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Reiseblog: Albanien zwischen Bunkern und Baukränen

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Reiseblog Albanien: Zwischen den Bunkern der Hoxha-Diktatur und den Baukränen einer rasanten Gegenwart erzählt eine Fahrt von der Riviera bis Tirana von einem Land im Aufbruch – und vom Streit darüber, wem dieser Fortschritt gehört.

(iz). Die Straße an der albanischen Riviera windet sich über dem Ionischen Meer entlang. Links das Wasser, klar und blau, es wirkt fast unbeweglich; rechts die kargen Berge, die steil zur Küste hinabfallen.

Wir fahren langsam, nicht nur wegen der Kurven. Diese Landschaft lädt immer wieder zu Unterbrechungen ein: einem Halt an einer Bucht oder zu einem Kaffee an einem Ort, an dem die Zeit weniger eilig vergeht. Bei Porto Palermo, südlich von Himarë, halten wir tatsächlich an.

Auf einer kleinen Halbinsel steht die dreieckige Festung, die meist Ali Pascha von Tepelena zugeschrieben und um 1800 datiert wird. Von außen ist sie ein vertrautes Bild der albanischen Küste: Steinmauern, Kanonenstellungen, Meerblick und ein Rest osmanischer Geschichte.

Doch was uns mehr beschäftigt, liegt auf der anderen Seite der Bucht. Am Fuß des Berges öffnet sich ein dunkler, unscheinbarer Einschnitt im Fels. Vom Meer aus wäre er kaum zu erkennen.

Es ist der Eingang zu einer militärischen Anlage, einem in den Berg getriebenen Marine- und U-Boot-Stollen – ein Bauwerk aus jener Zeit, als Albanien sich nicht nur politisch, sondern buchstäblich in seine Landschaft zurückzog.

Foto: Angonsta24/Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Ein Land, das sich eingrub

Die Geschichte dieses Tunnels führt in die fünfziger und sechziger Jahre zurück. Albanien war 1955 dem Warschauer Pakt beigetreten. In der Bucht von Vlora, an der Marinebasis Pasha Liman, entstand ein strategisch wichtiger sowjetisch-albanischer U-Boot-Stützpunkt im Mittelmeerraum. Sowjetische U-Boote lagen hier, albanische Besatzungen wurden ausgebildet, und für einen kurzen historischen Moment schien das kleine Land an der Adria Teil einer Großmachtordnung zu sein.

Dann kam der Bruch. Enver Hoxha hatte Albanien nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem stalinistischen Einparteienstaat geformt. Zunächst orientierte sich sein Regime an Jugoslawien, dann an Moskau, später an Peking.

Aber jede dieser Allianzen endete im Konflikt: der Bruch mit Jugoslawien 1948, das offene Zerwürfnis mit der Sowjetunion um 1960/61 und schließlich die Loslösung von China 1978.

Als die Sowjetunion ihr Personal und einen Teil ihrer militärischen Präsenz aus Albanien abzog, behielt Albanien mehrere so genannte U-Boote der Whiskey-Klasse. Für Hoxha war das ein symbolischer Erfolg: ein kleines Land, das sich gegen einen übermächtigen ehemaligen Verbündeten behauptet hatte. Zugleich war es der Beginn einer immer tieferen Isolation.

Der Tunnel von Porto Palermo entstand in dieser späteren Hoxha-Zeit als Teil einer umfassenden Militarisierung der Küste. Er sollte Schutz bieten, Verfügbarkeit sichern und Angriffen standhalten. Seine genaue Baugeschichte wird unterschiedlich erzählt: Angaben zur Länge, zu ausländischer Unterstützung und zur Kapazität schwanken je nach Quelle.

Unstrittig ist jedoch die Idee, die hinter dem Bauwerk steht. Ein Staat, der kaum noch Verbündete hatte, grub sich in Berge und Küstenfelsen ein. Heute ist das Gelände weiterhin militärisch geprägt und nicht frei zugänglich. Die U-Boote sind verschwunden. Geblieben ist ein schwarzer Einschnitt im Fels, der von einer Politik erzählt, die auf Sicherheit mit Abschottung setzte.

Foto: Unknown author/Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Hoxha und Tito

Auf der Weiterfahrt drängt sich ein Vergleich auf, der auf unserer Balkanreise fast unvermeidlich ist: Enver Hoxha und Josip Broz Tito. Beide waren kommunistische Führer. Beide regierten autoritär. Beide prägten ihre Länder über Jahrzehnte. Und doch führten ihre politischen Wege in gegensätzliche Richtungen.

Hoxha stand von 1944 bis zu seinem Tod 1985 an der Spitze Albaniens. Seine Herrschaft machte das Land zu einem der am stärksten abgeschotteten Staaten Europas. Die Grenzen waren fast unüberwindbar, Kontakte ins Ausland verdächtig und das Reisen ein Privileg weniger Funktionäre.

Die Angst vor Invasion und Verrat wurde zur Staatsdoktrin. Zehntausende, wahrscheinlich Hunderttausende Bunker prägten das Land: kleine Betonpilze an Stränden, in Weinbergen, auf Berghängen, neben Dörfern und Straßen.

Tito dagegen brach zwar bereits 1948 mit Stalin, führte Jugoslawien aber danach nicht in die totale Abkapselung. Im Gegenteil: Das Land wurde zu einer prägenden Kraft der Bewegung der Blockfreien Staaten und öffnete sich vergleichsweise weit nach Westen.

Millionen Jugoslawinnen und Jugoslawen arbeiteten als Gastarbeiter in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Westliche Touristinnen und Touristen kamen an die Adriaküste. Jugoslawische Pässe ermöglichten etwas, das für Albaner fast unvorstellbar blieb: Mobilität.

Der Kontrast zeigt sich besonders deutlich im Verhältnis zur Religion. Hoxhas Regime erklärte Albanien 1967 zum ersten Staat, der sich offiziell als atheistisch verstand. Moscheen, Kirchen, Klöster und andere religiöse Orte wurden geschlossen, zerstört oder umgewidmet. Geistliche wurden verfolgt, inhaftiert oder hingerichtet.

Öffentliche Religionsausübung wurde unter Strafe gestellt; selbst das private Praktizieren des Glaubens war gefährlich. Diese Radikalität war im europäischen Staatssozialismus beispiellos.

Auch im sozialistischen Jugoslawien waren religiöse Institutionen staatlicher Kontrolle, Enteignungen und Repression ausgesetzt, vor allem in den frühen Nachkriegsjahrzehnten.

Aber Religion wurde nicht vollständig aus dem sozialen Leben verbannt. Katholische Gemeinden in Kroatien und Slowenien, orthodoxe Kirchen in Serbien und Montenegro sowie muslimische Gemeinschaften in Bosnien, Kosovo und Teilen Nordmazedoniens bestanden weiter – beobachtet, begrenzt, politisch eingehegt, aber nicht ausgelöscht. Wir lernen auf unserer Reise immer wieder Muslime kennen, deren islamische Ausbildung im ehemaligen Jugoslawien erfolgte.

Tito regierte einen vielschichtigen föderalen Staat. Hoxha strebte dagegen eine radikal säkularisierte und ideologisch gleichgeschaltete Gesellschaft an. Der Unterschied war nicht nur eine Frage von Liberalität. Es waren zwei unterschiedliche Antworten auf Macht, Vielfalt und Angst.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Tourismus und Erinnerung

Später reihen wir uns in eine Kolonne aus Autos, Reisebussen und Wohnmobilen ein, die sich durch Dhërmi und Himarë schiebt. Strandbars, Beachclubs, überfüllte Parkplätze, neue Apartmentanlagen und Baukräne bestimmen den Blick. Die Riviera wirkt an diesem Nachmittag bereits wie eine Zone des Massentourismus.

Die Symptome sind vertraut: verdichtete Bebauung, steigende Grundstückspreise, Druck auf Wasser und Abwasserentsorgung, überlastete Straßen, privatisierte Zugänge und Küstenabschnitte, die sich für Einheimische anders anfühlen als noch vor wenigen Jahren. Es wäre leicht, darüber den Kopf zu schütteln. Aber diese Kritik wäre unvollständig.

Wir waren in den neunziger Jahren schon einmal in Albanien, kurz nach dem Ende der Diktatur.

Damals war das Land eines der ärmsten Europas. Die Straßen waren schlecht, Stromausfälle gehörten zum Alltag. Die Läden waren leer oder schlecht versorgt. Viele Menschen sahen keine Zukunft im eigenen Land. Die Bilder überfüllter Boote, mit denen Albaner über die Adria nach Italien gelangen wollten, gehören bis heute zum Gedächtnis dieser Zeit.

Nach Jahrzehnten der Abschottung stand Albanien wirtschaftlich vor einem Neuanfang, ohne robuste industrielle Basis, mit schwachen Institutionen und wenig Kapital. Der Tourismus war deshalb nie bloß eine Lifestyle-Branche. Er wurde zu einer der wichtigsten Möglichkeiten, Devisen, Beschäftigung und Infrastruktur ins Land zu bringen.

Heute trägt der Tourismussektor erheblich zur albanischen Wirtschaft bei. Für 2024 weist die Weltbank einen Anteil von 26,4 Prozent am Bruttoinlandsprodukt und 20,4 Prozent an der Beschäftigung aus.

Im selben Zeitraum wurden rund 11,7 Millionen internationale Besuche gezählt, eine enorme Zahl für ein Land mit weniger als drei Millionen Einwohnern. Der Tourismus schafft Arbeit, Einkommen und neue wirtschaftliche Perspektiven. Er trägt zur Herausbildung urbaner Einkommensgruppen und einer neuen konsumorientierten Mittelschicht bei.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Albanien auf Tourismus setzen darf. Natürlich darf es das. Die Frage lautet, wer davon profitiert. Werden Küstenlandschaften geschützt? Bleiben Strände zugänglich? Entstehen Arbeitsplätze, die langfristig Perspektiven bieten? Werden lokale Gemeinden beteiligt?

Oder konzentrieren sich Grundstücke, Gewinne und politische Einflussmöglichkeiten bei wenigen gut vernetzten Akteuren? Erst an diesem Punkt wird Kritik notwendig.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Tunnel, Resort und Macht

Vor dem Llogara-Pass wird diese Ambivalenz sichtbar. Nahe Palasë liegt Green Coast, ein groß angelegtes Ressortprojekt mit Villen, Ferienwohnungen, Hotelangeboten und einem privaten, sorgfältig gestalteten Küstenabschnitt.

Entwickelt wird es von der BALFIN Group des Unternehmers Samir Mane, der häufig als reichster Mann Albaniens bezeichnet wird. Green Coast ist nicht einfach ein Hotelkomplex. Es steht für ein neues Modell der Riviera: geplante Ferienimmobilien, Service-Infrastruktur schaffen eine Küstenlandschaft, die zunehmend als internationale Anlageklasse dient.

Für manche bedeutet das Modernisierung, hochwertige Arbeitsplätze und eine neue Positionierung Albaniens auf dem europäischen Reisemarkt. Für andere bedeutet es den Verlust von Landschaft, öffentlichem Raum und lokaler Kontrolle.

Das Projekt ist seit Jahren umstritten. Kritiker werfen staatlichen Stellen vor, Investitionen privilegiert zu behandeln und Entscheidungen über Genehmigungen nicht transparent genug zu machen.

Gerade bei Projekten dieser Größenordnung sollte man jedoch sauber zwischen Beobachtung, politischer Kritik und juristisch festgestellten Tatsachen unterscheiden. Nicht jeder Vorwurf ist bewiesen; aber die wiederkehrende Frage nach Transparenz ist real.

Direkt neben dem Projekt verläuft der Llogara-Tunnel. Mit rund sechs Kilometern ist er der längste Straßentunnel Albaniens. Er wurde 2024 für den Verkehr freigegeben und soll die Verbindung zwischen Vlora und der Riviera erheblich beschleunigen.

Was früher eine lange, kurvenreiche Fahrt über den Pass war, wird nun zu einer deutlich schnelleren Passage. Für Reisende ist das komfortabel. Für die Riviera bedeutet es eine neue Entwicklungsstufe. Mehr Erreichbarkeit bringt mehr Gäste, mehr Immobilieninteresse und mehr Investitionsdruck.

Doch auch der Tunnel hat eine politische Geschichte. Die Sonderstaatsanwaltschaft SPAK ermittelte wegen des Vergabeverfahrens. Ende Oktober 2025 wurde Infrastrukturministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin Belinda Balluku im Zusammenhang mit dem Vorwurf geführt, bei öffentlichen Ausschreibungen gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz verstoßen zu haben.

Eine rechtskräftige juristische Bewertung lag damit nicht vor; der Fall war und ist Teil eines laufenden Verfahrens. Tunnel und Resort liegen offensichtlich nicht zufällig nebeneinander. Der eine steht für öffentliche Infrastruktur, der andere für privates Kapital.

Beide erzählen von einem Albanien, das sich öffnet, beschleunigt und neu erfindet. Beide werfen aber auch dieselbe Frage auf: Wer entscheidet, wie dieses Land sich verändert?

Die Flamingo-Revolution

Hinter dem Tunnel öffnet sich der Blick auf Vlora und die Bucht. In der Ferne liegen die Insel Sazan und die Landschaft um Zvërnec und die Narta-Lagune. Von oben sieht alles ruhig aus: das Licht über Wasser, die Feuchtgebiete und das Meer dahinter.

Die Szene ist Bühne für einen politischen Skandal: Auf Sazan und im Küstenraum von Zvërnec sind luxuriöse Tourismusprojekte geplant, die mit Jared Kushners Investmentfonds Affinity Partners verbunden sind.

Ivanka Trump trat dabei öffentlich als Unterstützerin und Gestaltungsfigur auf. Internationale Berichte bezifferten die Investitionen für die verschiedenen Vorhaben zusammen auf rund zwei Milliarden US-Dollar.

Befürworter sehen darin eine historische Möglichkeit: internationales Kapital und hochwertige Resorts sollen neue Perspektiven schaffen. Kritiker sehen etwas anderes.

Sie warnen vor Eingriffen in eine ökologisch sensible Küsten- und Feuchtlandschaft, die für Flamingos, Zugvögel und marine Lebensräume bedeutsam ist. Sie kritisieren außerdem Verfahren, in denen Genehmigungsfragen, Umweltprüfung und öffentlicher Zugang aus ihrer Sicht nicht transparent genug geklärt wurden.

Im Mai 2026 tauchten am Küstenabschnitt bei Zvërnec Zäune und Baumaschinen auf. Was zunächst wie eine lokale Auseinandersetzung wirkte, weitete sich rasch aus. Nach Konflikten zwischen Demonstrierenden und privaten Sicherheitskräften wurde aus dem Protest ein landesweites Symbol. Die Bewegung gab sich einen Namen, der die bedrohte Landschaft in ein politisches Bild verwandelte: Flamingo-Revolution.

Auf Plakaten in Tirana und in der albanischen Diaspora tauchte der entscheidende Satz auf: „Albania is not for sale.“ Der Slogan richtet sich nicht nur gegen ein Resort. Er bündelt eine tiefere Erfahrung: dass öffentliche Landschaft, politische Macht und privates Kapital in Albanien oft zu eng miteinander verbunden erscheinen.

Die Entscheidungen fallen schnell, bevor Öffentlichkeit und Gemeinden wirklich beteiligt sind. Das Versprechen von Wachstum, das für manche Menschen nach Aufbruch klingt, bedeutet für andere Verlust.

Von unserem Aussichtspunkt sehen wir nur die Lagune in der Nachmittagssonne. Doch in diesem Bild liegt die ganze Spannung eines Landes, das gelernt hat, wie wichtig Öffnung sein kann – und nun darüber streitet, welcher Weg in eine gute Zukunft für alle führt.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Ein Stellplatz zwischen Baukränen

Am Abend erreichen wir Tirana. Unser Stellplatz liegt mitten in einer Stadt, die sich mit atemberaubender Geschwindigkeit verändert. Überall wachsen Türme aus dem Boden. Kräne drehen sich noch in der Dämmerung. Baulärm reicht bis in die Nacht. Zwischen alten Häusern, improvisierten Geschäften und kleinen Gärten entstehen Glasfassaden, Wohnkomplexe und Bürogebäude.

Der Besitzer des Stellplatzes erzählt, dass sein Grundstück bald verkauft sein wird. Ein Bauträger plant einen Neubau. Wir fragen halb im Scherz, ob er nun reich werde. Er lacht und schüttelt den Kopf. „Erst in zehn Jahren“, sagt er.

Dann, so erzählt er, solle er als Ausgleich eine Wohnung in dem Gebäude erhalten, das hier entstehen wird. Das Geld fließt nicht sofort, sondern der „Verkäufer“ erhält ein Versprechen auf Eigentum in der Zukunft. Eine Wohnung an der Stelle, an der heute noch Wohnmobile stehen und Gäste ihre Stühle zwischen Staub und Baustellenlärm aufstellen.

Es ist eine kleine Geschichte, aber sie erzählt viel über Tirana. Die Stadt wird nicht einfach gebaut. Es wird getauscht, verhandelt, verdichtet und spekulativ investiert. Alte Quartiere verschwinden nicht von heute auf morgen. Sie werden in Zukunftswerte übersetzt. In den Cafés hört man hin und wieder über den Verdacht, es könnte sich um eine riesige Immobilienblase handeln.

Blick nach vorn

Später sprechen wir mit einem jungen Mann, der in Deutschland studiert hat und heute für ein albanisches Bauunternehmen arbeitet. Vielleicht baut seine Firma an einem jener Türme, die wir vom Stellplatz sehen.

Er spricht offen über Korruption, Vetternwirtschaft und die enge Verbindung von Politik und Geschäft. Über all das, was auf unserer Fahrt immer wieder sichtbar geworden ist. Und doch klingt er nicht resigniert.

Seine Generation, sagt er, habe die Kriege der neunziger Jahre nicht mehr selbst erlebt. Sie kenne die Armut und Isolation der Hoxha-Zeit aus den Geschichten der Eltern und Großeltern, nicht aus eigener Erfahrung. Europa sei für ihn kein fernes Versprechen, sondern ein konkreter Horizont.

Albanien erhielt 2020 grünes Licht für EU-Beitrittsverhandlungen. Formell begannen sie mit der ersten Regierungskonferenz im Juli 2022. Die Regierung in Tirana verfolgt das Ziel, die Verhandlungen bis Ende 2027 abzuschließen.

Ein tatsächlicher EU-Beitritt wäre damit allerdings nicht automatisch erreicht. Er hängt weiterhin von Reformen bei Justiz, Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung ab—und letztlich von der Zustimmung aller Mitgliedstaaten der Europäischen Union.

Bunker und Baukräne. Der Bunker steht für die Angst eines Staates, der glaubte, nur durch Abschottung überleben zu können. Der Baukran steht für das Gegenteil: für Öffnung, Wachstum, Geschwindigkeit und die Hoffnung, endlich aufzuholen. Aber auch für die Gefahr, dass Fortschritt zu etwas wird, das über Menschen und Landschaft hinweggebaut wird.

Albanien entwickelt sich mit großer Geschwindigkeit. Die nächste Aufgabe besteht darin, die Zukunft so zu gestalten, dass nicht nur Investoren, Reisende und politische Eliten davon profitieren—sondern auch jene Menschen, die unter den neuen Türmen leben, an den Stränden arbeiten und auf die Lagunen blicken, bevor sie verändert werden.

Link zur Kampagne: https://commonsplace.de/project/balkan

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Auf der Pilgerreise: Glaube in Zeiten technologischer Veränderung

Für die Pilgerreise nutzt die saudische Regierung den Fortschritt, um den großen Zustrom in der Moderne zu organisieren.

(iz). Religionen, mit ihren vielfältigen Formen der Glaubensausübung, existieren nicht außerhalb der Zeit. Der rasante Wandel einer von Technik geprägten Welt zwingt alle Glaubensgemeinschaften immer wieder zu Anpassungen ihrer Praktiken

Der Fortschritt des 21. Jahrhunderts zeigt sich in der Möglichkeit der Erhebung und Nutzung von Daten von Millionen Menschen, dem, zumindest aus ökonomischer Sicht, eigentlichen Rohstoff unserer Zeit.

Foto: Paman Ahari, Shutterstock

Was bedeutet die Pilgerreise in dieser Zeit

Der Philosoph Byung-Chul Han sieht in dieser Entwicklung die Gefahr, dass die großen Überlieferungen der Menschheitsgeschichte ihre Wirkungsmacht verlieren und sich in belanglose Informationen verwandeln könnten. „Der Übergang vom Mythos zum Dataismus ist der Übergang von der Erzählung zur reinen Zählung“ schreibt er in seinem Buch „Rituale“.

Nach wie vor finden aber Millionen von Gläubigen in ihren Praktiken, Traditionen und Ritualen den Kern und Sinn ihrer Existenz. Allerdings können sie sich dem technologischen Wandel nicht entziehen.

In Zeiten der Pandemie greifen viele Gesetze, Verordnungen und Regeln in den Alltag der Religionsausübung ein. In den Moscheen wird mit Abstand und der Achtung neuer Hygieneregeln gebetet, die gewohnten Versammlungen und Lehrveranstaltungen werden durch Zoom-Konferenzen ersetzt. Dabei erleben die Nutzer schmerzlich, dass die digitale Kommunikation keine echten Beziehungen, sondern allenfalls Verbindungen herstellt.

Soziale Begegnung und direkter Austausch verhindern, dass die Muslime, in einer nur noch abstrakt erfahrenen Religion, ihren wesentlichen Zusammenhalt verlieren. Die aktuelle Gesundheitskrise hat die Bedeutung der virtuellen und technologischen Welt eher gestärkt als gemindert. Die großen Internet-Konzerne gehören zweifellos zu den Gewinnern dieser Zeit. Die solidarische Gesellschaft steht vor ungeahnten Herausforderungen.

Foto: Taste of Cinema, via Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Spannungsverhältnis zwischen Technik, Wissenschaft und religiöser Erfahrung

Das Spannungsverhältnis zwischen Technik, Wissenschaft und religiöser Erfahrung im Islam besteht schon länger. Die Zakat, um ein Beispiel zu nennen, wurde über Jahrhunderte von einer Autorität unmittelbar erhoben und verteilt. Heute hat sich die unpersönliche Zahlung per Banküberweisung durchgesetzt. Die Sichtung des Mondes, die Feststellung von Anfang und Ende der Fastenzeit, wurde traditionell durch die Berichte von Augenzeugen ausgelöst.

Schon länger scheiden sich die Geister, ob eine Sichtung des Mondes durch Computerprogramme, im Rahmen einer abstrakten Raumvorstellung den existentiellen Sinn der Mondsichtung ersetzen kann. Die Frage, wie sich die Nutzung technischer Instrumente auf unser Erkenntnisverfahren auswirkt, beschäftigte schon Goethe.

Teil seiner geistigen Morphologie war, wie Rüdiger Görner schreibt, dass „der Sinn der Natur sich nur auf sinnliche Weise erfassen lasse.“ Der Dichter flüchtete angesichts der Dominanz abstrakter Modelle in der Forschung vor der Sinnentleerung des Daseins.

„Rituale lassen sich als symbolische Techniken der Einhausung definieren. Sie verwandeln das In-der-Welt-Sein in ein Zuhause-Sein“, so beschreibt Han dagegen die Bedeutung alter religiöser oder philosophischer Traditionen. Das Zusammenspiel zwischen Technik und Glaubensausübung lässt sich an der Erfahrung der Pilgerreise, eine der Säulen des Islam, beobachten.

Hadsch Mina

Foto: Library of Congress, Public Domain

Muslime entdecken auf diesem Weg den Zustand der Welt. Wer sich Bilder von den heiligen Stätten aus den letzten Jahrhunderten anschaut, wird den Wandel von Raum und Zeit erkennen. Technologische und ökonomische Projekte lassen den Ritus an sich unverändert, dennoch greifen die neuen Rahmenbedingungen in die Erfahrung der Gläubigen ein.

Die saudische Regierung nutzt heute den Fortschritt, um den großen Zustrom der Pilger aus aller Welt in der Moderne zu organisieren. Nach dem Ende des Ölzeitalters gehört der Tourismus zu den Hoffnungen einer neuen ökonomischen Zukunft. Dabei muss man sich grundsätzlich erinnern, dass Pilger und Touristen zwei verschiedenen Ordnungen angehören.

Urlauber durchreisen Nicht-Orte, suchen nicht nach Sinn, sondern konsumieren und erholen sich, während die Pilger von jeher an Orte gebunden sind, die Menschen versammeln und verbinden.

hadsch

Foto: Archiv

Der Pilger ist eine Figur, die sich im Laufe der Zeit wandelt. Den Gestaltwandel erfährt der Journalist Juan Moreno auf seinem Gang auf dem Jakobsweg. Der alte Pilgerweg im Norden Spaniens hat seine ursprüngliche Einsamkeit verloren und ist heute ein touristisches Großprojekt. „Das Internet hat das Pilgern verändert. Mehr als jeder Souvenirladen!“, beklagt der Reiseschriftsteller.

Angesichts der allgegenwärtigen Mobiltelefone, das von allen Reisenden, unabhängig der Konfession, genutzt wird, stellt er fest: „Abtauchen aus der realen Welt verlangt Mut, erstaunlich viele bekommen das hin. Es aber gleichzeitig aus der virtuellen Welt zu tun, das ist zu viel verlangt.“

Eine Reise nach Saudi-Arabien ist ohne ein Smartphone längst undenkbar geworden. Die Pilger informieren sich mit ihren Telefonen über die Details der Rituale, versenden Bilder in alle Welt, buchen ihre Zimmer oder Flüge und navigieren sich so durch ihre Unternehmung. Hinzu kommen die Apps, die den eigenen Impfstatus nachweisen und den Zugang zu den wichtigsten Stationen der Pilgerreise beschränken.

Im Alltag muss der Reisende seine Erlaubnis an jedem Ort vorweisen und auch der Besuch von Mekka und Medina folgt der Logik von Algorithmen. Der Vorteil ist, dass man auf diese Weise die Besucherströme steuert und die Infektion von vielen Gläubigen verhindert. Immerhin hat man sich an das ungewohnte Verfahren gewöhnt, kann man ohne großes Gedränge das Ritual vollziehen.

Das Dilemma der Verantwortlichen ist greifbar: Die Reise soll für Millionen von Gläubigen sicher und komfortabel sein, dabei gilt es die negativen Folgen des Massentourismus zu vermeiden. Seit Jahrzehnten ist die Region eine große Baustelle.

Foto: Ishan Seefromthesky

Alles überragender Clock Tower

In Mekka gehörte der alles überragende „Clock Tower“ zu den gigantischsten Bauprojekten im arabischen Raum. Allein die Minutenzeiger sind 22 Meter lang. Die Uhr ist ein Symbol, das auch der Pilger sich der verrechneten Zeit nicht mehr entziehen kann. Genau gilt dies für die ökonomischen Parameter unserer Epoche.

Das Terrain um die heilige Stätte bildet heute den teuersten Immobilienmarkt der Welt. Nächstes Jahr öffnen die „Abraj Kudai Towers“ in Mekka. Dieses Hotel-Projekt mit etwa zehntausend Zimmern wird aus zwölf Türmen bestehen, in denen Unterkünfte, Apartments, ein Einkaufszentrum, Restaurants und Food Courts untergebracht werden. Die Steuerung der Massen wird auch nach dem Ende der Pandemie eine Herausforderung für die Organisatoren bleiben.

Neben der wachsenden Zahl der Reisenden gehört zu den größten Innovationen des modernen Pilgerns die Überwindung von Entfernungen in kürzester Zeit. Die Anreise im Flugzeug erlaubt keine langsame Annäherung an den Höhepunkt des eigenen religiösen Daseins. Die Bahnlinie zwischen Mekka und Medina gehört ebenso zu den Wundern der neuen Verkehrstechnologie.

Der Haramain-Express ist ein Hochgeschwindigkeitszug, der die Städte im Westen des Königreichs Saudi-Arabien verbindet. Die Kosten für dieses Projekt waren enorm, allein der Streckenbau und die 36 Züge kosteten etwa 6,7 Milliarden Euro. Die maximale Kapazität der Strecke liegt bei 160.000 Reisenden pro Tag und 50 Millionen pro Jahr.

Der Pilger fliegt mit einer Geschwindigkeit von dreihundert Kilometern über die Wüste hinweg. Ein Blick aus dem Fenster auf die archaische Landschaft, lässt den Gedanken an die Mühen und Entbehrungen der alten Reisenden aufkommen. Es ist nicht leicht, zu entscheiden, ob die Privilegien des modernen Reisens die Pilgerreise nur vereinfachen, oder aber der Komfort unsere existentiellen Erfahrungen mindert.

Noch ist der Sieg der Technik über die Natur nicht garantiert. Die klimatischen Bedingungen, unter denen der Betrieb stattfindet, sind extrem. Temperaturschwankungen zwischen +55 °C und −5 °C sind üblich. Etwa die Hälfte der Linie führt durch die Sandwüste mit der Gefahr, dass Dünen auf die Strecke wandern, der Sand diese zuweht und Züge „sandgestrahlt“ werden. Weiter kommt Starkregen vor, der sonst ausgetrocknete Wadis innerhalb kurzer Zeit zu reißenden Gewässern anschwellen lässt. Aber: Unter normalen Umständen verkürzt sich die Reise um viele Stunden.

Seine Reisegeschichten hat Juan Moreno unter dem Titel „Glück ist kein Ort“ veröffentlicht und damit an die innere Dimension jedes echten Reisens erinnert. Natürlich hat sich die Heilige Stadt, zumindest äußerlich, ähnlich dramatisch verändert wie Mekka. Die neuen Hotelbauten haben hier die alten Marktplätze verdrängt. Man kann diese Veränderungen bedauern, aber es ist wichtiger, sich von den spirituellen Zielen der eigenen Reise nicht ablenken zu lassen.

Im rasanten Wandel der Zeit gibt es eine Kontinuität. Zu den Gebetszeiten strömen tausende Muslime in die Moschee. In Wahrheit erlebt man hier – jenseits der äußerlichen Verwandlungen – den andauernden Segen der großen Narrative, die den Islam unberührt vom Wandel der Zeit ausmachen. Die Liebe zum Propheten und das gemeinsame Gebet schaffen das soziale Band, das die Pilgerreise prägt und letztlich zum Erfolg führt. Bei aller Macht und Faszination der Technik, sie ist nur ein Hilfsmittel, das weder Sinn stiften noch allein unser Leben bestimmen kann.

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