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Integration neu denken: Wie kommen wir von der Anpassung zur gleichberechtigten Teilhabe?

integration

Der Begriff Integration gehört zu den am häufigsten verwendeten Begriffen in migrationspolitischen Debatten. Gleichzeitig existieren kaum Begriffe, die so unterschiedlich verstanden werden.

(iz). Lange Zeit wurde Integration vor allem als Anpassungsleistung von Migranten betrachtet. Die zentrale Frage lautete häufig: „Warum nehmen Migranten nicht am Vereinsleben teil? Warum sind sie nicht im Schützenverein oder im traditionellen Dorfleben aktiv?“

Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Sie orientiert sich an gesellschaftlichen Vorstellungen vergangener Jahrzehnte und ignoriert die sozialen Veränderungen der Gegenwart. Die Mitgliedschaft in einem Schützenverein ist heute selbst für viele junge Menschen ohne Migrationsgeschichte kein relevanter Bestandteil ihres Lebens mehr.

Wer Integration an solchen Kriterien misst, bewertet Menschen nach Maßstäben, die längst nicht mehr die gesellschaftliche Realität widerspiegeln.

Integration muss daher neu verstanden werden. Nicht die Teilnahme an bestimmten Traditionen ist entscheidend, sondern die Frage, ob Menschen gleiche Chancen besitzen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und ihre Zukunft mitzugestalten.

Chancengleichheit als Fundament

Aus soziologischer Sicht bedeutet Integration vor allem Chancengleichheit. Menschen gelten nicht deshalb als integriert, weil sie bestimmte kulturelle Gewohnheiten übernehmen. Entscheidend ist vielmehr, ob sie dieselben Möglichkeiten erhalten wie andere Mitglieder der Gesellschaft.

Chancengleichheit umfasst den Zugang zu Bildung, Ausbildung, Arbeitsmarkt, Wohnraum und gesellschaftlichen Ressourcen (Şahinöz, 2011). Wenn Herkunft, Name, Religion oder äußere Merkmale über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, liegt keine vollständige Integration vor.

Eine Gesellschaft kann daher nicht allein anhand kultureller Anpassung beurteilen, ob Integration gelungen ist. Viel wichtiger ist die Frage, ob alle Menschen dieselben Aufstiegschancen besitzen.

Zivilgesellschaft

Foto: SKIMP Art, Adobe Stock

Teilhabe statt Zuschauerrolle

Neben der Chancengleichheit gehört die gesellschaftliche Teilhabe zu den zentralen Merkmalen gelungener Integration. Teilhabe bedeutet, dass Menschen nicht nur in einer Gesellschaft leben, sondern aktiv an ihren sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Prozessen beteiligt sind.

Dabei reicht es nicht aus, Migranten als passive Empfänger gesellschaftlicher Angebote zu betrachten. Wer dauerhaft nur eingeladen wird, bleibt letztlich Gast. Wirkliche Zugehörigkeit entsteht erst dann, wenn Menschen selbst Akteure werden und das gesellschaftliche Leben mitgestalten können.

Teilhabemöglichkeiten zeigen sich beispielsweise in Bildungseinrichtungen, Vereinen, Medien, Verwaltungen oder politischen Institutionen. Entscheidend ist, ob Menschen dort tatsächlich präsent sind und Einfluss ausüben können.

Die neue Generation fordert Mitbestimmung

Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel zwischen den Generationen. Viele Angehörige der ersten Einwanderergeneration waren vor allem mit wirtschaftlicher Sicherheit beschäftigt.

Sie akzeptierten gesellschaftliche Strukturen häufig, ohne diese grundlegend infrage zu stellen. Viele verzichteten auf politische Forderungen, nahmen Benachteiligungen hin und waren dankbar für die Möglichkeit, Arbeit und Einkommen zu finden.

Die nachfolgenden Generationen vertreten zunehmend andere Erwartungen. Sie sind in Deutschland geboren oder aufgewachsen, haben deutsche Schulen besucht und betrachten dieses Land als ihre Heimat. Deshalb fordern sie nicht nur Teilhabe, sondern Mitbestimmung.

Sie möchten nicht länger, dass ausschließlich über sie gesprochen wird. Sie wollen selbst mitentscheiden. Sie wollen nicht nur Angestellte sein, sondern auch Führungskräfte, Entscheidungsträger, Professoren, Behördenleiter, Unternehmer oder Politiker werden.

Gerade dieser Anspruch führt häufig zu gesellschaftlichen Spannungen (El-Mafaalani, 2020). Solange Migranten lediglich Empfänger von Entscheidungen bleiben, werden sie oft akzeptiert. Sobald sie jedoch Führungspositionen anstreben oder Machtstrukturen hinterfragen, treten Konflikte, Vorurteile, Benachteiligungen und Diskriminierung deutlicher zutage.

Junge Muslime Zuwanderung Jugendliche Abendland

Foto: Daniel M. Ernst, Shutterstock

Inklusion als nächster Schritt

In den vergangenen Jahren hat sich neben dem Integrationsbegriff zunehmend auch der Begriff der Inklusion etabliert. Während Integration häufig davon ausgeht, dass sich bestimmte Gruppen in eine bestehende Gesellschaft eingliedern sollen, geht Inklusion einen Schritt weiter.

Sie fragt nicht, wie sich Menschen an bestehende Strukturen anpassen können, sondern wie gesellschaftliche Strukturen so gestaltet werden müssen, dass alle Menschen von Anfang an selbstverständlich dazugehören.

Aus soziologischer Sicht bedeutet Inklusion, Vielfalt als Normalität zu verstehen. Unterschiedliche kulturelle Hintergründe, Religionen, Sprachen oder Biografien werden nicht als Abweichung betrachtet, sondern als selbstverständlicher Bestandteil einer pluralen Gesellschaft. Dadurch verschiebt sich die Verantwortung.

Nicht der Einzelne muss sich möglichst unauffällig anpassen, sondern die Gesellschaft muss ihre Institutionen so gestalten, dass niemand aufgrund seiner Herkunft, Religion oder anderer Merkmale ausgeschlossen wird.

Inklusion ersetzt den Integrationsbegriff jedoch nicht vollständig. Vielmehr erweitert sie ihn. Denn auch eine inklusive Gesellschaft benötigt Chancengleichheit, Teilhabe und Mitbestimmung. Erst wenn Menschen nicht nur anwesend sind, sondern ihre Perspektiven selbstverständlich in gesellschaftliche Entscheidungen einbringen können, wird Inklusion zur gelebten Realität.

Warum Toleranz nicht ausreicht

In gesellschaftlichen Debatten wird häufig von Toleranz gesprochen. Doch auch dieser Begriff verdient eine kritische Betrachtung. Toleranz beschreibt ursprünglich ein Verhältnis, in dem eine Seite die andere duldet.

Wer toleriert, verfügt über die Macht zu entscheiden, was akzeptiert wird und was nicht. Zwischen dem Tolerierenden und dem Tolerierten besteht daher keine vollständige Augenhöhe.

Aus diesem Grund kann Toleranz nur eine Übergangsphase sein. Sie darf nicht das Endziel gesellschaftlicher Entwicklung darstellen. Schon Goethe schrieb eins: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Das eigentliche Ziel muss Gleichberechtigung sein. Menschen sollen nicht deshalb akzeptiert werden, weil andere ihnen dies großzügig erlauben. Sie sollen dieselben Rechte, Möglichkeiten und Einflusschancen besitzen wie alle anderen Mitglieder der Gesellschaft.

Bildung Abstammung

Foto: Christin Klose/Shutterstock

Zugehörigkeit beginnt dort, wo Erklärungen überflüssig werden

Ein weiteres Merkmal gesellschaftlicher Zugehörigkeit zeigt sich im Alltag. Viele Menschen mit Migrationsgeschichte berichten, dass sie sich immer wieder erklären müssen. Sie werden gefragt, woher sie „eigentlich“ kommen, warum sie so gut Deutsch sprechen, warum sie bestimmte Gewohnheiten haben oder weshalb sie bestimmten religiösen Überzeugungen folgen.

Solche Situationen verdeutlichen, dass sie trotz formaler Zugehörigkeit häufig weiterhin als Fremde wahrgenommen werden. Wer sich ständig erklären muss, spürt unbewusst, dass seine Zugehörigkeit noch infrage gestellt wird. „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss.“ soll der Geschichts-, Sprach- und Kulturphilosoph und Theologe Johann Gottfried von Herder schon im 18. Jahrhundert gesagt haben.

Vollständige Integration ist daher erst erreicht, wenn Menschen nicht mehr permanent ihre Anwesenheit, ihre Herkunft oder ihre Identität rechtfertigen müssen.

Integration als Zustand der Gleichberechtigung

Integration ist weder Assimilation noch kulturelle Anpassung. Sie bedeutet nicht, bestimmte Vereine zu besuchen oder traditionelle Verhaltensweisen zu übernehmen. Integration ist vielmehr ein gesellschaftlicher Prozess, in dem alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft gleiche Chancen erhalten, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und an wichtigen Entscheidungen mitwirken können.

Erst wenn Chancengleichheit, Teilhabe und Mitbestimmung verwirklicht sind, entsteht echte Zugehörigkeit. Dann wird aus dem Nebeneinander ein Miteinander. Nicht als Akt der Toleranz, sondern als Ausdruck einer Gesellschaft, die Gleichberechtigung als selbstverständlich betrachtet.

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Ein „Nie Wieder“ muss wirken – auch in der Einwanderungsgesellschaft

nie wieder erinnerungskultur

„Nie Wieder“: Erinnerungskultur verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie historische Sensibilität nur selektiv anwendet. Wer aus der Geschichte lernen möchte, darf nicht nur auf vergangene Opfer schauen, sondern muss aktuelle Entwicklungen erkennen.

Das Forum für Komparative Theologie an der Universität Paderborn organisiert regelmäßig das Format „Paderborner Gespräche“. Thema der letzten Veranstaltung war „Erinnerung suchen – Verletzlichkeit tragen“.

Die Organisatoren und Moderatoren des Abends Mohammed Abdelrahem, Yael Attia und Katja Grashöfer kamen mit den Referenten Ella Ponizovsky Bergelson, Martina Aras und Cemil Sahinöz ins Gespräch. Gemeinsam mit den Zuhörern, u.a. der muslimischen Hochschulgruppe DMMK, entwickelten sich daraus spannende Dialoge zum Umgang mit der Erinnerungskultur. Meine eigenen Thesen möchte ich hier kurz wiedergeben.

Geschichte wiederholt sich?

Der große muslimische Gelehrte und der Wegbereiter der Soziologe Ibn Khaldun schrieb einst den Satz: „Die Geschichte wiederholt sich.“ Dieser Satz klingt zunächst pessimistisch. Doch er beschreibt eine historische Realität, die Gesellschaften immer wieder verdrängen. Menschen glauben häufig, dass historische Katastrophen einzigartige Ausnahmen gewesen seien.

Dabei ähneln sich die gesellschaftlichen Mechanismen oft erschreckend stark. Ausgrenzung beginnt selten plötzlich. Sie wächst langsam, normalisiert sich schrittweise und tarnt sich fast immer als etwas Vernünftiges, Notwendiges oder Gesellschaftsschützendes.

Deutschland verfügt zweifellos über eine ausgeprägte Erinnerungskultur. Gedenkstätten, Bildungsprogramme, Schulunterricht und öffentliche Rituale sind Ausdruck eines ernsthaften historischen Verantwortungsbewusstseins. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, ob erinnert wird. Die entscheidende Frage lautet, ob die Gesellschaft die Mechanismen erkennt, die damals wirkten und heute erneut entstehen können.

Denn „Nie wieder“ bedeutet nicht nur, historische Ereignisse emotional zu erinnern. Es bedeutet auch zu analysieren, welche gesellschaftlichen, politischen und psychologischen Mechanismen überhaupt dazu geführt haben, dass solche Entwicklungen entstehen konnten. Nur wer Ursachen erkennt, kann Wiederholungen vorbeugen. Erinnerungskultur darf sich deshalb nicht nur auf das Gedenken konzentrieren, sondern muss auch Frühwarnsystem gesellschaftlicher Entwicklungen sein.

Foto: USHMM | Lizenz: Public Domain

Erinnerung wird oft museal statt gesellschaftlich verstanden

Viele Formen der Erinnerungskultur konzentrieren sich stark auf die Vergangenheit als abgeschlossene historische Epoche. Genau darin liegt jedoch eine Gefahr. Erinnerung darf nicht nur rückwärtsgewandt sein. Sie muss gegenwartsfähig bleiben.

Wenn Erinnerung nur noch aus ritualisierten Formeln besteht, verliert sie ihre gesellschaftliche Schutzfunktion. „Nie wieder“ wird dann zu einem moralischen Symbolsatz, der zwar oft ausgesprochen wird, aber im Alltag kaum praktische Konsequenzen entfaltet. Man erinnert sich an historische Verbrechen, erkennt jedoch ähnliche Dynamiken, Strukturen und Mechanismen in der Gegenwart nicht rechtzeitig. Daher ist es wichtig, eine moralische Brück zur Gegenwart zu bauen.

Denn Diskriminierung beginnt nicht erst mit Gewalt. Sie beginnt mit Sprache, mit Pauschalisierungen, mit ständiger Verdächtigung, mit medialen Bildern, die bestimmte Gruppen immer wieder mit Problemen, Gefahr oder gesellschaftlicher Belastung verbinden. Sie beginnt dort, wo Menschen nicht mehr als Individuen wahrgenommen werden, sondern nur noch als Vertreter einer vermeintlich problematischen Gruppe. Vor allem wenn man der Diskriminierung gegenüber gleichgültig ist oder sie als normal empfindet, verbreitet sie sich rasant. 

Besonders problematisch ist dabei, dass Diskriminierung im Alltag häufig unsichtbar bleibt. Sie zeigt sich oft nicht offen, sondern versteckt sich hinter Witzen, beiläufigen Bemerkungen oder scheinbar harmlosen Sprüchen. Auch institutioneller Rassismus bleibt für viele unsichtbar, weil Betroffene die Benachteiligung häufig alleine erleben. Bei der Wohnungssuche, auf dem Arbeitsmarkt oder im Kontakt mit Behörden erleben Menschen Ausgrenzung oftmals subtil und ohne Zeugen. Gerade weil viele diese Mechanismen nicht unmittelbar sehen, muss Diskriminierung umso deutlicher sichtbar gemacht und benannt werden.

Ausgrenzung beginnt mit gesellschaftlicher Gewöhnung

Daher radikalisieren sich Gesellschaften selten abrupt. Viel häufiger gewöhnen sie sich Schritt für Schritt an neue Formen der Abwertung. Darin liegt die eigentliche Gefahr.

Wenn Menschen aufgrund ihres Namens schlechtere Chancen auf dem Wohnungsmarkt haben, wenn religiöse Symbole automatisch Misstrauen erzeugen oder wenn ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht geraten, dann entstehen gesellschaftliche Muster, die ernst genommen werden müssen.

Viele Betroffene berichten nicht von einzelnen spektakulären Ereignissen, sondern von einer dauerhaften Atmosphäre subtiler Abwertung, wie z.B. von Blicken, Bemerkungen oder von der ständigen Erwartung, sich erklären oder distanzieren zu müssen. Solche Erfahrungen mögen für Außenstehende klein wirken. In ihrer dauerhaften Wiederholung entfalten sie jedoch eine enorme psychologische Wirkung.

Besonders problematisch ist dabei die gesellschaftliche Tendenz zur Relativierung. Menschen hören häufig Sätze wie: „Das war bestimmt nicht so gemeint“ oder „Du bist zu empfindlich“. Dadurch entsteht eine zweite Verletzung. Nicht nur die Diskriminierung selbst belastet die Betroffenen, sondern auch die Erfahrung, mit ihrem Schmerz nicht ernst genommen zu werden. Betroffene sind dann doppelt belastet, da sie nicht wissen, wohin sie mit ihrem Problem hingehen können.

Viele Betroffene erleben zusätzlich ein tiefes Gefühl der Ohnmacht. Sie haben das Gefühl, dass sie sich gegen bestimmte gesellschaftliche Strukturen kaum wehren können. Deshalb ist es wichtig, Menschen nicht nur zuzuhören, sondern ihnen auch Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Dazu gehört, Grenzen setzen zu dürfen, Unterstützung zu suchen und das eigene Erleben ernst zu nehmen, statt sich selbst ständig infrage zu stellen.

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Foto: LSE

Ab wann Diskriminierung?

Dabei darf niemals vergessen werden, dass die Wahrnehmung der Betroffenen entscheidend ist. Viel zu oft wird versucht, Diskriminierung ausschließlich aus der Perspektive derjenigen zu bewerten, die sie verursacht haben. Doch entscheidend ist auch, wie Aussagen und Handlungen beim Gegenüber ankommen. Der islamische Gelehrte Mewlana Rumi formulierte es sinngemäß treffend: „Es kommt nicht darauf an, was du sagst, sondern was dein Gegenüber davon versteht.“ Viele Betroffene beginnen irgendwann an sich selbst zu zweifeln und fragen sich: „Bin ich zu empfindlich?“ Genau dieses Schuldgefühl verstärkt die psychische Belastung zusätzlich.

Wer bestimmt also, ab wann eine Handlung, ein Spruch Diskriminierung war? Hier zählt ganz klar das Gefühl des Betroffen. Ob eine Erfahrung als diskriminierend empfunden wird, kann deshalb nicht ausschließlich von der Absicht der handelnden Person abhängig gemacht werden. Natürlich gibt es Situationen, in denen Menschen keine bewusste Diskriminierungsabsicht hatten. Dennoch kann eine Aussage oder Handlung verletzend wirken und bei Betroffenen das Gefühl erzeugen, abgewertet oder ausgeschlossen zu werden. Deshalb muss das Empfinden der Betroffenen ernst genommen werden. Eine Gesellschaft, die Diskriminierung wirksam bekämpfen möchte, darf sich nicht nur fragen, was gemeint war, sondern auch, was tatsächlich ausgelöst wurde.

Erinnerung darf keine Hierarchie des Leids schaffen

Eine demokratische Gesellschaft muss in der Lage sein, verschiedene Formen von Diskriminierung gleichzeitig ernst zu nehmen. Antisemitismus muss kompromisslos bekämpft werden. Gleichzeitig darf die Gesellschaft nicht blind für antimuslimischen Rassismus, antischwarzen Rassismus oder andere Formen der Ausgrenzung werden.

Erinnerungskultur verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie historische Sensibilität nur selektiv anwendet. Wer aus der Geschichte lernen möchte, darf nicht nur auf vergangene Opfer schauen, sondern muss auch aktuelle Mechanismen der Entmenschlichung erkennen.

Dabei geht es nicht um Gleichsetzungen historischer Verbrechen. Geschichte wiederholt sich niemals identisch. Aber gesellschaftliche Dynamiken ähneln sich oft erstaunlich stark. Deshalb bleibt der Satz von Ibn Khaldun so aktuell.

Eine demokratische Gesellschaft muss früh reagieren

Das eigentliche Problem vieler Gesellschaften besteht darin, dass sie Gefahren erst erkennen, wenn sie bereits eskaliert sind. Doch demokratische Verantwortung beginnt viel früher.

Sie beginnt dort, wo Menschen systematisch ausgeschlossen werden, wo Vorurteile politisch normalisiert werden oder wo Minderheiten nur noch als Sicherheitsfrage oder kulturelles Problem diskutiert werden.

Eine funktionierende Erinnerungskultur müsste deshalb viel stärker präventiv wirken. Sie müsste Menschen befähigen, Mechanismen frühzeitig zu erkennen. Nicht erst Gewalt, sondern bereits ihre gesellschaftlichen Vorstufen.

Räume des Zuhörens

Gerade deshalb braucht es Räume des Zuhörens. In Therapie, Beratung und Seelsorge ist Zuhören eine der wichtigsten Kompetenzen überhaupt. Betroffene brauchen zunächst Menschen, die ihnen ohne Relativierung zuhören und ihnen Raum geben, über das Erlebte zu sprechen. Heilung beginnt oft genau dort, wo Schmerz ausgesprochen werden darf. Erst wenn Menschen ihre Erfahrungen erzählen können, ohne sich rechtfertigen zu müssen, entsteht das Gefühl, wieder gesehen und ernst genommen zu werden.

Verletzlichkeit ist dabei keine Schwäche, sondern etwas zutiefst Menschliches. Problematisch wird Verletzlichkeit erst dann, wenn Menschen mit ihrem Schmerz alleine gelassen werden. Deshalb müssen Gesellschaften lernen, Verletzlichkeit gemeinsam zu tragen, damit daraus keine Isolation entsteht. Betroffene brauchen sichere Räume, in denen ihre Erfahrungen ernst genommen werden und in denen sie nicht nur symbolisch eingeladen, sondern tatsächlich in Entscheidungsprozesse einbezogen werden.

Solche Räume schaffen Begegnung, Dialog und die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen. Gerade in polarisierten Zeiten braucht eine demokratische Gesellschaft Orte, an denen Menschen einander zuhören, voneinander lernen und gemeinsam Verantwortung für gesellschaftlichen Zusammenhalt übernehmen.

Foto: Islamische Gemeinde Penzberg, Twitter

Kennenlernen

Wichtig ist deshalb vor allem echte Begegnung. Viele Vorurteile entstehen dort, wo Menschen einander nicht kennen. Ali, der Schwiegersohn des Propheten Muhammed, sagte einst sinngemäß: „Der Mensch ist Feind dessen, was er nicht kennt.“ Durch Begegnung und Kennenlernen erkennen Menschen häufig, wie viele Gemeinsamkeiten sie miteinander teilen. Darin liegt eine der wichtigsten Voraussetzungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

„Nie wieder“ ist kein historischer Satz, sondern eine tägliche Aufgabe

Die größte Gefahr moderner Gesellschaften besteht nicht darin, dass sie sich für unmoralisch halten. Die größte Gefahr besteht darin, dass sie überzeugt sind, aus der Geschichte bereits ausreichend gelernt zu haben.

Doch Erinnerung ist niemals abgeschlossen. Sie ist kein Denkmal aus Stein, sondern eine gesellschaftliche Haltung, die sich jeden Tag neu bewähren muss.

„Nie wieder“ bedeutet deshalb nicht nur, an Vergangenes zu erinnern. Es bedeutet vor allem, heutige Mechanismen der Ausgrenzung zu erkennen, bevor sie sich gesellschaftlich verfestigen. Dann erst entscheidet sich, ob Erinnerungskultur tatsächlich schützt oder nur beruhigt.

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Vom Wissen zum Vertrauen

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Auf dem Weg zu einer Vertrauensgesellschaft: Essay über die Fundamente unseres sozialen Zusammenlebens. (iz). Deutschland wirkt auf den ersten Blick wie eine aufgeklärte, stabile Wissensgesellschaft. Informationen sind jederzeit verfügbar, Debatten […]

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Die aktuelle Mitte-Studie auf dem Prüfstand

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Die Mitte-Studie 2024/25 „Die angespannte Mitte“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung Bielefeld. (iz). In repräsentativen Telefoninterviews wurden ca. 2.000 Personen deutschlandweit zu […]

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Zugewanderte teilen viele Werte

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Eine neue Studie zeigt: Zugewanderte identifizieren sich ähnlich stark mit der Demokratie wie Personen ohne Migrationshintergrund. In Deutschland wie in ganz Europa. (KNA). Migrantinnen und Migranten in Europa stehen einer […]

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Herausforderungen in der Antidiskriminierungsarbeit

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Antidiskriminierungsarbeit ist kein Luxus, keine freundliche Geste und kein nachrangiges Thema, das man dann angeht, wenn gerade keine dringenderen Probleme vorliegen.

Sie ist eine grundlegende gesellschaftliche Aufgabe, weil sie das Fundament schützt, auf dem ein demokratisches und gerechtes Miteinander überhaupt erst möglich ist. Wer an einer inklusiven Gesellschaft interessiert ist, kommt an der Frage nicht vorbei, wie mit Diskriminierung umgegangen wird – und ob überhaupt etwas dagegen unternommen wird. Denn solange einzelne Gruppen systematisch ausgegrenzt oder benachteiligt werden, kann von Gleichwertigkeit aller Menschen keine Rede sein.

Zunahme von Diskriminierungsfällen

Ein erster, alarmierender Befund ist, dass die Zahl der gemeldeten Diskriminierungsfälle seit Jahren ansteigt. Und während sich die Dunkelziffer kaum erfassen lässt, ist anzunehmen, dass das tatsächliche Ausmaß weit über dem Bekannten liegt. Ob am Arbeitsplatz, in der Schule, auf Wohnungssuche oder in der medizinischen Versorgung – Diskriminierung tritt in vielen Facetten auf und trifft Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, Religion, Behinderung oder sozialen Stellung. Diese Entwicklung verweist auf eine strukturelle Tiefe, die nicht allein durch Informationskampagnen oder Appelle aufgefangen werden kann.

Ein gesellschaftliches Klima der Abstumpfung

Was ebenso beunruhigend ist, ist die Gleichgültigkeit zu diesem Thema. In großen Teilen der Gesellschaft herrscht eine Haltung, die Diskriminierung als etwas beinahe Alltägliches betrachtet. Es fehlt an Sensibilität. Abfällige Bemerkungen, herabwürdigende Blicke, systematische Ausschlüsse – all das wird hingenommen, belächelt oder sogar gerechtfertigt. Wer sich dagegen ausspricht, gilt schnell als überempfindlich oder ideologisch. Das Problem liegt nicht nur bei den Tätern, sondern in der Normalisierung durch die Umgebung. Solange Diskriminierung als gesellschaftlicher Alltag betrachtet wird, fehlt der nötige Widerstand – und damit auch der notwendige Wandel.

Die Hemmschwelle sinkt

Da eine Gleichgültigkeit herrscht, sinkt die Hemmschwelle, andere bewusst zu diskriminieren. Was früher mit Scham, wenigstens aber mit Vorsicht behaftet war, wird heute offener zur Schau gestellt. Beleidigungen, Ausgrenzung oder Benachteiligung geschehen nicht mehr im Verborgenen. Digitale Räume wie soziale Netzwerke verstärken diesen Effekt. Dort fehlt es nicht nur an Regulierung, sondern auch an sozialen Korrektiven. Wenn Diskriminierung nicht sanktioniert, sondern gelikt, geteilt und bestätigt wird, entsteht ein Raum, in dem sich Täter sicher fühlen und Opfer allein bleiben.

Verinnerlichte Diskriminierung bei Betroffenen

Hinzu kommt ein Phänomen, das besonders tragisch ist: Viele Betroffene haben sich bereits an ihre Diskriminierung gewöhnt. Sätze wie „Ich kenne das schon“ oder „Ich reg mich gar nicht mehr auf“ sind in Gesprächen mit Opfern keine Seltenheit. Diese Haltung ist kein Zeichen von Resilienz, sondern Ausdruck von Ohnmacht. Wer immer wieder die gleiche Erfahrung macht, ohne dass sich etwas ändert, verliert mit der Zeit die Kraft, sich zu wehren. Man richtet sich ein, nicht weil man einverstanden ist, sondern weil man müde geworden ist. Die Folgen reichen tief, denn sie untergraben nicht nur das Selbstwertgefühl, sondern auch das Vertrauen in gesellschaftliche Strukturen.

Fehlende Zuständigkeiten und Strukturen

Ein weiteres Problemfeld ist die institutionelle Schwäche der Antidiskriminierungsarbeit. In vielen Regionen, Städten oder Bereichen gibt es keine klaren Zuständigkeiten. Die Arbeit gegen Diskriminierung wird oft von Ehrenamtlichen getragen, die sich mit viel Engagement, aber wenig Ressourcen stemmen. Es fehlt an hauptamtlichen Stellen, an systematischer Förderung, an rechtlicher Unterstützung. Wer Hilfe sucht, stößt allzu oft auf ein Netz aus Weiterleitungen, Zuständigkeitsdiffusion und Unsicherheit. Dabei müsste die Bekämpfung von Diskriminierung eine Kernaufgabe staatlicher und zivilgesellschaftlicher Arbeit sein – nicht ein Nebenschauplatz, auf den man mit Glück ein Förderprojekt werfen kann.

Mangel an Konsequenzen

Ein besonders zermürbender Aspekt ist das Fehlen von Sanktionen. Viele Opfer berichten, dass sie Vorfälle nicht mehr melden, weil sich dadurch nichts ändert. Verfahren verlaufen im Sande, Täter werden nicht belangt, Strukturen bleiben unangetastet. Diese Konsequenzlosigkeit wirkt wie eine Einladung zur Wiederholung. Sie vermittelt den Eindruck, dass Diskriminierung folgenlos bleibt – für die, die sie ausüben, wie für die, die sie dulden. Und sie entmutigt jene, die bereits verletzt wurden. Warum sich noch einmal dem Stress aussetzen, wenn am Ende doch nichts geschieht? Diese Frage ist eine Ohrfeige für jede Hoffnung auf Gerechtigkeit.

Fazit

Antidiskriminierungsarbeit ist kein Feld für Idealisten, die sich mit gutem Willen zufrieden geben. Sie ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit – unbequem, konfliktreich und voller Widerstände. Doch genau deshalb darf sie nicht den Ehrenamtlichen allein überlassen werden. Sie braucht Strukturen, Konsequenzen, Zuständigkeiten – und vor allem eine Gesellschaft, die Diskriminierung nicht hinnimmt, sondern aktiv zurückweist. Wer sich für Menschenwürde starkmacht, verdient mehr als Applaus. Er verdient Unterstützung, Schutz und den langen Atem einer Gesellschaft, die bereit ist, sich selbst infrage zu stellen.

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Eine Zäsur in Deutschland: Mehr Konfessionslose als Kirchenmitglieder

Bekenntnisdruck konfession

Eine Analyse der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland belegt den Trend zur säkularen Gesellschaft. Erstmals gibt es mehr Konfessionsfreie als Katholiken und Protestanten.

Berlin (dpa). Historischer Wendepunkt nach Jahrhunderten: Erstmals in der Geschichte Deutschlands bilden Konfessionslose einen größeren Anteil an der Bevölkerung als Katholiken und Protestanten.

Dies geht aus Daten hervor, die die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland zusammengetragen hat. Demnach gibt es rund 39 Millionen Menschen ohne Religionszugehörigkeit und etwa 38 Millionen, die noch Mitglied bei einer der beiden großen Kirchen sind.

Ende 2024 habe es in Deutschland erstmals mehr konfessionsfreie Menschen (47 %) als römisch-katholische und evangelische Kirchenmitglieder zusammen (45 %) gegeben, heißt es von den Forschern. Noch 1990 etwa lag der Anteil der Konfessionsfreien lediglich bei 22 %.

Die Zahl der Katholiken in Deutschland fiel 2024 erstmals unter die Marke von 20 Millionen (19,8 Millionen). Das hatte Ende März in Bonn die Deutsche Bischofskonferenz mitgeteilt. Der katholische Bevölkerungsanteil macht damit nur noch etwa 24 % aus. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover teilte mit, Ende 2024 noch rund 18 Millionen (17,98) Menschen als Mitglied gehabt zu haben. Das sind etwa 21 %.

Eine Million Kirchenmitglieder weniger 2024 – das war die Wende

Insgesamt verloren die beiden großen christlichen Kirchen im vergangenen Jahr durch Austritte und Todesfälle zusammen mehr als eine Million Mitglieder. Dies brachte sozusagen die Wende im Verhältnis zu den Konfessionslosen. Dennoch ist die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland zumindest statistisch und rechnerisch noch religionszugehörig.

Denn neben Mitgliedern der beiden großen Kirchen gibt es laut der Forschungsgruppe Weltanschauungen rund 3,3 Millionen konfessionsgebundene Muslime (vier % Bevölkerungsanteil) sowie Hunderttausende weitere Christen oder Menschen, die christlichen Gemeinschaften angehören, darunter verschiedene Orthodoxe, Freikirchler, Zeugen Jehovas.

Foto: thauwald-pictures, Adobe Stock

Außerdem gibt die Forschungsgruppe als weitere Religionen etwa auch Aleviten, Buddhisten, Hindus und Jesiden an. Aufgrund der deutschen Geschichte und dem Holocaust auch relevant: 0,1 % der Bevölkerung in Deutschland sind Juden.

Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) betont, sie wolle keine Exaktheit suggerieren, „die unter der gegebenen, lückenhaften Datenlage“ unmöglich sei. Es handle sich aber „um belastbare Trends“.

Die zusammengetragenen Zahlen seien „eine Mischung plausibler Daten und Schätzungen“. Es gebe eine unzureichende statistische Datenerhebung durch öffentliche Stellen, etwa bei der Erhebung muslimischer Bevölkerungsanteile, betont die Forschungsgruppe. Sie erhebt nach eigenen Angaben seit 2005 Daten und Fakten zu relevanten Aspekten von Weltanschauungen.

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Die Ratlosen – Wähler vor der Bundestagswahl 2025

Bundestagswahl

Hintergründe und Herausforderungen: Für viele WählerInnen ist unklar, wen sie bei den Bundestagswahlen wählen sollen.

(iz). In Wahlkampfzeiten ist die Neigung der Politik unübersehbar, komplizierte Problemlagen in möglichst simple Lösungsansätze zu übersetzen. Vor den Bundestagswahlen spürt man in der Bevölkerung eine gewisse Verunsicherung über die Frage, welche Partei das überzeugendste Programm anzubieten hat.

Hinzukommt die Zunahme der Geschwindigkeit notwendiger politischer Entscheidungen, angesichts des modernen Taktes der Krisen, drohender Kriege und technologischen Innovationen, sodass die Versprechen der Parteien über ihren langfristigen Kurs im Grunde vage bleiben.

Damit wird die Persönlichkeit der zu wählenden PolitikerInnen scheinbar immer wichtiger, da der Wähler hofft, dass die angepriesenen Charaktere in Notlagen – mit Hilfe ihrer nicht zur Disposition stehenden Experten – schon die richtigen Entscheidungen treffen werden. Nicht zufällig sind große Teile der Wählerschaft unentschieden oder erwägen, gar nicht zu wählen. Vermutlich werden Millionen von ratlosen BürgerInnen ihrem Gefühl folgen und eher spontan ihr Kreuz auf dem Wahlzettel machen.

Jahresrückblick

Foto: Deutscher Bundestag | Tobias Koch

Bundestagswahl 2025: nicht nur auf rationaler Grundlage

Dass Wahlen nicht nur auf rationaler Grundlage entschieden werden, ist eine alte Tatsache. Die Dominanz von Parteien in der politischen Entscheidungsfindung ist eine relativ neue Erfindung. In der griechischen Antike, besonders in Athen, war das Losverfahren ein zentrales Element der Demokratie. Es wurde genutzt, um Ämter oder Aufgaben zu vergeben, um zunächst sicherzustellen, dass die Macht nicht in den Händen einer kleinen Elite blieb.

Zum Beispiel wurden viele der Magistrate in Athen durch das Los bestimmt, statt durch Wahl. Das Verfahren sollte gewährleisten, dass alle Bürger die gleiche Chance hatten, öffentliche Ämter zu bekleiden – unabhängig von ihrem sozialen Status oder Einfluss. Das Vertrauen auf den Zufall erklärt sich im Kontext metaphysischer Gewissheiten der Antike.

Tausende Jahre später brüten Hundertschaften von Technikern in aller Welt über die ultimative Vision einer absoluten Vernunft, die dem Menschen mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz ermöglicht seinen Entscheidungen eine berechenbare Grundlage zu geben. Das Problem der Macht einer allwissenden Technik, die dem Wähler in den nächsten Jahren die Qual der Wahl abnehmen könnte, spielt im aktuellen Wahlkampf bezeichnenderweise keine Rolle.

Dabei ist der Kampf zwischen chinesischen und amerikanischen Hightech-Giganten um die effektivsten Angebote der Künstlichen Intelligenz wohl eine der spannendsten Auseinandersetzungen der Menschheitsgeschichte. Wie wir Europäer die gewohnten moralischen und ethischen Standards inmitten der technologischen Revolution bewahren, beantwortet bislang keine Partei überzeugend. Die ungeheure Bedeutung dieser Innovationen in unserer Zeit besteht darin, dass sie – so die allgemeine Einsicht – unabänderliche Fakten schafft, und auf Dauer keine Wahl mehr lässt.

Foto: Ekatarina, Adobe Stock

Grundfragen: Was ist Zivilisation?

Fest steht: Das antike Griechenland ist die Wiege der europäischen Kultur und der Anfang der Geschichte demokratischer Institutionen. Das Phänomen der Zivilgesellschaft, die unser Gemeinwesen entscheidend prägt, hat ebenso alte Wurzeln. David Wengrow erinnert in seinem Buch „Was ist Zivilisation?“, wie sich ursprüngliche Gesellschaften durch Prozesse der freiwilligen Koalition organisieren: 

„Zivilisation von unten nach oben und nicht von oben nach unten. (…) Der Begriff bezieht sich auf die Fähigkeit von Gesellschaften, eine moralische Gemeinschaft zu bilden – ein ausgedehntes Feld des Austausches und der Interaktion – trotz Unterschiede in der ethnischen Zuordnung, der Sprache, der Glaubenssysteme oder der territorialen Zugehörigkeit.“ In diesem Sinne lässt sich die politische Frage unserer Zeit gut zusammenfassen: In welcher Art von Zivilisation wollen wir eigentlich leben?

Die Europäische Union ist das Symbol der Überwindung der Nationalismen und Ideologien des 20. Jahrhunderts. Europa sieht sich als vorläufiger Höhepunkt einer politischen Metamorphose, die die Monarchie und Diktatur überwunden hat, stattdessen offene Grenzen, Rechtsstaatlichkeit und die Idee der Menschenwürde manifestiert. Über Jahrzehnte war dieses Europa bei aller Kritik selbstbewusst und ökonomisch erfolgreich, lebte von dem Vertrauen, dass ihr Exporterfolg nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch ideeller Natur ist.

Im 21. Jahrhundert erleben wir eine Wende und begreifen, dass die Idee der Entwicklung der Zivilisation zu einer demokratischen Weltgemeinschaft in weite Ferne gerückt ist. Die neue multipolare Weltordnung, die sich abzeichnet, wird von autoritär geführten Staaten und nicht nur durch Demokratien geprägt.

Zahlreiche Staaten bekennen sich nur noch begrenzt zu universalen Prinzipien, betreiben die Entmachtung des Völkerrechts und berufen sich verstärkt auf das Phantasma ihrer nationalstaatlichen Identität. Damit ist der eigentliche, visionäre Lösungsansatz, der sich in der europäischen Idee verbirgt, in Gefahr: eine Welt der Städte und Regionen, die die Vielfalt der Menschen in ihrer Zeit wieder spiegelt.

Das Bekenntnis der neuen amerikanischen Administration, sich zuerst um ihre eigenen Angelegenheiten und Interessen zu kümmern, findet längst den entsprechenden Widerhall in den europäischen Hauptstädten. Dabei gerät die Idee eines politisch vereinten Europas nicht nur wegen unterschiedlicher Bewertungen des russischen Angriffskrieges im Osten des Kontinents immer mehr unter Druck. Die anstehenden Wahlen sind in dieser Lage von einer grundlegenden Polarisierung geprägt. Zur Wahl steht eine Rückkehr zu nationalen Strategien, statt dem weiteren Ausbau der Europäischen Union.

abschiebe EU-Staaten Asyl kurzmeldungen

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Explosives Thema Migration

Unter dem Eindruck der Massenimmigration ist eine Renaissance der Grenzzäune denkbar. Wie sich die Losung „Deutschland zuerst“ mit dem Schicksal einer Exportnation verträgt, deren Geschäftsmodell in einer von Nationalismen geprägten Welt bedroht ist, bleibt eine offene Frage. Absurd ist der Trend, derartige Schicksalsfragen unter dem Eindruck der furchtbaren Verbrechen psychopathischer Einzelgänger zu fällen.

Das Sicherheitsproblem Europas ist weitaus komplexer. Nach Untersuchungen der europäischen Polizeibehörde Europol sind in der EU 821 schwerkriminelle Netzwerke aktiv. Diese Banden mit mehr als 25.000 Mitgliedern sind hochprofessionell und skrupellos. Das Hauptgeschäft ist der Analyse zufolge der Drogenhandel. Wer glaubt schon, dass diese Probleme, Händler und Konsumenten, einfach abgeschoben werden können?

Hinzukommen die bekannten demographischen Tatsachen: Wer heute extrem rechts wählt oder von „Remigration“ träumt, dem bleibt nur ein Leben in Widersprüchen, politische Romantik ohne kulturelle Substanz und die Hoffnung auf eine Roboterwelt, die künftig die Pflege der geburtenstarken Jahrgänge in den Altersheimen übernimmt. Man muss schon ideologisch verwirrt sein, wen man hier Maschinen gegenüber Menschen bevorzugt oder überhaupt die folgenreiche Alterungsprozesse westlicher Gesellschaften ignoriert.

Die innere Zerrissenheit des Wählers und die Unsicherheit über seine Wahlentscheidung erklärt sich aus einer weiteren Konstellation der Moderne: Wie verhält sich das Versprechen der Freiheit mit dem Bedürfnis nach Sicherheit? Fakt ist, dass in den Reaktionsmustern auf die diversen Krisen der letzten Jahrzehnte eine Konstante unübersehbar ist. Wir scheinen gezwungen, die Herausforderungen unserer Zeit mit immer mehr Gesetzen, mehr Kontrolle und mehr Geld zu beantworten.

Was sind die Grenzen des Staates?

Schon Alexander von Humboldt beschäftigte sich im 19, Jahrhundert mit der philosophischen Frage nach den „Grenzen der Wirksamkeit des Staates“. Der Gelehrte war damals überzeugt, dass der Staat sich möglichst wenig in die Belange der Zivilgesellschaft, zu der insbesondere die sittliche Bildung der Bevölkerung gehörte, einmischen sollte.

In der modernen Bundesrepublik weitet sich der staatliche Einfluss auf die Meinungsbildung, Kultur, Bildungseinrichtungen, Religionsgemeinschaften oder die Familienpolitik dynamisch aus. Für die Wähler stellt sich hier eine wichtige Frage: Vertrauen sie auf Parteien, die mehr oder weniger Staat propagieren? Diese Diskussion wurde vor einigen Jahrzehnten mit populistischen Schlagworten begleitet, die aber bis heute nachklingen: Freiheit oder Sozialismus, Markt- oder Planwirtschaft.

Hier schließt sich die andere fundamentale Frage an. Welches Parteiprogramm sichert unseren Wohlstand und etabliert gleichzeitig ökonomische Gerechtigkeit? Es ist interessant, dass keine Partei es für nötig hält, eine der wichtigsten Herausforderungen der Zukunft klar zu beantworten: Wie bewältigen wir die gigantischen Schuldenberge und die daraus folgenden Zinsbelastungen? Naiv klingen heute Slogans wie „die Rente ist sicher“ oder die romantische Vorstellung einer „harten Währung“. 

Das Problem rund um die wundersame Geldvermehrung in der Moderne wird eher durch Philosophen wie Peter Sloterdijk benannt. In einem Interview mit FR-Online beschreibt er das Phänomen: „Durch den Zins wurde es mit der Zukunft ernst. Früher glaubte man an das Jüngste Gericht, jetzt haben wir die Zahlungsfrist. Wenn das moderne Leben so stark auf Zukunft hin akzentuiert wird, hat das vor allem damit zu tun, dass der Zinsdruck direkt und indirekt die Lebensgefühle der modernen Welt verändert.“

Unterhalb der philosophischen Abstraktion, die das Wesen unserer Geldwirtschaft benennt, finden sich in den Wahlprogrammen unter den Stichworten Schuldenbremse und Steuerpolitik programmatische Unterschiede. Der Bürger kann sich hier zum Beispiel entscheiden, ob er politische Strategien unterstützt, die Steuern entweder senken oder erhöhen wollen. Verführerisch ist der Gedanke von Parteien, die Staatsausgaben auszuweiten und ihre Wähler auf Kosten von neuen Schulden zum Preis der indirekten Besteuerung durch die Geldentwertung zu beglücken.

Relevant ist die Sorge um die Motivation der Stützen der Gesellschaft, dem Mittelstand, den Erfindern, den Leistungsträgern, die durch Inflation und steigende Steuerlasten immer stärker belastet werden. Die höhere Abgabenlast für Milliardenvermögen, die sich – im Gegensatz zu den Flüchtlingsströmen, recht frei in der modernen Welt bewegen – ist ein anderes Anliegen, das dem Wähler in diesem Fall linke Parteien wählbar erscheinen lassen.

Zweifellos stehen wir als Gesellschaft vor ökonomischen Verteilungskämpfen, die die Politik mit unterschiedlichen Schwerpunkten begegnen. Die Folgen der Klimakrise, die langfristige Finanzierung der Ukraine, der Ausbau der Bundeswehr, die sozialen Kosten der Immigration sind nur einige Posten der offenen Rechnungen der Zukunft. Die Folgen, die anstehenden Umverteilungen, die eventuell auch eine Verarmung von Bevölkerungsteilen in Deutschland mit einschließt, verläuft parallel zu der Entscheidung über die zivilisatorische Idee des Gemeinwesens.

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Wie eine gespaltene Gesellschaft zusammenhalten?

Wie unsere gespaltene Gesellschaft, die von staatlichen Leistungen zusammengehalten wird, sich in einer ernsten ökonomischen Krise weiter entwickelt, ist ein Grund tiefer Sorgen. Hier bewegen wir uns im Dualismus von Angst und Zuversicht. „Es gibt Hoffnungen, die erscheinen verrückt; aber sie sind es nicht. Diese verrückten Hoffnungen sind nämlich oft gerade diejenigen Hoffnungen, die helfen, nicht verrückt zu werden“, schreibt Heribert Prantl in einem aktuellen Buch. Was hier gemeint ist: Für eine Zukunft in unserem Land braucht es nicht nur ein materielles, sondern ebenso ein geistiges Konzept.

Wenn wir in Deutschland dieser Wahl eher ratlos gegenüber stehen, ist dies keine große Überraschung. In allen Parteiprogrammen finden sich durchaus Aspekte, die wir mit Überzeugung unterstützen. Eine konstruktive Beschreibung der Rolle von Muslimen in der Gesellschaft sucht man dagegen vergeblich.

 Es gibt keine ideale politische Repräsentation, die unsere liberal-konservativen, freiheitlichen und solidarischen Erwartungen vollständig erfüllt. Idealismus darf nicht, so groß die Unzufriedenheit sein mag, den Blick auf die realen Gefahren verstellen.

Wie viele MitbürgerInnen wollen wir mit unserer Wahl im Februar vor allem das Schlimmste verhindern: den Erfolg einer Ideologie, die auf die Einheit von Volk, Territorium und Ethnie setzt. Minderheiten in der Republik sind gut beraten, nur auf Parteien zu setzen, die – in von Hysterie befallenen Zeiten – die Grenzen der Verfassung klar akzeptieren. 

Seneca formuliert in seinen moralischen Briefen einen zeitlosen Rat: „Gelassenheit können nur jene erreichen, die ein unerschütterliches und klares Urteilsvermögen haben – der Rest hadert ständig mit seinen Entscheidungen, schwankt hin und her zwischen Ablehnung und Akzeptanz. Woher kommt dieses Für und Wider? Es rührt daher, dass nichts klar ist und sie sich auf den unsichersten Ratgeber verlassen: die öffentliche Meinung.“

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Wir und die Gesellschaft – vom Zusammenspiel der Kulturen und Religionen

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Ohne einen Begriff von „deutschen Muslimen“, der sich nicht biologisch ableitet, wird es auf Dauer schwer sein, ein anerkannter Teil dieser Gesellschaft zu werden.

(iz). Es scheint manchmal, dass der Islam vielen unserer europäischen MitbürgerInnen unheimlich ist. Über eine Milliarde Muslime, in all ihrer Widersprüchlichkeit, die Beobachtung diverser Auslegungen, kulturellen Prägungen, Praktiken, bis hin – leider – zu ideologischen Ausformungen stehen dem Ideal der vollständigen Kontrolle und Integration entgegen.

Auch Muslime hadern mit einer Balance zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft

Die Aufgabe erinnert so weit an das vergebliche Bemühen, die Naturgewalten zu beherrschen. Aber auch Muslimen fällt es heute schwer, eine neue Balance zwischen ihrem persönlichen Schicksal, der Einbettung in religiöse Gemeinden und ihrer gesellschaftlichen Rolle umzusetzen.

Ein Beispiel ist das vergangene, gemeinschaftlich verrichtete Id-Gebet, das tausende Gläubige auf öffentlichen Plätzen und Straßen zusammengeführt hat, aber von Teilen der Mehrheitsgesellschaft als „Machtdemonstration“ missdeutet und oft mit Argwohn begleitet wurde.

Die Frage stellt sich, in welcher Form wir uns an der Suche nach einem „Wir“-Gefühl in Deutschland beteiligen. Nicht zuletzt sind es Begriffe, wie kollektive Identität, Identitätspolitik oder, unter diesem Aspekt, „Ethnizität“ an die sich Muslime gewöhnt haben, ohne sich daran zu erinnern, wie sie vor kurzer Zeit erst im Wortschatz unserer politischen Rede aufgetaucht sind.

Die Gefahr, Anderen im Umgang mit ihnen, mit gleicher Ideologie zu begegnen, ist offensichtlich. Zudem verhindern die bestehenden ethnischen Trennlinien das inner-islamische Zusammengehörigkeitsgefühl. Ohne einen Begriff von „deutschen Muslimen“, der sich nicht biologisch ableitet, wird es auf Dauer schwer sein, ein anerkannter Teil dieser Gesellschaft zu werden.

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Foto: imago stock

Ausgangspunkt ist die Nähe zu den Ursprüngen

Ausgangspunkt für eine Neujustierung der Rolle von Muslimen in modernen Staaten ist neben der religiösen Praxis an sich, ihre Nähe zu den Ursprüngen. Die erste Gemeinschaft in Medina gilt als Vorbild für ein vom Islam geprägtes Leben. 

Jeder Bund zwischen Menschen entwickelt ein Eigeninteresse, welches sich an den alltäglichen Zielsetzungen der Lebensführung der Mitglieder bemisst, die entsprechend miteinander verflochten sind.

Dabei ist es klar, dass es in unserer Zeit längst faktische Grenzen der Vergemeinschaftung gibt. In modernen Staaten bilden soziale Akteure nur begrenzt autarke und selbstbestimmte „Gemeinschaften“. Es ist Muslimen praktisch nicht möglich, zu jedem Zeitpunkt in allen ihren Beziehungen gemeinsame Ziele zu verfolgen oder jegliche Handlungen als Gruppe durchzuführen.

Ohne eine Partizipation in den Institutionen des Staates ist die Community nicht lebensfähig; und verzichtet sie auf den Konsens mit den Grundwerten der Verfassung, bleibt sie langfristig ein Fremdkörper.

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Der Unterschied stammt aus dem 19. Jahrhundert

Das Verständnis über den grundsätzlichen Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft stammt von Ferdinand Tönnies. Der Soziologe entwickelte im 19. Jahrhundert den Ansatz, dass „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ den Gegenstand der „Soziologie“ ausmachen.

In der Theorie schließen sich die beiden Begriffe aus; in der empirischen Welt, dem Feld der angewandten Wissenschaft, erscheinen sie hingegen nach Tönnies immer gemischt. Genau hier liegt der Ansatz, das Zusammenspiel von Gemeinschaft und Gesellschaft aus muslimischer Sicht zu aktualisieren.

Die Herausforderungen für eine derartige Symbiose sind nicht neu. Das Spannungsverhältnis zwischen alternativen Entwürfen und der Mehrheit hat in Europa eine lange Geschichte.

In Ascona, im schweizerischen Tessin, entdeckt man beim Aufstieg auf den Monte Verità Spuren dieser Historie. Es ist die Zeit der Aussteiger. Hier – wie in vielen anderen Orten in Europa – hat sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine bunte Schar von Sinnsuchenden, Revolutionären, Künstlern und Vegetariern zusammen gefunden. Das Ziel der Suchenden war es, in einer von Krieg und Technik beherrschten Welt, das Leben zu reformieren und wieder näher an die Natur und die Sphäre göttlicher Weisheit zu rücken.

„Wahrheit und Freiheit in Denken und Handeln sollten künftig als teuerster Leitstern ihr Leben begleiten“, beginnt Ida Hofman ihren Bericht über die Gründung der Kolonie. Die Atmosphäre mit dem Blick auf den Lago Maggiore ist einmalig: Zu besichtigen ist der Park mit den Lichthütten, die traditionelle Teestube, die Freilichtbäder und ein von den „Sonnenleuten“ angelegter Tennisplatz.

Der Versuch, eine nachhaltige Gemeinschaft auf Grundlage diverser Entwürfe, die zwischen fernöstlicher Religion, Naturliebe, Kunst und Philosophie angesiedelt waren, zu gründen, scheiterte.

1925 übernimmt der deutsche Bankier und Kunstsammler, Eduard von Heydt, die Anlage. Er lässt ein Kongresszentrum im Bauhaus-Stil bauen. Immer mehr Touristen kommen auf den „Berg der Wahrheit“ und träumen über neue Ideen der Entfaltung. Bis heute diskutieren Philosophen und Künstler die Möglichkeit, unsere technologisch geprägten Gesellschaften, mit der Sehnsucht nach sozialer Nähe zu versöhnen.

Hermann Hesse: Einen Kern in uns bewahren

Ein berühmter Gast auf dem Berg war der deutsche Schriftsteller Hermann Hesse. Mit der Bewegung sympathisiert er, ohne aber den institutionellen Charakter der Lebensreformer je ernst zu nehmen. Später wird der Nobelpreisträger im nahegelegenen Montagnola sein eigentliches Domizil und ersehntes Exil finden.

Im Jahr 1948 hatte Hesse erklärt, was das Schicksal des Menschen aus seiner Sicht entscheiden wird: „Wir wollen womöglich einen Kern in uns bewahren, ein eigenes Schwergewicht, das uns daran hindert, mit in die sinnlose zentrifugale Schwingung gerissen zu werden, die immer unheimlicher wird und fern aller Politik sich in Tempo, Hetze und Unrast äußert.“

Wer sich für das Verhältnis von Individualität, Gemeinschaft und Gesellschaft interessiert, findet in der Gedankenwelt des Außenseiters einigen Stoff. In seinem letzten Werk, dem Glasperlenspiel, entwirft der Schriftsteller, unter dem Eindruck des 2. Weltkrieges, eine Vision einer pädagogischen Provinz mit dem fiktiven Namen Kastalien.

Das Buch dreht sich um ein zentrales Leitmotiv: „Das Glasperlenspiel ist ein Spiel mit sämtlichen Inhalten und Werten unserer Kultur, es spielt mit ihnen, wie etwa in den Blütezeiten der Künste ein Maler mit seiner Palette gespielt haben mag.“ 

Die Leser werden an einen respektvollen Umgang mit den geistigen Phänomenen erinnert, sei es das Christentum oder Judentum, bis hin zu fernöstlichen Weisheitslehren, die seit Jahrhunderten in der Gesellschaft wirken. Wichtige Teile dieser Bildung, mit ihrem interdisziplinären Ansatz, sind neben den Geisteswissenschaften ebenso die Mathematik und die Musik.

Die Lebensgeschichte von Josef Knecht, der zum Meister des Spiels wird, zeigt, dass das harmonische Zusammenspiel von Kulturen, Wissenschaften und Religionen keine Utopie sein muss.

Eine der Maximen des Protagonisten lautet dabei wie folgt: „Wir sollen nicht aus der Vita Aktiva in die Vita Kontemplativa fliehen, noch umgekehrt, sondern zwischen beiden wechselnd unterwegs sein, in beiden zu Hause sein, an beiden teilhaben.“ 

Knecht unterwirft sich den Regeln und Hierarchien der fiktiven Ordensprovinz Kastanien. Aber seine Einordnung in eine Gemeinschaft sei – so Hesse – nicht das Zeichen eines Mangels an Persönlichkeit, sondern eines Plus an Individualität.

Elf Jahre lang schrieb Hesse an seinem letzten großen Werk. Über die Reaktionen war er eher enttäuscht, insbesondere bemängelte er, dass das „Glasperlenspiel“ langsam zum Inbegriff für ein weltfremdes Leben im Elfenbeinturm wurde. Der Nobelpreisträger sah darin – wie sein Biograf Alois Prinz berichtet – ein grobes Missverständnis.

Der Schriftsteller wusste durchaus, dass der Glasperlenspieler der Weltgeschichte angehört und von politischen Änderungen beeinträchtigt wird. Neben dem Aufruf zu einem gesellschaftlichen und sozialen Engagement ist das Ideal einer ganzheitlichen, dem Menschen dienenden Wissenschaft und das Bewusstsein, dass das freie Spiel zwischen den geistigen Kräften von Ideologen aller Couleur gefährdet wird, nach wie vor aktuell.

Die Botschaft ist klar: Der spielerische Umgang mit den Kulturen und Ideologie schließen sich aus. Für Muslime liegt hier die künftige Herausforderung, das heißt, die Aufgabe an der notwendigen Neuauflage dieses Spiels aktiv und verstehend teilzunehmen.

Foto: Maria Lupan, Unsplash

Bedeutung von Architektur für das soziale Leben

Neben den geistigen Voraussetzungen für einen fruchtbaren Austausch zwischen alternativen Gemeinschaften und der Gesellschaft wurde Anfang des 20. Jahrhunderts die Bedeutung der Architektur für das soziale Leben entdeckt. Die Idee, Kunst und Technik, Handwerk und Wohnen in einer solidarischen Gesellschaft zu verknüpfen, gehört zu den Gründungsgedanken des Weimarer Bauhauses.

Die Visionäre entwarfen zunächst Modelle für die Modernisierung des klassischen Einfamilienhauses, planten aber bereits größere Anlagen, mit Gemeinschaftsgebäuden und sozialen Einrichtungen. Der Bedarf an Wohnraum, im Zusammenspiel mit innovativen Bautechniken führten zu einer Revolution des Wohnungsbaus.

In „Sphären III“ erzählt der Philosoph Peter Sloterdijk die Entwicklung einer modernen Philosophie der Architektur. Am Beispiel des Architekten Le Corbusier und seiner Idee der „Wohnmaschine“ wird die Auflösung der traditionellen Allianz von Eigenheim und Sesshaftigkeit deutlich. In den zwanziger Jahren schreibt er: „Man muss das Haus wie eine Maschine oder ein Werkzeug zum Wohnen betrachten … ein Haus wie ein Auto konzipiert und eingerichtet wie ein Auto oder eine Schiffskabine.“

Die neuen großen Wohnblöcke, die bald auf der ganzen Welt entstehen, gleichen sich und sind nur lose an ihr historisches Umfeld angeknüpft. 

Das Ergebnis ist aus menschlicher Sicht eher ernüchternd: Die Siedlungen schaffen ein soziales Niemandsland, von Individuen bewohnt, die sich kaum gegenseitig kennen. Die Suche nach Alternativen dauert bis heute an. Schon in der Bauhaus-Zeit wird parallel mit kleinen mobilen Häusern, Wohnwagen, Containern und Zelthäusern experimentiert, die sich an alte Wohnformen der Nomadenvölker anlehnen.

Sloterdijk formuliert diese Grundidee wie folgt: „Das mobile Haus definiert sich als wandernde architektonische Monade, die ihrem Einwohner darin kongenial geworden ist, dass das Haus wie der Besitzer sich auf Freiheit der Kontextwahl berufen.“

Und heute? Den eigenen sozialen Kontext frei zu bestimmen, hier liegt das Problem, wird immer mehr zur ökonomischen Frage. Fakt ist, ein Eigenheim zu bauen oder nur eine Wohnung zu halten, verschlingen beachtliche Ressourcen und die Finanzierung wird schnell zum einzigen Lebensinhalt. In den Großstädten werden etwa 29 Prozent des Einkommens für Mieten aufgebracht.

Hinzukommt der Mangel an Wohnraum; ein Phänomen, das längst ein Politikum ist. Die Lage am Wohnungsmarkt ist angespannt, viele Berufstätige ziehen um – durchaus nicht freiwillig – und sind auf der verzweifelten Suche nach möglichst billigen Wohnungen.

Die Vision, der sozialen Gemeinschaft einen architektonischen Ausdruck zu geben, ist heute kaum umzusetzen; gleichzeitig werden Depressionen und das Gefühl der Einsamkeit zu einer gesellschaftlichen Realität. Hierher gehört das Problem, dass Moschee-Anlagen, die das Stadtviertel beleben sollen, aber keinen Platz für soziale Aktivitäten und Raum für das Einladen der Nachbarschaft bieten, die Ideologisierung und Isolierung der Gläubigen fördert.

Eine Neuauflage des Glasperlenspiels braucht nicht nur eine geistige Idee, sondern den entsprechenden öffentlichen Raum. Die Lage in unseren Großstädten ist ernst. Pessimisten befürchten eine Verödung der Innenstädte, den Streit zwischen Bevölkerungsgruppen und eine wachsende Dynamik der sozialen Unterschiede.

In seinem neuen Buch „Der Geist der Hoffnung“ schreibt der Philosoph Byung-Chul Han: „Im Gegensatz zum positiven Denken wendet sich die Hoffnung von den Negativitäten des Lebens nicht ab. (…) Außerdem vereinzelt sie die Menschen nicht, sondern verbindet und versöhnt sie. Das Subjekt der Hoffnung ist ein Wir.“

Es wird die entscheidende Frage sein, ob es uns gelingt, mit der Mehrheitsgesellschaft in einen konstruktiven Austausch einzutreten und ob die politischen Verhältnisse der muslimischen Gemeinschaft einen würdevollen Platz in der Mitte der Gesellschaft erlauben.

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Spaltung von Gesellschaft: Immer mehr Bürger haben Sorgen

kommentar leipziger Deutsche

Spaltung: „Ein gewisses Auseinanderdriften in verschiedene gesellschaftliche Lager beobachten wir in Deutschland schon lange, etwa in links-rechts, arm-reich oder Stadt-Land“ (KNA). Berichte über rechtsextreme Verschwörungspläne, aufgeheizte politische Debatten und auf […]

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