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Muslimisches Jahr 2025: Zwischen Zeitenwende und leiser Normalisierung

2025

2025 war für die muslimische Community in Deutschland ein Jahr der Widersprüche. Mit Verweisen zum Weiterlesen!

(iz). Während auf Bundesebene die Islampolitik weiter in Richtung Sicherheitsdiskurs kippte und Muslimfeindlichkeit messbar zunahm, entstanden zugleich neue Formen politischer Teilhabe – und auf Länderebene mit dem Staatsvertrag in Rheinland‑Pfalz ein positives Signal, das fast aus der Zeit gefallen wirkt.[1][2][3]

2025 als Wahljahr, das Misstrauen hinterlässt

Der Ton war gesetzt, bevor der eigentliche Wahlkampf Fahrt aufnahm. Ende Januar warnte die Antidiskriminierungsbeauftragte Ferda Ataman, die Migrationsdebatte im Bundestagswahljahr 2025 nehme „verstörende“ Züge an – ein Alarmzeichen auch für muslimische Minderheiten.[4]

Wenige Tage später beschrieben muslimische Verbände die Radikalisierung des Wahlkampfs als reale Bedrohung: Hetzerische Zuspitzungen in Talkshows und Kampagnen seien nicht folgenlos, sondern korrelierten mit Übergriffen und Hasskriminalität.[5]

Die Islamische Zeitung nahm den Wahlkampf ernst – aber aus Perspektive derjenigen, die darin meistens Objekt, selten Subjekt sind. In einer Serie zu Wahlprogrammen fragte die Redaktion, „was sie Muslimen zu sagen haben“, und arbeitete heraus, wie wenig Religion und Muslimfeindlichkeit in vielen Programmen konkret vorkommen.[6][7]

Nach der Wahl zeigten Analysen, dass viele muslimische Wählerinnen und Wähler zwar weiterhin links der Mitte verortet sind, sich aber zunehmend entfremdet fühlen – von Parteien, die zwar Antirassismus im Programm führen, aber ihre Lebenswirklichkeit selten wirklich abbilden.[8]

politik muslime entfremdet

Grafik: IZ (Foto: Adobe Stock)

Von der Dialogrhetorik zur Problemgruppe

Die bundespolitische Islampolitik verfestigte diesen Eindruck. Der neue Koalitionsvertrag, den die Islamische Zeitung im Frühjahr seziert, markiert einen weiteren Schritt weg von der dialogorientierten Linie der frühen Deutschen Islamkonferenz.[9] Muslime tauchen überwiegend im Umfeld von Islamismus, Prävention und Sicherheit auf; als Religionsgemeinschaften mit Rechten und Ansprüchen kommen sie nur am Rand vor.

Im Spätherbst verdichtete sich diese Entwicklung programmatisch. Unter der Überschrift „Und noch eine Zeitenwende?“ deutet die IZ die neue Islampolitik als Beerdigung des Schäuble‑Erbes: Statt langfristigem Vertrauensaufbau dominieren Expertengremien zu Islamismus, Sicherheitslogiken und ein Diskurs, der über Muslime spricht, aber selten mit ihnen.[10]

Die Botschaft, die viele Leserinnen und Leser daraus ziehen müssen, lautet: Der Staat interessiert sich für euch – vor allem als Risiko.

Muslimfeindlichkeit als Struktur, nicht Ausnahme

Parallel dazu verdichtete sich 2025 das Bild einer Muslimfeindlichkeit, die längst kein Randphänomen mehr ist. Das Lagebild von CLAIM zu Muslimfeindlichkeit 2024, auf das die IZ im Sommer eingeht, dokumentiert einen deutlichen Anstieg antimuslimischer Vorfälle und beschreibt ein „grundsätzlich feindseliges Klima“.[11]

Regionale Berichte, etwa zu Berlin, zeichnen dieselbe Linie: Mehr Angriffe, mehr Drohungen, mehr alltägliche Herabsetzung.[12]

Die Redaktion spitzt diese Diagnose analytisch zu. In einem Beitrag mit dem Juristen und Islamwissenschaftler Mathias Rohe heißt es zugespitzt: Jeder Zweite habe antimuslimische Vorurteile.[13]

Muslimfeindlichkeit ist damit kein Randproblem mehr, das sich bequem an „Extremisten“ outsourcen lässt. Sie ist Normalitätserfahrung – sichtbar in Umfragen, in den Kommentarspalten und auf der Straße.

Dass die Kategorie „Muslimfeindlichkeit“ auf islamische‑zeitung.de zum Jahresende prominenter strukturiert wird, ist Ausdruck dieses Befunds: Das Thema ist nicht mehr Episoden‑, sondern Leitmotiv.[14]

Foto: Ö. Mutlu/X

Diskurse, die Wirklichkeit schaffen

Das Jahr 2025 war zugleich ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie Sprache Realitäten formt. In einer Analyse des Schlagworts „Islamisierung“ arbeitet die IZ heraus, wie der Begriff als politisches Schreckgespenst funktioniert:

Er markiert Muslime pauschal als Gefahr und verknüpft sehr unterschiedliche Phänomene – von Migration bis Kleidungsstil – zu einer angeblichen kulturellen Bedrohung.[15]

Solche Narrative sind, so die Argumentation, kein Zufall, sondern zentraler Bestandteil rechtspopulistischer Mobilisierung.[14][15]

Auch jenseits klar rechter Akteure verschieben sich Grenzen. Wenn in der Asyldebatte der Ton immer schärfer wird, wenn vom „Problem im Stadtbild“ die Rede ist, dann werden bestimmte Körper – sichtbare Minderheiten, häufig muslimisch gelesen – zu Störfaktoren erklärt.[16][17]

Die Islamische Zeitung kommentiert das nicht nur, sie hält fest, wie sich diese Sprache in kommunale Politik übersetzt: bei Kommunalwahlen in NRW, in Sicherheitsdebatten, im Gefühl vieler muslimischer Bürgerinnen und Bürger, nicht wirklich gemeint zu sein.[18]

Community

Foto: Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland

Community zwischen Selbstkritik und Selbstbewusstsein

Vor diesem Hintergrund wirkt der Blick nach innen überraschend nüchtern. In Beiträgen wie „Welche Wege soll die Community nehmen?“ wird innerhalb der muslimischen Verbandslandschaft darüber diskutiert, wie zukunftsfähige Strukturen aussehen können: weniger reine Lobby‑Politik, mehr professionelle Bildung, soziale Arbeit, Öffentlichkeit.[19]

Gleichzeitig betont die IZ, dass „die Community viel Potenzial“ besitzt – von Bildungsinitiativen über lokale Projekte bis hin zu neuen Formen muslimischer Zivilgesellschaft jenseits der klassischen Verbandslogik.[20]

Symbolisch verdichtet sich dieses Potenzial jedes Jahr am 3. Oktober. 2025 wird der Tag der offenen Moschee gleich in mehreren Stücken aufgegriffen: als „deutsche Tradition“ im Kontext des Einheitsfeiertags und als konkreter Ort der Begegnung in Gemeinden, die Besuchergruppen empfangen, Nachbarschaftsprojekte vorstellen und theologische Diskussionen mit nichtmuslimischen Gästen führen.[21][22]

Inmitten einer aufgeheizten Debatte inszenieren sich Moscheegemeinden hier nicht als Problemzone, sondern als lokaler Anker.

staatsvertrag

Foto: DITIB.org

Rheinland-Pfalz: Ein anderes Modell ist möglich

Vor diesem Hintergrund bekommt eine Entwicklung besondere Strahlkraft, die formal bereits Ende 2024 stattfand, 2025 aber politisch nachwirkt: der Staatsvertrag zwischen Rheinland‑Pfalz und mehreren muslimischen Verbänden.[23][24]

Die IZ ordnete ihn als „Meilenstein“ ein – nicht nur, weil hier islamische Feiertage, Religionsunterricht, Bestattungen und Seelsorge vertraglich geregelt werden, sondern weil das Land Muslime als gleichberechtigte Religionsgemeinschaften adressiert.[23][25]

Der Vertrag bekräftigt die Religionsfreiheit, stellt die Zusammenarbeit explizit auf die gemeinsame Grundlage der freiheitlich‑demokratischen Grundordnung und verpflichtet beide Seiten, gesellschaftliche Teilhabe zu fördern und antimuslimischen Rassismus ebenso entschieden zu bekämpfen wie Antisemitismus und religiösen Extremismus.[26][27]

In einer bundespolitischen Landschaft, in der Islam vor allem als Sicherheitsrisiko verhandelt wird, setzt Rheinland‑Pfalz damit einen Kontrapunkt: Muslime erscheinen hier als Partner des Staates, nicht als seine potenziellen Gegner.

Fazit: Ein gespaltenes Jahr – mit Hinweisen auf die Zukunft

Der Rückblick über die Seiten der Islamischen Zeitung zeigt ein gespaltenes Jahr: oben der harte Diskurs – Wahlkampf, Sicherheitswende, anhaltende Muslimfeindlichkeit –, unten die kleinteilige Praxis von Gemeinden, Aktivistinnen und Verbänden, die Zugehörigkeit täglich leben.[5][11][21][22]

Die Bundesebene sendet vielfach Signale des Misstrauens, die Landesebene – exemplarisch Rheinland‑Pfalz – zeigt, dass eine vertraglich abgesicherte Anerkennung muslimischer Religionsgemeinschaften möglich ist.[10][23]

Für die muslimische Community bleibt 2025 damit ein ambivalentes Jahr. Es verschärft das Bewusstsein für strukturelle Feindseligkeit – aber es liefert zugleich Argumente dafür, dass ein anderes Verhältnis zwischen Staat und Muslimen nicht nur denkbar, sondern schon Realität ist. Die Frage, die 2026 auf dem Tisch liegt, lautet: Welche Linie setzt sich durch?

Verweise zum Weiterlesen:

[1] Islamische Zeitung. (2025, 30. November). Islampolitik: Und noch eine Zeitenwende? https://islamische-zeitung.de/islampolitik-noch-eine-zeitenwende/

[2] Islamische Zeitung. (2025, 6. Juli). Muslimfeindlichkeit 2024: „Ein grundsätzlich feindseliges Klima“. https://islamische-zeitung.de/muslimfeindlichkeit-2024-feindseliges-klima/

[3] Islamische Zeitung. (2024, 19. Dezember). Rheinland-Pfalz schließt Verträge mit muslimischen Verbänden. https://islamische-zeitung.de/staatsvertraege-mit-muslimischen-verbaenden/

[4] Islamische Zeitung. (2025, 30. Januar). Migrationsdebatte im Wahlkampf 2025: Ataman warnt vor Zunahme von Übergriffen. https://islamische-zeitung.de/ataman-warnt-vor-zunahme-von-uebergriffen/

[5] Islamische Zeitung. (2025, 3. Februar). Radikalisierung des Wahlkampfs? Muslime warnen vor Hass. https://islamische-zeitung.de/wahlkampf-2025-muslime-warnen-vor-hass/

[6] Islamische Zeitung. (2025, 11. Februar). Wahlprogramme 2025 im Test: Die Grünen lavieren. https://islamische-zeitung.de/wahl-test-programme-die-gruenen/

[7] Islamische Zeitung. (2025, 13. Februar). Wahlprogramme 2025 im Test: BSW und Linke. https://islamische-zeitung.de/wahl-test-programme-bsw-linke/

[8] Islamische Zeitung. (2025, 25. Februar). Wahlergebnisse 2025: Wie haben Deutschlands Muslime gewählt? https://islamische-zeitung.de/wahlergebnisse-wie-haben-deutschlands-muslime-gewaehlt/

[9] Islamische Zeitung. (2025, 9. April). Habemus Koalitionsvertrag: Von der Interaktion zur Problemgruppe. https://islamische-zeitung.de/koalitionsvertrag-muslime-bleiben-unerwaehnt/

[10] Islamische Zeitung. (2025, 30. November). Islampolitik: Und noch eine Zeitenwende? https://islamische-zeitung.de/islampolitik-noch-eine-zeitenwende/

[11] Islamische Zeitung. (2025, 6. Juli). Muslimfeindlichkeit 2024: „Ein grundsätzlich feindseliges Klima“. https://islamische-zeitung.de/muslimfeindlichkeit-2024-feindseliges-klima/

[12] Islamische Zeitung. (2025, 8. Dezember). Berlin: Muslimfeindlichkeit stark gestiegen. https://islamische-zeitung.de/berlin-muslimfeindlichketi-stark-gestiegen/

[13] Islamische Zeitung. (2025, 23. Juli). Rohe: Jeder Zweite hat antimuslimische Vorurteile. https://islamische-zeitung.de/rohe-jeder-zweite-muslimfeindlich/

[14] Islamische Zeitung. (2025, 8. Dezember). Kategorie: Muslimfeindlichkeit. https://islamische-zeitung.de/category/themen/muslimfeindlichkeit/

[15] Islamische Zeitung. (2025, 23. August). „Islamisierung“ – das instrumentalisierte Schreckgespenst. https://islamische-zeitung.de/islamisierung-erzeugung-schreckgespenst/

[16] Islamische Zeitung. (2025, 27. Oktober). Stadtbild: Wo sind wir eigentlich? https://islamische-zeitung.de/stadtbild-wo-sind-wir-eigentlich-debatte/

[17] Islamische Zeitung. (2025). Der Ton in der Asyldebatte wird immer schärfer. https://islamische-zeitung.de/ton-in-asyldebatte-verschaerft-sich/

[18] Islamische Zeitung. (2025, 28. September). NRW-Kommunalwahlen 2025: Der ängstliche Blick auf die AfD. https://islamische-zeitung.de/nrw-kommunalwahlen-angst-vor-der-afd/

[19] Islamische Zeitung. (2025). Welche Wege soll die Community nehmen? https://islamische-zeitung.de/community-welche-wege-soll-man-nehmen/

[20] Islamische Zeitung. (2025). Die Community hat viel Potenzial. https://islamische-zeitung.de/muslimische-community-viel-potenzial/

[21] Islamische Zeitung. (2025, 25. September). Tag der offenen Moschee – eine deutsche Tradition im Einheitsfest. https://islamische-zeitung.de/der-tag-der-offenen-moschee-2025-tradition/

[22] Islamische Zeitung. (2025, 5. Oktober). Auch 2025 lädt der Tag der offenen Moschee zur Begegnung ein. https://islamische-zeitung.de/begegnung-tag-der-offenen-moschee-laedt-ein/

[23] Islamische Zeitung. (2024, 19. Dezember). Rheinland-Pfalz schließt Verträge mit muslimischen Verbänden. https://islamische-zeitung.de/staatsvertraege-mit-muslimischen-verbaenden/

[24] Islamische Zeitung. (2024, 19. Dezember). Staatsvertrag: Ein Meilenstein in Mainz. https://islamische-zeitung.de/staatsvertrag-meilenstein-in-main/

[25] Islamische Zeitung. (2025). Staatsvertrag: Ein Meilenstein in Mainz. https://islamische-zeitung.de/staatsvertrag-meilenstein-in-main/

[26] IslamiQ. (2024, 23. Dezember). Land und Muslime unterzeichnen Staatsvertrag – was steht drin? https://www.islamiq.de/2024/12/23/land-und-muslime-unterzeichnen-staatsvertrag-was-steht-drin/

[27] Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur RLP. (2024, 19. Dezember). Land unterzeichnet Verträge mit vier islamischen Religionsgemeinschaften. https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/islamverbaende-vertraege-religionsunterricht-rlp-bestattungen-seelsorge-100.html

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IZ-Reiseblog: Das Stadtbild von Athen

athen reiseblog stadtbild

IZ-Reiseblog: Athen und das antike Griechenland sind ein geistiger Raum. Was sich von ihm für deutsche Debatten lernen lässt.

(iz). Wir fliegen nach Athen, in eine Stadt, die einst als Ursprung des Denkens über das Gemeinsame galt. Hier, wo sich die Idee der polis formte – nicht nur als Ansammlung von Häusern, sondern als Ausdruck einer Weltordnung –, wollen wir einer Frage nachgehen, die heute in Deutschland immer drängender wird: Wie kann eine Stadt wieder weltstiftend werden, Sinn vermitteln und Zusammenhänge offenbaren, die über das bloß Funktionale hinausreichen?

Städte waren einst Spiegel gemeinsamer Weltbilder, Orte, an denen Architektur, Mythos und Alltag zu einem sinnvollen Ganzen verwoben waren. Heute dagegen scheinen viele unserer urbane Räume von ökonomischer Zweckrationalität, Effizienz und Vereinzelung geprägt.

Das, was die Stadt einst zum Träger gemeinsamer Erzählungen machte, droht im Lärm des Fortschritts zu verschwinden. Doch vielleicht liegt gerade im Blick zurück – nach Athen, an die Wurzeln der europäischen Stadt – ein Hinweis darauf, wie sich das Sinnhafte im Urbanen neu denken lässt.

Athen ist eine Stadt, die sich nicht beim ersten Blick offenbart. Millionen Besucher reisen jedes Jahr an – mit dem Wunsch, den Stätten der Antike näher zu kommen. Sie finden sich am Fuß der Akropolis zwischen engen Gassen und sonnenüberfluteten Plätzen wieder.

Morgens sitzen die Menschen in Cafés, in denen die Zeit sich dehnt. Die Gespräche fließen langsamer, als wäre die Gegenwart weniger bedrängend. Die griechische Kultur offenbart sich dort nicht durch große Gesten, sondern durch das stille Verweilen – ein Kaffee, der so langsam getrunken wird, dass er fast zu einer Form der Meditation wird.

Foto: Alexandra Torro/Unsplash

Das Ideal der Gastfreundschaft besitzt in Griechenland eine lange Tradition, die bis in die Antike zurückreicht. Unter dem Schutz des Gottes Zeus entwickelte sich das Prinzip der Xenia, ein festes soziales und religiöses Gebot, das Gastgeber verpflichtete, Fremde respektvoll zu behandeln und ihnen Unterkunft sowie Verpflegung zu gewähren. Verstöße galten als Frevel gegenüber Zeus.

Natürlich hat der Massentourismus seine bekannten Folgen, aber die griechische Gastfreundlichkeit ist nach wie vor lebendig. 

Die Figur des Flüchtlings gehört heute zur Realität europäischer Städte. Die Idee der humanen Stadt wird zur Zeit nirgends so deutlich auf die Probe gestellt wie im Umgang mit Migration. Griechenland, selbst von Krisen und sozialen Problemen erschöpft, ist zu einem Transit- und Zufluchtsort geworden.

In den Straßen Athens, in den improvisierten Lagern, in den zufälligen Begegnungen des Alltags zeigt sich, ob das alte Ideal der Xenia – der göttlich gebotenen Gastfreundschaft – im modernen Europa noch eine Zukunft hat. 

Gastfreundschaft ist kein einseitiges Geschenk, sondern eine Beziehung, ein stiller Vertrag zwischen dem, der aufnimmt, und dem, der aufgenommen wird. Wer sie gewährt, öffnet sein Haus und zugleich seine Verletzlichkeit. Wer sie empfängt, tritt in ein Geflecht von Verantwortung, Achtung und Teilhabe ein.

Schon in der Antike galt: Der Gast sollte die Regeln des Hauses achten, wie der Gastgeber die Würde des Gastes. Vielleicht liegt gerade in diesem Gleichgewicht die Zukunft der humanen Stadt – in einer gegenseitigen Anerkennung, die das Fremde nicht als Bedrohung, sondern als Möglichkeit begreift.

Eine Stadt ist dann human, wenn sie nicht nur Schutz bietet, sondern auch Verbindlichkeit einfordert; wenn sie das Miteinander wagt, ohne sich selbst zu verlieren.

Die Vergangenheit ist auf allen Wegen durch die Stadt allgegenwärtig, die griechische und die römische Agora erinnern daran, dass Athen einmal von Tempeln und Marktplätzen geprägt war. Die Agora war jedoch weit mehr als ein einfacher Marktplatz. Sie war das Herz der Polis, ein Raum, der zugleich politisch, ökonomisch und religiös war.

Hier wurden nicht nur Waren ausgetauscht, sondern auch Argumente verhandelt. Die Bürger kamen zusammen, um über Staatsfragen zu sprechen, über Krieg und Frieden, über Tugend und Verantwortung. Die Agora war eine Bühne: jeder, der sprach, riskierte nicht nur seine Meinung, sondern sein Selbstbild

 In ihr verschränkte sich das Materielle mit dem Geistigen; die Münzen wechselten die Hände, während Gedanken die Welt veränderten. Die Architektur – offen, weit, beweglich – war selbst Ausdruck einer Kultur, die das Gemeinsame nicht in Mauern, sondern im Gespräch verortete. Die Rhetorik galt als eine wichtige Kunst.

Dem Reisenden, der genauer hinschaut, zeigen sich keine Ruinen im üblichen Sinne, keine Überreste eines abgeschlossenen Zeitalters. Man erkennt vielmehr Schichten, durch die sich Zeit senkt und hebt. Wer hier steht, spürt die Verdichtung von Geschichte – nicht linear, sondern konzentrisch. Der öffentliche Raum ist nicht nur ein Ort des Handels, sondern ein Raum des Fragens

Zwischen den bröckelnden Säulen meinte man, die Stimmen von Menschen zu hören, die diskutierten, fragten und zweifelten. Die Spuren der Philosophen sind in Athen nicht museal erstarrt; vielmehr wirken sie wie feine Resonanzen in der Luft: die Frage nach dem guten Leben, die Suche nach der Gerechtigkeit und das Staunen als Ursprung des Denkens.

Gerade hier öffnet sich eine weitere, oft übersehene, historische Linie: Die griechische Philosophie ist nicht allein ein Erbe des sogenannten „Westens“. Über Jahrhunderte wurde sie in arabischsprachigen Zentren gelesen, kommentiert und weitergedacht – von Gelehrten wie Ibn Rushd (Averroes) in Córdoba, der Aristoteles neu erschloss und zur entscheidenden Brücke zwischen Antike und europäischem Denken wurde.

Die islamische Philosophie tradierte und vertiefte das griechische Fragen, sie verwandelte es nicht, um es fremd zu machen, sondern um es weiter zum Leuchten zu bringen. Die Geschichte Europas ist dadurch nicht nur eine Linie, die von Athen nach Rom und Paris führt, sondern auch eine, die über Bagdad, Córdoba und Istanbul verläuft. In dieser Tradition zeigt sich: Die Liebe zur Vernunft ist die gemeinsame Grundlage des zivilisierten Daseins.

Foto: Autor

Am Monastiraki-Platz stehen wir vor der alten Moschee – einst Ort des Gebets, heute zu einem Museum umgenutzt. Von hier öffnet sich der Blick zur Akropolis, die über dem Stadtzentrum thront. Die Felsen und Marmorsäulen heben sich hell gegen den Himmel ab, als sei das Heilige nie ganz vergangen.

Einst war in dieser Blickachse jedoch ein anderes Zeichen sichtbar: ein Minarett, das neben dem Parthenon stand, errichtet in der osmanischen Zeit. Seine Silhouette ragte wie ein leiser Widerspruch in die heroische Erzählung des Hellenismus. Das Minarett wurde später entfernt – nicht aus Zufall, sondern als bewusster Akt des Vergessens.

Und so offenbart der Blick vom Platz zur Akropolis nicht nur Schönheit, sondern auch die Macht der Auswahl: Was darf in die Geschichte eingehen, und was muss verschwinden, damit eine Nation ihren Ursprung klar und ungebrochen erzählen kann? 

Der Bau selbst schweigt, aber das Schweigen spricht. Es erzählt von Zeiten, in denen Athen nicht nur die Stadt der Antike, sondern auch vierhundert Jahre eine osmanische Metropole war. Doch diese Spuren bleiben im kollektiven Gedächtnis oft unsichtbar.

Hier setzt unser Nachdenken über den Begriff Hellenismus ein – eine deutsche Erfindung des 19. Jahrhunderts, die Griechenland ästhetisch und politisch festschreibt als Ursprung des Westens, als „Wiege Europas“. 

Artemis Leontis zeigt in „Topographies of Hellenism“, wie dieses Bild nicht einfach gefunden, sondern aktiv geschaffen wurde: ein „Mapping“ Griechenlands, das auswählt, stilisiert und festlegt. Der Hellenismus wird zur kulturellen Choreografie. Griechenland, eigentlich zwischen Orient und Okzident verortet wird eine neue Rolle im westlichen Narrativ zugewiesen.

Die Landschaft selbst – Inseln, Ruinen, Licht – wird ästhetisch nationalisiert, kartiert als Ursprungsraum europäischer Identität. Leontis schreibt: „In dieser Kartographie wurde der Hellenismus zur visuellen Grammatik der Moderne, während die osmanische Vergangenheit unsichtbar gemacht wurde.“

Und plötzlich erscheint das Stadtbild Athens als Spiegel gegenwärtiger Debatten. Die Diskussionen über muslimische Sichtbarkeit in Deutschland scheinen mit diesen Ursprüngen verbunden – in der Stadt, in der die osmanische Vergangenheit und die muslimische Präsenz lange verdrängt wurde.

Erst 2020 wurde nach Jahrzehnten politischer Kämpfe wurde in der griechischen Hauptstadt wieder eine Moschee eröffnet, eine moderne, beinahe zurückhaltende Architektur. Sichtbarkeit bleibt eine Verhandlung, ein Ringen um Identität: Wer gehört dazu – und wer darf gesehen werden?

Foto: Autor

Wir laufen an der Hadriansbibliothek vorbei – zu einem nahe gelegenen Museum, das dem griechischen Nobelpreisträger Odysseus Elytis gewidmet ist. Im dem von Sonnenlicht durchfluteten Lichthof setzten wir uns unter einen Olivenbaum. Der Schriftsteller sah, nach den Erfahrungen der Weltkriege, im Surrealismus eine Antwort auf die Flucht der Götter. Gesucht wurde eine neue Sprache. Die Sonne in seinen Gedichten ist nicht bloß ein Symbol, sondern eine Kraft, die Welt durchdringt.

In seiner Nobelpreisrede sprach Elytis im Namen „von Helligkeit und Transparenz“. Poesie, sagte er, sei jene Kraft, die das Wesentliche aus den Dingen löst und zu einem geistigen Licht verdichtet. Schönheit ist für ihn keine Verzierung, sondern ein Weg zur verborgenen Wirklichkeit im Menschen. Zugleich erinnerte er an die zweieinhalbtausendjährige Kontinuität der griechischen Sprache – ein Erbe, das verpflichtet: dieselben Worte wie Sappho oder Pindar zu sprechen, aber in einer Welt ohne gemeinsames Chor-Publikum. 

Moderne Dichter, verkündet Elytis selbstbewusst, müssen die Sprache neu beleben, sie reinigen, sie öffnen. Denn die heutige Welt sei moralisch zerrissen – technisch organisiert, aber innerlich verarmt. Nur die Poesie bewahre noch eine gemeinsame Sprache der Empfindung, eine Sprache, die Menschen seit Jahrtausenden teilen. 

Das Gedicht, sagte Elytis, könne zu einer Sonne werden: zu einer Quelle des Lichts, die Bewusstsein erhellt, bis der Mensch selbst zu Licht wird und „jene idealen Ufer von Würde und Freiheit“ erreicht.

Hier wird klar: Das antike Griechenland ist nach dieser Lesart kein Museum. Es ist ein Denkraum, der sich wieder öffnen lässt – wenn wir bereit sind, darin nicht nur die Vergangenheit, sondern eine mögliche Zukunft zu sehen. Elytis versucht die platonische Zweiweltenlehre zu überwinden: Er sucht das Licht nicht jenseits der Welt, sondern in ihr.

Die Einheit des Sinns ist kein fernes Paradies außerhalb, sondern ein Geflecht aus Körper, Sprache, Landschaft und Erinnerung. Vielleicht wollen wir alle – wie Elytis und die alten Griechen – einen Ort finden, an dem Denken und Leben nicht getrennt sind; an dem Gerechtigkeit nicht bloß eine Idee, sondern eine gemeinsame Praxis ist; an dem Demokratie ein Gespräch bleibt, das nie endet.

Es sind Gedanken, die uns Athen anders sehen lassen. Nicht als Ursprung Europas. Nicht als touristische Kulisse. Sondern als einen Ort, an dem die Frage nach dem guten Leben immer wieder neu gestellt wird. Athen lädt uns dazu ein, die Schichten zu sehen – in der Stadt, in der Geschichte, in uns selbst. Und vielleicht beginnt gerade hier der Sinn, den wir suchen.

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Kommentar zum Stadtbild: Der Raum ist eine wichtige Größe

Stadtbild

Eine dumme Debatte um das Stadtbild verdeckt die Chancen und Verantwortung von Muslimen, positiv auf den urbanen Raum einzuwirken. (iz). Es gibt Debatten, die zu Beginn schon in die Irre […]

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Stadtbild: Kanzler Merz zwischen Lösungen und Eskalation

Kanzler

Nach seinen Aussagen zum „Stadtbild“ erhielt der Kanzler Zustimmung und Ablehnung. Wir fassen zusammen.

(iz). Nach dem vorzeitigen Ende der Ampelkoalition hofften viele Bürger, eine Zweierkoalition unter Friedrich Merz werde Ruhe und sichere Hand in die Regierungsgeschäfte bringen.

Fünfeinhalb Monate Amtszeit später zeigt sich ein anderes Bild. Die AfD treibt laut Umfragen die Union vor sich her; im Oktober schafften es die Rechten vor die Kanzlerpartei und erreichten historische Höchstwerte.

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Foto: nitpicker, Shutterstock

Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung nimmt nach Demoskopen weiter zu. Fast die Hälfte der Bürger erwartet ein vorzeitiges Aus der Koalition. Insbesondere die hitzige Diskussion um das „Stadtbild“ hat das Stimmungsbild verschärft.

Kanzler Merz sorgte mit einer Aussage zum „Stadtbild“ am Rande einer Pressekonferenz am 14. Oktober in Potsdam für eine sich zuspitzende politische und gesellschaftliche Kontroverse.

Der Regierungschef, bekannt für markige Worte, zog einen Zusammenhang zwischen illegaler Einwanderung und sich verändernden beziehungsweise verschlechternden Verhältnissen in deutschen Städten.

bangen hoffen debatte islamismus

Foto: blvdone, Shutterstock

Vertreter mehrerer Parteien erklärten daraufhin, der Kanzler schüre Ressentiments und verknüpfe Zuwanderung pauschal mit Kriminalität. SPD, Linke und Grüne warfen ihm rassistische und spaltende Rhetorik vor, während die Schwesterparteien überwiegend Unterstützung signalisierten.

Es gab allerdings auch interne Kritik: So warnte Armin Laschet vor vorschnellen Vereinfachungen der Problemlage. Ähnlich äußerten sich Vertreter des Arbeitnehmerflügels der Partei.

Im Meinungsstreit meldeten sich Bürger, Lokalpolitiker und verschiedene Interessengruppen zu Wort. Ein Teil der Bevölkerung lobte den Kanzler für vermeintlich klare Ansagen und die Ansprache von Problemen wie Integration und öffentlicher Sicherheit. Andere sehen in der pauschalen Problematisierung populistische und spaltende Tendenzen.

Kritiker, darunter Caritas und Vertreter der Kommunen, halten dem Kanzler vor, Probleme zwar zu benennen, sie aber ausschließlich mit illegaler Zuwanderung in Verbindung zu bringen.

Ein Beispiel für die Ausblendung struktureller Ursachen ist das Ruhrgebiet: Einst industrielles Herz Deutschlands, gilt es heute vielen als „Armenhaus der Republik“ und Symbol für Defizite bei Integration. Jahrzehnte nach dem Strukturwandel dominiert dort das Verschwinden von Stahl und Kohle das Stadtbild.

Kommunen und Sozialpolitiker kennen die Lage: In ihrem Alltag liegen die Ursachen, anders als Merz mutmaßt, nicht im Aussehen der Bürger, sondern in tiefergehenden sozialen und ökonomischen Faktoren.

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Stadtbild: Wo sind wir eigentlich?

Stadtbild

Die Debatte über das Stadtbild übersieht wichtige Fragen zum öffentlichen Raum und der Bildersprache. Eine Chance für Muslime zur Positionierung.

(iz). Bildersprache statt Sachpolitik: Der Beitrag von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zur Migrationspolitik, die das „Stadtbild“, also die urbane Erscheinung und Atmosphäre in deutschen Städten, beeinflussen soll, löste eine heftige Debatte aus.

Er betonte, dass seine Regierung die Asylzahlen von August 2024 bis August 2025 um 60 % gesenkt habe, aber „im Stadtbild noch dieses Problem“ bestehe. Er bezog sich damit in erster Linie auf die sichtbare Präsenz von Migranten ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus, die er mit Sicherheitsproblemen, Kriminalität und einer Beeinträchtigung des urbanen Raums in Verbindung brachte. Auf Nachfrage präzisierte er später: Migration sei wirtschaftlich notwendig (etwa für den Arbeitsmarkt), es gebe jedoch „Probleme“ durch Personen ohne gültigen Status.

Stadtbild oder Klagen über die oberflächliche Betrachtung

In den sozialen Medien beklagen dennoch Tausende Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund die fatalen Nebenwirkungen dieser oberflächlichen Bemerkung des Kanzlers. Sie kritisieren, dass nicht das Verhalten, sondern das Aussehen die alltägliche Beurteilung von Menschen in der Öffentlichkeit bestimme.

Diese „Bildsprache“ verlagere politische und strukturelle Fragen – etwa Armut, Bildung oder Integration – in den Bereich des Sichtbaren. Kritiker betonen, dass er damit Politik auf Wahrnehmung reduziere: Migration werde zu einem visuellen Ordnungsproblem, nicht zu einem komplexen sozialen Prozess.

Noch gibt es eine große Mehrheit in der Bevölkerung, die versteht, dass Kriminalität oder asoziales Verhalten kein integraler Bestandteil irgendeiner Kultur oder Religion sind. Die Probleme der Massenmigration lassen sich nur gemeinsam lösen – nicht gegen die Minderheiten, sondern mit ihnen.

Positiv gewendet, verknüpft die Debatte zwei entscheidende Aspekte künftiger Gesellschaftspolitik: Wer sind wir, und wo sind wir? Welche Identitäten entstehen im urbanen Raum des 21. Jahrhunderts? Wohin sollen sich unsere Städte entwickeln?

Darüber lohnt es sich, jenseits der Macht der Bilder, tiefer nachzudenken. Auch für Muslime ist es eine Herausforderung, eine positive Vision des Stadtlebens zu definieren.

Die Macht der Bilder oder die Macht des Raums?

Ganz unabhängig von der Rolle der Migration in unserer Gesellschaft muss man feststellen, dass sich unsere Städte in den letzten Jahrzehnten stark verändert haben. Der grenzenlose Kapitalismus hat den Raum entdeckt – und ihn besetzt. Wohnraum ist zur Ware geworden, Nachbarschaft zum Standortfaktor, und die Verödung der Innenstädte ist Realität.

Henri Lefebvre (1901–1991), französischer Philosoph und Soziologe, hat sich intensiv mit dem Verhältnis von Raum, Gesellschaft und Macht beschäftigt. Seine Raumtheorie („Théorie de l’espace“) entwickelte er vor allem in seinem Werk „La production de l’espace“ (1974; Die Produktion des Raums), das zu den einflussreichsten Ansätzen der kritischen Raumforschung, Stadtsoziologie und Geografie zählt.

Für ihn ist der Raum selbst zur Produktionskraft geworden: Nicht mehr nur Arbeit und Kapital, sondern auch der urbane Raum – sein Takt, seine Atmosphäre, seine soziale Dichte – sind Teil der ökonomischen Maschine. Wo sich Kapital verdichtet, entstehen auch Spannungen: Vertreibung, unbezahlbare Mieten, Verteilungskämpfe, das Gefühl, dass das eigene Leben in der Stadt immer weniger Platz hat.

Ein Blick in die Lebenswelt europäischer Städte zeigt den Wandel. Berlin war einst ein Labor sozialer Durchmischung; heute ist es ein Marktplatz der Spekulation. Ganze Stadtviertel verändern sich sichtbar. Die Mieten steigen schneller als die Löhne, und alte Strukturen werden verdrängt. Die Stadt der Künstler, Studierenden und Handwerkerinnen verwandelt sich in eine Stadt der Investoren.

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Foto: imago | Ina Peek

Gegenorte statt „Problemviertel“

Es mag überraschen, doch gerade in den verdrängten Rändern – in Neukölln, Wedding oder Moabit – bleibt etwas erhalten: ein urbanes Leben, das sich nicht planen lässt. Hier zeigt sich, dass das, was oft als „Problemviertel“ gilt, in Wahrheit zur sozialen Basis des Funktionierens gehört.

Überall in Europa – in den Cafés von Marseille, den Hinterhöfen von Rotterdam oder auf den Märkten Wiens – entfaltet sich eine andere Urbanität: eine, die sich der ökonomischen Logik entzieht. Hier ist Stadt nicht Produkt, sondern Praxis, ein Ort, an dem gewohnt, gehandelt, gebetet und improvisiert wird. Saskia Sassen nennt diese Räume „counter-geographies“ – Orte, an denen Menschen, oft Migrantinnen und Migranten, die Globalisierung von unten neu schreiben. 

Sie schaffen Verbindungen, Infrastrukturen und Ökonomien, die im Schatten der offiziellen Planung entstehen. Ohne diese informellen Strukturen würde keine europäische Stadt mehr funktionieren. Müllabfuhr, öffentlicher Transport, Pflegeheime, Gastronomie – sie alle ruhen auf migrantischer Arbeit, auf den Händen jener, die im Diskurs oft nur als „Zuwanderer“ erscheinen, im Alltag aber die Stadt am Laufen halten.

Ob es uns gefällt oder nicht: Moderne Städte im Zeitalter der Globalisierung sind kein Postkartenidyll mehr. Richard Sennett spricht von der Notwendigkeit eines „offenen Stadtplans“ – einer Architektur, die Wandel erlaubt und das Unfertige zulässt. Eine Stadt, ein Beziehungsgeflecht, das sich verändert, ohne seine Bewohner zu verlieren.

Diese notwendige Offenheit ist die Basis einer kulturellen Haltung: Moscheen, Märkte, Teestuben, Shisha-Bars und Imbisse sind keine Bedrohung der europäischen Stadt, sondern ihre zeitgenössische Fortsetzung. Sie zeigen, dass Urbanität immer schon Mischung war – von Kulturen, Sprachen, Rhythmen, Religionen und Konflikten.

Kein Recht auf Stillstand

In dieser Welt des Wandels gibt es kein Recht auf Stillstand. Die politische Romantik vieler Konservativer träumt den Traum vergangener Tage: die Stadt als Immunsystem, der Staat, der sich hinter Grenzzäune zurückzieht und den störenden Fremdkörper einfach abschiebt. Die Abwertung der anderen als „kulturlos“ stiftet keine eigene Kultur.

Notwendig ist ein breiter gesellschaftlicher Konsens, der gutes Verhalten honoriert, Kultur fördert und gemeinsames Handeln gegen Straftäter und Kriminelle organisiert. Eine gerechte Stadtpolitik muss über Identitätspolitik hinausgehen. Sie darf nicht nur fragen, wie jemand aussieht und wer dazugehört, sondern wie Teilhabe räumlich ermöglicht wird.

Die Kämpfe um Mieten, um öffentlichen Raum, um Zugänge zu Bildung und Pflege sind keine ethnischen Konflikte, sondern Auseinandersetzungen um Raumverteilung im Kapitalismus. Das heißt nicht, die Probleme der Migration zu leugnen – Drogenhandel, Gewalt gegen Frauen, Segregation, Sprachbarrieren und religiöse Spannungen sind real.

Aber sie entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern im dichten Geflecht aus Wohnungsnot, Arbeitsmarkt, Planungspolitik und Spekulation. Sind sie Symptome eines Systems, das Raum immer mehr als Ware begreift und nicht als Gemeingut?

In einer offenen Stadt würde der Wochenmarkt neben der Moschee und das Seniorencafé neben dem Halal-Restaurant nicht als Zeichen einer „Parallelgesellschaft“ gelesen, sondern als Ausdruck eines erweiterten urbanen Sinns: der Fähigkeit, Unterschiede räumlich zu organisieren, ohne sie negativ zu bewerten.

Am Kottbusser Tor: Kuppel und Minarett der Mevlana-Moschee prägen seit einiger Zeit das Stadtbild. (Foto: Shutterstock)

Was sind Stadt und Raum?

Denker wie Lefebvre wandten sich gegen die Vorstellung, die Stadt sei ein neutrales, leeres Gefäß, in dem gesellschaftliche Prozesse einfach stattfinden. Der Raum ist ein soziales Produkt: Er wird durch gesellschaftliche Praktiken, Machtverhältnisse, ökonomische Strukturen und symbolische Bedeutungen hervorgebracht. Jeder Raum ist also aktiv, dynamisch und historisch bedingt – nicht passiv oder vorgegeben. Lefebvre entwickelt ein Modell, um die soziale Produktion des Raums zu beschreiben.

Es besteht aus drei Dimensionen: dem physischen, materiellen Raum des Alltags – Straßen, Gebäude, Bewegungen –, also dem Raum, wie er gelebt und erfahren wird; dem Raum der Planer, Architekten, Politiker und Wissenschaftler – also den abstrakten, geplanten und vermessenen Räumen; und dem symbolischen, imaginären, emotionalen Raum – dem Raum, wie Menschen ihn deuten, erinnern und mit Bedeutung aufladen.

Eine zentrale politische Forderung Lefebvres (bereits 1968 formuliert): Jeder Mensch soll das Recht haben, an der Gestaltung und Nutzung des urbanen Raums teilzunehmen. Dieses „Recht auf Stadt“ ist eine Forderung nach Demokratisierung, Teilhabe und kollektiver Aneignung des urbanen Lebens.

Die umstrittene Aussage von Merz repräsentiert Lefebvres „konzipierten Raum“ – den abstrakten, von Eliten (Politik, Planer, Medien) diktierten Blick auf die Stadt, der Minderheiten unsichtbar macht, sie nur als Arbeitskräfte akzeptiert oder gar als Bedrohung pathologisiert. 

Das „Recht auf Stadt“ fordert stattdessen, dass Minderheiten – etwa Geflüchtete oder ethnische Gruppen – nicht als Objekte von Politik behandelt werden, sondern als Subjekte mit Stimme.

Es geht um das Recht auf Sichtbarkeit und Präsenz: Versammlungen oder kulturelle Praktiken sind – solange sie sich im gesetzlichen Rahmen bewegen – keine „Störungen“, sondern legitime Aneignungen des Raums, die Vielfalt bereichern.

Ja, es gibt die Probleme auf unseren Straßen, an Bahnhöfen oder in öffentlichen Anlagen. Nur, die Politik kann aus ihrer Verantwortung, in Bildung, Kultur und Sicherheit zu investieren, nicht entlassen werden.

Wer sich politisch äußert, ohne klare Differenzierung, stimmt das Gefühl der Bevölkerung auf den Straßen. Das Konzept der Psychogeografie, geprägt von Guy Debord, geht davon aus, dass das städtische Umfeld ein „unsichtbares Skript“ enthält, das Wahrnehmung und Verhalten lenkt. Wenn Menschen sich innerhalb einer Stadt bewegen, begegnen sie heute räumlichen Manifestationen sozialer Macht und Ohnmacht: Gated Communities, „Problemviertel“ oder teure Neubauquartiere.

Es lohnt sich, derartige Entwicklungen vorurteilsfrei auf sich wirken zu lassen. Das „Herumdriften“ (dérive) – das absichtslose Erkunden der Stadt – dient dazu, diese unterschiedlichen Dynamiken sichtbar zu machen und zu erleben.

Die Beschreibung einzelner Gruppen mittels negativer Bilder – wie dies in den Medien alltäglich geworden ist – birgt die Gefahr, die positive Gestaltungskraft von Migration grundsätzlich zu verleugnen. Migration kann, wenn man genau hinschaut, neue emotionale, kulturelle und affektive Dimensionen in urbane Räume einbringen.

In aktuellen Stadtforschungen, etwa zu „Berliner Topographien“, wird Migration sogar als konstitutiv für das Stadtbild verstanden: Sie prägt nicht nur die ökonomische, sondern auch die kulturelle und emotionale Landschaft einer Stadt.

Durch Spaziergänge, Begegnungen oder Stadterkundungen lässt sich untersuchen, wie Migrantinnen und Migranten – und nicht zuletzt Muslime – Räume gestalten und transformieren. Die direkte Begegnung ersetzt hier die distanzierte Sprache der Bilder. Die Psychogeografie bietet eine emotionale und erkenntniskritische Perspektive auf urbane Räume, die Migration nicht als „Problem“, sondern als bewegende Kraft versteht – eine Kraft, die die kollektive Atmosphäre, die ästhetische Wahrnehmung und das Machtgefüge des Stadtbilds tiefgreifend verändert.

Sie zeigt, wie gelebte Migration in das emotionale Geflecht der Stadt eingeschrieben ist und wie Menschen durch Bewegung, Erinnerung und Wahrnehmung die Stadtlandschaft immer wieder neu schaffen.

ehrlich

Foto: imago/Steinert

Muslimen bietet sich eine Gelegenheit

Für Muslime bietet die Debatte die Gelegenheit, ihre eigene Rolle im Gemeinwesen zu justieren und – wenn nötig – das eigene Verhalten in der Stadt kritisch zu hinterfragen. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis unsere religiösen Einrichtungen nicht mehr nur in Hinterhöfen oder Gewerbegebieten zu finden waren.

Heute ist die Funktion der Moschee im Stadtbild vielfältig. Sie ist ein Raum mit Regeln – etwa zur Reinheit, zum Verhalten oder zu spirituellen Übungen. Zugleich ist sie ein offener Ort, der sich als Dienstleister und Begegnungsraum in der Nachbarschaft versteht.

Die Moschee strukturiert den Alltag der Gläubigen durch die Gebetszeiten – eine Form der Zeitordnung, wie Foucault sie als typisch für Heterotopien beschreibt. Das Bauwerk ist einerseits Teil des städtischen Raums, andererseits ein heiliger Ort, der sich von seiner Umgebung abgrenzt. Sie kann damit eine „Gegenplatzierung“ zur säkularen, profanen Welt darstellen.

Wenn sie vollständig in die gesellschaftliche Ordnung integriert ist, verliert sie jedoch ihre „Gegenort“-Funktion und öffnet ihre Türen als Begegnungsraum. Dann wird sie zum Topos, zum gewöhnlichen Ort innerhalb der Ordnung, nicht außerhalb oder gegenüber ihr. Topophilie (aus dem Griechischen tópos = Ort, philia = Liebe) meint die emotionale Bindung der Menschen zu bestimmten Orten – also eine liebende Zuneigung oder tiefe Affinität zu Räumen, die für sie bedeutungsvoll sind.

Diese Orte sind nicht nur geografisch oder architektonisch wichtig, sondern vor allem symbolisch, sinnlich und persönlich aufgeladen. Die Stadt erkaltet ohne solche Räume, in denen es nicht nur um Konsum geht, sondern um wesentliche Sinnfragen des Lebens – mitten in der Stadt. Dass Menschen unterschiedliche kulturelle oder religiöse Entwürfe leben, schützt uns vor der Uniformität, die das technologische Zeitalter hervorbringt.

Es ist wichtig, dass wir Muslime uns nicht nur im Rahmen der Identitätspolitik um uns selbst drehen, sondern uns auf den Stadtraum und die Landschaft um uns herum einlassen.

Auch unsere Einstellung verändert sich, wenn uns bewusst wird, wo wir leben: Die Geschichte unseres Ortes zu verstehen, die Umgebung zu erkunden und das Geistesleben unserer Nachbarschaft aufzunehmen, gehört zu unserem Leben dazu und prägt eine neue Identität. Auf diese Weise tragen wir zu einer Erneuerung der Kultur und zur Sinnstiftung bei. 

Auf gesellschaftspolitischer Ebene besteht die Herausforderung darin, jenseits der rein reaktiven Klage, unsere Beiträge für ein harmonisches Zusammenleben und für Problemlösungen zu definieren. Fest steht: Es gibt für rechtschaffene Muslime keinen Grund, sich zurückzuziehen. Vielmehr gehören gesellschaftliches Engagement an dem Ort, an dem wir leben, und vorbildliches Verhalten zu unseren wichtigsten Aufgaben.