, ,

Integration neu denken: Wie kommen wir von der Anpassung zur gleichberechtigten Teilhabe?

integration

Der Begriff Integration gehört zu den am häufigsten verwendeten Begriffen in migrationspolitischen Debatten. Gleichzeitig existieren kaum Begriffe, die so unterschiedlich verstanden werden.

(iz). Lange Zeit wurde Integration vor allem als Anpassungsleistung von Migranten betrachtet. Die zentrale Frage lautete häufig: „Warum nehmen Migranten nicht am Vereinsleben teil? Warum sind sie nicht im Schützenverein oder im traditionellen Dorfleben aktiv?“

Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Sie orientiert sich an gesellschaftlichen Vorstellungen vergangener Jahrzehnte und ignoriert die sozialen Veränderungen der Gegenwart. Die Mitgliedschaft in einem Schützenverein ist heute selbst für viele junge Menschen ohne Migrationsgeschichte kein relevanter Bestandteil ihres Lebens mehr.

Wer Integration an solchen Kriterien misst, bewertet Menschen nach Maßstäben, die längst nicht mehr die gesellschaftliche Realität widerspiegeln.

Integration muss daher neu verstanden werden. Nicht die Teilnahme an bestimmten Traditionen ist entscheidend, sondern die Frage, ob Menschen gleiche Chancen besitzen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und ihre Zukunft mitzugestalten.

Chancengleichheit als Fundament

Aus soziologischer Sicht bedeutet Integration vor allem Chancengleichheit. Menschen gelten nicht deshalb als integriert, weil sie bestimmte kulturelle Gewohnheiten übernehmen. Entscheidend ist vielmehr, ob sie dieselben Möglichkeiten erhalten wie andere Mitglieder der Gesellschaft.

Chancengleichheit umfasst den Zugang zu Bildung, Ausbildung, Arbeitsmarkt, Wohnraum und gesellschaftlichen Ressourcen (Şahinöz, 2011). Wenn Herkunft, Name, Religion oder äußere Merkmale über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, liegt keine vollständige Integration vor.

Eine Gesellschaft kann daher nicht allein anhand kultureller Anpassung beurteilen, ob Integration gelungen ist. Viel wichtiger ist die Frage, ob alle Menschen dieselben Aufstiegschancen besitzen.

Zivilgesellschaft

Foto: SKIMP Art, Adobe Stock

Teilhabe statt Zuschauerrolle

Neben der Chancengleichheit gehört die gesellschaftliche Teilhabe zu den zentralen Merkmalen gelungener Integration. Teilhabe bedeutet, dass Menschen nicht nur in einer Gesellschaft leben, sondern aktiv an ihren sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Prozessen beteiligt sind.

Dabei reicht es nicht aus, Migranten als passive Empfänger gesellschaftlicher Angebote zu betrachten. Wer dauerhaft nur eingeladen wird, bleibt letztlich Gast. Wirkliche Zugehörigkeit entsteht erst dann, wenn Menschen selbst Akteure werden und das gesellschaftliche Leben mitgestalten können.

Teilhabemöglichkeiten zeigen sich beispielsweise in Bildungseinrichtungen, Vereinen, Medien, Verwaltungen oder politischen Institutionen. Entscheidend ist, ob Menschen dort tatsächlich präsent sind und Einfluss ausüben können.

Die neue Generation fordert Mitbestimmung

Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel zwischen den Generationen. Viele Angehörige der ersten Einwanderergeneration waren vor allem mit wirtschaftlicher Sicherheit beschäftigt.

Sie akzeptierten gesellschaftliche Strukturen häufig, ohne diese grundlegend infrage zu stellen. Viele verzichteten auf politische Forderungen, nahmen Benachteiligungen hin und waren dankbar für die Möglichkeit, Arbeit und Einkommen zu finden.

Die nachfolgenden Generationen vertreten zunehmend andere Erwartungen. Sie sind in Deutschland geboren oder aufgewachsen, haben deutsche Schulen besucht und betrachten dieses Land als ihre Heimat. Deshalb fordern sie nicht nur Teilhabe, sondern Mitbestimmung.

Sie möchten nicht länger, dass ausschließlich über sie gesprochen wird. Sie wollen selbst mitentscheiden. Sie wollen nicht nur Angestellte sein, sondern auch Führungskräfte, Entscheidungsträger, Professoren, Behördenleiter, Unternehmer oder Politiker werden.

Gerade dieser Anspruch führt häufig zu gesellschaftlichen Spannungen (El-Mafaalani, 2020). Solange Migranten lediglich Empfänger von Entscheidungen bleiben, werden sie oft akzeptiert. Sobald sie jedoch Führungspositionen anstreben oder Machtstrukturen hinterfragen, treten Konflikte, Vorurteile, Benachteiligungen und Diskriminierung deutlicher zutage.

Junge Muslime Zuwanderung Jugendliche Abendland

Foto: Daniel M. Ernst, Shutterstock

Inklusion als nächster Schritt

In den vergangenen Jahren hat sich neben dem Integrationsbegriff zunehmend auch der Begriff der Inklusion etabliert. Während Integration häufig davon ausgeht, dass sich bestimmte Gruppen in eine bestehende Gesellschaft eingliedern sollen, geht Inklusion einen Schritt weiter.

Sie fragt nicht, wie sich Menschen an bestehende Strukturen anpassen können, sondern wie gesellschaftliche Strukturen so gestaltet werden müssen, dass alle Menschen von Anfang an selbstverständlich dazugehören.

Aus soziologischer Sicht bedeutet Inklusion, Vielfalt als Normalität zu verstehen. Unterschiedliche kulturelle Hintergründe, Religionen, Sprachen oder Biografien werden nicht als Abweichung betrachtet, sondern als selbstverständlicher Bestandteil einer pluralen Gesellschaft. Dadurch verschiebt sich die Verantwortung.

Nicht der Einzelne muss sich möglichst unauffällig anpassen, sondern die Gesellschaft muss ihre Institutionen so gestalten, dass niemand aufgrund seiner Herkunft, Religion oder anderer Merkmale ausgeschlossen wird.

Inklusion ersetzt den Integrationsbegriff jedoch nicht vollständig. Vielmehr erweitert sie ihn. Denn auch eine inklusive Gesellschaft benötigt Chancengleichheit, Teilhabe und Mitbestimmung. Erst wenn Menschen nicht nur anwesend sind, sondern ihre Perspektiven selbstverständlich in gesellschaftliche Entscheidungen einbringen können, wird Inklusion zur gelebten Realität.

Warum Toleranz nicht ausreicht

In gesellschaftlichen Debatten wird häufig von Toleranz gesprochen. Doch auch dieser Begriff verdient eine kritische Betrachtung. Toleranz beschreibt ursprünglich ein Verhältnis, in dem eine Seite die andere duldet.

Wer toleriert, verfügt über die Macht zu entscheiden, was akzeptiert wird und was nicht. Zwischen dem Tolerierenden und dem Tolerierten besteht daher keine vollständige Augenhöhe.

Aus diesem Grund kann Toleranz nur eine Übergangsphase sein. Sie darf nicht das Endziel gesellschaftlicher Entwicklung darstellen. Schon Goethe schrieb eins: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Das eigentliche Ziel muss Gleichberechtigung sein. Menschen sollen nicht deshalb akzeptiert werden, weil andere ihnen dies großzügig erlauben. Sie sollen dieselben Rechte, Möglichkeiten und Einflusschancen besitzen wie alle anderen Mitglieder der Gesellschaft.

Bildung Abstammung

Foto: Christin Klose/Shutterstock

Zugehörigkeit beginnt dort, wo Erklärungen überflüssig werden

Ein weiteres Merkmal gesellschaftlicher Zugehörigkeit zeigt sich im Alltag. Viele Menschen mit Migrationsgeschichte berichten, dass sie sich immer wieder erklären müssen. Sie werden gefragt, woher sie „eigentlich“ kommen, warum sie so gut Deutsch sprechen, warum sie bestimmte Gewohnheiten haben oder weshalb sie bestimmten religiösen Überzeugungen folgen.

Solche Situationen verdeutlichen, dass sie trotz formaler Zugehörigkeit häufig weiterhin als Fremde wahrgenommen werden. Wer sich ständig erklären muss, spürt unbewusst, dass seine Zugehörigkeit noch infrage gestellt wird. „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss.“ soll der Geschichts-, Sprach- und Kulturphilosoph und Theologe Johann Gottfried von Herder schon im 18. Jahrhundert gesagt haben.

Vollständige Integration ist daher erst erreicht, wenn Menschen nicht mehr permanent ihre Anwesenheit, ihre Herkunft oder ihre Identität rechtfertigen müssen.

Integration als Zustand der Gleichberechtigung

Integration ist weder Assimilation noch kulturelle Anpassung. Sie bedeutet nicht, bestimmte Vereine zu besuchen oder traditionelle Verhaltensweisen zu übernehmen. Integration ist vielmehr ein gesellschaftlicher Prozess, in dem alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft gleiche Chancen erhalten, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und an wichtigen Entscheidungen mitwirken können.

Erst wenn Chancengleichheit, Teilhabe und Mitbestimmung verwirklicht sind, entsteht echte Zugehörigkeit. Dann wird aus dem Nebeneinander ein Miteinander. Nicht als Akt der Toleranz, sondern als Ausdruck einer Gesellschaft, die Gleichberechtigung als selbstverständlich betrachtet.

, ,

Muslime in Ostdeutschland: ein unbekannter Teil der Community

ostdeutschland

Muslime in Ostdeutschland: Mitte Februar wurde in Erfurt der Neubau einer Gemeinde eingeweiht. Gelegenheit für einen Blick auf Muslime in den „neuen Ländern“.

(Iz). „Dass wir heute in dieser fertigen Moschee sitzen dürfen, ist keine Selbstverständlichkeit. Der Weg war lang und von vielen Herausforderungen, Gesprächen und Prüfungen geprägt, umso größer ist unsere Dankbarkeit“, sagte ihr Präsident, Suleman Malik, beim Festakt vor rund 120 Gästen.

Darunter waren auch Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow sowie die Bischöfe Ulrich Neymeyr und Friedrich Kramer. Vorher waren Verse aus dem Qur’an rezitiert worden, angekündigte Proteste blieben aus.

Symbolische Wirkung für Ostdeutschland

Malik erklärte, der Neubau sei ein Haus des Gebets sowie des Dialogs und des gegenseitigen Respekts: „Es soll Brücken bauen.“ Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) gratulierte per Videobotschaft und sprach von einem Tag großer Freude. Religion sei auch Ausdruck von Heimat, und er freue sich, dass die Gemeinde hier Wurzeln geschlagen und sie gefunden habe.

Der Grundstein wurde 2018 gelegt. Sie steht am Rand von Erfurt in einem Gewerbegebiet. Der Bau mit schlichtem Gebetsraum und einer Wohnung für den Imam wurde aus Spenden finanziert und kostete den Angaben zufolge 1,35 Mio. Euro.

Dass eine vergleichsweise kleine Gemeinde in einem Industriegebiet am Rand um ihre Präsenz ringen musste, erzählt mehr als nur die Geschichte eines einzelnen Bauprojekts. Die Eröffnung markiert einen Moment, in dem eine bislang oft übersehene Realität sichtbarer wird: das islamische Leben in den neuen Bundesländern.

Wer verstehen will, was dieser Bau symbolisiert, muss den Blick von Erfurt aus weiten. Und eine Minderheit der deutschen Muslime betrachten, die im Osten längst Teil des Alltags ist, ohne im öffentlichen Bewusstsein denselben Platz zu haben.

Nur ein Bruchteil der Einwohner

Waren sie Anfang der 1990er kaum präsent, leben heute – je nach Schätzung – etwa 190.000 bis 200.000 in den neuen Bundesländern ohne Berlin, rund 1,5 % der Einwohner.

Gemessen an der Gesamtzahl aller Muslime, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf 5,3 bis 5,7 Mio. beziffert, entfallen damit nur ca. 3,5 % auf den Osten. In Sachsen machen sie nach diesen Berechnungen ca. 0,7 bis 0,8 % aus, im Anhaltischen liegen die Anteile mit 2,7 bis 2,9 % deutlich höher. Thüringen kommt auf ca. 2,6 bis 2,8 %, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern auf jeweils etwa 1,1 %.

Diese Zahlen markieren nüchtern, dass es mit ihrer Sichtbarkeit gesamtgesellschaftlich und auch innermuslimisch hapert.

Mit der Zuwanderung der 2010er Jahre, vor allem nach dem „Flüchtlingssommer“ 2015, veränderte sich die Landschaft spürbar. Wo zuvor einzelne Studierende, kleine Ladenbetreiber oder provisorische Musallas in Garagen und Plattenbauten den Rahmen bildeten, entstanden in kurzer Zeit neue Räume, Vereine und Gemeinschaften.

ostdeutschland Brandenburg Gebet Muslime osten

Foto: Verein der Muslime in Potsdam e.V.

Nur 2 % aller Moscheen in Deutschland

Eine Recherche des Mediendienstes Integration zählte Anfang 2025 ca. 60 Gebetsräume in Ostdeutschland, etwa 2 % der rund 2.600 Moscheegemeinden bundesweit. In kleineren Städten und Orten werden sie oft erst dann formal als Gemeinde sichtbar, wenn es gelingt, einen eigenen Raum anzumieten. Bis dahin findet ihr religiöses Leben im Privaten statt.

Die randständig gelegenen Orte sind Ausdruck einer Lage, in der es nur geringe Anbindung an große Moschee-Dachverbände gibt. Jenseits von Ausnahmen wie dem Berliner „Speckgürtel“ (wo man regelmäßigere Verbindungen unterhält) oder Sonderbeziehungen in ethnischen Netzwerken erhielten sie kaum institutionelle Hilfe durch Muslime und hatten nur wenig Zugang zu vorhandenen Ressourcen.

Während westdeutsche Verbände ihre Infrastruktur jahrzehntelang aufbauen konnten, entstanden ostdeutsche Moscheegemeinschaften häufig aus akuter Notwendigkeit. Die Menschen suchen einen Raum zum Gebet, für Begegnung und die religiöse Bildung ihrer Kinder. In den meisten Fällen wird das Nötigste selbst organisiert.

Allerdings gibt es einige, die mit solchen im Westen eine gemeinsame Herkunft teilen und aufgrund dessen dort für Hilfe sammeln. Diese Eigeninitiative prägt bis heute das Bild vieler Gemeinschaften zwischen Erzgebirge und Ostseeküste.

Forscherinnen wie Ayşe Almıla Akca beschreiben die östlichen Moscheevereine als deutlich jünger. Das gilt nicht nur im Hinblick auf ihre Gründung, sondern ebenso ihre innere Struktur.

Foto: Frau Schütze, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

Häufiger multikulturelle Gemeinschaften

Anders als die klassischen, entlang von Herkunft und Anwerbewellen gewachsenen Moscheen versammeln sich in den ostdeutschen oft Menschen aus verschiedenen Ländern und Fluchtgeschichten: Syrer, Tschetschenen, Afghanen, Irakis sowie Konvertierte aus der Region.

Die gemeinsame Sprache ist häufig Deutsch. Das gilt nicht nur in der Kommunikation mit Behörden, sondern in Teilen des religiösen Alltags. Die äußeren Umstände – geringe Zahl, knappe Ressourcen, dünne Netzwerke – zwingen dazu, miteinander auszukommen und Differenzen im Inneren anders zu balancieren.

Die Kehrseite dieser manchmal improvisierten Entwicklung ist Strukturmangel, der sich an einigen Stellen bemerkbar macht. Viele haben keine hauptamtlichen, ausgebildeten Imame oder ausreichend geschulte Vorstände. Religiöse Unterweisung und Gemeindemanagement werden im Ehrenamt getragen. Das sind oft Menschen, die selbst erst seit wenigen Jahren hier leben.

Förderprogramme, Beratungsstrukturen und etablierte Gesprächskanäle zu Politik und Verwaltung sind selten so ausgebaut wie in westdeutschen Ballungsräumen. Hinzu kommt eine gesellschaftliche Umgebung, in der die Mehrheit der Bevölkerung sich selbst als konfessionslos versteht und religiöse Ausdrucksformen generell als fremd empfindet.

Vorurteile treffen ostdeutsche Muslime deshalb anders. Untersuchungen zeigen, dass der Islam dort tendenziell häufiger als bedrohlich wahrgenommen wird im Vergleich zum Westen. Und, dass die Bereitschaft, diese Einstellungen in praktisches Handeln zu übersetzen, größer ist.

Proteste vor Moscheebauten, Demonstrationen gegen vermeintliche „Islamisierung“ oder Anfeindungen im Alltag sind für viele Gemeinden zu selbstverständlichen Begleiterscheinungen geworden.

Foto: Kalispera Dell, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Es tut sich was unter erschwerten Bedingungen

Gleichzeitig ist der Blick allein auf Ablehnung verkürzt. Die Geschichte in Erfurt zeigt, dass neben Widerstand Formen von Unterstützung gewachsen sind: ökumenische Kontakte, Nachbarschaftsinitiativen, kommunale Akteure, die trotz Konflikten an Dialogangeboten festhalten.

Für Muslime vor Ort bedeutet das eine doppelte Bewegung. Sie organisieren ihren Alltag in Strukturen, die erst im Aufbau sind. Gleichzeitig werden sie zu Ansprechpartnern in Debatten.

Die Erwartungen sind hoch: Gemeinden sollen religiöse Bedürfnisse erfüllen, Unterstützung bieten, Räume für Jugendliche schaffen und zugleich öffentliche Brückenbauer sein. Insbesondere kleinere stoßen dabei schnell an ihre Grenzen, weil ihnen die Mittel fehlen, um all diese Rollen dauerhaft zu tragen.

Vieles spricht dafür, dass die muslimische Landschaft in Ostdeutschland in den kommenden Jahren in einem eigenen Tempo wachsen wird. Das heißt, langsamer, kleinteiliger und fragiler.

Ob sie dabei als Randerscheinung oder selbstverständlicher Teil der Gesellschaft wahrgenommen wird, entscheidet sich nicht nur in den Gemeinden, sondern in den Städten und Dörfern, in denen sie ihren Platz suchen.

* Mit Material von KNA und Mediendienst Integration (CC-Lizenz).

, ,

Zwischen Brennpunkt, Vorbildern und Träumen: Über „Nordstadtzauber“ von Denise Kaban

Nordstadtzauber Denise Kaban

Mit „Nordstadtzauber“ legt Denise Kaban ein inspirierendes Buch vor, das die Geschichte ihres Mannes Umut Kaban erzählt.

(Iz).Sein Name bedeutet auf Türkisch „Hoffnung“. Und von Hoffnung handelt dieses Buch. Aufgewachsen in der Kasseler Nordstadt, die von außen oft als sozialer Brennpunkt gilt, zeigt es in kurzen, lebendigen Kapiteln, wie er zwischen Enge, Vorurteilen und Zusammenhalt seinen Weg findet: vom Kind der Nordstadt zum Quartiersmanager, der heute Verantwortung für eben diesen Stadtteil trägt.

Denise Kaban – Leben, das Hoffnung verkörpert

Die Episoden des Buches zeigen Umuts Kindheit und Jugend: kleine Wohnungen, große Familien, Schulhöfe voller Härte, aber auch voller Freundschaft, Fußballplätze, die zu Freiräumen werden, Sommerreisen, die Sehnsucht und Identität miteinander verbinden. Es sind Schlaglichter eines Lebens, das stellvertretend für viele Biografien in deutschen Brennpunkten gelesen werden kann und doch ist es einzigartig.

Ich hatte mich in meiner Schullaufbahn von der Hauptschule bis zum Abitur hochgekämpft. Sogar studiert. Und fiel anschließend, nach hunderten erfolglosen Bewerbungen, wieder in ein tiefes Loch. Ich bin Stadt- und Regionalplaner. Zumindest sagt das mein Abschlusszeugnis der Uni. Ein guter Abschluss. Trotzdem konnte ich in dem Beruf nie richtig Fuß fassen.

Was Umut fehlt, erkennt seine Frau. „Erzähl mir noch einmal von diesem Zauber, der dich damals in der Nordstadt so glücklich gemacht hat.“ Und sie ermutigt ihn, trotz der erfolgreich zurückgelegten Strecke, dem Ruf des Zaubers zu folgen: „Du sollst nicht kündigen, sondern dich umorientieren. Du hast so viele Talente. Nutze sie. Was sind deine Träume? Verwirkliche sie!

Aus dem Jungen, der mit Fäusten um Respekt kämpft, wird ein Mann, der heute als Quartiersmanager in seiner Heimat, der Nordstadt Kassels, Verantwortung trägt. Er kennt die Sorgen, weil er sie selbst durchlebt hat. Er kennt die Verlockungen des Scheiterns, weil sie ihm selbst begegnet sind.

Und er weiß, dass Hoffnung nicht durch Belehrungen von außen wächst, sondern durch Menschen, die zeigen, dass Aufstieg und Wandel möglich sind. Aufstieg ist möglich durch Menschen, die an einen glauben, wenn man selbst nicht die Kraft hat, an sich zu glauben. 

kotti

Foto: imago | Ina Peek

Muster für andere Viertel

Genau darin liegt die große Bedeutung dieses Buches: Umut Kaban ist nicht nur eine Stimme für die Kasseler Nordstadt, er ist ein Muster für Menschen in vergleichbaren Vierteln in ganz Deutschland. Brennpunkte gibt es in vielen Städten, und überall brauchen sie solche Vorbilder.

Dass jemand, der selbst dort aufgewachsen ist, zurückkehrt, um für Kinder und Jugendliche Perspektiven zu schaffen, ist von unermesslichem Wert. Externe Fachkräfte können helfen, aber nur Menschen wie Umut, die ihre eigene Geschichte mitbringen, können glaubwürdig vermitteln: „Ich war an eurer Stelle und es gibt einen Weg.“

Wie er im Gespräch mit Journalisten betont, war sein eigener Weg keineswegs geradlinig. Es brauchte Krisen, Rückschläge und einen entscheidenden „Klick-Moment“, bevor er den Weg von der Hauptschule über das Gymnasium hin zum Studium fand. Diese Ehrlichkeit macht ihn authentisch. Wer ihn kennenlernt, spürt: Hier spricht keiner von oben herab, sondern einer aus der Mitte des Viertels:

Ich hatte es geschafft. Meine Gebete wurden erhört. Ich liebte meine Arbeit und freute mich jeden Tag darauf. Ich führte das Fernsehteam durch die Straßen. Zu besonderen Plätzen. Zur Realität. Entlang an Erinnerungen. Hin zu Träumen und Zukunftsplänen. Die Anwohner grüßten mich. Ihre Türen standen mir immer offen. Weil ich einer von ihnen war. Weil sie mir vertrauten. ‚Bitte! Rette meinen Sohn!’, erinnerte ich mich an die Worte einer Mutter, die einst verzweifelt in meinem Büro saß. Fehlende Vorbilder. Depressionen. Zukunfts- und Versagensängste. Suizidgefährdet.

Vorbilder sind eine Quelle des Mutes, wenn die Lage aussichtslos erscheint. Der Blick hinauf zu Vorbildern spielte auch auf Umuts Weg zum Quartiersmanager eine große Rolle: „Muhammed Ali war schon immer mein größtes Idol. Nicht nur wegen seiner sportlichen Erfolge, sondern auch vor allem wegen seines Gerechtigkeitssinnes.

Die Form des Buches – authentische Miniaturen

Die Stärke von „Nordstadtzauber“ liegt in seiner Form. In kurzen, klar umrissenen Kapiteln entfaltet sich ein Mosaik von Szenen: Zuhause, Fäuste und Freundschaft, Chancen, Schule, Nordstadtzauber. Jedes Kapitel steht für sich, doch gemeinsam ergeben sie ein Bild vom Aufwachsen in einem Brennpunkt, das so nah und lebendig ist, wie es nur persönliche Erinnerung sein kann.

Das Leben in der Nordstadt verläuft nicht linear, sondern in Brüchen und Neubeginnen, in Momenten der Gefahr und Momenten der Wärme. Gerade in dieser Form spiegelt das Buch die Authentizität des Erzählten. Die Kapitel sind kurz und wirken wie Scheinwerfer auf eine Episode in Umuts Leben. Wir werden Teil von der Szene, in der Umut fast von der Schule geflogen wäre. Doch das Versprechen seines Vaters besiegte die Zweifel:

‚Bitte! Ich gebe Ihnen mein Wort, dass er sich ändern wird, sobald wir dieses Büro verlassen haben. Er wird hier keine Schwierigkeiten machen’, flehte mein Vater regelrecht, damit ich nicht ohne Schule endete. Der Schulleiter blickte mich an. ‚Du hast deinen Vater gehört. Er hat mir sein Wort gegeben. Also vertraue ich darauf. Brich es nicht! Ich werde ein Auge auf dich haben. Ich will sehen, dass du deine Chance nutzt!’

Foto: Anke van Wyk, Adobe Stock

Hoffnung als Auftrag

Nordstadtzauber ist mehr als eine Liebeserklärung an eine Ehe und an ein Viertel. Es ist ein Plädoyer für Hoffnung als gelebte Praxis. Umut Kaban zeigt, dass es nicht genügt, über Brennpunkte zu reden oder sie von außen zu analysieren. Es braucht Menschen, die aus diesen Vierteln stammen und die Verantwortung übernehmen – nicht trotz ihrer Herkunft, sondern gerade wegen ihr:

Integration wurde in der Nordstadt inzwischen großgeschrieben. Egal, wer du bist. Egal, woher du kommst. Egal, welche Sprache du sprichst. Du bist nicht allein. Ob jung oder alt. Du gehörst zu uns.

Seine Geschichte ist ein Beweis dafür, dass Bildungsaufstieg möglich ist, dass soziale Herkunft kein endgültiges Schicksal darstellt und dass das Hessische Bildungssystem, wie er selbst betont, durchlässig sein kann, wenn Menschen darin begleitet werden.

Er selbst ist das lebendige Beispiel dafür. Umut kehrte nach seinem Aufstieg der Nordstadt nicht den Rücken. Er kehrte zurück. Er lauschte dem Ruf, den seine Frau in seinen Augen sah:

Ich habe so oft und so lange dafür gebetet, dass du eine Arbeit findest, die dich glücklich macht. Dass du einen Beruf ausüben kannst, der dir und deiner Seele guttut. Der die Freude zurück in deine Augen bringt, wenn du davon berichtest. Dieser Zauber. Das Strahlen. All das ist wieder da.

Der Zauber ist der Ruf; der Ruf seine Fähigkeiten zum Wohle der Gesellschaft einzusetzen und die Hand denen zu reichen, die noch an sich zweifeln:

Wenn es Tee gibt, gibt es Hoffnung. Wenn du Träume hast, kannst du sie verwirklichen. Du bist ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Nutze Rückschläge, um Anlauf zu nehmen. Glaube. Vertraue. Mache. Du kannst alles schaffen.

Fazit

„Nordstadtzauber“ ist ein warmherziges, eindringliches und gesellschaftlich wichtiges Buch. Es erzählt von einem Leben, das aus einem Brennpunkt stammt, kurzweilig ging und dann dorthin zurückgekehrt ist: nicht aus Resignation, sondern aus Verantwortung.

Der Protagonist steht in diesem Buch als Musterfigur: für Jugendliche, die heute in ähnlichen Verhältnissen aufwachsen und für eine Gesellschaft, die Vorbilder braucht, die nicht abstrakt, sondern nahbar sind. Seine Geschichte zeigt, dass wahre Veränderung von innen heraus geschieht.

Denise Kaban hat ihrem Mann und der Nordstadt mit diesem Buch eine Stimme gegeben. Es ist ein Werk, das Mut macht – nicht nur den Menschen in Kassel, sondern allen, die in schwierigen Vierteln leben. Und es ist eine Erinnerung für uns alle: Hoffnung ist kein leeres Wort. Sie hat einen Namen. Sie hat ein Gesicht. Und sie lebt mitten unter uns.

, ,

Islamrat: Onlineseminar widmet sich muslimischem Leben als Gegenstand aufgeladener Debatten

(iz). Seit geraumer Zeit steht muslimisches Leben in der Bundesrepublik öffentlich oft unter einem grundsätzlichen Verdacht. Ob Gebet, Fasten, Moscheebau, Ernährung oder Bekleidungsvorschriften: Praktiken, die für eine liberale Gesellschaft theoretisch kein Problem darstellen dürften, sind im Rahmen deutscher Diskurse „verdächtig“ geworden und werden nicht selten problematisiert. Das gilt insbesondere für die Forschungen sowie für die umstrittenen Gebiete Innere Sicherheit und Integration.

Dieser Frage der Behandlung und Problematisierung des religiösen Alltags von deutschen MuslimInnen widmete sich ein Online-Seminar des Islamrates am 27. November unter dem Titel „Muslimisches Leben als Gegenstand von Forschungs-, Sicherheits- und Integrationsdebatten“. Zu den TeilnehmerInnen gehörten Prof. Dr. Werner Schiffauer, Prof. Dr. Schirin Amir-Moazami (FU Berlin), Prof. Dr. Dirk Halm (Stiftung ZfT) und Prof. Dr. Aladin Mafaalani.

Wie der Islamrat auf der Plattform Twitter berichtete, widmete sich Schiffauers Beitrag dem Gegenstand der „sicherheitsrelevanten Wissensproduktion“. Amir-Moazami führte in die „Problematiken der wissenschaftlichen Erforschung von Muslimen“ ein. Halm gab einen Überblick über den „wissenschaftlichen Integrationsdiskurs“. Und Mafaalanis Beitrag beschäftige sich mit der „Selbstverortung der Muslime“.

Seinen Abschluss fand die Tagung mit einem „Online-Podium“. Darin wurden die „verschiedenen Perspektiven zusammengeführt“ und es wurde „über Ausblicke diskutiert“. Der Islamrat bedankte sich bei allen Beteiligten und TeilnehmerInnen. Die IZ-Redaktion wird die Inhalte dieser Tagung für die kommende Ausgabe aufarbeiten.

,

Weder Fisch noch Fleisch: Wie Konvertitinnen entheimatet werden

identitären

Menschen werden mit Grundbedürfnissen geboren. Neben den physiologischen Bedürfnissen, wie Nahrungsaufnahme und Schlaf, gehören Autonomie, Wirksamkeit und soziale Zugehörigkeit zu den psychologischen Grundbedürfnissen. Bereits nach der Geburt sucht der Mensch […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, , ,

Widersprüchliche Signale der Ampel

zeitenwende

Doppelte Staatsbürgerschaft hier, Rückführungsoffensive dort: Der Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP ist geprägt vom Willen zur gesellschaftlichen Erneuerung – und vom Rechtsruck der letzten Jahre. (iz). Stell dir vor […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

USA: Studie zur Integration und Pluralität in Moscheen

Diät

Washington (KNA). US-amerikanische Moscheen spiegeln offenbar immer stärker eine Pluralität des islamischen Glaubens in den USA wider. Das geht aus einer am 3. August veröffentlichten Studie des Institute for Social Policy and Understanding hervor. Basierend auf einer Kombination aus Interviews und Fragenkatalogen mit hunderten Führern von Moscheen kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass sie zu einem toleranten Verständnis des Islam neigen.

Dieses stütze sich „auf die fundamentalen Textquellen des Islam, ist aber offen für Interpretationen, die den Zweck des islamischen Gesetzes und moderner Gegebenheiten berücksichtigten“. Während in vielen anderen Ländern lediglich eine einzige Denkrichtung vorherrsche, vermischten Einwanderer in den USA Traditionen, um eine größere Gruppe an Gläubigen zu erreichen.

Während dasselbe Institut im Jahr 2000 noch festgestellt hatte, dass in 53 Prozent der US-Moscheen Englisch gesprochen werde, stieg der Anteil auf 72 Prozent. Mehr als jedes zweite islamische Gotteshaus (51 Prozent) hatte demnach einen amerikanischen Politiker zu Gast, der zu der Gemeinde sprach. Das ist laut Ihsan Bagby, dem federführenden Autor der Studie, ein höheres Maß an politischem Engagement als in christlichen Gemeinden.

Moscheen beteiligten sich auch in hohem Maß an ökumenischen Initiativen, hieß es. In zwei von drei Gemeinden hätten außerdem Frauen einen Sitz im Vorstand: „Amerikanische Moscheen sind aus der Geschlechter-Perspektive mehr integriert als anderswo.“

, ,

Im Dickicht der Theorien

(iz). Am 21. Januar dieses Jahres beklagte die „Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus“ einen zunehmenden „anti-islamischen Rassismus“ in Deutschland. Nach Ansicht des geschäftsführenden Vorstands Micksch sei diese Entwicklung ein Nährboden für einen Rechtsextremismus, der immer gewaltbereiter werde.
Selbst ein oberflächlicher Blick auf Berichterstattung sowie Statistik legt den Schluss nahe, dass der Rassismus Teil des Alltags geworden ist. Zeugnis davon legen derzeit auch Erfahrungen einzelner Muslime ab, die mit diesem Phänomen konfrontiert sind. Sie können von verbaler „Anmache“ bis zur Ablehnung bei Wohnraum- oder Stellengesuchen reichen. Was früher, platt gesagt, „der Türke“ war, ist heute oft „der Muslim“. Die Muster von Diskriminierung sind oft die gleichen geblieben.
Es geht noch weiter: Bei einigen Muslimen ist die rasante Verbreitung zum festen Bestandteil der Kommunikation in sozialen Netzwerken geworden. Bei aller realen Erfahrung stellt sich die Frage, ob wir es mit dem berühmten „Einzelfall“ zu tun haben, oder ob diese Vorfälle stellvertretend für einen allgemeingültigen Umgang mit Muslimen zu verstehen sind. Angesichts der erodierenden Kommunikationsformen, die insbesondere das Internet produzierte, ist Zurückhaltung bei Subjektivismen geboten. Immerhin ist es die gleiche „Technik“, die der aggressiven Islamkritik selbst zu eigen ist.
Hochkarätiger Diskurs
Diese Phänomene sowie die sich radikalisierende mediale, und damit politische, Behandlung der Schlagworte „Islam“, „Muslime“ und „Migration“, sind Grund genug dafür, dass das Osnabrücker Institut für islamische Theologie zu einer mehrtägigen Fachkonferenz über das Thema lud. Vom 14. bis 16. Januar trafen sich Wissenschaftler wie Prof. Dr. Naika Foroutan, Prof. Dr. Kai Hafez, Prof. Dr. Iman Attia, Prof. Dr. Wolfgang Benz, Dr. Silvia Horsch, Dr. Fared Hafez und viele andere, um das Thema zu diskutieren. Eingeladen waren auch Vertreter muslimischer Verbände wie Dr. Zekeriya Altug, Aiman Mazyek, Burhan Kesici sowie Journalisten wie Eren Güvercin oder Daniel (?) und Aktivisten aus der muslimischen Zivilgesellschaft.
Es ist den Gastgebern gelungen, dass sie als erste auf diesem Niveau – bei Quantität und Qualität von Referenten und Diskutanten – das Phänomen behandelten. Wohl unbeabsichtigt war die Konferenz am Puls der Zeit. Inwiefern der ausgestellte Erkenntnis- und Diskussionsstand Einzug in weitere Kreise finden wird, steht auf einem anderen Blatt. So meinte Prof. Dr. Foroutan melancholisch bei der Auftaktdiskussion, dass Fakten nur eine begrenzte Reichweite hätten. Eine „schwankende Mitte“ ließe sich davon beeinflussen. Bereits in der Vergangenheit hätten Daten- und Faktensammlung auf die von Sarrazin angestoßenen Thesen wenig Auswirkungen gehabt.
Relativ einhellig
Bei den Beiträgen war von einer „Diskussion“ im Sinne gegenteiliger Positionen nicht viel zu vernehmen. Relativ einhellig bezogen Referenten und Diskutanten nicht nur Stellung zu dem behandelten Phänomen des „anti-muslimischen Rassismus“, sie ordneten es – von graduellen Unterschieden – auch ähnlich ein.
Prof. Dr. Naika Foroutan legte in ihrem Impulsreferat die Faktenbasis für die folgenden Debatten dar. Die Zuschreibungen dessen, wer ein „Deutscher“ sei, werden immer schwieriger. Vor Beginn der Fluchtbewegung seien ca. vier Millionen Menschen in Deutschland Muslime gewesen – die Hälfte davon Staatsbürger. Von den rund 1,1 Millionen Flüchtlingen, die laut BAMF 2015 hierher kamen, sei die Mehrheit Muslime. Das habe Folgen für die Gesellschaft und die betroffenen Communities. Die aktuellen Entwicklungen, namentlich die „Flüchtlingsfrage“, trieben die Debatten um eine vermeintliche „Islamisierung“ voran. So überschätze eine Mehrheit der Bevölkerung konstant den muslimischen Bevölkerungsanteil um ein Mehrfaches. Obwohl Wirtschaftsinstitute sich für Auswanderung aussprächen und die Bevölkerung selber von einer positiven Lage ausgehe, herrschten große Ängste.
Was die Einstellungen gegenüber Muslimen in diesem Land betrifft, konstatierte die Berliner Forscherin aufgrund ihrer regelmäßigen Erhebungen einen Unterschied zwischen einer kognitiven Anerkennung der Präsenz von Muslimen und ihrer Einforderung verfassungsgemäßer Rechte mit einer „emotionalen Distanz“. Sie verwies auf einen Widerspruch zwischen der Betonung der Verfassung, zu der Muslime sich zu bekennen hätten, und andererseits der stellenweisen Überzeugung, Muslime dürften sich nicht auf ihre verfassungsgemäß verbrieften Rechte (Moscheebau oder Kopftuch) berufen. Handfest äußere sich das in der Vervierfachung von Angriffen in den letzten Jahren. Die derzeitige Verrohung werde mit Argumenten und dem Verhalten von Muslimen begründet.
Ihre Erkenntnisse wurden in den folgenden Beiträgen bestätigt und theoretisch unterfüttert. Der antimuslimische Rassismus stelle den Übergang vom Biologismus der Rechten, so Hendrik Cremer, zu einem kulturalisierten Vorurteil dar. Gerade die Fixierung auf den rechten Rand sei ein Missverständnis, wie das Beispiel Sarrazin seit 2009 belege. Cremer verwies einerseits auf die bestehenden deutschen und europäischen Gesetzgebungen zur Volksverhetzung. Anstoß erzeugende Rede müsse allerdings grundsätzliche durch Gegenrede beantwortet werden. Der Forscher schränkte aber ein, dass der Staat sich, trotz des Vorwurfes eines „Meinungskartells“, nicht taktisch verhalten dürfe, da sich rassistische Diskurse wie der von Pegida derzeit „in gefährlicher Weise“ ausbreiteten. Diesen Aspekt sprach auch Naika Foroutan an. Diskurse erführen eine Verschärfung, sobald die agitierenden Gruppen den parlamentarischen Raum betreten.
Aufgrund seiner Erforschung von Vorurteilen gab Prof. Dr. Wolfgang Benz eine präzise Definition des anti-muslimischen Rassismus: „Zu definieren ist das Phänomen der Islamfeindschaft als Ressentiment gegen eine Minderheit von Bürgern beziehungsweise von in unserer Gesellschaft lebenden Menschen, die mit politischen, ethnischen und religiösen Argumenten diskriminiert und ausgegrenzt werden. (…) Gleichzeitig stärkt dies das Selbstbewusstsein der Mehrheit, die die Minderheit ausgrenzt.“
Soziologische Welten
Theoretisch – und auch ideologisch – unterfüttert werden diese nüchternen Überlegungen mit einer Rassismusforschung im globalen Stil. Und das nicht ohne Erfolg. Gerade junge Muslime fühlen sich angesprochen von einer Theoriebildung in Nachfolge Fanons oder Du Bois‘, die sie irgendwo zwischen antikolonialem Befreiungskampf und der US-Bürgerrechtsbewegung um Luther King oder Malcom X einordnet.
Wie Dr. Silvia Horsch andernorts erläuterte, würden diese Rassismustheorien auch verstärkt bei Muslimen rezipiert. Die Betonung liegt hier auf der strukturellen Komponente. Zu den bekanntesten Vertretern gehören Prof. Dr. Iman Attia aus Berlin oder Dr. Farid Hafez. In seinem intellektuell wie sprachlich brillantem Parforceritt durch die Theoriebildung von Fanon, Du Bois und der Universität Berkeley ordnete er den antimuslimischen Rassismus in diesen Diskurs ein. „Die Berkeley-Schule der Islamophobieforschung konzentriert sich auf Macht- und Herrschaftsstrukturen und versteht die Islamophobie als einen Ausdruck dieser ökonomischen und politischen Disparitäten, die durch einen anti-muslimisch-rassistischen Diskurs stabil gehalten und ausgeweitet werden sollen.“
Laut Hafez werde die Figur des Muslims zum „imaginierten Gegenstand“ zentral für den islamophoben Diskurs. Racial Profiling wäre nicht möglich, wenn nicht die Figur des gefährlichen Muslim vorhanden wäre. Da diese Rassismustheorie damit operiert, den Begriff „weiß“ im Sinne eines asymmetrischen Machtverhältnisses als politische Größe zu definieren (nicht als ontologische), müssen Widersprüche entstehen. Welche Position nehmen in diesem Denken die „weißen Muslime“ des Balkans und Russlands (die zahlenmäßig größte Gruppe der europäischen Muslime) oder die wachsende Gruppe der „Konvertiten“ ein? Ironischerweise entstehen hier Parallelen zu anti-muslimischen Diskursen in Europa, in denen der Islam als wesensfremd zu Kultur, Geschichte und Identität unseres Kontinents verortet wird.
Ein weiter blinder Fleck ist das Verharren in jahrzehntealten Deutungen globaler Verhältnisse. Das de facto koloniale Auftreten „neuer Mächte“ wie China, Indien oder Russland (die allesamt einen problematischen Umgang mit ihren muslimischen Minderheiten pflegen) geht hier unter. Das gleiche gilt für die neuen nichtstaatlichen Akteure wie Banken, Supra-Banken oder Investmentsfonds, die nach neuen Kriterien operieren. Funktioniert die Welt, operieren globale Mechanismen von Macht noch so, wie sich das die Theoretiker in Berkeley und anderswo vorstellen? Wenn nicht, was bedeutet es dann für ihre Gültigkeit?
Foto:
Es ist wohl davon auszugehen, dass die vorgetragenen Erkenntnisse und Theorien von der Mehrheit der Muslime mitgetragen werden. Das kann aber für religiös verfasste und praktizierende Muslime zu Widersprüchen führen. Die Rassismusforschung habe, wie es Dr. Horsch formulierte, Grenzen, weil sie den Glauben an Gott nicht miteinbezieht. „Da können wir nicht stehen bleiben.“
Religion droht hier zu einem nebulösen Faktor unter vielen zu werden – eine „Markierung“ für den imaginären Muslim; neben Herkunft, Ethnie und Kultur. Denn dieser Gegenstand bleibt genauso wenig real, wie er es im Auge seines vermeintlichen Feindes ist. In beiden Welten kann er nicht der oberfränkische Gutbesitzer mit Biolandwirtschaft sein oder die erfolgreiche Ärztin, die ohne Diskriminierungserfahrung oder Identitätsprobleme durchs Leben schreiten.
Obwohl das Institut für Islamische Theologie einladende Institution war, fehlten hier Beiträge, die sich dem Thema antimuslimischer Rassismus von einer theologischen Warte aus näherten. Es bleibt offen, ob sich das von Kenan Kolat geforderte „Empowerment“ ereignen kann, wenn grundlegende Aspekte des Muslimseins ausgeblendet bleiben. Ironischerweise führt dieser säkular-fatalistische Diskurs bisher nicht zu Aktivität. In den letzten zehn Jahren haben muslimische Organisationen bisher keine großen Schritte in Richtung funktionierender Lobbyorganisationen unternommen.
Dr. Silvia Horsch eröffnet in ihrem Vortrag „Eine spirituelle Sicht auf antimuslimischen Rassismus“ eine andere Perspektive. Weil die Rassismusforschung dank ihrer Ausblendung Gottes Grenzen habe, müssten Muslime über sie hinausgehen. Muslime leben in der Anerkennung der Allmacht Gottes. Sie wissen, dass nichts geschieht, was Er nicht will. Und nichts, was geschieht, ist sinnlos. Muslime hätten immer schon über ihre Verhältnisse reflektiert. Aber man dürfte nicht unzufrieden sein mit der Tatsache, dass Allah alle Dinge bestimmt. Muslime müssten sich die Frage stellen, warum sie dieserart auf Diskriminierungen und Vorfälle reagierten. Sind wir wütend, weil Allah und Sein Gesandter verleumdet werden, oder weil wir uns angegriffen fühlen? Der Gesandte Allahs habe, so Horsch, die höchste Möglichkeit aufgezeigt, wie mit solchen Situationen umzugehen ist.
Der bisherige Umgang mit Diskriminierungen berge Gefahren. In ihrem Bemühen um Anerkennung richteten sich Muslime nach Parametern, die die Gesellschaft vorgebe. Natürlich solle man nach gesellschaftlichem Einfluss streben, aber hier sei die Absicht entscheidend. Eine zweite Gefahr bestünde in Äußerlichkeiten. Weil auch äußerliche Elemente der muslimischen Lebensweise, allen voran das Kopftuch, im antimuslimischen Rassismus negativ markiert seien, würden Muslime sie positiv aufladen. Dann werde das Kopftuch zu einem Symbol für Reinheit, Frömmigkeit und Identität. Drittens, seien Muslime gefährdet, passiv und reaktiv zu werden. Eine Opferhaltung habe auch die Funktion, die von Ressentiment Betroffenen moralisch aufzuwerten. Nur, die Tatsache, dass einem Ungerechtigkeit widerfahre, mache einen noch nicht zu einem bessern Menschen.
Eine weitere, tiefere Differenz zur Rassismusforschung sei deren Fehlen einer metaphysischen Dimension. Diese gehe davon aus, dass die Betroffenen nichts mit Vorurteilen zu tun hätten. Wir müssten uns aber die Frage stellen: Warum sind wir in dieser Lage und warum passieren uns diese Dinge?
Laut der muslimischen Lehre können Probleme wie antimuslimischer Rassismus auf mindestens zwei Arten verstanden werden: Negativität ist eine Prüfung. Das sei keine Aufforderung zur Passivität. „Denn wir haben Dinge zu verantworten, die wir ändern können.“ Es kann aber auch Reinigung beziehungsweise Sühne sein. Es könne sein, dass Allah uns durch solche Erfahrungen reinigen wolle.
Will die muslimische Community im Hinblick auf den gegen sie gerichteten Rassismus nicht nur passiv bleiben, muss sie sich nicht nur in Diskurse einbringen wie den, der in Osnabrück so hochkarätig geführt wurde. Sie kommt nicht darum umhin, eigenständige Positionen und Perspektiven zu entwickeln. Das erwähnte Empowerment kann nur aus einer aktiven Haltung erwachsen.

, ,

„Wir leben in radikalen Zeiten“

Die Ausländerfeindlichkeit der 1980er Jahre hat sich in eine antimuslimische Grundhaltung gewandelt, kritisieren Muslime. Über Gründe und Auswege diskutierten Experten in Osnabrück. (iz). Passender hätte der Zeitpunkt nicht gewählt werden […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, , ,

Das deutsche Missverständnis

„Ist Kultur eben in erster Linie eine Aktivität? Schreiben, Bauen, Malen, Dichten oder eben ‘Backen’. Geträumt: Wäre ein Syrer, der in der Provinz das berühmte deutsche Brot macht, ein Beitragender […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.