Auf dem Gemeinschaftsfriedhof in Ziguinchor im südlichen Senegal liegen Christen neben Muslimen begraben. Es ist ein Zeugnis des gelebten Austauschs zwischen den Religionen. (KNA). Auf den ersten Blick sieht der […]
Nachrichten & Lebensart
Auf dem Gemeinschaftsfriedhof in Ziguinchor im südlichen Senegal liegen Christen neben Muslimen begraben. Es ist ein Zeugnis des gelebten Austauschs zwischen den Religionen. (KNA). Auf den ersten Blick sieht der […]
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(iz). Es gibt verschiedene Weisen, wie ein kritisches Milieu in Deutschland auf die Tragödie des palästinensischen Volkes und die fortschreitende Militarisierung des Nahen Ostens blickt.
Neben einem authentisch betroffenen Publikum haben manche Akteure in muslimischen Dunstkreisen diesseits und jenseits des Atlantiks das Thema für die eigene Sichtbarkeit instrumentalisiert. Dabei geraten jene ruhigen, analytische Stimmen ins Hintertreffen, die sich der bequemen Logik des Schwarz-Weiß verweigern.
Zu ihnen zählt der Autor sowie Islam- und Politikwissenschaftler Dr. Muhammad Sameer Murtaza. Als Philosoph hat er sich mit Arbeiten zur Philosophiegeschichte ebenso profiliert wie durch seine Texte zu Gewaltlosigkeit im neueren muslimischen Denken.
Sein Zugang ist geprägt von Reflexivität und Selbstkritik – eine Haltung, die sich durch sein Werk zieht. Mit zahlreichen Büchern und Essays, die im wissenschaftlichen Format und in Medien erscheinen, hat er sich als relevante Stimme in der Debatte um ein intellektuell ernstzunehmendes Islamverständnis im deutschsprachigen Raum etabliert.
In den letzten Jahren hat Murtaza Arbeiten vorgelegt, die den Nahostkonflikt, Palästina und Antisemitismus bewusst zusammendenken und aus einer muslimisch-deutschen Perspektive reflektieren. In dieser Kombination liegt die Relevanz seines Ansatzes. Sein Werk macht ihn zu einer der produktivsten Stimmen der deutschmuslimischen Gegenwartsdebatte.
Der Autor plädiert für eine differenzierte Kritik am Einsatz von Gewalt und ihren Subjekten – und für ein muslimisches Selbstverständnis, das sich der Komplexität der Gegenwart nicht entzieht.
Soeben ist sein neues Buch „Palästina, 1896: Nakba, Gaza und der verdrängte Diskurs in Deutschland“ erschienen. Darin reflektiert er seine eigene Sprecherposition – ein wichtiger Ausgangspunkt. Einerseits sei er ein hier geborener „deutscher Staatsbürger“.
Zugleich gelte man für einen „beachtlichen Teil der Mehrheitsgesellschaft“ nicht als Bestandteil des „deutschen Wir“. Diese „verfassungsfeindliche Unterscheidung“ trete klar hervor, „sobald der Nahostkonflikt unsere Diskurse bestimmt“.
Mit Blick auf den Israel-Hamas-Krieg erkennt er Parallelen zur Zeit nach 9/11: Es „werden Mitbürger muslimischen Glaubens seit dem 7. Oktober 2023 wieder misstrauisch als Terroristensympathisanten beäugt“.
Trotz eingeforderter Loyalitätsbekundungen (und einer nicht zur Verfassung gehörenden Staatsräson) bleibe „stets ein Restverdacht“. Eine solche Form des Diskurses, so seine Diagnose, erfasst sowohl die Mehrheitsgesellschaft als auch „muslimische Mitbürger“.
Zugleich kritisiert Murtaza die hierarchische Diskursführung des offiziellen Deutschland im Umgang mit seinen Muslimen nach dem 7. Oktober 2023. Er fragt, mit welchem Recht ein Teil der Bevölkerung beansprucht, einem anderen vorzuschreiben, was er zu denken und zu sagen habe.
„Es scheint so, als sei es nicht gewollt, dass muslimische Mitbürger eigene Beiträge zur Diskursmatrix Schoa, Erinnerungskultur, Staatsräson und zum Nahostkonflikt einbringen. Ihre Beiträge werden als eine ungebetene Einmischung in das deutsch-jüdische und deutsch-israelische Verhältnis empfunden.“
Seine Diagnose der hiesigen Gesprächsführung zum Konflikt fällt entsprechend wenig schmeichelhaft aus: „Es geht weniger um Fakten als um Deutungshoheit und Ausschlussmechanismen. Doch eine Demokratie, die Millionen Bürger systematisch überhört, schwächt sich selbst, überlässt Diskurse den Ideologen und unterbindet Gespräche, die von Zwischentönen und Differenzierung leben.“
Foto: Ryan Rodrick Beiler, Shutterstock
Zugleich formuliert er einen zentralen Einwand gegen die religiöse Aufladung eines Konflikts, der wesentlich um Ressourcen, Land und Kontrolle geführt wird.
„Der Nahostkonflikt ist kein Religionskonflikt. Er wird vereinfacht als solcher wahrgenommen, weil sich der israelische Staat als ‘jüdischer Staat’ und die Hamas als ‘islamischer Widerstand’ bezeichnen. Das Ergebnis: Weltweit lassen sich Juden und Muslime zu Parteisoldaten der israelischen Regierung oder der Hamas mobilisieren.
Jeder Waffengang zwischen Israelis und Palästinensern verstärkt und verfestigt Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit im politischen Westen – sowohl in den jeweiligen Mehrheitsgesellschaften als auch innerhalb der beiden Religionsgemeinschaften“, schreibt er in der Einleitung seines Textes.
Der Autor spannt einen Bogen von der „Metaebene“ und der historischen Vorgeschichte über Propaganda und eine „alternative Ebene“ bis zu „Gesprächen über Israel und Palästina“. Er schließt mit Betrachtungen zur hiesigen „Diskursebene“ und dem Versuch, den Nahostkonflikt im Kontext von Frieden zu denken.
Die Metaebene des Buches legt das theoretische Fundament für Murtazas Blick auf Palästina, Gaza und den deutschen Diskurs. Ausgangspunkt ist die These, dass der Nahostkonflikt ohne eine kritische Betrachtung der westlichen Moderne nur verkürzt verstanden werden kann.
Die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, aus der Französischen Revolution und der Aufklärung hervorgegangen, markieren zwar eine historische Zäsur, bleiben aber von Anfang an von einem „Schatten“ begleitet: Kolonialismus, Sklavenhandel, Ausbeutung ganzer Kontinente und die Herabwürdigung nicht-europäischer Kulturen.
Damit entsteht eine dauerhafte Diskrepanz zwischen universalistischem Anspruch und partikularer Praxis – ein struktureller Widerspruch, in dessen Licht der Autor auch das Handeln Israels betrachtet.
Von hier aus öffnet der Autor die Perspektive des Globalen Südens: Für viele Gesellschaften jenseits Europas waren Menschenrechte und Demokratie nie reine Emanzipationsprojekte, sondern zugleich Instrumente einer paternalistischen Überordnung. Der Kolonialismus erscheint ihm als „liberaler Autoritarismus“, gespeist aus der Überzeugung westlicher Überlegenheit und einer selbst auferlegten Zivilisierungsmission.
Diese Haltung wirkt, so seine Diagnose, bis in die Gegenwartspolitik fort – in Entwicklungszusammenarbeit, Interventionen und einem „liberalen Imperialismus“, der zur Not mit militärischen Mitteln Demokratie exportieren will. Der Globale Süden registriert dies als Muster: Werte werden proklamiert, aber selektiv angewandt.
Der Autor erklärt, wie die europäische „Judenfrage“ – Europas Unfähigkeit, jüdische Minderheiten gleichberechtigt zu integrieren – zur Entstehung des Zionismus führte.
Theodor Herzls politische Idee wird dabei nicht als religiöse Bewegung, sondern als säkularer Ethnonationalismus dargestellt, der von Anfang an koloniale Züge trug: Ignoranz gegenüber der ansässigen palästinensischen Bevölkerung, Vertreibungsgedanken und ein Überlegenheitsgefühl.
Dieser Teil mündet in der detaillierten Darstellung der Nakba – der systematischen Vertreibung von 700.000 Palästinensern 1947/48. Und er zeigt auf, dass dies kein Unfall des Krieges war, sondern Bestandteil einer bewussten Strategie.
Foto: Get Archive, PICRYL | Lizenz: gemeinfrei
Der dritte Teil wendet sich den Deutungsrahmen zu, in denen Israel, Palästina und Gaza international verhandelt werden, und legt frei, wie stark Wahrnehmung durch Narrative strukturiert ist. Ausgangspunkt ist das im Westen verbreitete Bild Israels als „Schutzwall der Freiheit“ inmitten eines feindlichen arabischen Umfelds.
Murtaza liest diese Selbstbeschreibung als Fortschreibung kolonialer Denkfiguren: hier der aufgeklärte, demokratische Westen, dort eine diffuse, bedrohliche Peripherie. Ohne Israel seine demokratischen Institutionen abzusprechen, insistiert er auf den Widerspruch eines Staates, der sich zugleich als säkular und als dezidiert ethnisch‑religiös definiert – und verweist unter anderem auf die Einstufung Israels im V‑Dem‑Index, um diese Spannung zu unterstreichen.
Dem Narrativ der existenziellen Einkreisung stellt der Text eine nüchterne Betrachtung der regionalen Lage gegenüber. Friedensverträge mit Ägypten und Jordanien, die Normalisierung der Beziehungen mit Golfstaaten, wiederholte saudische Angebote im Rahmen einer Zwei‑Staaten‑Lösung – all dies zeichnet das Bild eines Umfelds, das deutlich weniger geschlossen feindlich ist, als es die gängige Rhetorik suggeriert.
Wo von einem „Meer arabischen Hasses“ gesprochen wird, macht Murtaza auf Kooperationen, Sicherheitsabkommen und ökonomische Interessen aufmerksam. Scharf fallen seine Beobachtungen aus, wenn er auf explizit rassistische Aussagen einzelner Regierungsmitglieder eingeht, die Araber herabsetzen und damit die Vorstellung kultureller Überlegenheit fortschreiben.
Der dritte Teil erfüllt im Gefüge des Buches eine doppelte Funktion: Er dekonstruiert die offiziellen und halboffiziellen Erzählungen, mit denen Gewaltpolitik legitimiert wird, und er verankert den Konflikt zugleich im Rahmen eines universalen Rechtsanspruchs.
Die Kritik an „Propaganda“ richtet sich nicht nur an Israel, sondern auch an jene westlichen Diskurse, die durch selektive Empörung und historische Analogien das Bild eines permanent bedrohten Ausnahmestaats stabilisieren.
Indem Murtaza dem die nüchternen Befunde des IGH und eine transnationale Perspektive entgegenstellt, bereitet er den Boden für den folgenden Teil, in dem es um mögliche Alternativen zu Gewaltspiralen und Abschottungslogik geht.
In der „alternativen Ebene“ wendet sich Murtaza von der Diagnose der Gewaltspiralen den Möglichkeiten eines anderen Umgangs mit dem Konflikt zu. Ausgehend vom Bild des „Gordischen Knotens“ argumentiert er, dass sich die verfahrene Lage weder durch militärische Überlegenheit noch durch terroristische Gewalt lösen lässt.
Beide Strategien stabilisierten sich gegenseitig: Staatliche Repression nährt Radikalisierung, Anschläge legitimieren wiederum massive Gewalt und Einschränkungen von Rechten. Stattdessen plädiert der Autor für eine konsequente Suche nach Ansätzen, die auf gleichen Rechten, Rechtsstaatlichkeit und der Anerkennung von Leid auf beiden Seiten beruhen.
Terrorismus verurteilt er nicht nur moralisch, sondern auch als politisch „lächerlich“, weil er die eigenen Ziele untergräbt, Verbündete verschreckt und die Logik der militärischen Antwort stärkt.
Als positive Gegenfigur entwickelt Murtaza den gewaltlosen Widerstand und verweist auf historische Vorbilder wie die Anti‑Apartheid‑Bewegung oder bürgerrechtliche Kämpfe in anderen Teilen der Welt. Er zeigt, dass zivilgesellschaftliche Initiativen, Boykottformen und rechtliche Schritte langfristig mehr bewirken können als spektakuläre Anschläge, weil sie die universalen Maßstäbe, auf die sich der Westen offiziell beruft, gegen dessen eigene Doppelstandards in Stellung bringen.
Zugleich rückt er „vergessene“ Akteure ins Blickfeld, etwa palästinensische Christen, die die einfache religiöse Frontstellung zwischen „jüdischem Staat“ und „islamischem Widerstand“ durchbrechen.
In der nüchternen Darstellung von Folter und Misshandlungen in israelischen Haftanstalten zeigt er schließlich, wie sehr auch ein demokratischer Staat seine moralische Glaubwürdigkeit verspielt, wenn er auf systematische Entwürdigung setzt. Die alternative Ebene ist kein fertiger Friedensplan, sondern eine Bündelung von Prinzipien und Praktiken, die aus der Logik von Vergeltung und Überlegenheit ausbrechen sollen.
Foto: Alisdare Hickson, CC BY-NC SA 2.0
In der „Friedensebene“ bündelt Murtaza seine zuvor entwickelten Fragen und Analysen zu einer Art normativem Prüfstein: Unter welchen Bedingungen ist Frieden überhaupt denkbar?
Er knüpft an seine beiden ersten Dialogfragen an (universelle Geltung der Menschenrechte, Unzulässigkeit von Völkerrechtsbrüchen) und ergänzt eine dritte Dimension: Kritik an israelischer Politik darf nicht in die Delegitimierung des Staates als solchem kippen, so wie umgekehrt die Berufung auf Israels Existenzrecht nicht dazu dienen darf, jede Kritik zu immunisieren.
Frieden setzt für ihn voraus, dass die beteiligten Akteure sich auf einen gemeinsamen normativen Boden einigen: gleiche Rechte statt ethnischer Hierarchien, Anerkennung beider Traumata (Schoa und Nakba) und der Verzicht auf selektive Empörung.
Konkrete politische Modelle – Zwei‑Staaten‑Lösung, binationaler Staat, Konföderation – bewertet er weniger als technische Blaupausen denn als jeweils nur dann tragfähig, wenn sie diese Grundbedingungen erfüllen.
Frieden ist in seiner Darstellung kein Moment der Versöhnungsromantik, sondern ein langfristiger Prozess, der Entmilitarisierung von Identitätspolitik, Abrüstung von Feindbildern und die Wiederentdeckung des Gegenübers als verletzlichen Menschen verlangt.
Deshalb schließt der Teil nicht mit einem „Masterplan“, sondern mit einer nüchternen Aufforderung, Machtinteressen konsequent an Prinzipien zu messen – und nicht umgekehrt die Prinzipien an die Macht anzupassen.
Der Papst erachtet die weltpolitische Lage offenbar für so dramatisch, dass er zu einem weltweiten Friedensgebet aufrief. (KNA/IZ). Überraschung am 11. April vor dem Petersdom: „Wir wollen der ganzen Welt […]
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(iz). Am 12. April 2026, zu Beginn seiner Afrikareise, sprach er in Algier vor Vertretern von Regierung, Diplomatie und Zivilgesellschaft zu Geschwisterlichkeit, Gerechtigkeit und Verantwortung im Angesicht der globalen Krisen.
Erstaunlich nüchtern setzte der Papst dabei an einem Punkt an, der in religiösen und politischen Debatten oft überdeckt wird: der gemeinsamen Gottesbeziehung von Christen und Muslimen. „Wir sind Brüder und Schwestern, weil wir denselben Vater im Himmel haben“, erklärt er – ein Satz, der in einer Zeit, in der Religion häufig als Trennlinie erscheint, bewusst quer zum dominierenden Diskurs steht.
In einer Welt voller Konflikte und Missverständnisse, so Leo XIV., gehe es darum, einander zu begegnen und zu verstehen, im Bewusstsein, „dass wir eine einzige Familie sind“.
Dass diese Sätze ausgerechnet in Algerien fielen, war kein Zufall. Das Land war erste Etappe einer elftägigen Afrikareise, die der Papst am 12. April begonnen hatte; tags darauf, setzte er seine Besuche bei kirchlichen Gemeinschaften fort und würdigte in der Basilika „Unsere Liebe Frau von Afrika“ die kleine katholische Minderheit als Ort des Dialogs.
Leo XIV., der Algerien schon vor seiner Wahl zweimal bereiste, knüpfte damit an eine biografische Vertrautheit mit der Region an. Die antiken nordafrikanischen Wurzeln des Christentums und die heutige muslimische Mehrheitsgesellschaft wurden in seinen Worten zu einem gemeinsamen kulturellen Raum, in dem Gastfreundschaft nicht Folklore, sondern theologische Praxis ist.
Relevant wurde sein Auftritt, wo sich Spiritualität und Gesellschaftskritik verschränken. Leo XIV. sprach nicht allein von Frömmigkeit, sondern von Barmherzigkeit als sozialem Korrektiv. „Ungerecht ist, wer Reichtümer anhäuft und anderen gegenüber gleichgültig bleibt“, sagt er, und nennt eine Religion ohne Barmherzigkeit ebenso wie ein gesellschaftliches Leben minus Solidarität „in den Augen Gottes einen Skandal“.
Hier tastete der Papst die Ränder des globalen Wirtschaftssystems ab, ohne es beim Namen zu nennen – eine Rhetorik, die aufmerksame Hörer dann verstehen sollen, wenn sie sich nicht direkt angesprochen fühlen wollen.
Vor dem Hintergrund von Krieg am Persischen Golf und fortdauernden Konflikten im weiteren Nahen Osten erhielt seine Algerien-Rede eine zweite, unausgesprochene Ebene. Während anderswo Waffen sprechen, insistierte Leo XIV. darauf, dass Christen und Muslime vor Gott nicht Gegner, sondern Verwandte seien.
Die Zuspitzung auf das Bild der „einen Familie“ kann man als geistliches Motiv lesen. Sie ist zugleich eine subtile Kritik an einer Weltordnung, in der Grenzen, Allianzen und Ökonomien nach ganz anderen Logiken funktionieren.
Am schärfsten zeigte sich diese kritische Perspektive, wenn der Papst die „fortschrittlichen“ Gesellschaften der Gegenwart betrachtet. Viele von ihnen, so seine Diagnose am 12. April, stürzten immer tiefer in Ungleichheit und Ausgrenzung; Menschen und Organisationen, die über andere herrschen, zerstörten jene Welt, „die der Allerhöchste erschaffen hat, damit wir zusammenleben“.
Der Begriff der „neokolonialen Versuchungen“, den er in dem Kontext benutzte, verweist auf eine Geschichte, die noch nicht vergangen ist – und auf afrikanische Erfahrungen, „die Afrika nur zu gut kennt“.
Leo XIV. inszeniert sich nicht als neutraler Beobachter, sondern kritischer Analytiker der Wirklichkeit. Sein Appell, „Oasen des Friedens“ zu vermehren, die Ursachen der Verzweiflung anzuprangern und zu beseitigen, richtet sich an politische Eliten – und zugleich an eine Öffentlichkeit, die aus seiner Sicht zu oft an Symptomen hängen bleibt.
Wenn er forderte, gegen diejenigen vorzugehen, „die aus dem Unglück anderer Profit schlagen“, dann ging es ihm nicht nur um moralische Empörung, sondern um eine Verschiebung des Blicks: weg von abstrakten Konfliktkarten hin zu den konkreten Biografien, auf deren Rücken Gewinne gemacht werden.
Dass der Papst diese Worte in Algier sprach – vor einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft und einer kleinen christlichen Minderheit –, deutet auf eine dramaturgische Setzung: Der Ort wurde zum Teil der Botschaft.
Die Afrikareise begann nicht mit einer innerkirchlichen Selbstvergewisserung, sondern dem Versuch, religiöse Sprache als gemeinsame Ressource gegen politische und ökonomische Entfremdung fruchtbar zu machen.

Frankfurt (KNA/iz) Christen und Muslime haben für ein friedliches und solidarisches Miteinander geworben. Bischof Bertram Meier rief beim Jahresempfang der katholischen Deutschen Bischofskonferenz für die Akteure im christlich-islamischen Dialog in Frankfurt am 27. März zum Schulterschluss gegen radikale Kräfte und für eine offene Gesellschaft auf.
„Wir brauchen echte Solidarität, wenn Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit Anfeindungen und Übergriffe erfahren“, so der Augsburger Bischof. Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und jede Form von Menschenfeindlichkeit dürften in der Gesellschaft keinen Platz haben.
Meier, in der Bischofskonferenz Vorsitzender der Unterkommission für den Interreligiösen Dialog, erinnerte an das Weltgebetstreffen der großen Religionen für den Frieden 1986 in Assisi auf Einladung von Papst Johannes Paul II.
„Als gläubige Menschen wissen wir, dass Frieden letztlich immer ein Geschenk Gottes ist. Damit jedoch der Friede, den Gott gibt, in dieser Welt wirksam wird, bedarf es unserer Mitwirkung“, betonte Meier.
Rund 120 Gäste waren der Einladung zu dem Empfang im Frankfurter Haus am Dom gefolgt. Bei einem Eröffnungsgebet im Dom betonte Meier, dass Christen und Muslime trotz Unterschieden in der Glaubenslehre geistliche Berührungspunkte teilten.
Beide Religionen vertrauten sich einem barmherzigen Schöpfergott an. Er appellierte an die gemeinsame Verantwortung für den Frieden in der Welt. „Denn Frieden ist mehr als das Schweigen der Waffen – er beginnt im Herzen der Menschen.“
Die Vorsitzende der Christlich-Islamischen Gesellschaft, Dunya Elemenler, warb in ihrem Grußwort für aktives Handeln. Es gehe darum, „nicht nur Unterschiede zu benennen, sondern vor allem Vertrauen wachsen zu lassen“, so die Muslimin.
Denn am Ende entscheide sich die Zukunft des interreligiösen Dialogs im Miteinander der Menschen. „Wenn es uns gelingt, Dialog als echte Beziehungsarbeit zu verstehen und zu leben, dann kann daraus mehr entstehen als Verständigung: nämlich gegenseitige Wertschätzung, Vertrauen – und vielleicht sogar Freundschaft.“
Der katholische Bischof von Innsbruck, Hermann Glettler, und der muslimische Religionspädagoge und Imam Abualwaffa Mohammed berichteten über ihre gemeinsamen Dialogerfahrungen, über die sie 2025 ein Buch veröffentlicht haben.
Glettler hob eine Haltung von Offenheit hervor: „Fruchtbare Dialoge gelingen nur, wenn wir uns selbst verletzlich machen und uns aus der Sicherheitszone der eigenen Positionen herauslocken lassen – hin zu einer beglückenden Erfahrung des Menschseins.“

Foto: Marko Orlovic/Deutsche Bischofskonferenz/X
Imam Mohammed warnte vor Freund-Feind-Denken und ideologischen Vereinfachungen, die Rassisten und radikale Islamisten verbinde. „Einen Ausweg gibt es nur, wenn wir versuchen, in jedem einen Menschen zu sehen.“
Es war der siebte Jahresempfang der Bischofskonferenz für die Partnerinnen und Partner im christlich-muslimischen Dialog. Dessen Ursprünge gehen in der katholischen Kirche zurück auf das Dokument „Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965).
Die Kirche vollzog darin eine Öffnung zu anderen Religionen. Nach Jahrhunderten von Gegensätzen und Feindschaft zwischen Christen und Muslimen bekundete das Konzilsdokument 1965 Hochachtung vor dem Islam. Insbesondere die Päpste Johannes Paul II. und Franziskus förderten später den Dialog mit den Muslimen.
Auch die katholische Kirche in Deutschland führt das Gespräch mit Musliminnen und Muslimen, Islamverbänden und weiteren Vertretern auf vielen Ebenen. So haben etliche Bistümer eigene Islam-Beauftragte.
Mit der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle Cibedo in Frankfurt am Main unterhält die Bischofskonferenz zudem eine wissenschaftliche Fachstelle für den christlich-islamischen Dialog.

URBANA (IPS). Millionen in den USA und weltweit sind von Ernährungsunsicherheit betroffen. Das heißt, dass sie keinen Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln haben, die für ein erfülltes Leben notwendig sind. Und oft nicht wissen, woher sie ihre nächste Mahlzeit bekommen sollen. Laut der NGO Feeding America sind 47 Mio. in den USA davon betroffen. Weltweit leiden 673 Mio. unter Lebensmittelunsicherheit. Traditionell konzentrierten sich die Bemühungen zur Bekämpfung auf die Bevölkerung in ländlichen und vorstädtischen Zonen. Jüngste Volkszählungsdaten und Statistiken zeigen, dass heute mehr Menschen in Städten leben. Angesichts des bleibenden Wachstums der Stadtbevölkerung und der dringenden Problematik in Großräumen ist es nicht mehr optional, sondern unerlässlich, städtische und stadtnahe Räume als Zentren für Innovationen im Bereich des Anbaus von Lebensmitteln neu zu konzipieren. Es überrascht nicht, dass ein wegweisender Bericht eines Expertengremiums für Ernährungssicherheit und Ernährung aus dem Jahr 2024 gezeigt hat, dass mehr als 75 % der Betroffenen weltweit in städtischen und stadtnahen Gebieten leben. Sie sind für ihre Lebensmittelversorgung auf Märkte angewiesen, anstatt selbst anbauen zu können. Daher wird es immer wichtiger, Initiativen zur Bekämpfung der Ernährungsunsicherheit auszuweiten und die Stadtbevölkerung einzubeziehen.
Foto: World Vision
KAIRO (KUNA). US-Präsident Donald Trump drückte am 13. Oktober seine Dankbarkeit gegenüber den arabischen und muslimischen Ländern aus, die zu diesem enormen Durchbruch beigetragen haben, der zur Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens für Gaza geführt hat. In seiner Rede auf dem Friedensgipfel in Sharm El Sheikh sagte er, dass „das Unmögliche erreicht wurde und wir endlich Frieden im Nahen Osten haben“. Er fügte hinzu, dass dies der Tag sei, auf den alle Menschen in der Region und auf der ganzen Welt hingearbeitet, gehofft und gebetet hätten.
ROM (KNA). Das päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ hat 2023 und 2024 in 62 Ländern schwerwiegende Verletzungen der Glaubensfreiheit registriert. Mehr als 5,4 Mrd. Menschen seien von Verfolgung oder Diskriminierung betroffen, hieß es in der am 20. Oktober vorgestellten Auswertung „Religionsfreiheit weltweit 2025“. Nur in zwei Staaten, Kasachstan und Sri Lanka, habe sich die Lage im Berichtszeitraum verbessert. Das Hilfswerk resümiert: Das grundlegende Menschenrecht sei nicht mehr nur gefährdet. Es werde inzwischen großen Teilen der Menschheit vorenthalten. Demnach sind diktatorische Regime die größte Bedrohung der Freiheit. In Staaten wie China, Eritrea oder Iran seien Gläubige weitreichender Überwachung und restriktiven Gesetzen ausgesetzt.
Foto: Master Sgt. Jerry Morrison, DoD | gemeinfrei
BONN (help-ev). Zum Welttag der mentalen Gesundheit am 10. Oktober machte die Hilfsorganisation Help – Hilfe zur Selbsthilfe auf die Bedeutung psychosozialer Hilfen in Krisen- und Katastrophengebieten aufmerksam. Mindestens jeder fünfte Mensch, der gewaltsame Konflikte bzw. eine Katastrophe erlebt hat, leidet an psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angst- oder posttraumatischen Belastungsstörungen. Ohne gezielte Stützen drohen langfristige Folgen. „Nach Kriegen, Katastrophen oder auch Flucht ist psychosoziale Hilfe ein wichtiger Schlüssel für den Neuanfang.“
KAIRO (KUNA). Die EU hat am 22. Oktober ein neues Finanzhilfepaket für Ägypten im Wert von vier Milliarden Euro angekündigt. Die Hilfe wurde im Rahmen von Vereinbarungen beschlossen, die während des ersten EU-Ägypten-Gipfels in Brüssel in Anwesenheit des ägyptischen Präsidenten Al-Sisi, der Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und des Ratspräsidenten Costa unterzeichnet wurden. Die Kommission erklärte in einer Pressemitteilung, dass das Paket vergünstigte Darlehen zur Unterstützung des Wirtschaftsreformprogramms, Stärkung der Finanzstabilität, Verbesserung des Geschäftsumfelds und für die Förderung der grünen Wende umfasst.
KABUL/ISLAMABAD (KNA). Pakistan und Afghanistan haben sich nach 13-stündigen Gesprächen in Katar auf einen sofortigen Waffenstillstand geeinigt. Das Waffenstillstandsabkommen solle eine solide Grundlage für einen stabilen Frieden in der Region sein, zitierten pakistanische Medien am 20. Oktober aus einer Erklärung des Außenministeriums von Katar. Eine folgende Gesprächsrunde sollte in Istanbul dazu beitragen, einen dauerhaften Mechanismus für Frieden und Stabilität beider Nachbarstaaten festzulegen. Das Emirat und die Türkei wirken als Vermittler zwischen Pakistan und Afghanistan. Zuvor waren Gefechte wieder aufgeflammt. Unter diesen Staaten kommt es seit längerem entlang der Grenze wiederholt zu militärischen Auseinandersetzungen.
Foto: dizain, Shutterstock
NEW YORK (IPS). Am 30. September berief die UN kurz nach Ende der 80. Sitzung der Generalversammlung eine hochrangige Sitzung zur Lage der muslimischen Rohingya und anderer Minderheiten in Burma ein. Sie bot Gelegenheit, mit einem Dialog erneut weltweite Aufmerksamkeit auf ihre Lage zu lenken. Seit der militärischen Unterdrückung der Rechte und Deportation dieser Muslime aus Burma 2017 sind über eine Mio. Flüchtlinge nach Bangladesch geflohen. UN-Generalsekretär Guterres stellte fest, dass diese und andere Minderheiten insbesondere im Bundesstaat Rakhine weit verbreiteter Unsicherheit und Diskriminierung ausgesetzt sind.
KÖLN (KNA). Thomas Rachel, Bundesbeauftragter für Religionsfreiheit, hat die Lage in China als besorgniserregend bezeichnet. „Dies gilt ganz besonders für die religiösen Minderheiten.“ Er verwies auf einen großen Widerspruch zwischen der Verfassung auf der einen und der Politik der Zentralregierung auf der anderen Seite. Das Recht spreche den Bürgern die Freiheit des Glaubens und der Religion zu. Das Regime ziele hingegen auf die „Sinisierung“ der religiösen und kulturellen Minderheiten ab.
BRÜSSEL (GFP.com). Die Berliner Denkfabrik SWP warnt vor einer zunehmenden „Integration“ der extremen Rechten in „das politische System der EU“. Ultrarechte Parteien sind an 9 von 27 EU-Regierungen beteiligt. Ein Experte warnt: In Deutschland könnte die AfD 30 % erreichen. In der Tschechei wurde sie just stärkste Kraft. Derzeit gewinnen sie im Europaparlament – dort stellen sie mehr als ein Viertel der Abgeordneten – zunehmend an Einfluss.
Foto: Ewa Studio, Shutterstock
LONDON (Memo). Der britische Premierminister Keir Starmer kündigte am 23. Oktober zusätzliche Sicherheitsmittel in Höhe von 11,45 Mio. Euro zum Schutz muslimischer Gemeinschaften vor Hassverbrechen und Angriffen an, nachdem er eine Moschee in Peacehaven besucht hatte, die Anfang des Monats Ziel eines mutmaßlichen Brandanschlags geworden war, berichtete Anadolu. Während seines Besuchs sagte er, die Mittel würden Communitys Schutz bieten und „ihnen ein Leben in Frieden und Sicherheit ermöglichen”. Er fügte hinzu, dass Großbritannien ein „stolzes und tolerantes Land“ sei und dass „Angriffe auf jede Gemeinschaft Angriffe auf unsere gesamte Nation und unsere Werte sind“.
JAKARTA (KUNA). Indonesiens Präsident Subianto hat die Streitkräfte des Landes angewiesen, Friedenstruppen für einen potenziellen Einsatz im Gazastreifen vorzubereiten. In einer Erklärung vom 13. Oktober sagte ein Regierungsmitglied, dass die Entsendung eigener Truppen möglich wäre, sollte eine konstruktive Einigung erzielt werden. Wenn die Verhandlungen zu positiven Ergebnissen führen, könnte dies den Einsatz indonesischer Streitkräfte an einer Mission in Gaza zur Folge haben.
WIEN (KNA). Die katholischen Bischöfe in Österreich haben sich gegen ein geplantes Kopftuchverbot für unter 14-Jährige an Schulen ausgesprochen. Man teile zwar die Sorge, dass die Integration von Mädchen durch das dortige Tragen eines Kopftuchs erschwert werden könnte, hieß es am 23. Oktober. Aber ein Verbot sei genauso „wenig wünschenswert“. Die Bischöfe plädierten dafür, dass sich die Regierung bei derlei Maßnahmen vorher „zumindest mit der betroffenen gesetzlich anerkannten Religionsgesellschaft“ abstimmen sollte – in diesem Fall die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich, die das Verbot ablehnt.
Foto: Adobe Stock/Photocreatief
ISLAMABAD (KNA). In Pakistan startete am 13. Oktober eine landesweite Kampagne für Polioimpfung. Ziel ist es, mehr als 45 Mio. Mädchen und Jungen gegen Kinderlähmung zu impfen, berichteten Medien. Ein Grund: In diesem Jahr wurden bereits 29 neue Poliofälle registriert. Die Nation und ihr Nachbar Afghanistan sind die einzigen Staaten weltweit, in denen die Krankheit noch endemisch ist. Das Poliovirus ist die Ursache der Kinderlähmung. Mehr als 400.000 Gesundheitshelfer – darunter 225.000 Frauen – würden zu den Haushalten gehen, um sicherzustellen, dass jedes Kind das Vakzin erhalte.
KAIRO (Agenturen). Am 10. Oktober strömte vertriebene Bewohner von Gaza nach Norden. Währenddessen wiederholten UN-Hilfsteams ihre Forderung zur Öffnung aller Grenzübergänge in das weitgehend zerstörte Gebiet. „Wir fordern, dass alle Grenzübergänge nach Gaza unverzüglich geöffnet werden, damit humanitäre Hilfsgüter in das vom Krieg zerstörte Gebiet gelangen können“, sagte Juliette Touma, Kommunikationsdirektorin des UN-Flüchtlingshilfswerkes UNRWA.
Foto: imago/UPI Photo
GAZA (The Conversation). Es scheint anhaltende Gewalt zwischen Hamaskämpfern und Mitgliedern verschiedener bewaffneter Clans zu geben, die seit dem Rückzug Israels aus Teilen des Gazastreifens zugenommen hat. Vor allem in den Tagen nach dem Waffenstillstandsabkommen kursierten Videos, die offenbar zeigen, wie die Hamas Angehörige einiger Familien hinrichtet. Die Tötungen scheinen brutal gewesen und ohne den Anschein eines unparteiischen Gerichtsverfahrens durchgeführt worden zu sein. Israels Ministerpräsident Netanjahu bestätigte, dass sein Land einige Banden bewaffnet hat. Zuvor tauchten Berichte auf, wonach die Streitkräfte Waffen direkt übergeben oder für sie zurückgelassen hätten.
ANKARA (Memo). Die Türkei wird wie bisher Hilfe für den vom Krieg zerstörten Gazastreifen leisten und „Hoffnung für das palästinensische Volk“ geben, sagte der türkische Außenminister Fidan am 17. Oktober. „Die Türkei wird weiterhin ein Lichtblick für den Gazastreifen und eine Hoffnung für Palästina sein. Wir werden auch weiterhin aktiv die Bemühungen zum Wiederaufbau des Gazastreifens unterstützen“, erklärte er auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem deutschen Amtskollegen Wadephul. „Jedes Gebäude, das in Gaza entsteht, wird ein Werk des kollektiven Gewissens der Menschheit sein. Unser oberstes Ziel ist es, eine Zwei-Staaten-Lösung umzusetzen und einen Nahen Osten zu schaffen, in dem trotz aller Leiden Frieden und Wohlstand herrschen.“ Ankara habe unmittelbar nach der Einstellung der Feindseligkeiten seine Hilfsbemühungen verstärkt.
JERUSALEM (KNA). Immer weniger Palästinenser glauben, dass der Terrorangriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 ihren Interessen gedient hat. Auch die Beliebtheit der Organisation ist zurückgegangen, wie aus einer am 1. Oktober veröffentlichten Umfrage des „Jerusalem Media and Communications Centre“ in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung hervorgeht. Befragt wurden PalästinenserInnen im Westjordanland und Jerusalem. Eine Befragung im Gazastreifen war nicht möglich. Waren im September 2024 noch 45 % der Meinung, der Hamasangriff habe den Interessen Palästinas gedient, sank der Anteil in der aktuellen Umfrage auf knapp 31 %. Rund 35 % gaben an, dass er ihnen schade (2024: 30,2 Prozent).
Foto: Saudi Press Agency
ANKARA (AA). Mit dem Hinweis, dass der Wiederaufbau Gazas keine leichte Aufgabe sein wird, erklärte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am 24. Oktober, dass man „diesen Schritt gemeinsam mit den Golfstaaten gehen wird. (…) Wir werden Gaza gemeinsam wieder aufbauen. Das ist nichts, was die Türkei, Ägypten oder andere Golfstaaten alleine schaffen können. Es erfordert eine koordinierte, gemeinsame Anstrengung, und wir haben in jeder Phase umfassende Gespräche geführt.“ Er bezeichnete die Situation im Gazastreifen als „Prüfung“ für die muslimische Welt und äußerte die Hoffnung, dass sie diese „ehrenhaft bestehen und fest zu unseren Geschwistern in Gaza stehen“ werden. Erdogan sagte, dass Beratungen über eine mehrschichtige Einsatzgruppe im Gange seien, und bekundete die Bereitschaft der Türkei, dem Gebiet jede erdenkliche Unterstützung zukommen zu lassen.

(iz, dpa, KNA). Nach jahrelangem Sterben, Gewalt, Zerstörung und Blockade wurde am 13. Oktober 2025 in Scharm el-Scheich eine Vereinbarung über eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas offiziell unterzeichnet.
Viele humanitäre Organisationen stünden, um die Menschen im Gazastreifen zu versorgen. Allein die Nothilfe in Form von Lebensmitteln, Medikamenten, Treibstoff und sauberem Trinkwasser werde Hilfsorganisationen in Gaza noch lange fordern – „vom Wiederaufbau des zerstörten Küstenstreifens ganz zu schweigen“, sagte ein Sprecher von Caritas international.
Oliver Müller, Leiter des Hilfswerkes, nannte die vereinbarte Freilassung der Geiseln wie ein Ende des Leids der palästinensischen Zivilbevölkerung „längst überfällig“. Man bereite sich nun „auf einen der größten Hilfseinsätze der jüngeren Geschichte vor“, so Müller laut einer Mitteilung. „Das Ausmaß der Not im Gazastreifen wird humanitäre Hilfsorganisationen wie die Caritas vor enorme Herausforderungen stellen.“
Am gestrigen Abend besiegelten die Vermittlerstaaten – USA, Ägypten, Katar und die Türkei – die „Gazafriedenserklärung“ in Anwesenheit von über 20 Staats- und Regierungschefs. Unter ihnen waren US-Präsident Donald Trump, der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron und UN-Generalsekretär António Guterres.
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In dem Dokument heißt es unter anderem: „Gemeinsam werden wir diese Vereinbarung so umsetzen, dass Frieden, Sicherheit, Stabilität und Chancen für alle Völker der Region, einschließlich der Palästinenser und Israelis, gewährleistet sind.“ Was genau daraus folgt und mithilfe welcher konkreten Maßnahmen das im Einzelnen gelingen soll, wird nicht detailliert erläutert.
Hinzu kommt: Die eigentlichen Konfliktparteien haben weder unterschrieben noch an der feierlichen Zeremonie teilgenommen. Was konkret „Toleranz, Würde und Chancengleichheit“ für Israelis und Palästinenser bedeuten, wann genau „ihre grundlegenden Menschenrechte geschützt sind, ihre Sicherheit gewährleistet ist und ihre Würde gewahrt bleibt“ – davon dürften beide Seiten unterschiedliche Vorstellungen haben.
Den Gastgebern zufolge soll es Gespräche zur Festigung der Feuerpause zwischen den Kriegsparteien und einen Wiederaufbau des Gazastreifens geben. Das Präsidialamt nannte den Gipfel eine „Einigung über das Ende des Kriegs in Gaza“.
Trotz der Inszenierung herrscht keinerlei Euphorie. Beobachter in der Region und europäische Diplomaten werten die Vereinbarung als „fragilen Waffenstillstand“. Die Hamas hat die Freilassung zugesagt, aber keine politische Anerkennung Israels in Aussicht gestellt. Vertreter der Bewegung sprachen von einem „Sieg des Widerstands“ und einem Ende der „Aggression gegen das palästinensische Volk“.

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Die Gespräche begannen Anfang Oktober in dem Badeort und wurden durch intensive Vermittlungsarbeit Katars und Ägyptens getragen. Das Weiße Haus hatte die Verhandlungen eng begleitet und mehrfach direkt mit Israels Premierminister Benjamin Netanjahu und Vertretern der Hamas korrespondiert.
Ein Schlüsselmoment sein Telefonat zwischen beiden am 11. Oktober, in dem der US-Präsident nach Medienberichten massiven Druck auf Israel ausübte, einem Stufenplan zuzustimmen, der den schrittweisen Rückzug aus Gaza, den Austausch von Inhaftierten und den Beginn humanitärer Lieferungen vorsieht.
Das Abkommen sieht vor, dass Tel Aviv rund 2.000 palästinensische Gefangene freilässt – darunter hochrangige Personen – und im Gegenzug alle in Gaza verbliebenen Geiseln übergibt. Von den ursprünglich 48 Entführten leben nach offiziellen Angaben nur 20 Gekidnappte.
Gleichzeitig ist ein teilweiser Truppenrückzug geplant: Israel muss sich auf etwa die Hälfte des Gazastreifens zurückziehen, während UN-geführte Hilfslieferungen von bis zu 600 Lastwagen täglich die notleidende Bevölkerung versorgen sollen.
Die Übergabe der israelischen Gekidnappten erfolgte am 13. Oktober 2025 im Rahmen eines umfassenden Abkommens zwischen Tel Aviv und der Hamas, das als diplomatischer Durchbruch bewertet wird.
Nach über zwei Jahren Gefangenschaft konnten den Moment erleben, als sie dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz übergeben wurden. Von zentraler Bedeutung war die Rolle des IKRK, das die Übergabe als neutraler Vermittler überwachte und damit die Einhaltung menschenrechtlicher Mindeststandards sicherstellte.
Im Gegenzug begann Israel mit der Freilassung von mehr als 1.900 palästinensischen Häftlingen aus verschiedenen Lagern und Haftanstalten, darunter das Ofer-Gefängnis bei Ramallah. Ein großer Teil dieser Gefangenen saß über Jahre ohne Prozess oder nach administrativen Anordnungen ein, ein Vorgehen, das international wiederholt kritisiert wurde.
Die Freigelassenen, viele davon gesundheitlich angeschlagen und von langjähriger Haft gezeichnet, wurden in Gaza und dem Westjordanland teils euphorisch begrüßt. Allerdings blieb die Ankunft nicht frei von Spannungen: Sicherheitskräfte setzten bei Menschenansammlungen und Protesten Tränengas gegen Journalisten und Angehörige ein, um die Lage unter Kontrolle zu halten.
Die Freilassungen gelten als symbolischer Anfang eines möglichen Friedensprozesses, riefen aber zugleich breite Diskussionen hervor. Unter den Palästinensern bleibt das Thema der haftbedingten Traumatisierung und der Forderung nach unabhängiger Justiz ein Kernpunkt für eine langfristige Versöhnung.
Familien der israelischen Geiseln betonen, wie lang der Weg zurück in ein normales Leben sein wird und verweisen auf fortbestehende Ängste und das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Unterstützung.
Marwan Barghouti bleibt in israelischer Haft, weil seine Freilassung als politisch und sicherheitspolitisch höchst brisant gilt. Der 66-jährige Fatah-Politiker wurde 2002 während der Zweiten Intifada verhaftet und 2004 zu fünfmal lebenslänglicher Haft sowie weiteren 40 Jahren verurteilt, da ihm die Beteiligung an bewaffneten Angriffen und Anschlägen mit insgesamt fünf Todesopfern zur Last gelegt wurde.
Er bestreitet die Vorwürfe und erkennt die Zuständigkeit israelischer Gerichte nicht an, da er sich als Vertreter der Palästinensischen Autonomiebehörde und politischen Widerstandsbewegung sieht.
Für Israel stellt Barghouti eine symbolische Figur dar: ein charismatischer Nationalist mit überparteilicher Popularität, der für viele Palästinenser als glaubwürdiger Nachfolger von Präsident Mahmud Abbas gilt. Seine Freilassung würde das fragile politische Gleichgewicht in den palästinensischen Gebieten verschieben und der Fatah neue Legitimität verleihen.
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Aus europäischer Sicht gilt das Abkommen als diplomatischer Schritt, nicht als Friedensschluss. Außenpolitiker und Friedensforscher betonen, dass viele Kernfragen ungelöst bleiben – etwa die Zukunft der Hamas, die politische Kontrolle im Gazastreifen und die Öffnung der Grenzen.
Tel Aviv spricht von einem „temporären Arrangement mit Bedingungen“ und lässt offen, welche Gebiete dauerhaft unter ihrer Kontrolle bleiben sollen.
In der arabischen Welt stieß die Einigung auf zurückhaltende Zustimmung. Katar und Ägypten betonen den humanitären Nutzen, während die Türkei auf die Notwendigkeit drängt, den Wiederaufbau Gazas international zu finanzieren. Jordanien und Saudi-Arabien mahnen eine „echte politische Lösung“ an, die über eine bloße Waffenruhe hinausgeht.
Auch wenn die Unterzeichnung im ägyptischen Badeort den bislang weitreichendsten Versuch markiert, den Gaza-Krieg zu beenden, ist die politische Dauerhaftigkeit ungewiss. Einige israelische Minister betonten, das Land werde „auf jede Verletzung der Vereinbarung militärisch reagieren“. Die Hamas wiederum erklärte, sie betrachte die Waffenruhe als Schritt zu einer „nationalen Selbstbestimmung unter eigener Führung“.
Astana (KNA/iz). In der kasachischen Hauptstadt Astana sind Hunderte führende Religionsvertreter zum VIII. Kongress der Führer der Welt- und traditionellen Religionen zusammengekommen.
Unter dem Motto „Dialog der Religionen: Synergie für die Zukunft“ stehen bis morgen Diskussionen über globale Herausforderungen wie Kriege, Armut und Klimawandel sowie die Rolle des interreligiösen Gesprächs im Mittelpunkt.
Auf Einladung der kasachischen Regierung sind mehr als 100 Delegationen aus rund 60 Ländern in das zentralasiatische Land gereist. Darunter sind hochrangige Repräsentanten von Christentum, Islam, Buddhismus, Judentum, Hinduismus, Taoismus, Zoroastrismus und Shintoismus.
Am Dienstag fand vorab eine Tagung zum Schutz religiöser Stätten der Welt statt. Schirmherrin ist die Allianz der Zivilisationen der Vereinten Nationen. Führende Persönlichkeiten sowie Vertreter internationaler Organisationen sprachen dort über Gefahren für Kultstätten, Schreine und andere Orte religiöser Verehrung.
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In seiner Begrüßungsrede würdigte Präsident Kassym-Schomart Tokajew den kürzlich gestorbenen Papst Franziskus als großen Brückenbauer zwischen den Religionen. „Man kann nicht vom interreligiösen Dialog sprechen, ohne an Papst Franziskus zu erinnern“, sagte Tokajew.
Er setze große Hoffnungen in die vom Vorgänger von Papst Leo XIV. angestoßenen Initiativen. Franziskus hatte als Oberhaupt der katholischen Kirche vor allem den Dialog mit dem Islam vorangebracht. 2022 war er persönlich zu dem alle drei Jahre stattfindenden Religionskongress nach Astana gereist.
Die Teilnehmer eine der Wunsch, „unserer zerbrochenen und verwundeten Welt Heilung zu bringen“, führte Leo aus. „Dieses Thema ist besonders aktuell, da es die zentrale Rolle des interreligiösen Dialogs in einem von gewaltsamen Konflikten geprägten Zeitalter unterstreicht.“
Glaubensgemeinschaften arbeiteten oft Seite an Seite, um den Bedürftigsten Hilfe und Hoffnung zu bringen. „Eine solche Zusammenarbeit ist kein Aufruf, Unterschiede auszulöschen, sondern vielmehr eine Einladung, Vielfalt als Quelle gegenseitiger Bereicherung anzunehmen“, so der Papst.
UN-Generalsekretär Antonio Guterres wandte sich mit einer Videobotschaft an die Teilnehmer der diesjährigen Konferenz. Die Zusammenarbeit der Religionen sei angesichts zahlreicher globaler Krisen heute wichtiger denn je, sagte er. „Religiöse und spirituelle Führer sind unverzichtbar“, so Guterres.
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Beim Eröffnungsplenum an einem riesigen runden Tisch im Unabhängigkeitspalast in Astana gingen mehrere Redner auch auf den Gaza-Krieg ein. Der Generalsekretär der Muslimischen Weltliga, Mohammed Abdulkarim al-Issa, verurteilte Israels Kriegführung als Völkermord:
„Genozid und systematischer Hunger sind eine große Schande für die Weltgemeinschaft“, so der sunnitische Religionsführer aus Saudi-Arabien. Religiöse Werte, die sich nicht in konkreten Handlungen zeigten, seien keine Werte.
Der Präsident des israelischen Oberrabbinatsrates, Kalman Meir Ber, betonte: „Dieser Krieg ist kein religiöser Krieg.“ Das Judentum wolle keine Feindschaft mit anderen Religionen, und die Liebe zu den Nachbarn sei eine zentrale Lehre der jüdischen Thora.
Israel kämpfe gegen Terroristen, die Gräueltaten begangen hätten, so der Oberrabbiner mit Blick auf den Terrorüberfall am 7. Oktober 2023. Er appellierte an die versammelten Religionsführer, sich für die Freilassung der verbliebenen Geiseln aus den Händen der Hamas einzusetzen.
Zur Konferenz in Astana ist auch der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. angereist, der den Angriff von Russlands Präsident Wladimir Putin auf die Ukraine von Anfang an unterstützte. In seiner Rede ging er nicht näher auf den Konflikt ein. Er betonte stattdessen die Verantwortung religiöser Vertreter, bei globalen Herausforderungen mit einer Stimme zu sprechen.
Der Leiter der Vatikan-Delegation und Chef der vatikanischen Dialog-Behörde, Kardinal George Jacob Koovakad, verlas eine Botschaft von Papst Leo XIV. an die Konferenzteilnehmer. Darin erinnert dieser an das Konzilsdokument „Nostra aetate“ von 1965, mit dem die katholische Kirche den Wert anderer Religionen anerkannte und ihnen die Hand reichte.
„Eine solche Zusammenarbeit ist kein Aufruf, Unterschiede auszulöschen, sondern vielmehr eine Einladung, Vielfalt als Quelle gegenseitiger Bereicherung anzunehmen“, hob der Papst hervor. Er appellierte: „Lasst uns Seite an Seite beten, Schulter an Schulter dienen und mit einer Stimme sprechen, wo immer die Menschenwürde in Gefahr ist.“
Der langjährige autoritäre Staatschef Kasachstans, Nursultan Nasarbajew, hatte 2003 erstmals zu einem Kongress der Führer der Welt- und traditionellen Religionen eingeladen.
Nach den extremistischen Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA wollte er damit laut eigener Aussage zu Frieden und Eintracht in der Welt beitragen. Der Kongress findet alle drei Jahre statt. Rund 70 % der ca. 20 Mio. Einwohner Kasachstans bekennen sich zum Islam. Etwa ein Viertel sind Christen, die meisten russisch-orthodox.
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Die Staatsführung sieht sich als Vorreiterin des interreligiösen Dialogs. Das Konzept der religiösen Eintracht stammt aus den 1990er Jahren, entstanden nach der Unabhängigkeit von der ehemaligen Sowjetrepublik. Der weltweite Anspruch ist dabei typisch für Kasachstan. Das Land will wahrgenommen werden und globale Verantwortung übernehmen. 2022 besuchte Papst Franziskus das Religionstreffen in Astana.
Kritiker warfen der Staatsführung immer wieder vor, sie wolle mit dem Kongress Kasachstan international als Land ethnischer und religiöser Toleranz darstellen, aber keine echte Religionsfreiheit gewähren.
Die Erklärungen der bisherigen Kongresse seien an Allgemeinheit und Phrasen kaum zu übertreffen und hätten sich nicht auf aktuelle Konflikte mit religiöser Komponente ausgewirkt. Betont wurden etwa traditionelle Familienwerte und moralische Orientierungen, die gegen den Liberalismus verteidigt werden müssten.
Es wird bemängelt, dass die Konferenz primär symbolische Dialoge produziert, aber wenig konkrete, nachhaltige Fortschritte für den interreligiösen Frieden oder die Lösung globaler Probleme erzielt.
Teilnehmer und Beobachter beklagen, dass Debatten oft an den schwierigen Kernfragen wie Konfliktregionen oder tatsächlicher religiöser Diskriminierung vorbeigehen und keine bindenden Verpflichtungen entstehen.
Jerusalem (KNA) Im Nahost-Konflikt fehlt es nach Einschätzung des in Jerusalem lebenden Trierer Priesters Stephan Wahl auf beiden Seiten an charismatischen Führungspersönlichkeiten, die das tief verwundete Vertrauen wiederherstellen könnten
Er hoffe auf den Mut der völkerverbindenden Menschenrechtsgruppen. „Sie sind das Leuchtfeuer in diesem unheiligen-heiligen Land, dass hoffentlich nicht erlischt“, sagte der Autor und frühere Sprecher der ARD-Sendung „Das Wort zum Sonntag“ im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Frage: Herr Wahl, wie haben Sie den Krieg in den vergangenen zwei Wochen erlebt?
Stephan Wahl: Mein Alltag sah vermutlich wesentlich entspannter aus als der von Menschen in Tel Aviv oder Haifa. Die Gefahr eines Raketeneinschlags ist geringer in Ostjerusalem, wo ich wohne und wo fast nur Palästinenser wohnen. Ein möglicher Einschlag in die Al-Aksa-Moschee oder den Felsendom wäre ein Desaster für die islamische Welt.
Während ich bei Luftalarmen immer in meinen Schutzraum gegangen bin, hat sich das Leben auf der Straße manchmal nicht merklich verändert. Trotzdem hat sich an diesem Freitag, den 13., an dem ein grässlicher Ton am Handy, den ich bis dahin nicht kannte, den Ausnahmezustand erklärte, mein Radius verkleinert.
Ich gehe gern auch längere Wege zu Fuß – das fiel komplett weg. Immer wenn ich nach dem Alarm in den Schutzraum ging, wusste ich: Das machen jetzt andere im ganzen Land genauso wie ich – aber manche überleben es nicht.
Gleichzeitig gibt es viele in diesem Krieg, die keine Schutzräume haben. Wie in Gaza. Jeden Tag wurde in Gaza weiter getötet, aber der Fokus lag allein auf Israel und Iran. Gaza hat die Welt nicht mehr interessiert.
Frage: Sie haben zuletzt auch Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz zu Nahost scharf kritisiert, warum?
Stephan Wahl: Merz sagte in einem Interview, Israel mache die Drecksarbeit für die westliche Welt. Das hat mich schockiert. Ich dachte erst, vielleicht sei es ihm rausgerutscht, aber er hat das widerliche Wort sehr bewusst gewählt und hat sich auch später dafür nicht entschuldigt.
Ich kenne Palästinenser, die sich für Palästinenser schämen, die sich immer noch hinter den Hamas-Angriff stellen, und Israelis, die sich für ihre Regierung schämen. Ich schäme mich für unseren Bundeskanzler.
Zwar glaube ich, dass das Verständnis für diesen Krieg weitaus größer war als für andere Kriege. Aber so eine Formulierung ist für einen Politiker und für einen Bundeskanzler absolut nicht opportun. Es wurden im Iran nicht nur Nuklearanlagen angegriffen, es sind auch Hunderte Menschen getötet worden.
Ist das auch „Drecksarbeit“? Und war diese Militäraktion wirklich so ein Erfolg, wie er jetzt gefeiert wird? Oder eine der vielen Lügen von US-Präsident Donald Trump und Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, die in sich zusammenstürzen, wenn man genauer hinschaut?
Frage: Was waren Ihre Gedanken, als ein Waffenstillstand verkündet wurde?
Stephan Wahl: Es hat mich völlig überrascht. Damit habe ich nicht gerechnet, ich hatte mich auf einen längeren Krieg eingestellt. Aber natürlich bin ich froh, dass jetzt Pause ist. Denn ich befürchte, es ist nur eine Pause. Der Hauptgrund, dass beide Seiten eingewilligt haben, ist auch vermutlich, dass sie eine Pause brauchen, um ihre Kräfte wieder neu zu sammeln, ihre tödlichen Arsenale wieder aufzufüllen. Wahrscheinlich geht es bei der kleinsten Verletzung des Waffenstillstands wieder los. Hoffentlich irre ich mich.
Und: Der Krieg in Gaza tobt weiter. Gerade sind wieder sieben Soldaten und Dutzende Palästinenser getötet worden. Und während wir die Namen und oft auch die Gesichter der israelischen Opfer kennen, bleiben die iranischen Opfer und die Opfer in Gaza nur anonyme Zahlen.
Frage: Wie wird es hier in nächster Zeit weitergehen, aus Sicht eines, der hier lebt?
Stephan Wahl: Das weiß ich auch nicht. Ich befürchte, dass wir in Gaza noch lange nicht zu einem Ende kommen. Es ist mittlerweile deutlich, dass es nicht nur um die um die Bekämpfung der Hamas und die Rückführung der Geiseln geht, sondern die Palästinenser ganz aus Gaza zu vertreiben. Ich befürchte zudem, dass man sich auch nicht mehr lange scheut, das Westjordanland zu annektieren. Das wäre für mich die Rote Linie.
Es fällt jetzt schon schwer hier zu sein – aber dann würde ich das Land verlassen. Vielleicht kommt es aber – auch wenn es jetzt überhaupt nicht so aussieht – genau andersherum. Vielleicht gibt es irgendwann doch eine überraschende Wendung wie damals bei Menachem Begin oder bei Jitzhak Rabin, dass auf einmal etwas passiert, was vorher völlig unmöglich war.
Frage: Was könnten denn idealerweise die Aussichten für dieses Land sein?
Stephan Wahl: Erstmal müsste man den Willen des israelischen Volkes respektieren, den Krieg in Gaza sofort zu beenden, wenn damit alle Geiseln freikommen. Ich verstehe nicht, warum Europa nicht entsprechend massiven Druck auf Israel ausübt. Auch nicht mein Heimatland.
Frage: Was ist das Problem mit Deutschland?
Stephan Wahl: In Deutschland sollte endlich mal klar sein: Wenn ich mich kritisch zur israelischen Regierung verhalte und äußere, hat das absolut nichts mit Antisemitismus zu tun. Wenn ich den ultrarechten Finanzminister Israels einen faschistoiden Menschen nenne, dann beleidige ich doch nicht die Jüdin von New York oder von Frankfurt. Dass man das nicht auseinanderhalten kann, finde ich schlimm.
Frage: Wovon träumt Stephan Wahl für das Heilige Land?
Stephan Wahl: Ich gebe den Traum nicht auf, dass es möglich sein kann trotz aller Wunden, trotz aller Verletzungen, dass beide Völker in zwei selbstständigen Staaten nebeneinander leben. Allerdings vermute ich, dass meine Generation das nicht mehr erleben wird, weil die Wunden zu tief sind.
Es müsste auf beiden Seiten zwei charismatische Führungspersönlichkeiten geben, die genug Vertrauen ausstrahlen, damit dies möglich wäre. Das sehe ich im Moment nicht. Aber ich setze meine Hoffnung auf all die wichtigen völkerverbindenden Menschenrechtsgruppen hier im Land. Ich hoffe, dass sie nicht den Mut verlieren und trotz allem weitermachen. Sie sind das Leuchtfeuer in diesem unheiligen-heiligen Land, das hoffentlich nicht erlischt.
Nach dem lang ersehnten Waffenstillstandsabkommen besteht die größte Herausforderung darin, einen dauerhaften Frieden zu erreichen, der den verheerenden Kreislauf von Tod, Zerstörung, Vertreibung und Verzweiflung beendet. (IPS). Mehrere wichtige Faktoren […]
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