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25 Jahre 11. September: Ein Vierteljahrhundert Desinformation

9/11 11. September desinformation

25 Jahre später reicht das Erbe der Anschläge vom 11. September weit über die ursprünglichen materiellen und wirtschaftlichen Auswirkungen hinaus.

(The Conversation). Die Ereignisse des Tages und der darauffolgende „Krieg gegen den Terror“ haben das Vertrauen in die etablierten Nachrichtenmedien in den USA schwer erschüttert. So wurde der Grundstein für das heutige, von extremer Parteipolitik geprägte, zersplitterte Informationsklima gelegt. Von Jared Ahmed

In den Tagen und Wochen nach den Anschlägen sahen sich US-Journalisten mit einem Dilemma konfrontiert: Sollten sie die professionellen Standards der Objektivität und Unparteilichkeit wahren oder sich zur Unterstützung des Staates „hinter der Flagge versammeln“?

Viele entschieden sich für Letzteres und in den US-Redaktionen herrschte eine starke patriotische Stimmung. Journalisten und Nachrichtensprecher trugen Anstecker mit Sternen und Streifen, während TV-Sender Slogans wie „America Under Attack“ für ihre Abendnachrichten übernahmen.

Foto: DoD photo/http://www.defenselink.mil/photos/newsphoto.aspx?newsphotoid=9338, Public Domain, Link

Der erfahrene Sprecher Dan Rather brachte diesen vaterländischen Ton in einem emotionalen Interview mit dem Late-Night-Moderator Letterman auf den Punkt: „George Bush ist der Präsident, er trifft die Entscheidungen … wo auch immer er will, dass ich mich einreihe, sag mir einfach, wo.“

In einer Ansprache wenige Tage nach den Anschlägen legte Bush das Narrativ fest, die einen Großteil der folgenden Jahre prägen sollte: „Uns ist großer Schaden zugefügt worden. Wir haben große Verluste erlitten. Und in unserer Trauer und Wut haben wir unsere Mission und unseren Moment gefunden. Freiheit und Angst stehen im Krieg gegeneinander. Der Fortschritt der menschlichen Freiheit – die große Errungenschaft unserer Zeit und die große Hoffnung aller Zeiten – hängt nun von uns ab. Unsere Nation – diese Generation – wird eine dunkle Bedrohung durch Gewalt von unserem Volk und unserer Zukunft abwenden.“

Anstatt als kritische Stellen zu fungieren, haben Redaktionen diese Narrative vielmehr übernommen. Unzählige Studien zeigten, wie sich Journalisten in der Darstellung an die Regierung anpassten, als sie in ihrer medialen Vermittlung zunehmend Begriffe wie „Krieg“, „Terror“ und „Freiheit“ verwendeten.

Dies ist ein Beispiel für das, was Medienwissenschaftler als „Re-Institutionalisierung“ bezeichnet haben. Dabei übernimmt eine kleine Gruppe politischer Quellen nach einer Krise die Kontrolle über die Erzählung und zwingt den Medien ihre Interpretation auf.

Eine solche patriotische Berichterstattung beschränkte sich nicht auf die USA. Andere Medien im Vereinigten Königreich, in Spanien und in Deutschland übernahmen auffallend ähnliche Berichterstattungsmuster.

Foto: Dan Doane Jr., SIPA Presse | Lizenz: Public Domain Mark 1.0

Ein Thema, das internationale Quellen durchzog, war die Verknüpfung zwischen Islam und Terrorismus. In den Jahren nach dem 11. September 2001 erhielten Anschläge in den USA angeblich 357 % mehr Aufmerksamkeit in den Nachrichten, wenn der Täter als Muslim identifiziert wurde.

Und das obwohl Attacken von Rechtsextremisten in den USA zumindest seit 2001 weitaus häufiger vorkamen. Ähnliche Muster zeigten sich im Vereinigten Königreich und in Europa.

Die Berichterstattung über den 11. September ist ein Paradebeispiel dafür, wie Mainstreammedien unbeabsichtigt ihren eigenen Niedergang herbeiführen können.

Indem sie grundlegende journalistische Normen zugunsten eines patriotischen Konsenses sowie von oben verordneter, panischer Narrative außer Acht ließen, trugen die Nachrichtenquellen dazu bei, die öffentliche Skepsis hinsichtlich der Hintergründe der Terroranschläge in tiefsitzenden Zynismus umzuwandeln.

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25 Jahre 9/11: Chaos, Hass und Vergeltung – bis heute

25 Jahre 9/11 Chaos

25 Jahre nach 9/11 zieht der „Krieg gegen den Terror“ eine bittere Bilanz: Chaos in zerstörten Staaten, Hass zwischen Gesellschaften und eine Spirale der Vergeltung. Der Terror ist geschwächt, aber nicht besiegt – die Folgen prägen Politik und Weltordnung bis heute.

(KNA/IZ). Der „War on Terror“ sollte die Welt sicherer machen. Stattdessen hinterließ er zerstörte Staaten, Millionen Opfer und tiefe Zweifel an der moralischen Glaubwürdigkeit des Westens. Der Terror selbst ist nicht besiegt.

Neun Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 proklamierte US-Präsident George W. Bush vor dem Kongress den „globalen Krieg gegen den Terror“. An der künftigen Weltordnung ließ der Texaner keinen Zweifel: „Jede Nation, in jeder Region der Welt, hat eine Entscheidung zu treffen: Entweder sind sie auf unserer Seite, oder sie sind auf der Seite der Terroristen.“

Seit 25 Jahren führt die Supermacht USA, unterstützt von Verbündeten, den „Global War on Terror“ nach der simplen Logik „Freund gegen Feind“. Teils als asymmetrischen Krieg neuen Typs gegen reine Terrororganisationen wie Al-Qaida oder den „IS“ und deren weltweite Ableger, teils gegen halbstaatliche Akteure wie Hamas und Hisbollah, die Anschläge zu taktischen Zwecken verüben, teils auch gegen ganze Staaten, denen Terror-Unterstützung vorgeworfen wurde.

Foto: US-DoD/gemeinfrei | Lizenz: gemeinfrei

Washington führte diesen Krieg mit Armeen und Flugzeugträgern, mit Spezialeinheiten und Drohnen, mit Cyber-Spionage und massenhafter Datenüberwachung auch im eigenen Land – und oft unter Verletzung völkerrechtlicher und menschenrechtlicher Standards. 

Währenddessen verübten terroristische Gruppen weiter furchtbare Anschläge mit Hunderten Toten, auch in Europa: 2004 Madrid, 2005 London, 2015 Paris, 2016 Berlin sind nur die bekanntesten.

Zum Synonym dieses Krieges wurde das Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba. Dort sperrten die USA Hunderte Terrorverdächtige als „ungesetzliche Kombattanten“ oft über Jahrzehnte ohne Anklage ein, teils bis heute.

Berichte über systematische Misshandlungen und sogenannte erweiterte Verhörmethoden wie das Waterboarding, die auch in geheimen CIA-Gefängnissen weltweit, sogar in europäischen Ländern, praktiziert wurden, beschädigten die moralische Glaubwürdigkeit des Westens nachhaltig.

Wiederholt kritisierten Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch außergerichtliche Tötungen, Straffreiheit und Entführungen von Verdächtigen sowie die Zusammenarbeit der USA mit autoritären Staaten wie Ägypten oder Pakistan, wo Folter und Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind.

Foto: US-Navy/Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

Zudem forderten vermeintlich präzise Drohnenangriffe, die unter Bushs Nachfolger Barak Obama zunahmen, wohl Tausende Opfer unter der Zivilbevölkerung – von Somalia und Jemen bis Afghanistan und Pakistan.

Geopolitisch gilt der „War on Terror“ nach einem Vierteljahrhundert vielen Analysten als gescheitert. Der Islam- und Politikwissenschaftler Ronald Ofteringer beschreibt die US-Kampagne in seinem soeben erschienenen Buch „Die Welt in Trümmern“ schlüssig als eine Spirale aus Gewalt und Vergeltung. Sie führte zur Erosion der internationalen Ordnung und stürzte weite Teile des Nahen und Mittleren Ostens ins Chaos.

In Afghanistan zerschlugen US-Truppen 2001/2 zwar die Basis von Al-Qaida, vertrieben die Taliban von der Macht und starteten, auch unter deutscher Beteiligung, den längsten Militäreinsatz ihrer Geschichte. Doch 20 Jahre später endete das „Nation Building“ im chaotischen Abzug der westlichen Truppen und dem Rückfall des Landes unter die Taliban-Herrschaft.

Noch folgenschwerer war der völkerrechtswidrige Irak-Krieg, den die USA 2003 unter konstruierten Behauptungen anzettelten, Diktator Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen und arbeite mit den Terroristen zusammen. Aus den Trümmern des zerschlagenen irakischen Staates entstand die brutalste Terrorgruppe der Moderne: „Islamische Staat“ (IS) – so die Selbstbezeichnung.

Im Zuge des syrischen Bürgerkriegs ab 2011 breitete sich der IS rasant aus und errichtete ein grenzübergreifendes „Kalifat“ des Schreckens. Zwar wurden die Terroristen von einer US-Koalition besiegt.

Als letzte Glieder in der Kette moralisch zweifelhafter Antiterrorkriege sieht Ofteringer den Krieg Israels im Gazastreifen nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 sowie den amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran.

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Foto: Anas-Mohamed, Shutterstock

Das „Costs of War Project der Brown University“ schätzte für die Feldzüge und Anti-Terror-Operationen der USA von 2001 bis 2023 allein 940.000 direkte Kriegstote und Kosten von etwa 8 Billionen US-Dollar. Hinzu kommen Millionen Vertriebene, von denen viele nach Europa flohen. Damit trug der „War on Terror“ erheblich zur polarisierenden Migrationsdebatte und zum Aufstieg rechtspopulistischer Strömungen in den hiesigen Gesellschaften bei.

Auch wenn US-Kommandotruppen Osama bin Laden, den einstigen Chef von Al-Qaida, 2011 in Pakistan töteten, seine Terrororganisation wie auch den „IS“ militärisch weitgehend zurückdrängten, prägt der Terror weiter das 21. Jahrhundert. Nach Ansicht vieler Experten ist er heute nur dezentralisierter und noch unberechenbarer.

Insbesondere der IS setzt zunehmend auf die Mobilisierung von Einzeltätern, gerade in Europa. Zugleich hat der „War on Terror“ das Verhältnis zwischen dem Westen und der muslimischen Welt nachhaltig belastet. Bushs frühe Rede von einem „Kreuzzug“ verstärkte ebenso wie Folter, zivile Opfer und die Kriege im Nahen Osten den Eindruck einer Kampagne gegen den Islam. Das trug zur Radikalisierung und zum Hass auf den Westen bei.

Neue terroristische Netzwerke haben sich vor allem in der Sahelzone ausgebreitet, vielfach angetrieben und überlagert von lokalen Konflikten und Armut. Der Terrorismus ist damit 25 Jahre nach Beginn des „Global War on Terror“ zwar verändert, aber keineswegs besiegt.

Open Source vs. Stratfor: Die Veröffentlichung von Firmen-Emails durch Wikileaks erlaubt einen Blick hinter die Kulissen. Von Sulaiman Wilms

(iz). Meine erste, wohl eher unbewusste Begegnung mit Philosophie war mein Biologielehrer in der 7. Klasse. Er erklärte uns, dass jedes Wissen von der Welt – inklusive der vermeintlich objektiven Wissen­schaften – von unserem Weltbild abhän­gig sei.

In den Zeiten, als die Welt der ­meisten Menschen (mit Ausnahme einiger Abenteurer) aus dem bestand, was sie selbst erlebten, speiste sich ihr Weltbild aus ihrer direkten Anschauung. Heute ist die direkte Erfahrung einer globalisierten Welt und unser Bild von ihr in den aller­meisten Fällen voneinander getrennt. Eine bekannte Ausnahme dazu stellt wohl der Tourismus dar. Für den Rest benötigt die Mehrheit aller Menschen, die nicht aus beruflichen Gründen oder auf der Suche nach Wissen unterwegs ist, die verschiedensten Medien zur Vermittlung ihres Weltbildes.

Je größer die Komplexität der Welt ­(eines ihrer wichtigsten Elemente sind heute die unterscheidungslosen Weiten des Internets) wird, desto schwieriger wird in ihr die Aneignung echten ­Wissens und direkter Erfahrung. Vor allem dann, wenn die Weisheit offenbarter Religion aus dem öffentlichen Diskurs gedrängt wird.

Meinung versus Information
Für uns mediale Normalverbraucher hat das in der Regel keine gravierende Auswirkungen, da wir (eine der Ironien unserer durch-säkularisierten Welt) bei Schicksalsfragen immer häufiger auf die säkulare Glaubensform der „Meinung“ zurückgreifen (der Glaube an die Stabili­tät einer irrationalen Währung, an die vom Menschen gemachte Klimaerwärmung, an Vorstellungen vom globalen Kampf „Gut“ gegen „Böse“ etc.). Ein Autor der „Tageszeitung“ sprach vor ­einiger Zeit davon, dass wir in einer Welt leben, die von „Meinungen“ diktiert sei.

Moderne „Entscheidungsträger“ wie Politiker, Denkfabriken, institutionelle Investoren und internationale Unternehmen sind auf korrekte ­Informationen und mittel- bis langfristige Analysen angewiesen. Mit den vergleichsweise oberflächlichen Erzeugnissen der Tagespresse, die darüber hinaus seit Jahren einem stetigen Qualitätsverlust unterworfen sind, oder digitalen Informationsschnipp­­seln lassen sich weder außenpolitische Strategien, noch langfristige Auslandsinvestitionen planen. Soviel ist klar: Im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sind Informationen zu einem Gut geworden, dass nicht nur einen realen Wert besitzt, sondern aus dem sich auch Kapital schlagen lässt.

Der Einfluss der Privaten
Es sind schon längst nicht mehr nur staatliche Einrichtungen, die ein Mono­pol auf nicht-öffentliche, gelegentlich geheime Informationen haben. Seit 1989 ist das globale Gewerbe der Informations­beschaffung, auf dem auch die Geheimdienste arbeiten, einem rasanten Wandel unterworfen. Experten gehen davon aus, dass in den USA (für andere Regionen kann eine ähnliche Entwicklung vorausgesetzt werden) mittlerweile die Hälfte aller staatlichen Mittel für die Informationssammlung, -auswertung und -manipulation an Privatunternehmen gehen. Parallel dazu wurden – der Irakkrieg und die folgende Okkupation sind ein Musterbeispiel – militärische Strukturen und Dienstleistung an Privatfirmen (Halliburton, Blackwater/Academi etc.) „outgesourct“. Experten sprechen von diesen Söldnerfirmen mittlerweile als einer Form der „Privatisierung des Krieges“.

Von privaten Verhörexperten im iraki­schen Foltergefängnis Abu Ghraib, über US-Firmen, die im Auftrage des US-Heimatschutzes in Windeseile Millionen Emails analysieren bis zur Observierung unliebsamer Gewerkschafter: Längst ist eine Welt privatisierter Geheimdienste entstanden. Diesem Bereich der Informa­tionsbeschaffung und Strategieberatung zuzuordnen sind auch unzählige, international agierende Denkfabriken. ­Einige Beispiele hierfür sind die RAND Corpo­ration oder Lincoln Group in den USA, Parteistiftungen wie die Heinrich-Böll-Stiftung in Deutschland oder aufstrebende Denkfabriken der wohlhabenden Staaten am Golf oder in Ostasien. Sie beraten die Politik, sind aber auch an der Beeinflussung globaler Meinungstrends beteiligt.

So mag ein Blick auf die internationa­len Publikationen und Symposien ­dieser Denkfabriken erklären helfen, warum in den letzten 10 bis 15 Jahren in allen westlichen Ländern die beinahe deckungsgleiche Islamdebatte ausgebrochen ist. Diese strategischen Think Tanks vernet­zen und koordinieren Strategien und definieren einprägsame Schlagworte, die dann über massenkompatiblen Medien verbreitet werden. Leider wird, insbeson­dere im deutschen Diskurs, viel zu ­selten auf den Einfluss derartiger Strukturen verwiesen. Als Fußvolk dienen ihnen gelegentlich auch vermeintliche Islam- und Terrorexperten, die sich des Öfteren in dem Dunstkreis aus privatisierten Geheimdiensten, Denkfabriken und Medien bewegen.

Die Welt von Stratfor
Die dritte Säule des privaten Informationswesens bilden die mehr oder weniger kleinen, aber exklusiven Informationsdienstleister. Sie verdienen ihr Geld entweder mit Recherchen für hochkarätige Auftraggeber aus Privatwirtschaft, Militär und Politiker. Andere generieren ihr Einkommen durch kostenpflichtige Newsletter über strategische oder regionale Themen. Das beste, weil nun öffentlich zugängliche Beispiel dafür ist der Informationsdienst Stratfor Forecasting Inc. (kurz: Stratfor), der beide Dienstleis­tungen in seinem Portfolio vereint.

Das 1996 vom Pub­lizisten George Friedman in Austin gegründete Unternehmen beschäftigt eine ganze Reihe ehemaliger Mitarbeiter aus US-Geheimdiensten und dem FBI. Am 27. Februar rückte es für einen kurzen Moment in das Blickfeld einer ­breiteren Öffentlichkeit, als die Informationsplattform Wikileaks – in Kooperation mit internationalen Medienpartnern wie dem NDR – die Webseite „The Global Intelligence Files“ startete.

Auf ihr sollen rund fünf Millionen interne Emails – vom Juli 2004 bis Ende Dezember 2011 – der privaten Schnüffler veröffentlicht werden. Gestohlen wurden die Daten von der internationalen Hackergruppe Anonymous. Laut Wikileaks offenbarten diese Emails „die inne­re Funktionsweise einer Firma, die sich als ein Herausgeber von Informationen ausgibt, aber vertrauliche Spionagediens­te für große Unternehmen (…) wie Dow Chemical Co., Lockheed Martin, Northrop Grumman, Raytheon und Regierungseinrichtungen (…) bereitstellt.“

Nach Ansicht von Wikileaks belegt die interne Stratfor-Kommunikation, wie private Geheimdienste funktionieren und wie sie Individuen und Gruppen im ­Auftrage ihrer Kunden und Abonnenten „abschöpfen“. So habe der CIA-Verschnitt im Auftrage des Chemieriesen Dow ­Chemical (der für die Katastrophe im indischen Bhopal verantwortlich ist) Aktivis­ten wie die „Yes Men“ überwacht und analysiert. Für Coca Cola observierte Stratfor die Tierschutzorganisation PETA.

„Die Emails stellen die ‘Drehtür’ bloß, wie sie in den privaten Geheimdienstfirmen in den Vereinigten Staaten operiert. Quellen aus Regierung und Diplo­matie in aller Welt liefern Stratfor hochwertiges Wissen über globale Politik und Ereignisse im Austausch gegen Geld. (…) Stratfor rekrutierte ein globales Netzwerk von Informanten, die über Schweizer Banken oder vorab bezahlte Kreditkarten entlohnt werden.“ Die so genannten „Quellen“, für die Stratfor-CEO Friedman ein System der Kategorisierung eingeführt hat, werden nicht nur gegen Bezahlung entlohnt. Manchmal müsse auch „Kontrolle“ eingesetzt werden. „Kontrol­le bedeutet finanzielle, sexuelle oder psychologische Kontrolle“, schrieb ­Friedman am 6.12.2011 an seine Analystin Reva Bhalla.

Trotz personeller oder ideologischer Überschneidungen mit der US-Regierungspolitik, so Wikileaks, operierten Stratfor und vergleichbare Firmen vollkommen im Geheimen und ohne politische Aufsicht oder Rechenschaftspflicht. „Stratfor behauptet, dass es ‘ohne Ideolo­gie, Agenda oder nationales Vorurteil’ arbeitet. Und doch belegen die Emails, wie sich die privaten Geheimdienstange­stellten eng mit der Politik der US-Regierung verbinden und Hinweise an den Mossad geben“, verlautberte Wikileaks in einer Erklärung, die am Tag des Launches seiner Seite über Stratfor verbreitet wurde.

Beunruhigt zeigte sich Wikileaks, das seit Längerem eine beidseitige Intimfeindschaft mit Stratfor verbindet, auch über Stratfors „Bündnisprogramm“ mit verschiedenen Medienhäusern. Es sei für Journalisten durchaus akzeptabel, Infor­mationen zu tauschen oder von ­anderen Medien bezahlt zu werden. Aber Stratfor sei ein privater Geheimdienst, der im Dienste von Regierungen und Privatkun­den steht. Derartige Beziehungen hätten einen korrumpierenden Einfluss auf die beteiligten Medien.

Strafor-CEO Friedman sah die Wikileaks-Aktion verständlicherweise anders. In einer Nachricht an seine Kunden beschrieb er die Veröffentlichung der inter­nen Kommunikation als „verabscheuungswürdigen, unseligen – und ­illegalen – Bruch der Privatsphäre. (…) Die Veröf­fentlichung der Emails ist ein direkter Angriff auf Stratfor.“ Stratfor widerspricht auch seiner Außenwahrnehmung als privater Geheimdienst. In einer Einführung findet sich: „Stratfor arbeitet im Verlags­wesen und verlegt ein einziges Produkt: unseren online-Intelligence-Service. Stratfor konzentriert sich auf ein einziges Thema: internationale Beziehungen. Es arbeitet mit Geheimdienstinformationen anstatt mit journalistischen Methoden, um Informationen zu sammeln, und benutzt die Geopolitik als analytisches Modell, um die Welt zu verstehen.“

Grundfragen
Wie in anderen Fällen erlebte auch dieses Thema nur einen Nachrichtenzyklus und verschwand wieder aus den Schlagzeilen. Das individuelle Unternehmen Stratfor wurde kurz skandalisiert – der Dunstkreis um Denkfabriken, Medien und Geheimdiensten aber scheint in Deutschland nicht von vorrangigem Interesse zu sein.

Dabei sind Stratfors Analysen gehaltvoller und sachlicher als das, was „Spiegel“, „Die Welt“, „Taz“ & Co. bei strategischen und geopolitischen Themen zu bieten haben. Das Team um George Friedman ist sich beispielsweise zu Schade, vom iranischen Präsidenten als dem „Irren von Teheran“ zu sprechen. Trotz Überschneidungen mit den Neocons findet sich in Stratfor keine Panikmache, sondern nüchterne Analyse. Und während manche „Edelfeder“ unter Deutschlands Chefredakteuren von Präventivangriffen gegen Teheran und einem „Befreiungskrieg“ in Syrien träumt, schlagen die Analysen aus dem Hause Friedman und die – unfreiwilligen – Veröffentlichungen seiner Emails andere Töne an.

Hinterfragt werden muss hingegen das generelle Verhältnis zwischen unabhängige, Investigativ-Journalismus (dem Ideal) und real existierenden Überschneidungen zwischen einer zeitgenössischen Medien- und Meinungsindustrie einerseits und den privatisierten Geheimdiens­ten andererseits. Wie die Liste der Wikileaks-Kooperationspartner zeigt, ist ein derartiger Verfall durchaus real. Und es sind eben jene Medien, die unser Bild vom Rest der Welt mitprägen.

Ein Jahrzehnt der Rechtsbeugung

(iz). Kein anderer US-amerikanischer Politiker seit Jimmy Carter macht eine so tragik-komische Figur wie Barack Obama. Während niemand Erwartungen an seinen Vorgänger ­hegte, trat der, an der Finanzkrise scheiternde De­mokrat […]

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Politische Analyse: Das Enthüllungsnetzwerk Wikileaks und die postmodernen Grenzbewohner des digitalen Zeitalters. Von Parvez Asad Sheikh

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