Kolumne: Magdalena Zidi zeigt, warum Sexualerziehung nicht erst beim großen Aufklärungsgespräch beginnt: Kinder lernen im Alltag, ob ihr Körper wertvoll ist, Fragen erlaubt sind und ihre Grenzen zählen. (iz). Vielleicht […]
Nachrichten & Lebensart
Kolumne: Magdalena Zidi zeigt, warum Sexualerziehung nicht erst beim großen Aufklärungsgespräch beginnt: Kinder lernen im Alltag, ob ihr Körper wertvoll ist, Fragen erlaubt sind und ihre Grenzen zählen. (iz). Vielleicht […]
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(iz). „Mama, was ist Sex?“ – Wenn diese Frage aus dem Kindermund kommt, zucken viele Eltern innerlich zusammen. Noch unangenehmer wird es, wenn Kinder uns Dinge erzählen, die sie irgendwo aufgeschnappt – oder bereits gesehen – haben: „Ich hab ein Video gesehen, da hat ein Mann einer Frau wehgetan, die waren nackt und sie hat komisch geschrien.“ Das ist nicht Fiktion, sondern Realität in vielen Familien. Und oft ist es dann schon zu spät. Zu spät, um den ersten Eindruck zu korrigieren.
In meiner Praxis als Sexualtherapeutin und Sexualpädagogin begegnen mir immer wieder Jugendliche, deren erstes Wissen über Sexualität nicht durch Gespräche mit vertrauten Erwachsenen geprägt wurde, sondern durch Pornografie. Oft konsumieren Kinder schon mit 9 oder 10 Jahren erste pornografische Inhalte – unfreiwillig oder aus Neugier. Studien zeigen: Der durchschnittliche Erstkontakt mit Pornografie liegt heute bei etwa 11 Jahren – Tendenz sinkend.
Pornos sind heute nicht mehr versteckt in der hintersten Ecke einer Videothek, sondern einen Klick entfernt – auf dem Handy, im Tablet, im WLAN des Schulbusses. Und das Problem ist nicht nur der Zugang, sondern der Inhalt. Egal wieviele Filter oder Kindersicherungen wir installieren – früher oder später werden Kinder mit pornografischen Inhalten konfrontiert. Das, was in den meisten Pornos gezeigt wird, hat mit gesunder, verantwortungsvoller oder liebevoller Sexualität nichts zu tun. Es geht um Macht, Unterwerfung, Schmerz und unrealistische Bilder von Körpern und Beziehungen. Wer seine ersten Eindrücke von Intimität aus solchen Quellen gewinnt, erhält ein zutiefst verzerrtes Bild von Sexualität – und damit auch von sich selbst.
Deshalb ist es unsere Verantwortung als Eltern, Erziehende und muslimische Gemeinschaft, das Gespräch über Sexualität nicht zu tabuisieren, sondern zu gestalten.
Foto: olsima, Freepik.com
Diese Frage wird mir häufig gestellt – und sie ist absolut berechtigt. Wenn dich dieser Artikel bisher empört, dann frag dich bitte, wie du selbst zum ersten Mal mit solchen Inhalten in Berührung gekommen bist? Gab es damals schon so viele Möglichkeiten im Internet wie heute? Haben deine Bezugspersonen mit dir über Körpergrenzen und Sexualität gesprochen? Hast du als junger Mensch nicht auch Unsicherheit verspürt und dich damit manchmal allein gelassen gefühlt? Im Islam gibt es klare Grenzen und gleichzeitig eine tiefe Weisheit im Umgang mit der menschlichen Sexualität. Allah hat die Sexualität nicht erschaffen, um sie zu verdrängen, sondern um sie zu ehren – innerhalb bestimmter ethischer und spiritueller Rahmen.
Der Prophet Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, war offen in Fragen der Sexualität, wenn es darum ging, seine Umma zu lehren – angepasst an Alter, Geschlecht und Reife seiner Zuhörenden. In der islamischen Geschichte gibt es zahlreiche Werke, die sich mit der Psychologie, Ethik und Spiritualität von Intimität beschäftigen. Was wir heute oft als „Tabuthema“ empfinden, war früher ein Teil der islamischen Bildung, eingebettet in Haya’ (Schamhaftigkeit) und Adab (guter Charakter).
Also ja: Es ist islamisch, mit Kindern über Pornografie zu sprechen – wenn wir es auf angemessene, feinfühlige und entwicklungsorientierte Weise tun. Es ist islamisch, unsere Kinder zu begleiten, bevor sie mit falschen Bildern geprägt werden.
Viele muslimische Eltern schweigen aus Angst, Unwissenheit oder falschem Schamgefühl. Doch dieses Schweigen hinterlässt einen Raum – und dieser Raum wird gefüllt. Mit Halbwissen. Mit Bildern aus dem Internet. Mit Gesprächen auf dem Schulhof. Mit Serien, Filmen oder TikTok-Trends. Schweigen schützt nicht – es liefert aus.
Ein Kind, das das erste Mal mit Pornografie konfrontiert wird, hat keine Worte, um zu beschreiben, was es gesehen hat. Es hat keine Werkzeuge, um es einzuordnen. Und häufig entwickelt es daraus Scham, Angst, Ekel – oder im Gegenteil: Neugier, die in eine ungesunde Richtung kippt. Kinder brauchen Begriffe, Wissen und Orientierung – nicht erst, wenn der Schaden passiert ist, sondern vorher.
Aus therapeutischer Sicht wirkt Pornografie auf junge Menschen oft toxisch. Hier ein paar typische Effekte.
Realitätsverzerrung: Kinder und Jugendliche glauben, dass Sexualität genau so „funktioniert“ wie in Pornos. Das kann zu Enttäuschung, Leistungsdruck oder auch Angst vor körperlicher Nähe im Erwachsenenalter führen.
Verlust der natürlichen Schamgrenzen: Wiederholter Pornokonsum kann Haya (gesunde Scham) abbauen und emotionale Abstumpfung fördern.
Suchtentwicklung: Besonders bei Kindern und Jugendlichen mit ungestillten emotionalen Bedürfnissen (z. B. Nähe, Zuwendung, Sicherheit) kann Pornografie eine kompensierende Rolle einnehmen – bis hin zur Abhängigkeit.
Beeinträchtigung des Selbstbilds: Viele Jugendliche vergleichen sich mit den dargestellten Körpern, Rollen oder „Leistungen“. Selbstzweifel, Komplexe und Schamgefühle können die Folge sein.
Störung der Beziehungsfähigkeit: Wer früh lernt, dass Sexualität „funktionieren“ muss wie ein Klick-Video, wird später Schwierigkeiten haben, echte Nähe, Zärtlichkeit und gegenseitige Verantwortung zu leben.
Wir brauchen keine Angst vor Aufklärung haben – wenn sie altersgerecht, islamisch fundiert und beziehungsorientiert gestaltet ist. Hier sind zentrale Prinzipien, die wir muslimischen Eltern und pädagogischen Fachkräften an die Hand geben können:
1. Sprich, bevor das Internet es tut: Der Grundsatz lautet: Erst die Beziehung, dann die Information. Kinder müssen spüren, dass sie mit allen Fragen zu dir kommen dürfen. Je früher das Vertrauensverhältnis aufgebaut wird, desto leichter wird das Gespräch über schwierige Themen. Ebenso ist es hilfreich, wenn Fragen rund um Körperlichkeit von Geburt an einen Raum finden. Dann lernt dein Kind, dass es auch bei solchen Themen zu dir kommen kann, ohne verurteilt zu werden. Dabei gilt: Du musst nicht alles auf einmal erklären – aber du musst da sein, wenn dein Kind fragt. Und manchmal auch, wenn es nicht fragt.
2. Benutze klare Begriffe – ohne Vulgarität: Islamische Pädagogik bedeutet nicht, Dinge zu verschweigen, sondern sie in Würde zu benennen. Statt „eklig“ oder „verboten“ zu sagen, können wir erklären: „Pornografie zeigt eine entstellte Form von Nähe, die Allah nicht für uns möchte.“ Oder: „In solchen Videos wird nicht gezeigt, was wahre Liebe, Verantwortung und gegenseitiger Respekt bedeuten – und das ist im Islam sehr wichtig.“
Verwende Begriffe, die Kinder verstehen, aber auch einen moralischen Rahmen setzen: Respekt, Verantwortung, Würde, Liebe, Ehe, Scham, Grenzen. Auch Genitalien sollten bei ihren medizinisch korrekten Bezeichnungen benannt werden und nicht als „Pipimax“, „Pipifrau“ oder „Muschi“.
3. Lehre Haya (Scham) als Schutz – nicht als Mauer: Haya bedeutet nicht Schweigen oder Tabuisieren. Haya bedeutet, das Gute zu kennen – und das Schlechte zu vermeiden. Wer seine Kinder islamisch begleitet, spricht offen, aber in Adab. Wir müssen Kindern beibringen, wie sie sich selbst schützen können, ohne Angst zu machen. Und wie sie über das, was sie sehen, sprechen dürfen – ohne sich schuldig zu fühlen.
Beispiel: „Wenn du mal etwas siehst, was sich komisch anfühlt oder was dich verwirrt – du darfst immer zu mir kommen. Es ist nicht deine Schuld. Aber es ist meine Aufgabe dich zu schützen und dir zu helfen.“
4. Stärke das Herz – nicht nur den Filter: So wichtig technische Schutzmaßnahmen sind (Jugendschutzfilter, Bildschirmzeiten, kein unbegrenzter Internetzugang), so entscheidend ist die innere Stärke. Kinder müssen lernen, warum sie bestimmten Dingen nicht folgen. Und das kommt nur durch spirituelle Bildung und echte Herzensbindung.
Zeige deinem Kind, dass Allah nicht der Strafende ist, der „sieht, wenn du etwas Falsches machst“ – sondern der Liebevolle, der möchte, dass du dich selbst achtest; dass dein Körper ein Geschenk ist. Dass Intimität etwas Kostbares ist, das in einem sicheren, islamischen Rahmen wachsen darf.
Zunächst: Ruhe bewahren. Nicht schreien, nicht schimpfen. Dein Kind hat ohnehin schon eine emotionale Überforderung erlebt. Jetzt braucht es dich als sicheren Hafen.
1. Fragen statt Vorwürfe: „Was hast du gesehen? Wie hast du dich dabei gefühlt?“ – Das öffnet Räume, statt sie zu schließen.
2. Benennen, ohne zu bewerten: „Du hast etwas gesehen, das sehr viele Menschen schauen, aber was trotzdem nicht gut für uns ist. Ich erkläre dir warum.“
3. Islamische Orientierung geben: „Allah liebt uns so sehr, dass Er uns schützt. Pornos tun unserem Herzen nicht gut. Es ist okay, dass du neugierig warst. Aber ich helfe dir, besser damit umzugehen.“
4. Alternativen anbieten: Bücher, Gespräche, altersgerechte islamische Medien oder kreative Projekte über Körper, Liebe und Schöpfung können die Neugier umlenken.

Foto: Aaron Amat, Shutterstock
Unsere Kinder wachsen nicht im Vakuum auf. Sie leben in einer digitalen Welt, in der der Zugriff zu sexuellen Inhalten nur ein Klick entfernt ist. Wenn wir als muslimische Familien, Moscheegemeinden und Bildungseinrichtungen nicht die Verantwortung übernehmen, wird das Internet es tun. Und das – gnadenlos.
Lasst uns unsere Kinder nicht mit Scham, Angst oder Verboten überfordern – sondern mit Liebe, Wissen und islamischer Orientierung stärken. Lasst uns Räume schaffen, in denen sie fragen dürfen, staunen dürfen, verstehen dürfen. Und lasst uns nicht vergessen: Die Sexualität ist kein Feind – sie ist ein Geschenk von Allah. Aber nur dann, wenn wir sie als solches vermitteln.
Über die Autorin: Magdalena Zidi ist Sexual- und Traumapädagogin sowie Sexualtherapeutin. Unter dem Namen „sexOlogisch“ begleitet sie Jugendliche, Eltern und Paare in sensiblen Fragen rund um Körper, Intimität und Beziehung einfühlsam und fachlich fundiert – online wie offline.
Mehr zu ihrer Arbeit, ihrem Podcast, Instagram-Kanal und Beratungsangebot unter: www.sexologisch.com
Kolumne: Der Mensch hat täglich zwischen 50.000 und 80.000 Gedanken, viele davon wiederkehrend.
(iz). Allein die Tatsache, dass ich mich nicht mehr daran erinnere, wann die letzte Ausgabe dieser Kolumne rauskam, zeugt doch davon, wie versunken ich in meinen eigenen immer wiederkehrenden Gedanken bin. Natürlich hatte ich’s auf’m Schirm und überlegte fleißig, wie ich Mut aussprechen und formulieren kann.
Doch ja: Mir war nicht danach. Ich hatte sogar den Eindruck, alles gesagt zu haben, was ich im Hinblick auf’s Mut machen sagen wollte. Mir fiel schlichtweg nichts ein.
Der Mensch hat täglich zwischen 50.000 und 80.000 Gedanken, viele davon wiederkehrend.
Eine gute Freundin von mir hatte mal als WhatsApp-Profilbild den Spruch „Don’t believe everything you think.“ – Glaube nicht alles, was du denkst.
Als professionelle Grüblerin fiel es mir bisher schwer, diesen Ratschlag zu beherzigen. Doch mit dem Start ins Dolmetschen eröffnete sich mir eine neue Perspektive, die ich bisher nur aus den Ausführungen von E. kannte, verstand, jedoch bis dato nie so wirklich verinnerlichen konnte: Menschen können so viel unnötiges Zeug reden, dass du dir vieles davon gar nicht ausdenken kannst.
Dolmetschen erfordert nicht nur einen gewissen Wortschatz in zwei Sprachen, sondern auch die Fähigkeit, die Absicht und den Sinn des Gesagten zu verstehen und entsprechend in die andere Sprache zu übersetzen. Es verlangt einem ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, Geduld und Konzentration ab.
Und was soll ich sagen: Du merkst schneller, wenn Menschen sich gerne selbst reden hören, sich ständig und gerne wiederholen, du sprachlich alles erfassen kannst, dir jedoch der Inhalt durch die Lappen geht, inklusive der dir entgleitenden Gesichtszüge, die repräsentativ für das zermatschte Gehirn nach einem Marathon von Zuhören, Verstehen, Erklären, Übersetzen, Besprechen, Abwarten, Klären, Stehen, vermischt mit Müdigkeit.
Foto: Kübra Böler
Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich zwar immer noch gerne/leider viel rede, es jedoch immer mehr Phasen gibt, in denen ich die Ruhe, Stille und das Schweigen der Redseligkeit und dem Austausch vorziehe. Nicht, weil ich genervt und erschöpft bin, sondern weil ich schlichtweg nichts zu sagen habe beziehungsweise den Wert und die Wichtigkeit des richtigen Wortes zur richtigen Zeit und im richtigen Moment besser erkennen konnte.
Doch ich würde lügen, wenn ich sage, dass es mir durchweg gelingt. Es gibt noch sehr viele Situationen, in denen es mir nicht gelinkt und die Konsequenzen sind spürbar und auch durchaus unangenehm.
Auch hier gilt es immer wieder aufs Neue das Gleichgewicht zu halten und wiederzufinden.
„In der Wut sagt der Mensch die Wahrheit.“ sagte H. einmal zu mir. „Wenn jemand das Feuer ist, dann sei du das Wasser.“ „Wir haben einen Mund und zwei Ohren, weil wir doppelt so viel (zu)hören sollen, als dass wir reden.“ Heute verstehe ich diese Aussagen besser als je zuvor.
Denn mal ehrlich: Wie viele unserer „dringenden“ Anliegen sind so wichtig, dass sie jetzt hier sofort in diesem Augenblick ausgesprochen und geklärt werden müssen? Mama sagt immer „Entspann dich. Die Dinge lösen sich von selbst.“ So merke ich mit jedem vergehenden Tag auf dieser Erde, dass die Zeit für jedes Wort kommt und es viele Möglichkeiten gibt, das eigene Anliegen zum Ausdruck zu bringen. #selbstgespräche #staffmeeting
In diesem Sinne: Von Herzen danke und sorry an alle, die mir bis heute zugehört haben. Es war nicht immer erheiternd oder zielführend, manchmal ein riesiger Kraftakt. Möget ihr Menschen begegnen, die euch genauso zuhören, wie ihr mir. An jene, die solche Menschen in ihrem Leben haben: Bedankt euch bei ihnen. Sie tragen Herzen aus Gold.
„Wer klug ist, nützt sich selbst / Und nützt zugleich uns allen.“ (Mewlana Rumi, Diwan-i Kebir)
(iz). Seit jeher identifizierte ich mich als geselligen und extrovertierten Menschen. Ich ging in der Gemeinschaft auf; der Kontakt mit anderen gab mir neue Kraft und die Lasten des alltäglichen Lebens schienen plötzlich nicht mehr so schwer auf meinen Schultern.
Auch das Kontakteknüpfen fiel mir nicht wirklich schwer, ging ich doch in der Regel offen auf Menschen zu. Im Laufe der Zeit veränderte ich mich, doch das Bild der sehr extrovertierten Kübra, die gefühlt 10.000 Menschen kennt und überall aktiv ist und viel zu tun hat, blieb und hält sich hartnäckig.
Lange Zeit war die Gemeinschaft alles für mich. „Wir müssen für andere da sein.“, „Die muslimische Gemeinden brauchen unseren Einsatz, unser Engagement!“, „Wir sind die Zukunft!“ – beim Tippen schmunzle ich vor mich hin und denke mir „Ach, wie schön war diese kindliche Naivität, dieser nie enden wollende Idealismus und die Leidenschaft, die nie erlöschen wollte. Eine klassische Bilderbuch-Samariterin halt.
Zugegeben, ich schöpfe aus dieser Leidenschaft immer noch einen Teil meiner Kräfte. Doch ich habe aufgehört, mich in rosaroten Fantasien zu verlieren und mich vollends für andere aufzuopfern.
Denn eines Tages wurde auch ich mit der (eis)kalten Realität konfrontiert: So sehr wir uns um andere kümmern, egal, wie sehr wir für andere da sind und das große Wir im Blick haben – wenn’s hart auf hart kommt, denkt jeder an sich selbst. Und was soll ich sagen: Genau so sollte es auch sein.
Wenn wir stetig damit beschäftigt sind, alle anderen um uns herum zufrieden zu stellen, uns für sie einzusetzen, können wir schnell in eine Haltung verfallen, dass es auch Menschen geben wird, die unsere Bedürfnisse und Wünsche erfüllen und für uns da sind. Nur ist die Realität nun mal anders, als viele von uns sie gerne hätten.
„Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht, Kübra.“, sagte F. mal zu mir. Als ich diesen Spruch das erste Mal hörte, traf er mich mitten ins Herz. „Wie egoistisch“, dachte ich mir im Stillen. „Menschen brauchen Menschen. Wir brauchen die Gemeinschaft. Nur gemeinsam sind wir stark!“ – Ich habe Jahre gebraucht, um zu erkennen und zu verinnerlichen, wie wahr und wichtig diese Aussage ist. „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“
Es war eines unserer langen Gespräche mit E., in denen wir uns austauschten. Rückblickend gerädert und ausgelaugt wegen irgendwelchem Firlefanz, teilte ich folgendes:
„Es gibt ja den Ausspruch des Propheten ṣallā ʾllāhu ʿalayhi wa-sallam, in dem es heißt: ‘Die Gläubigen in ihrer Zuneigung, Barmherzigkeit und ihrem Mitleid zueinander sind einem Körper gleich: Wenn ein Teil davon leidet, reagiert der ganze Körper mit Schlaflosigkeit und Fieber!‘ – Ich bin auch Teil dieses Körpers, und wenn es diesem Körper langfristig gut gehen soll, dann muss es mir auch gut gehen. Ich muss auf mich schauen, auf mich achten, damit ich überhaupt die Kraft und die Ressourcen habe, um mich um andere zu kümmern und sie zu unterstützen. Wenn ich immer nur auf die anderen schaue und mich selbst vergesse, ist das mindestens kontraproduktiv und maximal destruktiv“ – „Exakt, Kübra.“
Puh, an sich denken – Wie geht das überhaupt, wenn Du so lange an das große Wir gedacht hast? Wie funktioniert an sich denken bei den ganzen Rollen, die wir täglich haben und ausführen? „Wenn Du schnell gehen willst, gehe allein. Wenn Du weit gehen willst, gehe mit anderen.“ – wie soll jemand, der letzteres im Sinne hatte plötzlich nur auf sich achten?
Wie nun das ganze Tempo, dass einen auf Zehenspitzen wie Prinzessin Lillifee von A nach B sprinten ließ, rausnehmen, wo Zeit doch Geld sei und es noch so unglaublich viel zu tun gibt und das Abbremsen einen ins Straucheln und Vertüddeln brachte, sodass alles Getragene herunterfiel und sich wild in alle Himmelsrichtungen auf dem Weg verteilte? Beim weit Gehen blieb ich manchmal auf der Strecke, obwohl mich wie so viele immer ganz weit vorne sahen. Sprach ich darüber, bekam ich häufig ein „Ach, das schaffst Du schon.“
Egal, wie extro- oder introvertiert wir sind, manche Wege müssen allein gegangen werden.
Egal, wie viele Menschen an uns glauben und uns anfeuern: Den Weg müssen wir allein gehen.
Und ich weiß, wie egoistisch das alles vor dem Hintergrund des aktuellen Weltschmerzes klingt. Doch wem nützt es, wenn Du und ich komplett ausgelaugt und ausgebrannt sind, weil wir so eifrig für alle anderen da sein wollten und uns selbst abhingen?
Dies ist kein Aufruf, alles an den Nagel zu hängen und nur noch seine eigenen Bedürfnisse im Fokus zu haben, auf keinen Fall! Es geht vielmehr darum, ein inneres Gleichgewicht zu finden, wie so oft, eigentlich immer im Leben. Es geht darum, innezuhalten und zu schauen, wo ich auf dieser Reise des Lebens und in diesem ganzen Getümmel stehe. Es geht darum, abzuwägen, ob ich das Maß eingehalten habe oder ein Punkt erreicht ist, wo ich anfange, anderen und allen voran mir selbst zu schaden, statt zu nützen und gut zu tun.
Auch bin ich mir vollends darüber im Klaren, dass all dies leichter gesagt als getan ist. Doch ich weiß auch, dass es sich absolut lohnt, egal, wie groß die Angst sein mag, die einem stets ins Ohr flüstert. Manchmal lohnt es sich beim Aufsammeln des Heruntergefallenen innezuhalten und Ballast als solchen zu erkennen und hinter sich zu lassen. Ob schnell oder langsam: Es ist einfacher mit leichtem Gepäck, ob nun To-Do’s, zwischenmenschliche Beziehungen, Ziele, Träume und Wünsche.
So schloss sich mein persönlicher Kreis: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht: Es geht darum, uns gegenseitig daran zu erinnern, dass wir unsere größte und wichtigste Ressource und in allererster Linie für unser eigenes Wohlbefinden verantwortlich sind. Hilfe zur Selbsthilfe.
Ob ich nach diesen Erkenntnissen erfolgreich in der Umsetzung war? Natürlich nicht. Es war der Beginn einer anhaltenden Reise. Manchmal ist es ein bisschen wie Tanzen: Zwei Schritte vor, einen zurück und vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran, Hacke, Spitze, hoch das Bein. Am Ziel Ankommen mag dann zwar länger dauern, doch so wird es zumindest nie langweilig. Ist bekanntlich nicht der Weg das Ziel und der Prozess wichtiger als das Endergebnis? Manchmal braucht es halt ein paar Anläufe, bis das richtige Tempo mit der passenden Schrittabfolge sitzt.
Das Geheimnis liegt darin, sich nicht für diesen Prozess zu schämen und für sich herauszufinden, welche Hindernisse uns unsere Vorhaben erschweren. Tief in uns selbst wissen wir, dass wir sie hinter uns lassen dürfen, gar müssen. In diesem Sinne: Auf die Plätze, fertig, vorwärts, rückwärts, seitwärts ran, Hacke, Spitze, hoch das Bein!
Den jungen Muslimen ist die neue IZ-Kolumne von Ahmet Aydin gewidmet. Ihre erste Folge dreht sich um „Sturm und Drang“. (iz). „Nun geht und sagt es eurem Imperator: / Es […]
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(iz). Doch auf den richtigen, auf den perfekten Moment warten, wo die Motivation wieder mit 250 km/h durch unseren Körper und Geist rast? Oder lieber doch etwas schreiben, um geschrieben zu haben? Ich glaube die Lösung liegt irgendwo dazwischen. Von Kübra Böler
Es müsste 2017 sein, wo mir klar wurde: Allah subhanahu wa-ta’ala gibt mir nicht immer das, was ich möchte, jedoch immer das, was ich brauche. Wie viel Trost und Kraft ich hieraus ziehe, kann und möchte ich gar nicht in Worte fassen. Ich möchte es nur fühlen, mich in dieses Gefühl reinlegen, um gestärkt den Höhen und Tiefen des Lebens zu begegnen.
Genauso ging es mir während der Doppelinfektion. Gerade in Momenten des Schmerzes und des damit einhergehenden Leidens kommt es uns manchmal so vor, als würde dieser Zustand niemals enden. Als würde der Rachen ein auf ewig geröteter Raum, das Schlucken unmöglich, die Kondition weniger und alle weiteren Symptome nun meine treuen und Leid erhöhenden Begleiter bleiben. Natürlich beschäftigten mich Fragen wie „Warum ich?“, „Wieso ausgerechnet jetzt?“, „Was nun?“ und „Wird es wirklich besser?“ – Der Gedanke, dass es gerade genau richtig ist und mich dieser Umstand vor viel schlimmerem Übel bewahrt, bewahrte mich zwar nicht vor den Schmerzen, jedoch tröstete er mich und gab mir enorm viel Kraft.
Denn ja, nichts ist beständiger als die Veränderung selbst. Nichts in unserem Leben währt ewig. Egal ob Freude oder Leid, beides hat eines Tages ein Ende. Währenddessen gibt es auch die Augenblicke, die unser bisheriges Leben komplett auf den Kopf stellen und irreversibel verändern: Die Liste ist so lang wie die Anzahl von Menschen auf der Welt.
Mal ist es ein Unfall, der Verlust eines geliebten Menschen, Brüche in zwischenmenschlichen Beziehungen, ein Wohnorts- oder Jobwechsel – you name it. Gerade letzteren ist der Augenblick der Entscheidung vorgeschaltet. Unfälle und Verluste sind wohl die erprobtesten Beweise dafür, dass sich in einem Augenblick wirklich Dein komplettes Leben verändern kann. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Nichts kann mehr so sein, wie es einmal war. Erlebnisse und Erfahrungen verändern uns.
In einem Ausspruch des Propheten Muhammad salla ‘Llahu ‘alaihi wa-sallam heißt es sinngemäß, dass wir fünf Dinge zu schätzen wissen sollen, bevor fünf Dinge kommen: Die Jugend vor dem Alter, unsere Gesundheit, bevor uns die Krankheit heimsucht, die freie Zeit vor den Zeiten der Beschäftigung, unseren Reichtum vor Armut und das Leben vor unserem Tod.
Alles in dieser Aufzählung brauchen wir in verschiedenen Lebenssituationen und -phasen. So habe ich mir Anfang Januar eine Flasche Schwarzkümmelöl geholt. Einige Dinge lassen sich eben auch nur praktisch erlernen und verstehen, egal wie fit wir in der Theorie sind. Vor ein paar Tagen hatte ich’s in meinem WhatsApp-Status geteilt und wurde gefragt, ob ich wieder krank sei. Nein. Ich nehme es präventiv ein. Denn nichts, was wir erlebt haben und was uns widerfahren ist, ist umsonst, egal, wie herausfordernd, traurig oder schmerzhaft es gewesen sein mag.
Wir müssen nur mutig genug sein, uns auf diese Erkenntnisse einzulassen und ins Tun zu kommen. Meine Antworten auf die obigen vier Fragen sind: Weil Du’s brauchtest. Weil Du Dich sonst wieder übernommen hättest. Ausruhen. Ja, Du sitzt wieder am Laptop und schreibst Deine Kolumne. Das Leben geht weiter. Alhamdulillah.
„Wie geht es Dir?“ hat sich mit der Zeit zu einer sehr oberflächlichen Floskel entwickelt.
Viele Menschen antworten genauso mechanisch, wie die Frage klingt:
„Gut, danke und selbst?“, „Alhamdulillah und selbst?“
Wie viele von uns haben sich diese Frage selbst gestellt: Wie geht es Dir?
Großes Schweigen…
Manchmal, da ist die Stimme im Kopf so laut
er könnte platzen.
Manchmal, da ist sie einfach nur verwirrt und sprachlos
sie kriegt keinen Mucks heraus.
Manchmal ist es nicht nur eine, sondern viele verschiedene.
Welche davon die eigene, oft ungewiss.
Gerade in solchen Phasen vertrauen wir uns gerne unseren Mitmenschen an.
Wir kennen sie alle, die eine geduldige, immer aufmerksam zuhörende Person.
Doch wie wäre es, wenn wir selbst diese Person für uns werden?
Wie wäre es, wenn wir uns selbst zuhören würden?
Was würden wir uns erzählen? Was würden wir hören?
„Ich bin müde.“
„Ich bin erschöpft.“
„Ich hab kein Bock mehr.“
„Wallah, was wollen die alle von mir?!“
„Ich habe Angst.“
„Wenn ich versage, wird Person x/y das sagen!“
„Wie soll ich die Miete der nächsten Monate zahlen?“
„Was passiert, wenn der Strom dauerhaft ausfällt?“
„Werden meine Kinder ein gutes Leben führen können?“
„Ich fühle mich nach langer Zeit wieder besser.“
„Ich habe viel mehr geschafft, als ich dachte.“
„Das lief besser als gedacht!“
„Boah, einfach nur krass!“
„Ich kann gar nicht dankbar genug sein!“
„Inna li-llahi wa-’inna ‘ilayhi raji’un.“
Die Erfahrung zeigt, dass das Schweigen manchmal viel lauter und stärker ist als das Sprechen.
Denn wir schulen uns im Zuhören. Wir hören uns selbst zu, horchen in uns rein und geben uns somit selbst die Chance herauszufinden, welche der manchmal sehr vielen Stimmen unsere eigene ist:
„Glaub an Dich.“
„Du hast es so weit geschafft. Die zwei (hundert) Meter schaffst Du auch noch.“
„Du wirst unendlich geliebt.“
„Ich respektiere Dich.“
„Gott ist immer mit Dir.“
„Wir kommen von Gott und kehren zu ihm zurück.“
„Du bist stark.“
„Du darfst das tun.“
„Du darfst darauf verzichten.“
„Alles im Leben ist für Dich, egal ob gut, schön oder herausfordernd.“
Ganz schön laut, das eigene Innere.
Das Lauschen der eigene(n) Stimme(n) wirkt für die Außenwelt meistens wie ein großes Schweigen. Nur die wenigsten erkennen, dass in uns diskutiert, entschieden, beraten oder reflektiert wird. Es ist ein Laut sein im eigenen Schweigen.
Laut im eigenen Schweigen sein, innerlich aufräumen stärkt und formt den Charakter.
Laut im eigenen Schweigen sein bedeutet, sich selbst auszuhalten Wer sich selbst aushalten kann, kennt seine Stärken und Schwächen.
Wer seine Stärken und Schwächen kennt, handelt bewusster.
Gerade in diesen Herbsttagen und den uns bevorstehenden Wintertagen wird es ruhiger und hektischer zugleich: Die meisten Bäume haben ihre Blätter verloren, die Wege sind mit dem bunten Farbspektakel der Blätter geschmückt. Ein weiterer Jahreszyklus neigt sich dem Ende zu und kündigt gleichzeitig den nächsten an.
Die perfekte Zeit, um sich selbst zuzuhören.
Die perfekte Zeit, um sich selbst Raum und Zeit zum Verarbeiten zu geben.
Die perfekte Zeit, um sich neu auszurichten, neue Ziele zu formulieren.
Die perfekte Zeit, um Abschied zu nehmen, von allen alten Versionen des Selbst.
Die perfekte Zeit, um in sich zu gehen und laut im Schweigen zu sein.
Die perfekte Zeit, um sich neu zu erfinden, immer und immer wieder.
Mal laut, mal leise, mal beides.
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