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Dr. Muhammad Sameer Murtaza: „Diese Verantwortung ist das Erbe Jerusalems, Mekkas und Medinas“

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Dr. Muhammad Sameer Murtaza im Gespräch über den Gazakrieg, deutsche Diskurse über den und Alternativen zu nihilistischer Gewalt.

(iz). Dr. Muhammad Sameer Murtaza ist ein pakistanisch-deutscher Islam- und Politikwissenschaftler, islamischer Philosoph und seit vielen Jahren als erster muslimischer Mitarbeiter mit der Stiftung Weltethos verbunden. Er gilt als streitbarer, zugleich dialogorientierter Intellektueller, der zwischen Qurʾan, Nietzsche und Iqbal ebenso sicher navigiert wie zwischen jüdischen und muslimischen Traditionen.

In seinem neuen Buch „Palästina, 1896: Nakba, Gaza und der verdrängte Diskurs in Deutschland“ denkt er den Nahostkonflikt von der Metaebene bis zur Friedensfrage durch, als bewusstes Gegenstück zu „Israel, 7. Oktober“, in dem er zuvor die nihilistische Gewalt der Hamas seziert hat.

Im Gespräch mit der „Islamischen Zeitung“ geht es um die Macht von Narrativen, die deutsche Staatsräson, verdrängte koloniale Verstrickungen – und um die Möglichkeit eines multiperspektivischen Diskurses, der das Leid aller Seiten wahrnimmt, ohne die Vertriebenen Palästinas ein weiteres Mal zum blinden Fleck zu machen.

„Diese Verantwortung ist das Erbe Jerusalems, Mekkas und Medinas“

Islamische Zeitung: Lieber Muhammad Sameer Murtaza, in Ihrem neuen Buch „Palästina, 1896: Nakba, Gaza und der verdrängte Diskurs in Deutschland“ widmen Sie sich dem Nahostkonflikt in seiner ganzen Breite. Von der „Metaebene“ und einer historischen Betrachtung über gegenwärtige Politik und Propaganda bis zu innerdeutschen Diskursen und der „Friedensebene“ spannen Sie einen weiten Bogen. Wen und was wollen Sie mit dem Text erreichen? 

Muhammad Sameer Murtaza: Wenn ich schreibe, Vorträge halte oder mich an öffentlichen Debatten beteilige, dann geschieht dies von meinem Muslimsein und der damit verbundenen ethischen Verantwortung aus. 

Der Nahostkonflikt wird häufig durch Narrative betrachtet, die bestimmen, was gesehen werden darf und was ignoriert werden soll. Verantwortung bedeutet für mich, den Blick auf die unterdrückten Menschen zu richten, die Kontinuität von Siedlungs-, Expansions-, Enteignungs- und Vertreibungspolitik gegenüber dem palästinensischen Volk sichtbar zu machen und die Verantwortlichen für dieses Leid deutlich zu benennen.

Foto: Freepik

Diese Verantwortung ist das Erbe Jerusalems, Mekkas und Medinas. Als Europäer bin ich dem demokratischen Erbe Athens verpflichtet. Dies impliziert ein tiefes Misstrauen gegenüber politischen Dogmen wie etwa der deutschen Staatsräson oder Israels Gründungsnarrativ. 

Mein Buch verfolgt dabei nicht das Ziel, bestehende Gräben noch weiter zu vertiefen, sondern ist ein Zwillingsbuch zu dem zuvor erschienenen „Israel, 7. Oktober“, in dem ich mich mit der nihilistischen Hamas auseinandergesetzt habe.

Jetzt möchte ich unser Verstricktsein in Narrative aufzeigen und anti-palästinensische propagandistische Argumente entlarven, die sich mit den Fakten und der Realität einfach nicht decken.

„Ich halte diese verschiedenen Perspektiven für unverzichtbar“

Islamische Zeitung: Ihr Buch nimmt mehrere Perspektiven ein – die palästinensische, die israelische sowie die innerdeutsche. Sind diese verschiedenen Blickwinkel nötig, um in Deutschland ein sinnvolles Gespräch über Palästina bzw. den Nahostkonflikt führen zu können? 

Muhammad Sameer Murtaza: Ich halte diese verschiedenen Perspektiven für unverzichtbar, um Breschen in dicke narrative Mauern und propagandistische Schutzschilde zu schlagen.

Die größte Herausforderung war dabei, einen Ton zu finden, der beim Gegenüber anklingt und die Bereitschaft weckt, zumindest zuzuhören. Ich bin auch davon überzeugt, dass die Fokussierung auf eine Perspektive bei einem solch komplexen Konflikt dazu führt, dass man selbst ein Gefangener einer einzigen Betrachtungsweise und Argumentationslinie wird.

„Gedenkstätten, Stolpersteine und Schulunterricht haben nicht verhindert, dass es erneut einen grassierenden Hass gibt – diesmal gegenüber der muslimischen Minderheit.“

Islamische Zeitung: Wie müsste eine ehrliche europäische – und speziell deutsche – Selbstkritik aussehen, die diesen „Schatten“ der Moderne anerkennt, ohne in Schuldpathos zu verfallen, und wie könnte daraus eine andere Nahost-Politik und Erinnerungskultur erwachsen? 

Muhammad Sameer Murtaza: Deutschland ist mit seiner ausgeprägten Erinnerungskultur weltweit einzigartig. Dennoch hat sie nicht verhindert, dass eine rechtsextreme Partei in den Bundestag eingezogen ist und heute an der Schwelle steht, die stärkste politische Kraft zu werden.

Gedenkstätten, Stolpersteine und Schulunterricht haben nicht verhindert, dass es erneut einen grassierenden Hass gibt – diesmal gegenüber der muslimischen Minderheit. Der europäische Rechtsruck wird auch eine selbstkritische Auseinandersetzung mit den eigenen Verstrickungen in die kolonialistische Siedlungsgeschichte Israels verunmöglichen. Rechte sehen in der Selbstkritik eine Schwäche und keine Stärke.

Daher glaube ich, wird es zur Tragik unseres Kontinentes gehören, sich mit diesem Schatten nicht wirklich auseinanderzusetzen, umso aus vergangenen Fehlentscheidungen zu lernen. Ich sehe mich in dieser Sichtweise bestärkt, wenn ich erlebe, wie konservative Denker den Kolonialismus wieder als Überbringer von Fortschritt und Technologie verteidigen oder wir in Deutschland bis heute die Niederlage der NATO in Afghanistan nicht thematisieren. 

Islamische Zeitung: Gerade hier ist die Betrachtung des Konflikts bzw. seiner Vorgeschichte stark durch Parteinahme(n) gekennzeichnet – die offizielle und eine oppositionelle. Nachdenkliche, leise oder abweichende Stimmen haben es oft schwer. Leidet das Gespräch in Deutschland (insbesondere nach dem 3. Oktober 2023) unter einem Zwang zum Bekenntnis? 

Muhammad Sameer Murtaza: Jede Gesellschaft benötigt eine gemeinsame Erzählung. Andernfalls zersplittert sie. Aber diese darf nicht zu einem unumstößlichen Dogma werden, das sich dem kritischen Denken entzieht. 

Die Beziehung der Bundesrepublik zu Israel war zunächst ein pragmatischer Deal: Es brauchte ein Entlastungszeugnis, damit Deutschland Teil des politischen Westens werden konnte. Israel, damals noch ein reiner Agrarstaat ohne Industrie, benötigte dringend wirtschaftliche und technische Unterstützung.

Wir haben es also mit einem interessensgeleiteten Zweckbündnis zu tun, wie es typisch zwischen Staaten ist. Im Politikersprech sprach man damals von „Wiedergutmachung“, nicht von Schuld oder Verantwortung.

Ende der 1950er Jahre begann eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Der Begriff „Wiedergutmachung“ wurde zunehmend als zu verharmlosend empfunden. Begriffe wie „Schuld“, „Sühne“ und „Verantwortung“ traten in den Vordergrund. Aber wie waren diese zu verstehen?

Unter den sozialdemokratischen Bundeskanzlern Brandt und Schmidt verstand man unter „Verantwortung“ auch Verantwortung für die Palästinenser. Dies führte zu heftigen Wortgefechten zwischen Schmidt und Israels Premier Begin, die heute undenkbar wären. 

Unter Helmut Kohl wurde die „Schuld“ zunehmend verengt als eine Schuld vor allem gegenüber Juden und eine exklusive Verantwortung gegenüber Israel, das als jüdischer Staat gelesen wird, verstanden. Seinen Gipfel findet diese Entwicklung mit der Staatsräson, die zum Staatsdogma erhoben wurde, ohne je im Grundgesetz verankert worden zu sein – was aber freilich noch geschehen kann.

Gerade für die Kriegskinder-Kinder-Generation und die Enkelkinder-Generation stellen die Nazizeit, der Antisemitismus, die Schoah und das Verhältnis zu Israel Lebensthemen dar. Und beide Generationen machen die Mehrheit der politischen Entscheidungsträger im Bundestag aus. 

Ein Politikwechsel, der unparteiisch sensibel für menschliches Leid, Gewalt, Entmenschlichung, Apartheidstrukturen und ethnische Säuberungen wäre, würde das Lebenswerk und Selbstverständnis dieser Menschen zum Einsturz bringen.

Deshalb kann man von ihnen nicht viel erwarten. Dies erklärt auch diese Bekenntniskultur. So bringt man eine Gesellschaft narrativ in die Spur. Wer ausschert, hat es nicht nur schwer, er muss mit seiner beruflichen Auslöschung rechnen.

Foto: Frankfurter Buchmesse / Marc Jacquemin

„Es würde unserer demokratischen Entwicklung guttun, wenn wir vielmehr den Fokus auf die Qualität und Begründbarkeit eines Argumentes richten“

Islamische Zeitung: Welche konkrete Veränderung der deutschen Diskurskultur wäre aus Ihrer Sicht die erste, notwendige Voraussetzung, damit muslimische Stimmen in der Debatte über die Schoa, Staatsräson und den Nahostkonflikt nicht länger nur als „Störfaktor“, sondern als legitimer Teil eines gemeinsamen „Wir“ wahrgenommen werden? 

Muhammad Sameer Murtaza: Für säkulare kapitalistische Gesellschaften besteht die Herausforderung, überhaupt ein „Wir“ herzustellen, hinter dem sich nicht bloß die Interessen und das Gesellschaftsbild der Politik-, Unternehmens- und Finanzelite verstecken, und Minderheiten schnell in der gesellschaftstragenden Funktion als Blitzableiter und Sündenböcke ausgegrenzt werden können.

Ein solches „Wir“ würde unabhängig von Migrationshintergrund, Religion und Klassenzugehörigkeit, Diskursbeiträge anerkennen, statt sie von vornherein als eine zum Wir nicht dazugehörige Stimme abzuwerten. Es würde unserer demokratischen Entwicklung guttun, wenn wir vielmehr den Fokus auf die Qualität und Begründbarkeit eines Argumentes richten, nicht darauf, wer es vorträgt. Ehrlicherweise fehlt ein solches Gesellschaftsbild hierzulande.

Aber irgendwie schlingern wir uns als Gesellschaft halt so durch und vieles wird sich vermutlich durch den Verlauf der Zeit sich ändern. Jüngere Generationen wachsen in einem Deutschland auf, die durch Schulklassen, Freundschaften und Lebenswelten andere Perspektiven auf Israel und den Nahostkonflikt gewonnen haben.

Dies wird den Diskurs verändern. Möglicherweise wird es auch zu einer Abrechnung mit den älteren Generationen kommen, die nicht nur bei einem Genozid zugeschaut, sondern durch Waffenlieferungen und diplomatische Rückendeckung de facto mitgemacht haben. Dann werden auch die Beiträge von muslimischen und palästinensischen Mitbürgern über die Erinnerungskultur, die Staatsräson und das Leid der Palästinenser eher vernommen werden. 

Im Zusammenhang mit dem Rechtsruck in Europa wird dies zugleich ein kritischer Moment sein, da Rechtsextreme versuchen werden, sich dieser Themen zu bemächtigen, um aus einer legitimen Kritik eine antisemitische Kampagne zu machen. Hier wird es wichtig sein, jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zurückzuweisen.

„Diese Stimmen und weitere sind wichtig, damit wir nicht in ein Feindbild-Denken rutschen.“

Islamische Zeitung: Welche jüdisch-theologischen oder -intellektuellen Ressourcen halten Sie heute für besonders wichtig, um aus der Logik ethnonationaler Selbstbehauptung auszusteigen und Raum für ein postzionistisches, rechtsstaatliches Gemeinwesen „für alle Bürger“ zu eröffnen? 

Muhammad Sameer Murtaza: Es war mir in meinem Buch stets wichtig, eine monolithische Sichtweise zu vermeiden. Es gibt nicht „den“ Zionismus, sondern von Anfang an unterschiedliche Strömungen. Der kulturelle Zionismus sah das Ziel des Zionismus nicht in der Begründung eines Judenstaates, sondern in der kulturellen und religiösen Erneuerung des Judentums, ausgehend von Palästina. Juden und Araber könnten hierzu in einem bi-nationalen Staat zusammenleben.

Auch die Siedlerbewegung ist kein einheitlicher Block. Rabbi Menachem Froman lehnte es ab, dass das legendäre biblische Israel deckungsgleich mit dem Territorium eines Staates Israel sein muss. Er war ein Verfechter eines palästinensischen Staates, in dem auch Juden leben können. Auch war er gegen eine Vereinnahmung Jerusalems durch Israel.

Die Stadt solle einen Sonderstatus als Hauptstadt aller drei abrahamischen Religionen haben. Diese Stimmen und weitere sind wichtig, damit wir nicht in ein Feindbild-Denken rutschen. Allerdings gehört zur Wahrheit auch, dass diese Stimmen zu keinem Zeitpunkt mehrheitsfähig waren.

Gerade der Begründer des Zionismus, Theodor Herzl, war geprägt durch den europäischen Kolonialismus und Imperialismus. Vertreibungs- bis hin zu Unterwerfungsgedanken der arabischen Bevölkerung finden sich in seinen Überlegungen und bilden damit das Fundament, wie diese Ideologie auf die Palästinenser blickt.

Die bis heute andauernde Politik der Vertreibungen, Enteignungen und ethnischen Säuberungen steht in Kontinuität mit den Anfängen dieser Weltanschauung. Gepaart mit dem internationalen Rechtsruck bemächtigen sich religiöse Strömungen in den Religionsgemeinschaften der Deutungshoheit und überbetonen den identitären Zweig, der Zugehörigkeit stiftet, und unterbetonen den universellen Horizont, der von der Menschenwürde, der Gleichheit der Menschen und der Gerechtigkeit allen gegenüber handelt.

Hierdurch ist das Judentum in Israel politisch vor allem zionistisch und rechts- bis rechtsextrem eingestellt. Somit sind die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen gar nicht vorhanden, damit postzionistische und jüdisch-universelle Ressourcen vom Rand der Gesellschaft in die Mitte wandern könnten.

„Die Wurzeln des Nahostkonfliktes liegen in einem säkularen, ethnonationalistischen Kommunalismus. Folglich geht es um Fragen von Macht, Land und Ressourcen.“

Islamische Zeitung: Sie bestehen darauf, dass der Nahostkonflikt kein Religionskonflikt sei, Religion aber sehr wohl als Prüfstein menschlicher Ethik wirken könne, und plädieren für eine multiperspektivische Erzählung als Voraussetzung von Gerechtigkeit. Welche Rolle trauen Sie religiösen Akteurinnen und Akteuren – muslimisch, jüdisch und christlich – ganz konkret in einem künftigen Prozess zu? 

Muhammad Sameer Murtaza: Die Wurzeln des Nahostkonfliktes liegen in einem säkularen, ethnonationalistischen Kommunalismus. Folglich geht es um Fragen von Macht, Land und Ressourcen.

Dennoch spielen religiöse Akteure heute eine wichtige Rolle. Manche als Stimmen des Friedens und der Versöhnung. Andere, die von diesem Ethnonationalismus affiziert sind, als Propagandisten und Lobbyisten geopolitischer Interessen.

Letztere halte ich für eine schändliche Sache. Die Propheten – Abraham, Mose, Jesu, Muhammad – standen stets an der Seite der verwundeten und unterdrückten Menschen, nicht auf der Seite von Staaten.

Wenn religiöse Akteure anfangen, illegitime politische Interessen zu legitimieren und Unrecht für heilig zu erklären, tragen sie dazu bei, dass die ethische Glaubwürdigkeit der Religionsgemeinschaften endet und sie als Konfliktparteien wahrgenommen werden.

Wünschenswert wäre 1) eine Besinnung auf das Ethos, den universellen Horizont und die Prinzipien der abrahamischen Religionen, 2) auf die eigene Verantwortung der Zeugenschaft für die Völker am Jüngsten Tag, was Treue zur Wahrheit und Gerechtigkeit beinhaltet, und 3) von dieser Warte her, in der Welt zu handeln.

„Die Hamas war niemals in der Lage, Israel physisch zu zerstören, aber sie arbeitet mit ihrem Terror den geopolitischen Zielen Israels zu.“

Islamische Zeitung: Sie widmen ein Kapitel Ihres Buches der Frage nach Alternativen. Darin entwickeln Sie als positive Gegenfigur u.a. den gewaltlosen Widerstand. Wie ist das gemeint und welche Formen kann diese Betrachtung annehmen? 

Muhammad Sameer Murtaza: Der nihilistische und islamisch verdammungswürdige Terrorismus der Hamas ist seit jeher ein Kooperationspartner der israelischen Besatzungsmacht. Fakt ist: Die Hamas war niemals in der Lage, Israel physisch zu zerstören, aber sie arbeitet mit ihrem Terror den geopolitischen Zielen Israels zu.

Israel hat gelernt, den Terrorismus in sein strategisches Handeln einer expansionistischen Politik einzubeziehen. Jede terroristische Tat ermöglicht vor den Augen der Weltöffentlichkeit eine Gegenreaktion, die als Selbstverteidigung legitimiert werden kann. In ihrem Schatten vollziehen sich dann Schritte, die zur fortschreitenden Aneignung palästinensischen Landes, zur Vertreibung von Menschen und zur nachhaltigen Veränderung der demografischen Realität beitragen.

Auf diese Weise wird die Hamas zum größten Zuarbeiter der zionistischen Staatsideologie. Diese Argumentation lässt sich auch auf die Hisbollah im Libanon übertragen. 

Wenn man erkennt, dass man mit seinen Handlungen Teil des Besatzungssystems geworden ist, sollte man dann nicht zu einer Strategie übergehen, die weniger berechenbar ist und die tatsächlichen Machtstrukturen entlarvt? 

Seit 2002 wird in über 36 Ortschaften der Westbank und im Gazastreifen gegen die israelische Besatzungsarmee und den illegalen Bau der Mauer, gewaltlos protestiert. Die Protestformen sind dabei dermaßen kreativ, dass es der israelischen Armee nicht gelingt, diese in irgendeiner Form in ihre Besatzungsstrategie zu integrieren.

Sie kann nur mit brutaler Gewalt gegen die Demonstranten vorgehen. Auch muss Israel größere Anstrengungen unternehmen, um diese gewaltlose Bewegung als terroristisch zu diffamieren und zu markieren. Da ist also eine Alternative, die auch im politischen Westen massive Sympathien und Zustimmung auslösen könnte.

Deshalb wünsche ich mir, dass Juden, Christen und Muslime den Blick stärker auf jene Menschen richten. Soweit mir bekannt ist, sind meine Publikationen „Gewaltlosigkeit im Islam“ und „Palästina, 1896“ die einzigen deutschsprachigen Bücher hierzu.

Zwangsräumungen

Aktivisten protestieren gegen Zwangsräumungen im Viertel Sheikh Jarrah. Foto: Ryan Rodrick Beiler, Shutterstock

„Das ist entweder Naivität, Optimismus oder geopolitische Interessen verhüllt in wohlklingenden Worten.“

Islamische Zeitung: Zum Abschluss von „Palästina, 1896“ schließen Sie mit einem Kapitel über Frieden. Was sind Ihre Kerngedanken und wie wehrt man sich bei diesem Thema gegen den Vorwurf der „Romantik“?

Muhammad Sameer Murtaza: Kürzlich äußerte der US-Diplomat Dennis Ross, dass ein Staat für die Palästinenser erst in ein paar Jahrzehnten realistisch sei. Es brauche diese Zeit, um die psychologischen Rahmenbedingungen zu verändern und Vertrauen aufzubauen. Das ist entweder Naivität, Optimismus oder geopolitische Interessen verhüllt in wohlklingenden Worten. 

In nicht einmal einem Jahrzehnt wird von den Palästinensergebieten nichts mehr übrig sein. Überall werden israelische Siedlungen stehen, auf denen die israelische Flagge weht. 

Ein palästinensischer Staat entsteht, wenn Israel, die USA und Deutschland die Entscheidung treffen, das Existenzrecht der Palästinenser und die Gerechtigkeit höher zu bewerten als geopolitische Machtinteressen und religiöse Besitzansprüche.

Und die Hamas kann eingefangen werden, indem man sich am Karfreitagabkommen orientiert – eine weitere Ressource, auf die nie hingewiesen wird.

Mir war es daher wichtig, dass die Vertreibung, Entrechtung und dauerhafte Unterjochung des palästinensischen Volkes weder durch historische Traumata, religiöse Überzeugungen, Ideologie oder Sicherheitsinteressen gerechtfertigt werden können. Sie sind das Ergebnis menschlicher Entscheidungen.

In diesem Fall eines demokratischen Staates und seiner maßgeblichen Unterstützer USA und Deutschland. Niemand kann hier seine Verantwortung auslagern. Was durch Entscheidungen in Gang gesetzt wird, kann aber auch durch Entscheidungen rückgängig gemacht werden. 

Und ich versage mich der Romantik, indem ich vom Schreibtisch aus keine Friedenspläne entwerfe und auch nicht ignoriere, dass es zur Tragik der menschlichen Geschichte gehört, dass wir eigentlich oft wissen, was das Richtige ist, aber am Ende uns aufgrund von Eigeninteressen für das Falsche entscheiden, ohne zu erkennen, dass wir, in großen Zeiträumen gedacht, dereinst das Unrecht und die Gewalt ernten werden, die wir gesät haben.

In diesen Zeiten nicht zu resignieren und verantwortungsbewusst zu handeln bedeutet: an universellen Prinzipien festzuhalten. Denn auf ihrer Grundlage sind wir fähig, nicht nur bessere Entscheidungen zu treffen, sondern auch als Menschen endlich erwachsen zu werden.

Islamische Zeitung: Lieber Muhammad Sameer Murtaza, wir bedanken uns für das Interview.

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UN-Komitee wirft Israel Expansion vor

Israel Deutschland niederlage

Das biblische „Land Israel“ ist kein völkerrechtlicher Begriff – aber dient der Regierung als Legitimation für Gebietsansprüche. Aus Sicht eines UN-Ausschusses muss die Welt Israel in de Schranken weisen.

New York (KNA). Ein Sonderausschuss der Vereinten Nationen (Special Committee on Israeli Practices oder technisch als UNSCIIP abgekürzt) hat Israel völkermörderische Praktiken und Expansionsbestrebungen in der Region vorgeworfen.

Friede setze voraus, dass die israelische Regierung Pläne eines „Groß-Israel“ mit Gebietsansprüchen in Palästina, Syrien und dem Südlibanon aufgebe, heißt es in einem am 17. November in New York vorgelegten Bericht des Sonderkomitees für Israels Politik in den besetzten Gebieten. Unter anderem Waffenlieferungen an Israel müssten gestoppt werden.

Mit dem geografisch uneindeutigen biblischen Begriff „Land Israel“ reklamiere die israelische Führung Rechte auf „ein Gebiet, das völkerrechtlich nicht existiert“, so das Gremium unter Vorsitz des UN-Botschafters und früheren Obersten Richters von Sri Lanka, Jayantha Jayasuriya.

Foto: Saeschie Wagner, Shutterstock

„Der Frieden, die Sicherheit und die Menschenrechte, die die Menschen in Israel genauso verdienen wie alle anderen, werden weder durch die Besetzung oder Annexion palästinensischer Gebiete und des syrischen Golan noch durch eine unbegrenzte, unbefristete oder dauerhafte Besetzung weiterer Teile der Arabischen Republik Syrien und des Libanon und die Verletzung der Menschenrechte ihrer Bewohner gesichert“, hieß es.

Um Druck auf Israel auszuüben, rief das Komitee die Mitgliedstaaten unter anderem zu einem umfassenden Waffenembargo auf. Weiter schlug es einen vorübergehenden Ausschluss Israel aus der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor.

Tech-Firmen sollten ihre Zusammenarbeit mit dem israelischen Militär revidieren, andere Unternehmen ihre wirtschaftliche Unterstützung und Geschäftsbeziehungen so lange einstellen, bis Israel seine Besatzung beende.

Foto: Ran Zisovitch/Shutterstock

Wie zuvor andere Vertreter und Sachverständige der Vereinten Nationen, sprach das Sonderkomitee in seinem Bericht von einem „Völkermord in Gaza“ und ethnischen Säuberungen in den besetzten Gebieten. Es handele sich um eine „historische Tragödie, die von einer rassistischen, diskriminierenden Politik und Praxis befeuert wird“.

Im Gazastreifen habe Israel mit seiner fast drei Monate dauernden Blockade für Hilfslieferungen eine Hungersnot ausgelöst, so das Komitee in einer Pressemitteilung.

Im Westjordanland hätten nach den Hamas-Anschlägen vom 7. Oktober 2023 jüdische Siedler „praktisch einen Freibrief“ erhalten, um mit Unterstützung israelischer Sicherheitskräfte die unter ihrer Besatzung lebenden Menschen „nach Belieben einzuschüchtern, zu unterjochen, ethnisch zu säubern, anzugreifen und in einigen Fällen zu töten, um sie ihrer Häuser und ihres Landes zu berauben und zu vertreiben“.

Auf den zu Syrien gehörenden Golanhöhen strebe Israel eine Verdopplung der Siedler-Bevölkerung und eine Ausdehnung des besetzten Territoriums an.

Im Libanon hätten israelische Militäraktionen Tausende verletzt oder getötet, einschließlich mehr medizinische Einsatzkräfte als in irgendeinem anderen Konflikt weltweit im Jahr 2024.

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Nahostkonflikt: „Weiterhin internationaler Konsens“

Nahostkonflikt

Nahostkonflikt: Die Waffenruhe zwischen Hamas und Israel wackelt, aber hält bis dato. Aber wie geht es nun weiter in dem Konflikt? 

(KNA). Seit 2020 ist Marc Frings Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Bevor Frings diesen Posten antrat, leitete er fünf Jahre lang das Büro der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung im palästinensischen Ramallah. Auch zuvor hatte Frings, der Politikwissenschaft studierte, immer wieder Berührungspunkte mit dem Nahen Osten. Seinen Zivildienst absolvierte er in Syrien und den Palästinensischen Gebieten.

Soeben ist der 43-Jährige von einer viertägigen Reise in die Region zurückgekehrt. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) schildert Frings, welche Perspektiven es nach zwei Jahren Krieg nun für die Palästinenser gibt.

Frage: Wiederaufbau des Gazastreifens – das klingt angesichts der Bilder nach einer schier unlösbaren Aufgabe. Was braucht es jetzt zuerst?

Marc Frings: Es braucht einen uneingeschränkten Zugang humanitärer Organisationen in den Gazastreifen. Schon vor dem Krieg – davon konnte ich mich bis 2019 bei regelmäßigen Aufenthalten im Küstengebiet selbst überzeugen – war die überwältigende Mehrheit auf externe Hilfe angewiesen. Dieser Bedarf hat sich nun auf allen Ebenen ins Uferlose potenziert. Bei einem Gespräch mit der stellvertretenden Generalkommissarin von UNRWA, deren Hauptquartier in Amman angesiedelt ist, habe ich die aktuellen Zahlen präsentiert bekommen.

Kurzmeldungen Ausland gaza

Foto: UNRWA/Ashraf Amra

Frage: Was sagen diese Zahlen?

Marc Frings: Nahezu die komplette Bevölkerung wurde phasenweise zu Binnenflüchtlingen in dem kleinen Gebiet und 80 Prozent der Infrastruktur sind zerstört. Bislang sehen wir keine vereinfachte Zugangspolitik für humanitäre Hilfe.

Neben der unmittelbaren Hilfe braucht es einen verlässlichen Zeitplan für den eigentlichen Wiederaufbau, eine Perspektive für einen offenen Gazastreifen und eine konkrete Vision für einen demokratischen palästinensischen Staat. Dieser Aufgabe müssen sich alle in der Region und im Westen stellen, weil zu viele Akteure mitverantwortlich für die politischen und historischen Versäumnisse sind, die zu der heutigen katastrophalen Lage geführt haben.

Frage: Ein Gordischer Knoten.

Marc Frings: Ich will auch die menschliche Dimension benennen: über 65.000 Menschen – vielleicht auch viel mehr – wurden in Gaza getötet. Es braucht individuelle und kollektive Traumatherapie, damit die palästinensische Gesellschaft in Gaza mit dieser schrecklichen Erfahrung einen Umgang findet.

Frage: Was wird aus der Hamas?

Marc Frings: Israel hat sein Kriegsziel, die Hamas zu vernichten, nicht erreicht. Zwei Punkte sind mir hier aus analytischer Perspektive wichtig: Die Hamas hat nicht nur einen militanten Flügel, der sich in Gestalt der Qassam-Brigaden gewaltsam gegen Israel auflehnt.

Auch der politische und der soziale Flügel, mit denen die Bewegung weit in die palästinensische Gesellschaft hineinreicht, existieren fort. Zweitens erleben wir, dass die Hamas auch in diesen Stunden selbstbewusst agiert: nach der ersten Rückzugsbewegung der israelischen Armee befinden sich 50 Prozent des Gazastreifens nicht mehr unter israelischer Kontrolle.

Hier tritt Hamas nun mit dem Anspruch auf, weiterhin für Ordnung zu sorgen. Sie ging in den letzten Tagen bereits mit Waffengewalt gegen Oppositionelle und Kollaborateure vor.

Foto: imago/UPI Photo

Frage: Das heißt in der Konsequenz?

Marc Frings: Gelingt es der Hamas, über ihr regionales islamistisches Netzwerk neue oder alte Unterstützung zu generieren, wird sie weiterhin ein Konfliktakteur bleiben, weil sie die dominierende Kraft im Spektrum des politischen Islams in Palästina ist. Deshalb ist es umso wichtiger, über Reformen der politischen Erneuerung in allen besetzten Gebieten nachzudenken: das Einhegen der Hamas muss auch innenpolitisch durch Reformen der Autonomiebehörde vorangebracht werden.

Frage: Welche Rollen können die Kirchen im Nahen Osten spielen?

Marc Frings: Die Kirche ist auf drei Ebenen gefordert: zum einen müssen wir uns der Frage aussetzen, was konkret für die palästinensischen Christen in Gaza getan wurde – und was versäumt wurde.

Ihre Zahl lag vor dem Krieg bei circa 1.000. Ob und wie es nun überhaupt noch christliches Leben in Gaza geben wird, ist wegen der fehlenden unabhängigen Berichterstattung völlig unklar. Auch Gewalt gegen Christen im Westjordanland hat zuletzt deutlich zugenommen. Das sollte uns viel mehr Sorgen bereiten!

Frage: Zweitens?

Marc Frings: Blicke ich auf die humanitäre und entwicklungspolitische Hilfe der Kirchen, die zweifelsohne beeindruckend ist. Aber ich denke, dass der aktuelle Ausnahmezustand von einer guten kirchlichen Geberkoordination abhängig ist, damit man sich nicht gegenseitig blockiert.

Und drittens müssen wir unsere christliche Überzeugung gerade jetzt zur Anwendung bringen: Relativierungen und Rechtfertigungen von Kriegshandlungen sollten uns fernliegen. Politisch gesprochen sollte Kirche alles dafür tun, damit die Politik dem Völkerrecht folgt – und nicht das Völkerrecht der Politik.

Frage: Ägyptens Präsident al-Sisi hat in Scharm el-Scheich abermals die Zwei-Staaten-Lösung als einzige Möglichkeit ins Spiel gebracht, mit der sich der Konflikt dauerhaft lösen ließe. Wie realistisch ist das?

Marc Frings: Die Zwei-Staaten-Lösung ist weiterhin internationaler Konsens. Aus völkerrechtlicher Perspektive ist sie der einzige Weg, um dem palästinensischen Selbstbestimmungsrecht gerecht zu werden.

Um sich knapp 30 Jahre nach dem Osloer Friedensprozess zwei Staaten vorzustellen, benötigt man heute sehr viel Fantasie: Der Ausbau der illegalen Siedlungen, der von Gewalt extremistischer Siedler gegen die Zivilbevölkerung begleitet wird, schreitet ungebremst voran, während die israelische Armee immer seltener dagegen vorgeht.

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Foto: Lauren Hurley/Wikimedia Commons | Lizenz: OGL 3

Frage: Das sieht nicht gerade nach Deeskalation aus…

Marc Frings: Auch ist das israelische Militär nahezu täglich in palästinensischen Städten des Westjordanlandes wieder präsent – solche Provokationen kenne ich persönlich nur aus der Zeit der Zweiten Intifada ab 2000. Zugleich hat sich das politische Spektrum Israels ins Extreme verschoben: die Stimmen jener, die offen für Annexion und Vertreibung optieren, mehren sich.

Frage: Was beobachten Sie auf der palästinensischen Seite?

Marc Frings: Auch die palästinensische Führung bereitet mir Sorgen: zwar ist Präsident Mahmud Abbas starker Befürworter einer friedlichen Konfliktregelung entlang europäischer Vorstellungen, aber auch er hält sich vor allem mittels autoritärer Herrschaftszüge an der Spitze der Autonomiebehörde: Wahlen sind seit 16 Jahren überfällig, sein Rückhalt ist sehr gering; die Spaltung zwischen Gaza und Westjordanland ist zur Normalität verkommen.

Frage: Was sollte Europa tun?

Marc Frings: Brüssel und Berlin müssen die zweite Phase von Trumps Friedensplan mit dem Anspruch verknüpfen, eine politische Rolle zu übernehmen. Natürlich muss der Zivilbevölkerung in Gaza bedingungslos geholfen werden. Aber auf die Führungen in Ramallah und Tel Aviv muss der Druck erhöht werden. Nur so können die Europäer verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen. Das passiert vor allem dadurch, dass der Plan um jene Kapitel fortgeschrieben wird, die gänzlich fehlen.

Frage: Welche sind das?

Marc Frings: In den 20 Punkten geht es nicht um die Lage im Westjordanland, es geht nicht um die palästinensische Führung in Ramallah – und vor allem geht es in keiner Zeile darum, wie der israelisch-palästinensische Konflikt selbst gelöst wird.

Gelingt eine ambitioniertere Nahostpolitik nicht, wäre es ratsam, in sämtlichen europäischen Planungsstäben Szenarien über Alternativen zur Zwei-Staaten-Lösung anzustellen. Spätestens dann sollte jedem klar werden, dass die politischen, humanitären und wirtschaftlichen Kosten einer Verhinderung palästinensischer Staatswerdung viel höhere Kosten und noch mehr Leid provozieren würde.

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„Gräben tiefer denn je“: Deutschland und der Gazakrieg

Deutschland

Zwei Jahre hieß es auch in Deutschland: Bist du für Israel oder für Palästina? Nun ist der Krieg hoffentlich zu Ende, aber das bedeutet noch lange nicht, dass man wieder miteinander redet.

Berlin (dpa). Nathan (18), ein jüdischer Kölner, war zum Zeitpunkt des Terrorangriffs der Hamas am 7. Oktober 2023 mit seiner Familie zu Besuch in Israel. „Wir waren den ganzen Tag nur vor dem Fernseher und haben israelische Nachrichten geguckt“, erinnert er sich im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Was seine Familie besonders erschütterte, waren die Bilder von feiernden Muslimen auf den Straßen von Berlin. Von Christoph Driessen

„Auch die „Free Palestine“-Proteste in der Woche nach dem 7. Oktober, es war einfach extrem schockierend, so etwas in Deutschland, in seiner Heimat, zu sehen.“ Deshalb fiel es Nathan trotz der hochgradig angespannten Lage in Israel richtig schwer, nach Deutschland zurückzufliegen. In den ersten Tagen danach wollte er nicht wieder in die Schule gehen. „Einfach weil es mich so bedrückt hat.“

Deutschland: Viele Deutschpalästinenser haben Verwandte verloren

Bedrückend war der Konflikt auch für viele Deutsch-Palästinenser, wenn auch aus anderen Gründen. Viele von ihnen verloren Familienmitglieder durch die darauffolgenden israelischen Bombardierungen.

Der Berliner Kinderarzt Qassem Massri erzählt auf Qantara.de, dass bei einem einzigen Bombenangriff 13 Verwandte von ihm umgekommen seien. Weitere Cousins seien bei anderen Angriffen gestorben. „Die letzten zwölf Monate waren die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagt er.

Der Nahost-Konflikt hat schon immer polarisiert: Jedes Mal, wenn es in der Region eine Eskalation gab, erhöhte dies auch die Spannungen in Deutschland. Aber der 7. Oktober 2023 und alles, was danach kam, hatte eine andere Dimension.

Foto: Saba-Nur Cheema

„Seitdem sind die Gräben auch bei uns hier tiefer als jemals zuvor“, sagt die Politologin Saba-Nur Cheema. „Die Empathie ist noch selektiver geworden. Viele sehen ausschließlich das Leid der einen und nie das der anderen Seite.“

Und es gab noch einen Unterschied: Zum ersten Mal bezogen große Teile der Bevölkerung in dem Konflikt Stellung. „Die Frage war: Für wen bist du – Israel oder Palästina?“, fasst es Shai Hoffmann zusammen, ein jüdischer Deutscher mit israelischer Familienbiografie, der sich in Schulen mit dem Format „Trialog“ und in seinem Podcast „Über Israel und Palästina sprechen“ für Verständigung einsetzt. In Deutschland habe sich eine Art „politische Fußball-Mentalität“ ausgebreitet, sagt er.

Die Gegenmeinung wird in den Kommentar-Foren niedergemacht

Einen Dialog gab es fast nur noch in kleinen Formaten wie dem Jüdisch-Muslimischen Salon in Berlin. Für Menschen wie Stefan Jakob Wimmer, der sich als Vorsitzender der „Gesellschaft Freunde Abrahams“ seit Jahrzehnten für den interreligiösen Dialog engagiert, war die Zeit zutiefst deprimierend.

Wimmer hält es für besonders schädlich, wenn der Dialog an Bedingungen geknüpft wird, wenn jüdische Gemeinschaften zum Beispiel sagen: Wir reden nur mit Leuten, die das Existenzrecht Israels anerkennen.

„Man muss sich eben auch das anhören, was einem nicht passt – denn es ist ja da“, ist seine Meinung dazu. „Es wird gedacht, es wird gesagt, es wird entsprechend gehandelt. Und wenn wir nicht darüber sprechen, wird alles nur noch schlimmer.“

Das Lagerdenken steht dem entgegen. Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, weiß von seiner Arbeit her, wie stark gerade Jugendliche durch Kurzvideos auf Tiktok und Instagram beeinflusst werden. „Und da ist die Polarisierung sehr ausgeprägt. Sie bekommen nur gefilterte Informationen.“

USA hass soziale medien

Foto: momius, Adobe Stock

Je nachdem in welcher Kommentar-Sektion man sich bewegt, bekommt man nur Pro-Palästina- oder nur Pro-Israel-Äußerungen zu hören. Gegensätzliche Stimmen werden niedergemacht. Es sei deshalb extrem wichtig, den Nahost-Konflikt und die damit einhergehenden Emotionen in der Schule zu thematisieren, sagt Mendel.

Shai Hoffmann hat bei seiner Arbeit in Schulen allerdings die Erfahrung gemacht, dass sich viele Lehrer nicht mehr an das Thema heranwagen. „Die krasseste Gefahr beim Sprechen über Israel und Palästina ist der Stempel des Antisemitismusvorwurfs. Dieser Vorwurf kann berufliche Existenzen zerstören, und deshalb ziehen sich extrem viele Lehrkräfte mit biografischen Bezügen lieber aus dem Diskurs raus.“

„From the River to the Sea“ – sollte das wirklich verboten sein?

Nathan erzählt, dass er an seinem Kölner Gymnasium aufgrund seines jüdischen Hintergrunds kurzerhand zum Nahost-Experten erklärt wurde.

„In einem bestimmten Unterrichtsfach wurde ich von meinem Lehrer sehr oft auf die Nahost-Situation angesprochen und gefragt, ob ich nicht gesehen hätte, was Netanjahu jetzt wieder gemacht hätte. Ich fand es schon erschreckend, wie viele Menschen mich automatisch damit verbunden haben, nur weil sie gehört hatten, dass ich jüdisch bin.“

Viele Juden fühlten sich in den vergangenen beiden Jahren alleingelassen – ein Gefühl, das sie mit Palästinensern und Muslimen teilen. „Viele Muslime haben einen Vertrauensverlust gegenüber der Mehrheitsgesellschaft und der Politik erlebt“, berichtet Politologin Cheema. „Sie empfinden es so, dass sie nicht gesehen werden.“

Für sie geht es um die Frage, wer in diesem Land Solidarität bekommt, insbesondere auch von oberster Stelle, von der Bundesregierung.

Zudem kritisieren sie eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, etwa durch das Verbot der Parole „From the River to the Sea“, die als Leugnung des Existenzrechts Israels verstanden werden kann, das sich zwischen dem Fluss Jordan und dem Mittelmeer erstreckt.

Viele ausländische Medien haben Deutschland für den strikten Umgang mit der Parole und die damit begründeten Auflösungen von Pro-Palästina-Demonstrationen scharf verurteilt.

Nun ist die große Hoffnung da, dass der Krieg im Gazastreifen auf Dauer zu Ende ist – und damit auch der Dialog in Deutschland wieder in Gang kommt. Allerdings besteht Einigkeit darüber, dass dies ein langer und steiniger Weg werden wird. „Es wird lange dauern, neue Beziehungen aufzubauen, wieder aufeinander zuzugehen“, analysiert Cheema.

Sie selbst ist da die große Ausnahme: Aufgewachsen in einem konservativ-muslimischen Umfeld in Frankfurt, ist sie heute mit dem in Israel geborenen Meron Mendel verheiratet. Das Ehepaar engagiert sich seit Jahren im jüdisch-muslimischen Dialog, arbeitet gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit.

Polizeischutz vor einer Synagoge in Berlin. (Foto: Tobias Arhelger, Shutterstock)

Nathan sieht für sich keine Zukunft mehr in Deutschland

Viele andere glauben nicht mehr an eine Wende zum Guten. „Ich bin ganz klar der Meinung, dass das Verhältnis zerrüttet ist“, sagt Nathan, der dieses Jahr Abitur gemacht hat. „Die Gesellschaft hat sich durch diesen Konflikt zu sehr gespalten.“

Sieht er seine persönliche Zukunft in Deutschland? „Nein, auf keinen Fall“, ist die Antwort. „Wenn ich langfristig denke, möchte ich in diesem Deutschland mit wachsendem Antisemitismus keine Familie großziehen. Man fühlt sich einfach extrem unsicher hier. Dass ich mit meiner Davidstern-Kette über dem T-Shirt nicht über die Straße gehen kann, ohne mit Gewalt oder Beleidigungen zu rechnen, das ist traurig.“ Dabei ist das Land doch seine Heimat, alle seine Freunde leben hier. „Aber so wie die aktuelle Situation ist, sehe ich keine Zukunft in Deutschland.“

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Druck auf Israel steigt. Bundesregierung zusehend international isoliert

Bundesregierung

Zwar möchte die Bundesregierung mit Hilfslieferungen aus der Luft Symbole setzen, lehnt EU-Sanktionen gegen Israel aber weiterhin ab. Weltweit isoliert sie sich damit zusehend.

(dpa, kann, iz). Israel sieht sich wegen der katastrophalen Zustände im umkämpften Gazastreifen einem immer stärkeren weltweiten Druck zum Handeln ausgesetzt. 

Laut Experten für Ernährungssicherheit zeichnet sich in dem Küstengebiet „das schlimmste Szenario einer Hungersnot“ ab. Sollte die israelische Regierung nicht wesentliche Schritte unternehmen, diese entsetzliche Situation zu beenden und sich zu einem langfristigen, nachhaltigen Frieden bekennen, werde Großbritannien – so wie Frankreich – den Staat Palästina anerkennen, warnte der britische Premier Keir Starmer.

Das Tel Aviver Außenministerium kritisierte diesen Vorstoß mit scharfen Worten. Die Anerkennung Palästinas als Staat wäre eine „Belohnung für die Hamas“ und würde die Bemühungen um eine Waffenruhe im Gazastreifen sowie die Freilassung der noch immer von der Hamas und anderen Extremisten festgehaltenen Geiseln beeinträchtigen, hieß es in einer Mitteilung.

UN-Generalsekretär mit harter Kritik an Israel

Bei einer Konferenz zur Beilegung der Gewalt im Nahen Osten hat UN-Generalsekretär António Guterres harte Kritik an die israelische Regierung gerichtet. Weder die Terrorangriffe der Hamas vom 7. Oktober 2023 seien durch irgendetwas zu rechtfertigen, noch die „Austilgung Gazas, die sich vor den Augen der Welt entfaltet hat“, sagte Guterres am Montag in New York bei der von Frankreich und Saudi-Arabien ausgerichteten Tagung, an der Israel nicht teilnimmt.

Das Aushungern der Bevölkerung, die Tötung Zehntausender Zivilisten, eine weitere Zersplitterung der besetzten Palästinensergebiete und die Ausweitung der Siedlungen, weiter die Zunahme der Siedlergewalt gegen Palästinenser, Hauszerstörungen und eine Verschiebung der demografischen Verhältnisse bis hin zu offenen Annexionsplänen seien „Teil einer systemischen Realität, die die Bausteine für den Frieden demontiert“, so Guterres.

Eine Konfliktlösung müsse die Wahrheit zur Kenntnis nehmen, dass man an einer Belastungsgrenze angelangt sei. Die Zwei-Staaten-Lösung sei „ferner als je zuvor“.

gaza krieg Gazastreifen

Foto: Anas-Mohammed, Shutterstock

Die meisten Opfer sind Zivilisten

Seit Beginn des Gaza-Kriegs vor fast 22 Monaten sind nach Angaben der Gesundheitsbehörde bislang 60.034 Palästinenser ums Leben gekommen. 145.870 weitere erlitten demnach Verletzungen, wie es in einer Mitteilung der Behörde hieß. Es soll sich bei der Mehrheit der Opfer um Frauen, Minderjährige und ältere Menschen handeln.

Der Krieg, die israelische Kriegführung gegen Medien sowie die Kontrolle der Hamas machen es seit Kriegsbeginn schwierig, unabhängig Zahlen zu erheben. Zumal (gerade in Deutschland) der instrumentalisierte Vorwurf, alle Angaben würden von der Hamas stammen, zur Geringschätzung von Opferzahlen führt.

90 % der zwei Mio. Palästinenser wurden nach laut Hilfsorganisationen durch die Kampfhandlungen teils mehrfach in die Flucht getrieben. Die zivile Infrastruktur – Krankenhäuser, Schulen, Moscheen, Betriebe – wurde demnach weitgehend zerstört.

CARE: Gaza braucht einen Waffenstillstand

„Die israelische Ankündigung über eine einwöchige humanitäre Pause in bestimmten Teilen des Gazastreifens, die Einrichtung sicherer Routen für UN-Konvois sowie die vorübergehende Aufhebung von Zöllen auf bestimmte Hilfsgüter wie Medikamente ist keine Lösung für den Massenhunger und die von Menschen verursachte humanitäre Krise in Gaza“, erklärte die Hilfsorganisation CARE am Dienstag.

Die Forderung nach einem Waffenstillstand erhob zuvor Bundeskanzler Merz in einem Telefonat mit Premier Netanjahu. Netanjahu müsse „alles in seiner Macht Stehende“ unternehmen, um umgehend einen Waffenstillstand zu erreichen, erklärte Regierungssprecher Stefan Kornelius am 27. Juli in Berlin.

Beinahe zwei Jahre täglicher Gewalt, Zerstörung, Vertreibung, systematischer Behinderung humanitärer Hilfe sowie Belagerung und Aushungerung ließen sich nicht durch einzelne Maßnahmen rückgängig machen. Um die verheerenden Folgen auch nur ansatzweise zu lindern, bedürfe es eines langfristigen, koordinierten und ganzheitlichen Ansatzes.

„Ebenso wenig können Hilfslieferungen, die aus der Luft abgeworfen werden, eine verantwortungsvolle, gerechte und gezielte humanitäre Versorgung ersetzen. Sie haben sich bereits als gefährlich, entwürdigend und unzureichend erwiesen. Besonders gefährdet sind ohnehin bereits unterernährte Menschen, darunter Frauen, Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderung.“

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Foto: Deutscher Bundestag / Thomas Köhler / photothek

Bundesregierung bremst bei Sanktionen

Deutschland und mehrere andere EU-Staaten wollen einem Vorschlag zur Sanktionierung Israels wegen der katastrophalen humanitären Lage in Gaza vorerst nicht zustimmen.

Bei Beratungen im Ausschuss der ständigen Vertreter der Mitgliedstaaten in Brüssel habe deswegen keine schnelle Einleitung des Entscheidungsverfahrens vereinbart werden können, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur von Diplomaten. Konkret hatte die EU-Kommission am 28. Juli empfohlen, die Teilnahme Israels am Forschungsförderungsprogramm Horizon Europe teilweise auszusetzen.

Die Bundesregierung forderte die Tel Aviv bei einer UN-Konferenz zur Zweistaatenlösung in New York zu einer Kursänderung auf. „Als Deutschland haben wir gesagt, dass wir einen palästinensischen Staat eher am Ende solcher Verhandlungen anerkennen würden. Das ist weiterhin unsere Position – aber wir sehen, dass die derzeitige israelische Politik in die entgegengesetzte Richtung weist“, sagte Staatsminister Florian Hahn. Dies sei „völlig falsch“ und diene nicht den langfristigen Sicherheitsinteressen Israels.

Mit Zweistaatenlösung ist die Schaffung eines unabhängigen palästinensischen Staates gemeint, der friedlich Seite an Seite mit Israel existieren soll. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte kürzlich angekündigt, Ende September vor der UN-Generalversammlung in New York Palästina als Staat anzuerkennen. Anders als Deutschland droht nun auch Großbritannien damit.

Von vielen Beobachtern, Experten und Historikern wird eine solche Lösung als unrealistisch und nicht machbar eingestuft. Vielmehr sei sie ein internationales Feigenblatt, um Grundfragen des Nahostkonflikts nicht angehen zu wollen.

Arabische Länder fordern Ende der Hamas-Herrschaft

Mehrere arabische Staaten, darunter die zwischen Israel und der Hamas vermittelnden Länder Ägypten und Katar, forderten unterdessen bei der UN-Konferenz zur Zweistaatenlösung ein Ende der Hamas-Herrschaft im Gazastreifen. In einem siebenseitigen Dokument, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, verlangten insgesamt 17 Länder konkrete Schritte für ein Ende des Konflikts.

„Der Krieg in Gaza muss jetzt enden“, heißt es zu einer der Voraussetzungen für das Ziel einer Zweistaatenlösung, zu der Israel sich bekennen müsse. In dem Dokument wird ebenfalls das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 verurteilt, das den Krieg auslöste.

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Der Krieg im Spiegel der Titelseiten

krieg cover titelseiten

Der Krieg in Nahost findet auf den Covern von Spiegel, Focus und Stern kaum statt. Palästinensisches Leid ist nahezu unsichtbar, Empathie gibt es nur mit Israelis. Ein Titelseiten-Check ab dem 7. Oktober 2023.

(iz). 700 Tote in nur drei Tagen, darunter über 200 Kinder. Mit einem kaum vorstellbaren Maß an Gewalt hat Israel die „Waffenruhe“ im Gazastreifen beendet. Im starken Kontrast zum Ausmaß des Massakers:

Die Gleichgültigkeit der deutschen Öffentlichkeit. Während die israelische „Haaretz“ vom „größten Massaker an Kindern in der Geschichte Israels“ schreibt, ist das auch mit deutscher Unterstützung begangene Verbrechen hierzulande kaum ein Thema.

Krieg auf den Titelseiten: Tote Palästinenser werden kaum wahrgenommen

Knapp anderthalb Jahre nach Beginn des Krieges in Nahost nehmen die meisten deutschen Medien tote Palästinenser kaum noch wahr. Auch in den großen deutschen Nachrichtenmagazinen sind die jüngsten israelischen Angriffe kein Thema.

Weder „Spiegel“, noch „Stern“ oder „Focus“ erwähnen den Angriff in ihren aktuellen Ausgaben auch nur mit einem Wort. Ihre Titelseiten widmen die Magazine Buchempfehlungen („Der Spiegel“), Reisetipps („Focus“) und einer Debatte rund um die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr („Der Stern“).

Ich wollte wissen: Wie berichten Deutschlands wichtigste Nachrichtenmagazine auf ihrer wichtigsten Seite über eines der wichtigsten Nachrichtenthemen der letzten anderthalb Jahre? Ist das Desinteresse gegenüber dem aktuellen Massaker in Gaza nur die Ausnahme von der Regel oder ignorieren Spiegel, Stern und Focus konsequent das Leid in Nahost?

Um das herauszufinden, habe ich mir die Cover aller Ausgaben, die zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 21. März 2025 erschienen sind, genauer angeschaut. Insgesamt kommen Spiegel (75), Focus (74) und Stern (76) in dieser Zeit auf 225 Ausgaben. Jede Menge Platz also, um den zahllosen einschneidenden Ereignissen im Nahen Osten der letzten anderthalb Jahre gerecht zu werden.

Auf den Covern spielt der Krieg keine große Rolle

Das könnte man zumindest meinen. Doch der Krieg in Nahost findet auf den Titelseiten der großen deutschen Nachrichtenmagazine kaum statt. Insgesamt 15 Titelgeschichten beschäftigen sich im weitesten Sinne mit dem Thema – Ausgaben mit innenpolitischem (z.B. Antisemitismus in Deutschland) oder symbolischem (Kufiya-tragender Islamist) Bezug zum Thema mit eingerechnet. Das von Israel in der Region verursachte Leid wird sogar nur auf 3 Covern sichtbar gemacht.

Mit 7 Titelseiten räumte der „Der Spiegel“ Ereignissen rund um den Krieg im Nahen Osten am meisten Platz ein, „Focus“ und „Stern“ kamen auf je 4 Cover. Zum Vergleich: Allein Olaf Scholz schaffte es in dem Zeitraum 8-mal auf das Spiegel-Cover.

Der US-Wahlkampf und seine Protagonisten fand dort sogar 10-mal statt. Im „Focus“ kamen unterdessen auf jede Titelseite mit Nahost-Bezug sechs mit Themen rund um Gesundheit und Ernährung (24).

Ungleichgewichte bei der Darstellung

Große Unterschiede gibt es, schaut man sich an, worüber genau die großen Nachrichtenmagazine berichten – und worüber nicht. Mitfühlende Titelbilder, beispielsweise von weinenden Menschen, gibt es in „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ fast nur dann, wenn die Opfer Israelis oder Juden sind.

Das Desinteresse der großen deutschen Nachrichtenmagazine verwundert umso mehr, als dass es in anderthalb Jahren Krieg in Nahost eigentlich jede Menge Ereignisse von großem Nachrichtenwert zu berichten gegeben hätte.

Foto: Sharaf Maksumov, Shutterstock

Die Tötung von zehntausenden Menschen, das systematische Aushungern und Vertreiben von Millionen, die Zerstörung ganzer Städte, die unzähligen Massaker und Brüche des Völkerrechts, der Einmarsch Israels in den Libanon und nach Syrien, die Vorwürfe des Völkermordes… all das fand auf den Titelseiten der großen deutschen Nachrichtenmagazine nicht statt.

Es liegt nicht an der Konkurrenz von Themen

Man kann einwenden, dass der Krieg in Nahost nicht das einzige nachrichtlich wichtige Ereignis ist. Das stimmt. Krieg in der Ukraine, Wahlkampf in den USA, Neuwahlen in Deutschland, Migrationsdebatte, Klimakrise… In den vergangenen anderthalb Jahren gab es viele Themen, über die berichtet werden konnte und musste.

Doch „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ interessierten sich selbst dann nicht für den Krieg in Nahost, wenn nachrichtlich kaum Konkurrenz bestand.

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Foto: IDF Spokesperson’s Unit, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Während Ende Dezember im Gazastreifen bereits über eine Million Menschen auf der Flucht waren, israelische Panzer auf Khan Younis vorrückten und fast täglich Massaker mit über 200 Toten Schlagzeilen machten, erfuhren Spiegel-Leser mehr über „Die Macht des Mondes“ (1/25).

Als am 26. Januar 2024 der Internationale Gerichtshof (IGH) in Israels Kriegshandlungen Anzeichen für einen Völkermord sah, lautete die Titelgeschichte des „Focus“: „Besser Schlafen“ (6/24).

Zerstörung und Leid in Gaza, der Westbank, dem Libanon, Syrien oder Jemen spielt auf den Titelseiten der drei so gut wie keine Rolle. Menschen aus Palästina, Libanon o.a. – sowie ihre Unterstützer – begegnet man auf den Covern aber trotzdem – nicht als Betroffene von Gewalt, sondern als Aggressoren, Feindbilder und Klischees.

„Greta Thunberg und die linken Feinde Israels.“ So lautet am 18. November 2023 die Titelgeschichte im „Spiegel“ (47/23). Einen Monat später blickt ein maskierter Kämpfer sowie Hamas-Chef Sinwar bedrohlich vom Cover des Nachrichtenmagazins: „Lässt sich die Hamas besiegen?“ (51/23). Palästinenser sind auf dem Cover des „Focus“ nur einmal zu sehen.

Unter der Überschrift „Die Schattenkrieger“ blicken Anfang April 2024 mehrere Männer von der Titelseite des Magazins. Zu sehen sind u.a. die seit 20 Jahren in Israel inhaftierte palästinensische Widerstandsikone und in westlichen Medien häufig als „palästinensischer Mandela“ bezeichnete Marwan Barghouti.

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Drei aktuelle Bücher vorgestellt

bücher ruhe wohlbefinden

In Ausgabe 358 stellen wir drei Bücher vor: eine Ausgabe des „Dala‘il Khayrat“, eine Hadithsammlung der DITIB-Akademie sowie einen Band über den Nahostkonflikt vor.

Bücher: Erstmals liegt das „Dala’il Khayrat“ auf Arabisch, Deutsch und Lautschrift vor

(iz). Anfang Februar traf bei mir ein Paket des neuen Verlags Hic Salta Press ein. Salim Spohr, Besitzer des gleichnamigen Verlags Spohr Publishers (mittlerweile bei Plural Publications) hat ein neues Projekt ins Leben gerufen. In dem Päckchen befand sich die liebevoll produzierte Neuausgabe des beliebten Bandes mit Bittgebeten und Segenswünschen auf den Propheten „Dala’il Khayrat. Wege zum Glück“.

Der klassische Text ist eine in der islamischen Welt berühmte Sammlung von Gebeten für den Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Verfasst wurde sie vom marokkanischen Gelehrten Al-Jazuli im 15. Jahrhundert. Es handelt sich um eine bedeutende Zusammenstellung von Segenswünschen und Bittgebeten für den Gesandten Allahs.

Der Text, dessen Zweck die praktische, regelmäßige Rezitation ist, wurde von seinem Autor zweigeteilt. Im ersten, kürzeren Abschnitt finden sich einleitende Gebete, die schönsten Namen Allahs sowie die 201 Namen des Gesandten Allahs sowie eine Beschreibung der Rauda. Der zweite, wesentlich längere Abschnitt besteht aus Gebeten für den jeweiligen Wochentag.

Die „Dala’il al-Khayrat“ werden in Teilen der islamischen Welt – insbesondere in Nordafrika, der Levante, der Türkei, dem Kaukasus und Südasien – von Muslimen häufig rezitiert. In einigen Tariqats, vor allem der Schadhiliya, ist ihre tägliche Rezitation eine feste Praxis.

Sein Autor, Imam Muhammad Al-Jazuli (auch Sidi Ben Sliman), war ein bedeutender marokkanischer Sufi und Gelehrter. Er führte seine Abstammung auf den Propheten zurück, studierte zuerst in südmarokkanischen Region des Sous und besuchte dann eine Madrassa in Fes. Einen großen Abschnitt seines Lebens verbrachte der Imam auf Reisen in der muslimischen Welt. Sein Todesjahr wird mit 1465 angegeben. Sein Grab liegt in Marrakesch, wo er als einer der „Sieben Heiligen“ der Stadt gilt.

Neben dem arabischen Text (links) ist die deutsche Übersetzung sowie die Umschrift (beide rechts) enthalten. Kunden können sich beim Verlag darüber hinaus via QR-Code ein 50-seitiges PDF mit Anmerkungen und einer Einführung herunterladen. Allen Lesern sei dieses Dokument ans Herz gelegt. Es enthält nicht nur Informationen über den Entstehungsprozess der Gebetssammlung und ihren Autor, sondern macht sie auch verständlicher und eröffnet bspw. Bezüge zum Qur’an und zur Tradition in den „Dala’il Khayrat“. (sw)

Muhammad bin Sulayman al-Jazuli, Dala‘il al-Khayrat – Wege zum Glück, Hic Salta Press, 2025, 320 Seiten, Hardcover, ISBN 9789963401499, Preis: EUR 30.–

Die DITIB-Akademie stellt den Din durch die Überlieferungen vor

(iz). Am 23. Januar wurde in der Kölner DITIB-Zentrale im feierlichen Rahmen die siebenbändige Übersetzung des Hadith-Werkes „Der Islam – Aus den Überlieferungen“ vorgestellt. Bei dem Event nahmen Gäste aus dem In- und Ausland teil. 

Nach Angaben des Verbands hat die Buchreihe den Zweck „die vorbildlichen Haltungen und Verhaltensweisen des Propheten Muhammad“ und seine Botschaft zu vermitteln. Am Entstehen des Werkes haben nach DITIB-Angaben bis zu 85 Autoren mitgearbeitet. Ihr Ziel sei die Darstellung des prophetischen Beispiels „in einer verständlichen Sprache“ gewesen.

prophet sunna

Foto: Archiv

Die siebenbändige Sammlung besteht aus acht Abschnitten: 1. Allah, die Welt des Seins, der Mensch und die Religion. 2. Das Wissen. 3. Der Glaube. 4. Die Gottesdienste. 5. Das tugendhafte Verhalten (arab. ahlaq). 6. Das soziale Leben 7. Geschichte und Zivilisation und 8. das Jenseits. Der erste Band leitet in das Werk mit einer umfassenden Einführung ein. Darin geht es um die Entstehungsgeschichte der Hadithe, ihre respektive Literatur sowie den Begriff und die Praxis der Sunna.

„Bei dieser von einer Autorengemeinschaft zusammengestellten Arbeit handelt es sich vor allen Dingen nicht um ein Werk, das die Hadîthe zu den unterschiedlichen Themen lediglich nacheinander aufreiht, sondern um eins, das themenzentriert vorgeht“, hieß es in einer Vorstellung des Werks. (lm)

Derzeit ist der 1. Band der Sammlung über den DITIB-Shop zu beziehen: Der Islam – Aus den Überlieferungen, Ditibverlag, Hardcover, 781 Seiten, ISBN 978-3-946689-58-4, Preis: EUR 29,90

Ein mutiger Sammelband

Dr. Muhammad Sameer Murtaza gehört zu den klügsten Köpfen der muslimischen Gemeinschaft. In den letzten Jahren hat er sich mit relevanten Beiträgen zur Geschichte der Philosophie, zum interreligiösen Dialog sowie neuzeitlichen Phänomenen wie Extremismus zu Wort gemeldet. Dabei hat er mutig nicht vor klugen Debattenbeiträgen zurückgeschreckt.

In seinem Band „Israel, 7. Oktober: Judenhass, Muslimhass und die deutsche Suche nach Identität“ widmet sich der Theologe und Philosoph einem Thema, das für Deutsche, Muslime und Juden gleichermaßen mit Stolperfallen und Missverständnissen übersät ist.

Der Band befasst sich mit den komplexen Beziehungen zwischen Juden und Muslimen in Deutschland, insbesondere im Kontext der Events vom und nach dem 7. Oktober 2023.

seuchen krieg

Foto: A-One Rawan, Shutterstock

Wie kaum ein anderes Gegenwartsereignis hat dieses Datum weltweit die Verhältnisse nachträglich beeinträchtigt. Das Spektrum reicht vom geschwundenen Respekt für das Völkerrecht, über die Glaubwürdigkeit westliche Werte-Diskurse bis zur muslimischen Position gegenüber nihilistischem Hamas-Terror sowie der Instrumentalisierung unserer Vergangenheit zur Mobilisierung antimuslimischer Ressentiments.

Inhaltlich besteht das vorliegende Buch aus einer Sammlung von Artikeln und Interviews, die von Dr. Murtaza veröffentlicht wurden. Ihm ist ein Vorwort des deutsch-britisch-israelischen Wissenschaftlers und Autors David Ranan vorangestellt. Der Nachkomme von Holocaustüberlebenden beschreibt im Vorwort ein Grunddilemma, dass die innerdeutsche Diskussion seit Oktober 2024 beeinflusst:

„Der 7. Oktober hat das Leben für Muslime nicht einfacher gemacht. Und – wie wir wissen – auch nicht für Juden. Wie sollen wir alle, die Mehrheitsgesellschaft, Muslime und Juden, mit dem 7. Oktober und seinen Folgen umgehen (…)?“ (ak)

Dr. Muhammad Sameer Murtaza, Israel, 7. Oktober: Judenhass, Muslimhass und die deutsche Suche nach Identität, tredition, Dezember 2024, Taschenbuch, 148 Seiten, ISBN 978-3384458421, Preis: EUR 16,99

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Das Vertrauen verloren: Viele misstrauen der Nahost-Berichterstattung

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Während die israelische Führung den Nahostkrieg auf den Südlibanon ausweitet: Das Vertrauen der Bundesbürger an der deutschen Nahost-Berichterstattung schwindet. Berlin (iz). Seit dem heutigen Dienstag befinden sich erstmals seit 2006 […]

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Das Unbehagen. Über den Nahostkonflikt und seine zivilisatorische Bewältigung

Freilassung Nahostkonflikt schrecken

Zum Jahrestag des 7. Oktobers: ein Essay von IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger über die Möglichkeit einer zivilisatorischen Bewältigung des Nahostkonflikts. 

(iz). „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930) gehört zu den einflussreichsten Schriften vom Sigmund Freud, dem Arzte und Begründer der Psychoanalyse. Er argumentiert, dass Kultur und Zivilisation notwendig sind, um das Zusammenleben von Menschen zu ermöglichen. Aus seiner Sicht bestimmen natürliche Triebe den Menschen, die von der Kultur unterdrückt werden müssen, um ein friedliches und geordnetes Miteinander zu gewährleisten.

Nahostkonflikt: Gibt es einen zivilisatorischen Umgang?

Die aktuelle Lage – angesichts der Kriege im Nahen Osten und in Osteuropa haben beide das Potenzial, sich zu globalen Konflikten zu entwickeln, schlimmstenfalls mit dem Einsatz von Atomwaffen – erinnert an eine der Schicksalsfragen, die Freud sich in diesem Kontext stellte. Sie besteht darin, ob es den Menschen in ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden.

Der Gründer der Psychoanalyse schrieb: „Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe jetzt leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung.“

Foto: Ferdinand Schmutzer | Lizenz: gemeinfrei

Freud untersuchte die Rolle der Religion in der Kultur. Er argumentiert, dass sie oft als Antwort auf das Unbehagen in der Kultur fungiert, indem sie den Menschen Trost bietet und Erklärungen für sein Leiden liefert. Er sah in religiösen Gefühlen jedoch eher eine Illusion, die dazu dient, die unbewältigte Angst und das Unbehagen des Einzelnen zu lindern.

Unbestritten ist bis heute ihre Bedeutung für die Entwicklung unserer ethischen Grundsätze. Im 21. Jahrhundert sehen allerdings viele Menschen in der Ausübung von Religion keinen Beitrag zum Frieden. Die Beispiele der – modernen – Verbindung von religiöser Praxis und politischer Ideologie, mit dem Ziel, gesellschaftliche Macht oder Dominanz in einem Staat auszuüben, nährt diese Sorge. Den Gläubigen bleibt es aufgetragen, gerade jetzt Ihren Beitrag zur Völkerverständigung, zum Frieden und zur Stärkung der Zivilgesellschaft herauszustreichen.

Ein Tag des Schreckens

Fest steht, der 7. Oktober 2023 war ein Tag des Schreckens, ein Gewaltausbruch sowie ein Massaker an unschuldigen Zivilisten in Israel. Das Schicksal der unbeteiligten Geiseln, die in den Gazastreifen verschleppt wurden, bleibt eine andauernde menschliche Katastrophe.

Die Taten wurden ausgeführt von Terroristen, die sich ausdrücklich auf ihre Interpretation des islamischen Rechts berufen. Sie können keine Vorbilder sein. Diese Ereignisse wirken bis heute im Bewusstsein und im kollektiven Gedächtnis fort. Es gehört zur Tragik der Konflikte im Nahen Osten, dass allein schon die Aufarbeitung eines Tages eine Generationenaufgabe darstellt.

Foto: council.gov.ru, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 4.0

Im Rückblick war es im Oktober letzten Jahres geboten, zunächst schlichte Anteilnahme zu zeigen und unsere Empörung über diese Taten auszudrücken. Unter dem Eindruck des menschlichen Leids galt es, einen Moment innezuhalten, statt allzu schnell in die historische Einordnung und politische Analyse überzugehen.

Wenn es aber an solchen Tagen überhaupt so etwas wie eine politische Botschaft geben konnte, dann eben die Klarstellung, dass es keinen Zweck geben kann, der das Töten und Vergewaltigen von Zivilisten rechtfertigt – insbesondere, wenn man die islamischen Lehre ernst nimmt und nicht politischen Zielen unterwirft. 

Die Schockstarre vieler Muslime an diesem Tag erklärt sich möglicherweise aus den dunklen Vorahnungen über die zu erwartende Reaktion der israelischen Regierung auf diesen terroristischen Angriff. Viele sind seit Jahrzehnten mit dem Konflikt vertraut, kennen die erbarmungslosen Gesetze der Eskalation in der Region und sind in oftmals auch direkt familiär betroffen.

In Deutschland leben Familien palästinensischer Abstammung, die den Tod von Dutzenden unschuldigen Angehörigen betrauern. Nicht nur sie ahnten bereits im Oktober, was wir heute mit trauriger Gewissheit bezeugen: Die Zivilbevölkerung in Gaza musste einen unvorstellbaren Preis bezahlen. Es starben Zehntausende, darunter viele Frauen und Kinder. Die aktuellen Zustände in der Region begründen den verbreiteten Argwohn, dass es letztlich um die endgültige Vertreibung der Palästinenser aus dem Gazastreifen geht.

Gewalt journalisten

Foto: Marwan Hamouu, Shutterstock

Es folgte die Schlacht der Bilder

Im Internet tobt seit Monaten die Schlacht der Bilder, denen Konsumenten aus aller Welt ausgesetzt sind. Die psychologischen Folgen dieser Tortur sind ungewiss und gefährden den gesellschaftlichen Frieden. In den 1970er Jahren hat die amerikanische Kulturkritikerin Susan Sonntag ihre Essays über die Fotografie veröffentlicht; eine Technik, deren politische Dimension sie schon weit vor der Bilderflut heutiger Tage begriff.

Sie schreibt: „Die fotografisch vermittelte Erkenntnis der Welt ist dadurch begrenzt, daß sie, obzwar sie das Gewissen anzustacheln vermag, letztlich doch nie ethisch oder politisch Erkenntnis sein kann.“ Die Absender der Bilder, so Sonntag weiter, lassen die Welt verfügbarer scheinen, als sie tatsächlich ist. Sinn und Bedeutung ergeben sich erst, wenn wir die Abbildungen von Leid und Tod nicht einfach verdrängen, sondern in ein sinnvolles Narrativ einfügen.

Muslime und die „Staatsräson“

Über viele Jahre waren in der Bundesrepublik die Verbrechen gegen die Juden, der Holocaust sowie die Etablierung eines jüdischen Staates im Nahen Osten in einer tragischen Kausalkette miteinander verwoben. Das Bekenntnis, wonach der Schutz des jüdischen Lebens in Deutschland, aber auch in Israel, eine Staatsaufgabe ist, ergibt sich aus dieser historischen Verantwortung. Es gibt keinen Grund, warum sich deutsche Muslime diesem gesellschaftlichen Konsens entziehen sollten.

Auf der anderen Seite schadet es der Debatte über die ethischen Konsequenzen des 7. Oktobers nicht, wenn insbesondere Muslime betonen, dass eine weitere Lehre der deutschen Geschichte darin besteht, generell nicht zu schweigen, wenn sich ein Genozid in der Welt ereignet. Und die Delegitimierung der Institutionen des internationalen Völkerrechts stärkt sicher nicht die Achtung der Menschenrechte, die sich aus den historischen Erfahrungen Europas ergab.

seuchen krieg

Foto: A-One Rawan, Shutterstock

Die Narrative der Menschen zur Kenntnis nehmen

Zu einer gerechten Einordnung der Konflikte des Nahen Osten gehöret, die Narrative beider Konfliktparteien – also auch die Geschichte der Palästinenser – zur Kenntnis zu nehmen. Hierzu bietet zum Beispiel eine aktuelle Veröffentlichung von Michael Lüders („Krieg ohne Ende“) die Gelegenheit, der ausdrücklich die palästinensische Sicht in den Diskurs einführt. Jenseits von Gut und Böse erzählt der Autor eine Geschichte des Scheiterns der Zweistaatenlösung sowie die schleichende Radikalisierung der beteiligten politischen Akteure auf beiden Seiten.

Man wird durch die Lektüre eines einzelnen Buches kein endgültiges Urteil fällen können, aber zumindest seinen Horizont erweitern. Vielsagend zitiert der Nahostexperte auf der ersten Seite seines Textes den französischen Schriftsteller André Gide: „Glaube denen, die die Wahrheit suchen und zweifle an denen, die sie gefunden haben“. Der Leitspruch passt zur Situation in diesem endlosen Krieg. Denn angesichts der Abgründe, die sich bis heute offenbaren, muss man ideologisch einigermaßen verblendet sein, um die ganze Schuld für die Eskalation nur allein bei einer Seite zu finden.

Gibt es Hoffnung im Nahostkonflikt?

Angesichts der menschlichen Tragödie in und außerhalb von Israel und Palästina gehört zur Hoffnung dieser Tage, dass eine zivile, differenzierende Debatte über dieses Thema ohne Hass und Hetze möglich bleibt.

Unsere Politik, die wir letztendlich als BürgerInnen des Landes am Wahltag beurteilen, muss sich daran messen lassen, ob sie wirklich die Voraussetzungen fördert, dass Israelis und Palästinenser endlich einen würdevollen Ausgleich ihrer legitimen Interessen finden. Dabei muss ein Minimalkonsens darin bestehen, dass weder der Widerstand gegen eine Besatzung noch die Verteidigung eines Landes zu Kriegsverbrechen berechtigen.

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Mendel: Nahostkonflikt ist ein „Topthema an jeder Schule“

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Unter Schülerinnen und Schülern ist der Nahostkonflikt nach Einschätzung des Historikers Meron Mendel ein „Topthema“. (KNA). TikTok statt Geschichtsstunde: Dass junge Menschen sich zunehmend in den Sozialen Medien informieren, hat […]

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