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IZ-Reiseblog: Skopje oder eine Stadt sucht sich eine Geschichte

Skopje IZ-Reiseblog Stadt

IZ-Reiseblog über Skopje: Diese Stadt erzählt ihre vielschichtige Geschichte zwischen Monumenten, Basar und gelebter Vielfalt – aufmerksam, kritisch und voller leiser Hoffnung.

(iz). Es ist schwül, als wir auf den Makedonija-Platz zulaufen. Dann geht alles sehr schnell: Ein Gewitter bricht los, orkanartige Böen fegen über den Platz, die Temperatur fällt in Minuten. Menschen suchen Schutz unter Vordächern und in Hauseingängen. Schirme fliegen durch die Luft.

Wir stehen mittendrin und können nicht anders, als zu schmunzeln – über das Wetter, über uns selbst, über die Unwirklichkeit der Szene. Und vor uns, unberührt von alldem: ein riesiger Reiter, hoch über einem Wasserbecken, sein Pferd aufgebäumt, als müsste es nicht nur einen Feind bezwingen, sondern gleich die ganze stürmische Gegenwart.

Offiziell heißt er nüchtern „Krieger zu Pferd“ – Voin na konj. Inoffiziell weiß jeder in Skopje, wer gemeint ist: Alexander der Große.

Dieser doppelte Name ist unser erster Hinweis darauf, was für eine Stadt wir betreten haben. Skopje ist eine junge Hauptstadt, die sich offensichtlich eine sehr alte Herkunft wünscht – und eine Stadt, die genau deshalb ständig zwischen mehreren Geschichten hin- und herblickt.

Die Antike, das byzantinische Reich, die osmanische Geschichte und das jugoslawische Erbe bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte und sind gleichzeitig Erinnerungen an alte Konflikte. Wo setzt die große Erzählung ein, was betont, was vermeidet sie? Genau diese Konstellation macht Skopje, wie wir bei unserem Besuch lernen sollten, so faszinierend.

Foto(s): Autor

Ein Platz, der Geschichte behauptet

Ab 2010 verwandelte die Regierung unter der VMRO-DPMNE das Zentrum Skopjes im Projekt „Skopje 2014″ in ein Ensemble aus neoklassizistischen Fassaden, Triumphbögen, Brunnen und Heldenstatuen. Aus veranschlagten 80 Millionen Euro wurden am Ende schätzungsweise 680 Millionen. Bis heute wird darüber gestritten, ob das Geld gut angelegt war.

Aber eines lässt sich kaum bestreiten: Jede Hauptstadt erzählt sich selbst ein Bild. Ungewöhnlich an Skopje ist nur, wie unverhohlen dieses Bild hier zur Behauptung wird – nicht Erinnerung, die sich verdichtet, sondern eine Vergangenheit, die eigens für den Blick von heute gebaut wurde, und die genau dadurch sichtbarer wirkt als jede gewachsene Geschichte es könnte.

Der französische Philosoph Jean Baudrillard hätte an diesem Platz seine Freude gehabt. Seine Kernidee, verkürzt gesagt: Normalerweise bildet ein Bild etwas Reales ab – eine Landkarte folgt einem Territorium, ein Denkmal einer tatsächlichen Person.

Baudrillard beschrieb jedoch Fälle, in denen diese Reihenfolge sich umkehrt: Das Bild kommt zuerst, und die „Wirklichkeit“ wird nachträglich so eingerichtet, dass sie zum Bild passt. Er nannte solche Bilder ohne zugrundeliegendes Original „Hyperrealitäten“.

Auf Skopje übertragen heißt das: Nicht die Antike hat dieses Denkmal hervorgebracht, sondern der Wunsch nach einem antiken Alexander als nationaler Bezugspunkt hat das Denkmal – und mit ihm ein Stück der heutigen Selbstwahrnehmung der Stadt – erst hervorgebracht. Das ist kein Vorwurf. Es macht den Platz nur interessanter, als er auf den ersten Blick wirkt: Man schaut hier nicht auf Geschichte, sondern dabei zu, wie Geschichte gerade gemacht wird.

Der Reiter und der Nachbar

Dass der Reiter offiziell nicht Alexander heißen darf, ist keine Marginalie, sondern die eigentliche Pointe. Das Nachbarland Griechenland verstand die Statue nie als harmlose Stadtdekoration, sondern als Versuch, sich hellenisches Erbe anzueignen – ein Sprecher des griechischen Außenministeriums warf Skopje seinerzeit vor, griechische Geschichte zu „usurpieren“.

Hinter dem Streit um einen bronzenen Namen stand weit mehr: Grenzen, EU- und NATO-Perspektive, die Frage, wem eine antike Geschichte politisch gehört. Und doch: Diese Geschichte hat inzwischen ein gutes Schlusskapitel bekommen.

Nach dem Prespa-Abkommen von 2018 einigten sich beide Länder – Nordmazedonien erhielt seinen neuen Namen, der Weg nach Europa öffnete sich ein Stück weiter, und selbst der Reiter bekam eine neue, versöhnlichere Beschriftung als Teil der gemeinsamen hellenischen Geschichte.

Der Stein blieb derselbe. Seine Bedeutung wurde neu verhandelt. Das ist, wenn man so will, die tröstlichste Lektion Skopjes: Monumente sind aus härterem Material als die Politik, die sie einst aufstellte – und trotzdem lassen sich ihre Geschichten immer wieder neu erzählen, manchmal freundlicher, als sie begannen.

Über die Brücke

Nach einer knappen halben Stunde beruhigt sich das Wetter, und wir setzen unseren Weg fort. Die Steinbrücke über den Vardar führt uns vom Platz der großen Gesten in eine andere Stadt. Auf der einen Seite: neoklassizistische Gegenwart im Antikenkostüm.

Auf der anderen: der Alte Basar, gewachsen über Jahrhunderte aus Handel, Sprachen, Migration und Glauben. Wir tauchen ein in enge Gassen, riechen gegrilltes Fleisch und frischen Kaffee, hören mehrere Sprachen gleichzeitig. Hier verkörpert sich Geschichte nicht als Behauptung, sondern als Schicht auf Schicht gewachsener Alltag.

Moscheen erinnern an die osmanisch-muslimische Prägung der Stadt, die bis heute lebendig ist. Wenige Gehminuten entfernt erhebt sich die neue orthodoxe Kirche der Heiligen Konstantin und Helena, erst 2025 geweiht, nachdem ihre Vorgängerin nach dem Erdbeben von 1963 verschwunden war.

Und dann finden wir die Bet-Yaakov-Synagoge, 2000 eröffnet an der Stelle, an der 1943 mehr als 7.000 mazedonische Juden von bulgarischen Besatzungsbehörden nach Treblinka deportiert wurden – fast das gesamte jüdische Skopje. Ihre bloße Existenz heute ist mehr als Wiederaufbau. Sie ist eine leise, beharrliche Anwesenheit gegen das Vergessen.

Moschee, Kirche, Synagoge sind hier wenige hundert Meter voneinander entfernt. Wir wollen das nicht vorschnell zum Vorzeigebild einer gelungenen Multikulturalität erklären – ihre Geschichten sind zu unterschiedlich, zu ungleich in ihrem Leid und ihrer Dauer. Aber allein, dass sie heute nebeneinanderstehen, wieder genutzt und besucht werden, ist eine leise Form von Hoffnung, die uns auf diesem Spaziergang immer wieder auffällt.

Foto(s): Autor

Der Basar bleibt Stadt

Auch im Basar gibt es Souvenirs, Kaffeehäuser, Kameras. Auch hier wird Vergangenheit verkauft. Der Unterschied zum Makedonija-Platz liegt woanders: Der Basar lässt sich zwar herausputzen und vermarkten, aber er widersteht dem völligen Verwandeln in Kulisse, weil hier einfach weiterhin Stadtleben passiert.

Menschen kaufen ein, beten, arbeiten und verabreden sich zum Kaffee. Wir sitzen eine Stunde in einem winzigen Café, trinken zu süßen Tee, und beobachten, wie das Viertel längst allen Skopjern gehört, nicht nur den Touristinnen und Touristen.

Ein Platz will betrachtet werden. Ein Basar will benutzt werden. Das, vermuten wir, ist der eigentliche Unterschied zwischen einer echten Stadt und einer Kulisse – und der Basar besteht diesen Test.

Rast in der Mustafa-Pascha-Moschee

Von der Mittagshitze und dem Trubel in den Gassen etwas erschlagen, steigen wir die wenigen Stufen zur Mustafa-Pascha-Moschee hinauf, die hoch über dem Basarviertel liegt. Sie wurde 1492 erbaut und gilt als eine der schönsten osmanischen Moscheen auf dem Balkan – ihre Kuppel, ihr zierlicher Portikus mit den bemalten Bögen, der Innenhof mit Brunnen und alten Platanen wirken wie ein eigener, stillerer Kosmos direkt über der lauten Stadt.

Wir setzen uns nach dem Gebet eine Weile in den Schatten des Hofes. Von hier oben blicken wir über die Dächer des Basars bis hinüber zum Makedonija-Platz, wo der Reiter in der Sonne glänzt.

Es ist einer dieser Momente, in denen sich die Stadt kurz beruhigt – nicht, weil sie ihre Widersprüche gelöst hätte, sondern weil ein Ort wie dieser einfach Raum zum Durchatmen bietet, mitten in ihnen. Erholt und ein wenig andächtig steigen wir später wieder hinab in die Gassen.

Die stille Karawanserei

Am späteren Nachmittag besuchen wir die Karawanserei Kuršumli An. Einst Herberge, Lagerhaus und Handelsplatz zugleich, später zeitweise Gefängnis, heute Museumshof für kulturelle Veranstaltungen.

Die Arkaden stehen leer, die islamische Ökonomie, für die sie gebaut wurden, ist längst vergangen. Auf dem ganzen Balkan finden sich Spuren der ökonomischen und sozialen Infrastruktur der osmanischen Geschichte.

Wir stehen eine Weile in der Stille dieses Innenhofs, und paradoxerweise wirkt gerade diese Leere ehrlicher als die pompöse Fülle des Makedonija-Platzes. Der Kuršumli An behauptet nicht, noch zu leisten, was er einmal leistete. Er zeigt keine triumphale Wiederkehr, sondern erlaubt seiner Geschichte, einfach vorbei zu sein.

Foto(s): Autor

Ein Abend, viele Trachten

Skopje ist keine Stadt ohne Geschichte, die sich eine Herkunft erfindet. Es ist eine Stadt mit zu vielen Geschichten, als dass eine einzige von ihnen den Rest zum Schweigen bringen könnte.

Der Reiter, die Steinbrücke, die Moscheen, die neue Kirche, die Synagoge, der Basar, die stille Karawanserei – sie sprechen nicht dieselbe Sprache. Und doch gehören sie alle demselben Ort.

Als wir am Abend zum Platz zurückkehren, hören wir gleichzeitig den Ruf des Muezzins und die Klänge eines Kulturfests: Um das Reiterdenkmal herum haben sich zahlreiche Gruppen in bunten Trachten versammelt, mit Trommeln, Musikinstrumenten und Gesängen, als wäre für einen Abend die ganze Welt in diese eine Stadt gezogen.

Kinder tanzen zwischen den Ständen, die Erwachseneren bedienen ihre Smartphones, und für einen Moment scheint es, als hätte die Veranstalter die vielen Kulturen einfach nebeneinandergestellt, ohne sie bewerten zu müssen – und genau darin liegt vielleicht eine große Stärke. Die Frage, inwieweit Kulturen sich in einer globalisierten Welt überhaupt ihre Authenzität bewahren können, stellt sich nicht nur hier.

Wir wissen also nicht, ob dieser Abend mit seiner Multikulti-Atmosphäre die tiefen Brüche der Region heilen kann, die sich in Skopjes Straßen, Erinnerungen und Namen eingeschrieben haben. Aber wir nehmen ein Bild mit, das uns hoffen lässt: eine Stadt, die lernt, ihre Widersprüche nicht zu verstecken, sondern auszustellen – und darin vielleicht ehrlicher ist als jede glatte Versöhnungserzählung es je sein könnte.

Die Frage, die uns auf dem Rückweg bleibt, ist deshalb keine resignierte: Nicht ob der Balkan sein Narrativ findet, sondern welches. Wird es die eine, große Erzählung sein, die eine Herkunft über alle anderen stellt?

Oder gewinnt am Ende die leisere, schwierigere Erzählung – die, in der viele Geschichten gleichzeitig wahr sein dürfen? Welche politische Mehrheit wird künftig das Erbe dieser Region interpretieren?

Skopje, so viel nehmen wir mit, hat sich noch nicht endgültig entschieden. Und vielleicht ist genau das, in dieser Stadt an diesem Abend, ein gutes Zeichen.

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Der IZ-Reiseblog: Ein Dorf und sein Mythos

Kumrovec Dorf Reiseblog

Der IZ-Reiseblog: Wenn man das Dorf Kumrovec besucht, denkt man zunächst nicht an die große Politik.

(iz). Der unscheinbare Ort, in dem Josip Broz Tito zur Welt kam, liegt in der sanften Hügellandschaft des Hrvatsko Zagorje, nahe der heutigen Grenze zwischen Kroatien und Slowenien.

Das Ambiente ist idyllisch: kleine Höfe, Gärten, Scheunen, Werkstätten und Häuser, deren Bauweise noch von einer bäuerlichen Lebenswelt erzählt. Nach 1991 wurde die symbolische Wirkung des Ortes ambivalent erfahren: Für manche blieb eine Atmosphäre der Nostalgie und des Gedenkens, für andere ein politisch belasteter Erinnerungsraum.

Gerade in Kroatien ist Kumrovec bis heute ein Spannungsfeld zwischen touristischer Attraktion, Geschichtsmuseum und Erinnerung an das jugoslawische Projekt.

Im Zentrum des heutigen Freilichtmuseums Staro Selo steht Titos Geburtshaus als Teil einer gut gepflegten Anlage. Es ist kein Palast und keine großbürgerliche Villa, sondern ein einfaches bäuerliches Anwesen. Die ethnografische Präsentation erinnert an eine Zeit, in der Wohnen und Arbeiten noch eng miteinander verbunden waren: Landwirtschaft, Handwerk, Vorratshaltung und Familienleben bildeten eine Einheit.

Rund um das Geburtshaus wird die Lebenswelt eines kroatischen Dorfes um 1900 spürbar. Von hier führt die abenteuerliche Biografie Titos bis auf die großen Bühnen der Weltpolitik und in jene Zone, in der persönliche Lebensgeschichte in Staatsmythos übergeht.

Vom Dorf in die Weltgeschichte

Josip Broz wurde 1892 als Sohn einer kroatischen Mutter und eines kroatisch‑slowenischen Bauern geboren. Aus dem Bauernsohn wurde ein gelernter Schlosser, ein Migrant in den Industriezonen der Habsburgermonarchie, ein Soldat des Ersten Weltkriegs, ein Gefangener in Russland – eine Biografie, wie sie das 20. Jahrhundert millionenfach hervorbrachte, bevor sie sich bei Tito in eine Ausnahmegeschichte verwandelte.

In der russischen Gefangenschaft und im Umfeld der Revolution fand er seinen Weg in die kommunistische Bewegung. Der Weg führt also nicht nur geographisch „aus dem Dorf hinaus“, sondern durch soziale Rollenwechsel: vom bäuerlichen Kind zum Industriearbeiter, vom Untertanen des Kaiserreichs zum politischen Aktivisten einer neuen Ideologie.

Seine Biografie ist damit zunächst eine typische Biografie des industriellen und revolutionären 20. Jahrhunderts. Erst im Rückblick – und unter dem Einfluss späterer Herrschaftsformen – beginnt dieser Lebenslauf sich zu einem politischen Mythos zu verdichten. Sein frühes Leben lässt sich wie ein Rohmaterial lesen, aus dem eine der ungewöhnlichsten politischen Karrieren Europas modelliert wurde.

Während des Zweiten Weltkriegs formte sich um Tito eine kommunistisch dominierte Partisanenbewegung, deren militärische und politische Erfolge ihn zum zentralen Gesicht des Widerstands machten. Sie kämpfte nicht nur gegen die deutsche und italienische Besatzung, sondern zugleich gegen einheimische Kollaborateure und konkurrierende nationale Widerstandsbewegungen.

Der Partisanenkrieg war Befreiungskampf, Bürgerkrieg und soziale Revolution zugleich. Aus diesem komplexen Geschehen ging nicht nur ein militärischer Sieger hervor, sondern eine Figur, die – im Sinne einer politischen Ikonographie – als Verkörperung des „antifaschistischen Kampfes“ in die Geschichtserzählungen des sozialistischen Jugoslawiens eingeschrieben wurde.

Im Zweiten Weltkrieg rückte Tito also an die Spitze der kommunistisch geprägten Partisanenbewegung und wurde zum Symbol eines mehrschichtigen Befreiungskriegs.

Aus seinem militärischen Erfolg bezog er später eine besondere Legitimität: Anders als viele kommunistische Regierungen Osteuropas verdankte seine Herrschaft ihre Entstehung nicht allein dem Einmarsch der Roten Armee.

Seine Figur vereint hier unterschiedliche Ebenen: historische Person, charismatischer Führer, Projektionsfläche kollektiver Erinnerungen.

Nach dem Krieg baute er das sozialistische Jugoslawien zu einem eigenen politischen Projekt aus – eine Föderation, die sich zwischen Moskau und dem Westen positionierte. Der entscheidende Moment kam 1948 mit dem Bruch zwischen Tito und Stalin.

Tito widersetzte sich dem politischen Führungsanspruch Moskaus und überstand den Konflikt. Damit wurde er zum ersten kommunistischen Staatschef Europas, der sich dauerhaft der sowjetischen Kontrolle entzog. Jugoslawien näherte sich dem Westen an, ohne sich dem westlichen Bündnissystem anzuschließen, und entwickelte später gemeinsam mit Staaten wie Indien und Ägypten die Bewegung der Blockfreien.

Aus dem Untergrundkämpfer wurde ein internationaler Staatsmann. Tito empfing Könige, Präsidenten, Revolutionäre und Filmstars. Er reiste, jagte, residierte auf der Insel Brijuni und inszenierte sich in Uniformen und weißen Staatsanzügen.

Sein Lebensstil verband sozialistische Symbolik mit aristokratischer Repräsentation. Diese Wandlung war mehr als persönliche Eitelkeit. Sie gehörte zum politischen System. Tito verkörperte Jugoslawien. Sein Charisma sollte Gegensätze zusammenhalten, die durch Institutionen allein kaum zu beherrschen waren: Serben und Kroaten, Slowenen und Mazedonier, Muslime, Orthodoxe und Katholiken, wohlhabendere nördliche und ärmere südliche Republiken.

In dieser Ambivalenz liegt ein zentraler Ausgangspunkt, von dem aus sich die spätere Re‑Ethnisierung und der Zerfall Jugoslawiens denken lassen – und zugleich ein Mythos, dem wir auf unserer Reise nicht nur historisch, sondern auch im heutigen Alltag der Region nachgehen wollen.

Foto(s): Autor

Titoismus: Ein dritter Weg

Nach dem Bruch mit Stalin musste Jugoslawien seine eigene Form des Sozialismus entwickeln. Was später als Titoismus bezeichnet wurde, war weniger eine abgeschlossene Lehre als eine Kombination verschiedener politischer und wirtschaftlicher Experimente.

Im Zentrum stand die sogenannte Arbeiterselbstverwaltung. Seit 1950 sollten Betriebe nicht einfach von einer zentralen Staatsbürokratie gesteuert werden. Arbeiterräte erhielten zumindest formal Einfluss auf wirtschaftliche Entscheidungen, Gewinne und Produktionsprozesse. An die Stelle des rein sowjetischen Modells trat ein System aus gesellschaftlichem Eigentum, dezentraler Planung und begrenzten Marktmechanismen.

Auch im Alltag unterschied sich Jugoslawien von den meisten Staaten des Ostblocks. Reisen in den Westen waren möglich. Westliche Konsumgüter, Filme und Musik waren zugänglich. Millionen jugoslawischer Arbeitskräfte gingen als Gastarbeiter nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz.

Zugleich kamen westliche Touristen an die Adriaküste. Von außen konnte dieses System wie ein sanfter Kommunismus erscheinen: weniger grau, weniger abgeschottet und kulturell offener als die Sowjetunion oder die DDR. Jugoslawien schien einen dritten Weg gefunden zu haben – zwischen Kapitalismus und sowjetischem Staatssozialismus, zwischen Ost und West.

Doch das Wort „sanft“ darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um eine Einparteienherrschaft handelte. Politischer Pluralismus war nicht vorgesehen. Die Geheimpolizei überwachte Gegner, kritische Intellektuelle wurden verfolgt, und nach dem Bruch mit Stalin kamen tatsächliche oder vermeintliche Stalinisten in Lager wie Goli Otok.

Vor allem in seinen frühen Jahrzehnten trug das Regime deutlich totalitäre Züge: Partei, Staat, Armee und Sicherheitsapparat durchdrangen die Gesellschaft. Später entwickelte es sich eher zu einer – vergleichsweise – liberalen, aber weiterhin autoritären Ordnung. Die Freiräume waren real, doch sie waren gewährt und konnten wieder entzogen werden.

Der Titoismus war damit ein widersprüchliches System. Er ermöglichte Modernisierung, sozialen Aufstieg und internationale Offenheit. Gleichzeitig beruhte er auf Zensur, Überwachung und der Unterdrückung organisierter Opposition. Die Figur Tito steht hier als Garant der Ordnung, als charismatische Spitze eines Systems, das zwischen Öffnung und Kontrolle balanciert.

„Brüderlichkeit und Einheit“

Das zentrale politische Versprechen Jugoslawiens lautete Brüderlichkeit und Einheit. Nach den Massakern, Vertreibungen und Bürgerkriegen der 1940er‑Jahre sollte keine Nation den Staat beherrschen. Die föderale Ordnung erkannte verschiedene Republiken, Völker und später auch autonome Provinzen an.

Die jugoslawische Idee war deshalb nicht einfach die Abschaffung aller nationalen Identitäten. Tito versuchte vielmehr, sie institutionell auszubalancieren. Jede Republik erhielt eigene politische und kulturelle Strukturen. Zugleich durfte keine nationale Bewegung so stark werden, dass sie die Einheit des Gesamtstaates gefährdete.

Genau hier lag das Problem. Die Grenze zwischen legitimer kultureller Identität und verbotenem Nationalismus bestimmte letztlich die Partei. Nationale Konflikte wurden nicht offen politisch ausgehandelt, sondern administriert, kontrolliert und im Krisenfall unterdrückt.

Die Formel „Brüderlichkeit und Einheit“ war damit zugleich Versprechen und Disziplinierungsinstrument, eine politische Parole, die Integration versprechen und Loyalität einfordern sollte.

Auch Religion wurde in die private Sphäre gedrängt. Kirchen und islamische Institutionen bestanden weiter, verloren aber einen erheblichen Teil ihres früheren gesellschaftlichen Einflusses. Der sozialistische Staat wollte aus Orthodoxen, Katholiken, Muslimen und anderen Gruppen vor allem jugoslawische Bürger und sozialistische Produzenten machen.

Dies hatte – unter den genannten Rahmenbedingungen – eine pazifizierende Wirkung. Für mehrere Jahrzehnte lebten Menschen unterschiedlicher Herkunft nicht nur nebeneinander, sondern arbeiteten zusammen, heirateten untereinander und entwickelten gemeinsame jugoslawische Lebensformen. Städte wie Sarajevo wurden zu Symbolen einer solchen kulturellen Verbindung.

Aber die gemeinsame Identität blieb vielfach mit Titos Person und der Autorität des Staates verbunden. Eine Kultur, in der konkurrierende historische Erinnerungen, religiöse Bindungen und nationale Interessen frei ausgehandelt werden konnten, entstand nur begrenzt. Hier stellt sich eine bis heute spannende Frage: Kann man aus der Unterdrückung nationaler und religiöser Gefühle eine direkte, unausweichliche Linie zu den Kriegen der 1990er‑Jahre ziehen?

Fest steht, Jugoslawien zerfiel nicht aufgrund einer einzigen Ursache. Wirtschaftskrise, internationale Veränderungen, institutionelle Blockaden nach Titos Tod und der strategische Nationalismus politischer Eliten spielten entscheidende Rollen. Forschungen zur jugoslawischen Krise betonen gerade, wie politische Führungen ethnische Ängste mobilisierten, um ihre eigene Macht zu sichern.

Dennoch liegt hier eine Tragik des Titoismus: Er konnte den Nationalismus kontrollieren, aber keine dauerhafte demokratische Form schaffen, in der nationale Unterschiede ohne Gewalt hätten ausgetragen werden können.

Die charismatische Bindung an eine einzelne Person ersetzte langfristig tragfähige Institutionen. Der Mythos Tito stabilisierte eine Zeit lang den Staat, ließ ihn aber zugleich von einer Figur abhängig werden, die sterblich war.

Foto: CIA, via Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Nach Tito: die Rückkehr des Verdrängten?

Tito starb 1980. Sein Tod hinterließ mehr als eine personelle Lücke. Mit ihm verschwand die Symbolfigur, die zwischen Republiken, Regionen und Interessengruppen vermitteln konnte. Die kollektive Staatsführung, die ihm folgte, besaß weder seine Autorität noch seine internationale Bedeutung.

In den 1980er‑Jahren verschärften sich wirtschaftliche Probleme, Verschuldung und regionale Ungleichheiten. Der Kommunismus verlor zugleich europaweit seine ideologische Bindungskraft.

In dieser Situation bot der Nationalismus vielen politischen Akteuren eine neue Sprache der Legitimation. Aus sozialen und ökonomischen Konflikten wurden nationale Konflikte. Jede Gemeinschaft erzählte sich nun zunehmend als Opfer der anderen.

Historische Traumata, die im sozialistischen Jugoslawien nur begrenzt öffentlich diskutiert worden waren, kehrten in vereinfachter und politisch instrumentalisierter Form zurück. Die Folge war nicht bloß eine Wiederentdeckung kultureller Herkunft, sondern eine Re‑Ethnisierung der Politik.

Menschen wurden immer weniger als Bürger, Nachbarn, Arbeiter oder Angehörige gemischter Familien wahrgenommen und immer stärker als Kroaten, Serben, Bosniaken, Albaner oder Angehörige anderer Gruppen.

Religion erhielt dabei eine neue Funktion. Sie kehrte nicht nur als persönlicher Glaube zurück, sondern wurde häufig zum Zeichen nationaler Zugehörigkeit. Katholizismus, Orthodoxie und Islam verbanden sich in den Nachfolgestaaten auf unterschiedliche Weise mit nationalen Narrativen.

Forschungen über die postjugoslawischen Gesellschaften beschreiben die enge Verflechtung von religiöser, ethnischer und politischer Identität sowie eine grundlegende Renationalisierung der öffentlichen Erinnerung.

Die Re‑Ethnisierung ist nicht abgeschlossen

Diese Re‑Ethnisierung prägt den postjugoslawischen Raum bis heute. Sie zeigt sich in getrennten Erinnerungskulturen, konkurrierenden Geschichtsbildern, ethnisch geprägten Parteien und teilweise auch in getrennten Schulen, Medien und Wohngebieten.

Die Kriege sind militärisch beendet, doch ihre Deutungen bleiben politisch wirksam. Fast jede Gesellschaft besitzt ihre eigenen Opfer, Helden und Täter – und häufig wenig Raum für die Erinnerungen der anderen. Historische Revisionen dienen dabei nicht nur der Aufarbeitung, sondern oft dem Aufbau möglichst eindeutiger nationaler Erzählungen.

Nur, so fragen wir uns: Bedeutet der Begriff Re‑Ethnisierung, dass ethnische Identität an sich ein Problem ist? Menschen haben ein Recht auf Sprache, Religion, Herkunft und historische Erinnerung. Problematisch wird Ethnizität dort, wo sie zum wichtigsten oder einzigen politischen Ordnungskriterium wird.

Dann wird aus der Frage „Wer bist du?“ sehr schnell die Frage „Zu wem gehörst du?“ – und daraus schließlich: „Auf welcher Seite stehst du?“ Jugoslawien wollte diese Frage durch eine übergeordnete sozialistische Identität entschärfen.

Die Nachfolgestaaten beantworteten sie vielfach durch diverse Formen der nationalen Homogenisierung. Beide Modelle haben ihre Grenzen gezeigt: Das erste unterschätzte die Dauerhaftigkeit kultureller und religiöser Bindungen; das zweite unterschätzt, wie gemischt und miteinander verflochten die Geschichte des Balkans tatsächlich ist.

Foto(s): Autor

Rückkehr nach Kumrovec

In der Nähe von Titos Geburtshaus sitzen wir in einem Kaffee und unterhalten uns über die Geschichte. Hier begann ein Leben in einer bäuerlichen Welt der Habsburgermonarchie. Von hier führte der Weg durch Weltkrieg, Revolution, Partisanenkampf, Stalinismus, Blockfreiheit und internationale Gesellschaft.

Das Haus steht für Herkunft. Die Statue davor steht für den politischen Mythos. Dazwischen liegt die Geschichte eines Mannes, der ein kompliziertes Land für mehrere Jahrzehnte zusammenhalten konnte – durch Charisma und Ausgleich, aber auch durch Kontrolle und Unterdrückung.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung Kumrovecs als Reiseziel. Der Ort fordert – so denken wir zumindest – weder eine einfache Tito‑Nostalgie noch eine pauschale Verurteilung. Wichtig ist eine schwierigere, bis heute aktuelle Frage: Kann eine politische Ordnung kulturelle, nationale und religiöse Unterschiede verbinden, ohne sie zu unterdrücken – und ohne sie gegeneinander zu mobilisieren?

Titos Jugoslawien gab darauf eine autoritäre Antwort. Die nationalistischen Bewegungen nach seinem Tod gaben vielfach eine ethnische Antwort. Eine überzeugende demokratische Antwort, die in eine nachhaltige Friedensordnung mündet, bleibt in den Teilen des ehemaligen Jugoslawiens noch immer eine offene Aufgabe.

Für uns ist dieser Ort der Auftakt zu einem Drei‑Städte‑Projekt: Von Kumrovec aus wollen wir weiter nach Belgrad und Skopje reisen, um dort zu verfolgen, wie der Mythos Tito in den urbanen Räumen der ehemaligen Föderation nachwirkt – in Denkmälern, in Museen, in politischen Gesten und alltäglichen Gesprächen.

Wir nehmen uns vor, den Mythos kritisch zu aktualisieren: als Prüfstein dafür, wie charismatische Politik, föderale Ordnungen und nationale Erzählungen in diesen Regionen zusammenspielen.

Ein neuer Flächenbrand wäre eine Katastrophe. Vielleicht entscheidet sich gerade in dieser Region, ob Europa eine friedliche Antwort auf seine eigenen historischen Mythen findet.

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Muslimische Sklaven in Nordamerika: Glaube und Würde in der Unfreiheit

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Muslimische Sklaven in Nordamerika: Anmerkungen zu ihrer Geschichte, Rolle und ihrem Leben. (iz). Wer über versklavte afrikanische Muslime auf dem nordamerikanischen Kontinent schreibt, muss mit einer doppelten Nüchternheit beginnen: Ihre […]

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Osmanische Geschichte: Jenseits der alten Feindbilder

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Was ist eine Lingua franca?

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Lingua Franca: Ein kurzer Überblick über ihre Geschichte, von den Kreuzzügen bis heute. (The Conversation). Als die Kreuzritter Ende des 11. Jahrhunderts an den östlichen Küsten des Mittelmeers landeten, mussten […]

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47 Jahre Misstrauen: Wie das US-iranische Verhältnis den Weg zum Krieg ebnete

Währung Iran

Iran und die USA verbindet seit 47 Jahren ein zerrüttetes Verhältnis – Vertrauen scheint hier wie Glas: einmal zerbrochen, bleibt nichts wie zuvor.

(The Conversation). Der Ton der Beziehungen lässt dies deutlich erkennen. Im Jahr 2020 bezeichnete der oberste Führer des Iran Präsident Donald Trump als einen „Clown“, der nur vorgibt, das persische Volk zu unterstützen, ihm aber letztlich einen „giftigen Dolch“ in den Rücken stößt. Von Mehrzad Boroujerdi

Und in einer US-amerikanischen Version dieser Feindseligkeit sagte Trumps Sonderbeauftragter Steve Witkoff am 23. Februar 2026 über die Haltung des Präsidenten gegenüber dem Iran: „Ich möchte das Wort ‘frustriert’ nicht verwenden, denn er weiß, dass er zahlreiche Alternativen hat, aber er fragt sich, warum sie nicht … Ich möchte das Wort ‘kapituliert’ nicht verwenden, aber warum sie nicht kapituliert haben.“

Der Krieg, der am 28. Februar 2026 begann, folgt einem bekannten, allerdings gefährlichen Muster. Tiefes, historisches Misstrauen, unvereinbare strategische Interessen, innenpolitische Zwänge auf beiden Seiten, Missverständnisse und Fehlwahrnehmungen, Nullsummen-Denken und wiederholte diplomatische Überreaktionen trieben die Beziehungen zwischen dem Teheran und Washington schrittweise in einen offenen Konflikt.

Als der Iran sich weigerte, seinen Forderungen nachzugeben, beschrieb er die Führer in unverblümten Worten: „Das sind kranke Menschen. Sie sind psychisch krank. Kranke Menschen. Sie sind wütend. Sie sind verrückt. Sie sind krank.“

Chamenei

Foto: khamenei.ir

Um ein tieferes Verständnis für den Iran zu erlangen, hätten die politischen Entscheidungsträger in Washington auf die Erkenntnisse von John W. Limbert zurückgreifen können.

Er war angesehener Diplomat mit vier Jahrzehnten Erfahrung in iranischen Angelegenheiten. 2008 skizzierte er im Rahmen einer Studie des U.S. Institute of Peace über den iranischen Verhandlungsstil 15 Grundsätze für Amerikaner, die erfolgreiche Verhandlungen mit diesen Gesprächspartnern anstreben.

Zu seinen wichtigsten Beobachtungen gehörte, dass jede Seite dazu neigt, vom anderen das Schlimmste anzunehmen und ihren Gegner als „unendlich hinterhältig, feindselig und doppelzüngig“ zu betrachten. Es gibt kaum Anzeichen dafür, dass diese hart erarbeitete Erkenntnis in die jüngste Rhetorik eingeflossen ist.

Und liebgewonnene Darstellungen lassen unbequeme Fakten geflissentlich außer Acht. Es war Trump, der die USA in seiner ersten Amtszeit aus dem Atomabkommen von 2015 zurückzog.

Es waren auch die USA, die in den erneuten Unterhandlungen 2025 und 2026 zweimal iranische Ziele bombardierten, während die Gespräche noch liefen.

Auch waren die Verhandlungen nie rein bilateral. Am Verhandlungstisch stand immer ein unbesetzter Stuhl, der metaphorisch für einen unsichtbaren Teilnehmer reserviert war: Israel.

Meiner Ansicht nach nutzte Premierminister Netanjahu geschickt seinen Einfluss und diplomatischen Druck, um den Prozess öffentlich und hinter den Kulissen zu gestalten.

Wenn es um den Iran ging, verstieß Trump oft gegen ein Grundprinzip der Diplomatie: Den Iran zu Zugeständnissen aufzufordern, ohne dafür eine Gegenleistung zu bieten.

Foto: Dan Scavino | Lizenz: gemeinfrei

Unterdessen verschob Netanjahu wiederholt die Zielvorgaben – er behauptete, der Iran stehe kurz vor dem Erwerb einer Atomwaffe, forderte den Abbau seiner nuklearen Infrastruktur und sprach sich schließlich für einen Regimewechsel aus.

Die Verantwortung für das Scheitern kann jedoch nicht allein Washington und Jerusalem zugeschrieben werden. Die iranische Führung hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Konflikt mit den USA so unlösbar geworden ist.

Ein repressives und wirtschaftlich angeschlagenes Regime stützte sich stark auf performative antiamerikanische Politik, um seine innenpolitische Legitimität zu sichern. Teheran begegnete der Unnachgiebigkeit der USA und Israels mit eigener Unbeugsamkeit und einer strategischen Überziehung.

Wie geht es weiter? Sollte es im Iran nicht zu einem Regimewechsel kommen, werden sich beide Seiten wahrscheinlich wieder an den Verhandlungstisch begeben, sobald sich der Nebel des Krieges gelichtet hat.

Die Feindseligkeiten werden nicht verschwinden, und diplomatische Höflichkeiten könnten seltener werden. Doch Diplomatie braucht kaum Vertrauen; sie erfordert Interessen. (The Conversation)

* Übersetzt und veröffentlicht im Rahmen einer CCL-Lizenz.

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Unterwegs auf der Sonnenallee

sonnenallee berlin

Die Sonnenallee: Kaum eine Straße hat in Deutschland solch eine Symbolwirkung wie diese Neuköllner Verkehrsweg.

(iz). Es ist jetzt Freitagnachmittag auf der Sonnenallee nach dem Mittagsgebet, und ich sitze an einem Tisch vor einem arabischen Baklava-Laden und trinke einen dünnen Kaffee aus einem Pappbecher.

Der Bürgersteig ist voller Syrer und Palästinenser, die aus ganz Berlin gekommen sind, um in arabischen Supermärkten und Gemüseläden einzukaufen, und ich warte auf eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Straße – den Mann, der als Ali Sonnenallee bekannt ist.

Er ist ein 75-jähriger deutscher Muslim, der zum Islam konvertiert ist, Internetprediger und allgemein ein Mann der Sonnenallee. Mein Freund Mehmet Martin, ein deutscher Muslim mit einem Ohr für esoterische Mystiker, die eine Liebe predigen, sagte mir, ich müsse ihn einfach kennenlernen.

Vor drei Jahren, als die Berliner Boulevardzeitung BZ einen Artikel über diese Straße schrieb, konzentrierten sie sich auf ihn und fotografierten ihn in seiner Wohnung in der Sonnenallee, umgeben von seinen Katzen.

Ali lebt schon seit langer Zeit in der Sonnenallee. Er kam im Alter von neunzehn Jahren aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Kassel in Westdeutschland hierher. Seit 2003 wohnt er in seiner Hinterhofwohnung mit Blick auf einen schummrigen Innenhof voller ausrangierter Möbel.

Sonnenallee oder „das Verschwinden der Deutschen“

Er hat miterlebt, wie sich die Straße mit dem allmählichen Verschwinden der Deutschen und der Ankunft arabischsprachiger Berliner verändert hat. Wenn du sie nicht schlagen kannst, schließe dich ihnen an, scheint seine allgemeine Philosophie zu sein. Anstatt wie viele seiner deutschen Nachbarn aus der Sonnenallee zu fliehen, blieb er und wurde Muslim.

Ali erklärte, dass er vor seiner Konversion zum Islam vor zwölf Jahren Drogenprobleme hatte, zahlreiche Süchte, Tabletten nahm, große Mengen Alkohol trank, aber immer „auf der Suche nach dem Licht“ war.

Ein türkischer Freund hatte ihn in eine Moschee mitgenommen, wo Ali „eine starke Ausstrahlung“ verspürte. Aber er wollte keine voreilige Entscheidung treffen; Muslim zu werden war nichts, was man überstürzen konnte. Nachdem er jedoch lange genug darüber nachgedacht hatte, kam er schließlich zu dem Schluss, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war. Er betrat eine Moschee in einer Seitenstraße der Sonnenallee. Jemand fragte ihn, ob man ihm helfen könne.

Er erzählt: „Ich war auf der Suche nach etwas. Ich suchte nach einem Licht. Und ich habe dieses Licht in Ihrer Moschee gefunden. Jetzt weiß ich, dass ich gefunden habe, wonach ich gesucht habe. Und ich weiß, dass ich Muslim werden möchte.“

Die Sonnenallee: für die einen Heimat, für andere Grund zu gehen

Hadice Kalender ist türkisch-kurdischer Abstammung und stammt aus der Region im Südosten der Türkei, die sich zwischen Urfa und Adana entlang des Euphrat erstreckt.

Sie kam 1989 nach Berlin, um mit ihrem damaligen kurdischen Ehemann zusammen zu sein, und landete direkt in der Sonnenallee Nr. 75, ganz in der Nähe des berühmten City Chicken – eines der wenigen Geschäfte, die noch aus den späten Achtzigern/frühen Neunzigern existieren.

Damals betrieb sie – eine fähige Geschäftsfrau, bevor sie Mitte der Neunzigerjahre aus gesundheitlichen Gründen in den Vorruhestand gehen musste – mehrere erfolgreiche Geschäfte in den Seitenstraßen der Sonnenallee.

Eines davon war ein Blumenladen in der Flughafenstrasse, an der Stelle der heutigen Neukölln Arkaden. Das andere war ein türkischer „Bakkal” – eine Art Tante-Emma-Laden – an der Ecke Weserstrasse/Weichselstrasse.

Hadice behauptet, die Sonnenallee 1997 aus mehreren Gründen verlassen zu haben und nach Spandau gezogen zu sein. Einer davon scheint der demografische Wandel in der Straße gewesen zu sein, als Einwanderer aus dem Balkan hinzukamen, die die Atmosphäre in der Straße veränderten und die alten Türken vertrieben (so wie die Türken zuvor die alten Deutschen vertrieben hatten).

Ein weiterer Grund war, dass Kurden, die Geld von ihr für die Finanzierung ihrer PKK-Aktivitäten wollten, immer wieder an ihrer Tür auftauchten und Geldforderungen stellten.

Heutzutage haben sich internationale Hipster und junge Kreative im Norden der Sonnenallee, auch „Kreuzkölln” genannt, niedergelassen. Eines Tages beschlossen sie und ich, durch ihr altes Viertel zu spazieren, um zu sehen, wie sich die Dinge seit ihrer Zeit dort verändert hatten.

Ihr alter Bakkal war nun ein hippes französisches Restaurant. Wir kamen mit dem jetzigen Besitzer ins Gespräch, der von Hadices Geschichte begeistert war und ihr schließlich als kleine Geste der Wertschätzung einen Karton Sojamilch schenkte.

Susana H. ist ein achtzehnjähriges Mädchen, das einen Hijab trägt. Ihre Mutter stammt aus Bosnien, ihr Vater aus Kurdistan. Sie besucht eine Schule, an der ich Englisch unterrichte, am südlichen Ende der Sonnenallee, nur einen Block entfernt von der – wie manche sagen würden – berüchtigten Al-Nur-Moschee, die von den Medien als salafistischer Hotspot dargestellt wird.

Im Unterricht verteidigt Susana die Sonnenallee, wenn ihre Mitschüler sie als „schmutzig” und kriminell bezeichnen. Sie nennt sie einfach „die Sonne”. Susana erzählt mir, dass sie, solange sie sich erinnern kann, in der Sonnenallee lebt. „Mein Beileid”, sagt ein türkisches Mädchen.

Susana zuckt mit den Schultern. Sie unterscheidet zwischen der „normalen“ Sonnenallee – dem südlichen Ende – und der „verrückten“ Sonnenallee, die jeder kennt und die sich über eine Handvoll Häuserblocks südlich des Hermannplatzes erstreckt.

Sie kann sich nicht erinnern, jemals Deutsche auf dieser Straße gesehen zu haben. „Deutsche? Nicht, dass ich mich erinnern könnte. Nur Ausländer.“ In den letzten Monaten und Jahren sind pro-palästinensische Straßendemonstrationen zu einem regelmäßigen Bestandteil der Sonnenallee geworden.

„Um ehrlich zu sein, gehen mir diese Demonstrationen langsam auf die Nerven“, sagt Susana. „Man will den Bus nehmen, aber die Busse fahren nicht. Man hat es eilig, aber es sind zu viele Menschen da und es ist laut. Auf der Sonne ist immer etwas los. Immer. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich unterstütze die Palästinenser. Aber es ist einfach die ganze Zeit, die ganze Zeit.“

Erinnerung an New Yorker Einwandererviertel

Die Sonnenallee erinnert mich an New Yorks Einwandererviertel – Orte wie Little Italy oder Brighton Beach. Aber während New York solche Viertel feiert, behandelt Berlin seine oft als Probleme, die es zu lösen gilt. Für viele ist die Sonnenallee nicht nur eine Straße. Sie ist ein Symbol. Ein politisches Symbol für die Flüchtlingsmigration nach 2015 und den gescheiterten sozialen Zusammenhalt.

Manchmal schafft es die Straße ins Fernsehen oder auf die Kinoleinwand, wie beispielsweise 2017, als die Serie „4 Blocks“ Premiere feierte – ein deutsches Krimidrama, produziert von TNT Serie (jetzt Warner TV), das in Neukölln spielt und eine fiktive libanesisch-deutsche Verbrecherfamilie, den Hamady-Clan, begleitet.

Die Serie wurde im Wesentlichen als Berliner Version von „Die Sopranos“ präsentiert, die sich mit Themen wie Familie, Loyalität, Kriminalität, Territorium und Männlichkeit befasste – und dabei die Sonnenallee als Kulisse nutzte.

Die Autoren und der Regisseur gaben an, komplexe Charaktere und nicht nur Karikaturen darstellen zu wollen, um den flachen Klischee der „kriminellen arabischen Clans“ zu vermeiden.

Kritiker bemängelten jedoch weiterhin, dass die Serie arabische/libanesische Identität pauschal mit Kriminalität gleichsetzte und die Sonnenallee als gesetzlose Parallelgesellschaft darstellte.

Stereotype Darstellungen – alles andere als glaubwürdig

So gewann der in den Boulevardmedien bereits gängige Begriff „Clancriminalität“ weiter an Bedeutung und verstärkte die entschuldigende Botschaft der Medien, sodass rechte Kommentatoren sagen konnten: „Genau. Wir haben es euch ja gesagt. Das haben wir doch immer über Neukölln gesagt.“

Kubilay Sarikaya ist Co-Regisseurin eines sehr realistischen Berliner Einwandererfilms namens „Familiye (2017)“ – im Vergleich dazu eine sehr ehrliche und realistische Kriminalgeschichte, gedreht in Schwarz-Weiß im stark von Einwanderern geprägten Lynar Kiez in Berlin-Spandau, von einem Hollywood-Reporter als „deutsches Mean Streets“ gelobt.

Für Sarikaya war „4 Blocks2“ alles andere als glaubwürdig. „Es war, als hätten sich ein paar deutsche Jungs an einen Cafétisch in Friedrichshain (einem gentrifizierten Berliner Stadtteil) gesetzt und versucht, sich in Neukölln hineinzuversetzen – eine Welt, von der sie nichts wussten.“

Als Lieblingsfeindbild der BZ-Zeitung versuchen Boulevardjournalisten oft, Teile der Sonnenallee als von sogenannten „arabischen Clans“ dominiert darzustellen, als Ort der „Clankriminalität“, was in den deutschen Medien zu einer Art Kurzformel geworden ist.

Aber wer sind diese Menschen, vor denen uns die BZ so gerne warnt? Und was haben sie mit der Sonnenallee zu tun, einer Straße, in der vor allem Syrer und Palästinenser ihre Einkäufe erledigen – und die nicht unbedingt ein Ort ist, an dem Kriminalität grassiert? Mit „Clans“ sind im Grunde genommen eine kleine Anzahl von Großfamilien gemeint, die hauptsächlich aus Libanesen (manchmal auch Palästinensern oder Kurden) bestehen und in den 1980er Jahren als staatenlose Flüchtlinge aus dem Libanon nach West-Berlin kamen.

Diese Menschen waren oft jahrelang mit einem unklaren Rechtsstatus und kaum Zugang zu Arbeit konfrontiert, bauten enge, auf Verwandtschaftsbeziehungen basierende Netzwerke auf und wurden in einigen Fällen in die organisierte Kriminalität verwickelt.

Ein Faktor für ihre Verwicklung in kriminelle Aktivitäten scheint die Notwendigkeit gewesen zu sein, die ihnen von der deutschen Regierung in Form von „Duldung“ Aufenthaltsgenehmigungen auferlegten Arbeitsbeschränkungen zu umgehen (die es Nichtstaatsangehörigen grundsätzlich erlauben, sich in Deutschland aufzuhalten, aber nicht zu arbeiten).

In den deutschen Medien werden die „arabischen Clans“ weitgehend als Vertreter von etwas eher Unheimlichem dargestellt, von „archaischen“ Stammesbräuchen und Integrationsunwilligkeit. Die Sonnenallee ist für diese Erzählung nützlich, weil sie sich gut fotografieren lässt: arabische Ladenschilder, belebte Gehwege, sofortige Wiedererkennbarkeit. Fernsehteams können dort eine ganze Geschichte inszenieren, auch wenn die Protagonisten woanders in der Stadt leben.

„Vor kurzem hat die Polizei eine Razzia in der Sonnenallee durchgeführt“, sagte mein kurdisch-arabischer Freund und Fixer Hamad. „Das machen sie jede Woche. Das ist Rassismus. Reine Schikane.  Glauben die etwa, dass in der Sonnenallee Gangster wohnen? Oder dass diese Kriminellen in Neukölln leben? Die Polizei weiß doch alles. Sie schlagen nur zu, damit sie der Öffentlichkeit sagen können: ‘Wir tun was.’ Das ist reine PR-Scheiße.“

Mein deutscher Cousin Georg wohnt in einer WG in Neukölln an der Sonnenallee. Von Zeit zu Zeit fährt er nach Dresden zurück, das sehr deutsch ist und Welten von der multikulturellen Realität der Sonnenallee entfernt liegt.

Nichts, sagt Georg, sei vergleichbar mit dem Kontrast, wenn man das eher homogene Dresden verlässt, durch die karge Kiefernlandschaft Brandenburgs fährt, die Autobahnausfahrt Berlin-Neukölln nimmt und plötzlich mitten in der „Arabischen Straße“ landet, mitten im Geschehen der Sonne.

„Wenn das kein Kulturschock ist”, sagt Georg, „dann weiß ich auch nicht, was sonst.“

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