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Freiheit und das Böse: Goethe, Schelling und die Kalam-Tradition im Gespräch

Freiheit

Die Auseinandersetzung mit Freiheit, Verantwortung, Gott und Welt ist dabei keine Angelegenheit einzelner Kulturen oder Traditionen, sondern berührt grundlegende menschliche Erfahrungen. 

„Ohne göttliche Begeisterung vermag niemand Gott zu erkennen oder von Gott zu reden.“ (Schelling)

„Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche  erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.“ (Goethe)

(iz). Für Muslime in Europa eröffnet die deutsche Geistesgeschichte einen reichen Denkraum, der dazu einlädt, eigene Fragen neu zu stellen und vertieft zu durchdenken. Die Auseinandersetzung mit Freiheit, Verantwortung, Gott und Welt ist dabei keine Angelegenheit einzelner Kulturen oder Traditionen, sondern berührt grundlegende menschliche Erfahrungen.

Gerade deshalb liegt in der Begegnung mit Denkern wie Friedrich Schelling und Johann Wolfgang von Goethe eine besondere Chance. Ihre Gedanken sind nicht nur als kulturelles Erbe zu betrachten, es ist nötig, sie geistig zu durchdringen und in das eigene Nachdenken einzubeziehen.

Schelling ist für Muslime nicht deshalb interessant, weil er zufällig Parallelen zum Islam aufweist, sondern weil er in der Sache das betreibt, was die klassische islamische Geistesgeschichte als Kalam kennt: eine rationale, verantwortungsbewusste Durchdringung von Freiheit, göttlichem Handeln und menschlicher Schuld.

Seine Freiheitsphilosophie versucht, das Verhältnis von göttlicher Schöpfung und menschlichem Willen so zu denken, dass weder Gott zum Urheber des Bösen wird noch der Mensch seiner Verantwortung entkommt. Wer die Diskussionen der Mutakallimun kennt, erkennt hier keine Fremdheit, sondern eine strukturelle Verwandtschaft in einer anderen Sprache.

Foto: Freepik.com

Freiheit: eine geistige Wahlverwandtschaft

Goethe wiederum ist für Muslime von anderer, aber nicht geringerer Bedeutung. Er betreibt keine Theologie und kein System, doch seine Denk- und Lebenshaltung erinnert in vielem an das, was im Islam Tasawwuf genannt wird: eine Form geistiger Disziplin, die Einheit nicht behauptet, sondern erfährt und Wahrheit nicht fixiert, sondern lebt.

Goethes Beharren darauf, dass Idee und Wirklichkeit sich nur im Anschauen und in der Tat wirklich berühren dürfen, entspricht einer spirituellen Ethik der Zurückhaltung, die auch den großen Sufis vertraut ist. Erkenntnis ist hier kein Besitz, sondern ein Zustand, keine Erklärung, sondern eine Haltung.

Schelling und Goethe markieren damit zwei komplementäre Wege, die für Muslime heute von besonderer Bedeutung sind: Der eine denkt Freiheit und Verantwortung begrifflich bis in die Tiefe durch, der andere bewahrt die Einheit des Wirklichen vor vorschneller Festlegung. Zwischen Kalam und Tasawwuf, zwischen begrifflicher Klärung und gelebter Innerlichkeit, eröffnet ihr Denken einen Raum, in dem muslimisches Selbstverständnis in Europa nicht defensiv, sondern dialogisch und souverän Gestalt gewinnen kann.

Wenn Denken Verantwortung berührt

Ausgehend von dieser doppelten Verwandtschaft lässt sich erkennen, dass Goethe und Schelling weniger Gegensätze darstellen als zwei unterschiedliche Weisen, mit derselben Grundfrage umzugehen.

Ihre Nähe im Ausgangspunkt und ihre Verschiedenheit im Umgang mit Freiheit, Verantwortung und Einheit machen sichtbar, wo philosophische Klärung notwendig ist und wo geistige Zurückhaltung geboten bleibt. In dieser Spannung entfaltet sich das Gespräch, in dem sich deutsche Klassik, Idealismus und islamische Geistesgeschichte auf unerwartet fruchtbare Weise berühren.

Die Frage nach dem Bösen ist nie nur eine theoretische. Sie berührt unser Bild vom Menschen, von Gott und von Verantwortung. Wer das Böse erklärt, greift tief in das moralische Selbstverständnis einer Kultur ein. Gerade deshalb lohnt es sich, diese Denktraditionen miteinander ins Gespräch zu bringen, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen.

Im Kern sind Goethe und Schelling von einer gemeinsamen Überzeugung getragen: Die Welt ist nicht sinnlos, Freiheit ist real, und der Mensch ist verantwortlich. Doch sie gehen unterschiedlich damit um, wie weit diese Überzeugung begrifflich und metaphysisch ausgesprochen werden darf.

Goethe Divan

Foto: Alexander Johrmann | Lizenz: CC BY-SA 2.0

Goethes Grenze, Schellings Tiefe

Goethe steht für eine Haltung der Zurückhaltung. Er ist überzeugt von einer inneren Einheit von Idee und Wirklichkeit, aber er setzt ihr klare Grenzen. Idee und Erscheinung treffen sich für ihn nur im Höchsten und im Gemeinsten: im anschauenden Erleben einer Einheit und in der Tat, also im verantwortlichen Handeln.

Auf den mittleren Stufen – in Theorie, System und metaphysischer Erklärung – trennen sie sich. Dort, wo Begriffe die Erscheinung überholen, sieht Goethe eine Gefahr. Nicht weil er die Idee leugnet, sondern weil er fürchtet, dass Erklärung das ersetzt, was eigentlich gelebt und verantwortet werden muss.

Diese Haltung erklärt auch Goethes Distanz gegenüber Schellings Freiheitsphilosophie. Schelling teilt Goethes Grundintuition einer lebendigen, sinnhaften Wirklichkeit. Auch für ihn ist Freiheit real, und auch für ihn ist das Böse nicht bloß ein Mangel oder ein Irrtum.

Doch Schelling geht einen Schritt weiter als Goethe: Er versucht, die Möglichkeit des Bösen ontologisch zu begründen. Freiheit ist bei ihm so beschaffen, dass sie notwendig die Möglichkeit des Guten und des Bösen enthält. Das Böse wird nicht von Gott gewollt, sondern durch den freien Willen des Menschen verwirklicht, aber seine Möglichkeit ist metaphysisch abgesichert.

Genau hier setzt Goethes Unbehagen ein. Seine Sorge ist nicht, dass Schelling das Böse dem Menschen zuschreibt. Darin stimmen beide überein. Seine Sorge ist, dass das Böse erklärbar wird und dass es einen Grund in Gott erhält. Was erklärt wird, so fürchtet Goethe, verliert etwas von seiner Unbedingtheit.

Schuld droht, vom Handeln ins Sein verschoben zu werden. Goethe will, dass das Böse nackt bleibt: als Tat, Verfehlung und Verantwortung. Es soll nicht bloß als ontologisch verständliche Notwendigkeit angesehen und dadurch banalisiert werden.

Wissen Aischa

Foto: Archiv

Kalam als verantwortete Tiefe

An diesem Punkt tritt die islamische Kalam-Tradition in das Gespräch und verschiebt die Perspektive. Die klassischen Kalam-Gelehrten vertreten eine Position, die bemerkenswert nahe an Schelling liegt und zugleich Goethes Sorge ernst nimmt.

Sie sagen: Gott ist der Schöpfer aller Handlungen, auch jener, die wir böse nennen. Doch der Mensch ist der Wollende, der Erwerber seiner Tat. Gott erschafft eine Handlung nicht unabhängig vom Menschen, sondern entsprechend der Willensrichtung, die der Mensch frei wählt. Das Böse geht vom Menschen aus, auch wenn es als Wirklichkeit von Gott geschaffen wird.

Damit wird eine klare Unterscheidung eingeführt: zwischen ontologischer Ermöglichung und moralischer Zuschreibung. Gott bleibt gerecht und gut, weil Er das Böse nicht um seiner selbst willen will. Der Mensch bleibt voll verantwortlich, weil er es frei intendiert.

Die metaphysische Tiefe dient hier nicht der Entlastung des Gewissens, sondern der Absicherung der Freiheit. Schuld wird nicht erklärt, um sie zu entschuldigen, sondern um sie überhaupt erst sinnvoll zuschreiben zu können.

In diesem Licht erscheint Goethes Sorge verständlich, aber nicht alternativlos. Die Kalam-Tradition zeigt, dass eine metaphysische Begründung der Möglichkeit des Bösen nicht notwendig zur Relativierung von Verantwortung führen muss. Sie zeigt, dass man Freiheit ontologisch ernst nehmen kann, ohne sie ethisch zu unterlaufen. Schelling bewegt sich in einer ähnlichen Richtung, wenn auch mit anderen Begriffen und in einem anderen geistigen Horizont.

Vielleicht lässt sich der Unterschied so fassen: Goethe schützt die Verantwortung, indem er die Grenze des Sagbaren bewacht. Schelling und die Kalam-Theologen schützen sie, indem sie die Tiefe des Seins durchdenken. Beide Wege entspringen derselben Ernsthaftigkeit gegenüber Freiheit und Schuld.

Für eine islamische Gegenwart, die sich weder mit einem platten Determinismus noch mit einer oberflächlichen Moral zufriedengeben will, kann dieses Gespräch fruchtbar sein.

Es erinnert daran, dass Glauben und Denken nicht darin bestehen, das Böse zu erklären oder zu verdrängen, sondern darin, die Freiheit des Menschen so ernst zu nehmen, dass Verantwortung möglich bleibt – vor Gott, sich selbst, den Menschen und der Natur.

Auftakt und Einladung 

Die Gedanken in diesem Essay verstehen sich nicht als Abschluss, sondern als Auftakt. Er möchte erste Verbindungslinien sichtbar machen und dazu ermutigen, die hier angedeuteten Zusammenhänge zwischen Goethe, Schelling und der islamischen Tradition weiterzudenken. Die Fragen nach Freiheit, Verantwortung und dem Bösen verlangen nach genauer Lektüre, begrifflicher Schärfe und historischer Tiefe.

Gerade darin liegt eine Aufgabe für Studierende und Forschende an den Universitäten. Die Fragen nach Freiheit, Verantwortung und dem Bösen gehören nicht ins Archiv, sondern ins Zentrum gegenwärtigen Denkens. Sie verlangen nach genauer Lektüre, nach vergleichender Arbeit und nach dem Mut, tradierte Grenzen zwischen sogenannten „europäischen“ und „islamischen“ Denkformen neu zu vermessen.

Wer sich auf diesen Weg begibt, wird nicht nur philosophische Parallelen entdecken, sondern auch lernen, die Eigenlogik der jeweiligen Traditionen ernst zu nehmen.

Das hier eröffnete Gespräch lädt dazu ein, weitergeführt zu werden: in Seminaren, in Abschlussarbeiten, in interdisziplinären Forschungsprojekten. Es bietet die Chance, eine gemeinsame Sprache für Fragen zu entwickeln, die uns alle betreffen, ohne die Unterschiede einzuebnen, die Denken erst fruchtbar machen.

Wir alle sind Teil von etwas Größerem. Wir alle leben, weil Er der Lebendige ist. Alles Lebendige geht von Ihm als Ur-Lebendigen aus. Etwas beitragen zum Leben können wir alle.

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Kurzmeldungen Inland (Nr. 369): von Freiheit in Deutschland bis Theologie in Koblenz

kurzmeldungen

Die Kurzmeldungen aus dem Inland (Nr. 369) reichen vom Stand der Freiheit in Deutschland, über Gewalt in Beziehungen bis zu einem neuen theologischen Standort in Koblenz.

Regierung: Nehmen Kritik wg. Freiheit ernst

BERLIN (KNA). Kritische Äußerungen zur Meinungsfreiheit in Deutschland durch die zuständige UN-Sonderberichterstatterin nimmt die Bundesregierung nach eigener Darstellung sehr ernst. Es greife aber zu kurz, aktuell nur die negativen Aspekte herauszugreifen, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts am Freitag in Berlin. Der Besuch von Irene Khan sei insgesamt positiv abgelaufen, und man wolle nun ihren abschließenden Bericht im Juni abwarten. Sie war vom 26. Januar bis 6. Februar in Leipzig, Dresden, Köln, Düsseldorf, Karlsruhe und Berlin. Es war der erste offizielle Besuch eines UN-Sonderberichterstatters für Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung in Deutschland.

Selbstzensur

Foto: Anas-Mohammed/Shutterstock

Vorwürfe vom Lemkin Institut an Deutschland

BERLIN/WASHINGTON (IZ). Das renommierte Lemkin-Institut zur Verhütung von Völkermord wirft Deutschland in einem neuen Bericht vor, den anhaltenden Genozid in Gaza zu leugnen und entsprechende Narrative in Politik und Öffentlichkeit zu verbreiten. Spitzenpolitiker hätten der internationalen Rechtsordnung den Rücken gekehrt, die wesentlich als Reaktion auf deutsche Gräueltaten geschaffen worden sei. Scharfe Kritik übt das Institut auch an großen Medienhäusern, die ihre journalistische Verantwortung aufgegeben und sich „praktisch zum loyalsten Sprachrohr der israelischen Regierung“ entwickelt hätten.

Gewalt in Beziehungen größer als bekannt

BERLIN (IZ). Eine neue Studie zeigt ein massives Dunkelfeld bei Gewalt in Paarbeziehungen in Deutschland. Die meisten Übergriffe werden nicht angezeigt, warnen die Forschenden. Besonders gefährdet sind Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund. Experten fordern besseren Schutz und niedrigschwellige Beratungsangebote für Betroffene. Die Untersuchung macht zudem auf erhebliche Lücken bei Prävention und Erfassung der Fälle aufmerksam. Politische Konsequenzen werden nun diskutiert.

Foto: crop media, Shutterstock

Ex-Hisbollah-Mann zu Bewährung verurteilt

CELLE (KNA). Das Oberlandesgericht Celle hat ein ehemaliges Mitglied der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Der 51 Jahre alte Mann aus Langenhagen wurde am 23. Februar der Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung schuldig gesprochen. Er erhielt eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wurde. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Die Miliz wird vor allem vom Iran finanziell und militärisch unterstützt. International werden Teile der Organisation als Terrororganisation eingestuft. In Deutschland ist sie seit 2020 vollständig verboten.

Abrahamisches Forum feiert 25-jähriges Jubiläum

DARMSTADT (IZ). Vor 25 Jahren am 6. Februar 2001 wurde auf Einladung des Vorsitzenden des Interkulturellen Rates in Deutschland, Dr. Jürgen Micksch, sowie in Abstimmung mit den Zentralräten der Juden und der Muslime in Deutschland zur ersten Sitzung eingeladen. Der Vorsitzende des Abrahamischen Forums in Deutschland e.V., Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel aus Tübingen, betont angesichts von 25 Jahren: „Das Abrahamische Forum hat entscheidend zum guten Miteinander von Religionen in Deutschland beigetragen.“

gesundheit

Foto: Freepik.com

Kein Kopftuchverbot für Flughafenpersonal

ERFURT (KNA). Das Bundesarbeitsgericht sieht keinen Grund für ein Kopftuch-Verbot für Mitarbeiterinnen der Sicherheitskontrolle an Flughäfen. Für diese Mitarbeiterinnen gelte kein Neutralitätsgebot, so das Gericht am 29. Januar in Erfurt. Es bestätigte in seiner Entscheidung die Verurteilung einer Sicherheitsfirma, die Passagier- und Gepäckkontrollen an Flughäfen abwickelt. Das Unternehmen unterlag in erster Instanz am Arbeitsgericht Hamburg einer Muslimin, die sich 2023 bei der Firma am Hamburger Flughafen beworben hatte. Laut Arbeitsgericht hatte sie sich zunächst ohne Lebenslauf beworben. Auf Nachfrage reichte sie dann ihren Lebenslauf mit Foto nach, auf dem sie ein Kopftuch trägt. Kurz darauf habe sie eine unbegründete Absage erhalten. Die Frau sieht sich diskriminiert und glaubt an eine Ablehnung aufgrund ihres muslimischen Hijabs. Das Gericht folgte in großen Teilen der Begründung der vorherigen Instanzen. Diese sahen ausreichende Hinweise auf eine Benachteiligung bei der Bewerbung.

Ein neues Institut für Islamische Theologie

KOBLENZ (IZ). Die Universität Koblenz hat zum 1. Januar 2026 ein Institut für Islamische Theologie eingerichtet. Ziel ist der Aufbau eines eigenständigen theologischen Studiengangs, der sowohl Imame als auch Religionspädagoginnen und -pädagogen ausbilden soll. Geplant sind Professuren für Tafsir, islamische Rechts- und Glaubenslehre sowie praktische Theologie. Das Institut soll zudem als Ansprechpartner für Politik, Schulen und Zivilgesellschaft in Fragen des Islam in Deutschland dienen.

Foto: Tafel Deutschland e.V., Thomas Lohnes | Getty Images

IGMG: Armut mit Gerechtigkeit bekämpfen

KÖLN (igmg.org). Die IGMG warnt vor den gesellschaftlichen Folgen wachsender Armut in Deutschland und fordert eine gerechtere Verteilung. Mehr als 13 Millionen seien armutsgefährdet, besonders Alleinerziehende, Rentner sowie Menschen mit Migrationsgeschichte und Geflüchtete. Ungleiche Verteilung untergrabe das Gerechtigkeitsempfinden und treibe sie in die Arme von Extremisten, warnt Generalsekretär Ali Mete. Jede sozialpolitische Reform müsse daran gemessen werden, ob sie Armut – insbesondere Kinderarmut – tatsächlich senke. Anlass waren aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts, wonach die Armutsgefährdung in Deutschland weiter steigt – so wie in vielen anderen Ländern Europas. „Wohlstand ist Verantwortung – sowohl für den Einzelnen als auch für den Staat.“

Leiter von Kolleg schon 2024 zurückgetreten

OSNABRÜCK (IZ). Wie Ende Februar 2026 durch Meldungen des „Tagesspiegel“ und des epd bekannt wurde, ist Prof. Dr. Bülent Uçar bereits Ende 2024 von seinem Posten als wissenschaftlicher Leiter des Islamkollegs Deutschland zurückgetreten. Zuvor ist gegen ihn nach Angaben beider Medien wegen fehlerhaften Spesenabrechnungen ermittelt worden. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren gegen eine Geldauflage ein. Er gilt damit als nicht schuldig. Der Forscher sprach gegenüber dem „Tagesspiegel“ von unbeabsichtigten Fehlern und übernahm die Verantwortung. Er betonte aber, dem Islamkolleg sei kein finanzieller Schaden entstanden. Da das Verfahren eingestellt wurde und die Einrichtung die Öffentlichkeit nicht über den Schritt unterrichtete, wurde er erst jetzt bekannt.

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Oxfam: Wie Oligarchen die Welt gefährden

oligarchen freiheit

Wie die Oligarchen Ökonomie und Politik dominieren: Pünktlich zum WEF-Treffen in Davos veröffentlichte Oxfam einen Bericht über die Superreichen.

(iz). Milliardäre in aller Welt erleben derzeit eine historische Hochkonjunktur, während für Mrd. Menschen die Lebensverhältnisse stagnieren oder sich verschlechtern.

Der neue Oxfam-Bericht zum Weltwirtschaftsforum in Davos „Resisting the Rule of the Rich: Die Macht der Superreichen und wie sie unsere Freiheit bedroht“ beschreibt diese Entwicklung nicht nur als ökonomische, sondern als politische Gefahr für Demokratien weltweit.

Laut der Plattform stieg das Vermögen der rund 3.000 Milliardäre 2025 um mehr als 16 % auf 18,3 Bio. US‑Dollar – der höchste Stand aller Zeiten. Insgesamt ist ihr Reichtum seit 2020 inflationsbereinigt um 81 % gewachsen – in einem Zeitraum, in dem die Armutsbekämpfung weitgehend zum Stillstand gekommen ist.

Der Bericht beziffert den Vermögenszuwachs allein im vergangenen Jahr auf 2,5 Bio. Dollar, eine Summe, die laut Oxfam ausreichen würde, um extreme Armut 26‑mal zu beseitigen. Die zwölf reichsten Personen besitzen demnach inzwischen mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – rund vier Mrd. Menschen.

In Deutschland spiegelt sich dieser Trend: Ihre Zahl stieg binnen eines Jahres um ca. ein Drittel auf 172, ihr Gesamtvermögen legte inflationsbereinigt um etwa 30 % auf 840,2 Mrd. Dollar zu.

Ein deutscher Milliardär verdient demnach in weniger als eineinhalb Stunden so viel wie ein durchschnittlicher Beschäftigter im ganzen Jahr. Die NGO spricht von einer „Ära der Milliardärinnen und Milliardäre“, in der sich Reichtum an der Spitze in „nie dagewesenem Tempo“ konzentriert.

Foto: Allah Rakhi, Care International

Dem Rekordreichtum steht eine Welt gegenüber, in der sich grundlegende Lebensrisiken für viele verfestigen. Laut den von Oxfam ausgewerteten UN‑Zahlen hatten 2024 rund 28 % der globalen Bevölkerung nur eingeschränkten bzw. gar keinen sicheren Zugang zu ausreichend Nahrung; insgesamt waren etwa 2,3 Mrd. Personen von moderater oder schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen.

Zugleich lebten 2022 fast 48 % der Weltbevölkerung von weniger als 8,30 Dollar pro Tag (kaufkraftbereinigt), und in vielen Regionen – vor allem in Afrika – steigt die extreme Armut wieder an.

Diese soziale Spaltung geht laut Oxfam mit einem Abbau von Freiheitsrechten einher. Nach Daten von Freedom House befand sich 2024 das 19. Jahr in Folge auf einem weltweiten Abwärtspfad der bürgerlichen und politischen Freiheiten.

Etwa ein Viertel aller Staaten schränkte die Meinungsfreiheit spürbar ein. Parallel registrierte der Global Protest Tracker der Carnegie-Stiftung im vergangenen Jahr mehr als 142 bedeutende Antiregierungsproteste in 68 Ländern – Demonstrationen, die häufig mit Gewalt beantwortet wurden.

Der Report warnt, dass das Risiko demokratischen Rückschritts – etwa durch Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit oder manipulative Eingriffe in Wahlen – in stark ungleichen Gesellschaften siebenmal höher sei als in egalitäreren Staaten.

Zentraler Befund ist der enge Zusammenhang von ökonomischer und politischer Ungleichheit. Oxfam schätzt, dass Milliardäre 4.000‑mal häufiger Spitzenämter bekleiden als durchschnittliche Bürger.

In vielen Ländern nutzten sie ihr Vermögen, um Parteien zu finanzieren, Wahlkämpfe zu prägen bzw. Regulierungen in ihrem Sinne zu beeinflussen, etwa bei Unternehmenssteuern, Kartellrecht oder Arbeitsstandards.

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Grafik: IZ (alle Fotos gemeinfrei oder CC BY-SA 3.0)

Die Organisation spricht von einer sich herausbildenden Oligarchie, die demokratische Institutionen aushöhle und Regeln so setze, dass sie künftige Umverteilung erschwere.

Als Beispiel verweist Oxfam ausdrücklich auf die Politik der Regierung Trump, die seit 2025 mit Steuersenkungen für Vermögende, der Schwächung internationaler Steuerkooperation und einer investorenfreundlichen Deregulierung von Digital‑ und Tech‑Konzernen maßgeblich zur aktuellen Vermögensexplosion beigetragen habe.

Der Boom von KI‑Aktien etwa habe die Portfolios der global reichsten Anleger zusätzlich befeuert. Zugleich interpretiert der Bericht diese Entwicklung als Warnsignal: Wo die Interessen weniger Superreicher Politik und Wirtschaft dominieren, verenge sich der Handlungsspielraum demokratischer Mehrheiten, etwa für Klimaschutz, soziale Sicherung oder eine faire Steuerpolitik. Besonders sichtbar wird diese Verschiebung der Machtverhältnisse im Medienbereich.

Laut Oxfam gehören Milliardären inzwischen mehr als die Hälfte der größten Medienunternehmen weltweit, zudem kontrollieren sie alle großen sozialen Plattformen. Genannt werden unter anderem Jeff Bezos, dem die „Washington Post“ gehört, Elon Musk mit X (ehemals Twitter), Patrick Soon‑Shiong als Eigentümer der „Los Angeles Times“ sowie Milliardärskonsortien, die maßgebliche Anteile am Wirtschaftsmagazin „The Economist“ halten.

In Frankreich habe der ultrarechte Unternehmer Vincent Bolloré den Sender CNews zu einem französischen Pendant zu Fox News umgebaut, während im Vereinigten Königreich drei Viertel der Zeitungsauflage von vier superreichen Familien kontrolliert würden.

Vor diesem Hintergrund warb Oxfam in seinem Davos‑Papier für eine politische Gegenoffensive. Regierungen sollten verbindliche nationale Pläne zur Verringerung der Ungleichheit verabschieden, mit klaren Zielen, Zeitplänen und regelmäßiger Überprüfung.

Zentral ist für die Organisation eine deutlich stärkere Besteuerung sehr hoher Vermögen und Einkommen – etwa durch breit angelegte Vermögenssteuern, höhere Spitzensteuersätze und eine konsequentere Erfassung von Kapitalerträgen.

Parallel fordert die Plattform „Brandmauern“ zwischen Reichtum und politischer Macht: strengere Regeln für Lobbying und Parteispenden, eine Begrenzung des Einflusses großer Privatvermögen im Wahlkampf sowie Maßnahmen zur Stärkung unabhängiger Medien und zur Eindämmung von Hassrede.

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Angriff auf die Demokratien: Braucht die UN einen Sonderberichterstatter?

demokratie

Als 2021 Panzer durch die Straßen von Myanmar rollten, schlugen gesellschaftliche Gruppen weltweit Alarm. Als Viktor Orbán die freie Presse in Ungarn systematisch zerstörte, verlangten Demokratieaktivisten internationale Maßnahmen. Und als […]

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Freiheit in Gefahr: Die Tech-Feudalisten haben Demokratie abgeschrieben

freiheit tech

Die Freiheit ist in Gefahr: Aber nicht durch die muslimische Minderheit, sondern milliardenschwere Tech-Feudalisten. Und ihre grausigen Visionen.

(iz). Die Welt ist in Unruhe geraten. Unglaubliche reiche Einzelpersonen weltweit haben enorme ökonomische, und damit politische, Macht in ihren Händen akkumuliert. Dadurch entziehen sie sich jeder rationalen Kontrolle durch Nationalstaaten oder das Recht. Längst träumen ihre Vordenker von postdemokratischen Verhältnissen – entweder von zu Imperien aufgeblähten Staaten bzw. deren Zerschlagung. In Folgen zitieren wir in Auszügen aus dem Vorwort zur französischen Ausgabe eines Buches zum Thema der britisch-muslimischen Gelehrten Aisha Bewley.

Die Welt gerät aus den Fugen

Ich nutze die Gelegenheit, über den aktuellen Stand der Politik und die eher düstere Situation, in der sich die Demokratie heute befindet, zu sprechen. Wir leben in einem Moment des Umbruchs, einer Zeit der Wende, nach der sich die Dinge in verschiedene Richtungen entwickeln könnten – einige davon recht unangenehm.

Die zeitgenössische Ordnungsform scheint sich derzeit auf einem bemerkenswerten Rückzug zu befinden. Das ist eine Tatsache, die selbst von führenden Politikern anerkannt wird. Der amtierende US-Vizepräsident J.D. Vance erklärte in einem Interview kategorisch, dass die gegenwärtige Ordnung auf ihren „unvermeidlichen Zusammenbruch“ zusteuere.

Der milliardenschwere Risikokapitalgeber und politische Aktivist Peter Thiel sagte, er glaube nicht, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar seien. Die Liste der heutigen Demokratiekritiker ließe sich beliebig fortsetzen.

Ihre Zahl wächst. Ihre hartnäckigsten Verfechter gehören in den Augen dieser Denkschule zu dem, was Curtis Yarvin die „Kathedrale“ genannt hat – das verbundene bürokratische Netzwerk von Akademikern, Medieneliten und Regierungsbeamten, die die Grenzen der akzeptablen Meinung festlegen und überwachen.

Foto: Sandra Sanders, Shutterstock

Teils erschreckende Alternativlösungen

Gegenwärtig wird eine Reihe von Alternativlösungen vorgeschlagen. Am auffälligsten ist der Rechtsruck in Gestalt eines populistischen nationalistischen Autoritarismus; einschließlich der Forderung nach einer Form von „Monarchie“ oder der Herrschaft eines einzigen übermächtigen Führers. Dies scheint der gemeinsame Nenner aller derzeit diskutierten Alternativen zu sein.

Eine Möglichkeit, die durch die Macht der Big-Tech-Firmen dargestellt wird und von einigen als längst in Kraft befindlich angesehen wird, ist der Technofeudalismus unter der Führung einer Techno-Oligarchie mit einem allmächtigen CEO, ähnlich einem kapitalistischen Konzern. Der Blogger Curtis Marvin und Nick Land, der Philosoph hinter der „Dunklen Aufklärung“ und der Neoreaktion, befürworten eine rechenschaftspflichtige „Techno-Monarchie“, die wie ein Start-up-Unternehmen strukturiert ist.

Dies ist angesichts der Realität eines großen komplexen Systems nicht realisierbar. Daher schlagen andere eine Vielzahl von Stadtstaaten unter technokratischen CEOs vor und blicken mit Wohlwollen auf Singapur, Dubai und Hongkong, obwohl Letzteres nicht so gut funktioniert hat.

Es gibt ebenso den Vorschlag, den der Unternehmer Balaji Srinivasan von „Netzwerkstaaten“ vorstellt, die sich aus einer Online-Community entwickeln. Es ist eine interessante Idee. Aber kann ein Staat ohne physisches Territorium oder tatsächliche reale (nicht-digitale) Währung existieren? Ist es möglich, Geld allein in Kryptowährung umzuwandeln, wenn es von Natur aus hochspekulativ ist?

Foto: Free Photobank Torange | Lizenz: CC BY 4.0

Über allem thront der Neoliberalismus und seine Folgen

„Neoliberalismus“ bezieht sich auf die politisch-sozialen Überzeugungen und Annahmen, die seit den 1970er Jahren vorherrschen. Indem den Märkten Macht verliehen wird, werden jene mit Kapital – die Investoren und Unternehmer – gestärkt und diejenigen, die angestellt sind, unter dem fadenscheinigen Banner von Demokratie und Gleichheit (die keine substanzielle Bedeutung haben) geschwächt.

Es handelt sich um ein Konstrukt aus Impulsen. Sie dienen dazu, die Markt- und intellektuelle Dominanz mit minimaler staatlicher Einmischung aufrechtzuerhalten, wobei eine Fassade der Moralität präsentiert wird, während der zugrunde liegende Rassismus und der Glaube an die Überlegenheit der westlichen Zivilisation verschleiert werden. Tatsächlich sind nur die erfolgreiche Oligarchie die Nutznießer des Systems.

Der globale Neoliberalismus scheint dem Ende entgegenzugehen. Die meisten führen den Beginn seines Niedergangs auf die Finanzkrise von 2008 zurück. Zu dieser Zeit gab es zusätzliche Ereignisse, die den Weg für diese Krise ebneten – wie Putins erste Aggression gegen Georgien, der Zusammenbruch der WTO und unproduktive Klimaverhandlungen. Natürlich kam all dies nicht aus heiterem Himmel. Die Auflösung des Goldstandards im Jahr 1971 führte letztlich zu den ungezügelten Finanzgeschäften, die den Crash von 2008 herbeiführten.

Darüber hinaus haben die psychologischen und finanziellen Auswirkungen von Covid das verschärft, was Hannah Arendt das Problem der Einsamkeit nannte, die ein Nährboden für Totalitarismus ist, weil sie den wütenden, gekränkten Wunsch fördert, der aktuellen Situation zu entkommen. Der Begriff, den sie verwendet, ist „Verlassenheit“. Dies bezeichnet einen Zustand des Verlassenseins und damit des Alleinseins und der Entfremdung, der genau beschreibt, was das derzeitige System mit dem Einzelnen macht.

Trotz der Behauptung des Marketings, wonach ein Markt, der nicht durch staatliche Eingriffe behindert wird, zu optimalem Wohlergehen führen würde, hat der Neoliberalismus in der Tat zu einer unglaublichen Ungleichheit geführt.

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Foto: UN Photos/UNICEF

Keiner hat Antworten auf die Ungerechtigkeit

Der jüngste globale Ungleichheitsbericht zeigt, dass die reichsten 10 % der Menschen auf der Welt 76 % des gesamten Vermögens besitzen, während die ärmsten 50 % praktisch gar keines haben und viele sogar ein negatives Vermögen oder Schulden haben. Diese krassen Einkommensunterschiede führen unweigerlich zu Isolation, Verzweiflung und Wut. „Demokratie“ funktioniert für die Mehrheit der Menschheit eindeutig nicht.

Die meisten „Alternativen“ zum derzeitigen politischen System wurden von Menschen mit einer gewissen Verbindung zum Silicon Valley entwickelt. Warum ist die Techno-Oligarchie dann so unzufrieden mit dem vorherrschenden Status quo? Offensichtlich hat das System ihnen enormen Reichtum und Einfluss verschafft – man schaue sich nur ihre prominenten Positionen bei der Amtseinführung von Donald Trump an.

Aber was wollen die neuen Techno-Oligarchen? Sie bieten keine tragfähigen Lösungen in der aktuellen Situation in Form von Politik bzw. Hilfe für diejenigen, die sich entfremdet haben, oder einen Ausweg aus dem Kernproblem.

Ihre Antwort besteht darin, jegliche Einmischung der Regierung zu unterbinden und einen ungezügelten Kapitalismus zu entfesseln. Wobei sie vergessen, dass das ursprüngliche Problem durch genau dieselbe Methode verursacht wurde. Oder vielleicht zynisch, möglicherweise in vollem Bewusstsein dessen. Tatsächlich findet nicht der Niedergang des Neoliberalismus statt: Es wurde sogar vom „seltsamen Nicht-Tod des Neoliberalismus“ (Colin Crouch) gesprochen.

Was wirklich befürwortet wird, ist die Aufgabe jeder sozialen Verantwortung für Bedürftige und die Beseitigung aller staatlichen Kontrollen ihrer Interessen. Es ist nicht überraschend, dass die Befürworter der „Dunklen Aufklärung“ dem Mittelalter verfallen sind, das wahrhaft feudal war, mit echten Herren und Leibeigenen.

Keine der Lösungen, die von den hier angerissenen politischen Bewegungen angeboten werden, geht auf die Grundursache ein. Sie hat letztlich zu der Situation geführt, in der wir uns jetzt befinden.

Bannon zum Beispiel glaubt an den Kapitalismus, aber an einen „jüdisch-christlichen Kapitalismus“. Er verkennt das verderbliche Grundproblem: das ungerechte Weltwirtschaftssystem, das die übermäßige Anhäufung von Reichtum in den Händen einiger weniger ermöglicht.

Wenn man den Nationalstaat aufgibt, gibt es zwei mögliche Entwicklungsrichtungen, die eingeschlagen werden können. Die eine ist zentripetal und führt zu einer Rückkehr zu Imperien. Aber die von der modernen Welt erzeugte Isolation wirkt dem entgegen. Die andere Richtung ist zentrifugal, was die Schaffung kleinerer politischer Einheiten bedeutet. Wir sehen dies in dem Vorschlag von Stadtstaaten oder Netzwerkstaaten.

Islamisches Paradigma

Im islamischen Paradigma besteht die Funktion von Herrschaft darin, die Schwachen vor den Starken zu schützen. Dazu gehört, die unverhältnismäßige Anhäufung von Reichtum in den Händen einiger weniger auf Kosten der Armen zu verhindern und Korruption aus den Gerichten sowie anderen Lebensbereichen zu entfernen.

Im Qur’an wird das Gebet mit der Zakat verbunden. Der Markt ist hier kein Interessenbereich, der unabhängig von Moral wäre. Wenn man das Problem der verbotenen Kapitalvermehrung (arab. riba) nicht löst, aus dem der Kapitalismus und der Neoliberalismus hervorgingen, kann man die sozialen und politischen Probleme, die in der heutigen Welt vorherrschen, nicht lösen.

Aisha Bewley, Democratic Tyranny and the Islamic Paradigm, Diwan Press 2018, Taschenbuch, 118 Seiten, ISBN 978-1908892485

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Wie können wir Freiheit verstehen?

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Hintergrund: Gibt es in der Debatte um den Freiheitsbegriff eine muslimische Antwort? (iz). Es gibt Begriffe, die durch ihre permanente Präsenz – allen voran in der Werbung und im alltäglichen […]

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Freiheit ist auch für Muslime wesentlich

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Leitartikel zum Titelthema „Freiheit“: Wir können unsere Unabhängigkeit nicht als Einzelne sichern. Das sagt der US-Historiker Timothy Snyder.

(iz). In den letzten Jahrzehnten der Krisen ist die Frage nach der Freiheit in aller Munde. Denkt man an die Pandemie, die Klimaerwärmung oder den Ukrainekrieg deutet sich eine Zeitenwende an. Die alte Idee individueller Freiheit wird zugunsten der kollektiven Notwendigkeiten der Menschen und den Bedürfnissen nach Sicherheit und Wohlstand zurückgedrängt.

Noch nicht völlig aufgearbeitet sind die Maßnahmen zum Gesundheitsschutz, das Klima verlangt reduzierten Konsum und der Ukrainekrieg macht deutlich, dass auch ein Weltkrieg in den Bereich des Möglichen gerückt ist. Es ist unklar, wie sich der Umgang mit den Krisen auf unsere liberalen Gesellschaften langfristig auswirkt.

Das Ausmaß der Katastrophen, die uns sorgen, lässt es möglich erscheinen, dass der Staat mit größerer Autorität auf seine Bevölkerung einwirkt und mehr verlangt als gewohnt. Noch glauben wenige Westeuropäer, dass sie sogar persönlich in einen Krieg verwickelt werden könnten. Höhere Steuern, mehr Opferbereitschaft und gesteigerter Gehorsam sind Zugeständnisse, die der Staat von uns künftig verlangen könnte und schaffen ein Gefühl neuer Unsicherheiten.

Die Frage nach der Freiheit ist hochaktuell, beschäftigt Denker und Philosophen. Timothy Snyder hat kürzlich ein neues Buch mit dem Titel „Über Freiheit“ veröffentlicht. In diesem Werk entwickelt der Historiker und Politologe eine tiefgehende und zugleich praxisorientierte Philosophie der Freiheit. Snyder kritisiert die vorherrschende Vorstellung von Freiheit als bloße Abwesenheit von Zwang – die sogenannte „negative Freiheit“ – und plädiert stattdessen für ein aktives Verständnis von Freiheit als positiver Kraft, die in der Gesellschaft wirksam ist.

Zentrale Dimensionen der Freiheit

Snyder identifiziert fünf zentrale Dimensionen der positiven Freiheit: die Souveränität, die Unberechenbarkeit, die Mobilität, die Faktizität und die Solidarität. Diese Dimensionen werden nicht nur theoretisch erörtert, sondern auch mit persönlichen Erfahrungen und historischen Beispielen verknüpft.

Snyder verweist auf Denker wie Simone Weil, Edith Stein, Václav Havel und Leszek Kołakowski, die sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Zudem fließen seine eigenen Erlebnisse in Osteuropa, insbesondere in der Ukraine, ein, um die Bedeutung von Freiheit in der Praxis zu verdeutlichen.

Snyder kritisiert die aktuelle politische Landschaft, insbesondere in den USA, wo die Vorstellung von Freiheit oft mit einem minimalen Staat und maximaler individueller Autonomie gleichgesetzt wird. Dieses libertäre Verständnis des Staates dient oft den Interessen der Reichen. Er argumentiert, dass diese Sichtweise die soziale Ungleichheit verstärke und die kollektive Verantwortung untergrabe. Stattdessen fordert er ein Verständnis von Freiheit, das auf Solidarität, sozialer Gerechtigkeit und der Anerkennung gemeinsamer Werte basiert.

„Über Freiheit“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine aktive, gemeinschaftsorientierte Freiheit, die über die Einräumung individueller Rechte hinausgeht und das Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellt. Snyder fordert die Leserinnen und Leser auf, Freiheit nicht als selbstverständlich anzusehen, sondern aktiv für deren Erhalt und Förderung einzutreten. „Wer wirklich frei sein will, muss anderen helfen, frei zu sein.“ – So könnte man Snyders Freiheitsbegriff auf den Punkt bringen.

Snyders Beitrag erinnert an das Fundament der Freiheit. Sie beginnt im Leib und ist nicht nur ein geistiges Konzept, sondern betrifft zutiefst unser körperliches Dasein – etwa unsere Fähigkeit zu handeln, zu widerstehen, zu sprechen, uns zu bewegen.

Der verletzliche und sterbliche Körper

Besonders in politischen Kontexten (z. B. Krieg, Unterdrückung, Flucht) zeigt sich, dass der verletzliche, sterbliche Körper der Ort ist, an dem Freiheit entweder möglich wird oder zerstört wird. Die Figur des „Homer Sacer“, der nur Träger seines nackten, rechtlosen Lebens ist, wurde bereits durch den Philosophen Giorgio Agamben in die politische Diskussion gerückt.

Pessimistisch ist Snyders Blick auf die sozialen Medien: „Algorithmen treiben uns in Kategorien, die durch unsere am wenigsten interessanten Eigenschaften definiert sind, und lenken uns von den Entscheidungen ab, die wir in der physischen und sozialen Welt um uns herum treffen müssen.“

Er räumt ein, dass „unsere Macht, dem fiktional-industriellen Komplex zu widerstehen, begrenzt ist, aber es gibt sie.“ Für die Unabhängigkeit des Menschen ist es wichtig, geschichtliche Kontexte zu verstehen und nicht zuletzt das eigenständige Lesen nicht zu verlernen.

„Unsere derzeitige Laune, die Vergangenheit aus meist selbstgerechten Gründen zu verwerfen, hat mit unserer technisierten Unfähigkeit zu tun, uns zu konzentrieren und zu tolerieren. Wir werden von einer Social-Media-Nemesis darauf trainiert, der Herde zu folgen und die Herde zu keulen. Doch wenn wir uns dem Lesen verweigern, tauschen wir nicht die Vergangenheit gegen die Zukunft ein. Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft. Wir tauschen die Vergangenheit gegen einen prekären Stillstand.“

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Das Thema ist wesentlich für uns Muslime

Das Thema Freiheit ist für Muslime essentiell wichtig, da ihre Gemeinschaften in einer Mehrheitsgesellschaft auf das Prinzip der Religionsfreiheit angewiesen ist. In pluralistischen Gesellschaften ermöglicht diese Garantie, dass Menschen unterschiedlicher Überzeugungen friedlich nebeneinander leben.

In jeder Demokratie ergeben Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit und Versammlungsfreiheit einen elementaren Bedeutungszusammenhang. Man sollte nicht vergessen: Wo die Religion unterdrückt wird, sind meist auch andere Freiheiten in Gefahr.

In der liberalen Gesellschaft, die die Religionsfreiheit verfassungsrechtlich absichert, entstehen neue indirekte Gefährdungen: Der Populismus stellt Religion unter Generalverdacht („Der Islam gehört nicht zu uns.“). Parteien wie die AfD schaffen einen säkularen Druck, die Religion – zumindest die von Minderheiten – vollständig aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. In Deutschland werden Menschen, die offen religiös leben (besonders Muslime oder Juden), diskriminiert oder bedroht.

Dabei ist sich die absolute Mehrheit aller Gläubigen klar, dass Religionsfreiheit nicht meint, dass alle religiösen Ansprüche durchsetzbar sind. Sie ist immer – so der Konsens – eingebettet in die Ordnung eines freiheitlichen Rechtsstaats. Weil die oben beschriebenen Gefahren existieren, ist es auch für Muslime wichtig, dass die Möglichkeit der kollektiven Organisation besteht, um eigene Anliegen, Themen oder Rechte effektiv in der Öffentlichkeit anzusprechen.

Die Existenz von Religionsgemeinschaften ist eine Notwendigkeit und Teil der Religionsfreiheit. Muslime sind gut beraten, sich also nicht in die scheinbare Sicherheit des Privaten zurückziehen, sondern sich selbstbewusst öffentlich zu engagieren.

Wer sich die Realität von Gläubigen in Russland oder China genauer anschaut, dem wird bewusst werden, was auf dem Spiel steht. Der Einsatz für die Rechte der Zivilgesellschaft und das Engagement für die Religionsfreiheit gehören zusammen.

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Eine der zentralen Spannungen

Die Frage, wie sich der Begriff der Freiheit zur Religion verhält, insbesondere im Kontext von Vorherbestimmung (Prädestination), ist eine der zentralen Spannungen in der Religionsphilosophie und Theologie. Wenn alles vorherbestimmt ist, stellt sich die Frage: Wie kann der Mensch dann frei sein? Die Antwort hängt stark vom religiösen und philosophischen Rahmen ab.

Im Islam gibt es das Konzept von Qadar (göttliche Bestimmung), das mit dem freien Willen des Menschen in Spannung steht, aber in vielen Interpretationen als eine Mitverantwortung erklärend interpretiert wird. Für viele Gläubige ist der Glaube an die Vorsehung kein Widerspruch zur Freiheit, sondern Trost: Auch wenn das Leben manchmal unverständlich scheint, hat es einen göttlichen Plan. Gleichzeitig bleibt die individuelle Verantwortung im Alltag erhalten – zum Beispiel durch das Streben nach Tugend, Gebet oder Buße.

Im Islam gibt es zweifellos den festen Glauben an die göttliche Bestimmung. „Und ihr könnt nicht(s) wollen, außer dass Allah (es) will.“ (Sure 76:30). Diese Überzeugung ist Teil des Iman (Glaubens) und bedeutet, dass Allah alles weiß, plant und verwirklicht, was geschieht – das Gute und das Schlechte. Aber: Gleichzeitig wird der Mensch im Koran als verantwortlich für sein Handeln dargestellt. Diese Sicht bestätigen viele Verse im Qur’an, in denen der Mensch zur Rechenschaft gezogen wird („Wer nun im Gewicht eines Stäubchens Gutes tut, wird es sehen.“ Sure 99:7–8)

Der Qur’an enthält beide Elemente. Wir bekennen das Wissen um die göttliche Allmacht „Gewiss, wir haben alles in (bestimmten) Maß erschaffen.“ (Sure 54:49) Hinzukommt das Bekenntnis zur menschlichen Verantwortung: „Jede Seele haftet für das, was sie erworben hat.“ (Sure 74:38).

Der Mensch hat die Fähigkeit zur Wahl, zu Gutem oder Bösem – und wird dafür zur Rechenschaft gezogen. „Wer der Rechtlautung folgt, der ist nur zu seinem eigenen Vorteil rechtgeleitet und wer irre geht, der geht nur zu seinem Nachteil irre.“ (Sure 17:15). Der freie Wille ist „real“, aber Gott bleibt der Schöpfer der Ereignisse.

Für Muslime gibt es keinen Widerspruch. Der Glaube an das Schicksal bedeutet nicht alle gesellschaftliche Entwicklungen passiv hinzunehmen. Wir handeln verantwortlich, vertrauen aber darauf, dass Gott am Ende gerecht urteilt und gnädig ist. Bei den aktuellen Diskussionen über die Zukunft der Freiheit ist der muslimische Beitrag wichtig.

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Freiheit in der Moderne

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Eine digitale Kolonie der Tech-Milliardäre?

tech-Milliardäre

Ein Bündnis zwischen Macht und Ökonomie, insbesondere der Tech-Milliardäre, stellt das politische System Europas in Frage.

(iz). „America First“ – mit diesem berühmten Slogan hat der amerikanische Präsident Donald Trump eine Zeitenwende vollzogen, deren Folgen noch nicht vollständig absehbar sind. Die ersten Maßnahmen der Regierung erinnern an die Theorien des deutschen Staatsrechtlers Carl Schmitt: Es ist von Großraum die Rede, der Herrschaft der Politik über das Recht sowie von Freund-Feind Verhältnissen, die in seiner Anwendung den ökonomischen Endkampf zwischen Konkurrenten umschreiben.

Die Tech-Milliardäre haben Carl Schmitt entdeckt

Ergänzt wird diese Weltanschauung von der berühmten Definition Schmitts, Nihilismus sei die Trennung von Ordnung und Ortung. Wer denkt hier nicht an Guantanamo als ein Lager für Illegale und vor allem an die unsichtbare Welt der Datenströme, die die Neuordnung des Techno-Globus bestimmen?

Die Schockwellen der Rhetorik von Seiten der US-Administration sind in Europa noch nicht vollständig verarbeitet. Die Bemerkung Peter Sloterdijks, über den neuen Wind aus den USA, klang zunächst eher amüsant: „Immerhin muss man Donald Trump nicht von vornherein als Krieger sehen, er denkt in den Kategorien eines Geschäftsmannes, und dass Krieg kein gutes Geschäft ist, scheint ihm klar zu sein.“

Ein Sturm der Entrüstung setzte ein, als der US-Präsident erklärte, dass der ukrainische Präsident Zelensky ein Diktator sei und den Krieg Russlands provoziert habe und damit die gesamte wertbasierte Außenpolitik Europas in Frage stellte. Mehr noch: In den letzten Bundestagswahlen mischte sich der US-Vizepräsident Vance aktiv ein und bemängelte den angeblichen Untergang der Meinungsfreiheit in Europa.

Erleben wir die Geburt einer neuen Ordnung?

Spätestens jetzt wurde den staunenden Europäern klar: Hier geht es nicht nur um eine Neujustierung amerikanischer Politik, sondern um eine völlig neue Ordnung der globalen Machtverhältnisse. An dieser Stelle ist es wichtig, die Rolle des zweiten starken Mannes der US-Regierung zu verstehen: Elon Musk. Vermutlich war selbst die AfD-Kanzlerkandidatin überrascht, dass der „Technokaiser“ plötzlich ihre Wahl propagierte.

Es dürfte sogar den Rechtspopulisten klar sein: Musk ist kein Mann, der innerhalb nationaler Grenzen denkt, sondern ein Geschäftsmann, der die Hochzeit zwischen ökonomischer und politischer Macht im 21. Jahrhundert organisiert. Im Licht der Absichten des auf den Mars fliegenden Technokraten sind die lokalen Ziele der sogenannten Alternative für Deutschland schlicht aus der Welt von gestern.

Foto: Sandra Sanders, Shutterstock

„Seine Unterstützung für extrem rechte Bewegungen zeigt, dass er nur an Macht interessiert ist“, behauptet der Historiker Timothy Snyder nicht ohne Grund. Musk agiert in einem globalisierten, technologischen Kontext, in dem Reichtum und Einfluss in den Händen von Einzelnen konzentriert sind und Staaten an Bedeutung verlieren.

Allein die Absicht der Populisten, die europäische Einheit zu hintertreiben, passt gut in die grenzenlose Strategie der neuen Oligarchen. Politik im alten Stil oder der Streit zwischen liberalen und konservativen Positionen interessiert hier nur am Rande.

Eine inhumane Ideologie

Auch der amerikanische Kolumnist Douglas Rushkoff sieht im strategischen Interesse des Milliardärs an der AfD im Kern nur ein Ausdruck einer menschenfeindlichen, techno-obsessiven Ideologie. Ein „Mindset“, das die Natur und den Menschen als quantifizierbare und extrahierbare Verwertungseinheiten betrachte und die Bürger nach ihrem Nutzen im technokapitalistischen Zeitalter klassifiziere und kategorisiere. Natürlich treibt die Mächtigen nicht nur die Technikbegeisterung. „Sie selbst sehen sich dabei auf der höchsten Stufe der Schöpfung, als hoch über allen anderen schwebenden Übermenschen.“

Die Tatsachen auf der anderen Seite des Atlantiks sind nicht schwer zu erkennen. In Amerika entwickelt sich eine „Technorepublik“, in Form einer Zusammenarbeit zwischen digitalen Konzernen und der politischen Macht.

Es ist kein Zufall, dass der Palantir-Gründer Alexander C. Karp in einem CNBC-Interview anerkennende Worte für Musk fand: „Ich schätze Elon. Er ist zweifellos der bedeutendste Unternehmer unserer Zeit.“ Interessant sind für ihn vor allem die Ziele des Department of Government Efficiency, einer Behörde mit engen Verbindungen zu Musk.

Der rasante Kursanstieg der Palantir-Aktie könnte darauf zurückzuführen sein, dass Anleger auf eine Intensivierung der Geschäftsbeziehungen zwischen dem Unternehmen und staatlichen Stellen spekulieren.

Die für seine Datenanalysesoftware im Dienste der Überwachung bekannte Firma ist weltweit in Regierungs- und Verteidigungsprojekte eingebunden. Klar ist, dass die wichtigsten Tech-Giganten in der Regentschaft Trumps die Chance erkannt haben, ökonomische und politische Macht endgültig zu verbinden.

Foto: Voyagerix, Adobe Stock

Musks Algorithmen produzieren Hass

Zu den persönlichen Interessen Musks gehört seine Plattform X, die auf ihre Weise eine Community schafft und die Idee von Meinungsfreiheit kommerzialisiert. Schon lange ist ein zentraler Kritikpunkt an Twitter/X ist, dass die Algorithmen der Ingenieure Inhalte bevorzugen, seien sie wahr oder nicht, die starke Reaktionen hervorrufen – oft in Form von Wut, Empörung und anderen extremen Emotionen. Das Modell ist erschreckend simpel: Konflikte, polarisierende Themen und extremistische Meinungen erzeugen mehr Interaktionen (Likes, Retweets, Kommentare), was wiederum dazu führt, dass sie in den Feeds der Nutzer höher gerankt werden.

Diese Verstärkung von konfliktbeladenen Inhalten fördert die Spaltung und trägt dazu bei, dass Konsumenten stärker in ihren eigenen, oft extremen Meinungen bestärkt werden. Machen wir uns nichts vor: Die Emotionalisierung gesellschaftlicher Konflikte hat wenig mit der Verteidigung der Meinungsfreiheit zu tun, sondern ist ein ideales Geschäftsmodell. Die künstliche Intelligenz der Plattform liefert die passenden Bilder, beliebige Fakten und damit einen digitalen Baukasten für „eine Welt, wie sie Dir gefällt“. Es wird Zeit, dass die politische Klasse unabhängig von ihren jeweiligen Überzeugungen diese Folgen des Streites auf unterstem Niveau erkennt.

Zu den historischen Gewissheiten der Europäer gehört, dass die Praxis des grenzenlosen Schürens von unversöhnlichen Freund-Feind Verhältnissen riskant ist. In seinem Buch „Gutes Tun“ versucht der Philosoph Markus Gabriel dem Radau-Ansatz von X seine aufgeklärte Dialektik entgegenzusetzen. „Eine Dialektik ist aufgeklärt, wenn sie das praktische Ziel verfolgt, eine moralische Option zu identifizieren, die einen gegebenen Kampf überwindet. Sie strebt damit Frieden an.“

Das Ziel des ethischen Nachdenkens besteht darin, Krieg und Kampf zu überwinden, indem wir „einen Mittelweg finden, der nicht zwischen den Polen aufgerieben wird“. Es ist kein Zufall und Symbol der trostlosen Lage, dass es hierzulande an sozialen Medien fehlt, die den gesellschaftlichen Frieden über die ökonomischen Interessen der Betreiber stellen. 

Das Problem geht weit tiefer, als es die Debatte um die Meinungsfreiheit vorgaukelt. Europa ist allgemein nicht in der Lage, sein Schicksal als „digitale Kolonie“ Amerikas zu überwinden. Und dieser systemische Mangel stellt im Kern die eigentliche Herausforderung für das freie und geeinte Europa dar.

Während Markus Gabriel hofft, dass ein „ethischer Kapitalismus“, der den moralischen Fortschritt anstrebt, der entfesselten Ökonomie eine konstruktive Richtung geben könnte, sieht der griechische Ökonom Yaris Varoufakis den Kapitalismus der alten Zeit längst in der Auflösung begriffen.

Im Gegensatz zum Reformansatz Gabriels sieht er in der fehlenden Ethik der Geldproduktion die wichtigste Ursache, die erst den Siegeszug der Tech-Milliardäre erlaubte. Mir dieser Analyse steht er nicht allein. „Ermöglicht wurden die Monopolisierungsstrategien der Technikkonzerne dadurch, dass sie dank niedriger Zinsen und einer riesigen Investment-Industrie über schier endloses Kapital verfügten“, erinnert ebenso Ingo Dachwitz in seinem Buch „Digitaler Kolonialismus“ an das Grundphänomen. Ist es naiv, wenn Gabriel schreibt, dass Moral und Kapitalismus miteinander vereinbar sind, und zwar „nicht etwa nur dadurch, dass die Ethik die Wirtschaft irgendwie einhegt, sondern in dem sie diese anspornt, Mehrwert durch das Tun des Guten zu erzeugen“?

Aggression Ukraine Geopolitik

Foto: kirill_makarov, Adobe Stock

Sie wollen neue Feudalherren sein

Man darf zweifeln, ob die Technik-Milliardäre moralische Argumentation sonderlich beeindruckt. Dramatischer formuliert: Erleben wir nicht längst den faktischen Untergang der sozialen Marktwirtschaft und des alten Marktmodells, das Gabriel reformieren will? Dieser Meinung ist zumindest Varoufakis: „Der Kapitalismus stirbt tatsächlich durch seine eigene Hand, ein verdientes Opfer seiner größten Schöpfung; nicht des Proletariats, sondern der Cloudalisten. Und nach und nach werden die beiden großen Säulen des Kapitalismus, Profit und Märkte ersetzt.“

Technofeudalismus nennt der ehemalige Finanzminister Griechenlands das neue System. Es bezeichnet eine potenzielle Entwicklung, in der große Technologieunternehmen nicht nur den Markt dominieren, sondern auch die Gesellschaft und das Leben der Menschen in einer Weise kontrollieren, die an feudale Strukturen erinnert.

Im technofeudalen System sind Plattformen (wie Amazon, Apple, Google) zentrale Akteure. Sie betreiben Marktplätze, auf denen Transaktionen stattfinden, und profitieren enorm von der Datenmonopolisierung. Verbraucher und Arbeiter sind oft in einer Art Abhängigkeit von diesen Anwendungen, ohne eine echte Alternative zu haben. Die Unternehmen, so spitzt Varoufakis zu, spielen die Rolle von „Feudalherren“, die die „Grundbesitzer“ (die Nutzer und Anbieter) auf ihren Portalen regulieren, aber selbst keine echte Konkurrenz zulassen.

Das neue Zauberwort dieser Form des Kapitalismus ist nicht der Profit, sondern die „Rente“, die Milliarden von Nutzern für die Nutzung der Technikplattformen bezahlen. Hier schließt sich der Kreis: Um ihre globale Macht rechtlich abzusichern und alternative Modelle künftig auszuschließen, müssen sie eine Allianz mit der mächtigsten Regierung der Welt eingehen. Das ist der wirkliche „Deal“, der sich in diesen Tagen abzeichnet.

Es passt in dieses Bild und erklärt das neue Desinteresse der Amerikaner an dem Regionalkrieg im Osten Europas, wenn wir den digitalen Kalten Krieg, der sich abzeichnet, erkennen. Es sind alleine die chinesischen Konzerne, die die Allmacht der USA noch ernsthaft gefährden.

Der Technologiekrieg zwischen den beiden Supermächten USA und China wird daher bald das Thema Ukraine ersetzen. Varoufakis beschreibt die Lage mit drastischen Worten: „Es ist ein Titanenkampf über noch unerschlossenes technofeudales Territorium, auf dem sich zwei Systeme zur Extraktion von Cloud-Renten als Herren etablieren wollen.“

Während viele Europäer langfristig und in alter Gewohnheit, von einem Siegeszug der Demokratie, über Kiew, Moskau bis nach Peking träumen, bereitet sich Washington längst auf die finale Auseinandersetzung mit China vor. Man kann nur hoffen, dass dieser Konflikt nicht militärisch ausgetragen wird. Gelingt es der Menschheit, einen dritten Weltkrieg zu verhindern, stellt sich eine alte philosophische Frage neu: Dient die Technik uns, oder wir ihr? Genauer gefasst: Hat die Politik die Macht, sich gegen den Einfluss digitaler Konzerne durchzusetzen?

Die Antwort fällt schwer. Während der Philosoph Gabriel auf die Vision eines ethischen Kapitalismus im Dienste der Demokratie setzt, flüchtete sich der Ökonom Varoufakis in den alten, kommunistischen Traum, die Macht der Konzerne zu zerschlagen. Zweifellos bedienen beide Ansätze den Vorwurf, angesichts der Machtverhältnisse, sie seien utopisch. Für die Religionen besteht die Herausforderung, ihre Idee des moralischen Fortschrittes auf die Felder der Technik und Ökonomie anzuwenden. Dass sie Zweifel an der Allmacht und Allwissenheit digitaler Technologien formulieren, ergibt sich von selbst.s

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Ramadan 2025: Was das Fasten mit Freiheit zu tun hat

fasten gebet

Freiheit: Im Ramadan führt der Verzicht auch zu einer Befreiung von Dingen. Und ist ein Gegengift zur Angst.

(iz). In der Endphase des abgeschlossenen Bundestagswahlkampfs rief der deutsche Philosoph und Autor Peter Sloterdijk dazu auf, die FDP ins Parlament zu wählen. Wer es gut mit diesem Land meine, müsse für sie „mit zusammengebissenen Zähnen“ stimmen. 

Er argumentiert, dass eine Volksvertretung ohne eine Partei, deren zentrales Motiv die Freiheit ist, keine glaubwürdige Verkörperung eines demokratischen Gemeinwesens mehr wäre.

Foto: Paul Wong, Shutterstock

Freiheit ist ein zeitloses Thema

Man kann angesichts der heutigen Freidemokraten geteilter Meinung sein. Dass Freiheit ein zeitloses Thema für den je Einzelnen wie für alle Menschen ist, sollte unbestritten sein. Nicht nur in Deutschland, in der ganzen westlichem Welt, schafft sich ein illiberaler Geist Platz bzw. kommt an die Macht. Wie wir in der letzten Ausgabe gezeigt haben, leben heute mindestens zwei Drittel der Menschheit in mehr oder weniger unfreien Verhältnissen.

Das Thema steht – nicht ohne gewisses Recht – bei vielen Menschen in anderen Weltteilen unter dem Verdacht, ein Vehikel westlicher Machtausübung und Ideologie zu sein. Zu frisch sind die Erinnerungen an neoimperiale Kriege, die in ihrem Namen geführt wurden. Es bleibt drastisch aktuell, wenn der amtierende US-Präsident den Diktatoren des Erdballs Beifall klatscht.

Freiheit spielt im heutigen muslimischen Denken meistens eine untergeordnete Rolle. Dabei lassen sich in unserer Lebenspraxis Aspekte finden, die mit ihr in einen Zusammenhang gebracht werden können.

Fasten als Akt der Befreiung

Einer davon ist das verpflichtende Fasten im Ramadan. Wir lernen in den Phasen der Enthaltsamkeit, dass man weder ganz von Dingen dieser Welt, noch von den Gewohnheiten des alltäglichen Lebens abhängig sein muss.

Aus dem Akt des Gehorsams gegenüber der Göttlichkeit (was auf den ersten Blick als unfrei erscheint) entsteht für die Fastenden das Potenzial, ein gelassenes Verhältnis zu allem zu entwickeln, das anders ist als Allah.

Foto: sewcream | Freepik

Neben sämtlichen, freiwilligen, zusätzlichen Handlungen steht der Verzicht im Mittelpunkt des Ramadans. Die existenzielle Erfahrung des Fastens – die tief bis in unser Unterbewusstes reicht – zerschlägt alltägliche Abhängigkeiten und konfrontiert uns mit einer großen Angst.

Das ist die Sorge um den Fortbestand unserer Versorgung. Das lehrt, dass wir nicht den Dingen dieser Welt untergeordnet sind, sondern nur dem Schöpfer. Aus diesem Akt kann Freiheit entstehen.

Und Angst ist einer ihrer größten Feinde. Die Ängste von Bürgern überall vor Armut oder Unsicherheit treibt viele derzeit in die Arme von populistischen Rattenfängern. Ihr Geschäft besteht aus ihrer Instrumentalisierung.