Kolumne: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht

Mut Kübra Böler Kolumne

„Wer klug ist, nützt sich selbst / Und nützt zugleich uns allen.“ (Mewlana Rumi, Diwan-i Kebir)

(iz). Seit jeher identifizierte ich mich als geselligen und extrovertierten Menschen. Ich ging in der Gemeinschaft auf; der Kontakt mit anderen gab mir neue Kraft und die Lasten des alltäglichen Lebens schienen plötzlich nicht mehr so schwer auf meinen Schultern.

Auch das Kontakteknüpfen fiel mir nicht wirklich schwer, ging ich doch in der Regel offen auf Menschen zu. Im Laufe der Zeit veränderte ich mich, doch das Bild der sehr extrovertierten Kübra, die gefühlt 10.000 Menschen kennt und überall aktiv ist und viel zu tun hat, blieb und hält sich hartnäckig.

Lange Zeit war die Gemeinschaft alles für mich. „Wir müssen für andere da sein.“, „Die muslimische Gemeinden brauchen unseren Einsatz, unser Engagement!“, „Wir sind die Zukunft!“ – beim Tippen schmunzle ich vor mich hin und denke mir „Ach, wie schön war diese kindliche Naivität, dieser nie enden wollende Idealismus und die Leidenschaft, die nie erlöschen wollte. Eine klassische Bilderbuch-Samariterin halt.

Zugegeben, ich schöpfe aus dieser Leidenschaft immer noch einen Teil meiner Kräfte. Doch ich habe aufgehört, mich in rosaroten Fantasien zu verlieren und mich vollends für andere aufzuopfern.

Denn eines Tages wurde auch ich mit der (eis)kalten Realität konfrontiert: So sehr wir uns um andere kümmern, egal, wie sehr wir für andere da sind und das große Wir im Blick haben – wenn’s hart auf hart kommt, denkt jeder an sich selbst. Und was soll ich sagen: Genau so sollte es auch sein.

Wenn wir stetig damit beschäftigt sind, alle anderen um uns herum zufrieden zu stellen, uns für sie einzusetzen, können wir schnell in eine Haltung verfallen, dass es auch Menschen geben wird, die unsere Bedürfnisse und Wünsche erfüllen und für uns da sind. Nur ist die Realität nun mal anders, als viele von uns sie gerne hätten.

„Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht, Kübra.“, sagte F. mal zu mir. Als ich diesen Spruch das erste Mal hörte, traf er mich mitten ins Herz. „Wie egoistisch“, dachte ich mir im Stillen. „Menschen brauchen Menschen. Wir brauchen die Gemeinschaft. Nur gemeinsam sind wir stark!“ – Ich habe Jahre gebraucht, um zu erkennen und zu verinnerlichen, wie wahr und wichtig diese Aussage ist. „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“

Es war eines unserer langen Gespräche mit E., in denen wir uns austauschten. Rückblickend gerädert und ausgelaugt wegen irgendwelchem Firlefanz, teilte ich folgendes:

„Es gibt ja den Ausspruch des Propheten ṣallā ʾllāhu ʿalayhi wa-sallam, in dem es heißt: ‘Die Gläubigen in ihrer Zuneigung, Barmherzigkeit und ihrem Mitleid zueinander sind einem Körper gleich: Wenn ein Teil davon leidet, reagiert der ganze Körper mit Schlaflosigkeit und Fieber!‘ – Ich bin auch Teil dieses Körpers, und wenn es diesem Körper langfristig gut gehen soll, dann muss es mir auch gut gehen. Ich muss auf mich schauen, auf mich achten, damit ich überhaupt die Kraft und die Ressourcen habe, um mich um andere zu kümmern und sie zu unterstützen. Wenn ich immer nur auf die anderen schaue und mich selbst vergesse, ist das mindestens kontraproduktiv und maximal destruktiv“ – „Exakt, Kübra.“

Puh, an sich denken – Wie geht das überhaupt, wenn Du so lange an das große Wir gedacht hast? Wie funktioniert an sich denken bei den ganzen Rollen, die wir täglich haben und ausführen? „Wenn Du schnell gehen willst, gehe allein. Wenn Du weit gehen willst, gehe mit anderen.“ – wie soll jemand, der letzteres im Sinne hatte plötzlich nur auf sich achten?

Wie nun das ganze Tempo, dass einen auf Zehenspitzen wie Prinzessin Lillifee von A nach B sprinten ließ, rausnehmen, wo Zeit doch Geld sei und es noch so unglaublich viel zu tun gibt und das Abbremsen einen ins Straucheln und Vertüddeln brachte, sodass alles Getragene herunterfiel und sich wild in alle Himmelsrichtungen auf dem Weg verteilte? Beim weit Gehen blieb ich manchmal auf der Strecke, obwohl mich wie so viele immer ganz weit vorne sahen. Sprach ich darüber, bekam ich häufig ein „Ach, das schaffst Du schon.“

Egal, wie extro- oder introvertiert wir sind, manche Wege müssen allein gegangen werden.

Egal, wie viele Menschen an uns glauben und uns anfeuern: Den Weg müssen wir allein gehen.

Und ich weiß, wie egoistisch das alles vor dem Hintergrund des aktuellen Weltschmerzes klingt. Doch wem nützt es, wenn Du und ich komplett ausgelaugt und ausgebrannt sind, weil wir so eifrig für alle anderen da sein wollten und uns selbst abhingen?

Dies ist kein Aufruf, alles an den Nagel zu hängen und nur noch seine eigenen Bedürfnisse im Fokus zu haben, auf keinen Fall! Es geht vielmehr darum, ein inneres Gleichgewicht zu finden, wie so oft, eigentlich immer im Leben. Es geht darum, innezuhalten und zu schauen, wo ich auf dieser Reise des Lebens und in diesem ganzen Getümmel stehe. Es geht darum, abzuwägen, ob ich das Maß eingehalten habe oder ein Punkt erreicht ist, wo ich anfange, anderen und allen voran mir selbst zu schaden, statt zu nützen und gut zu tun.

Auch bin ich mir vollends darüber im Klaren, dass all dies leichter gesagt als getan ist. Doch ich weiß auch, dass es sich absolut lohnt, egal, wie groß die Angst sein mag, die einem stets ins Ohr flüstert. Manchmal lohnt es sich beim Aufsammeln des Heruntergefallenen innezuhalten und Ballast als solchen zu erkennen und hinter sich zu lassen. Ob schnell oder langsam: Es ist einfacher mit leichtem Gepäck, ob nun To-Do’s, zwischenmenschliche Beziehungen, Ziele, Träume und Wünsche.

So schloss sich mein persönlicher Kreis: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht: Es geht darum, uns gegenseitig daran zu erinnern, dass wir unsere größte und wichtigste Ressource und in allererster Linie für unser eigenes Wohlbefinden verantwortlich sind. Hilfe zur Selbsthilfe.

Ob ich nach diesen Erkenntnissen erfolgreich in der Umsetzung war? Natürlich nicht. Es war der Beginn einer anhaltenden Reise. Manchmal ist es ein bisschen wie Tanzen: Zwei Schritte vor, einen zurück und vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran, Hacke, Spitze, hoch das Bein. Am Ziel Ankommen mag dann zwar länger dauern, doch so wird es zumindest nie langweilig. Ist bekanntlich nicht der Weg das Ziel und der Prozess wichtiger als das Endergebnis? Manchmal braucht es halt ein paar Anläufe, bis das richtige Tempo mit der passenden Schrittabfolge sitzt. 

Das Geheimnis liegt darin, sich nicht für diesen Prozess zu schämen und für sich herauszufinden, welche Hindernisse uns unsere Vorhaben erschweren. Tief in uns selbst wissen wir, dass wir sie hinter uns lassen dürfen, gar müssen. In diesem Sinne: Auf die Plätze, fertig, vorwärts, rückwärts, seitwärts ran, Hacke, Spitze, hoch das Bein! 

Wir brauchen nur Mut. Von Kübra Böler

Mut Kübra Böler Kolumne

Nachdem 2022 für mich mit einer Doppelinfektion (Corona&Influenza) zu Ende ging, hing ich immer wieder in den Seilen. Obwohl ich das Schreiben liebe und kann, so fällt mir gerade diese Ausgabe enorm schwer. So viele Anfänge liegen in meinem Zwischenspeicher und ich finde alle so grottig schlecht, ich kann’s gar nicht in Worte fassen.

(iz). Doch auf den richtigen, auf den perfekten Moment warten, wo die Motivation wieder mit 250 km/h durch unseren Körper und Geist rast? Oder lieber doch etwas schreiben, um geschrieben zu haben? Ich glaube die Lösung liegt irgendwo dazwischen. Von Kübra Böler

Immer das, was ich brauche

Es müsste 2017 sein, wo mir klar wurde: Allah subhanahu wa-ta’ala gibt mir nicht immer das, was ich möchte, jedoch immer das, was ich brauche. Wie viel Trost und Kraft ich hieraus ziehe, kann und möchte ich gar nicht in Worte fassen. Ich möchte es nur fühlen, mich in dieses Gefühl reinlegen, um gestärkt den Höhen und Tiefen des Lebens zu begegnen. 

Genauso ging es mir während der Doppelinfektion. Gerade in Momenten des Schmerzes und des damit einhergehenden Leidens kommt es uns manchmal so vor, als würde dieser Zustand niemals enden. Als würde der Rachen ein auf ewig geröteter Raum, das Schlucken unmöglich, die Kondition weniger und alle weiteren Symptome nun meine treuen und Leid erhöhenden Begleiter bleiben. Natürlich beschäftigten mich Fragen wie „Warum ich?“, „Wieso ausgerechnet jetzt?“, „Was nun?“ und „Wird es wirklich besser?“ – Der Gedanke, dass es gerade genau richtig ist und mich dieser Umstand vor viel schlimmerem Übel bewahrt, bewahrte mich zwar nicht vor den Schmerzen, jedoch tröstete er mich und gab mir enorm viel Kraft.

Nichts ist beständiger als Veränderung selbst

Denn ja, nichts ist beständiger als die Veränderung selbst. Nichts in unserem Leben währt ewig. Egal ob Freude oder Leid, beides hat eines Tages ein Ende. Währenddessen gibt es auch die Augenblicke, die unser bisheriges Leben komplett auf den Kopf stellen und irreversibel verändern: Die Liste ist so lang wie die Anzahl von Menschen auf der Welt.

Mal ist es ein Unfall, der Verlust eines geliebten Menschen, Brüche in zwischenmenschlichen Beziehungen, ein Wohnorts- oder Jobwechsel – you name it. Gerade letzteren ist der Augenblick der Entscheidung vorgeschaltet. Unfälle und Verluste sind wohl die erprobtesten Beweise dafür, dass sich in einem Augenblick wirklich Dein komplettes Leben verändern kann. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Nichts kann mehr so sein, wie es einmal war. Erlebnisse und Erfahrungen verändern uns. 

In einem Ausspruch des Propheten Muhammad salla ‘Llahu ‘alaihi wa-sallam heißt es sinngemäß, dass wir fünf Dinge zu schätzen wissen sollen, bevor fünf Dinge kommen: Die Jugend vor dem Alter, unsere Gesundheit, bevor uns die Krankheit heimsucht, die freie Zeit vor den Zeiten der Beschäftigung, unseren Reichtum vor Armut und das Leben vor unserem Tod.

Wir müssen nur mutig sein

Alles in dieser Aufzählung brauchen wir in verschiedenen Lebenssituationen und -phasen. So habe ich mir Anfang Januar eine Flasche Schwarzkümmelöl geholt. Einige Dinge lassen sich eben auch nur praktisch erlernen und verstehen, egal wie fit wir in der Theorie sind. Vor ein paar Tagen hatte ich’s in meinem WhatsApp-Status geteilt und wurde gefragt, ob ich wieder krank sei. Nein. Ich nehme es präventiv ein. Denn nichts, was wir erlebt haben und was uns widerfahren ist, ist umsonst, egal, wie herausfordernd, traurig oder schmerzhaft es gewesen sein mag.

Wir müssen nur mutig genug sein, uns auf diese Erkenntnisse einzulassen und ins Tun zu kommen. Meine Antworten auf die obigen vier Fragen sind: Weil Du’s brauchtest. Weil Du Dich sonst wieder übernommen hättest. Ausruhen. Ja, Du sitzt wieder am Laptop und schreibst Deine Kolumne. Das Leben geht weiter. Alhamdulillah. 

Die Mut-Mach-Kolumne #5: Wie wäre es, wenn wir uns selbst zuhören würden?

Mut Kübra Böler Kolumne

„Wie geht es Dir?“ hat sich mit der Zeit zu einer sehr oberflächlichen Floskel entwickelt. 
Viele Menschen antworten genauso mechanisch, wie die Frage klingt: 
„Gut, danke und selbst?“, „Alhamdulillah und selbst?“
Wie viele von uns haben sich diese Frage selbst gestellt: Wie geht es Dir?
Großes Schweigen…
Manchmal, da ist die Stimme im Kopf so laut
er könnte platzen. 
Manchmal, da ist sie einfach nur verwirrt und sprachlos
sie kriegt keinen Mucks heraus. 
Manchmal ist es nicht nur eine, sondern viele verschiedene. 
Welche davon die eigene, oft ungewiss. 
Gerade in solchen Phasen vertrauen wir uns gerne unseren Mitmenschen an. 
Wir kennen sie alle, die eine geduldige, immer aufmerksam zuhörende Person.
Doch wie wäre es, wenn wir selbst diese Person für uns werden?
Wie wäre es, wenn wir uns selbst zuhören würden?
Was würden wir uns erzählen? Was würden wir hören?

„Ich bin müde.“
„Ich bin erschöpft.“
„Ich hab kein Bock mehr.“ 
„Wallah, was wollen die alle von mir?!“
„Ich habe Angst.“
„Wenn ich versage, wird Person x/y das sagen!“
„Wie soll ich die Miete der nächsten Monate zahlen?“
„Was passiert, wenn der Strom dauerhaft ausfällt?“
„Werden meine Kinder ein gutes Leben führen können?“
„Ich fühle mich nach langer Zeit wieder besser.“
„Ich habe viel mehr geschafft, als ich dachte.“
„Das lief besser als gedacht!“
„Boah, einfach nur krass!“
„Ich kann gar nicht dankbar genug sein!“
„Inna li-llahi wa-’inna ‘ilayhi raji’un.“

Die Erfahrung zeigt, dass das Schweigen manchmal viel lauter und stärker ist als das Sprechen. 
Denn wir schulen uns im Zuhören. Wir hören uns selbst zu, horchen in uns rein und geben uns somit selbst die Chance herauszufinden, welche der manchmal sehr vielen Stimmen unsere eigene ist:

„Glaub an Dich.“
„Du hast es so weit geschafft. Die zwei (hundert) Meter schaffst Du auch noch.“
„Du wirst unendlich geliebt.“
„Ich respektiere Dich.“
„Gott ist immer mit Dir.“
„Wir kommen von Gott und kehren zu ihm zurück.“
„Du bist stark.“
„Du darfst das tun.“
„Du darfst darauf verzichten.“
„Alles im Leben ist für Dich, egal ob gut, schön oder herausfordernd.“ 

Ganz schön laut, das eigene Innere. 
Das Lauschen der eigene(n) Stimme(n) wirkt für die Außenwelt meistens wie ein großes Schweigen. Nur die wenigsten erkennen, dass in uns diskutiert, entschieden, beraten oder reflektiert wird. Es ist ein Laut sein im eigenen Schweigen. 
Laut im eigenen Schweigen sein, innerlich aufräumen stärkt und formt den Charakter.
Laut im eigenen Schweigen sein bedeutet, sich selbst auszuhalten Wer sich selbst aushalten kann, kennt seine Stärken und Schwächen.
Wer seine Stärken und Schwächen kennt, handelt bewusster. 
Gerade in diesen Herbsttagen und den uns bevorstehenden Wintertagen wird es ruhiger und hektischer zugleich: Die meisten Bäume haben ihre Blätter verloren, die Wege sind mit dem bunten Farbspektakel der Blätter geschmückt. Ein weiterer Jahreszyklus neigt sich dem Ende zu und kündigt gleichzeitig den nächsten an.

Die perfekte Zeit, um sich selbst zuzuhören. 
Die perfekte Zeit, um sich selbst Raum und Zeit zum Verarbeiten zu geben. 
Die perfekte Zeit, um sich neu auszurichten, neue Ziele zu formulieren.
Die perfekte Zeit, um Abschied zu nehmen, von allen alten Versionen des Selbst. 
Die perfekte Zeit, um in sich zu gehen und laut im Schweigen zu sein. 
Die perfekte Zeit, um sich neu zu erfinden, immer und immer wieder. 
Mal laut, mal leise, mal beides.

Mut-mach-Kolumne #3: Zurückweisung als Weg zu mir

Mut Kübra Böler Kolumne

Zurückweisung tut weh. In unserem langempfundenen kurzen Leben kommt es vor, dass wir Menschen begegnen, die uns nicht mögen. Wir alle erleben sie im Laufe unseres Lebens in unterschiedlichen Lebensbereichen Es kommt zur Zurückweisung, zu einem „Ich mag Dich nicht.“ oder „Ich möchte Dich nicht in meinem Leben haben.“ Da sitzt der Schlag in die Magengrube besonders tief, wir sind aufgebracht, vielleicht appetitlos, total irritiert, frustriert und vor allem: traurig. Von Kübra Böler

(iz). Trauer gehört nicht zwingend zu den angenehmsten Emotionen und Gefühlen. Niemand ist gerne lange traurig. Oftmals kommt es vor, dass wir unsere Trauer und Enttäuschung deckeln: Deckel rauf, sich ablenken, arbeiten, (nicht) darüber reden, aus Frust essen, doch auf gar keinen Fall fühlen. Auf gar keinen Fall dieser überwältigenden Trauer Raum geben. Das Deckeln bewirkt jedoch häufig das genaue Gegenteil: Die Trauer bleibt.

Wir stellen uns Fragen wie „Wie kann es sein, dass dieser eine Mensch, den ich doch so sympathisch finde, den ich so sehr mag – wie kommt es, dass dieser Mensch mich nicht mag?“ – Ganz einfach: Weil unser Gegenüber auch ein Mensch ist. Mensch sein bedeutet nicht, alles und jeden gut und sympathisch zu finden oder gar zu lieben.

Wenn wir Menschen sehr stark mögen, ob auf familiärer, freundschaftlicher oder romantischer Ebene, kann es durchaus vorkommen, dass wir uns in diesen Beziehungen oder in dem Ringen um die Aufmerksamkeit des Gegenübers selbst verlieren.

Wenn uns da nun jemand die Tür vor der Nase zuknallt, wachen wir auf und befinden uns in der oft schrecklich kalten Realität wieder: Da haben wir unsere Zeit und Energie dafür genutzt, einen uns wichtigen Menschen glücklich zu machen und unsere Verbundenheit und Zuneigung auszudrücken und dieser Mensch weist uns zurück und entfernt sich sogar! Wie kann es sein, dass ich wieder allein dastehe, obwohl ich alles dafür getan habe, dass das Gegenüber bei und mit mir bleibt?

Weil Du nicht mehr bei Dir warst. Deshalb. Auch wenn’s hart klingt: Wer sich in einem anderen Menschen verliert, verliert den Bezug zu sich selbst und somit die Grundlage für ein lebbares Leben. Dieses Maß an (nicht angeforderter) Aufopferung und Nähe kann für Außenstehende sehr abschreckend sein. Da ist plötzlich jemand, der mir seine ganze Zeit und Energie schenkt, ohne dass ich es erfragt, erbeten oder gewollt habe. Wie gehe ich jetzt damit um? Kann/Will ich die [(un)ausgesprochenen] Erwartungen erfüllen? In den meisten Fällen lautet die Antwort nein. Dieses Nein kann sich in den unterschiedlichsten Formen ausdrücken.

Doch wie wäre es, wenn wir mutig sind und Zurückweisung als den Weg zurück zu uns selbst sehen? So abgedroschen der Spruch „Rejection is redirection“ (dt. Zurückweisung leitet/lenkt um) auch ist und in den tieftraurigsten und schmerzhaftesten Momenten wenig Trost spendet – so wahr ist er, wenn wir mutig genug sind, uns der damit verbundenen Trauer zu stellen. Das ist bei weitem kein seelenruhiger und erholsamer Spaziergang.

Wir fühlen uns vielleicht hilflos oder können es kaum ertragen, dass das Gegenüber so ist, wie es ist und nicht, wie wir es in unserem Kopf haben. Manchmal wollen wir das Anderssein des anderen gar nicht hinnehmen. Doch genau dann ist die Zeit reif, um wieder zu uns selbst zurückzukehren und die Zurückweisung als das zu nehmen, was sie ist: Eine Weisung zurück, ein Hinweis darauf, in welche Richtung wir unsere Aufmerksamkeit und Energie richten sollen: Zurück zu uns selbst.

All die (gedeckelte) Trauer und der Schmerz rufen uns flüsternd zu uns selbst zurück und erinnern uns daran, dass wir wieder bei uns sein müssen. Keine Loyalität, keine Liebesbeweise – nichts. Nur Du. Wieder Du. Auch wenn dieser Prozess kein einfacher ist, so lohnt es sich allemal, sich auf ihn einzulassen.

Und wenn wir ehrlich sind: So überkrass sind die Leute nicht, deren Zurückweisung uns traurig macht(e). Es ist und bleibt letztendlich unsere Fähigkeit, Liebe, Respekt und Wertschätzung für die Person zu empfinden, die sie für uns besonders macht(e). Deshalb sollten wir weiterhin lieben, respektieren und wertschätzen. Nur halt bei uns selbst bleibend. „Geliebt zu werden ist kein Glück. Lieben, das ist Glück.“ (Hermann Hesse)