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Algerien: Papst appelliert an Frieden und Religionen

Ausgabe 371

papst dialog Kurzmeldungen
Der neue Papst Leo XIV. im März während öffentlichen Messe in Rom. (Foto: Marco Iacobucci Epp, Shutterstock)

Papst Leo XIV. hat seinen ersten Auftritt in Algerien genutzt, um ein Programm zu formulieren, das weit über den Tag hinausweist.

(iz). Am 12. April 2026, zu Beginn seiner Afrikareise, sprach er in Algier vor Vertretern von Regierung, Diplomatie und Zivilgesellschaft zu Geschwisterlichkeit, Gerechtigkeit und Verantwortung im Angesicht der globalen Krisen.

Erstaunlich nüchtern setzte der Papst dabei an einem Punkt an, der in religiösen und politischen Debatten oft überdeckt wird: der gemeinsamen Gottesbeziehung von Christen und Muslimen. „Wir sind Brüder und Schwestern, weil wir denselben Vater im Himmel haben“, erklärt er – ein Satz, der in einer Zeit, in der Religion häufig als Trennlinie erscheint, bewusst quer zum dominierenden Diskurs steht.

In einer Welt voller Konflikte und Missverständnisse, so Leo XIV., gehe es darum, einander zu begegnen und zu verstehen, im Bewusstsein, „dass wir eine einzige Familie sind“.

Dass diese Sätze ausgerechnet in Algerien fielen, war kein Zufall. Das Land war erste Etappe einer elftägigen Afrikareise, die der Papst am 12. April begonnen hatte; tags darauf, setzte er seine Besuche bei kirchlichen Gemeinschaften fort und würdigte in der Basilika „Unsere Liebe Frau von Afrika“ die kleine katholische Minderheit als Ort des Dialogs.

Leo XIV., der Algerien schon vor seiner Wahl zweimal bereiste, knüpfte damit an eine biografische Vertrautheit mit der Region an. Die antiken nordafrikanischen Wurzeln des Christentums und die heutige muslimische Mehrheitsgesellschaft wurden in seinen Worten zu einem gemeinsamen kulturellen Raum, in dem Gastfreundschaft nicht Folklore, sondern theologische Praxis ist.

Relevant wurde sein Auftritt, wo sich Spiritualität und Gesellschaftskritik verschränken. Leo XIV. sprach nicht allein von Frömmigkeit, sondern von Barmherzigkeit als sozialem Korrektiv. „Ungerecht ist, wer Reichtümer anhäuft und anderen gegenüber gleichgültig bleibt“, sagt er, und nennt eine Religion ohne Barmherzigkeit ebenso wie ein gesellschaftliches Leben minus Solidarität „in den Augen Gottes einen Skandal“.

Hier tastete der Papst die Ränder des globalen Wirtschaftssystems ab, ohne es beim Namen zu nennen – eine Rhetorik, die aufmerksame Hörer dann verstehen sollen, wenn sie sich nicht direkt angesprochen fühlen wollen.

Vor dem Hintergrund von Krieg am Persischen Golf und fortdauernden Konflikten im weiteren Nahen Osten erhielt seine Algerien-Rede eine zweite, unausgesprochene Ebene. Während anderswo Waffen sprechen, insistierte Leo XIV. darauf, dass Christen und Muslime vor Gott nicht Gegner, sondern Verwandte seien. 

Die Zuspitzung auf das Bild der „einen Familie“ kann man als geistliches Motiv lesen. Sie ist zugleich eine subtile Kritik an einer Weltordnung, in der Grenzen, Allianzen und Ökonomien nach ganz anderen Logiken funktionieren.

Am schärfsten zeigte sich diese kritische Perspektive, wenn der Papst die „fortschrittlichen“ Gesellschaften der Gegenwart betrachtet. Viele von ihnen, so seine Diagnose am 12. April, stürzten immer tiefer in Ungleichheit und Ausgrenzung; Menschen und Organisationen, die über andere herrschen, zerstörten jene Welt, „die der Allerhöchste erschaffen hat, damit wir zusammenleben“.

Der Begriff der „neokolonialen Versuchungen“, den er in dem Kontext benutzte, verweist auf eine Geschichte, die noch nicht vergangen ist – und auf afrikanische Erfahrungen, „die Afrika nur zu gut kennt“.

Leo XIV. inszeniert sich nicht als neutraler Beobachter, sondern kritischer Analytiker der Wirklichkeit. Sein Appell, „Oasen des Friedens“ zu vermehren, die Ursachen der Verzweiflung anzuprangern und zu beseitigen, richtet sich an politische Eliten – und zugleich an eine Öffentlichkeit, die aus seiner Sicht zu oft an Symptomen hängen bleibt.

Wenn er forderte, gegen diejenigen vorzugehen, „die aus dem Unglück anderer Profit schlagen“, dann ging es ihm nicht nur um moralische Empörung, sondern um eine Verschiebung des Blicks: weg von abstrakten Konfliktkarten hin zu den konkreten Biografien, auf deren Rücken Gewinne gemacht werden.

Dass der Papst diese Worte in Algier sprach – vor einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft und einer kleinen christlichen Minderheit –, deutet auf eine dramaturgische Setzung: Der Ort wurde zum Teil der Botschaft.

Die Afrikareise begann nicht mit einer innerkirchlichen Selbstvergewisserung, sondern dem Versuch, religiöse Sprache als gemeinsame Ressource gegen politische und ökonomische Entfremdung fruchtbar zu machen.