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Die Krimtataren: Islam ist eine Facette ihres Widerstands

Krimtataren

Der Islam ist eine Facette des krimtatarischen Widerstands gegen Assimilationsdruck und Repression, damit jedoch auch ein Grund für Verfolgung unter russischer Besatzung.

(iz). Einerseits stärken Krimtataren auf der Halbinsel selbst ihre Resilienz dank ihres Glaubens und ihrer Kultur, andererseits ist diese Strategie auch zum Forschungsthema avanciert: Ein Buch, ein neues Wissenschaftsprojekt und eine Cross-Media-Tournee thematisieren auch diese Facette krimtatarischen Widerstandes.

Angesichts von Annexion, Krieg und Repression sämtlicher öffentlicher Widerstandsressourcen beraubt, ist für viele Muslime der Krim der Islam ein fester Marker im Koordinatensystem ihrer biografischen Landschaften.

Auf der russisch okkupierten Halbinsel Krim werden auch krimtatarische Männer im wehrfähigen Alter zum Dienst in der russischen Armee eingezogen und somit gegen ihre eigentlichen Landsleute in der ukrainischen Armee in den Krieg geschickt.

Um diesem Desaster zu entgehen, aber auch vor Repression und Besatzungsalltag, flüchteten circa 40.000 Krimtataren aus ihrer Heimat in die Festland-Ukraine, in die Türkei, nach Europa und Amerika.

Foto: Sasha Maksymenko, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Für die Krim selbst meldete die NGO Crimean Tatar Resource Center (CTRC) mit Sitz in Kiew für Januar bis September 2025 über 100 Festnahmen und rund 180 Verhaftungen auf der Halbinsel; zugleich nahmen Verfahren wegen „Staatsverrats“ sowie wegen „Diskreditierung der russischen Armee“ zu. 

Demnach hält Russland – Stand Oktober 2025 – 220 Menschen von der Krim widerrechtlich aus ethnischen, religiösen und politischen Gründen gefangen. Davon sind 133, also mehr als die Hälfte, Krimtataren, darunter immer mehr Frauen.

Laut der Human Rights House Foundation dokumentierte die Crimean Human Rights Group (CHRG) bis Mitte 2025 bereits mindestens 284 politisch motiviert inhaftierte Zivilist*innen aus der Krim; mindestens 109 davon sind im sogenannten „Case of Crimean Muslims“ angeklagt. Diese Zahl zeigt eine weitere Verschärfung gegenüber den Vorjahren.

Sarah Reinke, Geschäftsführerin der Gesellschaft für bedrohte Völker und ausgewiesene Osteuropa-Expertin, konstatiert, dass Krimtataren explizit auch als Muslime verfolgt werden. Die religiöse Erziehung wird immer wieder behindert.

Bei Hausdurchsuchungen durch den russischen Geheimdienst, FSB, liegt der Fokus vor allem auf religiös-islamischer Literatur, und muslimische Gefangene werden aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit gezielt schikaniert. In Gefängnissen wurden Koranexemplare in arabischer Sprache beschlagnahmt.

Ein Besatzungsgericht auf der Krim schloss die unabhängige islamische Schule im Bezirk Simferopol. Muslime im Gefängnis Abakan CF-33 durften während des Fastenmonats Ramadan nicht vor Sonnenaufgang frühstücken und nach Sonnenuntergang fastenbrechen. Das mache ihnen das Befolgen des Ramadans unmöglich.

Die jüngsten Fälle von Inhaftierung und Verurteilung machten die unfassbare Atmosphäre der Angst und Repression anschaulich, so die Menschenrechtlerin Reinke: Vier Musliminnen wurden zu langen Haftstrafen verurteilt.

„Morgens gegen vier Uhr stürmten Beamte des russischen Geheimdienstes, FSB, mehrere Häuser und führten Razzien durch. Sie verhafteten vier junge krimtatarische Frauen. Wir sind in größter Sorge um sie. Es handelt sich um gezielte politisch motivierte Festnahmen von Angehörigen des indigenen Volks der Krimtataren.“ 

Die krimtatarische Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Elmira Muratova (European Center for Migration Issues, Flensburg) untersuchte in den vergangenen Monaten die Rolle des kollektiven Gedächtnisses der Krimtataren in Bezug auf die erste Annexion der Krim 1783 und die Deportation im Jahr 1944 bei der Entwicklung ihrer heutigen Bewältigungsstrategien auf der besetzten Krim.

Muratova identifizierte in ihrer Analyse „Kollektives Gedächtnis, Islam und Bewältigungsstrategien der Krimtataren auf der besetzten Krim“ drei verschiedene Bewältigungsstrategien, die von säkularen und religiösen Gruppen innerhalb der krimtatarischen Gemeinschaft entwickelt wurden und die sich alle um drei Schlüsselinstitutionen gruppieren: Crimean Solidarity, Qaradeñiz Production und die geistige Administration der Krim-Muslime.

Die NGO „Crimean Solidarity“ organisierte sich vor allem aus den Zusammenhängen der ehemaligen Hizb ut-Tahrir, einer kleineren Bewegung unter den Krimtataren, die organisch nicht mit den Parteien in Nahost zusammenhängt.

Die russischen Behörden stellen demnach die Verfolgung von Muslimen als eine Maßnahme zur Terrorismusbekämpfung dar. Die muslimischen Aktivisten der Crimean Solidarity wollen dem russischen Narrativ entgegentreten, dass die krimtatarische Hizb ut-Tahrir als Terroristen abstempelt, und stellen die Verfolgung dieser Gruppe als politisch motiviert dar, die sich gegen die gesamte krimtatarische Gemeinschaft richtet.

Der „Hanife-Şefiqa-Sabriye-Preis für deutsch-krimtatarische Kulturdiplomatie und Publizistik“ ausgelobt von einem krimtatarisch-deutschen NGO-Bündnis (u.a. Gesellschaft für Osteuropa-Förderung + ICATAT) ging diesjährig ertmals an die Cross-Media-Aktivistin Elnara Nuriieva-Letova (hier im Bild mit der krimtatarischen Sängerin Lenara Osmanova im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin, 20.11.2025, Foto: ©ICATAT / Mehmed-Ali-Pascha-Archiv)

Für die Mehrheit der auf der Krim verbliebenen Krimtataren stellt der Islam im Alltag aus Repression und Assimilationsdruck einen identitären Anker dar.

Um dieses Segment der krimtatarischen Identität und Solidarität ginge es sowohl im kürzlich erschienen Buch „Die Krimtataren. Geschichte. Kultur. Politik“ als auch auf der kürzlich beendeten „Cross-Media-Tournee“ mit zwei Dutzend krimtatarischen, deutschen und österreichischen Künstlern, Akademikern und Menschenrechtlern.

Abhebend auf dieses Experten-Netzwerk begann im November ein neues Forschungsprojekt des Instituts für Caucasica-Tatarica- und Turkestan-Studien in Kooperation mit dem Ukrainischen Institut Kiew mit einer Bestandsaufnahme krimtatarischen religiösen und kulturellen Erbes. Qua Digitalisierung, Übersetzung und Katalogisierung im Projekt „AVDET // QAYTARMA. German-Crimean Tatar Cultural Heritage in the Context of Decolonisation, Exile, and Empowerment“ solle angesichts von Repression und Zerstörung explizit auch die islamische Facette des Erbes der Krimtataren gesichert werden.

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Schönheit von Glauben, Kunst und Freiheit

Glaube

Glaube, Kunst und Freiheit: Das krimtatarische Erbe ist mehr als bloße materielle Vergangenheit.

(iz). Mit über 1.100 Artefakten beherbergt das Museum Europäischer Kulturen (MEK) in Berlin die größte Sammlung krimtatarischer Kunst und Kultur außerhalb der Krim. Angesichts von Annexion, Krieg und Flucht und sämtlicher kultureller Heimatressourcen beraubt, ist für viele Geflüchtete von der Krim der Islam ein fester Marker im Koordinatensystem ihrer biografischen Landschaften geblieben.

Wie die Objekte in Berlin dies spiegeln und eine kulturdiplomatische Brücke schlagen können zwischen derzeit annektierter Halbinsel und der Hoffnung auf Freiheit soll ein Gemeinschaftsprojekt veranschaulichen.

Weder die krimtatarische Sammlung in Sankt Petersburg noch die Museen auf der russländisch okkupierten Krim sind für krimtatarische Exilant*innen und ausländische Wissenschaftler*innen zugänglich und nutzbar.

Umso größer ist die Bedeutung der Berliner Sammlungen für Akademiker*innen, Künstler*innen und Menschenrechtler von der Krim, aus der Ukraine und Deutschland, die deshalb derzeit ein Langzeitprojekt gemeinsam entwickeln, worin zum Ausdruck kommen soll, wie Kulturartefakte interdisziplinär und crossmedial eine Brücke sein können einerseits vom gestern bis in die Zukunft und andererseits zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Kunstszene.

Im Begleitprogramm parallel zur geplanten Ausstellung werden Film, Theater, Literatur und Performance mit traditionellen Kunsthandwerkstechniken der Krimtatar*innen zusammentreffen.

Im Depot des Museums Europäischer Kulturen am Fundus von über 600 krimtatarischen Kulturartefakten: Dr. Matthias Thaden (Wissenschaftler am MEK), Elnara Nuriieva-Letova (CrossMedia-Expertin, Crimea_VOX/CEMAAT), Dr. Mieste Hotopp-Riecke (Direktor ICATAT, Magdeburg). Foto: Mit freundlicher Genehmigung Museum Europäischer Kulturen / Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin

Ihsan und Dekolonisierung

Im Kontext dieser mannigfaltigen Aktivitäten auf dem Wege zu Ausstellung, mehrsprachigem Katalog und Begleitprogramm stellen die Museumsobjekte lediglich die Matrix dar, auf deren Basis ganze Fächer an Themen bearbeitet und diskutiert werden. Bereits im Zuge der Antragstellungen und Vorbereitungstreffen geht es dabei um Themen wie Dekolonisierung, hybride Kriegsführung und Dekonstruktion althergebrachter Denkmuster. 

Wenn eine deutsche Kulturstiftung eine Förderung ablehnt, weil sie nur Kunstprojekte fördert, kann gefragt werden, wer hier die Definitionshoheit hat. Die Ölgemälde, die Messing-, Gold-, Silber-, Keramik- und Holz-Objekte, die Korane und Kostüme, Stoff-, Strass- und Lederwerke spiegeln die krimtatarische Alltagskunst wider, ja.

Doch genau hier kommt der Begriff Ihsan zum Tragen: Die „Schönheit im Handeln“, die Verschönerung oder Veredelung, sei es im Handwerk, in der Kunst oder in der Ausübung von Pflichten. Im islamischen Kontext beschreibt Ihsan eine Haltung der Aufrichtigkeit und des guten Handelns, sowohl gegenüber Gott als auch gegenüber Mitmenschen und dies zeigen eben auch profane Alltags-Utensilien wie filigran bearbeitete Geschirrtuchhalter oder Kopftücher (Marama) in krimtatarischer Sticktechnik aufwendig verziert: Augenschmeichelei und Schönheit als Ihsan im Alltag im Einklang von Wahrhaftigkeit im Glauben und im Handeln, auch als Mittel der Resilienz und Selbstbehauptung.

Wer also aus eurozentristischer Perspektive kategorisiert, was förderungswürdige Kunstprojekte sind und was lediglich Handwerk darstellt, ignoriert die krimtatarische Perspektive des Ihsan und setzt sich mitten hinein in einen Postkolonialismus-Diskurs, der unter russischen, ukrainischen, krimtatarischen und deutschen Intellektuellen seit einiger Zeit Raum greift.

Krimtatarische Messingschale, 19. Jahrhundert, MEK Berlin. (Foto: Mit freundlicher Genehmigung Museum Europäischer Kulturen / Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin)

Ebenfalls in den Dekolonisierungskontext gehört die Arbeit von Nara Narimanova. Die junge Krimtatarin erforscht an der Universität Ottawa Umbenennungen und ursprüngliche Toponymie der Krimtataren. Denn nach der ersten Annexion der Halbinsel 1783 sowie unter Sowjet- und Putin-Imperialismus wurden hunderte krimtatarischer Dörfer und Städte umbenannt, durch Russifizierung auch ihrer Identitätsstiftung für die Krimtataren beraubt.

Um im Dreiklang von Ausstellung, Katalog und Begleitprogramm die Perspektiven-Vielfalt einzubeziehen werden dutzende krimtatarische, türkische und ukrainische Künstler*innen und Akademiker*innen einbezogen, etwa die CrossMedia-Aktivistin Elnara Nuriieva-Letova und die Macher*innen der Ausstellung „Miras“ (Erbe) am Nationalmuseum für Geschichte der Ukraine, Dr. Oleksii Savchenko und Esma Adzhieva, Leiterin von „Alem“ (Universum), einer krimtatarischen NGO zum Schutz von Kulturgut.

Ebenfalls involviert ist Dr. Mykhaylo Yakubovych. „Koran- und Tefsir-Ausgaben von der Krim, wie die Exemplare des Museums Europäischer Kulturen eingebettet in Kunst und Alltagskultur der Krimtataren sind einzigartige Zeugnisse kulturellen Erbes des Vielvölkerstaates Ukraine. Sie im Rahmen eines Ausstellungsprojektes zugänglich zu machen und zu erforschen, ist gerade in Zeiten des Krieges, der Vertreibung und des Exils ein Zeichen der Hoffnung, des Friedens und der akademischen Solidarität“, so der ukrainische Qur’anexperte der Universität Freiburg.

So hilft ein internationales Netz von Engagierten aus Akademie, freier Kunstszene und dem MEK in Berlin, das reiche krimtatarische Kulturerbe nutzbar zu machen, digital weltweit und als Chance für professionelle Partizipation für nächste Generationen physisch vor Ort.

Noch klarer fasst es Prof. Dr. Elisabeth Tietmeyer, Direktorin des Museums, zusammen: „Wer die Krim verstehen will, muss die Geschichte der Krimtatar*innen erzählen. Ihre lange überhörte Stimme ist entscheidend – für eine ehrliche Aufarbeitung der Geschichte und eine Zukunft der Halbinsel in Freiheit und Demokratie.“

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Krim: Russland wegen Menschenrechtsverstößen verurteilt

krim

Seit der Besetzung der Krim 2014 missachtet Moskau systematisch internationale Rechte, um seine Macht durchzusetzen: Zu diesem Urteil kommt der Menschenrechtsgerichtshof.

Straßburg (KNA) Russland hat nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zahlreiche Menschenrechtsverletzungen in der besetzten Krim begangen. 

Auf der Krim bricht die russische Besatzung regelmäßig Menschenrechte

In der am Dienstag veröffentlichten Entscheidung stellte die Große Kammer in Straßburg Verstöße unter anderem gegen das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit, faire Gerichtsverfahren, Religions- und Medienfreiheit sowie gegen das Verbot von Misshandlung, willkürlicher Bestrafung und Diskriminierung fest. Nach den vorliegenden Beweisen stehe es außer Zweifel, dass „ein Muster oder System von Verstößen“ vorliege, sagten die Richter.

kurzmeldungen

Foto: Adam Jones, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Russland hatte die Autonome Republik Krim und die Stadt Sewastopol im Frühjahr 2014 völkerrechtswidrig besetzt und annektiert. Der Gerichtshof betonte, die Menschenrechtsverletzungen stünden im Kontext einer vollumfänglichen Anwendung russischen Rechts in der besetzten Krim; auch dies stelle einen Bruch des Völkerrechts dar.

Weiter habe Russland das Strafrecht missbraucht, um die Opposition auf der Krim niederzuschlagen. Nach Auskunft des Gerichts weigerten sich russische Behörden, bei der Untersuchung der Vorwürfe mitzuarbeiten. Die Frage einer Entschädigung ist laut Urteil noch offen.

Auch Imame von der Tyrannei betroffen

Hinsichtlich der Religionsfreiheit fand das Gericht Vorwürfe bestätigt, nach denen Geistliche, die nicht der Linie des Russischen Patriarchats folgten, bedrängt und eingeschüchtert wurden. Dies habe besonders ukrainisch-orthodoxe Priester und muslimische Imame betroffen.

Kirchen seien beschlagnahmt, geschlossen oder gestürmt worden, mehrere Koranschulen durchsucht, eine Moschee angezündet und ein islamischer Friedhof beschädigt. 23 türkischen Imamen und einem katholischen Priester wurde laut Gericht der Aufenthaltsstatus entzogen.

Die Beschwerden vor dem Gerichtshof in Straßburg bezogen sich auf Menschenrechtsverletzungen in der von Russland kontrollierten Autonomen Republik Krim und der Stadt Sewastopol – es ging nicht um die völkerrechtliche Frage der Annexion selbst.

Krimtataren

Foto: Ukrainian Presidential Office

Die Ukraine hatte vor dem Gerichtshof geltend gemacht, Moskau habe im Rahmen seiner Machtausübung zahlreiche Menschenrechtsverstöße in Justiz und Verwaltung begangen und Ukrainer systematisch unterdrückt.

Konkret warf Kiew den russischen Besatzern das Verschwindenlassen von Personen, rechtswidrige Inhaftierungen und Misshandlungen vor. Ukrainische Medien und die ukrainische Sprache seien unterdrückt, Inhaftierte von der Krim in abgelegene Gefängnisse in Russland verlegt worden. Außerdem sei es seit Anfang 2014 zu rechtswidrigem Freiheitsentzug, Verfolgung und Verurteilung von Ukrainern wegen ihrer politischen Haltung gekommen.

Wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine wurde die Russische Föderation am 16. März 2022 aus dem Europarat ausgeschlossen. Dennoch ist der Staat verpflichtet, den Entscheidungen des Straßburger Gerichtshofs zu solchen Menschenrechtsverstößen nachzukommen, die bis zum 16. September 2022 begangen wurden.

Seit 2023 setzte Russland keine Urteile mehr um. Ende 2023 waren 19 zwischenstaatliche Verfahren vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof anhängig, acht davon betrafen Russland.

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Vor 80 Jahren: Ukraine erinnert an Deportation der Krimtataren

Krimtataren

Es war eins der großen sowjetischen Verbrechen: 200.000 Krimtataren wurden 1944 aus ihrer Heimat verschleppt. Doch nun leben sie erneut unter russischer Herrschaft, und die Sorge ist groß.

Kiew (dpa). Die Ukraine gedenkt am Samstag der Deportation der Krimtataren aus ihrer Heimat vor 80 Jahren. Dabei verbindet sich die historische Erinnerung mit der Sorge um die aktuelle Lage der Tataren auf der seit zehn Jahren von Russland annektierten Halbinsel, wie die Krim-Beauftragte des ukrainischen Präsidenten, Tamila Taschewa, vor dem Gedenktag in Kiew sagte.

Die Krimtataren seien nun Opfer einer „hybriden Deportation“, sagte Taschewa. Sie würden nicht wie 1944 in Güterwaggons nach Zentralasien geschickt. Doch Russland tue alles, um den Krimtataren die Möglichkeit zu nehmen, in ihrer Heimat zu leben. „Die Leute sind gezwungen, die Krim um jeden Preis zu verlassen“, sagte auch Refat Tschubarow, der Vorsitzende der krimtatarischen Selbstverwaltung Medschlis.

Bevor die Schwarzmeerhalbinsel Krim 1783 an das Russische Reich fiel, gab es dort das muslimische Khanat der Krimtataren, die eng mit den Türken verwandt sind. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs ließ Sowjetdiktator Josef Stalin von der Halbinsel am 18. Mai 1944 alle Krimtataren verschleppen – etwa 200.000 Menschen.

Stalin warf der Volksgruppe Verrat und Kollaboration mit der deutschen Besatzung vor. Erst in der Auflösung der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre kehrten die Krimtataren auf die mittlerweile ukrainische Halbinsel zurück; ihre Zahl wuchs auf gut eine Viertelmillion Menschen an.

Seit der Annexion der Krim durch Russland 2014 würden die Krimtataren wieder besonders verfolgt, sagte Taschewa. Von 218 bekannten politischen Gefangenen von der Halbinsel seien 132 Krimtataren. Es gebe Hausdurchsuchungen und willkürliche Verhaftungen.

Seit 2014 habe es mehrere Fluchtwellen der Krimtataren aus ihrer Heimat gegeben, zuletzt angesichts der russischen Mobilisierung zum Krieg gegen die Ukraine 2022. Eine Befreiung der Krim sei die einzige Möglichkeit, auch die Rechte der Krimtataren wiederherzustellen, sagte Taschewa.

Die russische Regierung bestreitet eine Verfolgung der Krimtataren. Moskau verweist auf einen großen Moscheebau in der Krim-Hauptstadt Simferopol für die muslimische Bevölkerung. Allerdings sind die schlechte Menschenrechtslage auf der Krim und der Druck auf die Krimtataren durch Berichte der Vereinten Nationen und des Europarates gut belegt.

Bekannte Vertreter der Krimtataren sind die Sängerin Jamala, Siegerin beim Eurovision Song Contest 2016, und der ukrainische Verteidigungsminister Rustem Umjerow.

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Krimtataren: Was zeichnet ihre islamische Perspektive aus?

krimtataren europäisch muslime

Krimtataren: Wie hat sich ihre religiöse Identität unter den schwierigen historischen Umständen des 20. und 21. gebildet? (iz). In einer Online-Diskussion über das Zusammenleben von Ukrainern und Krimtataren stellte eine […]

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Krim: Repression gegen Tataren nimmt zu, der Widerstand auch

krim

Auf der Krim geht die Unterdrückung der muslimischen Tataren weiter. Inzwischen regt sich Widerstand gegen die Besatzer. Exil-Tschetschenen bereiten Tribunal gegen Kadyrow vor.

Kyiv (iz). Die mit der russischen Annexion der Krim 2014 begonnene und mit dem Angriffskrieg 2022 intensivierte Repression gegen die muslimischen Krimtataren geht unvermindert weiter. So wurden am 16. Juni Ansar Osmanow und andere wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Krim: Russische Besatzer setzen Verfolgung fort

Zusammen mit drei weiteren Männern wurde Osmanow am 9. Februar 2022 von den russischen Behörden festgenommen.

Wie Refat Chubarov vom Majlis der Krimtataren berichtete, werden alle krimtatarischen Gefangenen nach Russland deportiert. „Unsere Landsleute, die politischen Gefangenen, werden in sehr abgelegene Regionen Russlands geschickt. Deshalb ist es sehr schwierig, mit ihnen in Kontakt zu treten und ständig Informationen über ihre Situation zu erhalten.

Foto: Below the Sky, Shutterstock

Er wies darauf hin, dass Anwälte, Konsuln und Diplomaten die politischen Gefangenen vor der massiven Invasion besuchen konnten, aber jetzt habe sich die Situation erheblich verschlechtert. Was in den Gefängnissen passiere, könne er am Beispiel des politischen Gefangenen Nariman Dscheljal, des ersten stellvertretenden Vorsitzenden des Mejlis des krimtatarischen Volkes, erklären.

„Für ihn wurde ein Regime eingeführt, in dem er 16 Stunden auf den Beinen sein muss und kein Recht hat, in einer Zelle zu sitzen. Niemand kann erklären, was dieses Regime bedeutet. Das Wichtigste ist, dass man versucht, einen Menschen zu brechen. Das bedeutet maximale Repression, maximale Einschüchterung“, sagt Chubarow.

Osmanow ist nicht der einzige. Am 30. berichtete die „Ukrainska Prawda“, dass die Tatarin Lenija Umerowa bis zum Beginn ihres Prozesses in Untersuchungshaft genommen wurde. Sie sitzt wegen angeblicher Spionage in einem russischen Gefängnis.

Die 25-Jährige hatte am 4. Dezember 2022 versucht, von Kiew aus auf die besetzte Krim zu reisen, um ihren kranken Vater zu besuchen. Russische Sicherheitskräfte nahmen sie nach dem Überqueren der georgisch-russischen Grenze fest, weil sie angeblich gegen die Regeln für die Sperrzone verstoßen hatte.

Foto: spolit.exile, via flickr | Lizenz: CC BY-SA 2.0

Dschemiljew: Zum Widerstand entschlossen

Ukrainische Medien zitierten den Parlamentsabgeordneten und Führer der krimtatarischen Bewegung, Mustafa Dschemiljew, am 20. Juli mit den Worten, rund tausend Krimtataren seien zum bewaffneten Widerstand gegen die Besatzer bereit. 

Bereits heute gibt es rund um die Stadt Melitopol und auf der Krim die Widerstandsbewegung „Atesh“, der auch Tataren angehören. Sie sammelt seit Monaten im Untergrund Informationen über russische Truppen und Stellungen und hat bereits vereinzelt Sabotageakte verübt.

Laut Dschemiljew leiden die Angehörigen seines Volkes am meisten unter der Moskauer Besatzung. „Derzeit sind etwa 1.000 junge Männer bereit, zu den Waffen zu greifen, sobald die ukrainische Armee eintrifft“, zitiert ihn die Webseite LB.ua.

Foto: kremlin.ru, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 4.0

Tschetschenen: Exilregierung bereitet Tribunal gegen Kadyrow vor

Die Exilregierung der tschetschenischen Republik Itschkeria arbeitet an der möglichen Einrichtung eines Sondertribunals gegen den tschetschenischen Staatschef Ramsan Kadyrow wegen der Gründung der extremistischen Einheit Achmat, die in der Ukraine Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat.

Inal Scherip, Mitglied der Exilregierung von Itschkeria, sagte dies in einem Kommentar für Ukrinform. „Wir arbeiten an der Möglichkeit, ein separates Gericht für Ramsan Kadyrow und seine extrem radikale religiöse Sekte Achmat einzurichten“, sagte der Politiker.

Die Exilregierung ist der Ansicht, dass die von der Achmat-Spezialeinheit vertretene Ideologie, die ihre Beteiligung am Krieg gegen die Ukraine und die Ermordung von Ukrainern rechtfertigt, es rechtfertigt, sie als eine extremistische religiöse Sekte zu betrachten, die eine Bedrohung für die Völker des Kaukasus, Europas und der Ukraine darstellt.

Er fügte hinzu, dass er die Idee, ein Sondertribunal für Kadyrow einzurichten, auf Expertenebene in den Vereinigten Staaten vorgestellt und auch mit Mitgliedern der interfraktionellen Gruppe „Für die Entkolonialisierung und den Zerfall des russischen Imperiums“ in der ukrainischen Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament, diskutiert habe.

Achmat ist eine Spezialeinheit der russischen Nationalgarde, die in der Republik Tschetschenien stationiert ist und von Ramsan Kadyrow befehligt wird. Sie war an der russischen Invasion in der Ukraine beteiligt. Die ukrainischen Behörden verdächtigen die Mitglieder und den Kommandeur der Einheit, an der Ermordung von Zivilisten in der Ukraine beteiligt gewesen zu sein.

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Europarat prangert Menschenrechtsverletzungen an Krimtataren an

Krimtataren

Der Europarat prangert Menschenrechtsverletzungen gegen die Krimtataren auf der russisch besetzten Krim an.

Straßburg (dpa). „Die illegale Annexion der Krim durch Russland hat eine tragische Kaskade von Ereignissen und Maßnahmen in Gang gesetzt, die durch schwere und wiederholte Verletzungen der Menschenrechte der Krimtataren gekennzeichnet sind“, sagte die Menschenrechtsbeauftragte des Europarats, Dunja Mijatovic, in Straßburg am Dienstag anlässlich der Veröffentlichung eines Berichts zur Menschenrechtslage dort.

Krimtataren

Foto: ZUMA Press Inc., Alamy

Vor einem Jahr startete Russlands großer Krieg gegen die Ukraine. Aber Einwohner der Krim leben seit neun Jahren unter russischer Besatzung. Während Moskaus ­repressive Politik Menschen aus allen Lebensbereichen betrifft, besteht kein Zweifel darüber, dass die krimtatarische Bevölkerung unverhältnismäßig stark Ziel von Unterdrückung wurde.

Gleb Golod, MEDUZA

Rechte der Krimtataren werden verletzt

Krimtataren werden demnach stigmatisiert, die übrige Bevölkerung der ukrainischen Halbinsel wird gegen sie aufgebracht.

Insbesondere die Krimtataren, die sich gegen die russische Besetzung wehrten oder eine andere Meinung äußerten, seien Verfolgung, Diskriminierung und Stigmatisierung durch die russischen Behörden ausgesetzt. Mijatovic forderte ein Ende aller willkürlichen Verhaftungen und Schikanen und die Durchsetzung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit.

„Die Krimtataren waren im Laufe ihrer bewegten Geschichte einer nicht enden wollenden Reihe von Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt und wurden immer wieder zu Unrecht aus ihrer angestammten Heimat vertrieben. Sie haben genug gelitten. Das Unrecht, das ihnen zugefügt wurde und wird, muss wiedergutgemacht werden“, sagte die Menschenrechtsbeauftragte.

Foto: Adam Jones, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Seit Jahrhunderten auf der Halbinsel

Die Krimtataren leben seit Jahrhunderten auf der Halbinsel im Schwarzen Meer. Große Teile der muslimischen Minderheit, die etwa zu Sowjetzeiten massiven staatlichen Repressionen ausgesetzt war, lehnen auch die jetzigen russischen Machthaber klar ab. Derzeit leben noch rund 254 000 Krimtataren auf der Krim.

Laut der Menschenrechtlerin Afize Karimova (Name auf Wunsch geändert) ist die krimtatarische Haltung gegenüber russischen Behörden „mit dem historischen Gedächtnis verbunden“. Und vor allem an die Massendeportation und Hinrichtung der tatarischen Intelligenz unter dem Stalin-Regime im Jahr 1944. Für sie war die Annexion der Krim 2014 keine Anomalie, sondern Fortsetzung einer jahrhundertelangen Unterdrückung.

Gleb Golod, MEDUZA

Der Europarat mit Sitz im französischen Straßburg ist gemeinsam mit seinem Gerichtshof für die Wahrung der Menschenrechte in den 47 Mitgliedstaaten zuständig. Er ist kein Organ der Europäischen Union.

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Krimtataren haben kein anderes Mutterland

Lage der Krimtatren ist seit 2014 sehr schwierig. Nach 9 Jahren russischer Besatzung hofft eine Mehrheit auf den Sieg der Ukraine. (MEDUZA). Vor einem Jahr startete Russlands großer Krieg gegen […]

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Ukraine: Mehr als 50 Krimtataren auf Halbinsel Krim festgenommen

Krimtataren

Kiew/Moskau (dpa). Auf der von Russland einverleibten Schwarzmeer-Halbinsel Krim sind nach ukrainischen Angaben mehr als 50 Krimtataren festgenommen worden. Sie seien teilweise mit roher Gewalt in Polizeibusse gedrängt worden, schrieb die Menschenrechtsbeauftragte des Parlaments in der Hauptstadt Kiew, Ljudmila Denissowa, in der Nacht zum Sonntag im Nachrichtenkanal Telegram. Die Krimtataren hätten in der Stadt Simferopol gegen „illegale Durchsuchungen und Festnahmen“ durch den russischen Inlandsgeheimdienst FSB protestiert.

Zuvor seien fünf Aktivisten der muslimischen Minderheit von russischen Sicherheitskräften festgenommen worden, sagte Denissowa. Die Hintergründe waren zunächst unklar. Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte bei Twitter die Freilassung aller Festgenommenen. Angaben von russischer Seite lagen zunächst nicht vor.

Denissowa rief die internationale Gemeinschaft auf, Druck auf Russland auszuüben, damit die Repressionen gegen die Krimtataren ein Ende hätten. Zuletzt hatten die Vereinten Nationen Moskau vorgeworfen, mit willkürlichen Verhaftungen und Razzien gegen Vertreter der Religionsgemeinschaft vorzugehen. Russland hatte sich 2014 die ukrainische Halbinsel einverleibt.

Unter der muslimischen Volksgruppe der Krimtataren sind die Vorbehalte gegen Russland nach wie vor groß. Hauptgrund ist ihre Deportation im Zweiten Weltkrieg. 1944 waren etwa 200.000 Menschen wegen angeblicher Kooperation mit den deutschen Besatzern per Zug vor allem ins heutige Usbekistan gebracht worden.

Die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine sind seit Jahren zerrüttet – nicht zuletzt wegen des Konflikts in der Ostukraine. Zu dessen Lösung hatte Selenskyj ein Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vorgeschlagen. Der Kreml zeigte sich am Sonntag abermals zwar grundsätzlich dazu bereit. „Aber bis jetzt sehen wir nicht den gleichen gemeinsamen politischen Willen aus Kiew“, sagte Sprecher Dmitri Peskow im Staatsfernsehen. Anders als die Ukraine werde Russland nicht über die Frage der Krim diskutieren.

Aktivität und Überleben

Die Zeitgeschichte des Islam in der Ukraine ist eng verbunden mit ihrer Unabhängigkeit. Vor den späten 1980er Jahren gab es in der UdSSR offiziell keine einzige Religionsgemeinschaft. 2014 jedoch waren […]

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