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Die Krimtataren: Islam ist eine Facette ihres Widerstands

Krimtataren

Der Islam ist eine Facette des krimtatarischen Widerstands gegen Assimilationsdruck und Repression, damit jedoch auch ein Grund für Verfolgung unter russischer Besatzung.

(iz). Einerseits stärken Krimtataren auf der Halbinsel selbst ihre Resilienz dank ihres Glaubens und ihrer Kultur, andererseits ist diese Strategie auch zum Forschungsthema avanciert: Ein Buch, ein neues Wissenschaftsprojekt und eine Cross-Media-Tournee thematisieren auch diese Facette krimtatarischen Widerstandes.

Angesichts von Annexion, Krieg und Repression sämtlicher öffentlicher Widerstandsressourcen beraubt, ist für viele Muslime der Krim der Islam ein fester Marker im Koordinatensystem ihrer biografischen Landschaften.

Auf der russisch okkupierten Halbinsel Krim werden auch krimtatarische Männer im wehrfähigen Alter zum Dienst in der russischen Armee eingezogen und somit gegen ihre eigentlichen Landsleute in der ukrainischen Armee in den Krieg geschickt.

Um diesem Desaster zu entgehen, aber auch vor Repression und Besatzungsalltag, flüchteten circa 40.000 Krimtataren aus ihrer Heimat in die Festland-Ukraine, in die Türkei, nach Europa und Amerika.

Foto: Sasha Maksymenko, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Für die Krim selbst meldete die NGO Crimean Tatar Resource Center (CTRC) mit Sitz in Kiew für Januar bis September 2025 über 100 Festnahmen und rund 180 Verhaftungen auf der Halbinsel; zugleich nahmen Verfahren wegen „Staatsverrats“ sowie wegen „Diskreditierung der russischen Armee“ zu. 

Demnach hält Russland – Stand Oktober 2025 – 220 Menschen von der Krim widerrechtlich aus ethnischen, religiösen und politischen Gründen gefangen. Davon sind 133, also mehr als die Hälfte, Krimtataren, darunter immer mehr Frauen.

Laut der Human Rights House Foundation dokumentierte die Crimean Human Rights Group (CHRG) bis Mitte 2025 bereits mindestens 284 politisch motiviert inhaftierte Zivilist*innen aus der Krim; mindestens 109 davon sind im sogenannten „Case of Crimean Muslims“ angeklagt. Diese Zahl zeigt eine weitere Verschärfung gegenüber den Vorjahren.

Sarah Reinke, Geschäftsführerin der Gesellschaft für bedrohte Völker und ausgewiesene Osteuropa-Expertin, konstatiert, dass Krimtataren explizit auch als Muslime verfolgt werden. Die religiöse Erziehung wird immer wieder behindert.

Bei Hausdurchsuchungen durch den russischen Geheimdienst, FSB, liegt der Fokus vor allem auf religiös-islamischer Literatur, und muslimische Gefangene werden aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit gezielt schikaniert. In Gefängnissen wurden Koranexemplare in arabischer Sprache beschlagnahmt.

Ein Besatzungsgericht auf der Krim schloss die unabhängige islamische Schule im Bezirk Simferopol. Muslime im Gefängnis Abakan CF-33 durften während des Fastenmonats Ramadan nicht vor Sonnenaufgang frühstücken und nach Sonnenuntergang fastenbrechen. Das mache ihnen das Befolgen des Ramadans unmöglich.

Die jüngsten Fälle von Inhaftierung und Verurteilung machten die unfassbare Atmosphäre der Angst und Repression anschaulich, so die Menschenrechtlerin Reinke: Vier Musliminnen wurden zu langen Haftstrafen verurteilt.

„Morgens gegen vier Uhr stürmten Beamte des russischen Geheimdienstes, FSB, mehrere Häuser und führten Razzien durch. Sie verhafteten vier junge krimtatarische Frauen. Wir sind in größter Sorge um sie. Es handelt sich um gezielte politisch motivierte Festnahmen von Angehörigen des indigenen Volks der Krimtataren.“ 

Die krimtatarische Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Elmira Muratova (European Center for Migration Issues, Flensburg) untersuchte in den vergangenen Monaten die Rolle des kollektiven Gedächtnisses der Krimtataren in Bezug auf die erste Annexion der Krim 1783 und die Deportation im Jahr 1944 bei der Entwicklung ihrer heutigen Bewältigungsstrategien auf der besetzten Krim.

Muratova identifizierte in ihrer Analyse „Kollektives Gedächtnis, Islam und Bewältigungsstrategien der Krimtataren auf der besetzten Krim“ drei verschiedene Bewältigungsstrategien, die von säkularen und religiösen Gruppen innerhalb der krimtatarischen Gemeinschaft entwickelt wurden und die sich alle um drei Schlüsselinstitutionen gruppieren: Crimean Solidarity, Qaradeñiz Production und die geistige Administration der Krim-Muslime.

Die NGO „Crimean Solidarity“ organisierte sich vor allem aus den Zusammenhängen der ehemaligen Hizb ut-Tahrir, einer kleineren Bewegung unter den Krimtataren, die organisch nicht mit den Parteien in Nahost zusammenhängt.

Die russischen Behörden stellen demnach die Verfolgung von Muslimen als eine Maßnahme zur Terrorismusbekämpfung dar. Die muslimischen Aktivisten der Crimean Solidarity wollen dem russischen Narrativ entgegentreten, dass die krimtatarische Hizb ut-Tahrir als Terroristen abstempelt, und stellen die Verfolgung dieser Gruppe als politisch motiviert dar, die sich gegen die gesamte krimtatarische Gemeinschaft richtet.

Der „Hanife-Şefiqa-Sabriye-Preis für deutsch-krimtatarische Kulturdiplomatie und Publizistik“ ausgelobt von einem krimtatarisch-deutschen NGO-Bündnis (u.a. Gesellschaft für Osteuropa-Förderung + ICATAT) ging diesjährig ertmals an die Cross-Media-Aktivistin Elnara Nuriieva-Letova (hier im Bild mit der krimtatarischen Sängerin Lenara Osmanova im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin, 20.11.2025, Foto: ©ICATAT / Mehmed-Ali-Pascha-Archiv)

Für die Mehrheit der auf der Krim verbliebenen Krimtataren stellt der Islam im Alltag aus Repression und Assimilationsdruck einen identitären Anker dar.

Um dieses Segment der krimtatarischen Identität und Solidarität ginge es sowohl im kürzlich erschienen Buch „Die Krimtataren. Geschichte. Kultur. Politik“ als auch auf der kürzlich beendeten „Cross-Media-Tournee“ mit zwei Dutzend krimtatarischen, deutschen und österreichischen Künstlern, Akademikern und Menschenrechtlern.

Abhebend auf dieses Experten-Netzwerk begann im November ein neues Forschungsprojekt des Instituts für Caucasica-Tatarica- und Turkestan-Studien in Kooperation mit dem Ukrainischen Institut Kiew mit einer Bestandsaufnahme krimtatarischen religiösen und kulturellen Erbes. Qua Digitalisierung, Übersetzung und Katalogisierung im Projekt „AVDET // QAYTARMA. German-Crimean Tatar Cultural Heritage in the Context of Decolonisation, Exile, and Empowerment“ solle angesichts von Repression und Zerstörung explizit auch die islamische Facette des Erbes der Krimtataren gesichert werden.

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Lehren aus der Vergangenheit: Ibn Battuta in Damaskus

damaskus battuta

Abu Bakr Rieger stellt Ibn Battutas Eindrücke vom damaligen Syrien vor. Und stellt Lehren aus der Vergangenheit vor.

(iz). Am 9. August 1326 erreicht Ibn Battuta Damaskus zu einem günstigen Zeitpunkt. Die Stadt steht in ihrer vollen Blüte und ist ein pulsierendes geistiges Zentrum. Der Reisende bezieht eine Unterkunft in der Rechtsschule der Malikiten und beginnt seine denkwürdige Entdeckungstour. In dem Reisebericht beschreibt er begeistert über seine Eindrücke.

Damaskus übertrifft für ihn alle anderen Städte, die er bisher gesehen hat, an Schönheit und Vollkommenheit: „Jede Beschreibung, sei sie noch so lang, ist immer zu kurz für ihre Pracht.“ Und: Die Stadtgesellschaft kümmert sich um ihre Gäste. „Wer als Fremder dort ist, fühlt sich gut aufgehoben und wird mit Achtung behandelt, und man trägt Sorge, ihn vor allem zu schützen, was sein Ansehen verletzen könnte.“

Ibn Battuta ist tief beeindruck von Damakus‘ Moscheen

Die Zivilisation entfaltet sich – wie in allen islamischen Zentren der Vergangenheit – rund um die Moschee und den Marktplatz. Die materielle und spirituelle Dimension ist in der urbanen Entwicklung islamischer Städte miteinander verknüpft.

Ibn Battuta ist tief beeindruckt von der wundervollen Moschee der Umayyaden. „Unaufhörlich, von Tagesanbruch bis ins erste Drittel der Nacht, werden in dieser Moschee Gebete verrichtet und Koranlesungen gehalten. Beides trägt zum Ruhm dieser gesegneten Moschee bei.“

Das sakrale Gebäude im Herzen der Stadt erzählt von einer Metamorphose. Im späten 4. Jahrhundert n. Chr. wurde hier ein dem Gott Jupiter geweihter römischer Tempel durch eine christliche Basilika ersetzt. In der Kirche wurde gemäß der Überlieferung der Kopf Johannes’ des Täufers aufbewahrt.

Nach der arabischen Eroberung von Damaskus im Jahr 636 diente der Ort noch ungefähr sieben Jahrzehnte beiden Konfessionen als religiöse Kultstätte. Danach beanspruchte die Regierung das ganze Gebäude und entschädigte die alten Eigentümer für den Verlust ihres Gebetsraumes.

Das Leben in der Moschee mit ihren siebzig Muezzinen hinterlässt einigen Eindruck auf den Reisenden. Die verschiedenen Rechtsschulen sind mit den führenden Gelehrten ihrer Zeit präsent. Das Niveau der Lehre ist hoch: Ibn Battuta kümmert sich um seine eigene Bildung und erwirbt – wie er stolz anmerkt – über ein Dutzend Lehrerlaubnisse.

Kontroversen um Ibn Taymiyya

Er wird aber auch Zeuge von religiösen Kontroversen, die um einen der wichtigen Lehrer in Damaskus kreisen: Ibn Taymiyya. Er ahnt nicht, dass dessen Bedeutung weit in die Zukunft reichen wird. Die steigende Popularität des Gelehrten wird ab dem 18. Jahrhundert zunächst Muḥammad bin ‘Abd Al-Wahhab zugeschrieben. Die Doktrinen des Wahhabismus weisen in einigen wesentlichen Aspekten eine große Nähe zu ihm auf.

Das Gedankengut wird zudem im weiteren Verlauf der Geschichte gerne in den Kreisen umstrittener Reformer wie Muhammad ‘Abduh und Raschid Rida zitiert. Ihre politischen Forderungen werden zum Teil mit Verweis auf diese Quellen gerechtfertigt. In der Ideologie von Sayyid Qutb, im Anschluss an sein Verständnis von Ibn Taymiyya, sei es die primäre Aufgabe eines islamischen Staates, für die Durchsetzung der Schari’a zu sorgen.

Damit nicht genug, teilweise sollen Muslime, bei ihrer Auseinandersetzung mit dem von den Alawiten getragenen Baath-Regime auf Ibn Taymiyyas Verurteilung dieser Religionsgemeinschaft zurückgegriffen haben. Sicher ist: Im 21. Jahrhundert wird in Syrien und anderswo die Debatte über die Rolle und Quellen des sogenannten politischen Islam, im Kontext von Diktatur, Terrorismus und Bürgerkrieg nach wie vor aktuell sein.

Islam Sadaqa Solidarität spenden

Foto: Shutterstock

Die innere Balance der Gesellschaft

Neben dem religiösen und ökonomischen Leben in der Stadt beeindruckt Ibn Battuta eine andere, für die innere Balance der muslimischen Zivilgesellschaft entscheidende Institution. „Es ist unmöglich die vielen Arten frommer Stiftungen, die es in Damaskus gibt, aufzuzählen oder ihren Aufwand anzugeben, so zahlreich sind sie“, berichtet er. Noch entzieht sich diese zweckgebundene Infrastruktur jeder politischen Einflussnahme.

Der Reisende zählt einige Beispiele von lokalen Einrichtungen auf, die der Gastfreundschaft, der Mitgift, der Auslösung von Gefangenen oder dem Unterhalt der Wege gewidmet sind: Besonders gefällt ihm die „Fromme Stiftung für Hausgeschirr“, die Bediensteten, die aus Versehen wertvolles Geschirr ihrer Arbeitgeber zerstören, bei der Erstattung des Schadens zur Hilfe kommt.

Wo immer er auf seinen zehntausenden Kilometern durch die islamische Welt Rast macht, erzählt er von der sozialen Bedeutung und den Segnungen der Stiftungen. Moderne politische Bewegungen zeigen wenig Interesse an diesen bewährten Einrichtungen einer freien Zivilgesellschaft. Ein Phänomen, das zum Nachdenken anregt.

Seine Schilderungen der ethnischen und religiösen Vielfalt von Damaskus überraschen den modernen Leser. Sie sind so gewichtig wie glaubwürdig. Denn Ibn Battuta nimmt auf seinen Reisen kein Blatt vor den Mund. Prangert, wenn geboten, ohne Rücksicht auf die Machtverhältnisse Missstände, Widersprüche oder Ungerechtigkeiten an.

Die Romantisierung und Idealisierung der islamischen Welt, die er beinahe 30 Jahre lang bereiste, liegen ihm fern. Im Gleichklang mit den soziologischen Überzeugungen Ibn Khalduns zweifelt er an der Logik steten Fortschrittes und dokumentiert vielmehr nüchtern das Auf und Ab der Geschichte, die einer Wellenbewegung gleicht.

Die Reisen von Ibn Battuta inspirieren bis heute: Erich Follath auf den Spuren des Abenteurers

Reisen, die den Spuren des Gelehrten aus dem Maghreb folgen, inspirieren bis heute. Das Leitmotiv zahlreicher Bücher ist dabei die aktuelle Entwicklung der Welt mit den alten Zeiten zu vergleichen. 700 Jahre nach seinem Aufenthalt in der syrischen Hauptstadt begab sich zum Beispiel der langjährige SPIEGEL-Autor Erich Follath auf die Spuren des großen Abenteurers. Er berichtet in seinem Bestseller „Jenseits aller Grenzen“ von der alten Infrastruktur der ehrwürdigen Stadt, ohne die radikal anderen politischen Verhältnisse des 20. Jahrhunderts zu übersehen.

In Syrien fand eine Revolution statt: Es herrscht der Sozialismus. Bereits im Jahr 1969 besucht er als junger Tourist die Stadt und wird von studentischen Freunden ins Bild gesetzt. „Sie erzählten, dass Oppositionelle im Gefängnis säßen, das gefoltert würde, aber auch, dass es wirtschaftlich aufwärts ginge und sie froh über ihren unabhängigen Staat seien.“

Ganz anders zeigt sich für den Autor die Lage in Syrien einige Jahrzehnte später. Das Land wird immer häufiger zum Thema politischer Reportagen. Im Jahr 2008 ist Baschar al-Assad an der Macht und „wird in Europa regelrecht umworben“. Follath interviewt den Diktator, der auf der internationalen Bühne moderat wirken will.

Er hat in Wirklichkeit keinerlei Illusionen über die Machthaber: „Die Assads dachten gar nicht daran, das Land zu reformieren. Der Machterhalt der Clans, die Nähe zu den Generälen und den Geheimdienst-Claqueuren, stand über allem. Und so unterdrückten sie ganz im Stil ihres Vorgängers jede oppositionelle Meinung und ließen eine pluralistische Zivilgesellschaft nicht einmal im Ansatz zu.“

Im Jahr 2011 reist der Journalist ein letztes Mal nach Aleppo und trifft dort den damaligen Großmutfti Schaikh Ahmad Badr ad-Din Hassoun. Die Rolle der islamischen Lehre unter dem Regime ist längst pervertiert und mit dem Pluralismus der Vergangenheit ist es vorbei.

„Der Großmufti hatte sich ganz auf die Seite des Präsidenten geschlagen, er wirkte – ob aus Überzeugung oder aus politischem Kalkül und Überlebensinstinkt – über weite Strecken wie ein Sprachrohr Assads“. Die Politik bestimmt das Recht, eine der Wurzeln jedes ungerechten Systems.

Foto: European Cultural Foundation, via flickr | Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Kermani nannte seinen Bericht „Eingang der Hölle“

Bald werden Reportagen über das Land, das hinter dem eisernen Vorhang der Gewalt abgeriegelt ist, nicht mehr möglich sein. „Eingang zur Hölle“ lautet die Überschrift eines der letzten Reiseberichte aus dieser Zeit. Navid Kermani erzählt in seinem Buch „Reisen in eine beunruhigte Welt“ über seinen Besuch in Damaskus im Jahr 2012. Das Land befindet sich im Ausnahmezustand, die friedlich begonnene Revolution wird inzwischen mit brutaler Härte vom Staatsapparat zurückgeschlagen. 

Es gibt in der muslimischen Gemeinschaft durchaus Diskussionen über den Sinn des Einsatzes von Gewalt. Kermani zitiert einen Vertreter dieses Standpunktes, der in der Strategie der militärischen Konfrontation eine Falle sieht. „Die Regierung will einen Konfessionskrieg anzetteln, um die Opposition als Gotteskrieger anzusehen“, warnt er. Die Kritik am wachsenden Einfluss radikaler, ausländisch finanzierter Akteure auf die diversen Oppositionsgruppen wird bereits in dieser Phase der Auseinandersetzungen ebenso offen angesprochen.

Der Schriftsteller sammelt Erzählungen, registriert Perspektiven der verschiedenen Parteien, die, mit totaler Überzeugung vorgetragen, sich in ihrem Gehalt und Bedeutung gegenseitig ausschließen. Der syrische Apparat operiert derweilen voller Zynismus, schürt den Terror, indem er hinter den Kulissen seine Geheimdienste einsetzt und brutale Milizen bewaffnet, um Oppositionelle zu ermorden und zu töten. Die Idee eines gewaltfreien Widerstandes hat keine Chance mehr.

Kermani sammelt in der verworrenen Lage in Damaskus eine Auswahl paradoxer Sachverhalte: Ein weltliches Regime hat als Hauptsponsor eine islamische Theokratie. Der demokratische Westen bewaffnet unterschiedliche, radikal-religiöse Gruppen, um ihre diversen geopolitischen Interessen zu wahren. Bärtige Männer und verschleierte Frauen setzen ihre Hoffnungen auf die Demokratie und appellieren an die Menschenrechte.

Nach einem furchtbaren Krieg, der hunderttausende Tote verursacht und Millionen Flüchtlinge mit sich gebracht hat, ist endlich die Hoffnung in Syrien zurückgekehrt. Eine kleine Gruppe hochmotivierter Akteure hat – zumindest aus ihrer Sicht – die Revolution vollendet. Die Aufgabe der Befriedung des Landes mit seinen hunderten Oppositionsgruppen unter den Bedingungen der permanenten Einmischung ausländischer Mächte ist eine Jahrhundertaufgabe.

Während die Schuld des Regimes eindeutig und offen zu Tage liegt, stellt sich die Frage nach der Aufarbeitung der eigenen Taten und die Klärung der langfristigen Absichten der am Sieg Beteiligten. „Wer Revolutionen wie Bekenntnisse vorträgt, beichtet auch ihre Gewalttaten als ob sie unvermeidlich gewesen wäre“, kommentiert Peter Sloterdijk über die Philosophie der Selbstentlastung von Revolutionären. Kann man den Einsatz von Gewalt künftig vermeiden? Wie werden die Lehren aus der syrischen Geschichte von den Eliten formuliert?

Die Welt Ibn Battutas wird nicht wiederkehren. Aber sein Bericht liefert – aus muslimischer Sicht – einige zeitlose Indizien, von denen sich eine positive Entwicklung ableitet. Hierher gehört die freie Lehre, die Stärkung der Zivilgesellschaft, der Schutz von Minderheiten, die Freiheit des Bekenntnisses, die Wahrung von Frauenrechten und die Ablehnung jeder Form von Ideologie. 

Ohne ökonomische Gerechtigkeit entwickelt sich ein Gemeinwesen ebenso wenig. Warten wir ab. Ein freies Damaskus wird bald wieder Ziel vieler Reisender aus aller Welt werden. Man ist gespannt darauf, was sie berichten werden.

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Burkina Faso: Junta ist mit Massaker-Vorwürfen konfrontiert

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Die Militärregierung im westafrikanischen Burkina Faso hat von Menschenrechtlern erhobene Vorwürfe eines Massakers durch die Armee mit mindestens 223 getöteten Zivilisten zurückgewiesen

Ouagadougou (dpa). Die Militärregierung im westafrikanischen Burkina Faso hat von Menschenrechtlern erhobene Vorwürfe eines Massakers durch die Armee mit mindestens 223 getöteten Zivilisten zurückgewiesen.

Der von der Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch (HRW) am Donnerstag veröffentlichte Bericht sei „erfunden“ und ziele darauf ab, „die Professionalität unserer tapferen Streitkräfte infrage zu stellen und das Ansehen Burkina Fasos zu untergraben“, teilte Regierungssprecher Rimtalba Jean Emmanuel Ouédraogo in einem am 28. April verbreiteten Schreiben mit. Ermittlungsverfahren liefen bereits zu den jüngsten Fällen ebenso wie zu früheren Vorwürfen von Tötungen von Zivilisten.

Massaker: schwere Vorwürfe von Menschenrechtlern

HRW hatte der burkinischen Armee vorgeworfen, die Zivilisten, darunter mindestens 56 Kinder, am 25. Februar in den Dörfern Nondin und Soro in der Provinz Yatenga zusammengetrieben und erschossen zu haben.

Es handele sich um eines der schlimmsten Verbrechen der Armee seit Beginn des Kampfs gegen islamistische Terrorgruppen 2015. Der Bericht stützt sich HRW zufolge auf 23 Interviews mit Augenzeugen und Überlebenden, Vertretern der örtlichen Zivilgesellschaft sowie Mitgliedern internationaler Organisationen.

Die Junta reagiert mit Repression

Als erste Reaktion hatte die Medienregulierungsbehörde des Landes am 26. April die Ausstrahlung des britischen Senders BBC und des US-amerikanischen Senders Voice of America, die in ihrem örtlichen Programm über die Vorwürfe berichtet hatten, für zwei Wochen ausgesetzt.

Außerdem wurde der Zugang zur Website von HRW im Land gesperrt. Der Regierungssprecher warf HRW vor, gemeinsam mit „medialen und imperialistischen“ Kräften „verhängnisvolle Ziele“ zu verfolgen.

Im Norden Burkina Fasos sind wie in den Nachbarstaaten Mali und dem Niger islamistische Gruppen aktiv, die den Terrormilizen Al-Kaida und Islamischer Staat die Treue geschworen haben. Die seit einem Putsch 2022 regierende Militärregierung in dem Sahel-Staat kontrolliert Schätzungen zufolge nur noch knapp die Hälfte des Staatsgebiets.

Nach Erhebungen der Konfliktdatenorganisation Acled wurden allein 2023 mehr als 8400 Menschen im Konflikt in Burkina Faso getötet, davon mindestens 2300 Zivilisten.

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Krim: Repression gegen Tataren nimmt zu, der Widerstand auch

krim

Auf der Krim geht die Unterdrückung der muslimischen Tataren weiter. Inzwischen regt sich Widerstand gegen die Besatzer. Exil-Tschetschenen bereiten Tribunal gegen Kadyrow vor.

Kyiv (iz). Die mit der russischen Annexion der Krim 2014 begonnene und mit dem Angriffskrieg 2022 intensivierte Repression gegen die muslimischen Krimtataren geht unvermindert weiter. So wurden am 16. Juni Ansar Osmanow und andere wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Krim: Russische Besatzer setzen Verfolgung fort

Zusammen mit drei weiteren Männern wurde Osmanow am 9. Februar 2022 von den russischen Behörden festgenommen.

Wie Refat Chubarov vom Majlis der Krimtataren berichtete, werden alle krimtatarischen Gefangenen nach Russland deportiert. „Unsere Landsleute, die politischen Gefangenen, werden in sehr abgelegene Regionen Russlands geschickt. Deshalb ist es sehr schwierig, mit ihnen in Kontakt zu treten und ständig Informationen über ihre Situation zu erhalten.

Foto: Below the Sky, Shutterstock

Er wies darauf hin, dass Anwälte, Konsuln und Diplomaten die politischen Gefangenen vor der massiven Invasion besuchen konnten, aber jetzt habe sich die Situation erheblich verschlechtert. Was in den Gefängnissen passiere, könne er am Beispiel des politischen Gefangenen Nariman Dscheljal, des ersten stellvertretenden Vorsitzenden des Mejlis des krimtatarischen Volkes, erklären.

„Für ihn wurde ein Regime eingeführt, in dem er 16 Stunden auf den Beinen sein muss und kein Recht hat, in einer Zelle zu sitzen. Niemand kann erklären, was dieses Regime bedeutet. Das Wichtigste ist, dass man versucht, einen Menschen zu brechen. Das bedeutet maximale Repression, maximale Einschüchterung“, sagt Chubarow.

Osmanow ist nicht der einzige. Am 30. berichtete die „Ukrainska Prawda“, dass die Tatarin Lenija Umerowa bis zum Beginn ihres Prozesses in Untersuchungshaft genommen wurde. Sie sitzt wegen angeblicher Spionage in einem russischen Gefängnis.

Die 25-Jährige hatte am 4. Dezember 2022 versucht, von Kiew aus auf die besetzte Krim zu reisen, um ihren kranken Vater zu besuchen. Russische Sicherheitskräfte nahmen sie nach dem Überqueren der georgisch-russischen Grenze fest, weil sie angeblich gegen die Regeln für die Sperrzone verstoßen hatte.

Foto: spolit.exile, via flickr | Lizenz: CC BY-SA 2.0

Dschemiljew: Zum Widerstand entschlossen

Ukrainische Medien zitierten den Parlamentsabgeordneten und Führer der krimtatarischen Bewegung, Mustafa Dschemiljew, am 20. Juli mit den Worten, rund tausend Krimtataren seien zum bewaffneten Widerstand gegen die Besatzer bereit. 

Bereits heute gibt es rund um die Stadt Melitopol und auf der Krim die Widerstandsbewegung „Atesh“, der auch Tataren angehören. Sie sammelt seit Monaten im Untergrund Informationen über russische Truppen und Stellungen und hat bereits vereinzelt Sabotageakte verübt.

Laut Dschemiljew leiden die Angehörigen seines Volkes am meisten unter der Moskauer Besatzung. „Derzeit sind etwa 1.000 junge Männer bereit, zu den Waffen zu greifen, sobald die ukrainische Armee eintrifft“, zitiert ihn die Webseite LB.ua.

Foto: kremlin.ru, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 4.0

Tschetschenen: Exilregierung bereitet Tribunal gegen Kadyrow vor

Die Exilregierung der tschetschenischen Republik Itschkeria arbeitet an der möglichen Einrichtung eines Sondertribunals gegen den tschetschenischen Staatschef Ramsan Kadyrow wegen der Gründung der extremistischen Einheit Achmat, die in der Ukraine Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat.

Inal Scherip, Mitglied der Exilregierung von Itschkeria, sagte dies in einem Kommentar für Ukrinform. „Wir arbeiten an der Möglichkeit, ein separates Gericht für Ramsan Kadyrow und seine extrem radikale religiöse Sekte Achmat einzurichten“, sagte der Politiker.

Die Exilregierung ist der Ansicht, dass die von der Achmat-Spezialeinheit vertretene Ideologie, die ihre Beteiligung am Krieg gegen die Ukraine und die Ermordung von Ukrainern rechtfertigt, es rechtfertigt, sie als eine extremistische religiöse Sekte zu betrachten, die eine Bedrohung für die Völker des Kaukasus, Europas und der Ukraine darstellt.

Er fügte hinzu, dass er die Idee, ein Sondertribunal für Kadyrow einzurichten, auf Expertenebene in den Vereinigten Staaten vorgestellt und auch mit Mitgliedern der interfraktionellen Gruppe „Für die Entkolonialisierung und den Zerfall des russischen Imperiums“ in der ukrainischen Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament, diskutiert habe.

Achmat ist eine Spezialeinheit der russischen Nationalgarde, die in der Republik Tschetschenien stationiert ist und von Ramsan Kadyrow befehligt wird. Sie war an der russischen Invasion in der Ukraine beteiligt. Die ukrainischen Behörden verdächtigen die Mitglieder und den Kommandeur der Einheit, an der Ermordung von Zivilisten in der Ukraine beteiligt gewesen zu sein.

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Erinnerung an Krimtataren: „Zünde eine Kerze in Deinem Herzen an“

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Am 79. Jahrestage der Deportation der Krimtataren erinnerten Menschen weltweit an die Tragödie und forderten eine freie Krim. Berlin. Ein Bündnis aus Vereinen, Initiativen und Künstlern rief anlässlich der Deportation […]

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Brot für die Welt: Hilfe für Geflüchtete wird weltweit erschwert

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Weltweit wird die Situation von Menschen, die sich für andere engagieren, schwieriger – das beklagt Brot für die Welt in einem Report. Eine Helfer-Gruppe ist in diesem Jahr besonders im Blick.

Berlin (KNA). Helfer von Geflüchteten sehen sich nach Einschätzung des Hilfswerks Brot für die Welt weltweit zunehmend Repressionen ausgesetzt. „Wer sich für Menschen einsetzt, die Schutz und Unterstützung am dringendsten brauchen, wird kriminalisiert, an der Arbeit gehindert oder bedroht“, sagte die Präsidentin von Brot für die Welt, Dagmar Pruin, am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung des Reports „Atlas der Zivilgesellschaft“. Von Michael Kinnen

Grafik Brot für die Welt | Daten: Civicus

Brot für die Welt beklagt „zynisches Spiel mit Menschenleben“

Auch in der EU werde Hilfe für Geflüchtete behindert. Seit 2016 hätten Regierungen Schiffe zur Seenotrettung insgesamt über 1.000 Wochen lang blockiert. Das sei etwa jede dritte mögliche Einsatzwoche gewesen, erklärte Pruin. „Der Tod dient als Abschreckung. Das ist ein zynisches Spiel mit Menschenleben.“

In Griechenland seien Nichtregierungsorganisationen früher für ihre Hilfe „gefeiert“ worden, heute würden sie bedroht, heißt es in dem Bericht. Helfer und Anwälte hätten zum Teil keinen Zugang zu Geflüchteten.

Foto: studio v-zwoelf, Adobe Stock

Zum sechsten Mal hat Brot für die Welt aus Daten des zivilgesellschaftlichen Netzwerks Civicus sowie weiteren Analysen einen solchen Atlas erstellt. Mehr als jeder vierte Mensch auf der Welt lebt demnach in einem Land mit vom Netzwerk so bezeichneten „geschlossenen zivilgesellschaftlichen Handlungsräumen“, in denen Grundrechte wie Meinungs- und Pressefreiheit nicht gewährleistet sind.

In fünf Kategorien von „offen“ über „beeinträchtigt“, „beschränkt“ und „unterdrückt“ bis „geschlossen“ kategorisiert der Report Regionen und Staaten. Deutschland liegt mit 37 weiteren Ländern in der höchsten Kategorie „offen“.

Grenze

Foto: Sergey Chayko, Shutterstock

„Keine Paradiese der Freiheit“

Aber auch diese seien „keine Paradiese der Freiheit“, so Pruin. Auch dort würden zum Teil „mindestens fragwürdige Entscheidungen getroffen gegen engagierte Menschen aus der Zivilgesellschaft“. Angriffe auf Medienschaffende, wie sie in einem aktuellen Ranking von Reporter ohne Grenzen beschrieben werden, seien alarmierend, sagte Pruin.

Als „geschlossen“ gelten 26 Länder wie China, Nordkorea und Saudi-Arabien sowie in diesem Jahr neu hinzugekommen auch Russland, Afghanistan und Myanmar. Im Vergleich zur Erhebung davor habe sich die Lage in insgesamt 15 Ländern verschlechtert; in zehn Ländern sei sie im Vergleich besser geworden, darunter in den USA, Lettland und in Chile.

In den USA etwa seien die Gewerkschaften nach der Amtszeit von Präsident Trump wieder gestärkt worden. Lettland habe ein Online-Portal eingeführt, um die Zivilgesellschaft in Entscheidungen einzubinden. In Chile könnten zivilgesellschaftliche Gruppen an einer neuen Verfassung mitarbeiten.

Die Weltkarte im „Atlas der Zivilgesellschaft“ sei allerdings in weiten Teilen rot eingefärbt. 6,7 Milliarden Menschen weltweit lebten in Ländern mit beschränkten, unterdrückten oder geschlossenen Handlungsräumen. Nur für drei Prozent der Weltbevölkerung seien in ihren Ländern die Grundrechte garantiert, heißt es in dem Bericht.

* „Atlas der Zivilgesellschaft 2023: Gefährlicher Beistand. Schwerpunkt Migration – Zahlen. Analysen. Interviews. Weltweit.“, Oekom-Verlag München, ISBN: 978-3-98726-017-9, 84 Seiten, 20 Euro.

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Hass auf Muslime: Modi-Regierung setzt Behörden gegen BBC ein

BBC Medien Webseite News

Neu Delhi (dpa). Wenige Wochen nach der Veröffentlichung eines Dokumentarfilms der britischen BBC, der sich kritisch mit dem indischen Premierminister Narendra Modi befasste, hat die Steuerbehörde die Büros des Medienhauses in Indien durchsucht.

Ein Sprecher der hindunationalistischen Regierungspartei Modis bestätigte dies am 14. Februar. Die BBC teilte über Twitter mit, dass sie mit den Steuerbehörden kooperiere. Die Beamten hätten auch Handys und Laptops von Journalisten mitgenommen, berichtete der Fernsehsender NDTV.

Modi instrumentalisiert die Staatsgewalt

Die Opposition warf der Regierung vor, die BBC wegen des Dokumentarfilms gezielt ins Visier genommen zu haben. In der Vergangenheit gab es bereits mehrere Fälle, bei denen die Steuerbehörden Büros von Medien und Menschenrechtsorganisationen aufsuchten. Der Journalistenverband Editors Guild of India bezeichnete dies als „Trend, der die Demokratie untergrabe“. „Reporter ohne Grenzen“ zufolge hat die Pressefreiheit in Indien während Modis Amtszeit gelitten.

In dem kürzlich von der BBC veröffentlichten Film geht es um die Rolle Modis während Ausschreitungen im Jahr 2002 im Bundesstaat Gujarat, als dieser dort Regierungschef war. Bei den Ausschreitungen wurden mehr als Tausend Menschen getötet, vor allem Muslime.

In dem Film kommen Betroffene, Aktivisten und Journalisten zu Wort, denen zufolge die Behörden dabei nicht richtig eingegriffen hätten. Solche Vorwürfe gibt es seit langem. Das indische Außenministerium erklärte jedoch, der Film sei Propaganda und habe eine „koloniale Haltung“.

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Amnesty dokumentiert Gewalt im Iran und fordert Untersuchung

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Schläge, Tritte und scharfe Munition: Amnesty International spricht von massiver Gewalt von Sicherheitskräften gegen Demonstranten im Iran und fordert eine UN-Untersuchung. Für Journalisten wird es derweil immer schwerer, über die Proteste zu berichten.

Teheran/Berlin (dpa). Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat Gewalt gegen Demonstranten im Iran dokumentiert und fordert eine internationale Untersuchung. Sicherheitskräfte setzten etwa scharfe Munition, Schrotkugeln und andere Metallgeschosse ein. Es gebe zudem Berichte über massive Schläge sowie geschlechtsspezifische und sexualisierter Gewalt gegen Frauen, teilte die Organisation am Donnerstag mit.

Amnesty habe zudem den Tod von Dutzenden Frauen, Männern und Kindern dokumentiert, gehe aber von einer noch höheren Zahl von Todesopfern aus. Staatsmedien berichten bislang von mehr als 40 Toten. Die Tötung von Demonstranten müsse im Rahmen eines UN-Mechanismus untersucht werden, forderte Amnestys Generalsekretärin Agnès Callamard.

Im Iran dauern die Proteste derweil an. Sie waren vor mehr als zehn Tagen durch den Tod der 22 – jährigen Mahsa Amini ausgelöst worden und richten sich inzwischen gegen das islamische System im Iran. Eine weitere Journalistin, die über die Demonstrationen berichten wollte, wurde festgenommen, wie am Donnerstag bekannt wurde. Die reformorientierte „Hammihan“-Zeitung berichtete im Nachrichtenkanal Telegram, dass Elahe Mohammadi zunächst von der Justizbehörde einbestellt, aber schon auf dem Weg dorthin festgesetzt worden sei.

Genaue Angaben zur Anzahl der inhaftierten Journalisten gibt es nicht, aber die Rede ist von Dutzenden. Darunter ist Nilufar Hamedi  –  die Reporterin der Reformzeitung „Shargh“ war die erste, die den Tod von Masha Amini publik gemacht hatte.

Die Sittenpolizei hatte Amini wegen ihres angeblich „unislamischen Outfits“ festgenommen. Seit der Islamischen Revolution im Jahr 1979 gelten im Iran strenge Kleidungsvorschriften für Frauen. Was genau nach Aminis Festnahme geschah ist unklar. Die junge Frau war ins Koma gefallen und am 16. September in einem Krankenhaus gestorben. Kritiker werfen der Moralpolizei vor, Gewalt angewendet zu haben. Die Polizei weist die Vorwürfe zurück und spricht von Herzversagen.

Die Familie Amini soll die mutmaßlich involvierten Polizisten nach Angaben ihres Anwalts inzwischen angezeigt haben. Seit dem Tod der 22-Jährigen demonstrieren landesweit Menschen gegen den repressiven Kurs des islamischen Systems. Als Reaktion hat die Regierung den Zugang zum Internet stark eingeschränkt  –  Informationen dringen nur schwer nach außen.

Präsident Ebrahim Raisi stimmte in einem Fernsehinterview am Mittwochabend einerseits versöhnliche Töne an, kündigte aber zugleich erneut ein hartes Vorgehen gegen Demonstranten an. Man sollte die „Toleranzschwelle“ auch mit Blick auf Proteste erhöhen, so Raisi. Er sprach zudem von einer möglichen Reform von Gesetzen, ließ dabei jedoch offen welche. Raisi warnte aber auch: Die Polizei werde konsequent gegen „Randalierer“ vorgehen.

Die Proteste finden landesweite Unterstützung, viele befürchten aber auch langfristig Chaos oder gar einen Bürgerkrieg. Wegen der Situation müssen Händler ihre Läden ganz oder früher schließen. Hinzu kommt die Internetsperre, die de facto alle Online-Geschäfte lahmgelegt hat. Das schadet der iranischen Wirtschaft, die ohnehin schon unter internationalen Sanktionen leidet. Unklar ist bislang, was das Ergebnis der Proteste sein könnte. Der Umsturz des Systems scheint bislang unrealistisch, auch weil weder im In –  noch im Ausland eine ernstzunehmende Opposition existiert.

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Ukraine: Mehr als 50 Krimtataren auf Halbinsel Krim festgenommen

Krimtataren

Kiew/Moskau (dpa). Auf der von Russland einverleibten Schwarzmeer-Halbinsel Krim sind nach ukrainischen Angaben mehr als 50 Krimtataren festgenommen worden. Sie seien teilweise mit roher Gewalt in Polizeibusse gedrängt worden, schrieb die Menschenrechtsbeauftragte des Parlaments in der Hauptstadt Kiew, Ljudmila Denissowa, in der Nacht zum Sonntag im Nachrichtenkanal Telegram. Die Krimtataren hätten in der Stadt Simferopol gegen „illegale Durchsuchungen und Festnahmen“ durch den russischen Inlandsgeheimdienst FSB protestiert.

Zuvor seien fünf Aktivisten der muslimischen Minderheit von russischen Sicherheitskräften festgenommen worden, sagte Denissowa. Die Hintergründe waren zunächst unklar. Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte bei Twitter die Freilassung aller Festgenommenen. Angaben von russischer Seite lagen zunächst nicht vor.

Denissowa rief die internationale Gemeinschaft auf, Druck auf Russland auszuüben, damit die Repressionen gegen die Krimtataren ein Ende hätten. Zuletzt hatten die Vereinten Nationen Moskau vorgeworfen, mit willkürlichen Verhaftungen und Razzien gegen Vertreter der Religionsgemeinschaft vorzugehen. Russland hatte sich 2014 die ukrainische Halbinsel einverleibt.

Unter der muslimischen Volksgruppe der Krimtataren sind die Vorbehalte gegen Russland nach wie vor groß. Hauptgrund ist ihre Deportation im Zweiten Weltkrieg. 1944 waren etwa 200.000 Menschen wegen angeblicher Kooperation mit den deutschen Besatzern per Zug vor allem ins heutige Usbekistan gebracht worden.

Die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine sind seit Jahren zerrüttet – nicht zuletzt wegen des Konflikts in der Ostukraine. Zu dessen Lösung hatte Selenskyj ein Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vorgeschlagen. Der Kreml zeigte sich am Sonntag abermals zwar grundsätzlich dazu bereit. „Aber bis jetzt sehen wir nicht den gleichen gemeinsamen politischen Willen aus Kiew“, sagte Sprecher Dmitri Peskow im Staatsfernsehen. Anders als die Ukraine werde Russland nicht über die Frage der Krim diskutieren.

Aktivität und Überleben

Die Zeitgeschichte des Islam in der Ukraine ist eng verbunden mit ihrer Unabhängigkeit. Vor den späten 1980er Jahren gab es in der UdSSR offiziell keine einzige Religionsgemeinschaft. 2014 jedoch waren […]

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