

Ganz zu schweigen von Akteuren wie Russland oder China, die sich nur zu einer politisierten und subjektiven Variante von rechtsstaatlicher Wahrheit bekennen und auf internationaler Ebene taktisch nach Interessenlage, jedenfalls nicht nach objektiven Maßstäben entscheiden,

Es ist heute eine Binsenweisheit, zu sagen, dass komplexe Konstellationen nicht mit einfachen Erzählungen aufgelöst werden können. Zu Recht werden Meinungsäußerungen, die auf obskurer und simpler Grundlage erfolgen, aber breite Bevölkerungsteile erreichen, mit Argwohn verfolgt. Man darf – wie unser Blick auf das Grundgesetz zeigte – Unsinn verbreiten. Was geschieht, wenn der Wahn eines Tages regiert?

Das Beispiel Immigration verdeutlicht die Tiefe des Abgrunds. Allzu gerne vereinfachen auch politische Entscheidungsträger ihre Botschaften an die Wähler: Statt auf die Grenzen des rechtsstaatlich Machbaren hinzuweisen, werden gerne die scheinbar erfolgreichen Narrative, die eine Abschottung Europas vorgaukeln, übernommen.

Und: Andere Erzählungen, wie die These vom „Zusammenprall der Kulturen“ oder der angeblichen Intoleranz des Islam, die unsere Außenpolitik zeitweilig beeinflussten, holen uns inzwischen innenpolitisch ein. Immer mehr Menschen sind – nicht nur in Sachen Muslime – weniger von Argumenten und Erfahrungen bestimmt, sondern von Gefühlen, Bildern und Eindrücken. Und immer mehr Politiker holen sie mit den rhetorischen Techniken der Vereinfachung in diesem Aggregatzustand ab.

Machen wir uns nicht vor: Es wird im Rahmen unserer Verfassung heikel bleiben, die Meinungsfreiheit zu verteidigen, auf unsere Abwehrrechte gegenüber dem Staat zu bestehen und die Toleranz gegenüber Extremisten und Ideologen nicht zu übertreiben. Gesellschaftlich wird die Ausbalancierung dieser Ansprüche uns auf Dauer beschäftigen.

Auf der philosophischen Ebene streicht David Precht eine der grundsätzlichen Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben auf dem Planeten heraus: „Ein Wir gegen Die, sei es religiös oder säkular gezüchtet, in dem Wir das uneingeschränkt Schöne, Wahre, Gute ist und Die der Inbegriff des Bösen, gehört ein für alle Mal in den Giftschrank, soll unserem Jahrhundert ein weiteres Jahrhundert menschlicher Zivilisation folgen.“

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Berliner Muslime erinnerten an das Ende des Eisernen Vorhangs

(iz). Direkt am Schnittpunkt zwischen Ost und West im Berliner Stadtteil Gesundbrunnen lud der Deutschsprachige Muslimkreis zu einer Veranstaltung zum 25. Jahrestags des Mauerfalls ein. Eingeleitet durch die inspirierende und wunderbare Musik des Trios Vuslat berichteten Djamila Alkonavi und Muhammad Abdulrazzaque von ihren Erlebnissen mit der Berliner Mauer und ihrem Fall.

Djamila Alkonavi erzählte von ihrer Kindheit und Jugend in der damaligen DDR, wo sie – ein Jahr vor Beginn des Mauerbaus – zum Islam fand. Wenige Tage, nachdem das Ostberliner Regime die Barriere zu errichten begann, halfen ihr muslimische Studenten, in den Berliner Westteil zu gelangen. Alkonavi reflektierte auch über Folgen und Bedeutungen des Mauerfalls.

Er war damals ein junger indischer Student, berichtete Muhammad Abdulrazzaque, der seit Langem in der Berliner Community aktiv ist. Er war an dem Abend dabei, als die Trennung beider Teile Berlins ihr Ende fand. Abdulrazzaques Ausflug in dieser schicksalshaften Nacht, so seine lebendige und unterhaltsame Beschreibung, führte ihn durch DDR-Hauptstadt. „Niemand hätte gedacht, die Mauer fällt“, beschrieb er die damalige Stimmung. Gleichzeitig machte Muhammad Abdulrazzaque deutlich, dass der Wunsch nach Freiheit ein allgemeinmenschliches Verlangen sei.

Den informativen wie unterhaltsamen Abend des DMK im Ost-West-Café moderierte IZ-Chefredakteur Sulaiman Wilms. Im Folgenden dokumentieren wir seine Einführung in das Event:

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„Ich denke, es erübrigt sich heute Abend, die historischen Ereignisse des Mauerfalls nachzuerzählen. Viel interessanter erscheinen mir die möglichen Bedeutungen dieses Events.

Es gibt eine Anekdote des bekannten chinesischen Kommunisten Deng Xiao Ping. Er soll gefragt worden sein, was sich denn über die Französische Revolution sagen ließen. Seine Antwort war lapidar: «Zu früh.»

Mit dem Zitat im Hinterkopf enthalte ich mich hier einer definitiven Meinung über historischen Aspekte. Interessant aber ist doch, zu überlegen, welche überzeitlichen Lektionen sich aus dem Mauerfall von einer muslimischen Perspektive ableiten lassen.

Das Problem bei Titeln wie «Der Islam und …» oder «die Muslime und …» ist immer, dass trotz der Verbindung «und» immer aber auch eine Distanz vorausgesetzt wird. Gerade für Berlin lässt sich das gewiss nicht sagen; waren doch auch die Berliner Muslime vor Ort dabei und in Folge auch vom Mauerfall wie alle anderen betroffen.

Alles Erschaffene ist im Wandel begriffen und pendelt zwischen den verschiedenen Gegensatzpaaren. Nur Allah ist ewig, bleibend und mit sich selbst identisch. Alles andere bewegt sich in Zeit und Raum, die nach islamischer Lehre vergänglich sind.

Die Erinnerung an diesen Fakt ist ein wichtiger Eckstein des muslimischen Bewusstseins. In dieser Hinsicht ist das Bittgebet Aischas, der Gattin des Propheten (saws) für mich von Bedeutung: «Oh Allah, halte mich im Wandel.»

Uns Bundesbürgern galt die Berliner Mauer und die Deutsche Teilung in der Mehrheit als eine längst akzeptierte Gegebenheit. Im politischen und öffentlichen Mainstream gab es nur wenige, die überzeugt von einem Ende dieses Zustands ausgingen. Man hatte ihn akzeptiert, oder sich damit abgefunden. Für nicht wenige unter uns waren Teilung und Mauer gar ein notwendiges Element der Nachkriegsordnung.

Und sehr plötzlich öffnete sich die Mauer. Für uns Muslime muss das eine Erinnerung par excellence an das Schicksal sein. Es ist Allah, der die Dinge nach seinem Willen ordnet. Wir, die Generation junger Erwachsener, wachte am Morgen nach der Maueröffnung auf und die Welt war eine andere.

Es mag Ursachen geben, warum Mauer und Teilung nicht mehr haltbar waren. Trotzdem hätte kein Plan irgendeines Akteurs ein solches Ereignis hervorbringen können. Für Muslime ist das natürlich kein fatalistischer Gedanke, sondern vielmehr Ermutigung.

Und ein Anlass, das 25. Jubiläum des Falls der Berliner Mauer zu nutzen, uns an das Schicksal zu erinnern. Denn auch wir unterliegen in einer technisierten Welt oft dem Wahn permanenter Kontrolle.

Ich will aber nicht bei einer rückwärts blickenden Aussage enden.

Wir erliegen gelegentlich der Versuchung, uns in unzähligen Integrationsdebatten zu verzetteln. Schicksalshafte Ereignisse wie der Fall der Mauer deuten aber an, dass der oft bemühte «Verfassungspatriotismus» (Habermas) vielleicht nicht ausreichend Tiefe hat, um Muslime in diesen Ort zu verwurzeln.

Dieses Ereignis ist in meinen Augen daher eine passende Gelegenheit, über unsere Schicksal zu reflektieren. Mehr noch: zu fragen, was uns mit diesem Ort verbindet und welchen Beitrag unser Schöpfer, der Herr der Welten, von uns wünscht. Damit wir unserem Schicksal, der Zeit und dem Ort, an dem wir leben, gerecht werden können.“