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Was meinen Sie?

(iz). Die Diversifikation der Wissenschaften wird im Allgemeinen mit den Ingenieur- und Naturwissenschaften verbunden und nur selten mit den Geisteswissenschaften. Doch auch bei diesen entwickeln sich immer mehr sogenannte Fachwissenschaften, die nicht nur zu selbständigen Lehrstühlen, Fachgesellschaften und Zeitschriften führen, sondern die Halbwertzeiten des Wissens ständig sinken lassen. Eine der Folgen ist, dass niemand mehr einen Überblick über das hat, was man zum Beispiel früher als Orientalistik bezeichnete.
So legen Sozialpsychologen, Politologen, Archäologen, Ethnologen u. a. Arbeiten vor, die sich mit „dem“ Islam beschäftigen. Sie tun dies unter Beachtung der Voraussetzung des methodischen Atheismus, der heute die schlechthinnige Grundlage modernen Forschens ist. Selbst zahlreiche Religionswissenschaftler bearbeiten ihre „islamischen“ Themen unter dieser Annahme, was Muslime irritiert, denn was ist eine Religion ohne ihre Grundannahme, dass die Transzendenz besteht? Ein Fundament, welches die säkulare Haltung in den gegenwärtigen west-europäischen Gesellschaften weder verleugnet noch bekämpft, sondern schlicht ignoriert. Auf den üblichen Vortrag zum Islam folgen daher Diskussionen, Gespräche oder etwas, das man früher Dialog nannte; zumeist ist es ein Gemisch aus Vorurteilen, Angelesenem und Bruchstücken aus welcher Literatur auch immer. Dabei mag der Begriff „Literatur“ etwas zu hoch gegriffen sein.
Der um Verständnis bemühte muslimische Referent des Abends mag sich auf dem Weg nach Hause fragen, gegen wen oder was „man dialogisiert“ hat. Es ging nicht allein um die üblichen Missverständnisse, was beispielsweise der Dschihad sei, sondern um eine im Hintergrund schwebende Grundhaltung. Sie ließe sich am ehestens mit dem Satz beschreiben: „Der Islam stört.“ In Gesellschaften, in denen viele Pfarrer zu so etwas wie kirchlich legitimierten Sozialarbeitern wurden, sind Muslime scheinbar die einzigen, die sich kommentarlos und doch ausdrücklich auf die Transzendenz beziehen. Für sie ist Gott. Was in jedem Gebet  allein schon durch die Haltung zum Ausdruck kommt: gen Mekka gewandt und im Beugen und Fallen vor Ihm. Und die muslimischen Kunden eines Kaufhauses sind in allen Abteilungen anzutreffen, nur nicht vor der Fleischtheke oder im Restaurant. Doch wenn es um die historische Ausbreitung „des“ Islam geht, zählen nur sogenannte harte Fakten: Münzen, Ruinen, Stelen, Manuskripte oder Berichte Dritter, während Muslime ihrer oralen Tradition vertrauen. So meinen viele Gläubige, dass der vorgetragene Qur’an wichtiger sei als der gedruckte.
In den Diskussionen nach einem Vortrag ist bei den Fragen beziehungsweise Kommentaren zu meist nicht zu unterscheiden, auf was oder auf welche Position sich der Fragende bezieht. Ist mit dem Thema „Hidschab“ etwas Ethnologisches gemeint, ging es dem Fragenden um eine Glaubensfrage, wollte jemand seine emanzipatorische Kritik vortragen oder sollte auf juristische Diskurse hingewiesen werden? Bei jeder Wortmeldung wurde auf das Buch eines renommierten (nicht -muslimischen) Autoren oder eine Fachzeitschrift hingewiesen, die man doch sicherlich gelesen habe. Auf Nachfragen reagieren viele verärgert – aus welchem Grunde auch immer. Schließlich habe das Buch, aus dem man zitiert habe, mehr als eine Auflage erreicht.
Mit der Berufung der Deutschen Islam Konferenz wurde zudem eine bis dahin eher untergründig mitlaufende Tendenz sichtbar: der Lieblingsmuslim beziehungsweise die Lieblingsmuslima. Seine oder ihre Meinung steht für die wahre Interpretation des Qur’an, seine Geschichte usw. Mit ihr sei der Islam endlich in der Moderne angekommen, wird dem verwunderten Zeitgenossen erklärt. Entsprechende Reaktionen auf muslimischer Seite werden schlicht nicht zur Kenntnis genommen, weil sie zumeist in englischer oder arabischer Sprache und mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung in Zeitschriften erscheinen, die in Deutschland nicht oder selten gelesen werden. Ich frage daher bei mir unverständlichen Fragen nach, was der Fragende meine, um unter Umständen zu sagen, dass ich nicht nur die angesprochene Literatur nicht kenne, sondern die Fragestellung nur im europäischen Kontext möglich sei. Im islamischen Kontext gäbe es keine Option, die Frage zu denken. Der sogenannte Opfertod am Kreuz ist keine islamische Option und das Abendmahl beziehungsweise die Messe etwas, das der Muslim bei allem Unverständnis nur respektieren kann.
Zahlreiche Teilnehmer an Dialogveranstaltungen setzen eine  Ordnung des Denkens voraus, um an Michel Foucault anzuknüpfen, die Muslime nicht kennen. Dazu gehört die Annahme, dass der Glaube sich nach den Regeln des Verstandes zu richten habe, wie dies vor der philosophischen Aufklärung auch in Europa der Fall gewesen ist. Wer nicht dementsprechend argumentiert, der denkt irrational. So wird aus dem Propheten der arabische Begründer einer abrahamischen Religion, die in den mediterranen Raum gehört. Bei Fragen oder Wortbeiträgen gilt es daher, recht genau hinzuhören, um die Vorannahmen mitzuhören, auf die man dann als Muslim antworten muss. Der zwangsläufige Protest, man werde irrational, lässt sich nur mit dem Hinweis beantworten, dass man als Muslim, sprich als Gläubiger reagiere. Mir ist in einem solchen Falle gesagt worden, wenn ich dieser Meinung sei, solle ich doch dorthin gehen, wo ich her käme. Mit einem inneren Vergnügen sagte ich dem Betreffenden, dass dies nicht ginge; denn meine Heimat ist nach dem Weltkriege von den Siegermächten abgeschafft worden. Es ist Preußen. Aus dem Rest hat man im Westen zwei Bundesländer gemacht: Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.
Der hier hörbare Mangel an historischen Kenntnissen führt immer wieder zu den erstaunlichsten Behauptungen hinsichtlich der islamischen Präsenz in Deutschland. Ich habe mir abgewöhnt, dies hinzunehmen, und weise auf die Geschichte der Muslime im Lande hin, bevor ich die mir gestellte Frage beantworte, wodurch die Antwort selber erst ihren Rahmen erhält und der häufig gehässige Unterton des Fragenden unterlaufen wird. Solche Ehrlichkeit honoriert fast kein Auditorium. Viele Zuhörer reagieren irritiert oder mit Schweigen, weil die indirekt angeforderte Reflexion auf das Eigene zu den nicht gewohnten Dimensionen beziehungsweise der Ordnung des öffentlichen Diskurses gehört. Was aber meint eine Frage?

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Bundesanwaltschaft ermittelt gegen Moscheeverband

Berlin/Karlsruhe (KNA/dpa). Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen Spionageaktivitäten im bundesweiten Dachverband der türkischen Moscheegemeinden (DITIB). Es seien Ermittlungen gegen Unbekannt aufgenommen worden, bestätigte eine Sprecherin der Behörde am Mittwoch, 18. Januar 2017, Angaben des Grünen-Politikers Volker Beck.
Beck erklärte, jetzt müsse geklärt werden, ob es in der Zwischenzeit eine Ausreise Tatverdächtiger wegen der späten Aufnahme von Ermittlungen gegeben habe. Er, Beck, habe bereits im Dezember Anzeige beim Generalbundesanwalt erstattet.
Im Raum steht der Vorwurf, dass einzelne Imame Informationen über Anhänger des im US-amerikanischen Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen an die türkische Regierung weitergeleitet hätten. Die Anordnung dazu soll von der türkischen Religionsbehörde Diyanet stammen, die auch für die Ditib zuständig ist. Zuletzt wies DITIB-Generalsekretär Bekir Alboga Berichte zurück, wonach er die Spitzel-Vorwürfe bestätigt habe. Davor hatte er im Zusammenhang mit der möglichen Spionage-Tätigkeit von Imamen von einer bedauerlichen Panne gesprochen.
Bei einer Fragestunde im Bundestag erklärte Innenstaatssekretär Ole Schröder (CDU), die Bundesländer müssten prüfen, ob DITIB die Voraussetzung für eine Religionsgemeinschaft erfülle. Die Bundesregierung werde das Verfahren beobachten und ihre Schlussfolgerungen daraus ziehen. So müsse möglicherweise auch untersucht werden, ob der Sonderstatus, den Imame genössen, gerechtfertigt sei.
Görmez weist Vorwürfe zurück
Die türkische Religionsbehörde Diyanet hat die  Bespitzelungsvorwürfe in Deutschland in ihrem Auftrag entschieden zurückgewiesen. Diyanet habe Imame der DITIB nie damit beauftragt, Informationen über Mitglieder ihrer Gemeinde zu beschaffen, sagte Diyanet-Chef Mehmet Görmez am Mittwoch, den 18. Januar 2017, deutschen Journalisten in Ankara. Die Imame in Deutschland bemühten sich lediglich, die Gläubigen vor der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen zu „schützen“.
„Es ist äußerst traurig, dass unsere Bemühung (…) so dargestellt wird, als würden die Diyanet-Beauftragten Spionage betreiben“, sagte Görmez mit Blick auf die Imame. „Natürlich ist es nicht möglich, diese Anschuldigungen zu akzeptieren.“
Kein Imam dürfe „Informationen über das Privatleben von jemandem aus seiner eigenen Gemeinde“ mit anderen teilen. Sollten einzelne Personen falsch gehandelt haben, werde das untersucht.
Görmez betonte, Diyanet sei eine religiöse Einrichtung und kein Instrument türkischer Außenpolitik. «Wir waren nie dort, wo wir nicht erwünscht gewesen sind», sagte der Diyanet-Chef.

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Muhammad Ali, der Muslim

Muhammad Ali hält vor einer reich verzierten Holzwand die geöffneten Hände zum Bittgebet erhoben.

(iz). Muhammad Ali ist eine Legende. Das braucht man den wenigsten lebenden Menschen zu erklären. Die Zeitschrift „Times“ zählte ihn zu den 100 bedeutendsten Personen des 20. Jahrhunderts. Ohne Frage, er prägte Generationen und wurde durch seine Art zu einem Symbol für Hoffnung und Mut.
Boxgrößen wie Mike Tyson oder Joe Frazier gaben mit Überzeugung den Titel des „Greatest“ an den geborenen Cassius Clay ab. Die Welt kennt ihn vorrangig als den Boxer Muhammad Ali. Immer öfter auch spricht man vom Bürgerrechtler oder Aktivisten Muhammad Ali. Es scheint aber, dass man selten über den Muslim Muhammad Ali spricht.
Dabei spielte Islam im Leben der schillernden Figur eine große Rolle. Natürlich auch erkenntlich an seiner Namensänderung. Für die wenigen, die sich auf Alis Engagement rund um den islamischen Glauben beschäftigen, verliert sich der Fokus nicht selten auf seine Zeit bei der Nation of Islam.
Die Sekte, die unter anderem einen Konterrassismus gegen „Weiße“ propagierte, erlangte durch die Mischung aus Darbietung einer messiasartigen Führung, Gemeinschaftlichkeit, Bürgerprotest und Religion unter der afroamerikanischen Bevölkerung einiger Städte große Bekanntheit.
Inspiriert durch Malcolm X, der Muhammad Alis Werdegang noch entscheidend mitprägen würde, schloss das junge Boxtalent sich der Bewegung an. In der Zeit legte er auch seinen vorherigen Namen ab, mit der Begründung, dieser sei ein Sklavenname.
Nur wenige Wochen danach brach Malcolm X mit der Nation of Islam öffentlich. Vorausgegangen waren Reisen in diverse muslimische Länder, unter anderem auch nach Mekka und Medina, sowie der Anschluss an einen sunnitichen Sufi-Schaikh aus dem Sudan, der ihm den Namen Malik al-Schabazz gab und später auch die Bestattung des berühmten Wortführers durchführen sollte.
Muhammd Ali tat es Malik etwas später gleich. Ebenfalls geprägt durch die Begegnung mit Muslimen verschiedenster Herkunft erkennt er die Unterschiede zwischen der Ideologie der Nation of Islam und dem Mehrheitsislam. Alis Bruch ist weniger öffentlich, wie auch sein Auftreten nach der Zeit allgemein.
Während seines Aufenthalts in Libyen wurde der in Louisville geborene Sportler vom deutschen Muslim Baschir Dultz bewirtet, der zu der Zeit, vor der Machtergreifung Gaddafis vom einflussreichen Sanoussi-Clan immer wieder mit der Betreuung europäischer oder amerikanischer Gäste beauftragt wurde. Dultz, der nach seiner Rückkehr nach Bonn die Deutsche Muslimliga mitleiten wird, empfing auch schon zuvor Malcolm X.
Die Pilgerfahrt nach Mekka war besonders bedeutsam für den schlagfertigen Visionär. Das gemeinsame Umrunden der Kaaba mit Menschen aller Ethnien und Hautfarben bestätigte ihn im Glauben, dass jeder Mensch unabhängig von solchen Zugehörigkeiten bei Gott den gleichen Wert habe. Einer der Biographen Muhammad Alis, David Remnick sagte später: „Dass er den Inhalten der NOI (Nation of Islam) abschwor, war den Funktionären bekannt, man scheute sich aber, sich deswegen von ihm zu distanzieren. Er war zu populär.“
Als Wallace D. Muhammad 1975 die Führung der NOI übernahm, versuchte er stückweise die Inhalte an die traditionellen Lehren des Islam anzunähern. Später führte das zu einer Aufspaltung der Bewegung, wobei Muhammad Ali mit dem Flügel Wallaces weiterhin im Kontakt blieb.
Die nächsten 30 Jahre waren geprägt von Reisen und Begegnungen. Ali widmete sich dem Studium des Islam, las Bücher und besuchte wichtige Stätten. Auch bemühte er sich um die Aufrechterhaltung des Erbes seines einstigen Weggefährtens Malcolm bzw. Hadsch Malik. International wurde er empfangen wie ein Staatsmann. Präsidenten und Könige nahmen sich für ihn Zeit, zeigten sich mit ihm und hörten ihm zu. In der muslimischen Welt war er mehr als nur ein Held. Das wusste auch die US-Regierung zu nutzen. So war er beispielsweise offizieller Entsandter der Regierung um mit dem damaligen irakischen Präsidenten Saddam Hussein die Freilassung amerikanischer Staatsbürger auszuhandeln.
Muhammad Ali wandte sich nie von seiner Heimat ab. Trotz der Nähe zur muslimischen Welt, insbesondere zu Afrika, ließ er seinen Fokus auf den USA. Auch wenn der marokkanische König Hassan II. ihn „einen der letzten Könige Afrikas“ nannte. Nicht nur in seiner Geburtsstadt Louisville setzte sich Muhammad Ali für soziale Projekte ein. „Ich glaube daran, dass es meine größte Pflicht gegenüber den Menschen ist, ihnen behilflich zu sein. Das lehrt mich der Islam“, sagte der Champion in einem Interview zu einer neu eröffneten Schule.
Stets setzte er sich für die Rechte von Minderheiten ein und plädierte gleichzeitig für Dialog und gegenseitigen Respekt. Nachdem Donald Trump im US-Wahlkampf ein Einreiseverbot für Muslime ins Gespräch brachte, erklärte er in einer öffentlichen Stellungnahme, dass Muslime gegen Terror seien und Terror prinzipiell der islamischen Lehre widerspreche. Solche Statements seinerseits waren keine Seltenheit. Für den Muhammad Ali Kenner Imam Zaid Shakir sei es kein Zufall, dass das Idol selten als repräsentativ für Muslime dargestellt wurde. „Er passt nicht ins mediale Konzept.“
Trotz seiner Parkinson-Erkrankung habe Ali bis zu seinem Tod versucht mit dem fünfmaligen Gebet „Ruhe in seinen Körper zu bringen“, beschreibt Maryum Ali ihren Vater. Im Alter spielte die Wissenschaft des Tasawwuf für ihn eine immer wichtigere Rolle. Angefangen bei Büchern indischer Sufi-Traditionen, begab sich Muhammad Ali immer wieder zu klassischen Gelehrten.
Zum Ende seines Lebens war er fasziniert von Imam Zaid Shakir und Schaikh Hamza Yusuf, zwei US-amerikanischen muslimischen Gelehrten. Er soll zu ihren großzügigsten Unterstützern gehört haben und sei fasziniert vom Zaytouna-College gewesen, einer muslimischen Universität im US-Bundesstaat Kalifornien.
Sie waren es auch, die seine Beisetzung organisierten und ausführten. Weltweit wurde das Ereignis verfolgt. Nationale und internationale Persönlichkeiten aus Politik, Unterhaltung, Wirtschaft, Sport und Gesellschaft waren anwesend. Muhammad Ali habe zu Lebzeiten darauf bestanden, eine für alle als solche erkennbare muslimische Bestattungszeremonie zu bekommen. „Selbst als Toter wollte er Menschen noch zum Islam einladen“, reflektiert Imam Zaid Shakir.
Laut seiner Tochter Hana Yasmeen Ali sei es ihrem berühmten Vater immer wichtig gewesen, Menschen den Islam zu zeigen. „Er war überzeugt und glücklich und wollte, dass jeder das gleiche kennenlernt.“ In privaten Kreisen habe ihm das den Ruf eines Missionars eingebracht. Spaßend soll er darauf erwidert haben: „Der Missionar bist du, denn du hast dir die Mission gegeben, mir nicht zu glauben, aber wir werden sehen, wie lange du das schaffst.“
Als eine der zweifelsohne faszinierendsten Persönlichkeiten des letzten Jahrhunderts bleibt Muhammad Ali im kollektiven Gedächtnis ein Sinnbild für vieles, vor allem positives. Will man sein Werk aber wirklich ehren, muss er auch als Muhammad Ali, der Muslim in Erinnerung bleiben.

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Bleiben die Grundrechte auf der Strecke?

Die Politik reagiert auf Anschläge wie in Berlin, Paris oder Brüssel: Die Sicherheitsbehörden haben in vielen EU-Staaten mehr Rechte bekommen. Amnesty International sieht das mit Unbehagen. Geht der Staat zu weit?
Brüssel (dpa). Im Anti-Terror-Kampf drohten Grundfreiheiten auf der Strecke zu bleiben, warnt Amnesty International. „Regierungen haben eine Vielzahl an unverhältnismäßigen und diskriminierenden Gesetzen durchgepeitscht“, erklärte der Europa-Chef der Menschenrechtsorganisation, John Dalhuisen. Amnesty veröffentlichte am Dienstag in Brüssel einen Bericht zur Situation in vierzehn EU-Staaten in den vergangenen beiden Jahren.
In Deutschland bemängelt die Organisation insbesondere die Rolle des Bundesnachrichtendienstes (BND). Das BND-Gesetz ermögliche Verletzungen der Rechte auf Privatsphäre und Meinungsfreiheit. „Der BND kann demnach SMS, Telefonate und E-Mails im Ausland nahezu anlasslos überwachen“, erklärte Anton Landgraf von Amnesty International in Deutschland. „Amnesty International kritisiert, dass die Überwachungsanlässe bei der reinen Auslandskommunikation so vage formuliert sind, dass es kaum Beschränkungen gibt.“
Die Sicherheitsbehörden haben demnach in vielen Ländern mehr Möglichkeiten bekommen, ohne richterliche Kontrolle oder andere Aufsicht gegen Verdächtige vorzugehen  – nach Ansicht der Autoren ein „Rezept für Missbrauch“. Auch harmlose Formen der Kritik würden für illegal erklärt, bemängelt Amnesty. Die Rechte auf freie Meinungsäußerung und Versammlung blieben auf der Strecke. Muslime liefen Gefahr, unter Generalverdacht zu geraten.
Eigentlich für außergewöhnliche Bedrohungslagen gedachte nationale Notstände drohten zum Dauerzustand zu werden, so Amnesty. Die französische Regierung versuche zudem, den Sicherheitsbehörden weitreichende Rechte zu verschaffen, die auch jenseits des schon mehrfach verlängerten Ausnahmezustands gelten würden.
In Bulgarien, Dänemark, Frankreich, Polen, Spanien oder Großbritannien werde der Begriff „Terrorismus“ vage oder allzu weitreichend definiert, bemängelt Amnesty. Das erlaube den Behörden, große Personenkreise ohne konkreten Anlass zu überwachen.
Oft genüge schon die mutmaßliche Absicht, terroristische Taten zu begehen, für Reiseverbote oder elektronische Überwachung. Die Begründung für solche Einschränkungen bleibe oft unter Verschluss, was den Betreffenden wenig Möglichkeiten zur Gegenwehr lasse.

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Die Politik erhöht Druck auf die DITIB

Berlin (KNA). Der CDU-Bundestagsabgeordnete Armin Schuster will die möglichen Spionage-Aktivitäten von Imamen des deutsch-türkischen Moscheedachverbandes DITIB im Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestages zur Sprache bringen. „Ich hätte gerne eine Einschätzung dazu, inwieweit DITIB damit wirklich nichts zu tun hat“, sagte Schuster der „Frankfurter Rundschau“ (am 14. Januar). Schuster, der selbst dem Parlamentarischen Kontrollgremium angehört, fügte hinzu: „Das ist keine Panne. Man kann nicht aus Versehen spionieren. Das ist nicht glaubhaft.“
Im Raum steht der Vorwurf, dass einzelne Imame Informationen über Anhänger des im US-amerikanischen Exil lebenden Predigers Gülen an die türkische Regierung weitergeleitet hätten. Die Anordnung dazu soll von der türkischen Religionsbehörde Diyanet stammen, die auch für Ditib zuständig ist.
Die Gülen-Bewegung gilt in der Türkei als Staatsfeind. Präsident Recep Tayyip Erdogan macht sie für den gescheiterten Putsch im Juli 2016 verantwortlich. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) ist der größte muslimische Verband in der Bundesrepublik. Gegründet 1982 als Verband von zunächst 15 Moscheen, gehören ihm inzwischen rund 900 Ortsgemeinden an.
Zuletzt wies Ditib-Generalsekretär Bekir Alboga Berichte zurück, wonach er die Spitzel-Vorwürfe bestätigt habe. „Meine Aussagen als Generalsekretär beabsichtigten lediglich, dass die Vorwürfe ernst genommen und von Ditib weiterhin untersucht werden.“ Davor hatte er im Zusammenhang mit der möglichen Spionage-Tätigkeit von Imamen von einer bedauerlichen Panne gesprochen.
Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft bestätigte der „Frankfurter Rundschau“, dass die Behörde einer Anzeige des religionspolitischen Sprechers der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck, folgt: „Wir haben eine Anzeige von Volker Beck bekommen und prüfen sie jetzt. Wir prüfen dabei auch, ob wir auf Aussagen wie die von Herrn Alboga zurückgreifen. Die Entscheidung über ein Ermittlungsverfahren ist noch nicht gefallen.“
Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, forderte von der DITIB eine lückenlose Aufklärung. Der Verband müsse benennen, welche Imame andere bespitzelt hätten, und Konsequenzen ziehen, so Sofuoglu im Deutschlandfunk. Grünen-Politiker Beck unterstütze diesen Vorstoß. Es sei „vielleicht an der Zeit, dass auch die Muslime, die mit diesem Kurs der DITIB nicht einverstanden sind, ihre Stimme erheben. Ohne Konflikt wird sich da nichts ändern.“
Voraussichtlich wird das Thema am kommenden Mittwoch in der Fragestunde an die Bundesregierung besprochen. In der Fragestunde können Abgeordnete außerhalb der regulären Debatten kurze mündliche Fragen an die Regierung stellen, die umgehend mündlich beantwortet werden müssen.

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Im „Frauencafé" bieten Musliminnen geflüchteten Frauen Rat und Tat

(iz). Die Sehitlik-Moschee in Berlin ist seit langem ein Symbol der Begegnung. Nicht nur, weil die unermüdlich aktive Gemeinde Hunderttausende Besucher durch den historischen Ort führt, sondern auch, weil hier innovative Ideen verwirklicht werden und Diskurse stattfinden können.
Im Zuge der großen Flüchtlingsdebatte wurde die Rolle von Muslimen immer wieder, teils heftig, diskutiert. Oft hörte man den Vorwurf, von muslimischer Seite käme in der Flüchtlingshilfe zu wenig. Zugegeben bewegt sich das Engagement oftmals außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung und schafft es dadurch selten in die Presse.
So wird zum Beispiel hierzulande in über 500 Moscheen Deutschunterricht angeboten. Wohlgemerkt ehrenamtlich, ohne Subventionen oder Fördergelder. Auch bieten viele Moscheen täglich Essen und Getränke an oder initiieren Klei­derkammern. Zum Höhepunkt des Flüchtlingsstroms, als beispielsweise in Berlin Tausende vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales auf einen ­Termin warteten, wurde ihnen in zahlreichen Moscheen deutschlandweit Obdach geboten.
Neben der großen ehrenamtlichen Beteiligung gibt es aber auch vermehrt organisierte Projekte seitens der muslimischen Institutionen. Als Beispiel dafür gilt das Patenschaftsprojekt des größten muslimischen Verbands, DITIB.
Vom Bundesverband ausgehend, dessen Sitz in Köln ist, wurden die Landesverbände beauftragt, eine bestimmte Zahl von Patenschaften mit Flüchtlingen durch Gemeindemitglieder abzuschließen. Für Berlin war der Maßstab 200. Innerhalb kürzester Zeit wurde dies aber bereits übertroffen. „Es gibt großes Interesse, die Menschen wollen gerne helfen“, sagt Gülhanim Karaduman-Cerkes, die für die Leitung der Flüchtlingsarbeit im Berliner Landesverband verantwortlich ist.
Die Gemeindemitglieder sähen den Bedarf von aktiver Unterstützung und seien bereit, sich zu beteiligen, wenn man ihnen eine Vorstellung gebe, wie das aussehen könnte. Bei den Patenschaften ginge es darum, dass ein Gemeindemitglied oder auch jemand von außerhalb zum Paten einer geflüchteten Person oder einer geflüchteten Familie wird. So soll durch Hilfe bei wichtigen Angelegenheiten, gemeinsame Aktivitäten und vor allem persönlichen Bezug die Integration in die Gesellschaft vereinfacht werden.
Die Gemeinde der Sehitlik-Moschee war auch vor der Patenschaftsinitiative aktiv in der Flüchtlingsarbeit. An keinem aufmerksamen Berliner ging die schwierige Situation in den Notunterkünften vorbei. Das führte gesellschaftsübergreifend zum Einsatz aus der Zivilbevölkerung. Von Anfang an war auch die Sehitlik-Gemeinde dabei. Sie beteiligte sich an der Verteilung von Lebensmitteln, Kleidung und Decken oder organisierte Veranstaltungen für die Kinder. Gleichzeitig nutzte sie aber auch ihre ansehnlichen Räumlichkeiten für Podiumsdiskussionen zu dem Thema und lud namhafte Gäste ein, um die Lage zu thematisieren.
„Mit der Zeit und gewonnenen Erfahrung im Umgang mit der Situation der Flüchtlinge in ihren Unterkünften kamen wir zu der Erkenntnis, dass es vor allem bei den Frauen an notwendiger Betreuung fehlt“, erklärt Karaduman-Cerkes.
Viele kämen traumatisiert in Deutschland an und fühlten sich im Stich gelassen. Die fehlende Kenntnis der Strukturen in Deutschland schränke die Frauen in der Wahrnehmung ihrer Rechte ein. „Sie erzählten uns von Erfahrungen in den Flüchtlingsunterkünften, die wir so nicht hinnehmen konnten. Die Belästigung von Frauen ist kein zu unterschätzendes Problem“, so Karaduman-Cerkes.
Das liege vor allem daran, dass den Frauen oft nicht bewusst sei, in wessen Händen welche Befugnisse liegen. So sei es beispielsweise öfter zu Erpressungen durch Security-Mitarbeiter gekommen, die den Frauen drohten, sie würden ihre Asylbescheide ablehnen. Aus Angst und fehlendem Vertrauen in die wirklichen Ansprechpartner seien sie zusätzlich isoliert. Für Karaduman-Cerkes und ihre Gemeinde war das ein Grund zu handeln.
So entstand das erste Frauencafé seiner Art. Gülhanim Abla, wie sie liebevoll genannt wird, was auf türkisch „große Schwester“ heißt, besucht regelmäßig mit einigen ehrenamtlichen Frauen Flüchtlingsunterkünfte und veranstaltet eine geschlossene Runde für Frauen, in der diese frei über ihre Probleme, Erfahrungen und Erwartungen sprechen können.
„Sie vertrauen sich uns an und sprechen mit uns, wie sie mit sonst niemandem sprechen können“, so Karaduman-Cerkes. „Man merkt sofort, was für ein großes Bedürfnis besteht, sich auszudrücken. Den Frauen liegt viel auf den Herzen.“ Für die Berlinerin ist es deshalb auch eine Herzensangelegenheit. „Man darf sie nicht im Stich lassen.“
In manchen Flüchtlingsunterkünften habe es solche Möglichkeiten der ungestörten Zusammenkunft von Frauen davor nicht gegeben. Dafür fehle es laut diversen Betreibern an Räumlichkeiten. „Die Frauen kommen einerseits nicht einfach raus und finden andererseits dort, wo sie gerade zuhause sind, keine Privatsphäre. So darf das nicht sein.“
Dieses Mal findet das Frauencafé in den Räumlichkeiten der Sehitlik-Gemeinde statt. Auf dem berühmten Moscheegelände in den Seminarräumen kommen wieder Dutzende Frauen zum Austausch zusammen. Diesmal sind auch Vertreter des Senats anwesend. Ich bin zuvor mit Gülhanim Karaduman-Cerkes zum Gespräch verabredet. Man merkt ihr die Hektik der Vorbereitung an. Trotzdem wirkt sie absolut souverän in der Koordination. Bekannte Gesichter aus der Moschee rennen umher, bringen Tee und Kekse in die Räume.
Die Männer im Teehaus der Gemeinde sind stolz auf ihre weiblichen Mitglieder. „Da sieht man mal, wie viel unsere Frauen auch ohne uns hinkriegen und machen“, sagt einer der älteren Hadschis lachend. Das Programm sollte eigentlich zwei Stunden dauern und um 18:30 Uhr vorbei sein. Um 20 Uhr ist der Großteil immer noch in Gespräche vertieft. Der Bedarf ist ungebrochen. Es geht vorrangig um Missstände in den Flüchtlingsunterkünften, Probleme mit den Betreibern und dem Wachdienst.
Die Frauen nutzen die Möglichkeit, ihrem Unmut freien Lauf zu lassen, in Anwesenheit der Vertreter des Berliner Senats. Übersetzt wird von Ehrenamtlichen. Das ist manchmal nicht ganz einfach, denn unter den Frauen gibt es verschiedenste Nationalitäten. Professionelle Übersetzer kann sich die Initiative nicht leisten. „Wir hätten gern derartige Unterstützung von den Behörden. Zumindest Übersetzer könnten sie uns stellen, oder Pädagogen. So sehr wir uns auch bemühen, natürlich fehlt es an professioneller Unterstützung“, erklärt Karaduman-Cerkes.
Eine Woche zuvor fiel das Frauencafé aufgrund der fehlenden Übersetzer aus. „Natürlich ist das Zusammenkommen an sich wichtig, aber das Wichtigste ist doch, dass die Frauen sich ausdrücken können, ihnen zugehört wird und wir dadurch auch etwas ändern können.“ Für die meisten Teilnehmerinnen gehört das Frauencafé zu den wenigen sozialen Aktivitäten. „Die Behörden müssen erkennen, wie wichtig das Projekt für unsere neuen Mitbürger ist, sie brauchen das.“
Die psychologischen Belastungen von Frauen dürfen laut Gülhanim Karaduman-Cerkes nicht unterschätzt werden. „Das werden unsere Nachbarn, wir werden mit ihnen leben und arbeiten, wir können nicht einfach ignorieren, dass es manchen von ihnen mental wirklich schlecht geht.“ Das Interesse sei auch bei jungen Mädchen sehr hoch. Das stelle die Initiatoren vor die Herausforderung, verschiedene Formate anzubieten. Manche der Probleme der älteren Frauen seien so drastisch, dass Jugendliche oder junge Mädchen bei der Besprechung dieser nicht anwesend sein dürften.
Der Bedarf dieses zusätzlichen, auf jüngere Frauen und Mädchen angepassten Programms stellt Karaduman-Cerkes und ihre Ehrenamtlichen vor neue Aufgaben. „Im Grunde genommen wäre es das Gleiche. Auch hier kommt es auf Übersetzer und Ehrenamtliche an. Ich denke, gerade bei den Jüngeren sind Pädagogen aber wichtig.“ Von der Gemeine gebe es viel Unterstützung. Es kämen auch immer wieder junge Damen von außerhalb der Gemeinde, um das Projekt zu unterstützen. „Ich will nicht klingen, als warteten wir nur auf Hilfe. Wir machen es auch so gerne. Einfach, weil wir die Notwendigkeit erkennen. Es tut doch schlicht gut, etwas Gutes zu tun.“
Manchmal ist das aber leichter gesagt als getan. Bei einem gemeinsamen Picknick auf dem Tempelhofer Feld mit gut 50 Teilnehmern wurden die Getränke knapp. „Logischerweise ging ich Getränke holen, nur um dann aber festzustellen, dass es eben 50 Leute sind und ich gar nicht genug Geld dabei habe. Da gelangt das Ehrenamt an seine Grenzen.“ Gülhanim Abla und ihre fleißigen Helfer wünschen sich mehr Unterstützung. Seien es zusätzliche Ehrenamtliche oder professionelle Förderung durch die Behörden, Vereine oder Stiftungen in Form von finanzieller Entlastung oder gestellter Pädagogen und Übersetzer. Auch Räumlichkeiten seien hilfreich.
Das Frauencafé ist eines der Projekte, über die man mehr hören möchte. Einerseits als vorbildliche Initiative, von Muslimen ausgehend, und andererseits als Sinnbeispiel des enormen Beitrags der Ehrenamtlichen in unserer Gesellschaft.
„Unabhängig von Herkunft, Glauben oder Alter treffe ich Menschen, die auf die gleiche Weise aktiv sein möchten wie ich. Das stimmt mich zuversichtlich“, reflektiert die große Schwester, Gülhanim Karaduman-Cerkes.
Kontakt: Frauencafé, Columbiadamm 128, 10965 Berlin, 0177-1430504, golhanim.karaduman@­ditib-patenschaft.de

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Der Prophet Muhammad lehrte die Funktion von Sprache im Ganzen

(iz). Es heißt, wir lebten in einem Zeitalter des großen Fortschritts, einer Ära der Erleuchtung und Hochkultur. Wie kann es dann sein, wenn wir uns umschauen, dass wir vor allem […]

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Aufruf zur Positivität

(iz). Im November ehrte der amerikanische Gelehrte Dr. Umar Faruq Abd-Allah Deutschland mit einem Besuch. Er war bei Gemeinschaften zu Gast und hielt Vorträge in Osnabrück, Köln, Bochum und Frankfurt. […]

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Ältester islamischer Friedhof in Deutschland wird 150 Jahre alt

Berlin (KNA) Schiefstehende, verwitterte Grabsteine reihen sich aneinander, viele sind mit Pflanzen überwuchert. Die arabischen und osmanischen Schriftzüge sind unleserlich, nur manchmal kann der Betrachter einen Halbmond erkennen. Im Innenhof der Berliner Sehitlik-Moschee liegt der älteste islamische Friedhof Deutschlands. Am 29. Dezember vor 150 Jahren wurde er eröffnet.
Seiner Gründung ging ein denkwürdiges Ereignis voraus. „Durch Berlin rollt ein großer, von vier Pferden gezogener Leiterwagen. Auf der Ladefläche steht, mit grünem Tuch bedeckt, ein schlichter Holzsarg. Auf dem Wagen sitzen fremdartig gekleidete Gestalten, die von Zeit zu Zeit Geldstücke unter die den Straßenrand säumende Menge werfen“, heißt es in den „Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins“ über das Begräbnis des osmanischen Botschafters Ali Aziz Efendi Ende des 18. Jahrhunderts.
Efendi war der erste ständige Gesandte der osmanischen Hohen Pforte am Preußischen Königshof. Einen Ruf machte er sich vor allem als Schriftsteller und Mystiker. Als der Gelehrte 1798 starb, erwarb König Friedrich Wilhelm III. ein auf der Tempelhofer Feldmark gelegenes Areal. Dieses stellte er dem Osmanischen Reich als Begräbnisstätte zur Verfügung. Ein weiterer osmanischer Gesandter wurde dort schon bald nach den Sitten des islamischen Glaubens beerdigt.
1854 mussten die Grabstätten dem Neubau einer Kaserne weichen. Deshalb schenkte König Wilhelm I. dem Osmanischen Reich das heute als Friedhof dienende Gelände am Columbiadamm. Die Überreste der Verstorbenen ließ die muslimische Gemeinde im Dezember 1866 feierlich in einer religiösen Zeremonie überführen.
„Eine Einweihung gibt es bei uns nicht. Nennen wir es einfach die Eröffnung des Friedhofs“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Sehitlik-Gemeinde, Ender Cetin. Er bezeichnet den Friedhof im Innenhof der Moschee aufgrund dessen Geschichte als „eine Art spirituellen Magneten“. Überhaupt spiele der Besuch bei den Toten für gläubige Muslime eine wichtige Rolle. „Die Toten gehören zu uns und sind als Teil der Gemeinde präsent.“
Verschiedene Persönlichkeiten haben ihre letzte Ruhestätte auf dem alten Friedhof gefunden: eine Prinzessin aus dem Iran, ein kasachischer Freiheitskämpfer und ein Anhänger der im Iran verfolgten Bahai-Religion. „Und Familienmitglieder der ersten Gastarbeiter wurden hier bestattet“, erzählt Cetin. 1963 gab die Stadt Berlin der türkischen Gemeinde auf dem benachbarten Garnisonsfriedhof ein Areal auf dem alten Friedhof. Seit den 1980er Jahren gilt auf dem gesamten Gelände wegen Platzmangel eine totale Beisetzungssperre.
Dass die Grabstätte dennoch nicht in Vergessenheit geriet, ist auch der Sehitlik-Moschee zu verdanken, die die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) im klassisch osmanischen Stil errichten ließ. „Sehitlik“ bedeutet auf Türkisch Märtyrer. Der Name erinnert an die gefallenen türkischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg an der Seite Deutschlands und Österreichs kämpften.
Seit 2004 zieht die Moschee zahlreiche gläubige Muslime an. Ausdrücklich möchte sich die Gemeinde auch für andere Besucher öffnen. Moscheeführungen gibt es auf Deutsch, Englisch, Türkisch, Arabisch, Ungarisch und Französisch. Diese Offenheit dürfte ganz im Sinne von Ali Aziz Efendi sein, der einst festhielt: Jeder findet in sich selbst einen Weg zu Gott, den vor ihm noch niemand beschritten hat.

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Berliner trotzen der Gewalt

(iz). Den Angehörigen der Opfer des feigen Anschlags von Berlin gehört unser Mitgefühl. Die alteingesessene muslimische Gemeinschaft in Berlin steht wie alle BerlinerInnen noch immer unter Schock. Man könnte den oder die Täter persönlich würgen. Aber, Gott sei Dank, ist in Deutschland die Strafverfolgung Aufgabe der Justizbehörden. Die letzten Tage mit ihren vorschnellen Verdächtigungen bestätigen alle Stimmen, die zur Besonnenheit raten und lückenlose Aufklärung verlangen.
Es wäre dennoch naiv zu glauben, dass ein Terroranschlag inmitten unserer Hauptstadt nicht zu harten politischen Kontroversen führen wird. Natürlich ist auch eine Debatte über Ursachen, Wirkung und Realität der Flüchtlingsströme legitim. Das Kalkül der Ideologen dabei ist allerdings klar: Ihr Ziel ist es, den Charakter der Muslime aus dem Extrem- und Ausnahmefall heraus zu bestimmen.
Wir müssen die Herausforderung der Logik und der Auseinandersetzung um die Begriffs- und Deutungshoheit aktiv annehmen. „Stellt man Muslime unter Generalverdacht“, schreibt Jürgen Kaube von der FAZ, „reduziert man sie zu Merkmalsträgern“.
Es schadet durchaus nicht, wenn wir Muslime uns erinnern, welche Sprache wir selbst sprechen. Wäre das Internet der alleinige Maßstab, gäbe es durchaus Grund zur Sorge. Hier wird die Sprache schnell maßlos, fehlerhaft und ideologisch eingesetzt. Es sind die kleinen Elemente des Fehlverhaltens, die im virtuellen Teilchenbeschleuniger auf Dauer ihre reale Wirkungen entfalten. Überhaupt sind heute die sozialen Medien zum Fenster geworden, aus dem wir in die Welt blicken. Besorgniserregend ist die Internationalisierung des Blicks, der Emotionen und der Gefühle. Sie lassen uns vergessen, dass wir weder auf der existentiellen, noch auf der psychologischen Ebene an unzähligen Orten gleichzeitig leben können. Natürlich trifft uns der Tod des Vaters, des Freundes oder unseres Berliner Nachbarn anders. Hier, im Unmittelbaren, blicken wir seit jeher auch in unsere eigene Sterblichkeit.
Die muslimische Community hat eine Verantwortung: Die Politisierung aller Erkenntnis, des normalsten Mitgefühls, sowie die Produktion phantasievoller Kausalketten bergen auch für uns die Gefahr radikaler Abstumpfung; am Ende auch gegenüber dem Geschehen vor der eigenen Haustür. Die Tragödie in Berlin verpflichtet uns alle zur Überprüfung unserer Prioritäten und Sprache. Nur aus dieser Achtsamkeit heraus können wir die Ideologie der Anderen entlarven.