Antimuslimische Vorfälle haben in Frankreich 2025 einen drastischen Sprung gemacht. (iz). Nach Angaben des Innenministeriums stieg die Zahl der registrierten Taten gegen Muslime um 88 % auf 326 Fälle und […]
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Antimuslimische Vorfälle haben in Frankreich 2025 einen drastischen Sprung gemacht. (iz). Nach Angaben des Innenministeriums stieg die Zahl der registrierten Taten gegen Muslime um 88 % auf 326 Fälle und […]
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BONN (CARE). Mio. Mütter global sind bereits jetzt akut mangelernährt. Durch internationale Mittelkürzungen bei humanitärer Hilfe droht sich die Situation weiter zu verschärfen, warnt CARE Deutschland anlässlich des Muttertags am 11. Mai. Allein im Kongo sind laut des jüngsten IPC-Berichts 3,7 Mio. schwangere und stillende Frauen von akuter Mangelernährung betroffen – in Afghanistan und im Sudan sind es 1,2 Mio., im Südsudan rund 1,1. Dennoch kürzen viele Geberländer ihre Beiträge drastisch. Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) rechnet 2025 mit einem Rückgang seiner Mittel um 40 % im Vergleich zum Vorjahr. Dadurch drohen bis zu 58 Mio. Menschen – darunter Frauen und Kinder – lebenswichtige Nahrungsmittelhilfe zu verlieren. „Wenn Hilfsgelder knapp werden oder gar wegfallen, spüren Mütter in Krisen- oder Konfliktregionen dies am deutlichsten. Sie verzichten oft auf Nahrung oder auf eine ausreichende oder gesunde Ernährung, damit ihre Kinder überleben. Doch dieser Preis ist hoch, und wir sollten nicht wegschauen.“, sagte CARE-Generalsekretär Karl-Otto Zentel.
Foto: Henry Wilkins/VOA | Lizenz: Public Domain
GENF (IOM). Laut dem kürzlich veröffentlichten Global Report on internal Displacement 2025 (GRID) des Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) lebten Ende 2024 so viele Menschen wie nie zuvor, 83,4 Mio., als Binnenvertriebene. Konflikte waren weiterhin die Hauptursache für Vertreibungen. Allein im letzten Jahr wurden 20,1 Mio. neue konfliktbedingte Binnenvertreibungen registriert, davon 9,1 Mio. in nur zwei Ländern: Sudan und Kongo. „Diese Zahlen sind eine klare Warnung: Ohne mutige und koordinierte Maßnahmen wird die Zahl der Binnenvertriebenen weiter rapide ansteigen“, sagte IOM-Generaldirektorin Amy Pope.
DEN HAAG (MEMO). Die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) hat am 2. Mai vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) ihre juristischen Argumente vorgebracht und sofortige Maßnahmen zum Schutz der humanitären Operationen von UN-Helfern in palästinensischen Gebieten gefordert. Die Anhörung fand zu einem Zeitpunkt statt, da der Gazastreifen von einer Hungersnot bedroht ist und Tel Aviv seine Angriffe auf die UN-Agentur für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) fortsetzt. Der stellvertretende Generalsekretär der OIC für Palästina und Jerusalem, Samir Diab, verurteilte das israelische Handeln gegenüber den in Palästina tätigen UN-Organisationen und den Menschen scharf. Er sagte, Tel Aviv „stützt sich auf illegitime Gesetze, die abgeschafft werden müssen“, und forderte die internationale Gemeinschaft auf, der UNRWA zusätzliche politische, rechtliche und finanzielle Unterstützung zu gewähren.
Foto: Kremlin.ru, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 4.0
SARAJEVO (KNA). Auf dem Balkan kommt es laut Medienberichten zu neuen religiösen Spannungen: Während der bosnische Serbenführer Dodik Muslime aufforderte, zum Christentum zu konvertieren, soll ein orthodoxer Bischof lobende Worte für einen Kriegsverbrecher gefunden haben. Gegen den Präsidenten der serbischen Teilrepublik liegt überdies ein Haftbefehl in Bosnien und Herzegowina vor: Ihm wird vorgeworfen, die verfassungsmäßige Ordnung gestört und Vorladungen der Staatsanwaltschaft ignoriert zu haben.
KIGALI (AA). Mindestens 130 zivile Angehörige der ethnischen Gruppe der Fulani wurden laut einem am 12. Mai veröffentlichten Report von Human Rights Watch (HRW) im März von der burkinischen Armee und regierungsnahen Milizen in der westlichen Region getötet. Die Morde in der Umgebung der Stadt Solenzo ereigneten sich „während einer wochenlangen groß angelegten Operation der burkinischen Spezialeinheiten, die zu zahlreichen Todesfällen unter der Zivilbevölkerung und zur massiven Vertreibung der Fulani führte“, heißt es in dem Bericht. Ilaria Allegrozzi, Senior-Forscherin für die Sahelzone bei HRW, sagte in einer Erklärung, dass die viralen Videos der Gräueltaten regierungsnaher Milizen in der Nähe von Solenzo „Schockwellen durch die Sahelzone Afrikas gesandt haben“, aber nicht die ganze Geschichte erzählen.
Foto: Naeblys, Shutterstock
BRÜSSEL (Agenturen). Die EU hat beschlossen, ihre Sanktionen gegen Syrien aufzuheben, um seiner Bevölkerung beim Wiederaufbau des Landes zu unterstützen, wie die Außenbeauftragte der EU am 20. Mai bekanntgab. „Heute haben wir beschlossen, unsere Wirtschaftssanktionen gegen Syrien aufzuheben. Wir wollen dem syrischen Volk helfen, ein neues, inklusives und friedliches Syrien aufzubauen“, erklärte Kaja Kallas auf dem Nachrichtendienst X.
PARIS (MEMO). Innenminister Bruno Retailleau kündigte am 6. Mai an, dass er ein Kopftuchverbot an Hochschulen einführen will. „Ich möchte, dass dies geschieht, weil (…) es eine Form des Islamismus gibt, die nicht den traditionellen muslimischen Glauben widerspiegelt. Meiner Meinung nach sind dies Werte, die Frauen unter Männer stellen.“ Im März 2004 hatte Frankreich ein Verbot in Grund- und Mittelschulen erlassen, wobei Universitäten ausgenommen blieben. Am 18. Februar verabschiedete der Senat einen Gesetzentwurf, der das Tragen des Hijab bei Sportwettkämpfen verbieten soll.
LONDON (AA). Dutzende Moscheen und muslimische Organisationen haben einen Brief an Premierminister Starmer unterzeichnet, in dem sie die Aussetzung von Handelsgesprächen zwischen London und Tel Aviv begrüßen und gleichzeitig entschlossenere Maßnahmen in Bezug auf Palästina fordern. Das Schreiben vom 20. Mai folgte auf die Ankündigung von Außenminister Lammy, dass Großbritannien die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen ausgesetzt und seinen Botschafter einbestellt hatte. Glaubensführer und Institutionen begrüßten diesen Schritt.
Foto: Seyed Sajed Rizvi/Tasnim News Agency | Lizenz: CC BY 4.0
INDIEN (IZ). Der Bericht der Vereinigung zum Schutz von Menschenrechten (APCR) belegt einen Anstieg von Hassverbrechen in Indien nach dem Terroranschlag von Pahalgam. Besonders betroffen sind religiöse Minderheiten wie Christen und Muslime. Die NGO hob hervor, dass in Folge des Anschlags gezielt Menschen aus Kaschmir Bedrohungen, Einschüchterungen und Diskriminierung ausgesetzt waren.
FRANKFURT (KNA). Menschenrechtler fordern ein Ende der staatlichen Tötungen im Iran und ein Eingreifen der UNO. In dem Land würden im Durchschnitt täglich zwei bis drei Menschen exekutiert, teilte die deutsche Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte am 23. Mai mit. „Die Islamische Republik Iran hat im vergangenen Jahr über 930 Personen hingerichtet – allein im März 2025 wurden mindestens 104 Menschen exekutiert.“, sagte Vorstandssprecher Valerio Krüger. Damit liege Teheran an der Spitze der Länder mit den meisten Hinrichtungen.
Foto: Ü. Vural, Facebook
WIEN (Agenturen). Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) kritisiert den niederösterreichischen „Aktionsplan Radikaler Islam“ scharf. Laut IGGÖ-Präsident Ümit Vural verwendet das Gesetzespaket unklare und rechtlich nicht definierte Begriffe wie „radikalislamistisch“ oder „integrationsunwillig“, was willkürliche Auslegungen ermögliche und einen Rückschritt für den Rechtsstaat bedeute. Vural bemängelt, dass statt wirksamer Präventionsmaßnahmen Symbolpolitik betrieben werde, wodurch Grundrechte und gesellschaftlicher Zusammenhalt gefährdet seien. Besonders problematisch seien Eingriffe in verfassungsrechtlich geschützte Bereiche.
MÜNCHEN (KNA). Im Gaza-Krieg sind nach Angaben von Helfern immer mehr Kinder auf sich alleine gestellt. Sie hätten ihre Eltern oder ein Elternteil verloren, teilte die Organisation SOS-Kinderdörfer weltweit am 8. Mai mit. „Dazu kommen Tausende weiterer Kinder, die im Chaos des Krieges von ihren Familien getrennt wurden und ebenfalls Tag für Tag für ihr Überleben sorgen müssen.“ Dies werde angesichts der hohen Lebensmittelknappheit immer schwieriger. Die psychische Belastung von Mädchen und Jungen sei groß, auch bei denen, die noch mit ihren Familien zusammen lebten. Zudem seien viele Heranwachsende verletzt worden, die medizinische Versorgung sei nicht ausreichend. Es gebe Kinder, die unter- und mangelernährt seien.
Foto: Anas-Mohammed, Shutterstock
JERUSALEM (KNA). Das UN-Flüchtlingshilfswerk für Palästinenser wirft Israel anhaltende Deportation vor. Bei der Gründung 1948 seien mehr als 700.000 Menschen vertrieben worden und würden 77 Jahre später „weiterhin gewaltsam vertrieben“, hieß es in einem Beitrag, den die UN-Organisation am 16. Mai veröffentlichte. Jeweils am 15. Mai gedenken die Palästinenser der als „Nakba“ (Katastrophe) bezeichneten Flucht und Vertreibung in Folge des israelischen Unabhängigkeitskriegs 1947/48.
ROM (MEMO). Papst Leo XIV. erneuerte am 21. Mai seinen Aufruf zu einer sofortigen Beendigung des Krieges in Gaza und zur Einfuhr von Hilfe in das belagerte Gebiet. „Ich erneuere meinen Aufruf, die Einfuhr humanitärer Hilfe unter würdigen Bedingungen zu ermöglichen und die Feindseligkeiten zu beenden, deren herzzerreißender Preis von Kindern, älteren Menschen und Kranken bezahlt wird.“, sagte der Pontifex während seiner ersten Generalaudienz. Zuvor hatte die israelische Armee ihre Angriffe verstärkt und mehr als 500 Palästinenser getötet und Hunderte weitere verletzt.
Foto: en.kremlin.ru
RIAD (MEMO). Kronprinz Mohammed bin Salman gab am 13. Mai bekannt, dass das Königreich im Rahmen eines aktuellen Besuchs von US-Präsident Trump Abmachungen im Wert von über 300 Mrd. Dollar gezeichnet hat. Seine Äußerungen erfolgten während des saudisch-amerikanischen Investitionsforums 2025 in Riad, an dem Trump nach bilateralen Gesprächen und der Unterzeichnung eine Reihe von Vereinbarungen, darunter für Energie und Verteidigung, teilnahm. „Unsere Länder verbindet eine tiefe wirtschaftliche Beziehung, die vor 92 Jahren begann“, sagte er und betonte, dass gemeinsame Investitionen einer der wichtigsten Pfeiler der ökonomischen Bindungen zu den USA seien.
NEW YORK (IPS). Am 4. April bestätigten die burmesischen Behörden, dass sich in Bangladesch etwa 180.000 Rohingya aufhalten, die zur Rückkehr berechtigt sind. Ihnen wurde von Myanmar die Staatsbürgerschaft verweigert, wodurch sie zur weltweit größten staatenlosen Bevölkerungsgruppe geworden sind. Cox’s Bazar wird als die riesigste Flüchtlingssiedlung der Welt bezeichnet. Die humanitäre Krise im Nachbarland hat sich seit den Angriffen von 2017 erheblich verschärft, und die derzeitige Lage in Myanmar ist für die Rohingya möglicherweise nicht sicher.
Foto: Yasser Abu Ammar
WASHINGTON (MEMO). US-Präsident Trump erklärte am 13. Mai, er werde als Folge von Gesprächen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan und weiteren regionalen Regierungschefs die Absetzung der „brutalen und lähmenden“ US-Sanktionen gegen Syrien anordnen. „Nach Gesprächen über die Lage in Syrien mit dem Kronprinzen (…) und auch mit dem türkischen Präsidenten Erdogan, der mich neulich angerufen und unter anderem um etwas sehr Ähnliches gebeten hat, sowie mit Freunden von mir, Menschen, die ich im Nahen Osten sehr schätze, werde ich die Aufhebung der Sanktionen gegen Syrien anordnen, um ihnen eine Chance auf Größe zu geben.“, sagte er in Riad bei einer Rede vor einem Investitionsforum.
TUNIS (MEMO). Die Nationale Rettungsfront (NSFT) hat sich gegen das Verfahren gegen einige ihrer politischen Führungsgestalten gewandt. In einer Erklärung vom 5. Mai erklärte die Partei, dass es sich bei dem Prozess um mittlerweile routinemäßige Vorwürfe handle. Sie verurteilte den Prozess als einen Fall von „Rechtsbeugung und missbräuchlicher Anwendung des Gesetzes“.
CHICAGO (Agenturen). Eine Richterin im US-Bundesstaat Illinois verurteilte einen 73-jährigen Weißen zu 53 Jahren Haft für den Mord an dem sechsjährigen Wadee Alfayoumi im Oktober 2023. Dieser sei „brutal und abscheulich“ gewesen. Der Mann war der Vermieter der Familie, die bei ihm eine kleine Wohnung angemietet hatte. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte der Täter „paranoid und gewalttätig“ auf den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 reagiert. Der Rentner sagte der Mutter vor dem Angriff, dass die Familie ihr Zuhause verlassen müsse, weil sie Muslime seien.
(iz, Agenturen). Am Morgen des 25. April 2025 ereignete sich in der Kleinstadt La Grand-Combe im südfranzösischen Département Gard ein Mord, der landesweit für Entsetzen sorgte. In der Khadidja-Moschee wurde der junge Muslim 23-jährige Aboubakar Cissé mit 40 bis 50 Stichen getötet.
Zum Zeitpunkt der Tat befanden sich nur das Opfer und der Täter in der Moschee. Cissé war am Freitagmorgen allein dort, um vor dem Freitagsgebet sauberzumachen. Laut Überwachungskameras wechselten die beiden zunächst ein paar Worte, bevor Olivier H. plötzlich das Messer zog und wiederholt auf Cissé einstach.
Während des Angriffs filmte der Täter sein sterbendes Opfer mit dem Handy und äußerte dabei islamfeindliche Parolen wie „Deinem Scheiß-Allah habe ich in den Hintern gestochen“. Das Video wurde offenbar über einen Kontaktmann auf Snapchat veröffentlicht, aber später wieder gelöscht.
Nach der Tat floh Olivier H. zunächst und wurde als „potenziell sehr gefährlich“ eingestuft, da er in dem Video weitere Verbrechen andeutete. Die Polizei leitete eine Großfahndung ein. Zwei Tage später stellte sich der mutmaßliche Täter auf einer Polizeiwache im italienischen Pistoia und wurde festgenommen. Er soll demnächst nach Frankreich ausgeliefert werden.
Die Ermittlungsbehörden gehen von einem antimuslimischen Motiv aus. Premierminister François Bayrou sprach von einer „islamfeindlichen Gräueltat“ und sicherte der muslimischen Gemeinschaft seine Anteilnahme zu. Die Antiterror-Staatsanwaltschaft prüft eine Übernahme des Falls.
Der Täter war bislang nicht polizeibekannt, lebte von Sozialhilfe und verbrachte viel Zeit mit Videospielen. Die Tat wird als Ergebnis zunehmender Islamfeindlichkeit in Frankreich gewertet. Der Rat französischer Muslime (CFCM) sprach von einem „anti-muslimischen Attentat“ und forderte zu erhöhter Wachsamkeit auf.
Foto: Nuno21, Shutterstock
Die Tat löste landesweit Entsetzen aus. Staatspräsident Macron verurteilte den Mord und betonte, dass „Rassismus und Hass aufgrund von Religion in Frankreich nie Platz haben werden“. Politiker verschiedener Parteien sowie muslimische Verbände forderten einen besseren Schutz von Moscheen und riefen zu Solidaritätskundgebungen auf.
Der Mord in La Grand-Combe steht exemplarisch für Spannungen in Frankreich, die durch antimuslimischen Hass ausgelöst werden. Die Tat war brutal, gezielt und öffentlichkeitswirksam inszeniert. Die Ermittlungen laufen weiter, insbesondere zur genauen Motivation und zum psychischen Zustand des Täters.
Foto: Zentralrat der Muslime in Deutschland, Facebook
„Es ist eine erschütternde Ignoranz, dass in Deutschland weder die Politik noch große Teile der Presse angemessen auf dieses Verbrechen reagieren“, erklärte der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) in einer Presseerklärung.
Dass ein solches Hassverbrechen an einem Muslim – noch dazu in einem Gebetshaus – kaum öffentliche Empörung oder politische Reaktionen hervorrufe, sein „ein alarmierendes Zeichen“ für die wachsende soziale Teilnahmslosigkeit gegenüber antimuslimischem Rassismus. Schweigen normalisiert diese Gewalt.
Gleichzeitig warnte das Gremium vor den Folgen der Verharmlosung des antimuslimischen Rassismus. Betroffen davon seien mitnichten nur einzelne Muslime, sondern „die Grundprizipien eines demokratischen Rechtsstaates“. „Wenn Gläubige selbst in ihren Gotteshäusern nicht mehr sicher sind, wird eine rote Linie überschritten, die uns alle angehen muss – unabhängig von Religion oder Herkunft“, erklärt der Vorsitzende des ZMD, Abdassamad El Yazidi.
(KNA). An jedem späten Nachmittag – mit Ausnahme der Wochenenden – bietet sich dem Beobachter in französischen Städten ein etwas seltsam anmutendes Bild. Junge Mädchen verlassen nach Schulschluss das Schulgelände und ziehen als erstes ihr Kopftuch wieder auf. Denn innerhalb der Schulmauern sind alle Formen von Kopfschleiern verboten – seit nunmehr 20 Jahren. Von Johannes Senk
Am 10. Februar 2004 stimmte die Nationalversammlung dem sogenannten Gesetz zu religiösen Zeichen in öffentlichen Bildungseinrichtungen mit einer klaren Mehrheit zu. Schülerinnen und Schülern wurde damit mit dem neuen Schuljahr 2004/2005 das Tragen aller deutlich sichtbaren religiösen Symbole im Unterricht untersagt.
Grundlage dafür ist Frankreichs Verfassung. Seit 1905 sind Staat und Kirche streng separiert. Seitdem ist das nationale Bildungswesen – so werden dessen höchste Repräsentanten in der „Grande Nation“ selten müde, mit Stolz zu betonen – laizistisch, also strikt von religiösen Einflüssen getrennt. So sucht man in den Lehrplänen auch Religionsunterricht vergeblich.
1905 schrieben die Parlamentarier eine Gleichbehandlung aller Konfessionen vor – obwohl es außer der katholischen Kirche damals praktisch keine Adressaten gab. Knapp 100 Jahre später, beim Gesetz gegen religiöse Zeichen, scheint sich der Gedanke auf den ersten Blick zu wiederholen. Doch ist im Gesetzestext der Zusatz „ostensiblement“ – übersetzt etwa deutlich sichtbar oder demonstrativ – durchaus zu beachten. Denn während ein Kreuz auch recht dezent unter der Kleidung verborgen werden kann, geht das mit einem Kopftuch eben nicht.
So wurde das Gesetz – wenn auch von Funktionsträgern vehement bestritten – schnell als antimuslimische Gesetzgebung ausgelegt. Und die jüngsten Entwicklungen scheinen diese Interpretation zu stützen. So untersagte die Regierung in Paris zum Schuljahresbeginn 2023 auch das Tragen von Abayas und Quamis im Klassenzimmer. Die Obergewänder sind vor allem bei Männern und Frauen aus den nordafrikanischen Maghreb-Staaten und dem Nahen Osten beliebt – also aus islamisch geprägten Gesellschaften, die in Frankreich große Minderheiten stellen.
Der damalige Bildungsminister Gabriel Attal verteidigte seinerzeit das Verbot im Fernsehen. Es solle Lehrkräfte unterstützen, den laizistischen Anspruch im Klassenraum durchzusetzen. Denn: „Laizität ist keine Beschränkung, sie ist eine Freiheit“, so Attal mit dem erwähnten Nationalstolz.
Doch so klar, wie der Minister es formuliert hat, ist die Auslegung des Beschlusses in der Realität nun nicht. Denn die Meinungen gehen deutlich auseinander, ob es sich bei Abaya und Quamis tatsächlich um religiöse Gewänder handelt.
Aus Sicht des Islamverbandes Action droits des musulmans werde damit nicht zwingend eine religiöse Überzeugung ausgedrückt, sondern eine „Verbindung mit einer Kultur oder Region“.
Der Beschluss ziele hauptsächlich auf „mutmaßlich muslimische Kinder“ ab und sei diskriminierend, insbesondere für Mädchen arabischer oder afrikanischer Herkunft, argumentierte der Verband und legte eilig eine Beschwerde ein. Diese wurde aber vor Gericht abgewiesen; das Verbot bleibt in Kraft.
Andererseits gibt es Profiteure des Verbots; allen voran der erwähnte Minister Attal. Mit 34 Jahren damals jüngster Bildungsminister der Republik, zudem wortgewandt und charismatisch, empfahl er sich für höhere Aufgaben. Nach dem Rücktritt von Ministerpräsidentin Elisabeth Borne Anfang Januar berief ihn Staatspräsident Emmanuel Macron zum neuen Regierungschef – auch hier der Jüngste jemals im Amt.
Und auch in Sachen religiöser Kleidung erhielt Attal nochmals Rückenwind aus dem Elysee-Palast. Denn Macron sprach sich nun perspektivisch bis 2026 für die Einführung von Schuluniformen aus. Damit wären Diskussionen um Kopftücher wie Abayas vom Tisch. Für eine Testphase von Schuluniformen hatte sich kurz nach seinem Amtsantritt als Bildungsminister auch Attal ausgesprochen.
Frankreich: Das Kino unseres Nachbarlandes beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Banlieues und Konfliktursachen. (The Conversation). Frankreich wurde im Frühsommer von tagelangen Unruhen erschüttert, nachdem ein unbewaffneter Jugendlicher algerischer Herkunft […]
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Paris: Die französische Hauptstadt beeinflusst das Denken in der ganzen Welt. (iz). Im 19. Jahrhundert entstand unter der Herrschaft Napoleons III. das Stadtbild des modernen Paris. Jedes Jahr bewundern Millionen […]
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(iz). Jedes Jahr besuchen tausende Touristen die Stadt Amboise an der Loire und das Schloss aus dem 15./16. Jahrhundert. Viele Gäste wundern sich über die muslimischen Gräber in der Parkanlage. Sie wissen oft nicht, dass im 19. Jahrhundert der französische Staat das Gebäude als Gefängnis für den algerischen Widerstandskämpfer Abd el-Kader nutzte.
Der Emir führte an der Spitze aufständischer Stämme 1832-1847 den Kampf gegen die Kolonialisten und war bis zu seiner Verhaftung die Führungsfigur des Widerstandes. Vom 8. November 1848 bis zum 17. Oktober 1852 hielt er sich zusammen mit seiner Entourage im Schloss auf.
In den Jahren der Gefangenschaft erklang der Gebetsruf aus der provisorischen Moschee, die im Minimes-Turm eingerichtet wurde. Abdel el-Kader, so erzählt man, rätselte während seines Aufenthaltes darüber, warum ein Land, das über so viel Wasser und grüne Landschaften verfügt, ausgerechnet eine Wüste eroberte.
Foto: parismuseescollections.paris.fr, via picryl.com | Lizenz: Public Domain
Der Charakter des gebildeten Emirs beeindruckt bis heute Freund und Feind. Im Einklang mit dem islamischen Recht waren ihm Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung, der Einsatz moderner Kriegstechniken, des Terrors oder Selbstmordattentate fremd. Mit dem Begriff des Nationalismus hätte er zu seiner Zeit wenig anfangen können. Zudem beherrschte er nicht nur das Kriegshandwerk.
Nachdem er mit seinen Lehrern den Qur’an auswendig lernte, studierte er die Grundlagen des malikitischen Rechts, beschäftigte sich mit Literatur, Mathematik, Astronomie und der Heilkunde. Nach seiner Freilassung durch Napoleon III. lebte er in Damaskus und verhinderte 1860 mit seinen Kämpfern ein Massaker an Christen. In Amboise erinnert seit einigen Jahren ein Denkmal an das Symbol des algerischen Widerstandes.
Schon im 19. Jahrhundert begann der Kampf der Philosophen und Schriftsteller um die Deutungshoheit der Kolonialgeschichte. In den Äußerungen des großen Victor Hugo verstecken sich bereits die moralischen Ansprüche und Widersprüche, die die Debatte über den Konflikt bis heute prägen.
Er veröffentlichte einerseits ein wohlwollendes Gedicht, das er Abdel el-Kader widmete: „Er, der wilde Mann der Wüste, er, der unter den Palmen geborene Sultan, der Gefährte der roten Löwen, der wilde Hadji mit ruhigen Augen, der nachdenkliche, wilde und sanfte Emir“. Andererseits bekannte sich Hugo, 1841, nachzulesen in seinem Tagebuch Ozean, zu den geistigen Legitimationsgrundlagen der Landnahme:
„Die Zivilisation geht über die Barbarei hinweg. Ein aufgeklärtes Volk wird auf ein Volk treffen, das in der Finsternis lebt. Wir sind die Griechen der Welt; es ist unsere Aufgabe die Welt zu erleuchten!“ Algerien wurde 1848 zu einem integralen Bestandteil des Mutterlandes erklärt.
Einige Jahre später, nachdem Victor Hugo zum überzeugten Republikaner mutiert war, zeigte er sich empört über die Repressalien gegen die „Eingeborenen“. Er schreibt: „In Afrika herrscht Barbarei, das weiß ich.“ Er prangert in Fragments d’histoire die Übergriffe der französischen Armee an: „Bei Stürmen, bei Razzien war es nicht ungewöhnlich, dass Soldaten Kinder aus Fenstern warfen (…).“
Leider hat Hugo keines seiner großen Werke über das Schicksal der Menschen und die brutale ausgeführte „soziale Chirurgie“ (Bourdieu), die Auflösung der traditionellen algerischen Gesellschaft in der Siedlungskolonie, geschrieben.
Foto: gemeinfrei
Spricht man heute über Algerien, sind es in erster Linie die schrecklichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts, die sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Ausgerechnet im Jahr der Befreiung Frankreichs von der deutschen Besatzung ereignete sich im algerischen Sétif, am 8. Mai 1945, ein Massaker.
Zehntausende Algerier, die das Ende der Kolonialherrschaft forderten, fielen den französischen Militärs zum Opfer. In heutiger Geschichtsschreibung wird in den Übergriffen der Ausgangspunkt für den 1954 beginnenden Algerienkrieg gesehen.
Die marxistisch-nationalistische FLN entschied sich für die Taktik des Terrorismus. Der Kolonialmacht gelang es, militärisch die Oberhand zu behalten. Zuhause stritt die Nation über Kriegsverluste, Folter und Menschenrechtsverletzungen. Längst war der Krieg auch im Frankreich angekommen.
Das „Massaker von Paris“, ein Massenmord in der Hauptstadt am 17. Oktober 1961, ging in die Geschichte ein. Die Polizei reagierte auf Anordnung der Verwaltung brutal gegen eine nicht genehmigte, aber friedliche Demonstration Zehntausender Algerier, zu der die Unabhängigkeitsbewegung FLN aufgerufen hatte. Dabei kamen mindestens 200 Menschen ums Leben.
Charles de Gaulle verhandelte mit den algerischen Anführern, was zur Befreiung des Landes führte. Der Krieg endete im März 1962 durch die Verträge von Évian mit einer Verhandlungslösung, welche die Unabhängigkeit Algeriens unter Führung der FLN zur Folge hatte. Verabschiedet wurde ebenso ein zweites Dekret, wodurch auch alle von der Kolonialmacht begangenen Kriegsverbrechen straffrei wurden, darunter Folter, Vergewaltigungen und kollektive Vergeltungstaten.
Photo: TOUTON spahi, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0
Nach der Unterzeichnung der Verträge verließen Hunderttausende Franzosen Algerien. Die, in ihrem Selbstverständnis, Patrioten fanden keine politische Heimat in den etablierten Parteien, stand doch der von ihnen verachtete de Gaulle an der Spitze der führenden Formation der gemäßigten Konservativen.
Vor diesem Hintergrund wurden sie zu einer wichtigen, ja entscheidenden Ressource des Nationalismus der extremen Rechten, der sich seit den 1970er Jahren um Jean-Marie le Pen herausbildete.
Zu den dunklen Kapiteln der Geschichte gehört auch das Schicksal der Algerier, die mit den Kolonialherren zusammenarbeiteten. Bei Kriegsende 1962 gab es rund 45.000 Harkis (Kollaborateure), 60.000 Wehrdienstleistende und 20.000 Berufssoldaten aus Algerien in der französischen Armee, dazu 60.000 Mitglieder örtlich gebundener Milizen.
Darüber hinaus gab es neben dem Militärapparat noch rund 50.000 Staatsangestellte. Nach der Unabhängigkeit kam es zu zahlreichen gewalttätigen Übergriffen der FLN und von Sympathisanten der Unabhängigkeitsbewegung.
Bis heute streiten sich die VertreterInnen der verschiedenen Erinnerungskulturen über die ethische Bewertung der Ereignisse. Die Historiker formulierten das Problem: Ein Konsens der gemeinsamen Erinnerungen gelang nicht, da die Erfahrungen der Beteiligten extrem unterschiedlich waren. Auf der moralischen Ebene entzündete – insbesondere in der intellektuellen Szene von Paris – ein erbitterter Streit um die Notwendigkeit und Beurteilung des Einsatzes von Gewalt.
Foto: James Joel, via flickr | Licence: CC BY-ND 2.0
Berühmt geworden sind die Auseinandersetzungen der Philosophen Camus und Sartre über die Deutung des Kolonialismus. 1961 schrieb Sartre sein umstrittenes Vorwort zu dem Buch „die Verdammten dieser Erde“ von Frantz Fanon. Moralist sein, hieß für den algerischen Psychologen, den Kolonisierten etwas Handfestes entgegenzusetzen, den Dünkel des Kolonialherren zum Schweigen bringen, seine offene Gewalt brechen und „ihn rundweg von der Bildfläche vertreiben“.
Sartre stimmte zu und schrieb einige seiner umstrittensten Sätze: „Zum Beginn einer jeglichen Revolte muss man töten: einen Europäer zu töten heißt, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, im gleichen Atemzug einen Unterdrücker und einen Unterdrückten zu vernichten. Es bleiben ein toter Mann und ein freier Mann übrig, der Überlebende fühlt zum ersten Mal einen nationalen Boden unter seinen Füßen.“
Recht behielt Sartre mit einer anderen Ankündigung: „Die Vereinigung des Algerischen Volkes bringt die Entzweiung des französischen Volkes hervor.“
Die These der Spaltung der Franzosen zeigte sich in dem Konflikt mit Albert Camus über die Gewalt und den Terror. Sartre attackierte 1961 seinen Gegner, inzwischen verstorben, mit Sarkasmus: „Die Gewaltlosen haben gut lachen: weder Opfer noch Henker. Was soll das?“ Seitdem Albert Camus 1939 Das Elend in der Kabylei veröffentlichte, wurde ihm vorgeworfen, keine klare Benennung der Schuldigen vorgenommen zu haben und ein „wohlmeinender Kolonialist“ zu sein.
In seiner Biographie über Camus Im Namen der Freiheit stellt Michel Onfray die Eindeutigkeit der moralischen Schuld in Übereinstimmung mit den Thesen des Schriftstellers in Frage: War ein algerischer Weißer in den 1950er Jahren gleichzusetzen mit einem 1830 einmarschierten Soldaten? Waren die in Algerien geborenen Europäer qua Geburt schuldig?
„Achtzig Prozent der Franzosen in Algerien sind keine Kolonialherren, sondern Angestellte oder Kaufleute“, schrieb Camus gegen die Behauptung einer Kollektivschuld an. Er war der Ansicht, dass es bei dem Unabhängigkeitskampf weniger darum ging, die Lebensumstände der verarmten Bevölkerung zu verbessern.
Er sah in ihm vielmehr eine Ausgeburt des Pan-Arabismus, ein ideologisches Projekt, das die Unterstützung Moskaus genoss. Sein Engagement galt einer friedlichen Koexistenz zwischen Europäern und Algeriern, weshalb er von vielen Algerienfranzosen wie ein Verräter behandelt wurde.
Die Anhänger der Unabhängigkeitsbewegung wiederum verziehen ihm nie, dass er einmal über die Bombenattentate in Algier sagte, seine Mutter könne davon betroffen sein, und er ziehe seine Mutter der Gerechtigkeit vor, wenn Gerechtigkeit so aussehe. „In einer an große ideologische Maschinerien und deren monströse doktrinäre Dispositive gewöhnten Welt plädierte Camus für eine politische Mikrologie“, fasst Onfray die gewaltfreie Utopie des Philosophen zusammen.
Foto: 35e RAP – officiel , via Wikimedia Commons | Licence: CC BY-SA 4.0
Im Gegensatz zu Sartre sah sein Kontrahent keine Notwendigkeit, die Kolonisten umzubringen. Man müsse, so argumentierte er, nur aufhören, sich dem Kolonialismus zu unterwerfen, und gemeinsam eine friedliche, libertäre Alternative entwickeln. Camus setzte auf freie selbstverwaltete Kommunen, Genossenschaften und Kooperationen statt auf den Nationalismus.
Fakt ist: Algerien kam in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit nicht zur Ruhe. In seinen „Algerischen Skizzen“ stellt Pierre Bourdieu fest: „Die zweifellos gefährlichste Illusion wäre eine, die man den Mythos der revolutionierenden Revolution nennen könnte, daß nämlich der Krieg wie durch Magie die algerische Gesellschaft von Grund auf verändert hätte; und darüber hinaus alle Probleme gelöst hätte, einschließlich der Probleme, die durch ihn entstanden sind.“
Die Kritik an Frankreich verstummte trotz aller Versuche der Annäherung und Versöhnung nie. Mit Blick auf das frankophone Afrika wurden die von Paris beherrschten Netzwerke in den ehemaligen Kolonien seit der Dekolonialisierung in den 1960er Jahren unter dem Stichwort Franceafrique kritisiert.
Foto: MINUSMA, Marco Dormino
Die aktuellen Ereignisse in der Sahel-Zone erinnern an die alten Vorwürfe einer von ökonomischen Interessen geleiteten französischen Geopolitik. Insbesondere die Jugend in der Region will von Frankreich nichts mehr wissen. Ob die Annäherung an kapitalistische Länder wie China oder Russland, die ohne die Achtung rechtsstaatlicher Standards agieren, die ehemaligen Kolonien der ersehnten Freiheit näher bringen, bleibt eine offene Frage.
In Europa wird es wichtig sein, wie die Muslime Deutschlands und Frankreichs auf diese Debatten reagieren und welche Lehren sie aus der Geschichte ziehen. Die deutsch-französische Freundschaft ist für alle BürgerInnen, mit oder ohne Immigrationshintergrund, ein bedeutendes Symbol der Überwindung des Nationalismus.
Der Streit um die Rolle der Kolonialmächte und den Widerstand dagegen, dreht sich letztlich aus muslimischer Sicht um die Unterscheidung zwischen revolutionären Ideologien und der klassischen Lehre.
Schon Bourdieu erinnerte an die Wesensveränderung, die eine vollständige Politisierung des Glaubens mit sich bringen kann: „Der Islam hat allmählich seine Bedeutung und Funktion verändert, weil er von Praktiken und magisch-mythischen Glaubensvorstellungen isoliert worden ist, die ihn im Heimatboden verwurzelt hatten, und weil er für einen Moment, mehr oder weniger bewußt, als revolutionäre Ideologie benutzt wurde, die fähig ist, die Massen zu mobilisieren und zum Kampf zu bewegen.“
Nach den neuerlichen Unruhen in den Banlieues hörte man aus den verschiedenen Lagern wieder Parolen, die an die ideologischen Gräben aus der Kolonialzeit erinnern: „Frankreich und die Franzosen, oder, der Islam und die Muslime sind an allem Schuld!“
In der taz beklagte Mohamed Amjahid zu Recht die Polizeigewalt und den institutionellen Rassismus inmitten Europas. Problematischer ist die bekannte moralische Frage nach der Legitimität von Gewalt, die der Kommentar aufwirft:
„Auch in anderen Ländern mussten in den vergangenen Jahren Polizeiwachen in Flammen aufgehen, damit die Schwächsten eine Überlebenschance bekommen. Diesen Zusammenhang zwischen Mobilisierung und Selbstschutz verstehen nur die wenigsten. (…) Rein analytisch und aus der Perspektive der Demonstrant*innen betrachtet: Paris muss brennen, damit sich zumindest kurzfristig etwas in Sachen Polizeigewalt im Land tun könnte.“
Die Versöhnung in der französischen Gesellschaft und in der Außenpolitik hat einen langen Weg vor sich. Der Vernünftige sieht ein, dass jede Gewalttat die Konflikte verschärfen und die Extremisten stärken wird. Vielleicht hat ja Camus Recht, der zu seiner Zeit nach innovativen Ansätzen jenseits der Ideologien suchte: „Wir müssen in Nordafrika und in Frankreich neue Formeln und Methoden finden, wenn wir wollen, dass die Zukunft für uns noch einen Sinn macht.“
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(iz). „Mehr Krippenplätze, Arbeitsplatzförderung, Maßnahmen gegen Radikalisierung – und mehr Polizei“ kündigte der französische Präsident Macron 2017 an. Offensichtlich waren diese Maßnahmen für die Lösung sozio-ökonomischer Probleme in den Banlieus bisher nicht ausreichend.
Foto: Nuno21, Shutterstock
Die Vororte französischer Großstädte mit ihren trostlosen Wohnmaschinen lassen sich kaum befrieden. Nach der Tötung eines Jugendlichen durch einen französischen Polizisten, der nun zu Recht in Untersuchungshaft sitzt, entlud sich in den vergangenen Tagen die Gewalt.
In seiner „Topologie der Gewalt“ erinnert Byung Chul Han daran, dass „massiver Widerstand gegen den Machthaber von einem Mangel an Macht zeugt“. Tausende Jugendliche erleben im Straßenkampf, wenn auch nur für kurze Zeit, das Gefühl, die andere Seite unter Druck zu setzen.
Die Partizipation in der französischen Gesellschaft wird durch diese chaotischen Aktionen kaum gefördert. Klar ist, hier werden schwerste Straftaten begangen – die absolute Mehrheit der Muslime in Europa hat dafür kein Verständnis.
Foto: European Parliament, via flickr | Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0
Gewalt und Gegengewalt führen in eine Sackgasse. Die Verrohung der Sprache, der Mangel an Differenzierung, die Logik der Freund-Feind-Unterscheidungen – von welcher Seite auch immer betrieben – ist eine Vorstufe der Eskalation. „Die Gewalt ist der Riss, der keine Vermittlung, keine Versöhnung zulässt“, mahnt Han in seiner Abhandlung an.
Wie geht es weiter in Frankreich? Im Gegensatz zu den marodierenden Jugendlichen in Frankreich hat die französische Rechte durchaus eine Machtoption: Sie könnte die nächsten Präsidentschaftswahlen gewinnen und von der Polarisierung der Gesellschaft profitieren.
Foto: Godong-Photo, Shutterstock
Ihre Strategie ist klar. Es wird immer wieder versucht, auf der symbolischen Ebene, den Signifikanten „Islam“ mit der kollektiven Wahrnehmung der Ereignisse zu verknüpfen. Der Eindruck wird geschürt, dass der Feind von „außen“ komme und geht mit einer Biopolitik einher, die behauptet, dass es sich bei den Jugendlichen, die in großer Zahl in Frankreich geboren sind, nicht um Franzosen handle.
Was in diesem Feindbild nicht mehr auftaucht, ist ein anderes Faktum: Die islamische Lehre lehnt Gewalt und Bürgerkrieg grundsätzlich ab. Die Mehrheit der französischen Muslime hat sich mit dem Opfer solidarisiert, bedauert wie viele Franzosen den Vorfall, sympathisiert aber nicht mit der Straßengewalt.
Es gehört zum gewohnten Medienspektakel einiger Medien radikale Außenseiter, die oft ohne jeden Bezug zur muslimischen Praxis in den Großstädten leben, als Mitglieder der muslimischen Community vorzustellen.
Die These ist nicht, dass es keine muslimischen Straftäter in Europa gibt. Es muss vielmehr zurückgewiesen werden, dass die islamische Lehre, die Moscheen oder muslimische Gemeinden diese fördern.
Foto: Shutterstock, VP Brothers
Die Lage in den französischen Vorstädten ist komplex und kann kaum mit monokausalen Theorien erklärt werden. Ja, zum Gesamtbild gehört die Machenschaften muslimischer Ideologen in den Banlieus zu erwähnen, die ihrerseits ein Feindbild gegen die französische Gesellschaft verbreiten.
Paradoxerweise erringt die Rassemblent National auch Wahlerfolge bei WählerInnen mit Immigrationshintergrund, die sich von einem Rechtsruck effiziente Maßnahmen gegen die kriminellen Straßengangs erhoffen.
Das Lied, das die gesellschaftlichen Probleme Frankreichs beschreibt, wurde oft gesungen. Wie löst man das Problem? Vermutlich wird der französische Präsident ankündigen: „Mehr Krippenplätze, Arbeitsplatzförderung, Maßnahmen gegen Radikalisierung – und mehr Polizei.“
Ob die Verrohung der Sitten nur mit Geld zu bekämpfen ist, bleibt offen.
Der letzte Fastenmonat zeigt am Beispiel Sport die Bruchlinien in Frankreichs Gesellschaft beim Thema Sport. (The Conversation). Mitte April ging der Ramadan zu Ende, und das war in der Welt […]
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