Wie muslimische Initiativen an den Bruchkanten der Globalisierung arbeiten – von Lebensmittelsicherheit bis zum Schutz der gemeinsamen Umwelt.
(iz). Von Dakar bis Dhaka, von der Sahelzone bis Jakarta: In OIC-Staaten entstehen Projekte, die Ernährungssicherheit, Klimaschutz, Armut und Bürgerrechte neu denken – religiös verankert, politisch sensibel und global vernetzt.
Die globale Krisenlage trifft muslimische Gesellschaften in besonderer Weise – als Betroffene von Kriegen, Klimafolgen und Prekarität, aber auch als Akteure, die eigene Antworten formulieren.
In Dorfräten, Klimabüros und Tech-Hubs entstehen Modelle, die Tradition und Innovation miteinander verschalten. Ein Blick auf eine Landschaft, die selten Schlagzeilen macht, aber viel über mögliche Zukünfte verrät.
Wenn heute von Globalisierung die Rede ist, dominieren meist Zahlenkolonnen und Großmachtstrategien. Wer genauer hinsieht, entdeckt daneben eine stille Parallelbewegung: kleine Laboratorien, in denen muslimische Akteure versuchen, die großen Versprechen einer vernetzten Welt gegen ihre eigenen Schattenseiten zu wenden.
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Es sind Orte, an welchen Qur’anverse über Verantwortung für die Schöpfung auf Solartechnik treffen, klassische Zakat-Praxis auf innovative Bezahlsysteme und lokale Gemeinderäte auf globale Klimagipfel.
Eine dieser Ebenen ist die Ernährungssicherheit. Die in Kasachstan ansässige Islamic Organization for Food Security (IOFS), ein Sonderorgan der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC), versucht seit einigen Jahren, die strukturellen Bruchstellen der Agrarsysteme ihrer Mitgliedsstaaten anzugehen.
Sie koordiniert Programme für klimaresiliente Landwirtschaft, Saatgutbanken, Bauernschulungen und regionale Notfallreserven. In der Theorie sollen damit nicht nur akute Hungersituationen besser abgefedert, sondern langfristig Abhängigkeiten von Importen verringert werden. Das ist ein heikler Punkt in Gesellschaften, in denen steigende Brotpreise immer wieder Proteste auslösen.
Auf Arbeitstreffen der IOFS sitzen Agronomen neben Ministern, islamische Wohlfahrtsorganisationen neben Entwicklungsbanken.
Die religiöse Sprache bleibt im Hintergrund, aber sie ist als stiller Referenzrahmen präsent: Die Pflicht, Hunger zu bekämpfen, wird aus klassischen Texten begründet; Zakat und Waqf erscheinen nicht als fromme Randphänomene, sondern als mögliche Bausteine eines „Food-Security-Ökosystems“.
In manchen Mitgliedsstaaten fließen staatliche Programme und religiös organisierte Hilfsgelder in dieselben Projekte – etwa dort, wo Kleinbäuerinnen Zugang zu Krediten, Beratung und Saatgut erhalten, ohne ihre Felder an Konzerne zu verlieren.
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Die ökologische Frage ist parallel längst auf der politischen Bühne der OIC angekommen. Muslimische Staaten haben auf Klimakonferenzen Deklarationen verabschiedet, in denen der Schutz der Schöpfung als religiös begründete Pflicht formuliert wird; Gelehrte und Muftis diskutieren über „grüne“ Fatwas und die Frage, ob Umweltzerstörung als moralische Verfehlung zu fassen ist.
In der Praxis heißt das: Programme zur Wiederaufforstung in Südostasien und Ostafrika, Versuche, Moscheen energieeffizienter zu machen, und Bildungsinitiativen, die Klimafragen in islamischen Religionsunterricht oder Predigten integrieren.
In indonesischen Städten experimentieren „Green Ramadan“-Kampagnen mit Wassersparen, regionalen Produkten und der Reduktion von Plastikmüll, getragen von jungen Aktivistinnen und Aktivisten, die auf soziale Medien setzen und zugleich religiöse Autoritäten in die Pflicht nehmen.
In Sahelstaaten wiederum knüpfen lokale Projekte an traditionelle Nutzungsrechte und Gemeindestrukturen an, wenn es um den Schutz von Weideflächen oder angepasste Anbaumethoden geht. Die Kategorie der „Umweltgerechtigkeit“ trifft hier auf die Erfahrung, dass Klimafolgen und Armut selten zu trennen sind.
An den Rändern urbaner Zentren geht es weniger um Emissionsbilanzen als um das tägliche Überleben. Dort, wo steigende Nahrungsmittelpreise, fragile Lieferketten und Bodendegradation zusammentreffen, greifen Gemeinden auf vertraute Instrumente zurück – Almosenabgaben, Stiftungen, gemeinschaftlich verwaltete Flächen – und füllen sie mit neuen Inhalten.
Zakat wird nicht nur als spontane Mildtätigkeit begriffen, sondern im Sinne einer möglichen Finanzierungsquelle für Gemeinschaftsgärten, Bewässerungsanlagen oder Schulungen zu klimaresilienter Landwirtschaft; manche Projekte koppeln das an digitale Plattformen, die Spendenströme transparenter machen und gezielt in agrarische Vorhaben lenken.
Gleichzeitig verschiebt sich der Ort, an dem muslimische Öffentlichkeit in den OIC-Staaten entsteht. Die Auseinandersetzung mit Umwelt, Armut und Bürgerrechten wandert in soziale Medien, in Webinare, in regionale Konferenzen; sie findet in einer hybriden Sprache zwischen Aktivismus, Theologie und technischer Expertise statt.
Junge IngenieurInnen präsentieren Solarkonzepte für ländliche Kliniken, während Religionspädagogen Unterrichtsmaterialien zur Schöpfungsverantwortung entwickeln. Moscheen, Universitäten und lokale NGOs werden so zu Knotenpunkten, an denen soziale, religiöse und technologische Fragen zusammenlaufen.
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Doch die Spannungen sind sichtbar. Während OIC-Gremien strategische Pläne zur Hungerbekämpfung und Klimaanpassung verabschieden, bleibt in vielen Hauptstädten die Umsetzung hinter den Ankündigungen zurück; Korruption, politische Instabilität und externe Abhängigkeiten bremsen ambitionierte Programme aus.
Religiöse Sprache der Verantwortung trifft auf die Realität von Subventionen für fossile Energieträger, auf die Nachfrage nach billigen Flügen zur Pilgerfahrt, auf Bevölkerungen, die bereits jetzt zwischen Teuerung und Repression leben. Initiativen, die eine „Green Hajj“ propagieren oder Konsumkritik üben, stoßen auf soziale Erwartungen – und auf das Argument, Verzicht sei ein Luxus des globalen Nordens.
Auch in der Bürgerrechtsarbeit zeigt sich diese Ambivalenz. Dieselben Regierungen, die sich auf internationalen Foren als Anwälte der „Klimagerechtigkeit“ oder der „Ernährungssouveränität“ inszenieren, begrenzen zuhause oft Meinungsfreiheit und politische Partizipation.
Umso mehr Bedeutung kommt jenen zivilgesellschaftlichen Akteuren zu, die ökologische und soziale Fragen mit Forderungen nach Transparenz und Mitbestimmung verbinden – etwa dann, wenn sie Landgrabbing anprangern, Wasserprivatisierung kritisieren oder den Zugang zu fruchtbarem Boden als Grundrecht formulieren.
Parallel entstehen im Schatten großer Technologiezentren kleine Innovationsinseln: Start-ups, die islamkonforme Mikrofinanzierung mit agrarischen Projekten koppeln, Apps, die Gläubige zu ressourcenschonenden Alltagspraktiken anleiten, Datenplattformen, die Ernteausfälle und Preisentwicklungen erfassen und Bauern frühzeitig warnen.
Der Begriff „Umma“ wird dort neu codiert – nicht nur als religiöse Gemeinschaft, sondern als transnationale Infrastruktur, über die Wissen, Kapital und politische Impulse zirkulieren.