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Die Weisheit des Fastens

ramadan fasten weisheit

Das Fasten im Ramadan ist eine der fünf Säulen und eines der hervorragendsten Kennzeichen des Islams. Es zeugt von Weisheit hinsichtlich der Herrschaft Gottes.

„Im Monat Ramadan wurde der Koran herabgesandt – als Rechtleitung für die Menschen, als Beweis der Rechtleitung und als Kriterium.“ (Al-Baqara, Sure 2, 185)

Text von Said Nursi – übersetzt von Serdar Aslan

Das Fasten im Ramadan ist eine der fünf Säulen und eines der hervorragendsten Kennzeichen des Islams. Es zeugt von Weisheit hinsichtlich der Herrschaft Gottes, des individuellen wie auch des gesellschaftlichen Lebens der Menschen, von Selbstdisziplinierung und Danke gegenüber den göttlichen Gaben.

Erster Punkt: Das Fasten als Dienerschaft

Eine Weisheit des Fastens bezieht sich auf die Herrschaft Gottes: Die Vollkommenheit seiner Herrschaft, Barmherzigkeit und seines Erbarmens bringt Gott zum Ausdruck, indem er die Erdoberfläche in Form einer Tafel erschaffen hat und diese mit vielfältigsten Gnadengaben „aus unerwarteten Quellen“ deckt.

Diese hierdurch zum Ausdruck kommende Wahrheit erkennen die Menschen im Rahmen der Kausalität nicht angemessen an oder vergessen diese oft unter dem Schleier der Unachtsamkeit.

Indem sie eine dienerische Haltung einnehmen, wenn sie gegen Abend auf die Anweisung „Das Buffet ist eröffnet!“ warten, gleichen die Gläubigen im herrlichen Ramadan einem organisierten Heer.

Als wären sie zum Festessen des urewigen Herrschers eingeladen, begegnen sie der sich zuneigenden, majestätischen und umfangreichen Barmherzigkeit mit einer umfassenden, erhabenen und organisierten Dienerschaft (ubudiyya). Gebührt Menschen, die bei solch einer himmlischen Dienerschaft und ehrenvollen Gnadenfülle nicht teilnehmen, überhaupt noch der Titel ‚Mensch‘?

Zweiter Punkt: Das Fasten als Ausdruck der Dankbarkeit

Eine Weisheit des Fastens im segensreichen Ramadan im Hinblick auf die Dankbarkeit gegenüber den Gaben Gottes ist folgende: Die Speisen, die ein Kellner aus der Küche eines Königs bringt, erfordern ihren Preis. Es wäre eine grenzenlose Dummheit dem Kellner Trinkgeld zu geben und dabei den Geber zu missachten, der doch für die beachtlich wertvollen Gaben verantwortlich ist.

Gott erwartet für seine mannigfachen Gaben, die er für die Menschheit auf der Erdoberfläche ausgebreitet hat, Dankbarkeit als Gegenleistung und Preis. Die scheinbaren Ursachen und Besitzer dieser Gaben gleichen dem Kellner. Wir bezahlen diesen „Kellnern“ einen Preis; ihnen gegenüber fühlen wir uns zu Dank verpflichtet. Zuweilen erweisen wir ihnen sogar mehr Respekt und Dank als sie verdienen.

Doch dem wahren Geber gebührt für die Gaben unendlich mehr Dank als den Ursachen. Dank heißt zu wissen, dass jene Gaben unmittelbar von ihm kommen, diese wertzuschätzen und dem eigenen Bedürfnis nach ihnen bewusst zu werden.

Das Fasten im Ramadan ist der Schlüssel zu einer wahren, aufrichtigen, großartigen und umfassenden Dankbarkeit. Die meisten Menschen begreifen in anderen Zeiten die Bedeutung vieler Gaben nicht, weil sie nicht notgedrungen einen wirklichen Hunger verspüren. Eine satte und zudem noch reiche Person weiß nicht den Grad der Gabe eines trockenen Brotes zu schätzen.

Zur Stunde des Fastenbrechens (iftar) bezeugt der Geschmackssinn eines Gläubigen, was für eine wertvolle Gottesgabe doch jenes Stück trockenes Brot ist. Vom Reichsten bis zum Ärmsten erweist ein jeder im ehrwürdigen Ramadan dadurch, dass er den Stellenwert dieser Gaben begreift, eine spirituelle Dankbarkeit.

Da tagsüber das Essen verboten ist, bringt der Mensch – die Gabe als Gabe wahrnehmend – durch seine Haltung eine geistige Dankbarkeit zum Ausdruck: „Jene Gaben sind nicht mein Eigentum. Ich bin nicht frei im Speisen und Trinken, d. h. sie sind Eigentum Gottes und seine Gaben – ich warte auf seinen Befehl.“

So wird das Fasten in vielerlei Hinsicht zu einem Schlüssel der Dankbarkeit – der wahren Aufgabe der Menschlichkeit!

Dritter Punkt: Funktion des Fastens im gesellschaftlichen Leben

Eine von vielen Weisheiten des Fastens in Hinsicht auf das gesellschaftliche Leben der Menschen ist jene: Den Menschen wurde unterschiedlicher Lebensunterhalt zugeordnet. Gott lädt die Reichen aufgrund dieser Unterschiede ein, den Armen zu helfen. Die Reichen können sich nur durch das Hungern beim Fasten in den zu bemitleidenden Zustand der Armen einfühlen.

Gäbe es das Fasten nicht, hätten viele selbstsüchtige Reiche womöglich nicht nachvollziehen können, wie schmerzhaft Hunger und Armut sind und wie sehr diese Armen des Mitgefühls bedürfen. Aus dieser Perspektive heraus ist das Mitleid gegenüber Mitmenschen die Grundlage wahrer Dankbarkeit. Jeder Mensch kann – in welcher Form auch immer – einen noch bedürftigeren Menschen als sich selbst finden und ist ihm gegenüber zur Fürsorge verpflichtet.

Gäbe es nicht die Verpflichtung sich des Essens zu enthalten, so könnte man die Hilfe und Güte aus Mitleid und Verantwortung nicht erbringen; und wenn, dann doch nicht im gewünschten Maße. Denn dieser Zustand wäre ja nicht selbst erlebt.

Vierter Punkt: Das Fasten als Selbstdisziplinierung

Eine Weisheit des Fastens im Ramadan in Bezug auf die Selbstdisziplinierung lautet wie folgt: Das Ego will frei und ungebunden sein und zugleich glaubt es, dass dem auch so sei. Aufgrund seiner Veranlagung verlangt es sogar nach einer illusorischen Autorität und zügellosen Aktivität.

Es will nicht daran denken, dass es mit zahllosen Gnadengaben erzogen wird. Insbesondere wenn es auch Vermögen und Macht besitzt und dazu noch die Achtlosigkeit Beihilfe leistet, raubt es die Gottesgaben wie ein Dieb und verschlingt diese gleich einem Raubtier.

Im Ramadan versteht eine jede Seele – die des Reichsten als auch die des Ärmsten -, dass sie nicht Eigentümerin, sondern selbst Eigentum, nicht Herr seiner selbst, sondern eine Dienerin ist. Ohne Anordnung vermag sie nicht einmal einfachste und banalste Handlungen, wie das Strecken der Hand nach Wasser, auszuführen; ihre trügerische Autorität bricht zusammen. Die Seele nimmt somit die Rolle der Dienerschaft an und gelangt zur Dankbarkeit – ihrer wahren Bestimmung.

Fünfter Punkt: Das Fasten als Selbsterziehung

Eine Weisheit unter vielen Weisheiten des Fastens im Ramadan betrifft die Charaktererziehung des Selbst und die Eindämmung seiner aufbegehrenden Aktivität: Das Selbst des Menschen vergisst sich selbst in Achtlosigkeit. Es erkennt nicht die grenzenlose Schwäche, unendliche Bedürftigkeit und unermessliche Fehlbarkeit in seinem Wesen und will sie erst gar nicht sehen.

Es realisiert nicht, mit welcher Schwäche es Verfall und Unglück ausgesetzt ist und dass es lediglich aus Fleisch und Knochen besteht, welche sich auflösen und verwesen. Es rafft die Welt an sich und fühlt sich ewig und unsterblich, als besäße es einen Körper aus Stahl. Mit grenzenloser Gier, Habsucht, heftiger Begehrlichkeit und Leidenschaft klammert es sich an die Welt; es bindet sich an alle Lust und jeden Gewinn.

Es vergisst seinen Schöpfer, der es mit vollendeter Fürsorge erzieht, und macht sich keine Gedanken über die Konsequenzen im diesseitigen und jenseitigen Leben; mit verwerflichem Charakter wälzt es sich hin und her.

Das Fasten im Ramadan lässt jedoch selbst den gedankenlosesten und unverbesserlichsten Menschen seine Schwäche, Ohnmacht und Bedürftigkeit wahrnehmen. Durch den Hunger denkt er an seinen Magen und wird sich seiner Bedürftigkeit bewusst. Sein schwacher Körper erinnert ihn daran, wie anfällig er ist. Er begreift, wie sehr er der Güte und des Mitgefühls bedarf.

Er gibt seinen Pharaonismus auf und bekommt so – seiner Schwäche und Armut vollkommen bewusst – ein Gefühl dafür, was es bedeutet am göttlichen Hofe Zuflucht zu nehmen und bereitet sich darauf vor mit der Hand der innigsten Dankbarkeit an die Tür der Gnade zu klopfen – insofern die Achtlosigkeit/Apathie sein Herz noch nicht verdorben hat.

Sechster Punkt: Ramadan – der Monat des Qur‘ans

Das Fasten im ehrwürdigen Ramadan beinhaltet, hinsichtlich der Offenbarung des weisen Korans und vor allem was diesen Monat als die wichtigste Zeit seiner Herabsendung anbelangt, viele Weisheiten. Eine von diesen soll nun angeführt werden:

Da der weise Koran im Monat Ramadan herabgesandt wurde, sollte man, um sich auf diese Phase zu konzentrieren und diese ‚himmlische Predigt‘ gebührend aufzunehmen, sich der triebhaften Bedürfnisse enthalten, sinnlose Beschäftigungen sein lassen und so – durch den Verzicht auf Speis und Trank – in einer engelsgleichen Art, den Koran rezitieren und ihm zuhören, als ob er hier und jetzt herabgesandt worden wäre, und sogar so, als lauschte man dieser göttlichen Predigt in seiner tatsächlichen Herabsendungszeit und man sollte ihm horchen, als hörte man diese Predigt vom ehrenvollen Gesandten (sas), von Gabriel oder gar vom urewigen Sprecher, um sich dadurch in einen spirituellen Zustand zu versetzen. Damit wird man zu einem „Übersetzer“ des Korans und kann auf diese Weise die Weisheit seiner Herabsendung demonstrieren.

Im Ramadan verwandelt sich die islamische Welt in ein gewaltiges Gebetshaus, in dem Millionen Rezitatoren den Koran – diese himmlische Predigt – den Bewohnern und Bewohnerinnen der Erde vorlesen.

spirituell jüngst Demut

Foto: Mehmet Subasi, Unsplash

Jeder Ramadan präsentiert den Vers „Der Monat Ramadan, in dem der Koran herabgesandt wurde“ auf eine einleuchtende Weise. So beweist er, dass der Ramadan der Monat des Korans ist. Einige in dieser großen Gemeinde lauschen voller Hochachtung den Rezitatoren und einige andere lesen ihn für sich.

In einem derartig heiligen Gebetshaus achtlos seinen irdischen Trieben zu folgen, zu essen und zu trinken und infolgedessen diesen geweihten Zustand zu verlassen, ist unerträglich und ruft den geistigen Unwillen der Gemeinde hervor. Genauso ziehen diejenigen, welche sich im Ramadan von den Fastenden zuwiderhandelnd abgrenzen, die innere Missbilligung und Verachtung der gesamten islamischen Welt auf sich.

Siebter Punkt: Das Fasten als jenseitiger Handel

Eine Weisheit des Fastens im Ramadan hängt mit dem Verdienst des Menschen zusammen, der in diese Welt gekommen ist, die ihm als Acker und Handel dient: Im segensreichen Ramadan ist der Lohn für eine gute Tat 1:1000. Die Rezitation eines Buchstaben aus dem weisen Koran wird gewöhnlich mit zehn Wohltaten angerechnet, als zehn gute Taten und bergen zehn Paradiesfrüchte in sich.

Im Ramadan jedoch ist der Verdienst nicht zehn, sondern 1000. Buchstaben der Verse wie des Thronverses (âyat al-kursi) bringen sogar Tausende ‚Pluspunkte‘. An Freitagen des Ramadans ist der Lohn noch höher. In der Nacht der Bestimmung (lailat al-qadr) wird zudem ein Buchstabe als eine 30.000-fache Wohltat gezählt.

Ja, der weise Koran, dessen jeder Buchstabe 30.000 ewige Früchte schenkt, gleicht einem lichtvollen Paradiesbaum, der im Ramadan den Gläubigen Millionen ewige Früchte gewinnen lässt. So siehe denn, was für ein großer Verlierer jemand ist, der jene Buchstaben bei solch einem heiligen, ewigen und gewinnbringenden Handel nicht wertschätzt.

Der Ramadan ist also für den ‚jenseitigen Handel‘ eine bemerkenswert profitable Messe und ein sehr ertragreicher ‚Markt‘. Er ist ein fruchtbares Land für die jenseitige Ernte. Für die Entfaltung unseres Potenzials ist er wie der Frühlingsregen im April. Er ist ein glanzvolles und heiliges Parade-Festival der Dienerschaft des Menschen gegenüber der Souveränität der göttlichen Autorität.

Weil dem so ist, wurde das Fasten angeordnet, damit der Mensch nicht durch Essen und Trinken der Unbedachtsamkeit des Egos verfällt und den tierischen Gelüsten, der sinnlosen und wollüstigen Laune, hinterher läuft.

So ist es, als ob er für eine bestimmte Zeit, sich von dem Zustand eines Lebewesens lösend, eine engelsgleiche Form annimmt oder, sich mit jenseitigem Handel beschäftigend und so, diesseitige Bedürfnisse beiseitelassend, sich in eine jenseitige Person verwandelt oder wie ein reiner Geist wird, der als ein Körper in Erscheinung tritt. Mit alldem wird er durch das Fasten zu einer Art Spiegel der Absolutheit (samadaniyya) Gottes.

Das Fasten im segensreichen Ramadan trägt in dieser Welt, in diesem vergänglichen und allzu kurzen Leben, ein ewiges und unsterbliches Leben in sich und lässt es gewinnen. Ja, ein einziger Ramadan kann den Ertrag eines 80-jährigen Lebens erbringen. Dass die Nacht der Bestimmung (lailat al-qadr) – basierend auf dem Korantext – wertvoller als Tausend Monate ist, belegt dieses Geheimnis mit definitiver Beweiskraft.

Ein König lässt im Verlauf seiner Regierungszeit – vielleicht jährlich – anlässlich seiner Thronbesteigung oder an einigen besonderen Tagen, als Andenken an ein grandioses Werk seiner Herrschaft, ein Fest ausrufen. Zu diesen Zeiten behandelt er seine Untertanen nicht nach regulärem Protokoll, sondern kommt ihnen besonders entgegen, zeigt öffentliche Präsenz sowie besondere Geneigtheit, lässt seine loyalen Bürger wohlverdient bei seinem ungewöhnlichen Schaffen zugegen sein und gewährt ihnen Privataudienz.

handel islam

Foto: imago

In vergleichbarer Weise hat der König aller Zeiten in seiner Majestät seinen hoheitsvollen Erlass – den weisen Koran – als eine Gunst an 18.000 Welten im Ramadan herabgesandt. Folgerichtig wird dieser Ramadan ein besonderes himmlisches Fest, eine göttliche Messe und eine Versammlung der Seligen. Da der Ramadan dieses Fest ist, wird logischerweise – um den Menschen von animalischer und tierischer Tätigkeit zu befreien – das Fasten vorgeschrieben.

Das ideale Fasten bedeutet, neben dem Magen, auch alle Sinne, wie das Auge, das Ohr, das Herz, die Phantasie und den Intellekt, einer Art Fasten zu unterziehen, d. h. diese dem unstatthaften und nutzlosen Handeln zu entziehen und jeden Sinn in seinem speziellen Dienst zu motivieren. Ein Beispiel dafür ist folgendes: Seine Zunge vor der Lüge, übler Nachrede und Schimpfwörtern zu bewahren heißt, sie fasten zu lassen. Stattdessen soll die Zunge mit der Rezitation des Korans (tilâwat al-qurʼân), dem Gedenken (dhikr), Lobpreisen (tasbîh), Segenswunsch (salawât) und mit der Bitte um Vergebung (istighfâr) beschäftigt werden.

Das Auge vom Betrachten des Illegitimen und das Ohr vom Lauschen des Schändlichen abzuhalten und dafür das Auge dem Lehrreichen hinzuwenden und das Ohr auf wahre Worte und die Rezitation des Korans zu richten, ist beispielsweise auch eine Form des Fastens. Da ja der Magen die größte Fabrik in uns ist, können kleinere Anlagen ihr leichter folgen, wenn einmal bei ihr der Betrieb durch das Fasten eingestellt wird.

Achter Punkt: Fasten als materielle und geistige Diät

Eine von vielen Weisheiten des Fastens im heiligen Ramadan bezüglich des individuellen Lebens des Menschen ist jene: Das Fasten ist für den Menschen eine Medizin in Form einer materiellen und geistigen Diät. Medizinisch betrachtet ist es eine Kur.

Solange der Mensch sich in Bezug auf Essen und Trinken zügellos verhält, erleidet er gesundheitliche Schäden und vergiftet auch sein geistiges Leben, da er, ohne auf die Speisevorschriften zu achten, alles zu sich nimmt, was er in die Hand bekommt.

In diesem Zustand macht es sich das Ego schwer dem Herzen und dem Geist zu folgen. Es nimmt wie ein Rebell die Zügel in die Hand. Der Mensch verliert die Macht über sein Selbst; es erlangt die Macht über ihn.

Im Ramadan gewöhnt sich das Selbst mit Hilfe des Fastens an eine Art Diät, bemüht sich um Askese und lernt Gehorsam. Der Magen wird von Krankheiten verschont, da ein Überessen vor dem Verdauen vermieden wird. Weil es durch die Anordnung des Fastens sich selbst des Erlaubten enthält, erhält es die Befähigung vernünftigen und rechtlichen Weisungen Folge zu leisten und so auch das Verbotene zu unterlassen. Es versucht das spirituelle Leben nicht zu ruinieren.

erfolg

Foto: Adobe Stock

Das Fasten trainiert Geduld und Ausdauer

Ein Großteil der Menschheit erleidet oft Hunger. Um Geduld und Aushaltevermögen für eine Hungerperiode zu trainieren, benötigt der Mensch eine Phase der Askese. Das Fasten im Ramadan ist als eine 15-stündige (ohne das Frühmahl (sahur) sogar 24-stündige) Hungerphase und somit als eine Geduldprobe zu sehen. Sie kommt einer Askese und einem Training gleich. Das heißt, das Fasten ist auch eine Lösung für die Ungeduld und Unrast des Menschen, die sein Unglück verdoppeln.

Das Fasten als „spiritueller Urlaub“ des Magens

Die Bauchfabrik, die viele Beschäftigte hat, steht mit vielen Organen des Menschen in Beziehung. Wenn das Selbst nicht im Verlauf eines Monats tagsüber den Betrieb einstellt, vergessen die Arbeiter/-innen und Organe ihren speziellen Gottesdienst. Es hält sie auf und bringt sie somit unter seine Zwangsherrschaft.

Das Gemüt der Menschen wird durch den Lärm und Rauch der geistigen Fabrikanlage durcheinandergebracht. Es zieht die ganze Zeit die Aufmerksamkeit auf sich und lässt so die Beschäftigten ihre würdevollen Dienste zeitweise vergessen. Aus diesem Grunde haben sich von je her viele Gottesfreunde angewöhnt, auf dem Wege der Vervollkommnung in Askese, also unter anderem mit weniger Essen und Trinken, zu leben.

Im Lichte des Fastens im erhabenen Ramadan begreifen die Arbeiter/-innen jener Fabrik, dass sie nicht nur für die Arbeit dort geschaffen wurden. Auch die übrigen Organe widmen sich anstelle der animalischen Lust dieser Fabrik der engelhaften und seligen Entzückung.

Deshalb erfahren Gläubige im Ramadan, dem Grad ihrer Entwicklungsstufe entsprechend, facettenreiche Erleuchtung, reichlichen Segen und innere Freude. Viele Zentren wie das Herz, der Geist, der Verstand und die Seele werden geläutert und entfalten sich. Während der Magen ‚weint‘, ‚lachen‘ sie unschuldig.

Neunter Punkt: Fasten lehrt die Herrschaft Gottes

Eine Weisheit unter vielen Weisheiten des Fastens im Ramadan ist mit dem unmittelbaren Zusammenbrechen der eingebildeten Herrschaft des Egos und der Belehrung der Dienerschaft durch das Aufzeigen seiner Schwäche verbunden. Diese Weisheit soll im Folgenden dargelegt werden:

Das Ego (nafs) will seinen Herrn nicht anerkennen. Pharaonenhaft strebt es nach der eigenen Herrschaft. Wie viel Pein es auch immer erfährt, dieser Wesenszug bleibt ihm anhaften. Nur durch das Fasten gibt es dieses Gefühl auf. D. h. das Fasten im Ramadan erschüttert die pharaonenhafte Front des Egos, versetzt ihm einen Schlag, deckt so seine Schwäche, Ohnmacht und Bedürftigkeit auf und offenbart, dass es ein Diener ist.

In den Überlieferungen gibt es folgende Erzählung:

Gott fragte das Ego (nafs): „Wer bin ich, wer bist du?“
Das Ego antwortete: „Ich bin ich, du bist du.“
Er peinigte das Ego, warf es in die Hölle und fragte es noch einmal.
Es antwortete wieder: „Ich bin ich und du bist du.“
Welcher Strafe er es auch unterzog, es gab seinen Egoismus nicht auf.
Dann bestrafte er es mit dem Hunger, er ließ es hungern.
Er fragte es noch einmal: „Wer bin ich, wer bist du?“
Das Ego antwortete diesmal: „Du bist mein barmherziger Herr und ich bin dein schwacher Diener.“

„O Gott! Segne unser Vorbild Muhammad, seine Familie und Gefährten mit einem Segen, der deiner Zufriedenheit entspricht! Spende ihm Segen nach dem Verdienst der rezitierten Buchstaben des Korans  im Monat Ramadan! Schenke ihm und den Seinen Frieden!

„Preis deinem Herrn, dem Würdevollen, erhaben über dem, was sie sich ausmalen. Friede allen Gesandten! Das Lob ist Gottes, dem Herrn der Welten.“ (Koran, 37:180-182)

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Segenskraft: Baraka und Dhikr im Ramadan

Baraka ramadan

Der zweite Schritt der Bewusstwerdung ist ein aktives Streben nach Segenskraft, der Baraka. (iz). Wohl selten in der neueren Geschichte war der Muslim so vielen Anfechtungen und Heimsuchungen ausgesetzt wie […]

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Die Zeit des Fastens im Ramadan

zeit ramadan fasten

Die Zeit im Ramadan: Unsere Erfahrung des Fastens inspiriert zu philosophischen Überlegungen.

(iz). Zu den eindrücklichen Erfahrungen des Fastens gehört die existentielle Zeiterfahrung. Wir alle kennen das Phänomen: die Zeit, die man ohne Trinken und Essen verbringt, kann lang werden.

„Eine Stunde kann je nach unserer Stimmung, unserem Lebensalter oder unserer Tätigkeit dahinkriechen oder dahinrasen, sich beschleunigen oder verlangsamen, aber auf der Uhr ist jede Stunde gleich“, schreibt die Philosophin Jose Hermsen. In ihrem Buch über die Kunst des „Kairos“ weist sie auf eine andere Zeiterfahrung hin, die – so die Überlegung – ebenso zum Ramadan gehört.

„Während Chronos für die universelle, statische und quantitative Zeit steht, die notwendig ist, um die Zeit in einen linearen Zusammenhang zu versetzen, steht Kairos für den subjektiven, dynamischen und qualitativen Moment, der gerade den spezifischen und sich ständig verändernden Umständen Rechnung trägt und darum zu einem Wandel der Erkenntnis führen kann.“

Das Ziel des Fastens im Ramadan

Ein Ziel der Enthaltsamkeit ist es (und darin liegt die Schwierigkeit), die Erwartung auf den besonderen Moment stets hochzuhalten. Wir sollten nachdenken über den Doppelcharakter der Zeit: den Unterschied zwischen der chronologisch vorgestellten Uhrzeit und den Augenblicken, wo sie die Möglichkeit einer erweiterten Erfahrung des Bewusstseins birgt.

Für die griechischen Dichter war Kairos „alles, was für den Menschen gut ist.“ Die Segnungen des Ramadans beschränken sich nicht nur auf den positiven Einfluss auf unsere Gesundheit. Vielmehr eröffnet sich ein Erfahrungsraum der Besinnung und Selbstreflexion stimuliert. Im Moment des Stillstands und der Aufmerksamkeit sehen wir eine Zäsur in den gewohnten Ereignisketten und die Möglichkeit echter Veränderung.

Es gehört zu den Besonderheiten der Zeit, dass es leichter fallen kann, auf Essen oder Trinken zu verzichten, als auf die Nutzung des Smartphones. Wir sollten gerade am Ende des Ramadans die Gelegenheit ergreifen, unser Verhältnis zur Technologie zu hinterfragen.

Was ist es, was einen bewussten Verzicht auf den permanenten Online-Zustand so schwer macht? Der Philosoph Henri Bergson schrieb schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts über die Schwierigkeit in der Moderne, sich wiederzufinden. „Die meiste Zeit leben wir unserer selbst äußerlich, wir gewahren von unserem Ich nur sein entfärbtes Phantom, den Schatten (…). Wir leben eher für die Außenwelt als für uns (…) eher als daß wir selbst handeln, werden wir gehandelt.“ Während des Ramadans erleben wir die Möglichkeit, uns im Gebet von der Dominanz der äußeren Welt immer wieder zu befreien.

Ramadan als Gleichgewicht zwischen Innen und Außen

Letztendlich streben wir in diesem Monat eine Balance dieser beiden Aspekte an. Wir versuchen, die Prioritäten unserer Wahrnehmung richtig zu setzen; anstatt nur die Zeit totzuschlagen. „Die innere Emigration funktioniert nicht mehr, weil die Infiltration des Realen uns in jedem Rückzugsraum einholt“, stellt der Philosoph Peter Sloterdijk in einem Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“ treffend fest. 

Wichtige Phänomene, deren Bedeutung wir insbesondere in der Fastenzeit zu ergründen versuchen, kann man nicht simpel verdrängen. Wir nehmen zum Beispiel bewusst die tragische und verzweifelte Situation der Palästinenser war. Uns erreichen die Bilder von ihrem Fastenbrechen in einer Trümmerwelt und wir empören uns über die Gewalt, der sie auch in diesem heiligen Monat ausgesetzt sind. Die Bittgebete, die wir gemeinsam in der Nacht sprechen, erinnern daran.

Foto: GreenIftar, NourEnergy

In diesen Tagen ist häufig von einer „Zeitenwende“ die Rede. Blicken wir auf die hinter uns liegenden Jahrzehnte zurück, wurde das Fasten lange vorrangig als Gegenbewegung zur Konsumgesellschaft gesehen. Heute ist es vor allem die Angst und die Depression, Ablenkung und Zerstreuung, die das Seelenleben gefährden, Zustände, denen wir uns mit den Riten und dem daraus resultierenden Vertrauen auf eine höhere Wirklichkeit entziehen.

Um dieses Potenzial für uns offen zu halten, müssen wir vorsichtig mit den äußeren Eindrücken sein, die einen erreichen. Die Unterscheidung, was tatsächlich wichtig ist oder was nicht, gehört zu den bedeutsamen Übungen dieser Zeit.

Die Griechen hatten die Tragödie – was bringt uns Katharsis?

In der griechischen Philosophie sind es die Tragödien, die dem Menschen die Bewältigung der Affekte von Furcht und Mitleid aufzeigen sollen und zu einer „Kartharsis“, einer Reinigung, führen sollen.

Aristoteles argumentierte, dass die Affektbeeinflussung nicht schädlich sei. Denn der Ablauf der Tragödien mit ihrer Lösung des Konfliktes befreit uns von dem Druck, der durch sie erregten Affekten. Sein Lehrer Platon war skeptisch angesichts dieser Form der Reinigung. Er befürchtete generell, dass geistige und emotionale Einflüsse in der Seele eine unbeherrschbare, oft negative Eigendynamik entfalten.

krieg

Foto: Adobe Stock

In diesem Jahrhundert erleben wir zahlreiche Tragödien, Kriege und Herausforderungen, von denen man sagt, dass es keine simplen Lösungen mehr gibt. Die Flut der Bilder, die Darstellung von Gewalt und Exzessen, die Vielzahl wahrer und falscher Informationen beeinflussen den eigenen Zustand unbemerkt. Man neigt heute dazu, gerade wenn man an irrationale Gewaltausbrüche denkt, die Einwände Platons wieder ernster zu nehmen. Der Blick in die Abgründe unserer Zeit bleibt nicht folgenlos. 

Der Ramadan ist eine ungewöhnliche Zeit und die uns zugeeignete Form der Reinigung, die unseren Körper, unser Denken und unseren Glauben erneuert. Die besonderen Momente dieses Monates kann man nicht erzwingen, man muss sich in der Offenheit für sie halten.

Jede Nacht erleben wir gemeinsam den Klangraum der Offenbarung und die Macht göttlicher Inspiration. Es ist der Monat Ramadan, in welchem der Qur’an als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt wurde, der die Zeichen der Wahrheit inne hat und das Richtige vom Falschen trennt (Al-Baqara, 2/185). 

Angesichts der Lage des Menschen im 21. Jahrhundert ist tiefes Gottvertrauen und unumstößliche Zuversicht notwendiger denn je.

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Wie im Ramadan gesund leben?

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Aus dem muslimischen Alltag: Tipps & Tricks für eine bessere Gesundheit im Fastenmonat. (iz). Ramadan ist der Monat im islamischen Kalender, in dem der Qur’an dem Propheten Mohammed, möge Allah […]

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„Auch Männer fragen nach Tipps zum Kochen“

Kochen

Kochen und Innenausstattung sind wahre Kunstformen. Für jeden, der Kreativität in seinem Leben will, sind das zwei Gebiete einer Halal-Lebensweise, in denen man definitiv seine Bedürfnisse befriedigen kann.

(iz). Paradoxerweise beschäftigt man sich in vielen muslimischen Kulturen im Fastenmonat Ramadan mehr als sonst mit Lebensmitteln, Kochen und Essen. Dabei haben sich ausgefeilte Traditionen entwickelt. Nicht immer sind sie so leicht in der modernen Gesellschaft zu realisieren. Hierzu sprachen wir mit der US-Amerikanerin Yvonne Maffei. Sie betreibt unter anderem die Webseite MyHalalKitchen.com und vertreibt Ratgeber, in denen sie über Halal-Lebensmittel, Zutaten, Kochen, Essen und Innenausstattung schreibt.

Islamische Zeitung: Liebe Yvonne Maffei, wären Sie so freundlich, Ihre Webseite und Ihr Projekt unseren Lesern vorzustellen?

Yvonne Maffei: MyHalalKitchen.com wurde geschaffen, um eine nützliche Quelle für alle ganzheitlichen, natürlichen Dinge aus dem Halal-Bereich zu sein. Vor allem soll es Lesern bei deren Bedürfnissen nach Halal-Lebensmittel und dem Kochen (wie Ersatzmittel beim Backen und Kochen, die Auswahl von Restaurants et cetera) helfen, aber auch Inspirationen für Lifestyle und Inneneinrichtung bieten.

Faszination Lebensmittel

Islamische Zeitung: Was fasziniert Sie an Lebensmitteln, dem Kochen und Innenausstattung?

Yvonne Maffei: Kochen und Innenausstattung sind wahre Kunstformen. Für jeden, der Kreativität in seinem Leben will, sind das zwei Gebiete einer Halal-Lebensweise, in denen man definitiv seine Bedürfnisse befriedigen kann. Ich liebe es, mit Dingen zu arbeiten, die Schönheit in unser Leben bringen. Als Muslime wissen wir, dass Allah Schönheit liebt.

Foto: Yvonne Maffei

Islamische Zeitung: Liebe Yvonne Maffei, was ist die Bedeutung von Lebensmitteln, Essen und Kochen für die Muslime in unserer Zeit? Handelt es sich dabei um mehr als um die Nahrungsaufnahme?

Yvonne Maffei: Unsere Lebensmittel sind unglücklicherweise, heute mehr denn je, nicht das, was sie zu sein scheinen. Deshalb ist es für uns so wichtig zu wissen, wo unser Essen herkommt und was sich genau darin befindet. Als Muslime haben wir eine Richtschnur über das, was gut für uns ist und was nicht – unabhängig davon, ob es in Zusammenhang mit Lebensmittel, Lebenswandel, Finanzen oder sozialen Interaktionen steht.

Viel Zeit für Kochen und Essen

Islamische Zeitung: Ist es im Kontext dieses Ramadans nicht ironisch, dass Muslime sich, wenn sie wohlhabend genug sind, jetzt mehr mit Kochen und Essen beschäftigen als zu jeder anderen Zeit?

Yvonne Maffei: (überlegt)… Eigentlich begegnen mir sehr viele bewusste Muslime, die auf die Dinge reagieren, die ich in den sozialen Netzwerken und auf meiner Webseite veröffentliche. Ich kann kein gesteigertes Verlangen nach Essen und Kochen erkennen.

Vielmehr begegnen mir Leute, die wissen, dass wir essen müssen, wenn es Zeit ist, und die nach Wegen suchen, das gesund und schnell zu gestalten. Ihr Ziel ist es, mehr Zeit für das zu haben, was im Ramadan wichtig ist: die ‚Ibadat (Akte der Anbetung). Darum bin ich hier, um Menschen das zu ermöglichen, was sehr erfrischend ist.

Irrationalität

Foto: Sanoop.cp, Shutterstock

Islamische Zeitung: Glauben Sie, dass der Ramadan – so wie ihn viele Muslime heutzutage praktizieren – eine zu große Belastung für die Frauen des Haushaltes wird?

Yvonne Maffei: Ich bin mir nicht ganz sicher… Mir begegnen heute viel mehr Männer, die nach Kochtipps fragen und die insgesamt sehr interessiert an Lebensmittel als etwas sind, für dessen Einkauf und Vorbereitung sie Verantwortung übernehmen sollten. Ich finde das sehr großartig!

Tipps und Rezepte

Islamische Zeitung: Hätten Sie einen Tipp, wie sich der Ramadan besser gestalten lässt, um Zeit für spirituelle Aspekte zu haben?

Yvonne Maffei: Planung, Planung und noch mehr Planung – und dann Organisation! Es ist überaus wichtig für den Ramadan, die Mahlzeiten, Einkaufen, die Treffen, Dekoration und Reinigung zu planen und uns dementsprechend zu organisieren, sodass wir das alles tun können. Wird es vor dem Ramadan gemacht: großartig. Wenn nicht ist es immer noch eine bessere Möglichkeit, den Haushalt während des Fastens zu organisieren und problemlos am Laufen zu halten.

Foto: user6694312, Freepik.com

Islamische Zeitung: Was sind Ihre Lieblingsrezepte für den Ramadan?

Yvonne Maffei: Mein absolutes Lieblingsessen für das Iftar ist Kebab im Golf-Stil, aus Lamm, Rind oder Huhn. Sein Geruch von Kardamom, Nelken und aromatischem Basmati-Reis sagen mir, dass Ramadan in der Luft ist. Ich habe schöne Erinnerungen daran, als ich gelernt habe, dieses Gericht herzustellen. Mittlerweile habe ich es so oft gemacht, dass ich das Rezept genauso eingestellt habe, dass es perfekt zu meinem Gaumen passt. Übrigens, alle diese Rezepte finden sich in meinem Kochbuch, „Summer Ramadan Cooking“. Ramadan ist so wunderschön, nicht wahr?

Islamische Zeitung: Liebe Yvonne Maffei, vielen Dank für das Gespräch.

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Weibliche Perspektiven des Fastens

weiblich Zeit Iftar

Weibliche Perspektiven werden besonders im Ramadan angesprochen: Passives Mitgefühl müsse in aktiven Beistand und Unterstützung münden, denn „das Fasten hat auch soziale Ziele.

(iz). ls ich alt genug war und zu fasten begann, ging die Sonne gegen 16.00 Uhr unter. Man könnte sagen, das war Fasten deluxe. Trotzdem habe ich damals meine Mutter alle zehn Minuten aufgesucht, um meinen Hunger zu beklagen.

Irgendwann hatte sie genug: Ich faste ja freiwillig. Also, wenn ich jammern wolle, solle ich lieber mein Fasten brechen. Und wenn ich es für sie täte, anstatt für Allah, könne ich immer noch heimlich etwas essen. Sie hat wohl gewusst, dass ich damit auf einen Schlag begreifen würde. Sie hatte vollkommen recht. Seitdem faste ich ganz anders. Oder sagen wir, seitdem faste ich.

Ein weiblicher Blick auf den Ramadan

Mariem Dhouib war islamische Gelehrte, Lehrerin und Mitbegründerin von Madrasah e.V. Sie riet einmal dazu, sich vor dem Ramadan zu besinnen und mit den eigenen Absichten auseinanderzusetzen. „Wir müssen uns vorher im Klaren sein“, erklärt sie, „welchen Sinn unsere Handlungen haben sollen, und für wen wir sie verrichten. Sprich: Wer ist Allah, wer bin ich, und wie ist unsere Bindung?“.

Denn das Fasten ist eine ganz besondere Form des Gottesdienstes, „eine verdeckte Ibadah”. Wer fastet, hat von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang nichts zu sich genommen, obwohl er genügend Gelegenheiten dazu hätte, sich jenseits der anerkennenden Blicke seiner Mitmenschen dem Fasten beispielsweise durch einen Schluck Kaffee zu entziehen. Das Fasten ist also frei und geheim – und damit einzig und allein für Allah.

„Die mehrheitliche Meinung der Gelehrten besagt, dass die wertvollste Nacht im Jahr, Lailat-ul-Qadr, auf die letzten zehn Tage des Ramadans fällt. In diesem Monat, der der einzig namentlich erwähnte im Qur’an ist, wurde das Wort Allahs erstmalig herabgesandt“, erklärt Mariem Dhouib. 

Der Prophetengefährte Salman Al-Farisi hat überliefert, dass der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, am letzten Tag von Scha’ban sagte:

„O Menschen, ihr seid beschattet von einem großartigen und gesegneten Monat, ein Monat, in dem sich eine Nacht befindet, die besser als eintausend Monate ist. Allah machte das Fasten in diesem Monat zur Pflicht und machte das Beten in der Nacht zu einer freiwilligen Handlung. Wer auch immer in ihm versucht, Allah durch eine gute Tat näher zu kommen, wird wie jemand belohnt, der eine Pflicht (zu einer anderen Zeit) erfüllte. Wer auch immer eine Pflicht in ihm ausführt, wird wie jemand belohnt, der siebzig Pflichten (zu einer anderen Zeit) erfüllte. Er ist der Monat der Geduld (Sabr) und der Lohn der Geduld ist das Paradies. Er ist der Monat der Spende. Er ist der Monat, in dem die Versorgung eines Gläubigen vermehrt wird.“

Dies sei der Grund, weshalb Muslime mit „Allahuma baligh’na Ramadan“, so Dhouib, darum beten, den Ramadan zu erleben. Wir würden so daran erinnert, „dass die Erntesaison des Jahres, welches die Gelehrten auf zwei Hälften teilen, uns nicht selbstverständlich gewährleistet wird“. Die Begründung hierfür ist die Vergänglichkeit des Lebens.

Die Zeit nach dem Fasten

Wie sieht das Jahr nun für den Muslim aus? Nach dem Fastenmonat besteht unsere Aufgabe darin, „die Früchte des Monats – die guten Taten – aufrechtzuerhalten“. Wobei die besten Taten die fortwährenden, die regelmäßigen sind, „auch wenn es wenige sind“, so Dhouib. In den Monaten vor Ramadan kann manch ein „Energietank“ aufgebraucht sein, manch regelmäßige, freiwillige Guttat wird vielleicht nicht mehr verrichtet.

„Da ist es ratsam, sich vorzubereiten; die klugen Leute warten nicht erst auf den Ramadan, um Änderungen und Umstellungen zu machen.“ Im Monat der Vergebung, dem Radschab, und im Scha’ban, dem Monat des Propheten, „befassen wir uns spätestens mit unserer Beziehung zu Allah, unseren Absichten und dem Sinn unserer Handlungen.

Islam Sadaqa Solidarität Nächstenliebe

Foto: Shutterstock

Wer die Zeit vor Radschab verpasste, sollte den Radschab nicht verpassen. Wer Radschab verpasst hat, sollte Scha’ban nicht verpassen. Und wer auch Scha’ban verpasst hat, sollte schließlich Ramadan nicht verpassen“.

Auch die Propheten vor Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, haben die Botschaft des Fastens an ihre Völker herangetragen. „Unsere nichtmuslimischen Mitmenschen kennen diese Enthaltsamkeit also meist schon“, wenn auch in anderer Form.

Ob es für den Muslim eine besondere Verantwortung in diesem Monat gibt, wollte ich von ihr wissen. „Ich bin Botschafter Muhammads, das ist nicht anders als sonst, und zwar auf die beste Art und Weise. Durch Großzügigkeit, Sanftheit, Barmherzigkeit – durch meinen Charakter“, lautet die Antwort der Gelehrten.

Passives Mitgefühl mit Bedürftigen müsse in aktiven Beistand und Unterstützung münden, denn „das Fasten hat sowohl individuelle, als auch soziale Ziele. Das Prinzip der Solidarität und Geschwisterlichkeit der Muslime ist im Islam tief verankert. Wenn Bindungen im Laufe des Jahres Schwäche oder Schaden erfahren haben, ist es im Monat des Qur’ans an der Zeit, sie zu bereinigen und Versöhnung zu veranlassen.“

Foto: jahmaica, Adobe Stock

Als Beistand gelte, so Mariem Dhouib, natürlich auch die Wohltätigkeit; wie das Spenden einer Mahlzeit zum Fastenöffnen, selbst wenn es nur durch eine Dattel oder einen Schluck Milch erfolge.

Allerdings warnt die Gelehrte davor, Zusammenkünfte und soziale Kreise dazu zu nutzen, durch unprofessionelle Debatten – etwa über die richtige oder falsche Anzahl der Einheiten des freiwilligen Tarawwihgebets – für Spaltung zwischen den Menschen zu sorgen. Zu zweifelhafter und weitverbreiteter Schwarz-Weiß-Malerei wünscht sie sich daher Distanz.

Ramadanstimmen

Foto: Pexels/Thirdman

Ich möchte von ihr wissen, was denn individuelle Ziele des Fastens sein könnten. „Taqwa, zum Beispiel“, lautet ihre Antwort. Das werde oft mit „Gottesfurcht“ übersetzt, es ist aber viel mehr. Durch das Fasten als Akt der Anbetung von Allah übt sich der Hungernde in Aufrichtigkeit, die sich nicht nur auf den körperlichen Verzicht beschränkt, sondern ganzheitlich wirkt.

Sie nennt noch weitere Aspekte: „Sabr (Geduld) in den grundlegendsten Bedürfnissen walten lassen, Selbstkontrolle erlernen und mit wenig gut zurechtkommen.“

Das Fasten ist also Kopfsache und rückt den Fokus vom Körperlichen hin zur höher gestellten Seele. „Natürlich ist es wichtig, im Monat des Qur’ans diesen auch viel zu lesen. Worum es aber immer geht, ist, den Qur’an zu leben.“

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Handel profitiert von Halbmonden und muslimischen Kalendern 

handel ramadan

Der Handel mit Deko-Artikeln zur muslimischen Fastenzeit wächst. Ramadan-Halbmonde zum Aufstellen oder Aufhängen, Ramadan-Kalender oder Halbmond-Kissen. Viele Muslime freuen sich darüber, es gibt aber auch Kritik.

Berlin (KNA). Der Fastenmonat Ramadan hat gerade begonnen und viele muslimische Haushalte sind in dieser Zeit festlich geschmückt. Goldglänzende Halbmonde sind aufgestellt, es gibt Schilder mit Moscheenabbildungen und der Aufschrift „Ramadan Kareem“, die eine gesegnete Fastenzeit wünschen.

Zu kaufen gibt es diese Deko-Artikel bundesweit in vielen Warendiscountern. Und weil der Fastenmonat in diesem Jahr fast zeitgleich mit der christlichen Fastenzeit stattfindet, die stets 40 Tage vor Ostern beginnt, findet man die Artikel direkt neben Osterhasen und bunt bemalten Ostereiern.

In einigen Drogeriemärkten sind zudem Kalender ausgestellt, die auf den ersten Blick wie verspätete Adventskalender daherkommen, die aber bei näherer Betrachtung ebenfalls für die muslimische Fastenzeit bestimmt sind.

Die Berlinerin Selva F. freut sich darüber: Die Mutter von zwei Kindern hat ihr Wohnzimmer geschmückt und findet es klasse, dass die Artikel seit einigen Jahren in vielen Läden zu finden sind. Für sie ein sichtbares Zeichen, dass Muslime gesehen werden und selbstverständlich dazugehören.

Ähnlich sieht es auch der Regensburger Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder. „Auf jeden Fall wird der Islam als Teil der Alltagskultur sichtbar“, sagte Hirschfelder der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Insofern seien Ramadan-Halbmonde oder Ramadan-Kalender in Geschäften auch ein Zeichen von Anerkennung. „Die muslimische Community ist hier angekommen.“

Natürlich habe das Ganze auch eine ökonomische Komponente. In Deutschland leben laut Statistik rund 5,5 Millionen Muslime. „Da regieren die Unternehmen letztlich auf eine demografische Realität.“

Es gibt aber auch Muslime, die sich an diesem neuen Hype stören. Grund ist der Gedanke hinter der muslimischen wie der christlichen Fastenzeit, sich vom Konsum freier zu machen und bewusst zu verzichten. So hat Adrian Balbegi, der als Gründer des Dortmunder Unternehmens SugarGang die Ramadan-Kalender vertreibt, negative Reaktionen erlebt.

Der KNA sagte er, dass einige Muslime ihm das Nachahmen christlicher Bräuche vorwerfen und die Aufmachung wenig fromm finden. Allerdings gilt eine Fastenpflicht erst für muslimische Jugendliche ab 14 Jahren, für viele auch ab 16 Jahren, also nicht mehr so ganz das Alter für einen Süßigkeiten-Kalender. Ab diesem Alter sind gläubige Muslime dazu angehalten von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang weder zu essen noch zu trinken.

Für Hirschfelder ist an dem Bekenntnis vieler Muslime, den Ramadan zu praktizieren und dafür auch die Wohnung zu schmücken, noch etwas ganz anderes wichtig: Für die muslimische Community, deren Teilnehmer aus den unterschiedlichsten Ländern mit teilweise anderen Kulturen nach Deutschland gekommen seien, sei gerade der Fastenmonat eine gemeinsame Identifikationsfolie.

Traditionell wird nach Sonnenuntergang auch das Fastenbrechen mit anderen gefeiert, erläutert der Kulturwissenschaftler. Gastfreundschaft habe in vielen muslimischen Haushalten nach wie vor einen sehr hohen Stellenwert. Und während des Ramadans werde der private Raum dann sozusagen zu einer Bühne für Gastfreundschaft und für Kultur.

Dazu gehört auch, dass beim Fastenbrechen das traditionelle Gebäck Baklava gereicht wird. Es besteht aus dünnen Teigschichten, die übereinander gelagert werden. Dazwischen kommt eine Füllung aus Pistazien oder Nüssen. Auch für spezielle Bäckereien ist der Fastenmonat eine Zeit, in der besonders viel Baklava gebacken wird.

Foto: Mahmoud Mahdi Photo/Shutterstock

Zunehmend wird der Monat auf sogenannten Ramadan-Märkten auch öffentlich begangen. Angelehnt an den Weihnachtsmarkt, gibt es in vielen Städten ein solches Event mit vielen Lichterketten und Essensstände. Es beginnt allerdings gemäß dem muslimischen Fastenmonat nach Sonnenuntergang und zieht sich oft bis nach Mitternacht hin.

Der Ramadan endet mit dem dreitägigen Fest des Fastenbrechens, arabisch Eid al-Fitr, das in diesem Jahr am 19. März beginnt. Dann findet auch das Zuckerfest statt, an dem traditionell Kinder beschenkt werden und Besuche stattfinden

In vielen Familien werden in den Tagen die Ramadan-Halbmonde und andere Utensilien abgehängt und in Kisten verstaut – bis zum nächsten Jahr. Gut zwei Wochen später ist Ostern, damit endet die christliche Fastenzeit.

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Verzicht ist ein Heilmittel gegen Konsum

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Mondsichtung und Ramadanbeginn: Alle Jahre wieder?

Erwartung Ramadan mond astronomie zeit

Zwischen Mondsichtung und Ramadanbeginn. Obwohl Muslime in Deutschland seit mehr als zwei Jahrzehnten einheitlich beginnen, sind die Debatten nie verstummt.

(iz). Jedes Jahr die gleiche Debatte um die richtige Feststellung des Beginns vom Fastenmonat Ramadan. Der Hidschri-Kalender (benannt nach der Auswanderung des Propheten Muhammad, Allahs Frieden und Segen auf ihm, nach Medina, der Hijra) richtet sich nach dem Mondzyklus.

Der Ramadan beginnt offiziell mit der Sichtung der neuen Mondsichel (Hilal). Darüber, wie diese Sichtung aber stattfinden soll, gibt es verschiedene Meinungen.

Es ist wichtig zu wissen, dass in der traditionellen sunnitischen Rechtswissenschaft Meinungsvielfalt vorgesehen und durchaus anerkannt ist. Diese allgemeine Grundlage scheint im Zeitalter des Internets teilweise in Vergessenheit zu geraten. Bekanntlich tummeln sich dort diverse, kleine Randströmungen mit Webseiten, die mit selbstgegebenem alleinigen Wahrheitsanspruch werben.

Grafik: famveldman, Adobe Stock

Wer hier meint nur „Qur’an“ und „Sunna“ zu folgen, sagt nicht selten, dass er lediglich seinem eigenen Verständnis von beidem folgt. Die islamische Normenlehre (Usul al-Fiqh) ist dann doch etwas wissenschaftlicher als das Kopieren von Textübersetzungen und das Posten von Bildern.

Wie jedes Jahr in der letzten Zeit beginnt kurz vor Beginn des Ramadan eine Diskussion darüber, wann und von wem der Ramadan ausgerufen wird.

Muslim kann jeder sein, Rechtsgutachter aber eben nur, wer dafür qualifiziert ist. Um der Komplexität von Wissenschaft gerecht zu werden, bedarf es diverser Qualifikationen. Das Googlen oder Hörensagen von Sachverhalten steht dem entgegen. Vor allem wird es problematisch, wenn die Rechtsmeinungen von Gelehrten bestimmter Randkonfessionen auf die Mehrheit der Muslime übertragen werden soll.

Die Meinung, die jüngst gern als die „einzig wahre“ propagiert wird, meint, dass man auf die Sichtung des Neumonds über Mekka warten müsse und die Autoritäten Mekkas dann den Ramadan ausrufen. Gleichzeitig gilt diese Meinung weltweit als sehr schwer begründbar. Ihre Verbreitung erfuhr sie in den letzten Jahrzehnten vorrangig durch saudischen Einfluss.

Ein Konsens herrscht darin, dass es lediglich einer, weltweit möglichen, bestätigten Sichtung des Neumonds bedarf, um den Beginn des Ramadan festzulegen. 2014 wurde der Mond beispielsweise offiziell im Jemen gesichtet, wonach das Land den Ramadan ausrief und einige andere Länder nachzogen. Saudi-Arabien aber  wartete auf die nächste Nacht, um ihn selbst zu sichten.

Nur zum Ramadanbeginn auf die Sichtung des Mondes zu bestehen, während man den Beginn der restlichen elf Monate im Jahr nicht durch Sichtung bestimmen lässt, hat jedoch wenig Sinn. Ein Indiz für eine Scheindebatte.

Und es ist auch nicht ausreichend ihn einfach selbst zu sichten oder auf Mondsichtungs-Webseiten zu surfen. Je nach Rechtsschule spielt dabei die Wahl des Sichtungsortes oder die Anzahl zuverlässiger Zeugen eine wichtige Rolle.

Eine dritte Methode zur Feststellung eines Monats ist die detaillierte astronomische Berechnung. Auf diese Weise wird das ganze Jahr vorbestimmt. Dass das aber auch ein Problem sein kann, bewies 2013, in dem einige Leute, die nach der Berechnung gingen, bereits das Opferfest feierten, während die Pilger in Mekka die Hadsch noch gar nicht abgeschlossen hatten.

In der leidigen alljährlichen Debatte geht meistens aber verloren, dass es noch andere Aspekte zur Bestimmung gibt. In jedem Fall bedarf es einer anerkannten Autorität, die den Monat ausruft. In der klassischen Feststellung gilt, dass die Rechtsgelehrten vorgeben, wie der Beginn bestimmt wird und die politische Autorität diesen dann bestätigt.

In einem Land mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit ist es heute der Präsident oder König. In Ländern wie Deutschland, Österreich oder der Schweiz übernimmt diese Rolle jemand anderes. Unsere Gemeinschaftsstruktur verfügt nicht über eigene Muftis oder Qadis. In der gegenwärtigen Situation ist wohl am ehesten der Moscheevorstand diese politische Autorität. Die meisten unserer Moscheevereine sind organisiert in mehreren großen Verbänden oder Dachverbänden wie DITIB, Islamrat, VIKZ und ZMD.

Diese vier haben sich darauf geeinigt, den Fastenmonat immer gemeinsam anzugehen. Zusammen bilden sie die absolute Mehrheit der Moscheegemeinden von über 85 Prozent. Ihr Konsens sieht vor, dass der Ramadan durch astronomische Berechnungen bestimmt wird. Ist das jetzt falsch?

Die Meinungsfindung beruft sich auf die Anweisung des Propheten, Allahs Frieden und Segen auf ihm, bei Meinungsverschiedenheiten der großen Mehrheit zu folgen. Die faktische Lage unserer Gemeinschaft ist, dass die Mehrheit unserer Muslime sich darauf geeinigt hat, auf Berechnungen zu vertrauen.

Bagdad Dar Al Hikma Wissenschaft

Foto: Wikimedia Commons, gemeinfrei

Aber der Prophet sagte doch, man solle auf die Sichtung des Neumonds warten, oder? Ja. Vieles gilt verstanden zu werden und bedarf einer ganzheitlichen Betrachtung. Die Meinungsvielfalt im islamischen Recht basiert darauf, dass man Sachlagen verschieden betrachten und eben auch begründen kann. Idealerweise entwickelte sich die muslimische Gemeinschaft Deutschlands so weit, dass sie über ein eigenes Komitee an geeigneten Stellen in Deutschland eine Sichtung nach klassischem Recht durchführt.

Dass es schwierig ist, von der gesamten muslimischen Weltgemeinschaft einen Konsens zu erwarten, muss akzeptiert werden. Beispielsweise ist die Sichtung über Marokko wesentlich einfacher als die über Mekka. Andere Teile der Welt sehen den Neumond aus astronomischen Gründen früher und hätten theoretisch das Recht, allen anderen Muslimen den Ramadan zu verkünden.

Die muslimische Realität beginnt in der unmittelbaren Umgebung. Jeder ist gut beraten, sich nach seinem Imam und Vorstand zu richten. Selbst, wenn diese eben ein anderes Urteil fällen. Allah verlangt nicht, dass wir es uns unnötig schwer machen.

Und wer überhaupt gar nicht über eine Gemeinschaft verfügt, an die er sich halten kann, der wäre gerade im Ramadan, der seine Ganzheitlichkeit besonders in der Gemeinschaft entfaltet, gut beraten, sich der Priorität der Gemeinschaftsbindung zu widmen.