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Warum die Hadsch lebenswichtig ist

hajj Mekka Kaaba

Einige grundlegende Anmerkungen zur großen Pilgerfahrt. Die Hadsch bringt Menschen aus aller Welt zusammen. (iz). Allah sagt in Seinem Edlen Buch: „Und rufe unter den Menschen die Pilgerfahrt aus, so […]

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Auf der Pilgerreise: Glaube in Zeiten technologischer Veränderung

Für die Pilgerreise nutzt die saudische Regierung den Fortschritt, um den großen Zustrom in der Moderne zu organisieren.

(iz). Religionen, mit ihren vielfältigen Formen der Glaubensausübung, existieren nicht außerhalb der Zeit. Der rasante Wandel einer von Technik geprägten Welt zwingt alle Glaubensgemeinschaften immer wieder zu Anpassungen ihrer Praktiken

Der Fortschritt des 21. Jahrhunderts zeigt sich in der Möglichkeit der Erhebung und Nutzung von Daten von Millionen Menschen, dem, zumindest aus ökonomischer Sicht, eigentlichen Rohstoff unserer Zeit.

Foto: Paman Ahari, Shutterstock

Was bedeutet die Pilgerreise in dieser Zeit

Der Philosoph Byung-Chul Han sieht in dieser Entwicklung die Gefahr, dass die großen Überlieferungen der Menschheitsgeschichte ihre Wirkungsmacht verlieren und sich in belanglose Informationen verwandeln könnten. „Der Übergang vom Mythos zum Dataismus ist der Übergang von der Erzählung zur reinen Zählung“ schreibt er in seinem Buch „Rituale“.

Nach wie vor finden aber Millionen von Gläubigen in ihren Praktiken, Traditionen und Ritualen den Kern und Sinn ihrer Existenz. Allerdings können sie sich dem technologischen Wandel nicht entziehen.

In Zeiten der Pandemie greifen viele Gesetze, Verordnungen und Regeln in den Alltag der Religionsausübung ein. In den Moscheen wird mit Abstand und der Achtung neuer Hygieneregeln gebetet, die gewohnten Versammlungen und Lehrveranstaltungen werden durch Zoom-Konferenzen ersetzt. Dabei erleben die Nutzer schmerzlich, dass die digitale Kommunikation keine echten Beziehungen, sondern allenfalls Verbindungen herstellt.

Soziale Begegnung und direkter Austausch verhindern, dass die Muslime, in einer nur noch abstrakt erfahrenen Religion, ihren wesentlichen Zusammenhalt verlieren. Die aktuelle Gesundheitskrise hat die Bedeutung der virtuellen und technologischen Welt eher gestärkt als gemindert. Die großen Internet-Konzerne gehören zweifellos zu den Gewinnern dieser Zeit. Die solidarische Gesellschaft steht vor ungeahnten Herausforderungen.

Foto: Taste of Cinema, via Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Spannungsverhältnis zwischen Technik, Wissenschaft und religiöser Erfahrung

Das Spannungsverhältnis zwischen Technik, Wissenschaft und religiöser Erfahrung im Islam besteht schon länger. Die Zakat, um ein Beispiel zu nennen, wurde über Jahrhunderte von einer Autorität unmittelbar erhoben und verteilt. Heute hat sich die unpersönliche Zahlung per Banküberweisung durchgesetzt. Die Sichtung des Mondes, die Feststellung von Anfang und Ende der Fastenzeit, wurde traditionell durch die Berichte von Augenzeugen ausgelöst.

Schon länger scheiden sich die Geister, ob eine Sichtung des Mondes durch Computerprogramme, im Rahmen einer abstrakten Raumvorstellung den existentiellen Sinn der Mondsichtung ersetzen kann. Die Frage, wie sich die Nutzung technischer Instrumente auf unser Erkenntnisverfahren auswirkt, beschäftigte schon Goethe.

Teil seiner geistigen Morphologie war, wie Rüdiger Görner schreibt, dass „der Sinn der Natur sich nur auf sinnliche Weise erfassen lasse.“ Der Dichter flüchtete angesichts der Dominanz abstrakter Modelle in der Forschung vor der Sinnentleerung des Daseins.

„Rituale lassen sich als symbolische Techniken der Einhausung definieren. Sie verwandeln das In-der-Welt-Sein in ein Zuhause-Sein“, so beschreibt Han dagegen die Bedeutung alter religiöser oder philosophischer Traditionen. Das Zusammenspiel zwischen Technik und Glaubensausübung lässt sich an der Erfahrung der Pilgerreise, eine der Säulen des Islam, beobachten.

Hadsch Mina

Foto: Library of Congress, Public Domain

Muslime entdecken auf diesem Weg den Zustand der Welt. Wer sich Bilder von den heiligen Stätten aus den letzten Jahrhunderten anschaut, wird den Wandel von Raum und Zeit erkennen. Technologische und ökonomische Projekte lassen den Ritus an sich unverändert, dennoch greifen die neuen Rahmenbedingungen in die Erfahrung der Gläubigen ein.

Die saudische Regierung nutzt heute den Fortschritt, um den großen Zustrom der Pilger aus aller Welt in der Moderne zu organisieren. Nach dem Ende des Ölzeitalters gehört der Tourismus zu den Hoffnungen einer neuen ökonomischen Zukunft. Dabei muss man sich grundsätzlich erinnern, dass Pilger und Touristen zwei verschiedenen Ordnungen angehören.

Urlauber durchreisen Nicht-Orte, suchen nicht nach Sinn, sondern konsumieren und erholen sich, während die Pilger von jeher an Orte gebunden sind, die Menschen versammeln und verbinden.

hadsch

Foto: Archiv

Der Pilger ist eine Figur, die sich im Laufe der Zeit wandelt. Den Gestaltwandel erfährt der Journalist Juan Moreno auf seinem Gang auf dem Jakobsweg. Der alte Pilgerweg im Norden Spaniens hat seine ursprüngliche Einsamkeit verloren und ist heute ein touristisches Großprojekt. „Das Internet hat das Pilgern verändert. Mehr als jeder Souvenirladen!“, beklagt der Reiseschriftsteller.

Angesichts der allgegenwärtigen Mobiltelefone, das von allen Reisenden, unabhängig der Konfession, genutzt wird, stellt er fest: „Abtauchen aus der realen Welt verlangt Mut, erstaunlich viele bekommen das hin. Es aber gleichzeitig aus der virtuellen Welt zu tun, das ist zu viel verlangt.“

Eine Reise nach Saudi-Arabien ist ohne ein Smartphone längst undenkbar geworden. Die Pilger informieren sich mit ihren Telefonen über die Details der Rituale, versenden Bilder in alle Welt, buchen ihre Zimmer oder Flüge und navigieren sich so durch ihre Unternehmung. Hinzu kommen die Apps, die den eigenen Impfstatus nachweisen und den Zugang zu den wichtigsten Stationen der Pilgerreise beschränken.

Im Alltag muss der Reisende seine Erlaubnis an jedem Ort vorweisen und auch der Besuch von Mekka und Medina folgt der Logik von Algorithmen. Der Vorteil ist, dass man auf diese Weise die Besucherströme steuert und die Infektion von vielen Gläubigen verhindert. Immerhin hat man sich an das ungewohnte Verfahren gewöhnt, kann man ohne großes Gedränge das Ritual vollziehen.

Das Dilemma der Verantwortlichen ist greifbar: Die Reise soll für Millionen von Gläubigen sicher und komfortabel sein, dabei gilt es die negativen Folgen des Massentourismus zu vermeiden. Seit Jahrzehnten ist die Region eine große Baustelle.

Foto: Ishan Seefromthesky

Alles überragender Clock Tower

In Mekka gehörte der alles überragende „Clock Tower“ zu den gigantischsten Bauprojekten im arabischen Raum. Allein die Minutenzeiger sind 22 Meter lang. Die Uhr ist ein Symbol, das auch der Pilger sich der verrechneten Zeit nicht mehr entziehen kann. Genau gilt dies für die ökonomischen Parameter unserer Epoche.

Das Terrain um die heilige Stätte bildet heute den teuersten Immobilienmarkt der Welt. Nächstes Jahr öffnen die „Abraj Kudai Towers“ in Mekka. Dieses Hotel-Projekt mit etwa zehntausend Zimmern wird aus zwölf Türmen bestehen, in denen Unterkünfte, Apartments, ein Einkaufszentrum, Restaurants und Food Courts untergebracht werden. Die Steuerung der Massen wird auch nach dem Ende der Pandemie eine Herausforderung für die Organisatoren bleiben.

Neben der wachsenden Zahl der Reisenden gehört zu den größten Innovationen des modernen Pilgerns die Überwindung von Entfernungen in kürzester Zeit. Die Anreise im Flugzeug erlaubt keine langsame Annäherung an den Höhepunkt des eigenen religiösen Daseins. Die Bahnlinie zwischen Mekka und Medina gehört ebenso zu den Wundern der neuen Verkehrstechnologie.

Der Haramain-Express ist ein Hochgeschwindigkeitszug, der die Städte im Westen des Königreichs Saudi-Arabien verbindet. Die Kosten für dieses Projekt waren enorm, allein der Streckenbau und die 36 Züge kosteten etwa 6,7 Milliarden Euro. Die maximale Kapazität der Strecke liegt bei 160.000 Reisenden pro Tag und 50 Millionen pro Jahr.

Der Pilger fliegt mit einer Geschwindigkeit von dreihundert Kilometern über die Wüste hinweg. Ein Blick aus dem Fenster auf die archaische Landschaft, lässt den Gedanken an die Mühen und Entbehrungen der alten Reisenden aufkommen. Es ist nicht leicht, zu entscheiden, ob die Privilegien des modernen Reisens die Pilgerreise nur vereinfachen, oder aber der Komfort unsere existentiellen Erfahrungen mindert.

Noch ist der Sieg der Technik über die Natur nicht garantiert. Die klimatischen Bedingungen, unter denen der Betrieb stattfindet, sind extrem. Temperaturschwankungen zwischen +55 °C und −5 °C sind üblich. Etwa die Hälfte der Linie führt durch die Sandwüste mit der Gefahr, dass Dünen auf die Strecke wandern, der Sand diese zuweht und Züge „sandgestrahlt“ werden. Weiter kommt Starkregen vor, der sonst ausgetrocknete Wadis innerhalb kurzer Zeit zu reißenden Gewässern anschwellen lässt. Aber: Unter normalen Umständen verkürzt sich die Reise um viele Stunden.

Seine Reisegeschichten hat Juan Moreno unter dem Titel „Glück ist kein Ort“ veröffentlicht und damit an die innere Dimension jedes echten Reisens erinnert. Natürlich hat sich die Heilige Stadt, zumindest äußerlich, ähnlich dramatisch verändert wie Mekka. Die neuen Hotelbauten haben hier die alten Marktplätze verdrängt. Man kann diese Veränderungen bedauern, aber es ist wichtiger, sich von den spirituellen Zielen der eigenen Reise nicht ablenken zu lassen.

Im rasanten Wandel der Zeit gibt es eine Kontinuität. Zu den Gebetszeiten strömen tausende Muslime in die Moschee. In Wahrheit erlebt man hier – jenseits der äußerlichen Verwandlungen – den andauernden Segen der großen Narrative, die den Islam unberührt vom Wandel der Zeit ausmachen. Die Liebe zum Propheten und das gemeinsame Gebet schaffen das soziale Band, das die Pilgerreise prägt und letztlich zum Erfolg führt. Bei aller Macht und Faszination der Technik, sie ist nur ein Hilfsmittel, das weder Sinn stiften noch allein unser Leben bestimmen kann.

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Franz Kafka oder der endlose Prozess

kafka

Die Schriften von Franz Kafka faszinieren bis heute – warum eigentlich?

(iz). Der Begriff „kafkaesk“ ist mit dem Werk des Schriftstellers Franz Kafka verbunden und wird oft verwendet, um eine surreale, beklemmende oder absurde Situation zu beschreiben, die durch eine unerklärliche Komplexität, eine undurchdringliche Bürokratie oder eine scheinbar sinnlose Existenz geprägt ist.

Seine Werke, wie „Die Verwandlung“, „Der Prozess“ oder „Das Schloss“ gehören zur Weltliteratur und sind berühmt für seine rätselhafte Darstellungen von menschlichen Ausnahmesituationen. Die „makellose Prosa“, wie Rüdiger Safranski in seiner neuen Biografie schreibt, spiegelt die Abgründe des 20. Jahrhunderts und damit „die Metaphysik im Augenblick ihres Verschwindens“.

Frank Kafka oder der endlose Prozess

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne, dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“. Mit diesem Satz beginnt „Der Prozess“, ein Roman, der von Kafka posthum veröffentlicht wurde und zu seinen bekanntesten Werken zählt. Es handelt sich um eine komplexe Erzählung über einen Mann, der ohne ersichtlichen Grund verhaftet und vor Gericht gestellt wird.

Im Verlauf der Handlung wird er mit einem undurchdringlichen System von Gerichtsverfahren und Bürokratie konfrontiert. Ein Beamter teilt ihm zunächst nur lapidar mit: „Unsere Behörde, soweit ich sie kenne, und ich kenne nur die niedrigsten Grade, sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird, wie es im Gesetz heißt, von der Schuld angezogen und muss uns Wächter ausschicken.“ 

Das Labyrinth, in das der Protagonist eintritt, hat tatsächlich wenig mit einem Rechtsstaat zu tun. Die namenlosen Richter und Staatsanwälte verstecken sich auf Dachböden, verhandeln in Hinterzimmern und vernünftiger anwaltlicher Rat ist ebenso wenig zu bekommen. So schafft die Geschichte eine Stimmung, die zwischen Albtraum und Realsatire angesiedelt ist und existentielle Fragen rund um die Schuld, das Gesetz und die Ordnung aufwirft.

Warum Franz Kafka bis heute in seinen Bann zieht, ergibt sich aus den zahlreichen Berührungspunkten mit modernen Themen: die Natur der Autorität, die Machtlosigkeit des Einzelnen, die Suche nach Sinn und Identität sowie die Vergeblichkeit menschlicher Bemühungen, die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal zu erlangen.

Foto: anonym | Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Kafka beschäftigt Philosophen, Psychoanalytiker und Theologen

Derartige Aspekte des Verhältnisses von Bürgern und Obrigkeit erinnern uns heute an die Debatten im Kontext der Pandemie, die Diskussionen über Bürgerrechte oder an die alltäglichen Schicksale von rechtlosen Flüchtlingen. Jenseits dieser politischen und rechtlichen Perspektiven beschäftigt Kafka Philosophen, Psychoanalytiker und Theologen.

Zur Genialität des Autors gehört, dass er sich jeder endgültigen Deutung entzieht. Kafka ist ein Rätsel, das immer wieder neu entschlüsselt werden will.

Sah der Schriftsteller, der „Den Prozess“ zwischen 1914-15 geschrieben hat, die Entstehung totalitärer Staaten voraus? Diese Frage beschäftigt die Kommentatoren bis heute. Dafür spricht die unheimliche Atmosphäre des Romans, der die Rechtlosigkeit und das Ausgeliefertsein des Einzelnen gegenüber einem System beschreibt.

Die Eingaben von Josef K. zu seiner Verteidigung werden vom Gericht nicht gelesen. „Man legt sie einfach zu den Akten und weise darauf hin, dass vorläufig die Einvernahme und Beobachtung des Angeklagten wichtiger sei als alles Geschriebene“. Wer denkt hier nicht an Unrechtsstaaten und an Prozesse, die heute Regimekritiker aus unterschiedlichsten Lagern betreffen?

In Frankreich ruft der Intellektuelle Geoffroy de Lagasnerie dazu auf, der Interpretation Kafkas als einen frühen Mahner für den Rechtsstaat, mit Misstrauen zu begegnen. „Indem uns mit der Schilderung einer Welt Angst gemacht wird, in der das Gesetz unsichtbar und unbestimmt ist, weckt sie in uns den Wunsch, in einem Regime zu leben, indem das Gesetz geschrieben, feststehend und öffentlich ist – das heißt, in der Welt zu leben, in der wir bereits leben.“

De Lagasnerie befürchtet, dass wir uns so über die Krisen des Rechts, die zur Moderne und unseren Demokratien gehört, hinwegtäuschen. Wir sind nicht schon gute Demokraten, weil es die anderen nicht sind. Und: Nicht wenige Muslime, an der Schnittstelle von Recht und Politik bzw. Leben und Offenbarung fürchten sich vor der kafkaesken Situation, wegen ihrer Lebenspraxis in der Demokratie permanent unter Verdacht zu geraten.

Vor dem Gesetz

Giorgio Agamben widmet in seinem Buch „Homo Sacer“, das das „nackte Leben“ in der Moderne, aus politisch-theologischer Sicht beschreibt, dem Werk Kafkas einige Seiten. Besonders interessiert den Philosophen die Legende „vor dem Gesetz“, die ein Geistlicher am Ende des Romans dem Angeklagten erzählt. In der Parabel hindert ein Türhüter den Mann vom Lande scheinbar daran, durch die offene Tür des Gesetzes einzutreten. Jahrelang verharrt er gebannt vor der Tür, bis ihm kurz vor seinem Tod mitgeteilt wird, dass diese nur für ihn offen war und sie jetzt verschlossen wird.

Für Agamben offenbart die Legende die reine Form des Gesetzes, die sich gerade an dem Punkt am stärksten erweist, wo es nichts mehr vorschreibt, das heißt reiner Bann ist. Hier zeigt sich die paradoxe Wirkung einer „Geltung ohne Bedeutung“. Man kann an dieser Stelle streiten, ob in dieser typisch-kafkaesken Situation das Leben und das Gesetz in einem Ausnahmezustand einfach ununterscheidbar werden oder aber das alte Recht sich in einem modernen Nihilismus auflöst.

Foto: Mondadori Portfolio | Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

„Der Prozess“ als Mahnung

Aus theologischer Sicht kann man die Parabel als eine Mahnung lesen, immer nach der Bedeutung des Rechts zu suchen und nicht nur eine kalte Gesetzesreligion zu praktizieren oder zu akzeptieren. Im Islam ergibt sich diese Maxime aus dem Dreiklang von Islam, Iman und Ihsan.

Die unzähligen politischen Interpretationsansätze, die im Umlauf sind, treffen auch auf Kritik. Der Vorwurf liegt darin, dass sich diese Auslegungen zu weit vom Werk des Autors entfernen. Und es stimmt: Die Lage von Josef K. ergibt sich gerade nicht nur aus einem äußeren politischen Zwang oder aus der Faktizität einer Diktatur. In den folgenden Worten des Geistlichen – an den Angeklagten gerichtet – wird dies deutlich: „Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entlässt dich, wenn du gehst.“

Es ist ein innerer Zustand, ein Schuldgefühl, dass den Prozess auslöst. Biografisch verarbeitet der Autor im Text tiefe Schuldgefühle, die sich aus einer gescheiterten Beziehung mit seiner Verlobten Felice ergaben. Die Beziehung („ich kann nicht mit ihr und nicht ohne sie leben“) endet – aus Sicht des Verzweifelten – in einem Gerichtsverfahren mit den Angehörigen seiner Geliebten.

In seiner Dissertation „Beschreibung einer Form“ widmet sich der Schriftsteller Martin Walser einer textimmanenten Auslegung. Er erinnert daran, dass bei Kafka nicht nur der Erzähler, sondern auch ein zeitlich fixierbarer Punkt aus dem erzählt wird, fehlt. „Da der Vorgang selbst außerhalb jeder bekannten Vergangenheit spielt, gewinnen diese Romane eine Gegenwärtigkeit, die der epischen Dichtung sonst fremd ist.“

Für ihn spielt Kafkas Werk außerhalb jeder bekannten historischen Vergangenheit oder Gegenwart. In diesem Sinne handelt es sich um keinen Roman, der eine politische Entwicklung beschreibt oder voraussieht, sondern um eine Darstellung einer Totalität, die zeitlos gilt. Kafkas Figuren erfahren keinen Fortschritt ihres Charakters, sie drehen sich in ihrer Einsamkeit endlos im Kreis. 

Furcht vs. Angst

Ein wichtiger Aspekt zum Verständnis dieser Literatur ist die philosophische Unterscheidung von Furcht und Angst. Es ist keine konkrete Furcht, die die Figuren Kafkas bestimmt, eher beschreibt Kafka die Angst, die das Bewusstwerden ihres eigenen Daseins auslöst. In seinem 1927 erschienenen Werk „Sein und Zeit“ definiert Martin Heidegger diese bedrohliche Stimmung wie folgt: „Das Drohende kann sich (…) nicht aus einer bestimmten Richtung (…) nähern, es ist schon da – und doch nirgends, es ist so nah, dass es beengt und einem den Atem verschlägt – und doch nirgends.“

Der Philosoph fasst die existentielle Situation des Menschen zusammen: „Wenn sich demnach als das Wovor der Angst das Nichts, das heißt die Welt als solche herausstellt, dann besagt das: wovor die Angst sich ängstigt, ist das In-der-Welt-sein selbst.“ Das Gefühl der Unheimlichkeit, in einer modernen Welt, die versucht ohne Metaphysik und letzte Wahrheiten auszukommen, beschäftigt hier den Philosophen und den Schriftsteller. 

Warum fasziniert das Werk Franz Kafkas bis heute eine so große Zahl von LeserInnen? Ohne Frage können wir von Kafka ausgehend die Problematik moderner Systeme, die Gefahr drohender Rechtlosigkeit oder die Furcht, die von der Möglichkeit totalitärer Bürokratien ausgeht, besser verstehen. Wir wissen, gerade wenn wir Kafka studieren, dass die Komplexität der Moderne sich einfachen Erklärungsmodellen verschließt.

Übersehen dürfen wir nicht, dass der Schriftsteller keine endgültigen Deutungen anbietet und somit niemals eine endgültige Interpretation seiner Erzählungen möglich ist. Es ist genau diese zweifelnde Ungewissheit, die er seinen Lesern zumuten will. Entscheidend sind in diesem Sinne die philosophischen und theologischen Impulse, die von den Werken Kafkas ausgehen. Hier geht es um etwas Grundsätzliches, Persönliches.

Die Atmosphäre der Not, die den Menschen befällt, wenn er weder an ein metaphysisches Gesetz glaubt noch seine Angst vor den Abgründen seines Daseins überwinden kann, ist dem modernen Menschen wohlbekannt. Zeitlebens beschäftigte sich Kafka mit seinen jüdischen Wurzeln und – wenn auch eher vergeblich – mit der Möglichkeit einer religiösen Sinnstiftung. Für ihn war diese Suche nach einem Trost Lebensinhalt, den er schließlich im Schreiben fand: „Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.“

Wie lässt sich die Botschaft des Qur’an übertragen?

botschaft

Ein Debattenbeitrag über den Qur’an, dessen Botschaft und seine vermeintlichen Übersetzer.

(iz). Wahrscheinlich ist der Qur’an im 21. Jahrhundert nicht nur zum auflagenstärksten Buch, sondern inzwischen auch zum meistübersetzten auf dem Globus geworden. Allein im deutschen Buchhandel werden aktuell bis zu über 20 verschiedene Übersetzungen angeboten.

Für den westlichen Leser bleibt er nach wie vor eine große Herausforderung, die grundlegende Schrift einer Weltreligion inhaltlich zu erschließen. Um es mit den Worten von Bruce Lawrence zu sagen: „Der Qur’an ist ein Buch wie kein anderes.“ Das liegt vor allem daran, dass er im engeren Sinne nicht übersetzbar ist und deshalb die Bezeichnung „Qur’an“ nur der arabische Text verdient.

Die Botschaft übertragen

In der Tat ist jede Übersetzung streng genommen auch eine Interpretation des Übersetzers, was letztlich nur eine verkürzte Darstellung des Originaltextes ist. Weshalb auch in absehbarer Zukunft alle Übersetzungen zum Scheitern verdammt zu sein scheinen, wird von Hanz Zirker, der den Qur’an selbst ins Deutsche übertragen hat, nachdrücklich veranschaulicht:

„Nach islamischer Überzeugung erschließt sich der unvergleichliche Rang des Qur’an im ästhetischen Erleben. In dieser Hinsicht gerät jede Übersetzung schnell an ihre Grenzen. Die arabischen Wort- und Satzformen des Originals gehen in ihr verloren; der originale Klangkörper ist nicht übertragbar. Die Erfahrung, dass der Qur’an primär nicht geschrieben-gelesenes, sondern rezitiert-gehörtes Buch ist, kann in keiner anderen Sprache vermittelt werden.

Foto: Archiv

Dies heißt aber nicht, dass die Übersetzung sich darauf beschränken müsste, einigermaßen den semantischen Gehalt des Qur’an, das in ihm Gemeinte, zu treffen, als ob er ein dogmatisches Lehrbuch, ein Katechismus, eine Rechtssammlung oder ähnliches wäre.

Seine Sprache lebt entscheidend auch von ihren vielfältigen kommunikativen Strukturen, rhetorischen Gesten, paränetischen Ausdrucksformen, szenischen Skizzen, Rollenzitaten, antiphonischen Wechselreden, Zwischenfragen und Zwischenrufen, Satzbrüchen, kommentierenden Anmerkungen, emphatischen Klauseln usw. Dies soll möglichst deutlich zu erkennen sein.“

Einzigartig

Demgemäß ist Allahs Buch einzigartig in seinem Stil, Syntax und Sprache, was ausnahmslos von allen Philologen anerkannt wird, die sich mit der arabischen Fachliteratur beschäftigen.

Selbst ein säkularer Qur’an-Wissenschaftler wie Nasr Hamid Abu Zaid (gest. 2010) musste nach jahrzehnterlanger Forschung schließlich eingestehen, dass die Sprache des Qur’ans nicht nur arabische Muslime sinnlich berührt, sondern dass auch arabische Christen von dieser unnachahmlichen sprachlichen Schönheit Iʿdschaz (dt. unfähig zu machen) ohnehin berührt sind.

Jacques Berque (gest. 1995), der ohne Zweifel zu den bedeutendsten Orientalisten des 20. Jahrhunderts gehörte, bemerkt dazu in Bezug auf den Iʿdschaz an: „Man muss jedoch nicht unbedingt Muslim sein, um die einzigartige Schönheit, den Reichtum und die universale Bedeutung des Qur’antextes zu empfinden.“ 

In der Tat kann sich auch ein Nichtmuslim von der Faszination der poetischen Sprachgewalt der Schrift nicht entziehen, wie dies unter anderem von Johan Wolfgang von Goethe (gest. 1832) wie folgt beschrieben wurde: „(…) grenzenlose Tautologien und Wiederholungen bilden den Körper dieses Heiligen Buches, das uns, sooft wir auch darangehen, immer von neuem anwidert, dann aber anzieht, in Erstaunen setzt und am Ende Verehrung abnötigt.“

Foto: Osman Hamdi Bey, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Bisherige Unzulänglichkeiten

Dennoch gab es seitens von traditionellen Muslimen in der Vergangenheit einen erheblichen Widerstand gegen jegliche Übersetzungen, da sie nicht dieselbe linguistische Wirkung wie das Original in arabischer Sprache vermitteln kann.

Als prominentes Beispiel für die Unzulänglichkeit einer Übersetzung, kann hier die Anekdote des ehemaligen CDU-Politikers Christian Abdul Hadi Hoffmann (gest. 2015) angeführt werden. Aus Interesse, um den Islam besser zu verstehen, kaufte dieser in einer Buchhandlung eine deutsche Qur’an-Übersetzung. Nach geraumer Zeit stellte sich jedoch heraus, dass die Übersetzung alles andere als gut war: 

„Schon beim Kauf machte ich aus Unwissenheit einen schweren Fehler: Ich kaufte eine völlig unkommentierte Ausgabe, in der Annahme, ich könne die Aussagen schon verstehen und in ihrer Bedeutung richtig erkennen. Heute weiß ich, dass auch der deutsche Text schlecht war, und ich kann nur dankbar sein, dass ich durch dieses Experiment nicht in die Irre gegangen bin.“

In diesem Zusammenhang kritisiert der Islamwissenschaftler Stefan Weidner die Übersetzungsarbeit dahingehend, dass die deutschen Übersetzungen fast ausnahmslos von keinem fachspezifischen Übersetzer übersetzt wurden: „Alle Qur’an-Übersetzer, die neuen wie die alten, Rückert ausgenommen, sind keine Übersetzer, geschweige denn erfahrene. Sie sind immer nur und allein Qur’an-Übersetzer und ansonsten Akademiker (…).“

grammatik

Foto: Madrassa Wazzania, Larache/Norwich

Sprachliche Besonderheiten

In diesem Fall sollte noch berücksichtigt werden, dass die arabische Sprache im Vergleich zu der deutschen besondere Merkmale aufweist, deren Kenntnisnahme von grundlegender Bedeutung ist. Denn im Qur’an sind Wörter und Sinn derart verbunden, dass keine Übertragung den wahren Sinn im eigentlichen Sinne erfassen kann.

Das Arabische kann verschiedene Bedeutungen beinhalten, wobei jedes Wort auf andere Begriffe hindeuten und somit inhaltliche Beziehungen zu anderen Begriffsebenen ausgedrückt werden können.

Aufgrund dieser Vielschichtigkeit seiner Bedeutungsebene werden die Ritualgebete nur auf Arabisch rezitiert. In seinem Buch „Der Islam im 3. Jahrtausend – Eine Religion im Aufbruch“ bringt Murad Wilfried Hofmann in wenigen Sätzen diese Begebenheit treffend auf den Punkt: „Das Arabische ist fähig, zeitlich unbestimmte Aussagen zu machen, wofür wir uns etwa mit ‘es war’, ‘es ist’ und ‘es wird sein’ behelfen müssten. Ferner kann man in dieser Sprache künftige Ereignisse, deren Eintreten gewiss ist, als bereits geschehen in der Vergangenheitsform aussagen. Schließlich kann jedes arabische Wort in acht verschiedene Modalitäten gebracht werden, ob die dabei entstehende Bedeutung in der realen Welt möglich ist oder nicht. Dies qualifiziert das Arabische besonders für philosophisch-spekulatives und wissenschaftlich-hypothetisches Denken.“

Auch Schimmel winkte ab

Obwohl die Nestorin der deutschen Islamwissenschaft Annemarie Schimmel (gest. 2003), sämtliche Bücher und Texte aus dem Arabischen übersetzte, gestand sie sich unverhohlen ein: 

„Ich bin immer wieder gefragt worden, ob ich nicht den Qur’an übersetzen wolle. Doch das traue ich mir nicht zu. Um wirklich so weit wie möglich den Ton zu treffen, müsste ich die gesamten Kommentare gelesen und mein ganzes Leben ausschließlich den Qur’an studiert haben. Allein vor dem Hintergrund meiner philologischen und islamkundlichen Erfahrungen würde ich es nicht wagen.“

Der Qur’an ist das erste Buch, das in arabischer Sprache geschrieben wurde. Die Verehrung in seiner Originalsprache hat ohne weiteres bewirkt, dass sich das Arabische seit Beginn der Offenbarung nicht ausschlaggebend verändert hat. Sein Wortschatz ist nach wie vor auch heute noch Umgangssprache.

Dennoch ist seine Übersetzung von wesentlicher Bedeutung, um zumindest seine „ungefähre Bedeutung“ den nicht Arabisch sprechenden Menschen in seinen wesentlichen Zügen zu vermitteln. Die Bandbreite dieser Übersetzungen scheinen eine enorme Herausforderung zu sein, indem zwischen poetischen und nichtpoetischen Übersetzungen zu unterscheiden ist. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Auch die gelungenste Übersetzung könnte nicht die rhetorische Wucht, die Dynamik seiner Alliteration und die Beschleunigung oder Verlangsamung des Rhythmus auch nur adäquat wiedergeben.

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Ramadan 2024: „eine Zeit des Wandels“

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„IZ-Begegnung“ mit dem Gelehrten Asadullah Yate über Bedeutung und Erfahrung des Fastens im Ramadan. (iz). Obwohl wir täglich in sämtlichen Medien mit diversesten „Islamdebatten“ konfrontiert werden, stoßen nur die wenigsten […]

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Beschäftigung mit Eva: zwei Arten des Wissens

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In der Reflexion über die Rolle von Eva wird die weibliche Perspektive wichtig. Ich habe es immer für eine Tatsache gehalten, dass Eva aus Adams Rippe erschaffen wurde. In der […]

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Wem gehört Rumi?

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Caspar David Friedrich und sein rätselhaftes Werk: Anfang der modernen Kunst?

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Pilgerfahrt: ein Überblick über ihre Rituale und Bedeutungen

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Die Pilgerfahrt (Hadsch) ist eine der Fünf Säulen des Islam. Jeder Muslim sollte sie, wenn möglich, einmal im Leben absolviert haben. „Ihr, die ihr Iman habt, beugt euch und werft […]

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