(iz). Wir Deutsche feiern uns gerne als Fußball-, Export- und Klimaschutz-Weltmeister. Das ist schön und gut, aber der Export erfolgreicher Anti-Rassismus-Arbeit sollte wichtiger sein, als die Ausfuhr von Gütern. „Made […]
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(iz). Wir Deutsche feiern uns gerne als Fußball-, Export- und Klimaschutz-Weltmeister. Das ist schön und gut, aber der Export erfolgreicher Anti-Rassismus-Arbeit sollte wichtiger sein, als die Ausfuhr von Gütern. „Made […]
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(iz). Indonesien ist das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt. Indonesien erstreckt sich vom nördlichsten Zipfel der Insel Sumatra, Aceh, bis in den westlichen Teil der Insel Papua. Zusammen mit Brunei, Teilen Malaysias und Singapore, gehört es zu der geographischen, kulturellen und spirituellen Wirklichkeit, die allgemein als Nusantara bezeichnet wird. Nusantara bezeichnet einen Archipel von Inseln, inklusive der Meere, wobei die Meere zwischen den Inseln eine verbindende, keine teilende Rolle spielen. Ihre Menschen leben sowohl auf den Inseln, als auch auf den Meeren. Es wird angenommen, dass Islam im 11. Jahrhundert die Insel Java erreichte, da es aus dieser Zeit den ersten epigraphischen Beweis gibt. Der erste „bekannte“ Muslim in Java war eine Frau mit dem Namen Siti Fatimah binti Maimun. Nichtsdestotrotz haben wir Grund zu glauben, dass Islam bereits vor dem 11. Jahrhundert die Küste Javas erreichte. Ab dem 15. Jahrhundert wurde jedoch vermehrt der konkrete groß angelegte Versuch unternommen, den Islam in Java zu verbreiten. Neun sogenannte heilige Männer (arab. aulija), die Walisongo, spielten dabei eine bis heute anerkannte Vorreiterrolle. Im Folgenden möchte ich diese besonderen Männer kurz vorstellen und vor allem auf ihre Methoden hinweisen, wie sie friedlich und bedacht auf die Wahrung von Harmonie, die prophetische Nachricht verbreitet haben.
Islam in Indonesien
Auch wenn in manchen Teilen andere Religionen eine Mehrheit bilden, so sind doch Muslime überall zu finden. Eine Besonderheit, die die Indonesienwissenschaftler immer wieder positiv betonen, ist der Fakt, dass der Islam im heutigen Indonesien und in der Region Nusantara als Ganzes, friedlich verbreitet wurde. Lokale Kulturen, Traditionen, Wissen und Weisheiten wurden nicht radikal und rücksichtslos entfernt, sondern im Sinne der islamischen Lehre und Orthopraxie umgewandelt und adaptiert. Diese Herangehensweise hatte zur Folge, dass der Islam in Indonesien traditionell als moderat und tolerant beschrieben wird. Seine Spiritualität hat hierbei eine große Rolle gespielt und das tut sie noch immer.
Im Laufe der Geschichte und mit dem Erscheinen von ethnologischen Forschern, die die lokalen Begebenheiten versuchten zu beschreiben und durch ihre eigene kulturelle und religiöse Brille betrachteten, wurde jedoch die originelle islamische Tradition des Archipels als mit synkretistisch verwobenen Elementen und Ritualen eigene lokale Form des Islam beschrieben. In vielen Fällen wurde jedoch die den in Nusantara lebenden Menschen eigene Symbolsprache und Symbolik als nicht-islamisch verstanden und nicht versucht zu verstehen. Dadurch wurde das Bild eines nicht-authentischen indonesischen Islam geschaffen, dass bis heute Indonesien und indonesische Islamwissenschaften in die muslimische Peripherie katapultiert. Dass, zum Beispiel, die Walisongo die Islamische Lehre teilweise lokalisiert haben, schädigt nicht ihre Authentizität. Damals wie heute gehört die Mehrzahl zur Ahlu Sunnah wal’Dschama’a, wie sie traditionell verstanden wird, und folgt der schafi’itischen Rechtsschule und der Theologie (‘Aqidah) Asch’aris.
Wie die Seele das Göttliche erfährt
Historisch gesehen hatten die Walisongo vor allem auf der Insel Java eine ausgesprochen wichtige Rolle in der Verbreitung des Islam. Sie riefen die Menschen in verschiedenen Teilen der Insel mit verschiedenen Methoden und Da’wa-Ansätzen zur Einheit Gottes. Dabei spielte das Nutzen von Symbolen und Symbolsprache, die ein Teil der javanischen Kultur und Epistemologie ist, eine wichtige Rolle. Die Zahl neun selbst hat einen starken Symbolcharakter in Java. Sie symbolisiert die acht Windrichtungen, wobei die neunte Richtung das Zentrum ist. Die Etablierung eines 9er- Rates ist deshalb eines von vielen Beispielen, welches die wohl überlegte Strategie der Walisongo bei der Verbreitung des Islam in Java illustriert. Es schien ihnen bewusst zu sein, dass sie sich einer heterogenen Bevölkerung gegenübersahen, die jedoch verband, dass sie in Symbolen dachten, sprachen und Spiritualität lebten.
Ausgesprochen professionell verstanden die Walisongo, wie die Seele des traditionellen Javanischen Menschen das Göttliche erfährt und passten an dieses Verständnis ihre Da’wa-Methoden an. Der Rat der neun Heiligen verstand, wie die Javanische Seele die göttliche Wahrheit erfuhr, weil sie die geographischen, linguistischen, kulturellen und spirituellen Rahmenbedingungen verstanden, in die sie hineingedrungen waren. Das scheinbar Fremde, Islam, wurde durch die Walisongo lokalisiert und so der Javanischen Seele zugänglich gemacht.
Die Walisongo
Die Mehrzahl der Walisongo war ursprünglich nicht aus Java. Sie kamen, so die Überlieferung, aus verschiedenen Teilen der muslimischen Welt nach Java, um den Islam zu verbreiten. Bei ihrer Ankunft nahmen sie jedoch lokale javanische Namen an, sprachen die einheimische Sprache und heirateten in die lokale Gesellschaft ein. So wurden sie nicht mehr als Außenseiter wahrgenommen, sondern waren nun Insider und Teil der porösen Austronesischen Verwandtschaftsstruktur.
Die Walisongo hatten außerdem die dualistische Weltanschauung der Javanischen Kultur erkannt, die allgemein mit dem femininen und maskulinen oder dem Yin und Yang Prinzip, und auch mit der dualistischen Unterscheidung von Schönheit und Majestät beschrieben werden kann. Gleichzeitig hatten sie auch die Wichtigkeit der Phonozentrizität (die Überzeugung, dass gesprochene Sprache und Geräusche der schriftlichen Sprache überlegen sind) und akustischen Frömmigkeit der Javaner verstanden. Beides rührt von dem jahrhundertelangen Einfluss der Sanskrit Sprache auf die damals Hindu-Buddhistischen Javaner.
Herzen erreichen
Nachdem sich die Walisongo als Insider in der javanischen Gesellschaft etabliert hatten, versuchten sie mit verschiedenen Methoden die Menschen mit dem Islam bekannt zu machen. Eine dieser Methoden war die Modalität von Klang, gesprochenem Wort und Klangwelten. Sunan Kalijaga (1455-1586), der vor allem in Zentraljava tätig war, setzte zum Beispiel das Schattenpuppentheater, Wayang Kulit, als Da’wa-Werkzeug ein. Dabei hatte er nicht nur Hindu-Buddhistische Symbole re-interpretiert sondern auch die Zuschauer durch die Klangwelten des Gamelans (ein traditionelles vielschichtiges Javanisches Schlaginstrument) für die theologischen, ethischen und spirituellen Lehren des Islam gewonnen. Weiterhin war Sunan Kalijaga ursprünglich aus Java und hatte somit auch einen noch besseren Zugang zu der lokalen Bevölkerung als seine Kollegen aus dem neuner Rat. Andere Mitglieder des Rates der neun heiligen Männer nutzten traditionelle javanische Dichtkunst, die gewöhnlich in überlieferter Weise gesungen wird. So zum Beispiel Sunan Muria (wahrscheinlich 1551 gestorben), der auch in Zentraljava predigte und die Methode die javanische Kultur zu nutzen, um die Lehren des Islam zu verbreiten von seinem Vater übernommen hatte. Nachdem die Herzen der Menschen in Java geöffnet waren, den Walisongo zugeneigt und ihre Methoden wohlwollend angenommen wurden, begannen die Walisongo mit dem Unterrichten und der Weitergabe von weiteren wichtigen Aspekten der Religion.
Strategien
Neben den oben bereits erwähnten Methoden zur Verbreitung des Islam, nutzten die Walisongo weitere Strategien. Viele von diesen erinnern auch an die Methoden, die der Prophet Muhammad nutzte, um den Menschen der damaligen Zeit auf der arabischen Halbinsel den Islam zu vermitteln. Die Walisongo bauten Moscheen beziehungsweise das, was wir heute islamische Zentren nennen. Denn es waren nicht nur Orte der Anbetung sondern auch Orte des Lernens und der Lehre. Weiterhin wird überliefert, dass das erste Pesantren (traditionelle Islamschule in Java, die mittlerweile in ganz Indonesien verbreitet sind) von einem der Walisongo gegründet worden ist.
Ein weiterer interessanter Punkt in der Dawah-Strategie der Walisongo ist die geostrategische Aufteilung der Insel Java in verschiedene Gebiete. Auch hier ist die Versiertheit über die lokalen Begebenheiten und Spezifitäten der Walisongo ausschlaggebend. Wie bereits detailliert beschrieben wurde der Islam durch eine Strategie der überzeugenden Nähe an die Bevölkerung herangetragen. Die Unterrichtung (nicht die Inhalte) in der islamischen Glaubenslehre (‘Aqida) wurde an die Umstände und Situation angepasst.
Die nahezu perfekte Beherrschung der Javanischen Sprache durch die Walisongo möchte ich an dieser Stelle noch einmal hervorheben, denn sie war für die erfolgreiche Verbreitung des Islam von herausragender Bedeutung. Dies beinhaltete auch die drei Sprachebenen, die je nach sozialer Schicht und familiärer Stellung teilweise ein vollkommen unterschiedliches Vokabular gebraucht. Die zum großen Teil nicht-javanischen Walisongo beherrschten Javanisch in einer Art und Weise, dass sie die javanische Dichtkunst für die Verbreitung ihrer Mission nutzen konnten. Sie erwarteten nicht, dass die Mehrheit der Bevölkerung Konzepte in arabischer Terminologie verstand, sondern übersetzten und übertrugen essentielle Lehren in die lokale Sprache. Sunan Ampel (1401-1481) zum Beispiel, der in Surabaya, in Ostjava tätig war, ist bekannt für seine Fünfer-Lehre, in der er die Javanische Bevölkerung über fünf negative Gewohnheiten aufklärt, die im Islam verboten sind. Moh Main, Moh Ngombe, Moh Maling, Moh Madat und Moh Madon. kein Glücksspielen, kein (Alkohol) trinken, nicht stehlen, keine Drogen konsumieren und keine außereheliche Beziehungen unterhalten. Eine ähnliche Herangehensweise finden wir auch in der Verbreitung des Islam in China, wo selbst das Wort ‘Islam’ in die chinesische Sprache, Weltanschauung und Spiritualität übersetzt und somit zugänglich gemacht wurde ohne die eigentliche innewohnende Essenz zu verlieren.
Weiterhin hatten die Walisongo sehr darauf geachtet, dass sie die Lehren des Islam nicht nur predigten, sondern diese auch im Alltag lebten. Hilfe für die Armen, Benachteiligten und Nachbarn und ein harmonisches Zusammenleben hatten dabei hohe Priorität. Und sie hatten sich neben ihrem Fokus auf die normale Bevölkerung auch speziell auf die führende Elite Javas konzentriert.
Orte der Walisongo heute
Bis heute werden die Walisongo von der indonesischen Bevölkerung respektiert und ihre unvergessliche Arbeit für den Islam in Indonesien wertgeschätzt. Unter anderem indem ihre Gräber besucht werden (arab. zijara) und für sie Bittgebete und Koran gelesen werden. Die historischen Moscheen, die von den Walisongo errichtet worden sind, sind spirituelle Orte der Einkehr und Besinnung. Sie zeigen des Weiteren ein wunderschönes architektonisches Beispiel wie der Islam in Indonesien lokalisiert wurde, denn die meisten alten Moscheen sind in einem lokalen Stil gebaut worden.
Zusammenfassung
Dieser Artikel stellt eine kurze Einleitung in das komplexe Thema der Verbreitung des Islam in Indonesien und speziell auf der Insel Java dar. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Islam in der südostasiatischen Region und speziell in dem Archipel von Nusantara friedlich verbreitet wurde und bis heute fast ausschließlich friedlich gelebt wird. Die Lokalisierung der islamischen Lehre ist dabei ein hervorstechendes Merkmal. Die harmonische Existenz verschiedener Religionen, Kulturen und ethnischen Gruppen ist typisch für Indonesien.
Meiner Meinung nach können wir von der Art wie Islam in Indonesien verbreitet wurde und heute gelebt wird auch für unseren deutschen und europäischen Kontext einige wertvolle Hinweise und Inspirationen finden. Die Methode der Lokalisierung sollte hierbei genauer betrachtet werden. Es ist weiterhin essentiell, dass wir diesem bevölkerungsreichsten muslimischen Land, seinen muslimischen Gelehrten und seiner islamischen Geschichte mehr Aufmerksamkeit in unserem framing der muslimischen Welt schenken. Und vor allem auch in der akademischen Welt, speziell in den Islamwissenschaften und der Islamischen Theologie, endlich anerkennen, dass auch die sogenannte und falsch verstandene „muslimische Peripherie“ in Südostasien zu unseren muslimischen und inter-religiösen Diskursen wertvolle Beiträge leisten kann.
Anmerkung: Die Jahresangaben sind teilweise nicht vollkommen authentisch nachvollziehbar, da mit der Kolonialisierung Javas durch die Holländer der traditionelle javanische Kalender teilweise nicht akkurat oder vollständig erhalten wurde. Wir können jedoch davon ausgehen, dass die Walisongo ab dem 15. Jahrhundert in Java wirkten.
Dr. Claudia Azizah Seise ist promovierte Südostasienwissenschaftlerin. Ihr Buch „Religioscapes in Muslim Indonesia“ ist bei regiospectra Verlag erschienen.
IG/Twitter: @clazahsei
Göttingen (GfbV). In knapp zwei Wochen, am 11. Juli, jährt sich der Völkermord von Srebrenica zum 25. Mal. Zu diesem Anlass veröffentlicht die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) heute die Dokumentation „Srebrenica: 25 Jahre nach dem Genozid sind Kinder und Frauen marginalisiert und noch einmal traumatisiert“. Sie zeichnet ein Vierteljahrhundert des Leidens nach, das die Überlebenden seit dem Jahr 1995 erlitten haben. Sie behandelt das Trauma der Generationen, die Leugnung des Genozids, die Vernachlässigung des westlichen Balkans durch die internationale Staatengemeinschaft und auch die anhaltende Zurückhaltung der Vereinten Nationen, sich ihren eigenen Defiziten zu stellen.
„Mit dieser Dokumentation geben wir den Überlebenden des Völkermordes eine Stimme“, erklärt Jasna Causevic, GfbV-Referentin für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung. „Die Frauen und Kinder von Srebrenica, die ihre Väter, Ehemänner, Brüder und Söhne verloren haben, berichten uns und der Welt von ihren anhaltenden Traumata und erinnern uns an die historische Verantwortung, die daraus für uns alle erwächst.“ Neben ihnen kommen renommierte Fachleute aus der Genozid-Forschung, dem Völker- und Menschenrecht und der Psychologie zu Wort, die das Geschehen analysieren und einordnen.
„Srebrenica ist auch ein Beispiel dafür, wie die internationale Gemeinschaft und die Vereinten Nationen vor und während des Völkermordes von 1995 tragische Fehler gemacht haben“, erinnert Causevic. „Sie haben viel zu spät und dann unzureichend auf den Völkermord reagiert. 25 Jahre danach herrscht oft Ignoranz gegenüber den Problemen der Nachkriegsgeneration. Und auch die Leugnung dieses schrecklichen Genozids ist in weiten Teilen des ehemaligen Jugoslawien und weit darüber hinaus salonfähig geworden.“
Nach einer dreieinhalbjährigen Besatzung fiel im Juli 1995 die eingekesselte ostbosnische Enklave und damalige UN-Schutzzone nach einer serbischen Großoffensive in die Hände des serbischen Generals Ratko Mladić. Bei den Massenerschießungen unter seinem Kommando und unter dem Befehl des Serbenführers Radovan Karadžić wurden mindestens 8.372 Jungen und Männer sowie 571 Frauen getötet. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien befand Karadžić und Mladić später wegen Völkermordes in Srebrenica für schuldig.
Am Freitag, den 10. Juli 2020, wird die GfbV mit einer Gedenkfeier und Kranzniederlegung an die Opfer des Völkermordes erinnern. Die Gedenkfeier findet ab 11 Uhr an der „Neuen Wache“, Unter den Linden 4, 10117 Berlin, statt.
Die Dokumentation kann hier herunter geladen werden:
https://www.gfbv.de/fileadmin/redaktion/Reporte_Memoranden/2020/DokuSrebrenica062020Endfassung.pdf
(Lamppost Education). Für viele Muslime ist Bilal ibn Rabah der typische Ausgangspunkt für Gespräche über das Schwarzsein und soziale Ausgrenzung. Heute jedoch ist er nur selten der Beginn für eine Diskussion über Glaube, Treue und Aufrichtigkeit gegenüber der prophetischen Mission.
Vielleicht liegt der Grund für die Überbetonung seiner „Rasse“ in dem Farbendenken und dass es eine immer größere Rolle im Leben der Leute seit Beginn der europäischen Aufklärung spielt. Vormoderne Bevölkerungen unterschieden sich im Allgemeinen durch Sprache und gemeinsame Bräuche – und wenige durch Hautfarbe.
Das soll nicht heißen, dass beispielsweise Araber die phänotypischen Unterschiede zwischen sich und anderen Geo-Bevölkerungen wie Byzantinern, Levantinern und Persien ignorierten. Sie stuften diese wegen ihrer blassen Hautfarbe als „weiße“ (arab. hamra) ein. Sie betrachteten die „Weißheit“ der oben genannten Gruppen definitiv als Seltenheit unter der arabischen Bevölkerung.
Das heißt jedoch nicht, dass die „hellbraune“ (arab. asmar) und „dunkelbraune“ (arab. adam) Tönung der Araber, wie sie von Lexikografen beschrieben wurde, sie zu einer Subkategorie von „Schwarzen“ (wie jenen aus Äthiopien, Sudan und Nubien) machte. In der Tat, wenn man die phänotypische Beschreibung von Bilal liest, dann findet sich keine großartige Abweichung seines Aussehens von authentischen Arabern wie ‘Ali, dem Cousin des Propheten, Zaid und Usama. In bestimmten Berichten wurden diese als „sehr dunkelbraun“ (arab. adam schadid al-udma) beschrieben. Der äthiopische Hintergrund von Usama ibn Zaid schloss ihn nicht von der Zugehörigkeit zu den Arabern aus.
Trotz allem, was wir über Bilal und andere historische islamische Persönlichkeiten hören und lesen, muss man darauf achten, nicht zu viel Vertrauen in die Details zu setzen, die über das Leben einzelner Menschen berichtet werden. Der Grund dafür ist, dass frühe muslimische Historiker weit weniger gewissenhaft bei der Geschichte waren als bei der Echtheit von Regeln, Praktiken und Aussagen des Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben.
Mit anderen Worten: während wir uns der Umrisse der islamischen Geschichte und der wichtigsten Ereignisse im prophetischen Leben gewiss sein können, gerade wenn sie im Qur’an erwähnt werden, sollten wir kritischer sein, wenn es um die Einzelheiten im Leben individueller Charaktere geht. Eine Ausnahme zu dieser Regel jedoch stellt die Person dar, die populär Bilal genannt wird; insbesondere, weil unzählige Leute seine Geschichte überlieferten. Selbstverständlich besteht die Herausforderung, darin, jene Punkte herauszuarbeiten, an denen sich die Punkte der verschiedenen Berichte unterscheiden. Und darin, jenen Fakten zu folgen, die uns dabei helfen, eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen.
Laut Ibn Khaldun unterlaufen Historikern, Qur’ankommentatoren und führenden Überlieferern häufig erzählerische und faktische Fehler. Das liege daran, weil sie sich auf bloße Überlieferungen verlassen – sowohl verlässliche als auch unverlässliche –, ohne ihre Quellen und Nacherzählungen zu überprüfen. Sie würden diese nicht mit der Waage der Weisheit und Kenntnis der Normen des bewussten Lebens abwägen, noch die Berichte einer kritischen Analyse unterziehen. Als Folge wichen sie von der Wahrheit ab und wanderten in einer Einöde von Täuschung und Fehler. Als Beispiel führt Ibn Khaldun die Berechnung von Reichtum und die Anzahl von Soldaten an, wenn sie in einem Bericht auftauchen. Sie müssten sich an ihren Quellen und deren Fundamenten messen.
Bilal war weder der einzige „schwarze“ Gefährte des Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Sein Bruder Khalid und seine Schwester Ghuraira waren ebenfalls Muslime äthiopischer Herkunft. Salman, der Perser, stellte eine andere Ausnahme in Arabien dar. Es muss jedoch bedacht werden, dass das, was in der vormodernen Welt als „rassische Minderheit“ galt, nicht dasselbe war, wie wir es heute verstehen. Erstens waren Konzepte wie Herkunft viel weniger biologisch bestimmt, als es heute wahrgenommen wird. Kulturelle Faktoren wie Sprache und gemeinsame Geschichte spielten eine Hauptrolle in der Gruppenzugehörigkeit und Solidarität. Fremdenfeindlichkeit ist nicht die exklusive Domäne einer bestimmten Gruppe. Alle Gesellschaften haben ihren Anteil daran, was sich aus einem genauen Studium der Geschichte ergibt.
Laut der meisten Berichte war Bilal ein „ethnischer“ Außenseiter in Arabien und ein freigelassener Sklave. Sowohl Stammesdenken als auch der Status als Sklave spielten eine Hauptrolle in der sozialen Ausgrenzung und Verletzlichkeit des Arabiens im 7. Jahrhundert. Das ist eine wichtige Tatsache. Wir sollten uns davor hüten, hier jede Art der Ausgrenzung und des Ausschlusses mit Farbe, „systematischem Rassismus“ oder einer anderen Form der Engstirnigkeit zu begründen.
Es geht mir darum, aufzuzeigen, dass es neben Bilal eine Reihe von Angehörigen anderer „Minderheiten“ im frühen Leben der Gemeinschaft muslimischer Pioniere in Arabien gab. Und obwohl sich ihr Minderheitenstatus nicht immer „ethnisch“ von dem ihrer Peiniger unterschied, funktionierte ihr Status dennoch so wie in einer Gesellschaft, die Minderheiten von wichtigen Rollen und Rechten ausschließt, was zu ihrer Unsicherheit und sozialen Entrechtung beitrug. Wie in anderen Gesellschaften der vormodernen Welt hatten Minderheiten, insbesondere ethnische, nur einen beschränkten Schutz vor physischem Schaden und begrenzten Anteil an der Herrschaft.
Es ist wahr, dass Bilal und andere Äthiopier nicht als befähigt galten, das Amt des Kalifen auszuüben. Das gleiche galt jedoch für alle Nichtaraber sowie für Araber, die kein Mitglied des Stammes der Quraisch waren. Weniger einflussreiche Positionen als die des Oberhauptes standen anderen jedoch offen. Das hatte weit weniger mit Hautfarbe zu tun als mit den Regeln des Tribalismus und anderer praktischer Erwägungen. Wie bereits festgestellt waren die meisten Araber sowieso hell- oder dunkelbraun. Daher kann jede Aussage, wonach „Schwarzen“ (zu denen üblicherweise die „Braunen“ und „Hellhäutigeren“ gezählt wurden), politische oder sozioökonomische Privilegien verweigert wurden, nur unter Mühen aufrechterhalten werden. Es gab zweifelsfrei viele Äthiopier im Arabien zur Zeit, als der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, erschien. Und eine Anzahl von ihnen nahm den Islam an. Während die gesellschaftspolitischen Beiträge der meisten von ihnen marginal waren, betrieb der Prophet eine Politik der Inklusion. Bilal hatte mehrere Rollen; und nicht nur, wie manche meinen, eine schöne Singstimme. Stammesdenken und der Status als Sklave waren die Hauptfaktoren für begrenzten sozialen Schutz und Machtteilung in Arabien und weniger die Hautfarbe. Das gilt auch für andere vormoderne Gesellschaften.
Vorliegende Geschichten über verfolgte Personen in der islamischen Frühgeschichte belegen die Aussage, dass der einzelne Faktor der Hautfarbe, insbesondere bei Schwarzen, geringe Auswirkungen hatte auf die Misshandlungen durch die heidnischen Araber. Es waren vielmehr die beiden Faktoren Tribalismus und der Status als Sklave, welche die frühen Anhänger des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, so verletzlich machten.
Entweder war der Stamm stark und leicht zu erreichen, oder man musste ein Schutzversprechen vor einem der lokalen Stämme einholen. Es musste jedoch sichergestellt werden, dass derjenige nichts tat, was der Stamm als aufrührerisch deuten würde, z.B. die Annahme des Islam als Religion. Tat man das während man Sklave oder Freigelassener war, war es noch riskanter.
Diese Tatsachen sind wichtig, denn es gibt die Tendenz – insbesondere angesichts einer gestiegenen Polarisierung beim Thema „Rasse“ – zur Deutung der Geschichte durch die Linse der Gegenwart. Dabei wird die Frage übersehen, ob die Wirklichkeit damals anders gedeutet wurde oder nicht. Wenn wir diesen Fehler vermeiden, indem wie unterschiedliche soziohistorische und kulturelle Zusammenhänge anerkennen, bekommen wir die Gelegenheit, die Brücke der soziopolitischen Trennung wieder aufzubauen, anstatt den Bruch auszuweiten.
Anmerkungen:
1. Farbendenken – das Konzept wurde während der Aufklärung beliebt, als Anthropologen wie Carl Linné damit anfingen, Menschen in „rassische“ Gruppen zu klassifizieren aufgrund ihrer anscheinenden Farbe. Damit gingen einher die Aufzählung stereotyper Eigenschaften innerhalb jeder Gruppe. In Bilals Zeit gab es keine Vorstellung einer einheitlichen transnationalen oder panafrikanischen Gruppe namens „Schwarze“. Schwarze auf dem afrikanischen Kontinent begriffen sich nicht als Mitglieder einer farb-essenzialistischen Ethnie. Die Menschen zogen die Interessen des Stammes oder des Clans denen anderer vor.
2. Ibn Manzur (711/1311) schrieb in seinem „Lisan al-‘Arab“: Die Roten (arab. al-hamra) beziehen sich auf die Nichtaraber (arab. ‘adscham) wegen ihrer Blässe. Denn ihre extreme blasse Färbung (arab. schuqra) ist ihre dominante Hautfarbe. Und die Araber pflegten die Nichtaraber, bei denen das mehrheitlich der Fall war, wie die Griechen, die Perser, und andere wie sie als „Rote“ zu bezeichnen.
3. Der bekannte Historiker und Hadith-Gelehrte Adh-Dhahabi (748/1348) schrieb: Die Roten (arab. al-hamra) sind nach den Einwohnern des Hidschaz die blassen Weißen (arab. al-baida bi schuqra). Aber sie sind nur selten unter ihnen (das heißt, den Arabern). Ein Beispiel dafür ist das Hadith: (… ein roter Mann, der einem der Schutzbefohlenen (arab. mawali) ähnelt.“ Der Sprecher meint hier, dass er die Farbe der Schutzbefohlenen hatte, die von den Christen der Levante (arab. scham), Byzanz (arab. Rum) und der Perser (arab. ‘adschami) gefangen wurden.
„In welcher Wirklichkeit leben wir eigentlich? Und, wenn ja, in wie vielen?“ (Frei nach R. D. Precht)
(iz). Ist meine Wirklichkeit realer, als die meiner Nachbarin? Wo überhaupt verläuft die Trennlinie zwischen subjektiver und intersubjektiver Wirklichkeit – und gibt es eine objektive Wirklichkeit oder ist alles relativ und wird erst in Beziehung real? Fragen, die einst (Hobby-)Denkern und Mystikern vorbehalten waren, verschwinden zusehends aus den Gesprächen unterm Abendhimmel und materialisieren sich als Forschungsobjekte auf dem Seziertisch, unter dem Elektronenmikroskop und in den Techniklabors des Silicon Valley.
Yuval Harari hat findig und schlüssig dargelegt, wie über die Schrift Gedankengut verbreitet und etabliert werden kann, sodass damit nicht nur kollektive Identitäten über (unbeschränkt) große Menschengruppen hinweg geschaffen werden, sondern auch neue Räume entstehen, in denen Inhalte sich manifestieren und machtwirksam werden. Den Glauben an diese „Geschichten“ bezeichnet er durchweg als „Religion“. Dass Geld, Schmiermittel des Austauschs, mit einem inhärenten Wachstumsfaktor versehen, diesen Prozess exponentiell anheizt, kulminierend in beliebiger Energietransformation und Materieumwandlung über Elektrizität, Maschinen und Quantencomputer, als moderne Gefäße der Machtausübung.
Was ist „Ich“? Aus einer Perspektive, die alles Organische als Ansammlung von unablässig fluktuierenden Teilchen betrachtet, kann auch „Ich“ als unteilbare Einheit nicht bestehen bleiben. Nachdem sich weder die Seele noch Bewusstsein oder Geist unter dem Mikroskop und auf dem Seziertisch offenbarten, ließ sich im Kontext des Biologischen auch kein einheitliches „Ich“ finden. Ausgehend von den beiden Gehirnhemisphären, besteht der Mensch wissenschaftlich gesehen aus unzähligen, oftmals widerstreitenden, leicht beeinflussbaren inneren Faktoren und Instanzen. Entscheidungsfindung findet als „Tauziehen“ zwischen diesen statt.
Wir erleben Bewusstsein als das Verbindungsglied zur Welt und zu uns selbst. Es zeigt sich als Reflexion, im Denken, in der sprachlichen Artikulation und nährt sich aus Empfindung und Emotion. Man kann es verfeinern, eine erhöhte Sensibilität und Differenziertheit entwickeln, es lässt sich, dem „Ich“ vergleichbar, jedoch schwer fassen und umschreiben. Aber die „Geschichten“, die wir uns über unser Leben und über uns selbst erzählen und der Sinn, den wir in ihnen erkennen, ist ihm zuzuschreiben.
Die moderne Wissenschaft hingegen weiß erstaunlich wenig über Geist und Bewusstsein und ist „weit davon entfernt, dieses Rätsel zu entschlüsseln“. Umso intensiver befassen sich Bio- und Neurowissenschaftler mit dem Gehirn, welches man mit seinen 80 Milliarden Nervenzellen und Synapsen beobachten, dessen biochemischen Phänomene der Reizübertragungen man in Form von „Signaturen“ erkennen kann und wo man Schlaf, Wachheit, oder auch Gefühle wie Wut oder Liebe zu lokalisieren vermag. Es ist möglich Zusammenhänge und Kausalverbindungen zwischen den elektrischen Strömen im Gehirn und subjektiven Erfahrungen nachzuweisen, nicht aber, festzustellen, dass subjektive Erfahrung die Ursache für die Bewegung der Elektronen ist, oder dass irgendwo so etwas wie Geist auf der Basis einer freien Entscheidung, gar eines autonomen „Ichs“ in den Vorgang eingreift.
Ist also Bewusstsein eine Angelegenheit von biochemischer Reizübertragung, des Aufeinandertreffens von Teilchen, gipfelnd in einer Art „infinitivem Regress“, aus dem es dann entspringt? Dies wäre ganz im Sinne der Evolutionstheoretiker und die Hoffnungen mancher Wissenschaftler mögen in diese Richtung gehen. Einstweilen geht man davon aus, dass zwar Tiere, Descartes zum Trotz, offenbar Bewusstsein besitzen, Maschinen, auch datenverarbeitende, wie Computer oder die Börse, und Gegenstände hingegen keinen Geist besitzen. Sie können, das ist das Kriterium, aus sich selbst heraus nichts fühlen oder begehren. Genaugenommen aber ist niemand dazu in der Lage, „Geist“ oder „Bewusstsein“ bei anderen Wesen als bei sich selbst festzustellen und es könnte dementsprechend schwierig sein, zu beurteilen, ob Roboter und Computer ein solches (je) besitzen (werden), sind sie doch ganz anders aufgebaut, als organische Lebewesen.
Dem Bewusstsein wird von den Forschern in diesem Kontext zwar immer noch „möglicherweise großer moralischer und politischer Wert“ eingeräumt, eine wie auch immer ins Biologische wirkende Funktion wird ihm jedoch schlicht abgesprochen. Aus wissenschaftlicher Perspektive übernehmen diese – Algorithmen. Und mit ihnen eine Flut von Daten. Unter einem Algorithmus, als Begriff seit dem 9 Jh. in Gebrauch, versteht man eine „methodische Abfolge von endlichen Schritten mit deren Hilfe Berechnungen angestellt, Probleme gelöst und Entscheidungen getroffen werden können“. Gleiche Voraussetzungen bringen das gleiche Endergebnis. Maschinen funktionieren auf der Basis von Algorithmen. Sie basieren auf mathematischen Formeln und Gleichungen, man hat für sie aber mit dem Aufkommen von Computern und Datenverarbeitung eigene Sprachen entwickelt, die über das Rechnerische hinausgehen, sogenannte formale Sprachen. Damit werden komplexere Handlungsabläufe so beschrieben, dass sie von einem Computer verarbeitet werden können. Computerprogramme werden in dieser Sprache, mit strikter, fantasieloser Syntax geschrieben.
Es sind die Biowissenschaften, die zum Schluss kamen, dass auch Organismen Algorithmen sind und die diese Vorstellung vorantreiben. Das Verständnis von Giraffen oder Tomaten, Bäumen, Menschen, Bienenvölkern oder Städten als Algorithmen durchbricht nicht nur per Definitionem die Schranken zwischen Pflanze, Tier und Mensch, sondern zunehmend auch zwischen Organischem und Anorganischem. Längst schon ist die Stigmatisierung von Psychopharmaka durchbrochen, auch die der „Aufmerksamkeitsoptimierung“ von Schulkindern mit Aufputschmitteln wie Ritalin. Die Frage der Umgestaltung der Blaupause unseres Körpers, der DNA, schon bei der Entstehung von Leben, steht ständig im Raum. Mit bionischen Prothesen und Organen, einer Vielzahl an biometrischen Geräten, und Nanorobotern, die unsere Gesundheit überwachen und die rund um die Uhr online sind, soll Mensch in Zukunft ausgestattet werden. Diese müssen übers Netz permanent aktualisiert werden, damit die Krankheiten aus dem Cyberspace nicht auch bei meinem Herzschrittmacher, meinem Hörgerät und bei meinem nanotechnischen Immunsystem einhaken, die so „gehackt“ werden, und ich eines Morgens aufwache, um festzustellen, dass nun „Millionen ferngesteuerte Nanoroboter“ durch meine Venen kreisen. Ja, „Abkopplung wird den Tod bedeuten“.
Nicht nur die Willensfreiheit ist bedroht, nicht nur wird die veränderte Wahrnehmung auch unsere Sinne – und Bedeutungsinhalte modifizieren, auch die Schere zwischen den Privilegierten dieses Hightech-Systems und den „Verlierern“ darin wird sich weiter öffnen. Auf dem Arbeitsmarkt ebenso wie im Gesundheitssystem gilt es, mit der Technik mitzuhalten. Bedroht ist einerseits eine breite Palette von „Allerweltjobs“, die von Algorithmen viel besser erledigt werden können, andererseits wird es neue, gefragte Hightech-Jobs geben, wie Designer für virtuelle Welten.
Nicht nur der freie Wille, Pfeiler des liberalen Humanismus, nimmt unter dem Elektronenmikroskop immer größeren Schaden. Was geschieht mit menschlichen Gefühlen als Autorität, als Parameter für Sinn und Wertzuschreibung, gar „Währungsdeckung“ in einer von maschinellen, rationalen Vorgaben und der Nützlichkeit verpflichteten Welt? Welche Funktion bleibt dem Geist? Sie alle stehen vor einer Art Generalherausforderung. Und in einer Welt, in der die Gesetze der freien Marktwirtschaft gelten, in der Wachstum Bedingung ist, gilt für Organismen und DNA-Moleküle, für Geschichten, Vorstellungen und Fiktionen dasselbe, was für anorganische Algorithmen gilt: aufgewertet wird, was auf dem Markt besteht, abgewertet, was „überholt“ wurde.
Humanistische „Mythen“, Glaubenssätze und „Lieblingsfiktionen“ stehen wankend auf dem Podest. „Wir stehen vor einer wahren Flut äußerst nützlicher Apparate, Instrumente und Strukturen, die auf den freien Willen individueller Menschen keine Rücksicht nehmen“. Ja, auch Homo sapiens selbst könnte bald zum „obsoleten Algorithmus“ werden, Künstliche Intelligenz und Biotechnologie könnten unsere Gesellschaften und Ökonomien, unseren Körper und unseren Geist schon bald überholen.
Zwei „Haupttypen der neuen Techno-Religionen“ erscheinen nach Yuval Harari nun am Horizont: die des „Techno-Humanismus“ und die der „Datenreligion“. Die „Techno-Religion“ ist die konservativere von beiden, die sich weiterhin an den traditionellen humanistischen Werten orientiert, an ihnen festhalten möchte. So will er die Kontrolle über den „geheiligten“ menschlichen Willen, den „Nagel“, an dem der Humanismus „das gesamte Universum hängt“ aufrechterhalten. Erreicht soll das werden, indem Mensch sich fortlaufend selbst optimiert. Der technische Fortschritt wird uns allerdings dazu zwingen, die „maßgebende Instanz“, unsere innere Stimme, auch unser Glücksstreben zu kontrollieren, quasi einzutunen, an „Knöpfen herumzudrehen“ und Ungleichgewichte auszubalancieren, die nur allzu oft und in Zukunft voraussichtlich immer öfter, vielversprechenden Karrieren und soliden Beziehungen Abbruch tun. Vielleicht, fragt Harari rhetorisch, gelingt es ja gerade auf diesem Weg, der „Ummodelung“ und Manipulation unserer Wünsche, die „Kakophonie widerstreitender Geräusche in unserem Inneren zugunsten einer „authentischen Stimme“ in den Hintergrund zu drängen.
Yuval Harari betont zum Schluss, dass die „entworfenen Szenarien als Möglichkeiten, weniger als Prognosen verstanden werden sollten“. Dass sein Anliegen sei, „den Ursprüngen unserer gegenwärtigen Konditionierung nachzuspüren, um ihren Griff zu lockern“. Genau dieses Anliegen wollte auch mit diesem Artikel aufgegriffen werden. Es sollte auch veranschaulicht werden, dass und wie unsere Überzeugungen sich manifestieren. Es gibt in diesem Sinne kein „Außen“ und „Innen“, alles fluktuiert…
Natürlich muss man als theistisch Gläubiger, als Muslim, Yuval Harari in manchem grundsätzlich widersprechen, allem voran in der Leugnung der Seele, jenes „Organs“, das den Menschen mit dem Göttlichen, Ewigen verbindet, Zugang zu einer anderen Dimension gewährt. Aber wir alle sind Teil des Prozesses, des „Abenteuers“ im abgekoppelten Räumlich-Zeitlichen. Wir alle sind, im 21. Jahrhundert, nolens volens, Mittäter bei der Hinausschiebung von Verantwortung, Mitspieler im Spiel der Täuschungen, Mitgefangene in einem riesigen Verlustgeschäft. Und nicht nur das.
Wir sind Zeugen der fundamentalsten und ungeheuerlichsten Verschwörung der Menschheitsgeschichte: Derjenigen gegen Wahrheit, gegen Gerechtigkeit, gegen jegliches natürliche Gleichgewicht. Letztlich einer Verschwörung gegen die einzige Wirklichkeit, nämlich der des Schöpfers des Universums, Dessen Geschöpfe wir sind und von Dem wir zur Verantwortung gezogen werden. Des Allvergebenden, Barmherzigen, Der uns die Freiheit lässt, zu Zeugen gegen uns selbst, gegen unsere eigene innere Wirklichkeit zu werden. Und Der uns zumutet, die Folgen davon zu tragen, in der Dimension des Zeitlichen wie des Ewigen.
Yuval Harari hat mit seinen Büchern, mit seinem Röntgenblick durch alle „Geschichten“ und Fiktionen der Menschheit, auch mit seiner radikalen Entlarvung aller Ansätze der Vergöttlichung darin, unweigerlich, einen wertvollen Beitrag geleistet, uns aufzurütteln. Neben der Seele aber hat er noch ein Organ verkannt, das beim Festhalten an wahrer Spiritualität, auch an Religion im ursprünglichen Sinne einer Verbindung zum Quell der Existenz essenziell ist: Das Herz.
Keine Kultur und Tradition, in der dem Herzen nicht eine zentrale, auch spirituelle, Funktion zugeschrieben wird. Heute wird an der „Herzintelligenz“ bereits wissenschaftlich geforscht und Erstaunliches zutage gefördert. Das Herz als spirituelles Organ ist über das Zentrum der Emotionen hinaus möglicherweise auch Sammelbecken des „Ich“, des „Selbst“, auch des Bewusstseins. Es wird im Islam als Organ der Unterscheidung, Differenzierung, des Wissens und des Ursprungs der Absicht und Ausrichtung verstanden. Mit Sicherheit kommt ihm eine Schlüsselfunktion bei der Navigation durch die Herausforderungen unserer Zeit zu.
Wenn Bewusstsein durch unbewusste Algorithmen ersetzt wird, wird so gesehen also das Zentrum des Menschen stillgelegt, zugunsten herz- und seelenloser Intelligenz. Möge Allah uns davor bewahren, Der alleinige Inhaber von Kraft und Macht, Der, der alles sieht, hört und durchdringt und jedem Ding seine Form und Bestimmung gegeben hat. Erhaben ist Er.
Ende Mai dieses Jahres hat der US-amerikanische Islamwissenschaftler Caner K. Dagli auf der Plattform Twitter eine Reihe Aphorismen zum Einfluss postmoderner Theorien auf die Islamwissenschaft beziehungsweise Islamische Theologie veröffentlicht. In Folge hat er sie zu einem Eintrag auf seiner Webseite zusammengefasst.
Wir zitieren hier auszugsweise aus den Postings. Daglis Anmerkungen sind auch für Muslime in Deutschland und Europa von Bedeutung, da sie den Einfluss und die Veränderungen beleuchten, die dieses Denken auf das Verständnis von Islam und seine Debatte bei uns hat.
Ratschlag für junge Akademiker: Zu viel der heutigen „Islamwissenschaft (oder Islamkunde)“ ist drittklassige postmoderne Kulturkritik. Denkfaules Gerede über Muslime als bunte Mischung ethnischer, gegenderter und sexueller Gruppen mit „Islam“ als einer symbolischen, kulturellen Markierung. Lasst euch nicht wie andere vor euch von dieser Blase vereinnahmen.
Man sieht das Spektakel fest angestellter Wissenschaftler an großen Forschungseinrichtungen, die nicht einmal richtig klassisches Arabisch lesen können. Sie unterwerfen einen großen islamischen Universalgelehrten (oder ein ganzes Feld) einer Analyse auf Grundlage eines Bezugssystems nach Michel Foucault, der „Queer-Theorie“ oder irgendeines anderen Prestigeprojekts.
Gelehrte in Islamstudien schreiben ganze Bücher, die als eine Analyse (von Aspekten des Islam) durch die Perspektive von Foucault strukturiert sind. Nicht einmal eine Begründung, warum jemand das tut. Foucault wird ohne Argument vorausgesetzt. Es ist erstaunlich.
Viele graduierte StudentInnen und sogar junge KarriereprofessorInnen wissen nicht (ich auch nicht), dass es ganze akademische Studienfelder gibt, die beinahe vollkommen nutzlos sind. Sogar noch schlimmer, denn sie entziehen der substantiellen und notwendigen Arbeit vielversprechende Gelehrte.
Ich habe viele Stellenbewerber befragt. Es ist verblüffend, wie viele in kontinental(europäisch)er Theorie versunken sind. Sie verdirbt die Fähigkeit eines Gelehrten, klar zu denken, zu schreiben und zu sprechen. Viele clevere Leute haben die Stelle nicht bekommen, weil sie nicht erklären konnten, an was sie forschten.
Es ist einfach nur traurig, jemanden zu fragen, wie man diese Idee einem Neuling erklärt, und dabei zuzusehen, wie diese Person in sich zusammenfällt. Leute, deren Forschung erheblich grundlegend auf Primärquellen basiert, leisten beinahe immer bessere Arbeit als jene, die in postmoderne „Theorie“ eintauchen.
Es gibt viel Wertvolles in den akademischen Islamstudien. Und es gibt viele Projekte, die unerledigt bleiben, weil talentierte, junge Gelehrte ihre Zeit mit Klimbim verschleudern.
Nachdem ich das alles gesagt habe: Ich bin fest angestellt und kann es mir leisten, das zu sagen. Man sollte keinen unnötigen Streit anfangen und immer gemeinsame Schnittmengen finden. Man wird oft angenehm überrascht sein vom guten Willen der Leute, wenn man nicht besonders empfindlich ist und höflich bleibt.
Wenn man den Anhängern der postmodernen Theorie widerspricht oder ihren Pariser Top-Philosophen kritisiert, werden sie einem zuerst sagen, dass man die Sache nicht begreift. Oder man wird sprichwörtlich beleidigt. Bietet man ihnen eine gründlich fundierte Kritik und zitiert ihre Quellen, weisen sie das mit einer Version dieses Gambits zurück: „Deine Frage zeigt in sich, dass Du Teil der Unterdrückungsstruktur bist.“ Oder es gibt mehr Beleidigungen und Emojis. Oder man tut so, als gäbe es die Frage nicht.
Diese Unfähigkeit oder Unwilligkeit, auf Kritik oder Fragen zu antworten oder diese sogar zu beantworten, sollten Wissenschaftler unbedingt vermeiden. Das passiert, wenn die Top-Philosophen ihnen beibringen, dass es bei Wahrheit und Güte im Grunde nur um Machtverhältnisse geht.
Natürlich handelt nicht jeder (eine Menge netter Leute) so, der „Theorie macht“. Aber wenn man Gelehrter ist und versucht, Kritik zu üben oder offen anderer Meinung zu sein, wird man diese Art irrationaler Zurückweisung von Seiten einer beträchtlich großen Gruppe erfahren. Diese wird hierzu oft vulgär und bösartig.
Deshalb rate ich jungen Akademikern, dieser Blase fernzubleiben. Man soll sich nicht zur Ansicht schikanieren lassen, dass der einzige Umgang mit Rassismus, Frauenrechten oder den Unterdrückten „ihr“ Weg sei. Man soll sich nicht von ihnen zu dem Schluss mobben lassen, dass Kultiviertheit bei ihnen beginnt und aufhört.
Um ein konkretes Gegenbeispiel zu nennen: Schaikh Hossein Nasr spricht seit beinahe einem halben Jahrhundert über die Beziehung zwischen Macht und Wissensproduktion sowie dem erkenntnistheoretischen/ideologischen Rahmen. Er hat mehr als jeder andere dafür getan, afrikanische, südostasiatische und andere Ausdrucksformen des Islam in den Vordergrund zu rücken. Ganz schweigen, dass er lange vor vielen anderen Ökologie in der muslimischen Welt thematisierte. Er lehrte Muslime seit Jahrzehnten, wieder das Selbst ihrer eigenen Erkenntniswege zu beanspruchen und ihre Geschichte von ihrem Standpunkt aus zu lernen.
Es ist daher albern, beschuldigt zu werden, sich nicht um die Armen und Unterdrückten zu kümmern, wenn man gegen die irrationalen Grundlagen und den moralischen Nihilismus der postmodernen Philosophie Einspruch einlegt. Das Gleiche gilt für den Vorwurf, den Zusammenhang zwischen Wahrheit und Macht nicht zu begreifen. Man kann auch ohne sie kultiviert sein.
Das liegt nicht nur daran, dass ich ein traditioneller Muslim bin. Hier ist die Position des Islamwissenschaftlers Devin Stewart zum Stellenwert der „Theorie“ bei Religionswissenschaften: „Ich bin wirklich neugierig, ob es irgendwo Menschen gibt, die ungehalten und empört darüber sind, dass das Wissen vom Konfuzianismus die Fähigkeit erfordert, Chinesisch zu lesen.“
Übrigens habe ich nie behauptet und glaube auch nicht, dass man klassisches Arabisch beherrschen muss, um von Dingen zu sprechen, die mit Muslimen zu tun haben. Aber bei Studien zum Inhalt des Qur’an, der Hadithe, Al-Ghazali oder Ibn ‘Arabi? Absolut.
Vor Kurzem gab es ein lautes Getue zu Leuten, die über Rumi schreiben, ohne Persisch zu lesen. Genau die gleichen Leute sind ungehalten, legt man ihnen nahe, dass Arabisch zum Studium des Islam nötig sein könnte. Hier sehe ich Ungereimtheiten.
Einige Anmerkungen zu „Theorie“ für diejenigen, die möglicherweise nicht wissen, was diese im Kontext der akademischen Islamwissenschaft bedeutet. Als ich mit dem Studium begann, hatte ich nur eine grobe Vorstellung von ihr, während andere sich stark mit ihr beschäftigten. Sie bedeutet wahrscheinlich etwas anderes, als manche erwarten.
Theorie als allgemeiner Begriff bezieht sich auf das, was keine reine Empirie beziehungsweise Datenwert ist. Vielmehr ist es ein intellektueller Prozess (eine Formel, ein Algorithmus, eine Faustregel), um Erfahrungen zu sammeln, sowie Muster, Verbindungen, Gruppierungen usw. zu finden. Eine Theorie verarbeitet das Rauschen in ein Signal.
Daher ist „Theorie“ die eigene Regel oder Richtlinie für Interpretation. Das heißt der Beschäftigung mit einigen Aspekten der Welt und sie durch neue Konzepte und Kategorien verständlicher zu machen. Im Idealfall hilft sie uns, die notwendigen Verbindungen von jenen zu trennen, die nur wahrscheinlich oder möglich sind.
Wenn Gelehrte über den theoretischen Teil ihrer Arbeit sprechen, meinen sie: Welchen Bestand an Ideen/Konzepten benutzt man konsequent und zusammenhängend, um das zu deuten und zu verstehen, über was man schreibt? Würde jemand anderes mit dem gleichen Konzept beim gleichen Ergebnis ankommen?
Mit anderen Worten, ein theoretischer Anspruch könnte so aussehen: „Wenn x gegeben ist, hat man y. Und wenn es y gibt, weiß man, was z ist.“ Ein anderer Experte könnte sagen: „Eigentlich nicht. Wenn x gegeben ist, könnte man y bekommen. Aber z ergibt sich notwendigerweise aus y.“ Das ist ein theoretischer Austausch.
Wenn eine Theorie ausdrücklich gemacht wird, ist sie eine Art wenn-dann-Formel; ein Sortiermechanismus, um unsere Erfahrung der Welt neu zu organisieren. Das ist extrem weit gefasst und bedeutet in gewissem Sinne, dass die Theorie eng mit Rationalität verwandt ist oder sogar mit ihr übereinstimmt.
Die Rolle von Theorie als Konzepte oder Ideen, die wir nutzen, um Erfahrung verständlicher zu machen, ist so alt wie Philosophie. Das gilt für die natürliche Welt, menschliche Beziehungen, Recht und Metaphysik. Es ist im Wesentlichen unmöglich, keine Theorie zu haben in diesem allgemeinen Sinne eines Deutungsrahmens.
Wenn Leute nun auf den Fluren der akademischen Welt (genauer gesagt, bei Sozial- und Humanwissenschaften) „Theorie“ sagen, dann meinen sie das auf die Weise, wie wenn Muslime „al-Kitab“ sagen. Es gibt viele Bücher. Sagt man aber „das Buch“, dann wird verstanden, dass damit ein besonderes Buch (der Qur’an) gemeint ist.
Hört man „Theorie“ ohne Zusatzerklärung, ist damit nicht die allgemeine Kategorie des Theoretischen, des Rationalen oder des Philosophischen gemeint. Sie meinen es auf die Weise, in der Sufis über „den Weg“ sprechen. Nicht nur irgendeinen Weg, sondern einen sehr speziellen und besonderen Weg.
Zu Beginn ist nicht erkenntlich, dass beim Zuhören mit „Theorie“ eigentliche „DIE Theorie“ gemeint ist. Was ist „DIE Theorie“? Sie ist eine sehr spezifische Sammlung von kontinentaleuropäischen Ideen von Leuten wie Faucoult, Derrida, der Frankfurter Schule – mit einem Rückbezug zu Nietzsche und Marx. Sie ist komplex.
Mein Punkt ist: Gegen „DIE Theorie“ zu argumentieren, ist etwas anderes, als über Theorie zu diskutieren. Einige Fanatiker geben vor, das Ablehnung von „DER Theorie“ das Gleiche sei, wie eine Ablehnung von Theorie. Das ist ein unehrlicher Gebrauch von Mehrdeutigkeit. Theorie ist unvermeidlich in jedem geistigen Vorhaben. „DIE Theorie“ ist es nicht.
Wenn man also Diskussionen wie die jüngste über Theorie versus Text in der Islamkunde verfolgt, dann geht es nicht um einen Streit zwischen theoretisch unkultivierten Arabisch-Lesern und superkultivierten Analytikern von Religion. Es geht um eine antirationale und moralisch-skeptische Philosophie und ihre Angemessenheit im Studium des Islam.
(iz). Die #BlackLivesMatter-Bewegung erinnert an eine der dunkelsten Seiten der europäischen Geschichte: den Kolonialismus. Die Bedeutung des Anliegens zeigte sich inmitten der aktuellen Pandemie, zehntausende Menschen waren bereit sich für dieses Thema zu engagieren, auch wenn die Lage dafür eher ungünstig war. Sie setzten damit nicht nur ein Zeichen, sie stießen auch in ganz Europa neue Debatten an.
Ein drastisches Beispiel für die Abgründe europäischer Kolonialpolitik symbolisiert, um nur ein Beispiel zu nennen, in Brüssel ein Denkmal für den König Leopold III. Während der Herrschaft des Königs im Kongo kamen etwa zehn Millionen Kongolesen in der Gewaltherrschaft um. Der – sogenannte – Freistaat in Afrika war von 1885-1908 im Privatbesitz des Herrschers und schaffte die Grundlage für den Reichtum des kleinen europäischen Landes. Nun wollen etliche Aktivisten den König vom Sockel holen und belgische Historiker diskutieren das ganze Ausmaß seiner Verantwortung.
Hier gilt es, auch den Zusammenhang zwischen Kolonialgeschichte und neuen ökonomischen Techniken, die in Europa entstanden sind, zu studieren. Europäische Aktiengesellschaften waren Teil der Expansionspolitik des Kapitalismus und stehen bis heute für die Trennung der Verantwortung der Aktionäre von den Machenschaften der Konzerne in aller Welt. Nur langsam dringt diese dunkle Seite Europas in das kollektive Bewusstsein.
In Deutschland werden die Abgründe des Rassismus schon länger diskutiert, nicht zuletzt wegen der Blutspur, die der nationalsozialistische Rassenwahn in Europa hinterlassen hat. Hinzu kommt die Erforschung der historischen und geistigen Grundlagen. Der Antisemitismus, der das NS-Regime prägt, findet sich schon in der harschen Zinskritik Martin Luthers. Diesen Ansatz übernehmen heute einschlägige Verschwörungstheorien, die über eine „Verschwörung“ jüdischer Kapitalisten phantasieren. Neuerdings wird aber auch gefragt, ob Immanuel Kant nicht nur für den kategorischen Imperativ, sondern auch für den Rassismus, ausweislich einiger Texte des Philosophen, eine geistige Grundlage gegeben hat. Kants philosophischer Ruhm bedeutet nicht, schreibt Patrick Bahners in der FAZ, „dass er nicht auch bestimmte moralische Fehler in seinen Werken begangen hat“.
Grundsätzlich eröffnet sich hier ein akademisches Feld, das Philosophen und Historiker wohl noch Jahre beschäftigen wird. Gleichzeitig zeigt sich aber, dass das Problem, jenseits der langsamen Mühlen der akademischen Diskurse, drängt. People of Colour und Immigranten berichten immer wieder von einer verbreiteten Alltagsdiskriminierung, existentiellen Erfahrungen, die weiße Menschen so nicht machen und nur selten wirklich nachvollziehen. Spätestens seit der missglückten NSU-Aufarbeitung steht auch das Problem eines institutionalisierten Rassismus im Raum. Es gibt Berichte über Polizeigewalt gegen Minderheiten, ganz zu Schweigen von der politischen Offensive der neuen Rechten in der Bundesrepublik. Hier gibt es eine kollektive Verantwortung aller Deutschen, auch wenn sie in ihrer individuellen Lebensführung, weder als Täter oder Opfer, betroffen sein mögen.
Die Herausforderungen für die Gesellschaft sind evident. Wie kann es ein Gemeinwesen geben, dass nicht nur auf ethnischer Herkunft, bestimmten kulturellen Vorstellungen oder auf einer bestimmten Religion, sondern auf einen umfassenderen, offeneren Begriff des Deutschseins aufbaut? Hier gibt es auch eine deutsche Tradition, von Goethe bis Mann, die zeigt, dass die deutsche Geistesgeschichte hier nicht nur in eine Sackgasse führen muss. Bereits Goethe hatte die Deutschen daran erinnert, dass der Nationalismus, damit auch der Rassismus, die unterste Stufe der Kultur sei. Ob man diese Mahnung mit dem Wort Nietzsches, der Dichter sei in Deutschland folgenlos geblieben, zusammen denken muss, ist eine Frage für die Zukunft. Nach dem die Weimarer Klassik und das deutsche Bildungsbürgertum die Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht verhindern konnte, stellt sich diese Herausforderung, unter den Vorzeichen des erstarkenden Rechtspopulismus, heute jedenfalls wieder neu.
Wie wichtig die Lösung dieser Fragen ist, zeigt die aktuelle Debatte über die Krawalle in Stuttgart. Hunderte junge Leute, mit unterschiedlichem Hintergrund, hatten an einer Gewaltorgie ihre Art von „Spaß“ gefunden und die Republik schockiert. Die Bewältigung der Exzesse folgte allerdings schnell dem altbekannten Muster: Woher stammen die Straftäter, sind sie gar religiös motiviert, wurde in einigen Gazetten diskutiert.
Das Muster ist altbekannt, einzelne Vertreter von Minderheiten sollen mit ihren negativen Charakterisierungen, die ganze Gruppe dahinter definieren. Dabei ist klar, dass jede(r) BügerIn diese Verrohung der Sitten ablehnt und einer scharfen Strafverfolgung von Gewalttätern zustimmt. Hier gibt es bei der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung keine zwei Meinungen und damit eine Chance, die Reihen für den Ausschluss aller Gewalttäter jeder Couleur aus dem gesellschaftlichen Konsens, zu schließen.
Auch in der muslimischen Community wird das Thema des Rassismus heute kontrovers diskutiert. Hin und wieder gilt auch hier die bekannte Regel, dass „Rassisten immer nur die Anderen sind.“ Viele Muslime vertreten den Standpunkt, dass das Konzept eines Rassismus oder Nationalismus in der Lehre des Islam keine Grundlage findet. Auf diese Position mag man sich zurückziehen. Nur: Was theoretisch wahr ist, wird praktisch nicht immer umgesetzt. So beklagen Muslime of Colour ebenso Diskriminierungen und Benachteiligungen im muslimischen Kontext. Hinzu kommt, dass muslimische Organisationen oft noch nach ethnischen Kriterien aufgestellt sind, auch wenn dies mit rechter Bio- und Ausgrenzungspolitik keinesfalls zu vergleichen ist.
Das Phänomen zeigt nur, dass die Idee einer gemischten und bunten Gemeinschaft oft eher Theorie ist und nicht der Praxis entspricht. Es wäre auch vermessen, dass die Jahrzehnte des Nationalismus in der muslimischen Welt keine Spuren hinterlassen haben. Die Symbiose von Nation und Religion wäre dabei ein Thema für sich. Fakt ist, allzu oft ist das zeitlose Wort Ibn Al-‘Arabis, über die Identität des Menschen, in Vergessenheit geraten. Nach seiner Lehre begründet sich die eigene Identität in dem Vermögen eine Sprache zu sprechen und nicht etwa in der biologischen Substanz des Menschen. Die Fähigkeit, eine gemeinsame Sprache zu sprechen und sich an den Diskursen zu beteiligen, ist nach wie vor die wichtigste Klammer in der gesellschaftlichen Realität. Dieser Grundsatz gilt natürlich auch für den muslimischen Alltag.
Der berühmte Soziologe Ibn Khaldun, eine andere Größe islamischer Lehre, erwähnt in seiner Muqaddima ausdrücklich das Konzept der „Asabija“. Er argumentiert, dass der Zusammenhalt und das „Gruppengefühl“ von Muslimen, neben ihrer gemeinsamen Glaubenspraxis, auch auf ihre Herkunft, familiären Zusammenhalt und auf „Blut“ beruht. Eine Definition, die den Begriff der Asabija – aus heutiger Sicht – nicht als eindeutig positiv fassen kann. Oft erinnert diese Terminologie eher an ein antiquiertes Stammesdenken vergangener Tage.
Da es aber durchaus ein legitimes Ziel ist, das Gefühl der Gemeinsamkeit zu stärken, wäre es ein interessantes Projekt, den Begriff auf neue Weise zu aktualisieren und wieder zu beleben. Die Verarbeitung historischer Erfahrung und das Bewusstsein für aktuelle Probleme sind dabei wichtige Komponenten.
Unabhängig von Begrifflichkeiten, ist es für Muslime wichtig, Plattformen und Austausch zu organisieren, die die Beteiligten auf Grundlage anderer Werte zusammenbringt. Tatsächlich gehört es zu den dringlichen Aufgaben der Muslime, Beispiele vorzuleben, dass es eine erfolgreiche Zusammenarbeit jenseits der ethnischen oder kulturellen Zugehörigkeit gibt oder geben kann. Neben dem Gefühl der Solidarität tritt dabei die Vision gemeinsamer Ziele, die die Gesellschaft bereichert. Ibn Khaldun verweist auf die eigentlichen Ziele jeder Gruppe, die insbesondere in der Ausgestaltung des städtischen Lebens zu suchen sind. Nur gemeinsam kann es eine Infrastruktur geben, die offen und zugänglich ist. Die soziale Realität der Moscheen, von Marktplätzen oder das soziale Engagement in Stiftungen ist durch die Offenheit und die Zugänglichkeit für alle bestimmt. In dieser Art der sozialen Wirklichkeit ist nur die soziale Kompetenz, heute würde man sagen, das zivilgesellschaftliche Engagement, für alle wichtig. Liegt hier vielleicht ein Ansatz für das gewünschte Ideal der Gleichheit?
(Safina Society). Muslime im Westen brauchen dringend mehr Organisation sowie die Umsetzung klarer Verfahrensregeln in der innergemeinschaftlichen Kommunikation. Damit ist keine weitere NGO in der Buchstabensuppe muslimisch geführter Gruppen gemeint, […]
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(iz). Es war nur einige Tage her, dass sich in Deutschland eine emotionale Diskussion um systematischen Rassismus bei unseren Polizeibehörden entzündete, als es in der Nacht zum Sonntag, den 21. Juni, in Stuttgart zu einer bisher nie dagewesenen Randale in der schwäbischen Metropole kam.
Mehrere hundert Randalierer, von denen viele aus der „Partyszene“ kommen sollen, beschädigten und plünderten Geschäfte, verwüsteten und verletzten Polizisten. Die vorläufige Bilanz: 24 Personen wurden festgenommen und 19 Polizeibeamte verletzt. Auslöser soll eine Kontrolle wegen des Verdachts auf einen Drogendelikt gewesen sein. Viele Partygänger hätten sich, so Polizeiangaben am Folgetag, gegen die Polizei „solidarisiert“.
Bürgermeister Fritz Kuhn bezeichnete die Ereignisse als „traurigen Sonntag für Stuttgart“. Er sei schockiert von dem Gewaltausbruch und machte deutlich, dass es keine rechtsfreien Räume in der Stadt geben dürfe. Die politischen Reaktionen reichten hinauf bis zum Bundespräsidenten. Frank-Walter Steinmeier sagte: „Wer Polizistinnen und Polizisten angreift, wer sie verächtlich macht oder den Eindruck erweckt, sie gehörten ‘entsorgt’, dem müssen wir uns entschieden entgegenstellen.“ Es gelte, das staatliche Gewaltmonopol zu verteidigen. Ein Satz, dem auch die Muslime dieses Landes aufgrund ihrer Lehre und Traditionen zustimmen müssen.
Längst hat die Suche nach den Ursachen begonnen. Da die üblichen Verdächtigungen dank der Vielfalt von mutmaßlichen Tätern und Beteiligten wegfallen und keine ideologischen Motive erkennbar sind, bleibt die Frage nach dem Warum offen. Innenminister Strobl sowie die Polizeibehörden konnten keine politischen Hintergründe sehen.
„Um also den Mob überhaupt irgendwie einordnen zu können, sprechen die Polizeibehörden – wohl auch viel zu pauschal – von einer Party- und Event-Szene“, hieß es in der taz vom 24. Juni. Klar ist nur, dass die Masse aus der statistisch gefährlichsten Gruppe kam: Jungmänner zwischen Pubertät und frühem Erwachsenenalter.
Eine Ursache kann in unseren Erfahrungen mit der Pandemie liegen. Derzeit bewegen wir uns in einer Zwischenzone zwischen „Lockdown“ und Aufhebung der meisten Beschränkungen. „Durch den Lockdown in der Krise wurde aus unserer aufgewühlten Gesellschaft sozusagen eine eingewühlte“, sagte der Psychologe Stephan Grünewald dem „Focus“. Jetzt befänden wir uns in einer Art „Auswühlungsprozess“. Die Bedrohung sei vorerst gebannt und „all die Probleme und Konflikte, die Polarisierungen und Spaltungstendenzen in unserer Gesellschaft kommen wieder an die Oberfläche“.
(iz). Obschon in Deutschland die Schlagzeilen teils auf andere Themen umgeschwenkt sind, bleiben Fragen nach systematischem Rassismus und Ungleichbehandlung in den USA sowie hier auf der Tagesordnung. Die Proteste in […]
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