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Ökologie: Wie funktioniert „grüner Islam“?

grüner islam

Grüner Islam: Während die Welt mit unzähligen Umweltproblemen zu kämpfen hat, zeigen immer mehr Studien, dass Religion dabei eine wichtige Funktion hat.

(The Conversation/iz). Sie beeinflusst die Weltanschauung der Menschen, einschließlich ihrer Einstellung zur Natur und ihrer Rolle darin. Dies gilt ebenfalls für den Islam, eine der größten und am schnellsten wachsenden Glaubensbewegung der Welt. Von Eva F. Nisa & Faried F. Saenong

Seine Lehren zum Schutz der Umwelt können uns hier helfen, besser auf die ökologische und klimatische Krise zu reagieren. Die muslimische Sphäre kann dabei insbesondere auf Beispiele wie Indonesien blicken, wo die „Green Islam“-Bewegung wächst.

Auch in Deutschland gibt es ebenso Ansätze, die seit Jahren unter großer Anteilnahme von Projekten wie NourEnergy dargelegt werden.

Schauen wir uns also einmal genauer an, wie die islamischen Lehren den Schutz der Natur fördern und eine gemeinsame Grundlage für Umweltmaßnahmen über Glaubens- und Kulturgrenzen hinweg schaffen.

Im Din werden wir als Khalifa oder Verwalter der Welt bezeichnet. Die Lehre besagt auch, dass der Islam „eine Gnade für alle Geschöpfe“ ist. Das bedeutet, dass Muslime für das Wohlergehen sämtlicher Lebewesen auf der Erde verantwortlich sind – Menschen, Tiere, Pflanzen, Land und Wasser. Der Schutz der Umwelt gilt als Akt der Verehrung.

Die Farbe Grün hat seit jeher eine Bedeutung. Sie soll die Lieblingsfarbe des Propheten Muhammad, Heil und Segen auf ihm, gewesen sein und symbolisiert Hoffnung, Paradies und neues Leben. Der Qur’an – die heilige Offenbarung des Islam und Hauptquelle seiner Lehre – befasst sich häufig mit der Natur.

Er beschreibt den Himmel, Bäume, Flüsse und Tiere sowie ihre Schönheit. Er erinnert die Menschen auch daran, in Mizan, im Gleichgewicht mit der Umwelt, zu leben, beispielsweise in Versen wie: „Den Himmel hat Er emporgehoben und die Waage aufgestellt, damit ihr beim Wägen nicht das Maß überschreitet.“ (Ar-Rahman, Sure 55, 7)

Die Hadithe, eine weitere Quelle der Lehre, fördern ebenfalls den Umweltschutz. Sie sind eine Sammlung von Worten, Taten und Zustimmungen, die dem Gesandten Allahs, Heil und Segen auf ihm, zugeschrieben werden.

Die Geburt eines „Grünen Islam“

Während der Qur’an und die Hadithe schon seit Langem über die Natur sprechen, ist die Bewegung des „Grünen Islam“ erst vor kurzem entstanden. Muslimische Gelehrte wie Seyyed Hossein Nasr gehörten zu den frühen Stimmen, die diese Idee formulierten.

In den späten 1960er Jahren argumentierte er, dass Umweltprobleme nicht nur physischer, sondern auch geistiger und moralischer Natur seien. Er war der Ansicht, dass Menschen unabhängig von ihrem Glauben wieder zu spirituellen Werten zurückfinden sollten, die Achtsamkeit und Ausgewogenheit lehren.

In den folgenden Jahrzehnten, als sich die Degradierung der Ökologie verschärfte, wurden immer mehr Stimmen laut, die eine auf islamischen Grundsätzen basierende Verantwortung für die Umwelt forderten. Dies wurde durch eine wachsende Zahl von Forschungsarbeiten unterstützt, die sich mit der Beziehung zwischen Allahs Din und dem Umweltschutz befassten.

In den letzten 25 Jahren hat sich der „grüne Islam“ von der Theorie zur Praxis entwickelt. Heute werden diese Ideen in vielen muslimischen Ländern und Gemeinschaften auf der ganzen Welt umgesetzt.

Foto: Langgeng A. Utomo

Indonesien steht im globalen Rampenlicht

Indonesien steht vor einer Reihe dringender Umweltprobleme, darunter Entwaldung, Luftverschmutzung und Meeresverschmutzung. Dieser Staat gehört außerdem zu den zehn heftigsten Treibhausgasemittenten der Welt.

Indonesien ist ebenfalls das größte mehrheitlich muslimische Land der Erde und steht an der Spitze der Bewegung für einen „grünen Islam“. Dort trägt sie dazu bei, Führungskräfte und Gemeinden für den Umweltschutz zu mobilisieren.

Ökologie wird an muslimischen Bildungseinrichtungen im ganzen Land unterrichtet. Dies wird durch das nationale Programm „Grüne islamische Internatsschulen“ (Pesantren Hijau) unterstützt. Seine religiösen Internate (oder Pesantren) sind groß und gut etabliert. Ihre Lehrer und Lernenden genießen hohes Ansehen.

Dadurch eignet sich das Schulnetzwerk besonders gut, um umweltfreundliche Praktiken sowohl innerhalb der Schulen als auch in der breiteren Bevölkerung zu fördern.

Im Jahr 2022 wurde die nationale Moschee des Landes, Istiqlal, als weltweit erste Kultstätte von der International Finance Corporation als naturbewusst zertifiziert. Das Gebäude verfügt über reflektierende Farbe für das Dach und die Außenwände, energiesparende Beleuchtung, intelligente Energiezähler und Sonnenkollektoren.

Außerdem sind Wasserhähne mit geringem Durchfluss und ein Wasserrecyclingsystem installiert. Professor Nasaruddin Umar, ihr Großimam, sagte, sie sei zu einem „Zentrum der Aufklärung für den Umweltschutz” geworden.

Die indonesische Regierung hat religiöse Führer dazu aufgefordert, Umweltthemen in ihre Predigten aufzunehmen. So hat beispielsweise das Ministerium für religiöse Angelegenheiten im April dieses Jahres Prediger dazu ermutigt, anlässlich des Earth Day während der Freitagsgebete über den Naturschutz zu sprechen.

Foto: NourEnergy, RootsRetreat 2024

Ein konstruktives Beispiel aus Deutschland

Längst hat die Bewegung des „Grünen Islam“ auch in muslimischen Gemeinschaften, die als Minderheiten bspw. im Westen leben, Fuß gefasst. Zuerst fand das im englischsprachigen Raum unter dem Begriff „Green Deen“ statt. Einer ihrer Gründer war Ibrahim Abdul Matin, der in den USA ein gleichnamiges Buch veröffentlichte.

Darin ging es nicht bloß um theoretische oder abstrakte Fragen. Zu mehreren Themen wurden ebenfalls praktische Ratschläge erteilt.

Das gilt auch für Deutschland. Ein relevanter Repräsentant ist das aktive und renommierte Projekt „Halal & Tayyib: Vom Erbe zum Bewusstsein“ von NourEnergy e.V. Im Mai letzten Jahres publizierte der Verein ein wichtiges Buch. Mit ihm legt er – nach einführenden Kapiteln – einen Schwerpunkt auf konkrete Veränderungen in der Lebensführung deutscher Muslime.

Sein Ziel besteht darin, Einzelne und ihre Gemeinschaften für die Verbindung zwischen der Praxis von „halal“ (erlaubt) und „tayyib“ (nachhaltig oder vollwertig) zu sensibilisieren. Über die rein islamrechtliche bzw. juristische Betrachtung aus dem Bereich „halal“ soll die ethische und lebenspraktische Dimension von „tayyib“ in den muslimischen Diskurs gerückt werden.

Außerdem stellen die MacherInnen eine Verbindung zwischen islamischen Traditionen und zeitgenössischen Herausforderungen vor. Der Titel soll aufzeigen, wie traditionelle Konzepte in Allahs Din auf aktuelle Themen wie Umweltschutz, faire Arbeitsbedingungen und verantwortungsvollen Konsum angewendet werden können.

Dass es dabei nicht bei bloß theoretischen Vorstellungen und Anforderungen bleibt, verdeutlichen diverse Kapitel des Bandes durch ihre praktischen Ansätze, Vorschlägen zu Änderungen des Lebensstils sowie einem umfangreichen Anhang mit Rezepten.

Wie NourEnergy e.V. in seinem Vorwort schreibt, ist „Halal & Tayyib“ das Ergebnis einer „langen, inspirierenden Reise“. Als Ausgangspunkt gilt der Qur’anvers: „Darum esst nun von den erlaubten (halal), guten (tayyib) Dingen, womit Allah euch versorgt hat. Und seid dankbar für Allahs Huld, wenn Er es ist, dem ihr dient.“ (An-Nahl, Sure 16, 114)

Dieser Ansatz soll eine Suche nach den „vielfältigen Facetten und Bedeutungsebenen“ dieses Verses sein. Dabei stellen sich einige wesentliche Fragen die nach dem Platz des Menschen in der Schöpfung, nach der menschlichen Verantwortung sowie der Beziehung zwischen Konsum (und demnach Ressourcenverbrauch) in der materiellen Welt und Nähe zu Allah.

Es macht in seiner Gesamtheit deutlich, dass es sich dabei um relevante Aspekte handelt und kein bloßes Beiwerk. Die gegenwärtige ökonomische Ordnung der Welt – „Globalisierung, Kapitalismus und technischer Fortschritt“ –, an der Muslime wie der Rest der Menschheit Anteil haben, bringe nicht nur Vorteile, „sondern vor allem auch eine Vielzahl an Leid und folgenschweren Problemen für Mensch und Mitwelt“.

Diese schwerwiegenden Herausforderungen beträfen die gesamte Schöpfung – und damit ebenso „unsere Lebenrealität“. Mit diesem nötigen Wissen im Gepäck könnten Muslime sich auf den Weg zu ihren Spuren machen.

Ein großer Aspekt des Buches stellt die Frage nach der Lebensweise – und wie wir diese nachhaltiger und unserem Schöpfungszweck angepasst wandeln können. Die gegenwärtige sei, so die AutorInnen, aus dem Gleichgewicht geraten. Massenproduktion (auch Massentierhaltung), Gier und Habsucht, maßloses Kaufverhalten und Profitsucht hätten bewirkt, dass der Mensch „kein gesundes und friedliches Leben“ führen könne.

Foto: kenchiro168, Adobe Stock

Blick in eine grüne Zukunft

Prominente Beispiele für einen „grünen Islam“ finden sich auf der ganzen Welt. In Marokko gibt es beispielsweise eine Bewegung für entsprechende Moscheen. In Ägypten hat das Dar al-Ifta eine Fatwa erlassen, die Aktivitäten verbietet, die der Natur schaden.

Und viele Länder unterstützen Umweltinitiativen durch Instrumente zur Finanzierung umweltfreundlicher Projekte, die mit den Grundsätzen von Allahs Din übereinstimmen.

In einer Zeit wachsender ökologischer Herausforderungen sind alle Quellen der Weisheit von entscheidender Bedeutung. Die Lehren des Islam bieten ebenso wie weitere spirituelle Traditionen Orientierung für ein Leben im Einklang mit der Natur. Gemeinsam können sie zu sinnvollen und praktischen Maßnahmen für unseren Planeten inspirieren.

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Im Wald zu sich finden

wald

Bericht: Anfang Oktober fand der diesjährige RootsRetreat von NourEnergy statt. Durch den Rückzug in die Natur sollten die TeilnehmerInnen zu sich, zu Allahs Gaben der Schöpfung und zu Gemeinschaft finden. […]

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IZ-Wochenschau: Während Rafah angegriffen wird, stöhnt Südostasien unter Rekordhitze

rafah

Blick auf das, was in der Woche wichtig ist. Bisher gibt es keine Verhandlungslösung. Das Kriegskabinett befahl den Angriff auf Rafah.

Berlin (iz, dpa, KNA). Am Montagnachmittag hatten sich die Menschen in Rafah noch über die Zustimmung der Hamas zu einem Flüchtlingsabkommen gefreut, das eine Pause im Krieg hätte bedeuten können. Die Freude sollte nicht lange anhalten: Kurz darauf lehnte das israelische Kriegskabinett ein mögliches Abkommen ab.

un-vertreter krieg Rafah Genozid Augenzeugen Gaza Israel IDF

Foto: IDF, via Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

Gleichzeitig beschloss es, die „Operationen“ gegen die mit rund 1,5 Millionen Menschen überfüllte Stadt an der Grenze zu Ägypten fortzusetzen. Am Dienstag herrschte bei den internationalen Hilfsorganisationen vor Ort Unklarheit über Flucht- und Hilfsmöglichkeiten für die am stärksten bedrohten Zivilisten.

Israelische Truppen waren in der Nacht zum 7. Mai in Teile der Stadt vorgerückt und hatten nach eigenen Angaben die palästinensische Seite des dortigen Grenzübergangs unter ihre Kontrolle gebracht. Der Grenzverkehr und die Einfuhr humanitärer Hilfsgüter wurden vorerst gestoppt.

„Es bleibt die Frage, wie Behinderte, Alte und Kranke sicher transportiert werden können und wo eine so große Bevölkerung sicher untergebracht und versorgt werden kann“, erklärte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) am Dienstag in Genf. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stehen Krankenhäuser wegen Treibstoffmangels vor dem Aus.

Wesen Freiheit soll verteidigt werden?

In der Öffentlichkeit findet derweil ein merkwürdig gespaltener und widersprüchlicher Diskurs statt. Angesichts der verstärkten Angriffe von WahlhelferInnen und PolitikerInnen in einigen Bundesländern, die Angehörige aller Parteien treffen, betonten VertreterInnen verschiedener Parteien die Bedrohungslage. Sie forderten ein Ende dieser politischen Gewalt sowie einen besseren Schutz ihrer KollegInnen.

Der Schutz unseres Gemeinwesens und seiner bürgerlichen Freiheiten stand in diesen Tagen im Mittelpunkt vieler Wortmeldungen. So beschrieb SZ-Autor Ronen Steinke im Podcast seiner Zeitung, wie Angriffe gerade auch auf kommunaler Ebene den politischen Meinungskorridor einengen.

Dass der Eingriff in die Freiheit der öffentlichen Debatte für Teile des offiziellen Deutschlands nicht per se problematisch ist, zeigt etwa der Umgang mit Studentenprotesten gegen den anhaltenden Krieg und das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung in Gaza – aber auch in Ost-Jerusalem und im Westjordanland.

Am Dienstag räumten Berliner Polizeikräfte ein Protestcamp von StudentInnen an der Freien Universität. Diese hatten dort einen Hof besetzt. Einige wurden wegen Hausfriedensbruchs und Volksverhetzung festgenommen. Die Räumung erfolgte auf Anweisung der Universitätsleitung.

Als Reaktion kritisierten „Lehrende an Berliner Universitäten“, denen sich auch Wissenschaftler aus dem In- und Ausland anschlossen, das Vorgehen von Universitätsleitung und Polizei. „Als Lehrende der Berliner Hochschulen verpflichtet uns unser Selbstverständnis dazu, unsere Studierenden auf Augenhöhe zu begleiten, aber auch zu schützen und sie in keinem Fall Polizeigewalt auszuliefern“, heißt es in dem Dokument.

„Unabhängig davon, ob wir mit den konkreten Forderungen des Protestcamps einverstanden sind, stellen wir uns vor unsere Studierenden und verteidigen ihr Recht auf friedlichen Protest, das auch die Besetzung von Uni-Gelände einschließt. Die Versammlungs- und Meinungsfreiheit sind grundlegende demokratische Rechte, die auch und gerade an Universitäten zu schützen sind.“

Geberkonferenz Sudan

Foto: UNHCR/Charlotte Hallqvist

Sudan: Das stille Leiden der Menschen

Im Sudan vollzieht sich derzeit eine stille humanitäre Katastrophe. Im Gegen-die-Bürger-Krieg der sudanesischen Armeeführung (SAF) mit den Rapiden Einsatzkräften (RSF) zahlt die Zivilbevölkerung einen hohen Preis. Das Ganze spielt sich übrigens ohne sonderliche Kritik durch Organisationen wie die Arabische Liga oder die Organisation der muslimischen Zusammenarbeit (OIC) ab.

Nach Angaben von Hilfsorganisationen stellt der jetzige Konflikt aktuelle die größte humanitäre Krise weltweit überhaupt dar. Eine Konfliktforscherin hat vor einem möglichen Großangriff auf die sudanesische Stadt Al-Faschir durch Paramilitärs gewarnt. Die Stadt im Südwesten des Bürgerkriegslandes sei die letzte in der Region Darfur, die noch nicht unter Kontrolle der Rapid Support Forces (RSF) stehe, sagte Juliette Paauwe vom Global Centre for the Responsibility to Protect der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Sie fordert strengere Maßnahmen gegen Sudans Konfliktparteien.

„Die Staaten müssen ihren Einfluss nutzen, um sicherzustellen, dass SAF und RSF eine anhaltende Waffenruhe vereinbaren und alle Kräfte sich an das humanitäre Völkerrecht und die Menschenrechte halten“, so Paauwe. Darauf müsse ein „glaubwürdiger politischer Prozess“ folgen, der den Wunsch der Sudanesen nach Demokratie berücksichtige. Der UN-Sicherheitsrat müsse seine Sanktionen ausweiten. Zudem sollten die Staaten „gezielte Sanktionen“ gegen Armeechef Abdel Fattah Burhan und RSF-Anführer Mohamed „Hemedti“ Dagalo erwägen, darunter das Einfrieren ihrer persönlichen Bankkonten und ihrer Unternehmen.

Foto: NourEnergy e.V.

Hunderte machten bei der diesjährigen GreenIftar-Kampagne mit

Am 29. April veröffentlichte NourEnergy die diesjährigen Ergebnisse seiner GreenIftar-Kampagne. Dieses Jahr hätten, so der Verein, 626 Veranstaltungen stattgefunden. Dafür hätten sich „39 Moscheen, 53 Hochschulgemeinden und 258 Privathaushalte registriert“.

Besonders beliebt seien dabei das Einsparen von Verpackungen, vegetarisches/veganes Essen sowie das Teilen von Überschüssen mit Bedürftigen gewesen.

Südostasien leidet unter Rekordhitze

Aktuell herrscht in Südostasien Rekordhitze, das durch das Phänomen El Niño verursacht wird. Gefühlte Werte von über 50 Grad sind nicht nur für die Gesundheit gefährlich – sie haben noch weitere Folgen.

Länder in Südostasien und in Südasien melden Hitzerekorde – speziell die Philippinen, Bangladesch und Vietnam. So klagt Südvietnam mit der Millionenmetropole Ho-Chi-Minh-Stadt (früher: Saigon) über die längste Hitzewelle seit 30 Jahren. Seit Jahresbeginn lagen die Tageswerte Meteorologen zufolge fast immer bei über 35 Grad. In einigen Regionen wurden zuletzt sogar Temperaturen von rund 40 Grad gemessen.

Bangladesch erlebt derzeit sogar die längste Hitzewelle seit mindestens 75 Jahren. „Ich habe noch nie eine solche Gluthitze erlebt“, sagt der 38-jährige Aminur Rahman aus der Hauptstadt Dhaka erschöpft. Um seine fünfköpfige Familie über Wasser zu halten, tritt er auf seiner Rikscha in die Pedale. Derzeit schafft er gerade einmal zwei Stunden am Tag. Aber es kommen ohnehin kaum Kunden – auch in Dhaka bleiben die Menschen lieber in kühleren Innenräumen. Innerhalb weniger Tage starben trotzdem mindestens zehn Menschen an einem Hitzschlag. Vorsorglich wurden Schulen geschlossen – ebenso wie auf den Philippinen.

El Niño hat nichts mit dem menschengemachten Klimawandel zu tun. Es ist ein natürlich alle paar Jahre auftretendes Wetterphänomen, das mit der Erwärmung des Meerwassers im tropischen Pazifik und schwachen Passatwinden einhergeht. Das Phänomen kann aber die Folgen des Klimawandels verschärfen, weil es einen zusätzlich wärmenden Effekt hat. Auswirkungen gibt es vor allem in Südostasien, Australien, Afrika und Mittelamerika.

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Muslime und Konsum: Kann es halal ohne tayyib geben?

grün

Wie konsumieren wir? Zum Ramadan machte das GreenIftar-Projekt von NourEnergy auf die Bedeutung ganzheitlicher Perspektiven aufmerksam.

(iz). Das Projekt NourEnergy startete am 10. Februar seine diesjährige GreenIftar-Kampagne mit einem spannenden Symposium in der Kölner Zentralmoschee. Unter dem Titel „Back to the Roots“ gingen die Redner- und TeilnehmerInnen der Frage nach, in welchem Zusammenhang die qur’anischen Anforderungen von „halal“ und „tayyib“ stehen.

Hierzu sprachen wir mit Baraa Abu El Khair, dem 2. Vorstandsvorsitzenden des Vereins. Darin geht es um die Notwendigkeit, beide Prinzipien zeitgleich zu praktizieren, Muslime im Kapitalismus und welche Rolle das ökologische Engagement in der Begegnung spielen kann.

Islamische Zeitung: Lieber Baraa Abu El Khair, am 10. Februar hat NourEnergy das Tagesseminar „Back to the Roots“ in Köln veranstaltet. Dabei ging es um die verbundenen qur’anischen Konzepte Halal und Tayyib. Können Sie unseren Lesern kurz umreißen, wobei es sich dabei handelt? 

Baraa Abu El Khair: Vermeintlich moderne Phänomene, wie „Bio“ und „Fair“, mit denen viele Muslime noch fremdeln, sind unserer Überzeugung nach lediglich in ihrem Framing neu. Ein Blick in die muslimischen Primärquellen macht deutlich, dass diese Konzepte nicht nur tangiert, sondern zentral adressiert werden. Maßlosigkeit, Zerstörung von Ackerflächen und Ungerechtigkeit sind nur einige dieser universellen Prinzipien, die der Qur’an zentral diskutiert.

Im Rahmen unseres Workshops fokussieren wir uns auf die Formel „Halal und Tayyib“, weil sie zwei Sphären vereint, die dringend und ausnahmslos zusammengedacht werden müssen. Während „Halal“ eine juristische Kategorie des Fiqhs darstellt, zielt „Tayyib“ auf die ethische Dimension ab. Demnach kann eine Handlung durchaus halal sein, aber nicht tayyib sein.

Beide Aspekte stehen in einer direkten Wechselwirkung zueinander. Es liegt in der Natur der Sache, dass selbstverständlich auch hier die Bewertung, ob etwas nun tayyib ist oder nicht, von vielen weiteren Faktoren abhängt und somit von Ort zu Ort und Zeit zu Zeit variieren kann.

Das hindert uns aber trotzdem nicht daran zumindest den Versuch zu unternehmen, diese Konzepte im Kontext aktueller Krisen, wie dem Klimawandel, zu diskutieren, um daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten, die uns in unserem Alltag dabei helfen können, Träger von Nutzen zu sein und damit Allah näher zu kommen.

Foto: Jochen Tack, imago

Konsum: Teil der Massenindustrie

Islamische Zeitung: Seit geraumer Zeit betonen wir Muslime insbesondere den ganzen Halal-Komplex und haben teils hochfeine Prüfmechanismen für einzelne Zutaten von Lebensmitteln entwickelt. Gleichzeitig scheinen ganzheitliche Fragen von Tayyib – von der Vollwertigkeit der Zutaten bis zu Arbeitsbedingungen bei ihrer Erzeugung – kaum eine Rolle zu spielen. Woran liegt das?

Baraa Abu El Khair: Auch wir Muslime sind letztlich Kinder unserer Zeit. Die traurige Realität ist, dass wir uns als muslimische Gemeinschaft gar nicht wirklich vom Mainstream unterscheiden. Schauen wir uns beispielsweise die Massentierhaltung an, stellen wir ziemlich schnell fest, dass diese zumindest nach den meisten muslimischen Gremien in keinem Konflikt zu den islamischen Lehren steht.

Die Vorstellung, dass wir Muslime ein weitreichendes „Halal-Gegenkonzept“ anbieten würden, hält keiner kritischen Prüfung stand. Wir sind Teil dieser Massenindustrie, die unsere unendliche Gier und den Profit zu stillen versucht. Es wirkt so, als wären unsere Wertvorstellungen dem kapitalistischen Geist zum Opfer gefallen. Damit geht die große Gefahr einher, dass nicht mehr unsere Werte maßgeblich Handlungen beeinflussen, sondern Handlungen maßgeblich unsere Wertvorstellung.  

Tayyib geht mit vielen quranischen Prinzipien einher, die vielen von uns geläufig sind: „Denn Allah liebt die Verschwender nicht.“ [6:141], „Seid gerecht. Das ist näher der Gottesfurcht.“ [5:8], „Esst von den guten Dingen.“ [20:81]. Es drängt sich die Frage auf, inwiefern diese Prinzipien in unserer Bewertung über gegenwärtige Trends, Produkte und Investitionen, überhaupt eine entscheidende Rolle spielen.

Es ist in gewisser Weise alarmierend, dass es uns noch nicht zureichend gelingt, eine ausgewogene Balance zwischen einem formellen und werteorientierten Islam zu finden. Halal und Tayyib stellen keine Gegenpole dar, sie ergänzen sich, sie stehen laut Qur’an und Sunna sogar untrennbar nebeneinander.

Wie kann das Gleichgewicht wiederhergestellt werden?

Islamische Zeitung: Welche Wege und Möglichkeiten gibt es jenseits von Bildungsarbeit, die Balance zwischen beiden wiederherzustellen? 

Baraa Abu El Khair: GreenIftar ist eine Marke von NourEnergy. Hier versuchen wir seit nun über 6 Jahren einen ganzheitlichen Ansatz zu fahren, der neben Bildungsangeboten insbesondere zum Ziel hat, dass Teilnehmende durch Erfahrung wachsen. Gerade im Ramadan ist die Aufnahmebereitschaft besonders hoch. Hier erleben wir große Begeisterung für Veränderung. Dreh- und Angelpunkt des Ramadans stellt die Taqwa dar, die es zu verinnerlichen gilt.

So heißt es im Qur’an: „… auf dass ihr achtsam werdet.“ [2:183] Genau hier setzen wir an. Die Achtsamkeit gegenüber unserem Schöpfer geht schließlich mit unseren alltäglichen Entscheidungen einher. Wie achtsam etwa konsumiere ich Lebensmittel und Produkte? Was sind unsere Bewertungskriterien und in welchem Zusammenhang stehen diese zu Halal und Tayyib? 

Um sich mit diesen Fragen verstärkt im Ramadan zu beschäftigen, animieren wir Moscheen, Hochschulgruppen und sämtliche Organisationen einen oder mehrere GreenIftar(e) im Ramadan zu planen und durchzuführen. Wir erleben hier eine große Begeisterung seitens der Teilnehmenden und auch der Gäste, da sie beginnen Tiefgang und Qualität in ihrem Handeln zu erkennen.

Umweltethik Islam

Foto: Bahatha.co

Sie bringen ein Stück weit ihre Werte, die vielleicht zuvor ins Unterbewusstsein gerückt sind, mit ihren Konsumentscheidungen zusammen und gelangen so zu mehr Achtsamkeit. Wir glauben fest daran, dass diese erfüllende Erfahrung etwas Nachhaltiges im Menschen bewirkt.

Unser Vorstandsvorsitzender, Tanju Doganay, pflegt hier zu sagen: „Konsum ist eine Form des Dschihads.“ Im weiteren Sinne sagt er damit, dass Konsum mit Anstrengung und Achtsamkeit einhergeht. Inwieweit ist das Produkt in meinem Einkaufswagen Halal und Tayyib? Wo stammt es her, ist es Resultat von Kinderarbeit, ist es gesund? Oft erhalten wir das Feedback, dass GreenIftar-Teilnehmende dadurch achtsamer geworden sind, weniger verschwenden und Erfüllung darin finden nachhaltig und fair zu konsumieren.

Nachdenken über den eigenen Konsum

Islamischen Zeitung: Seit mehreren Jahren organisiert NourEnergy – wie andere Initiativen im Ausland auch – die Kampagne GreenIftar. Dabei geht es auch um den Ramadan als einen „Monat der Rückbesinnung und Reflexion“. Sie rufen dabei zu einem Nachdenken über das eigene Konsumverhalten und den Umgang von Muslimen mit der Natur auf. Wie entwickelte sich dieses Projekt in den letzten Jahren?

Baraa Abu El Khair: Aus einer anfänglichen Plastikfasten- Idee ist GreenIftar mittlerweile zu einer Bewegung und einem internationalen Netzwerk geworden, was sich in Zahlen belegen lässt. In 6 Jahren fanden weit über 300 GreenIftar-Veranstaltungen in einem Dutzend Länder statt, an denen über 36.000 Menschen teilgenommen haben. Hochgerechnet haben wir somit der Umwelt über 3,5 t CO2 erspart.

Dabei geht es uns nicht ausschließlich um das Ergebnis, sondern auch darum Menschen zu bilden, die zu Trägern dieser Botschaft werden. Deutschlandweit haben wir deshalb GreenIftar Ambassadors in unserem Netzwerk aufgenommen, die wiederum ihre jeweilige Community beeinflussen. Diese Ambassadors kommen dabei nicht zwangsläufig oder ausschließlich aus der Nachhaltigkeitswelt, sondern aus verschiedensten Bereichen.

Ärzte, Naturwissenschaftler, Köche, Imame und weitere Profile finden sich in unserem Botschafter-Netzwerk wieder. So stellen wir sicher, dass wir unterschiedliche Gruppen erreichen, auch solche, die mit Nachhaltigkeit vielleicht noch keine großen Berührungspunkte haben.

Mittlerweile fokussieren wir uns primär auf konzeptionelle Themen, Netzwerktreffen und die Erstellung von Infomaterialien wie Leitfäden und einem einzigartigen Buch mit Informationen über Halal und Tayyib und speziellen Rezepten und Tipps zum Kochen, das in Kürze erscheinen soll. Wir bieten eine Plattform des Austauschs an und generieren so einen Multiplikatoreffekt, der es uns erlaubt GreenIftar in neue Räume und Kontexte zu bringen.

Seit einigen Jahren beispielsweise kommen vermehrt Anfragen aus Schulen, die GreenIftare veranstalten möchten, weil muslimische Lehrer/innen an unseren Workshops teilgenommen haben. Das Potenzial ist also noch lange nicht ausgeschöpft, was uns in unserer Arbeit bestätigt und motiviert.

Foto: Freepik.com

Islamische Zeitung: Lassen sich Mengenangaben machen, was a) von Muslimen während des Fastenbrechens beispielsweeise an schädlichen Verpackungen verbraucht wird und b) wie groß die Einsparpotenziale sind?

Baraa Abu El Khair: Mit ca. 300 GreenIftaren hat unsere Community der Umwelt 128.000 Plastikteile erspart. Das sind pro Iftar etwa 420 Plastikteile und knapp 12 kg CO2, die wir der Umwelt ersparen. Das ist in etwa das Äquivalent zu einem Kleinwagen, der eine Autobahnstrecke von 100 km hinterlegt. Wenn man nun ein Gedankenspiel mit den knapp 3.000 deutschen Moscheen durchführt, wird einem das Potenzial erst bewusst, zumal viele dieser Gemeinden im Ramadan tägliche Iftare anbieten.

Wenn lediglich ein Zehntel dieser Gemeinden teilnehmen und nur am Wochenende GreenIftare veranstalten würde, hätten wir in einem einzigen Ramadan 2.550 Fastenbrechen mit einer Ersparnis von 1 Millionen Plastikteilen und etwa 30 t CO2.

Dabei geht es bei diesen Plastik-Ersparnissen nicht nur um die Emissionen, sondern auch um weitere Schäden, die mit Plastikmüll einhergehen. Hier muss beispielsweise insbesondere an den Plastikmüll in den Meeren gedacht werden, der die Lebensgrundlage von Menschen und Tieren zerstört.

Vor allem Freunde aus vulnerableren Ländern im Globalen Süden, zu denen wir im Austausch stehen, verfolgen unser Konsumverhalten sehr genau. In diesem Zuge ist auch ein GreenIftar Video entstanden, in dem Menschen aus aller Welt zu Wort kommen und über die Folgen unserer Iftare sprechen, die plastikintensiv veranstaltet werden. Daher steht GreenIftar für das Motto: global denken, lokal handeln.

Islamische Zeitung: Ökonomen aber auch einfache Menschen, beobachten seit Längerem, dass insbesondere in muslimischen Ländern Konsum, Umsätze und Verkäufe rapide ansteigen. Wie ist dieses eigentlich paradoxe Verhalten in einem Monat des Verzichts zu erklären?

Baraa Abu El Khair: Der Kapitalismus macht weder vor bestimmten Regionen noch vor religiösen Ereignissen halt. Ganz im Gegenteil: Im Ramadan und Ländern des Globalen Südens werden sogar Märkte erkannt, die noch stärker zu erschließen sind. So wie Weihnachten auch ein Fest des exzessiven Konsums ist, birgt der Ramadan ebenfalls ein Potenzial, um über Anreize, Bedürfnisse zu wecken.

Längst nutzen globale Player wie Coca-Cola den Ramadan, um ihre auf Muslime zugeschnittene Werbung auszustrahlen und sie damit zu locken. Ganz nach dem Motto: Was kann erfrischender sein als ein Schluck Cola nach einem langen heißen Fastentag? Dabei ist uns allen klar, dass ausgerechnet das, eine gesundheitlich und moralisch schlechte Wahl wäre.

Alle Muslime wissen wahrscheinlich, dass der Ramadan der Monat des Qur’ans ist. Wissen aber tatsächlich die meisten Muslime auch, dass der Ramadan der Monat des Verzichtes und der Achtsamkeit ist? Und was genau verbinden sie mit diesen Begriffen?

Es ist tatsächlich eine Beobachtung, dass der Ramadan oft zu einem Monat verkommt, bei dem sich alles um den Iftar dreht. Von besonderen Speisen, über besonders große Einladungen, bis hin zu üppigen Mengen an Essen, die täglich zubereitet werden.

Dies suggeriert, es würde im Ramadan genau darum gehen. Viele Muslime haben verlernt ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Großzügigkeit und Sparsamkeit zu finden. Es ist nur menschlich und nachvollziehbar, dass mit größerem Wohlstand größerer Konsum einhergeht.

Fragt man beispielsweise die palästinensische Großmutter aus Jaffa, wie ihr Fleischkonsum in ihrer Kindheit war, wird einem klar, in welchem Übermaß, ja wie verschwenderisch, wir heute leben. Nicht selten basiert dieses Phänomen auf dem Trugschluss, dass Wohlstand Völlerei und Verschwendung bedeutet. Hier schließt sich der Kreis: Rein formell mag dieser Konsum halal sein, doch oftmals mit Sicherheit nicht tayyib.

Foto: pixabay.com, Gerd Altmann

Islamische Zeitung: In aller Welt werden Umwelt- und Klimabewegung insbesondere von Jugendlichen und jungen Erwachsenen getragen. Wie wichtig wird die Jugend bei diesen Fragen unter uns Muslimen sein und könnten klima- und umweltsensible Ansätze ein Mittel sein, die Bindung junger MuslimInnen an die Community zu stärken?

Baraa Abu El Khair: Diese Parallele lässt sich sicher auch auf die muslimische Community übertragen. Letzten Endes sind Jugendliche und junge Erwachsene in unterschiedlichen Kontexten unterwegs und haben somit andere Einflusskreise, in denen sie beeinflussen und beeinflusst werden.

Gleichzeitig ist es aber auch so, dass insbesondere praktizierende Muslime aus verschiedenen Gründen entweder den Anschluss zu bestimmten Organisationen verlieren oder verstärkt nach Räumen suchen, die ihnen erlauben, ihre Wertvorstellungen besser mit ihrem Aktivismus zu vereinen.

Wenn sie diese nicht finden, engagieren sie sich entweder individuell, indem sie z.B. einen Blog oder eine Instagram Seite betreiben, oder sie verschaffen sich den Raum mit Gleichgesinnten außerhalb der Moschee. Daher stehen Moscheen hier in einer besonderen Verantwortung genau diesen Raum zu schaffen. Es ist Gott sei Dank tatsächlich so, dass wir erkennen, wie Moscheevorstände aus unterschiedlichen Gründen ihre Räume für Jugendaktivitäten immer weiter öffnen.

NourEnergy liegen Moscheen besonders am Herzen. Deshalb versuchen wir unsere Angebote oft in ihren Räumlichkeiten anzubieten. Wir erkennen hierin eine große Chance für die Gemeinden. Zum einen ziehen neue Angebote neue Jugendliche an. Zum anderen stärkt die Gemeinschaft vor Ort somit ihre Bindungskraft und Attraktivität. So sind in den letzten Jahren vorbildliche Initiativen entstanden, die maßgeblich von jungen Erwachsenen angetrieben worden sind. Das spricht sowohl für die Jugend als auch für den Moscheevorstand.

Islamische Zeitung: Die Sorge um die Umwelt und die Mitschöpfung ist ein weltumspannendes Thema und beschäftigt viele Menschen. Sehen Sie darin auch einen Weg, den Dialog und die Begegnung von Nichtmuslimen und Muslimen zu fördern?

Baraa Abu El Khair: Absolut. Das Ziel ist oft identisch, während der Weg und die Motive sich unterscheiden können. Es ist eines dieser existenziellen Themen, die uns alle gleichermaßen betreffen und vor Augen führen, wie abhängig wir voneinander sind. Gerade in Zeiten, wo es nur so von polarisierenden Themen wimmelt, ist es wichtig diese Schnittmengen zu haben, die die Gemeinsamkeiten hervorheben.

Einer der wesentlichen Gründe für NourEnergys Mitgliedschaft bei der Klima-Allianz Deutschland, ist neben den offensichtlichen Zielen des Klimaschutzes auch der Dialog. Wir Muslime brauchen uns nicht zu verstecken und haben der Mehrheitsgesellschaft viel zu bieten. Insbesondere muslimische, junge Erwachsene, die beide Welten gut verstehen, können hier verstärkt die Rolle der Brückenbauer einnehmen.

Islamische Zeitung: Wir bedanken uns für das Gespräch.

* NourEnergy hat mit „GreenIftar Guide“ einen Leitfaden zum nachhaltigen Verhalten im Ramadan veröffentlicht. Mehr Informationen unter: greeniftar.com/

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GreenIftar: Wie wir nachhaltig und bewusst fasten

nachhaltig greeniftar

Die Kampagne #GreenIftar von NourEnergy will Muslim dazu ermuntern, den Fastenmonat nachhaltig und bewusst zu erleben. Dazu gehören auch substanzielle Änderungen im Ressourcenverbrauch. Ramadan ist gerade auch Monat des Verzichts […]

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GreenIftar 2023 – Fastenbrechen für heute und morgen

GreenIftar

Für GreenIftar konnten dank der Kampagne seit 2017 bisher über 50 Organisationen von NourEnergy gewonnen werden.

Pfungstadt. Am 23. März beginnt der Ramadan. Zum siebten Mal wendet sich die deutsch-muslimische Umweltschutzorganisation NourEnergy mit der Kampagne „GreenIftar“ an die Community: Sie motiviert MuslimInnen zu einem nachhaltigen und achtsamen Essen nach Sonnenuntergang.

GreenIftar: Teil der Lösung sein

Sie gibt Mitgliedern von Moscheen, Hochschulgruppen und privaten Haushalten inspirierende und einfach umsetzbare Ideen, um im Ramadan nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung zu sein für die Umwelt und das Klima. Mit einem Fastenbrechen, dass nicht nur an heute, sondern auch an morgen denkt.

Die Vision wird gelebt – der positive Wandel wird in den Gemeinden gelebt

Dank der seit 2017 bestehenden Kampagne konnte NourEnergy bisher über 50 Organisationen für die Kampagne GreenIftar gewinnen. Gemeinsam wurden bisher mehr als 250 GreenIftare veranstaltet und über 35.000 Gäste erreicht. Durch plastikreduzierte Fastenbrechen konnten unserer Umwelt so über 127.000 Plastikteile erspart werden.

Foto: NourEnergy, GreenIftar

Auch während des Lockdowns führte NourEnergy die Kampagne fort. Statt Fastenbrechen in Präsenz zu organisieren, wurden MuslimInnen motiviert in ihren privaten Haushalten nachhaltiger zu kochen und bewusster zu konsumieren.

Die Moscheegemeinden wurden bestärkt Onlinevorträge zum Thema „Nachhaltigkeit und Ramadan“ anzubieten. NourEnergy selbst hat 2021, mit über 170 Personen, Europas größten Online-GreenIftar veranstaltet.

Was die Teilnehmenden verbindet? Alle Teilnehmenden sind beflügelt von einer gemeinsamen Leidenschaft und dem Willen etwas Gutes, Wirkungsvolles für die Umwelt und das Klima tun.

„Für eine erfolgreiche Nachhaltigkeitskommunikation ist es wichtig, sich auf eine Zielgruppe zu konzentrieren und dabei ihre Lebensrealitäten und Handlungsmotive gut zu kennen. GreenIftar findet bewusst im Ramadan statt, in dem die Selbstreflexion und Achtsamkeit stark im Vordergrund stehen. Genau hier werden die Menschen auch abgeholt und eingeladen, ihr Konsumverhalten zu hinterfragen und neue, nachhaltige Vorsätze zu treffen, die sie auch über den Fastenmonat hinaus weiterleben.“

Esra Doganay, Programmleitung NourEnergy

Das große Potential ist längst nicht ausgeschöpft

Etwa 2800 Moscheen gibt es allein in Deutschland. Ein Großteil bietet an Wochenenden, einige im gesamten Ramadan – also ca. 30 Tage lang – Fastenbrechen an.

NourEnergy möchte diese Moscheen und andere muslimische Organisationen dafür gewinnen, nachhaltige Fastenbrechen zu veranstalten und somit Vorbilder für ihre Gemeinde zu werden.

2022 und 2023 waren ExpertInnen des Teams in Nordrhein-Westfalen auf Workshop-Tour. Es wurden bereits über 155 MultiplikatorInnen ausgebildet, die das gewonnene Wissen an ihre Organisation und ihr Umfeld weitertragen. GreenIftar wird u.a. mit Mitteln der Stiftung Umwelt und Entwicklung, Engagement Global sowie des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert.

Wie jedes Jahr steht auch jetzt eine umfangreiche #greeniftar-Kampagne auf sozialen Medien in den Startlöchern. Influencer und hochgradige Persönlichkeiten aus der Community rufen gemeinsam mit NourEnergy zu einem Ramadan im Zeichen der Schöpfung auf, mit dem Ziel: 2 Mrd. Muslime weltweit für eine nachhaltige Entwicklung.

Was können Muslime tun?

Mit einem GreenIftar entscheide man sich bewusst dafür, dass die Mahlzeit nach dem Sonnenuntergang „keine Müllberge, Verschwendung und Leid in diese Welt setzt“. Einzelpersonen, Projekte und Moscheegemeinschaften sollen dazu inspiriert werden, das Fastenbrechen so verantwortungsvoll wie möglich vorzubereiten. Diese Achtsamkeit habe Einfluss auf das körperliche wie das seelische Wohlbefinden.

Foto: NourEnergy, GreenIftar

NourEnergy hat neun Ziele für ein grüneres Fastenbrechen definiert. Dazu gehören unter anderem:

1. Verwendung von regionalen und saisonalen Zutaten. Viele Obst- und Gemüsesorten werden importiert, da sie hierzulande nicht oder nur zeitweise angebaut werden können. Jahreszeitliche Lebensmittel aus der Region sind nicht nur länger haltbar und gesünder, sondern sie schmecken intensiver, da sie frisch geerntet einen minimalen Nährstoff- und Vitalstoffverlust erfahren.

2. Bewusster Umgang mit Wasser. Wasser ist für Pflanzen, Tiere und Menschen lebensnotwendig und somit unverzichtbar. Im Alltag, beim Kochen oder beim Waschen wird Wasser verwendet. Leitungswasser spart Müll, Geld, Zeit und Kraft. Es ist günstiger als abgefülltes, verursacht keinen Abfall und muss nicht transportiert werden

3. Einfach und/oder vegetarisch kochen. Oft werden Tiere mit importiertem Soja und Getreide aus dem Ausland gefüttert. Nicht nur lange Transportwege, sondern auch die Abholzung wertvoller Wälder für den Anbau von Futter, der Verlust der Artenvielfalt, der Wasserverbrauch sowie Produktion von Lebensmitteln belasten die Umwelt.

4. Weniger ist mehr. Lebensmittelverschwendung ist in wohlhabenden Ländern eine Realität, die häufig vermeidbar ist. Durch einen bewussteren Umgang mit Nahrungsmitteln kann Verbrauch sinnvoll und damit ökologisch, wirtschaftlich und spirituell verantwortungsvoll gestaltet werden.

5. Verzicht auf unnötige Plastikverpackungen. Ein Leben ohne Plastik können wir uns nicht mehr vorstellen. Kunststoffe sind in vieler Hinsicht praktisch, aber nicht problemlos. Die Folgen seiner falschen Anwendung oder Entsorgung sind sowohl für die Menschen und die Umwelt verheerend – insbesondere für Meere und Meeresbewohner.

6. Mehrweg statt Einweg. Der Verbrauch von Einweggeschirr steigt in Deutschland seit Jahren rapide an. Dabei wird das meiste Essen sofort verzehrt – Teller, Becher und Boxen landen direkt im Müll und danach nicht selten in unsere Umwelt, in der sie viele Jahrzehnte verweilen. Um Umweltverschmutzung und energieintensive Entsorgung zu vermeiden, sollte man auf diese Utensilien weitestgehend verzichten.

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Wie können Moscheen mit der Energiekrise umgehen?

(iz). Die Phase nach Ausbruch der Covid-Pandemie und die zu ihrer Eindämmung beschlossenen Gegenmaßnahmen haben im ganzen Land zu erheblichen Belastungen für Privathaushalte, Unternehmen und die sozioökonomischen Verhältnisse im Land […]

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Die Kampagne GreenIftar setze 2022 auf nachhaltiges Fasten

Nachhaltig

Nachhaltiger Konsum ist ein wichtiger Aspekt von Spiritualität. Das gilt umso mehr im Ramadan, wo Achtsamkeit zur religiösen Praxis gehört.

(iz). Esra Doganay, gebürtige Hamburgerin hat Bau- und Umweltingenieurwesen studiert und arbeitet seit knapp fünf Jahren als Verkehrsplanerin im Bereich nachhaltige Mobilität. Außerdem arbeitet sie seit 2014 ehrenamtlich bei NourEnergy e.V. – seit 2 Jahren verantwortet sie die Leitung der Kampagne „GreenIftar“. Auch für 2023 ist eine Neuauflage des erfolgreichen Projektes in Vorbereitung.

Mit ihr sprachen wir über die Notwendigkeit, im Ramadan auch auf übermäßigen Ressourcenverbrauch zu verzichten, über Alternativen zu Plastik sowie Tipps für einen sinnvollen Einkauf.

Islamische Zeitung: Liebe Esra Doğanay, Sie engagieren sich beim Projekt GreenIftar. Könnten Sie sich und das Projekt kurz unseren Leser*innen vorstellen?

Esra Doğanay: Mein Name ist Esra Doğanay. Ich bin gelernte Bau- und Umweltingenieurin und arbeite seit knapp fünf Jahren als Verkehrsplanerin im Bereich nachhaltiger Mobilität. Seit 2014 bin ich ehrenamtlich bei NourEnergy aktiv und habe da unterschiedliche Aufgaben und Stationen durchlaufen. Dazu gehörte unter anderem der  Bereich Regenwassernutzung, sowie Personalleitung. Und seit zwei Jahren leite ich die Kampagne „Green Iftar“. Vorher hieß sie #RamadanPlastikFasten.

Nachhaltiges Leben gehört dazu

Islamische Zeitung: Jetzt stehen wir am Anfang des Ramadans, der wieder unter Sonderbedingungen stattfindet. Das heißt, große Events mit viel Plastikmüll fallen weg. Nichtsdestotrotz, was ist GreenIftar und warum ist es ein wichtiges Projekt?

Esra Doğanay: Wir gehen mit der Kampagne jetzt ins fünfte Jahr und haben 2017 unter dem Namen #RamadanPlastikFasten angefangen. Das war mehr eine Aktion beziehungsweise eine Reaktion auf die öffentlichen Iftare – so wie sie immer mit viel Einweg Geschirr und leider auch viel Lebensmittelverschwendung stattgefunden haben.

Das war der Ausgangspunkt. Mittlerweile ist es eine globale Kampagne: von Muslimen für Muslime, die den Ramadan zum Anlass nimmt, um gewisse Punkte erneut anzusprechen und zu überdenken.

Fotos: NourEnery

Dabei geht es um wichtige Themen wie Nachhaltigkeit, Spiritualität, Community, Bildung und auch Frieden. Das heißt, wir motivieren und inspirieren die muslimische Community – einschließlich uns selbst – an erster Stelle, den Ramadan nachhaltiger zu gestalten, unsere eigenen Konsumentscheidungen zu hinterfragen. Und den Ramadan als Anlass für Selbstreflexion zu nehmen

Das führt uns natürlich zum Punkt Spiritualität, weil er der Monat der Spiritualität ist, an dem wir unser eigenes Verhalten des vergangenen Jahres Revue passieren lassen. Dazu gehört unserer Meinung nach auch unser Konsumverhalten. Das können und sollten wir hinterfragen. So entsteht eine sehr schöne Community von unterschiedlichen Menschen, die alle hohe Werte vertreten, zu denen unter anderem Umweltschutz gehört.

Islamische Zeitung: Kurze Nachfrage – es gibt seit langer Zeit im englischsprachigen Raum Vorläufer wie das Buch „Green Deen“ oder das Konzept von „Green Ramadan“. Haben Sie sich davon inspirieren lassen oder ist es selbstständig entstanden?

Esra Doğanay: Es ist tatsächlich komplett unabhängig davon entstanden. Wir haben uns von der Umweltorganisation BUND inspirieren lassen. Hier gibt es eine ähnliche Aktion für Ostern, wo Christen sich unterschiedliche Dinge vornehmen und dann beispielweise auf ihr Auto verzichten. Dazu gehört auch Plastik-Fasten. Und 2017 war das die Inspiration, anhand der wir uns gesagt haben: Ähnliche Probleme haben wir im Ramadan bei uns auch. Wir Muslime verbrauchen durch diese öffentlichen Iftare viel mehr Plastik, als über das gesamte Jahr verteilt.

Erschreckende Müllmengen nach einem konventionellen Iftar

Islamische Zeitung: Gibt es zum Thema Ressourcenverbrauch eine ungefähre Zahl, was bei solchen Events in Moscheen oder Vereinen an Plastikmüll anfiel?

Esra Doğanay: Größenordnungen von den Moscheen haben wir nicht. Wir haben eine Rückmeldung von einer Moschee bekommen, die 2018 an der Kampagne teilgenommen hat. Sie haben zuvor zum Tarawwih-Gebet immer Plastikbecher angeboten und haben 2018 im gesamten Monat dann komplett auf Plastikbecher verzichtet; und dafür Mehrwegbecher hingestellt.

Von ihnen kam die Rückmeldung, sie hätten in einem Monat 10.000 Becher eingespart. Das ist tatsächlich nur, was im Tarawwih angeboten wurde. 

Ansonsten haben wir 2019, von den Organisatoren, die an der GreenIftar-Kampagne teilnahmen, Werte bekommen. Die haben wir hochgerechnet. Es waren 11 Moscheen und 17 Hochschulgemeinden. Gemeinsam wurden von ihnen über 102.000 Plastikteile eingespart.

Daraus können wir errechnen, was ungefähr bei einem Iftar anfällt, der nicht unter nachhaltigen, „grünen“ Kriterien stattfindet. Das sind die Größenordnungen für 28 Organisatoren und man muss dann hochrechnen – wir haben über 2.000 Moscheen in Deutschland – was da an Plastikmüll oder Einweggeschirr zusammenkommen kann, ist erschreckend. Und das ausgerechnet im Ramadan!

Gibt es Alternativen

Islamische Zeitung: Zu was würde GreenIftar den Vereinen und Moscheeorganisationen raten? Mit Mehrweggeschirr, Mietoptionen sowie kompostierbaren Verpackungen gibt es unterschiedliche Optionen…

Esra Doğanay: Es gibt viele unterschiedliche Lösungen. Sie hängen davon ab, wie die Moschee selbst aufgestellt ist und welche Infrastruktur sie hat. Wenn sie selbst keine Küche hat und keine Möglichkeit zum Abwasch und Lagern von Geschirr, dann ist das Einfachste, die Gäste zu bitten, selbst Geschirr mitzubringen. Daran ist nichts Verwerfliches

Es gibt viele Hochschulgemeinden, die das ausprobiert haben und die Gäste darum baten. Keiner nahm das übel. Ganz im Gegenteil! Anders ist es natürlich, wenn man weiß, es gibt Moscheen, die den ganzen Monat oder an Wochenenden Iftare veranstalten und die das über die Jahre weiter fortführen möchten. Diese können oder sollten sich natürlich Mehrweggeschirr anschaffen.

Das wären vielleicht zuerst höhere Anschaffungskosten. Wenn man das hochrechnet und schaut, wie viel Einweggeschirr gekauft wird, amortisiert sich das sehr schnell.

Also das sind so die einfachen Sachen, die jede/r machen kann. Wie erwähnt, lässt sich Geschirr auch mieten, bzw ausleihen. Das ist viele nicht bekannt. Antworten auf solche Fragen, von denen wir wissen, dass sie die Organisatoren beschäftigen, finden sich bei uns. Dafür haben wir den GreenIftar-Guide, den man auch auf www.greeniftar.com herunterladen kann. Dort sind noch viele unzählige andere Tipps aufgelistet.

Islamische Zeitung: Muslime müssen Ramadan inklusive des Fastenbrechens momentan im engsten Kreis informell begehen. Ressourcenschonung und nachhaltige Verhalten sind nicht auf Moscheen beschränkt – obwohl sie eine wichtige Vorbildfunktion haben sollten. Was können Familien tun, um tatsächlich diesen diesen individuell oder familiär umzusetzen?

Esra Doğanay: Durch den Ausfall der großen öffentlichen Iftare haben wir im Moment das Problem mit dem Einweggeschirr weniger. Das wird sich wahrscheinlich allgemein legen, weil die EU ja auch ein Plastikverbot beschlossen hat. Ab Sommer wird auch in Deutschland kein Einweggeschirr mehr verkauft. Es werden trotzdem weitere Probleme da sein.

In Hinsicht auf die Familien geht es GreenIftar nicht nur um Plastik, sondern um viel mehr. Es geht beispielsweise um Lebensmittel. Womit kochen wir? Nehmen wir Lebensmittel, die aus unserer Region und der richtigen Saison stammen? Oder verwenden wir solche, die aus der Ferne kommen, weite Transportwege haben und dementsprechend einen größeren ökologischen „Fußabdruck“ haben? Kochen wir täglich Fleischgerichte oder verstärkt vegetarisch, vielleicht sogar auch mal vegan?

Auch das ist ein wichtiges Thema:  Ein Kilo Fleisch benötigt für die Erzeugung 15.000 Liter Wasser. Hier stecken Unmengen Wasser und Energie. Durch die Verringerung unseres Fleischkonsums können wir auch so etwas gut reduzieren. Und selbstverständlich muss auch unser Fokus auf die Bewahrung des Tierwohles gelegt werden, gerade wenn wir von „halal“ und „Tayyib“ sprechen.

Ein anderes Thema ist Leitungswasser: Wir müssen nicht immer Wasser in Flaschen kaufen. Und wenn abgefüllt, dann nicht in Plastik- sondern in Mehrweg oder Glas. Leitungswasser ist in Deutschland das am besten kontrollierte Lebensmittel. Das heißt, wir können es mit gutem Gewissen trinken, es sei denn wir leben in einem sehr alten Haus mit alten Leitungen. Da gibt es in den städtischen Wasserwerken kostenlose Testsstäbchen, mit denen man zu Hause testen kann. Also das ist kein Problem. Aber im Grunde genommen ist Leitungswasser in Deutschland problemlos. Darüber hinaus können wir auch noch bei Verpackungen sparen, indem wir beispielsweise mit einer Stofftasche einkaufen gehen.

Industrien und Interessen nicht übersehen

Islamische Zeitung: Momentan dominiert die Vorstellung, es sei der einzelne „Verbraucher“, der Umweltschutz, wenn nicht die Rettung der Welt, in seinen Händen halte. Kritische Stimmen aus der Umweltbewegung merken an, dass diese Verkürzung die Verantwortung einzelner Industrien und Interessen ignoriere. Ist es nicht ein bisschen platt und unfair, von Familien und Niedrigverdienenden zu verlangen, sie mögen doch jetzt bitte alle vegan kochen und im Bioladen einkaufen?

Esra Doğanay: Genau, da stimme ich vollkommen zu. All diese Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit kann man gar nicht auf die Schulter einer bestimmten Bevölkerungsgruppe legen und sagen: „So, das ist jetzt eure Verantwortung und ihr habt da ja die richtige Entscheidung zu treffen.“

Mit der Größe wächst auch die Verantwortung. Das heißt, die Politik hat eine gewisse Verantwortung, der sie mit Regelungen und Gesetzen nachkommen muss. Die Wirtschaft spielt eine sehr große Rolle. Auch in der Produktion kann sie da sehr viel optimieren. Und es gibt natürlich die Verantwortung der einzelnen Menschen. Hier ist wichtig, aus welcher Perspektive wir auf die Sache schauen. 

Wir als Muslime wissen, dass wir eine Verantwortung haben, dass wir Beauftragte Allahs sind. Und da müssen wir uns als einzelne Muslime fragen: Was ist meine Verantwortung und wie kann und muss ich ihr nachkommen? Uns als NourEnergy geht es nicht darum, die Welt zu retten. Sondern wir möchten die Muslime als einzelne erinnern, dass wir Sachwalter (Khalifa) auf dieser Erde sind und dass die Schöpfung ein anvertrautes Gut (Amanah) ist.

Und jeder kann und soll so viel tun wie er, wie es ihm entsprechend seiner Lebensumstände möglich ist. Das heißt, von einer fünfköpfigen Familie, in der nur der Vater arbeitet, oder einer klassischen Arbeiterfamilie, die am Ende des Monats schauen muss, dass das Geld noch reicht, kann ich nicht erwarten, dass sie zu 100 Prozent Bio einkauft.

Also, das ist utopisch und auch nicht fair. Man muss aber jedem dieses Bewusstsein mitgeben und sagen: Schaut, entscheidet bewusst und lernt, was hinter diesen Produkten steckt. Genau wie das, was ich eben gesagt habe: Es liegt in unserer Verantwortung zu wissen, dass hinter jedem Kilo Fleisch 15.000 Liter Wasser stecken und uns zu informieren, welches Leben diese Tiere vor ihrer Schlachtung hatten. Wenn wir Fleischgerichte kochen, sollte uns das klar sein.

Dementsprechend sollten Anpassungen im Konsumverhalten und Lebensänderungen vorgenommen werden. Ich finde, das ist die gerechte Version und es gibt da keine Ideallösung. Mit allein vegan ist es auch nicht getan. Wichtig ist die letztendlich die richtige Absicht, weil wir tatsächlich glauben, Umweltschutz ist Gottesdienst. Weil wir uns erhoffen, dass wir damit eben Allahs Wohlgefallen erlangen.

Tipps und Hinweise

Islamische Zeitung: Zum Abschluss eine praktischere Frage – gibt es Tipps und Hinweise wie in Form von Einkaufsliste, wo interessierte Leute beispielsweise am billigsten nachhaltige Produkte beziehen können? Es ist ja nicht immer so, dass beispielsweise Halal-Lebensmittel sonderlich nachhaltig wären… 

Esra Doğanay: Ich kann tatsächlich gerade viel aus der eigenen Erfahrung sprechen und aus den Gesprächen, die ich mit Freunden und Familie führe. An erster Stelle gibt es große Unterschiede von Stadt zu Stadt. Wir leben in Darmstadt und haben eine größere Auswahl, was Biolebensmittel angeht, die dann auch nicht zu teuer sind.

Hier gibt es eine Supermarktkette, die gute Lebensmittel in Eigenmarke – auch frische Lebensmittel – verkauft; in Demeter- und Bioland-Qualität. Demeter ist bei Bio mit Zertifikat das Non-Plus-Ultra. Danach folgen Bioland und Naturland. Unter dem Bioland-Zertifikat finden sich mittlerweile bei Lidl viele Produkte. Ich halte es an dieser Stelle für wichtig, dass auch Menschen mit geringerem Einkommen Zugang zu solchen Lebensmitteln haben.

Sie sind immer noch besser als konventionelle Produkte und preislich nicht allzu verschieden von ihnen. Viele Discounter führen mittlerweile ein großes Bio-Sortiment.

Ich finde, das ist ein Prozess, den man starten sollte. Zu Beginn muss man viel vergleichen. Irgendwann weiß man, welches Produkt wo am besten zu bekommen ist. Ganz hilfreich sind auch Saison-Kalender, die sich kostenlos im Internet herunterladen lassen. Da sieht man, welches Produkt gerade bei uns seine Saison hat und daher auch in Bioqualität nicht überteuert ist. Bio Tomaten jetzt im Frühjahr sind superteuer und wir kochen aber irgendwie gerne mit ihnen. So wichtige Gemüse wie Tomaten, Gurken und vielleicht Paprika, mit denen wir immer kochen, sind derzeit teuer.

Und so entsteht die Wahrnehmung, das Bio bei Frischware unbezahlbar sei. Im Winter stimmt das auch. Das ändert sich aber zum Sommer hin. Und dann kann man natürlich etwas mehr kaufen und es konservieren. Auch dazu gibt es viele Tipps. Also, ein bisschen Beobachtung, sich langsam herantasten. Da werden auch unsere ZuschauerInnen und LeserInnen tatsächlich den Unterschied merken.

Islamische Zeitung: Liebe Esra Doğanay, wir bedanken uns für das Gespräch.