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Wenn das Begehren schweigt

Begehren ehe

Schwindendes Begehren in der Ehe verstehen und heilsam begegnen. Eine Kolumne der Sexualtherapeutin & Sexualpädagogin Magdalena Zidi.

„Und Er ist es, Der euch aus einem einzigen Wesen erschaffen hat, und daraus machte Er seinen Partner, damit er bei ihr Ruhe finde.“ (Al-‘Araf, Sure 7, 189)

(iz). Sexuelle Lust ist kein ständiger Zustand. Sie kommt und geht, sie verändert sich im Lauf des Lebens – manchmal blüht sie auf, manchmal zieht sie sich zurück. Für viele muslimische Ehepaare ist es dennoch erschütternd, wenn das sexuelle Verlangen ganz ausbleibt.

Was bleibt, ist oft eine Mischung aus Scham, Unsicherheit und Sorge – vor allem, wenn darüber nicht gesprochen wird. In meiner Praxis als Sexualtherapeutin und Sexualpädagogin begegnet mir dieses Thema sehr häufig: „Ich liebe meinen Partner, aber ich habe keine Lust auf Nähe oder Intimität. Was ist los mit mir? Bin ich falsch?“

Nein, du bist nicht falsch. Du bist Mensch. Lust ist lebendig. Sie braucht bestimmte Bedingungen, um sich zu zeigen – und manchmal zieht sie sich zurück, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind.

In diesem Beitrag lade ich dich ein, das Thema Lustlosigkeit neu zu betrachten – mit mehr Mitgefühl, mehr Wissen und einer tieferen Verbindung zur islamischen Lebensweisheit. Denn Intimität ist mehr als nur ein körperlicher Akt. Sie ist ein Raum für Liebe, Fürsorge und gegenseitige Barmherzigkeit.

Was bedeutet das?

Lustlosigkeit bedeutet nicht, dass etwas „kaputt“ ist. Es heißt lediglich, dass ein Teil in uns gerade still ist. Vielleicht ist der Alltag zu laut. Vielleicht ist der Körper erschöpft. Vielleicht wartet die Seele auf Zärtlichkeit, bevor sie sich öffnen kann. Lustlosigkeit ist also kein Zeichen von „Fehlfunktion“, sondern oft ein wichtiges inneres Signal.

Manche Menschen spüren, dass der Wunsch nach Sexualität abnimmt – nicht plötzlich, sondern schleichend. Andere merken, dass der Gedanke an Intimität mit Anspannung oder Unwohlsein verbunden ist. Wieder andere erleben ihre eigene Sexualität nur noch wie eine Pflicht – funktional, aber leer.

All das sind Ausdrucksformen eines Bedürfnisses, das gesehen werden möchte: das Bedürfnis nach Verbindung, Sicherheit, Selbstwirksamkeit, innerer Ruhe – oder manchmal auch schlicht nach Pause.

Woran kann es liegen?

Lust ist ein sehr sensibles Zusammenspiel zwischen Körper, Emotionen und Kontext. Wenn ein Teil aus dem Gleichgewicht gerät, wirkt sich das schnell auf unsere sexuelle Wahrnehmung aus.

Einige häufige Einflüsse sind bspw.: Körperliche Veränderungen – hormonelle Schwankungen, etwa nach einer Geburt, während des Zyklus oder in den Wechseljahren. Erschöpfung, Schlafmangel, Stillzeit – besonders bei Eltern von kleinen Kindern. Schmerzen, Verspannungen oder andere körperliche Beschwerden.

hoffnung

Foto: Kelly Sikkema, Unsplash

Emotionale Belastungen – Stress im Alltag oder im Beruf. Unerledigte Konflikte in der Beziehung. Innere Verletzungen, die nicht ausgesprochen wurden. Geringes Selbstwertgefühl oder Scham rund um den eigenen Körper. Vergangene Gewalterfahrungen oder Traumata.

Religiöse Prägungen und Unsicherheiten – viele von uns sind mit einem Verständnis von Sexualität aufgewachsen, das von Verboten, Scham und Schweigen geprägt war. Wenn dann nach der Eheschließung plötzlich Intimität „erlaubt“ ist, fehlt oft das innere Ja dazu. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Lust automatisch erwacht, nur weil man islamisch verheiratet ist. Die Seele braucht Sicherheit, Erlaubnis und Zeit.

Lust ist lernbar

Lust ist keine Fähigkeit, die man „hat“ oder nicht hat. Sie ist ein Prozess – und sie ist geprägt von Gewohnheiten, Erfahrungen, inneren Haltungen. In der sexualtherapeutischen Begleitung arbeiten wir mit einem sehr wichtigen Gedanken: „Lust ist lernbar. Und du kannst herausfinden, wie du sie bewusst steigern kannst.“

Wenn ein Mensch sich dauerhaft emotional überfordert, innerlich angespannt oder körperlich erschöpft fühlt, wird Lust selten entstehen. Umgekehrt kann sie sich wieder zeigen, wenn Sicherheit, Nähe und Zuwendung wachsen. Das bedeutet: Lust darf wachsen. Sie darf neugierig entdeckt werden. Und sie darf sich verändern – gemeinsam mit dem Leben.

spazieren

Foto: Malik Nalik, Adobe

Was Paare konkret tun können

Redet offen – nicht über den Sex, sondern über euch. Ein liebevolles Gespräch kann die Tür zur Lust wieder öffnen – nicht über Technik oder Frequenz, sondern über Gefühle. „Ich fühle mich dir fern – und ich wünsche mir, dass wir uns wieder näherkommen.“ – „Ich weiß nicht genau, warum ich keine Lust habe, aber ich möchte es verstehen.“

Reden heilt – nicht immer sofort, aber es schafft Verbindung. Und wo Verbindung ist, wächst auch das Begehren.

Entkoppelt Intimität von Erwartungen. Viele Paare haben unbewusste Vorstellungen davon, was „richtiger Sex“ ist. Dabei ist Intimität viel mehr: Zärtlichkeit, Blicke, gemeinsame Rituale, sinnlicher Kontakt ohne Ziel. Vielleicht hilft ein neuer Blick: „Heute Abend nur streicheln, kein Gespräch.“ – „Nur kuscheln – ohne mehr zu wollen.“ – „Ein gemeinsames Bad – einfach, um zusammen zu sein.“

Findet wieder in den Körper zurück. Berührung beginnt nicht im Schlafzimmer, sondern oft im Alltag: eine Umarmung, eine Schulterberührung, ein Kuss beim Abschied. Viele Paare haben diese kleinen Gesten verloren – nicht aus Lieblosigkeit, sondern aus Gewohnheit.

Wieder in den Körper zu finden, bedeutet auch: sich selbst wieder spüren dürfen, Wohlwollen mit dem eigenen Körper lernen, Bewegung, Genuss, Atmen – ohne Funktion – einfach, weil es guttut.

Schafft euch Räume – auch spirituell. Manchmal braucht Lust spirituelle Erlaubnis. Ein inneres „Ja“ dazu, dass auch Sexualität ein Weg zu Nähe mit dem Ehepartner sein darf. Im Islam ist die intime Beziehung Teil des Ehevertrags – aber noch viel mehr: Sie ist ein Ort der Barmherzigkeit. Und sie darf Freude machen.

Hadithe berichten, dass der Prophet, möge Allah ihm Frieden geben und ihn segnen, mit seinen Ehefrauen spielte, lachte, sich parfümierte und zärtlich war. Sexualität war für ihn kein Tabu, sondern ein geschützter Raum für Liebe. Dieses Wissen kann entlasten und heilen.

Und wenn alles zu viel ist? Es ist keine Schwäche, sich Hilfe zu holen. Manchmal sind die Muster so tief eingegraben, dass ein Paar sie allein nicht lösen kann. Oder eine Person trägt alte Wunden in sich, die erst gesehen werden wollen, bevor Lust sich wieder zeigen kann.

In solchen Fällen kann eine sexualtherapeutische oder islam-psychologische Begleitung sehr hilfreich sein. Sie schafft einen sicheren Rahmen – nicht um zu „reparieren“, sondern um mitfühlend zu verstehen, was die Lust zum Schweigen gebracht hat und wie man sie sich wieder aneignen kann.

Fazit: Lust ist keine Pflicht – du kannst sie aber beeinflussen

Im Qur’an heißt es: „Und Er hat zwischen euch Liebe und Barmherzigkeit gesetzt.“ (Ar-Rum, Sure 30, 21)

Diese „Mawadda“ (liebevolle Zuneigung) und „Rahma“ (Barmherzigkeit) sind nicht an sexuelle Leistung gebunden. Sie leben in Blicken, in Geduld, im Wieder-in-Kontakt-Kommen. Lustlosigkeit ist nicht das Ende von Intimität. Sie ist ein Zeichen, dass etwas gesehen werden will. Und wenn wir bereit sind, ihr mit Mitgefühl zu begegnen, kann sie uns zu einer viel tieferen Verbindung führen – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.

* Magdalena Zidi ist Sexual- und Traumapädagogin sowie Sexualtherapeutin. Unter dem Namen „sexOlogisch“ begleitet sie Jugendliche, Eltern und Paare in sensiblen Fragen rund um Körper, Intimität und Beziehung einfühlsam und fachlich fundiert – online wie offline. Mehr zu ihrer Arbeit, ihrem Podcast, Instagram-Kanal und Beratungsangebot unter: www.sexologisch.com

(Hinweis: Der Beitrag ersetzt keine individuelle Beratung. Bei anhaltenden inneren Spannungen rund um das Thema Sexualität kann eine achtsame Begleitung sehr unterstützend sein.)

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Wie eine Scheidung bewältigen?

Scheidung

Trennung und Scheidung sind Islam unbeliebt, aber erlaubt. Wir berichten, wie eine Familie leichter durch sie kommt.

(iz). Als Tamara Poeschke im Rückblick spricht, setzt sie einen klaren Punkt: „Ohne diese Erfahrungen würde ich heute nicht hier sein.“ 2016 wird sie offiziell geschieden, ihre Kinder sind damals knapp fünf Jahre alt und neun Monate. Schon zwei zuvor arbeitet sie als Heilpraktikerin, merkt aber, dass dieser Weg sich erschöpft hat.

Erst die Pandemie wird zum Katalysator: Inmitten von Lockdowns und Unsicherheit fragt sie sich, was ihre Nachkommen aus dieser Zeit mitnehmen sollen – und Menschen überhaupt aus Krisen lernen können.

2020 beginnt sie eine Ausbildung zur Kinder- und Jugendcoachin mit Schwerpunkt Mobbingprävention und steht regelmäßig in Kitas und Schulen. Parallel wächst in der muslimischen Community das Interesse an ihrer persönlichen Geschichte der Scheidung, die sie noch als Nichtmuslima durchlebt hat.

„Ich weiß daher also, wie der Rechtsstaat funktioniert, als auch etwas über den Islam – wobei ich natürlich immer weiterlese und lerne“, sagt sie. Diese doppelte Perspektive wird zur Grundlage ihrer heutigen Arbeit mit Frauen, Paaren und Familien, die mitten in Trennungskrisen stehen. Aus biografischer Erfahrung wird ein beruflicher Fokus, aus schmerzhaften Brüchen ein Angebot für andere.​

Foto: Freepik

Im Zentrum steht ein Thema, das in vielen Gemeinden zwar präsent, allerdings selten offen besprochen wird: Scheidung. „Sie ist erlaubt, aber unbeliebt, wenn nicht sogar verhasst“, sagt Poeschke. In den Kategorien von halal und haram sei sie zulässig, doch an Bedingungen gebunden und eingebettet in einen klaren ethischen Rahmen.

Hiermit beschäftigt sie sich seit mehr als einem Jahr intensiver – mit einem Echo, das sie überrascht: „Der Zuspruch ist erstaunlich groß, damit habe ich nicht gerechnet, als ich damit anfing.“ Sie hatte befürchtet, gegen Wände zu laufen, doch „Allah zeigte mir einen anderen Weg und öffnete mir Türen“.​

Auf ihrer Website beschreibt sie ihre Arbeit mit drei Begriffen: Seelsorge, Coaching und Meditation. Diese, so erklärt sie, habe sie als ausgebildete Meditationstrainerin nach ihrem Übertritt zum Islam teilweise neu justiert. Das regelmäßige Gebet bezeichnet sie als Meditationsform und Übung der Wahrnehmung des eigenen Zustands.​

Seelsorge beginnt dort, wo Menschen erkennen: Ich bin in einer schwierigen Lage und brauche Unterstützung. Poeschke hört zu, ohne zu verurteilen, und versucht ihre Gegenüber in eine innere Zwiesprache zu führen – durch Gebet und die bewusste Wendung an Allah. „Es geht in der Seelsorge darum, ein offenes Ohr zu haben und nicht zu urteilen. Vielen fällt Zuhören extrem schwer“, sagt sie.

Coaching wiederum setzt später an: Menschen kommen mit einem klar formulierten Problem und bitten um Hilfe. „Das bedeutet nicht, dass ich ihre Probleme löse. Vielmehr gebe ich ihnen Werkzeuge an die Hand, mit denen sie arbeiten können.“

Ihr Leitmotiv fasst sie in einem Bild, das sie „Weg des Lebens“ nennt. „Jeder geht auf seinem individuellen von Allah vorgegebenem Weg.“ Zwischen halal und haram liege ein großer Raum für Erfahrungen, Irrtümer und Neuanfänge. Fallen gehöre dazu, wichtig sei der Mut, wieder aufzustehen.

Um das sichtbar zu machen, greift sie zum Beispiel eines Steins: Man stehe davor und müsse entscheiden – bleibt er liegen, wird er zur Seite gerollt oder so lange bearbeitet, bis er in viele kleine Schottersteine zerfällt. „Wenn er das tut, habe ich viele, kleinere Schottersteine oder Stolperfallen“, sagt sie.

Foto: Tamara Poeschke

Es ist ein Bild für die Höhen und Tiefen des Lebens, aber auch für den Prozess von Trennung und Scheidung, der sich in einzelne Abschnitte gliedern lässt – von der ersten Distanz bis zur endgültigen Auflösung.

Aus der Praxis hat sie diese Phasen verdichtet. Poeschke unterscheidet drei Zustände einer Beziehung: Win-Win, Win-Lose und Lose-Lose.

In der Win-Win-Phase gewinnen alle, weil sie sich respektieren, auf Augenhöhe begegnen und über Probleme sprechen. Man fühlt sich sicher und gesehen, Konflikte bleiben bearbeitbar. „Damit jeder gewinnen kann, hört der eine zu und versucht, sein Gegenüber zu verstehen“, beschreibt sie.

Kommt es dennoch zum Streit, kann eine kurze Unterbrechung – „Ich gehe kurz fünf Minuten raus und lass uns gleich wieder treffen“ – die Beziehung erneut in einen gesunden Dialog zurückführen.

Die zweite Phase markiert ein Kippen: Aus Win-Win wird Win-Lose. Ein kleineres Machtgefälle entsteht, eine Seite profitiert, die andere verliert. 

Tamara Poeschke nennt als Beispiel: „Deine Kindererziehung gefällt mir nicht!“, sagt eine Person, und der Partner sieht das Problem nicht. Man kann das unter den Teppich kehren, aber mit der Zeit summieren sich diese unausgesprochenen Konflikte.

Die Win-Lose-Phase ist für sie „das Verbindungsstück zwischen der ersten und der letzten“. Irgendwann wird der sprichwörtliche Stein darunter so groß, dass man darüber stürzt und nicht mehr an ihm vorbeikommt.​

In der Lose-Lose-Phase verlieren beide. Lösungen fehlen, Verständnis ist erodiert. Im schlimmsten Fall kommen häusliche Gewalt oder massiver emotionaler Druck hinzu.

Sätze wie „Du darfst nicht mehr zu den eigenen Eltern“ markieren eine Eskalationsstufe, nach der eine Ehe „zu einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt“ ist und sich in ein „Kriegsgebiet“ verwandelt – für alle, gerade für die Kinder.

Theologisch verortet Poeschke den Umgang mit Scheidung klar. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, habe Ehescheidung als eine der verhasstesten Dingen bezeichnet – „unliebsam, aber nicht verboten“.

Wer das wisse, könne an einem bestimmten Punkt sagen: Eine Trennung sei sinnvoll, damit sich beide weiterentwickeln oder zumindest räumlich trennen können.

Dazwischen gebe es Schritte, um wieder zueinander zu finden, bevor eine endgültige Scheidung vollzogen werde. Auffällig ist für sie, dass praktisch kaum Frauen aus wirklich praktizierenden Familien zu ihr kommen, weil diese ihre Rechte meist kennen – und die ihres Partners ebenso.​

Ein zentrales Problem sieht sie in der Vermischung von Kultur und Religion. „Dann haben wir ein Problem, weil die Mehrheit der Frauen sich einredet: ‚Ich muss eine gute Muslima sein, die Ehe aufrechterhalten und meinem Mann gehorchen‘“, sagt sie.

Sie verweist auf eine klassische Überlieferung: Eine Ehefrau kommt zum Propheten und meinte sinngemäß, sie habe nichts gegen ihren Mann, er sei charakterlich gut und versorge sie – aber sie könne nicht mit ihm leben. Der Gesandte Allahs habe die Scheidung erlaubt.

Heute hingegen würden häufig Hierarchien gelebt statt Partnerschaften auf Augenhöhe. „Manche Männer sagen: ‘Ich bringe das Geld nach Hause, ich bestimme auch darüber. Und du willst dich von mir scheiden lassen? Wir haben gemeinsame Kinder und die nehme ich dir dann weg und mache dir das Leben zur Hölle!’“​

Dem hält sie ein anderes Prophetenwort entgegen: „Der Beste unter euch ist derjenige, der gut zu einer Familie ist.“ Für die Beraterin steht hier eine einfache, aber unbequeme Frage im Raum: „Kann ich so sein, und gleichzeitig meine Frau schlagen?“ Viele Ehefrauen hätten Angst, die Ehe zu verlassen, fühlten sich verpflichtet, „gut“ zu sein und zu bleiben – und fürchteten zugleich die Reaktionen ihres Umfelds.

Geschiedene Männer würden häufig als interessant und begehrenswert gelten, während Frauen nach Scheidungen mit Urteilen konfrontiert seien wie: „Sie ist keine gute Frau“, „Sie hat versagt“, „Sie ist nicht gehorsam“, oder: „Sie hat Kinder und ich möchte eine Frau, die keine Kinder hat.“​

Foto: Prostock-studio, Adobe Stock

Gleichzeitig registriert sie, dass sich Männlichkeitsbilder verändern – in unterschiedliche Richtungen. Als jemand, die zuvor Nichtmuslima war, beschreibt sie den Einfluss gesellschaftlicher Diskurse: Früher hätte sie sich bei Themen wie Gleichberechtigung, Emanzipation und Geschlechterfragen gedacht: „Sollen doch alle machen, was sie wollen, solange man mich damit in Ruhe lässt.“ Heute reflektiert sie diese Entwicklungen stärker im Lichte islamischer Quellen.

Ja, im Din gebe es Rollenbilder, aber keine starre Zuweisung einer häuslichen Rolle an die Frau.​ „Die Frau ist auch hier nicht ‘das Heimchen’, das zu Hause bleiben und auf die Kinder aufpassen muss“, betont sie.

Khadija, möge Allah mit ihr zufrieden sein, sei Geschäftsfrau gewesen, für die andere Menschen gearbeitet haben. Der Prophet sei Kaufmann und zugleich Hausmann gewesen, habe seine Sachen selbst gepflegt, für die Familie gesorgt, sei einkaufen gegangen und habe alltägliche Besorgungen erledigt.

In Deutschland treffen diese religiösen Vorbilder auf eine sozial veränderte Realität: die Kleinfamilie. Mechanismen von Nachbarschaft, erweiterter Verwandtschaft und Gemeinde, die früher Stabilität gaben, sind vielfach weggebrochen.

Sie sieht darin einen wichtigen Grund, warum Ehe und Familienleben fragiler geworden sind. „Im Laufe unserer Entwicklung ist es so geworden, dass jeder teils zum Eigenbrötler wird und sein eigenes Ding macht“, sagt sie.

Sollte eine Trennung unausweichlich werden, bleibt sie für die Beteiligten ein Einschnitt – für Frauen, Männer und vor allem Kinder. „Erleichtern lässt es sich auf jeden Fall, wenn man zuerst eingesteht: Das ist die Situation“, sagt Poeschke.

Sind Kinder betroffen, verschiebt sich für sie der Fokus: Respekt im Umgang der Eltern miteinander wird zur Pflicht. Was zwischen den Paaren liegt, sei das eine, aber „über die Kinder zu gehen, Druck auszuüben – egal in welche Richtung, ob Mann oder Frau –, das geht gar nicht“.

Aus der Vielzahl der Scheidungs- und Trennungsszenarien, die sie als Coach erlebt, destilliert sie einen zentralen „Game-Changer“: die Bereitschaft, eigene Fehler zu erkennen. „Das heißt, das bestehende Problem zu sehen und sich einzugestehen, dass es so nicht weiterlaufen kann“, sagt sie.

Darauf müsse die Frage folgen: Was machen wir jetzt? Die Person, die die Schwierigkeiten sieht, solle zuerst bei sich selbst anfangen, das Gespräch suchen, aber notfalls allein an sich arbeiten. Reagiere der Partner mit Abwehr – „Nein, das gibt es nicht“ – heiße das nicht, dass der eigene Veränderungsprozess stehen bleiben müsse.

Link zur Website: https://neuerhalt.de/

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Verborgene Barmherzigkeit: „Sexualität als Schlüssel zur ehelichen Zufriedenheit“

Sexualität

„Sexualität als Schlüssel zur ehelichen Zufriedenheit“ – eine Kolumne von Magdalena Zidi, Sexualtherapeutin & Sexualpädagogin

(iz). Magdalena, ich bin noch nicht lange verheiratet, aber wenn ich mich so bei den Schwestern umhöre, sagen sie meist, dass Sexualität schmerzhaft und unangenehm ist und ich mich noch mehr auf meine Periode freuen werde, weil ich dann „nicht muss“.

Es ist irgendwie traurig so etwas zu hören. Ich merke, bei mir ist es anders. Ich habe Lust auf Sexualität mit meinem Partner, aber mir wurde gesagt, dass ich als Frau warten soll, bis der Mann den ersten Schritt macht. Aber eigentlich würde ich schon gerne auch mal zeigen, dass ich Lust habe.

Aber das ist doch verpönt. Ich will nicht „billig“ wirken. Und überhaupt – ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung wie ich das besprechen oder angehen soll. Hast du einen Rat?

Sexualität ist eines der schönsten Geschenke, die Allah den Menschen gegeben hat. Und doch ist sie für viele Muslime ein Thema, das von Scham, Unsicherheit oder Schweigen geprägt ist.

Das erlebe ich in meiner Praxis als Sexualtherapeutin täglich. Dabei spricht der Qur’an offen über Nähe, Zärtlichkeit und Lust. In der Ehe ist Intimität nicht nur erlaubt, sondern empfohlen – ja sogar belohnt.

Der Prophet Muhammad sagte, dass selbst der Geschlechtsverkehr zwischen Ehepartnern eine Form der Ṣadaqa ist. Die Gefährten waren überrascht: „O Gesandter Allahs, einer von uns stillt sein Verlangen und bekommt dafür Lohn?“ Der Prophet antwortete: „Seht ihr nicht, dass er, wenn er es auf verbotene Weise tun würde, Sünde bekäme? Ebenso bekommt er, wenn er es auf erlaubte Weise tut, Lohn.“ (Muslim)

Das zeigt uns: Sexualität im Islam ist nicht nur ein körperlicher Akt, sondern auch ein spiritueller. Sie ist Ausdruck von Liebe, Barmherzigkeit und Fürsorge. Allah beschreibt Ehepartner im Qur’an als Kleidung füreinander:

„Sie sind euch ein Kleid, und ihr seid ihnen ein Kleid.“ (Al-Baqara, Sure 2, 187) Kleidung schützt, schmückt, wärmt und gibt Geborgenheit. Genau so soll Intimität sein: ein Raum der Sicherheit und Zärtlichkeit.

Foto: Freepik.com

Sexualität im Islam: Gegenseitigkeit statt Pflichtdenken

Leider sind viele Vorstellungen über Sexualität in unserer Umma von kulturellen Mustern geprägt, die mit Islam wenig zu tun haben. Manchmal wird Sexualität als Pflicht der Frau dargestellt, während die Bedürfnisse der Frau unsichtbar bleiben. Doch der Prophet lehrte uns etwas anderes. Er betonte, dass auch die Frau ein Recht auf Lust, Zuwendung und Erfüllung hat.

Ein oft vergessener, aber entscheidender Teil dieser Lehre ist das Vorspiel. Der Prophet Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, sagte: „Keiner von euch soll über seine Frau herfallen wie ein Tier, sondern zwischen ihnen soll ein Bote sein.“ Man fragte: „Und was ist dieser Bote?“ Er antwortete: „Der Kuss und die Worte.“ (Al-Bayhaqi, Shu‘ab Al-Iman, von den Gelehrten als hasan eingestuft)

Diese Worte sind zeitlos: Sie erinnern uns daran, dass viele Frauen „länger“ brauchen, um Lust zu empfinden oder sich wirklich fallen lassen zu können. 

Der weibliche Körper reagiert oft langsamer, und das ist keine „Schwierigkeit“, sondern schlicht Natur. Sexualität darf daher kein Wettlauf sein, sondern ist ein Raum, in dem beide Partner aufeinander eingehen.

Auch im Sahih Muslim finden wir einen Hinweis, dass Männer angehalten sind, nach der Intimität bei ihren Frauen zu verweilen und nicht einfach aufzustehen und zu gehen. Das zeigt: Zärtlichkeit und Fürsorge sind nicht nur Vorbereitung, sondern auch Teil des Nachklangs der Intimität.

Islam unterstreicht damit etwas, was wir aus der Sexualtherapie ebenfalls kennen: Vorspiel und Nachsorge sind kein „Extra“ – sie sind zentral. Sie schaffen Vertrauen, öffnen den Körper für Lust und den Geist für Nähe. Wenn Männer dies verstehen und praktizieren, wird Sexualität für beide Seiten zu einer Quelle von Freude, Geborgenheit und Barmherzigkeit.

Sex worth wanting

In meiner Praxis sind Paare, die ein unterschiedliches Bedürfnis nach Sexualität aufweisen der Klassiker. Eine spannende Frage, die ich dann gerne mit dem Paar analysiere, ist: „Hast du den Sex, den du dir wirklich wünschst?“ und da fängt das Problem meist schon an.

Viele wissen gar nicht, was sie wollen, was sich für ihren Körper lustvoll oder erregend anfühlt. Oft sind auch Skripte oder Ideen aus Filmen (nicht nur Pornos, ich rede auch von Hollywood-Filmen) im Kopf, die uns ein stark verzerrtes Bild von Intimität und Lust zeigen.

In Filmen ist es meist so, dass beide plötzlich die Lust überkommt. Nur mit einem Blick weiß Person A was Person B will – quasi Gedankenübertragung. Und natürlich haben beide auf dasselbe Lust und nach dem gemeinsamen Höhepunkt fallen beide zufrieden ins Bett.

Diese Bilder suggerieren uns: Wenn die Liebe groß genug und die Beziehung gesund ist, dann fällt guter Sex sprichwörtlich vom Himmel. – Aus meiner Praxis kann ich aber sagen, dass das die absoluten Ausnahmen sind. Guter Sex in der Ehe ist lernbar – hat viel mit Vertrauen und vor allem Kommunikation zu tun. 

Ich vergleiche Sex gerne mit Essen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir und unser Ehepartner nicht immer zur gleichen Zeit auf das gleiche Gericht und die gleiche Portionsgröße „Lust“ haben. Na klar – beim Essen muss man sich aber weniger rechtfertigen als bei sexueller Intimität. Dabei können wir von diesem Beispiel vieles lernen.

• Niemand kann wissen, worauf du heute Lust hast – du musst es dem „Kellner“ schon sagen. Auch in der Beziehung ist es nötig, darüber zu sprechen.

• Auch weiß niemand, ob der Zeitpunkt, um zu essen gerade für dich passt. Und oft ist es auch kein reines Ja oder Nein, sondern ein nicht jetzt, oder nur ein bisschen hungrig, aber du hältst es noch aus.

Ein Gamechanger für viele ist nicht die Frage zu stellen: „Hast du jetzt Lust auf Sex?“ sondern zu fragen: „Auf einer Skala von 1-10, wie offen bist du dafür, dass ich versuche dich „in Stimmung zu bringen“?“ Das hat schon vielen Paaren geholfen.

• Nicht jede Position oder Handlung im sexuellen Akt muss bei euch beiden gleichermaßen „Entzücken“ hervorrufen. Oft genügt es, dass es auch okay ist – wie bei Pizza. Am liebsten würde ich Margherita essen, aber Fungi ist auch okay.

Die Frage: „Kann ich dir das gerade aus vollem Herzen geben?“ ist oft sehr hilfreich. Es geht dabei aber nicht darum, über seine Grenzen zu gehen. Bei Schmerzen, Ekel oder verbotenen Handlungen ist klar eine Grenze zu ziehen.

Foto: Azee/peopleimages.com/Adobe

Eine praktische Übung für Paare

Viele Paare merken, dass sich ihre Intimität im Alltagstrott verändert. Nähe geschieht dann oft schnell, zweckmäßig oder gar nicht mehr. Eine einfache Übung kann helfen, wieder Bewusstsein und Zärtlichkeit zurückzubringen und spielerisch zu üben, die eigenen Wünsche zu kommunizieren.

Nehmt euch mindestens eine halbe Stunde Zeit, ohne Ablenkung, ohne Handy. Setzt euch einander gegenüber. Eine Person darf nun der „Boss“ sein und sich Berührung wünschen. Die andere Person spürt nach, ob sie das gerade aus vollem Herzen geben kann und führt die gewünschten Berührungen aus, oder es geht in einen Aushandlungsprozess, was sich für beide gut anfühlen würde. 

Die Person, die nicht „Boss“ ist, führt die gewünschten Berührungen genauso aus ohne selbst etwas hinzuzufügen und hört auch auf, wenn keine weiteren Anweisungen kommen.

Anfangs mag das vielleicht komisch wirken – es lehrt uns aber einiges. Wünsche und Bedürfnisse klar zu äußern, darauf zu vertrauen, dass mein Gegenüber nichts macht, was er oder sie selbst nicht will und auch nichts hinzugefügt wird, was nicht ausdrücklich „erwünscht“ wurde.

Oftmals ist die innere erlernte falsche Scham das, was uns daran hindert unseren Ehepartnern zu sagen, was wir uns sexuell wünschen. Dabei ist dies der einzige Rahmen, wo wir genau diese Wünsche äußern sollen. Ohne dass unser Gegenüber über die eigenen Grenzen geht und Dinge macht, mit denen er oder sie sich selbst unwohl fühlt.

Intimität in einer Ehe muss auf Augenhöhe passieren – und das geht nur, wenn jede und jeder die Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse und Handlungen übernimmt. Diese Übung wirkt oft befreiend. Sie nimmt den Druck heraus und schafft einen Raum, in dem man sich wieder spürt – körperlich und emotional.

Reflexionsfragen für Paare

– Wann haben wir uns das letzte Mal Zeit für Zärtlichkeit genommen, ohne dass es sofort zu Geschlechtsverkehr führen musste?

– Weiß ich, was meinem Partner oder meiner Partnerin wirklich Freude bereitet? Habe ich danach gefragt?

– Fühle ich mich in unserer Intimität gleichwertig gesehen – oder gibt es unausgesprochene Erwartungen und Rollenbilder?

– Erlebe ich Sexualität als Verbindung zu Allah – oder habe ich das bisher nie so betrachtet?

– Solche Fragen können im Gespräch zu zweit erstaunlich viel Nähe schaffen.

Sexualität als Gottesdienst

– Ein letzter, oft vergessener Aspekt sei noch erwähnt: Intimität ist nicht nur etwas Zwischenmenschliches, sondern auch ein Raum, in dem wir Allahs Nähe suchen können.

Der Prophet lehrte ein Du‘a, das Muslime vor dem Geschlechtsverkehr sprechen sollen: „Im Namen Allahs. O Allah, halte den Satan von uns fern und halte den Satan fern von dem, was Du uns gewährst.“ (Bukhari und Muslim)

Der Prophet versprach, dass wenn ein Kind aus dieser Intimität entsteht, der Satan ihm keinen Schaden zufügen kann. Ebenso erbitten wir noch mehr Segen für unsere Ehe und das ist nie verkehrt.

Dieses Bittgebet erinnert uns daran: Sexualität im Islam ist nicht bloß privat oder körperlich. Sie ist eingebettet in unsere Beziehung zu Allah. Jedes Mal, wenn Ehepartner sich einander zuwenden, dürfen sie es tun mit dem Bewusstsein: Wir handeln in Seinem Namen, wir bitten um Seinen Schutz, wir vertrauen auf Seine Barmherzigkeit.

Schlussgedanken

Sexualität im Islam ist kein Tabu, kein bloßer Pflichtakt, sondern ein Geschenk. Sie ist Teil von Sakina, Mawadda, Rahma. Sie ist Gottesdienst, Nähe, Freude, Schutz.

Wenn wir lernen, sie als solches zu leben – ohne falsche Scham, ohne Leistungsdruck, ohne Tabuisierung –, dann wird unsere Ehe nicht nur stabiler, sondern auch liebevoller und spirituell erfüllter.

Denn Allah sagt: „Und zu Seinen Zeichen gehört, dass Er für euch aus euch selbst Gattinnen erschuf, damit ihr bei ihnen Ruhe findet, und Er hat zwischen euch Zuneigung und Barmherzigkeit gesetzt. Darin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken.“ (Ar-Rum, Sure 30, 21)

Über die Autorin: Magdalena Zidi ist Sexual- und Traumapädagogin sowie Sexualtherapeutin. Unter dem Namen „sexOlogisch“ begleitet sie Jugendliche, Eltern und Paare in sensiblen Fragen rund um Körper, Intimität und Beziehung einfühlsam und fachlich fundiert – online wie offline. Mehr zu ihrer Arbeit, ihrem Podcast, Instagram-Kanal und Beratungsangebot unter: www.sexologisch.com

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Themen-Special Ehe & Familie: Jenseits des Familiendramas

Absicht dieses Textes ist ein Gedankenanstoß zur gegenwärtigen Familie und der Verdrehung ihrer Mechanik. Der britische Schriftsteller D.H. Lawrence bietet in seinen Arbeiten Einblicke hierzu. Er untersuchte die systemische Pervertierung […]

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