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Sarah Reinke von der GfbV über den Sudankrieg: „Geld, Macht und Einfluss“

reinke sudan

Sarah Reinke (GfbV) erklärt, wie der Sudankrieg zur weltgrößten humanitären Katastrophe wurde und wieso wir mehr Empathie brauchen. Lies das Interview exklusiv bei uns!

(iz). Nach Monaten globaler Anteilslosigkeit am Krieg im Sudan – der inzwischen zur größten humanitären Katastrophe der Welt geworden ist – rückte das Thema mit der Einnahme der lange umkämpften Stadt El Faschir wieder in den Fokus der internationalen Politik. Erstmals seit Kriegsbeginn im April 2023 äußerten sich Politikerinnen und Politiker von den USA bis Malaysia und forderten eine sofortige Waffenruhe.

Sudanesen, Hilfsorganisationen und Beobachter kritisieren jedoch nicht erst seit Ende Oktober, dass das weltweite Interesse an Afrikas Konflikten – nicht nur im Westen – viel zu gering sei. Zudem wüssten viele Menschen zu wenig über die betroffenen Länder oder hielten an stereotypen Bildern fest.

Darüber sprachen wir mit Sarah Reinke, die zwischen 2000 und 2017 und erneut seit 2022 bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) aktiv ist. Dort leitet sie die Menschenrechtsreferate. Im Interview erklärt Reinke die Ursachen des Sudankriegs, beleuchtet die Verantwortung externer Akteure und plädiert für mehr Empathie im internationalen Diskurs.

Foto: Miros/Adobe Stock

„Es ist ein Krieg, der gegen die zivile Bevölkerung geführt wird.“

Islamische Zeitung: Liebe Frau Reinke, durch die Eroberung der sudanesischen Stadt El Faschir und den dortigen Massakern ist der Krieg ins internationale Augenmerk gerückt, hat aber eine längere Vorgeschichte. 2019 wurde der Diktator Al Baschir gestürzt, 2021 die Übergangsregierung und die Demokratiebewegung von Armee (SAF) sowie RSF-Milizen weggeputscht. Seit 2023 kämpfen die beiden um die Macht. Könnten Sie uns den Rahmen beschreiben, in dem die aktuelle Gewalt stattfindet?

Sarah Reinke: Die grundlegenden Daten hatten Sie schon genannt. Viele Sudanesen sagen mir, dass derzeit ein Krieg gegen die demokratische Revolution [von 2019, Anm.d.Red.] geführt wird. Das heißt, die junge Generation, die Frauen, die damals aufgestanden sind, und die Menschen, die ihr Land zu einem Wandel bringen wollen. Mit anderen Worten: Die Jugend soll für sie bestraft werden.

Das mag auf den ersten Blick nicht die naheliegendste Erklärung sein, für viele Sudanesen stellt sich die Situation jedoch genau so dar. Eine ganze Reihe von Personen, die für sie wichtig waren, wurden getötet, mussten fliehen oder ihre Lebensplanung aufgeben. Viele engagieren sich bspw. in den Emergency Response Rooms, die 2024 und 2025 für den Nobelpreis nominiert waren und dieses Jahr den „alternativen Nobelpreis“ erhielten.

Es ist ein Krieg, der gegen die zivile Bevölkerung geführt wird. Deshalb greift die Erklärung, wonach sich zwei Kriegstreiber bekämpfen, meiner Meinung nach zu kurz. Ein Grundthema im heutigen Sudan ist, dass nur der eine Chance auf politischen Einfluss hat, der hochmilitarisiert ist. Demnach führt nur Gewalt zu Macht.

Die Kriegsursachen sind ansonsten komplex. Im Land bleiben viele ungelöste Fragen. Dazu gehört die ungleiche Verteilung von Reichtum und Ressourcen zwischen dem Zentrum und dem Umland. Zusätzlich gibt es Bodenschätze wie Gold. Wer hat Zugriff darauf und profitiert von ihrem Verkauf?

Ein weiteres Problem ist Rassismus gegen die nichtarabische Bevölkerung. Das spielt gerade in El Faschir eine große Rolle. Hier werden spezifische Gemeinschaften massiv angegriffen.

Foto: kremlin.ru, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 4.0

„Geld, Macht und Einfluss. Sie haben kein Interesse an den Menschen, ebenso wenig an Demokratie und Frieden.“

Islamische Zeitung: Um was geht es beiden Seiten in dem Krieg?

Sarah Reinke: Geld, Macht und Einfluss. Sie haben kein Interesse an den Menschen, ebenso wenig an Demokratie und Frieden. Und sind überzeugt, diese Auseinandersetzung militärisch gewinnen zu können. Die RSF (Rapid Support Forces) sind Nachfolger der berüchtigten Janjaweed-Milizen, die für den Völkermord 2003 verantwortlich waren.

Auch die offiziellen Streitkräfte (SAF) üben brutale Gewalt aus. Bei der Rückeroberung von Khartum konnte man beobachten, wie sie sich an jenen rächten, denen sie eine Zusammenarbeit mit ihren Feinden unterstellte.

Ebenso wichtig ist es, zu betonen, wie sehr wir es mit einem kompletten Scheitern der internationalen Gemeinschaft zu tun haben – falls es diese überhaupt noch gibt. Es gibt kaum humanitäre Hilfe, insbesondere seitdem die USA ihre Hilfsagentur USAID eingestellt haben. Dadurch eskalierte die Katastrophe weiter. Hinzu kommt der fehlende politische Wille für eine Lösung.

„So schlimme Zeugenberichte wie aus dem Sudan habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Insgesamt ist die Lage kaum zu erfassen.“

Islamische Zeitung: Seit April 2023 tobt zwischen beiden Kriegsparteien ein blutiger Konflikt. Er stellt nach Angaben von Organisationen die größte humanitäre Katastrophe dieser Zeit dar. Welches Ausmaß hat das Leid der Zivilbevölkerung mittlerweile angenommen?

Sarah Reinke: Die Zahlen sind erschreckend. Unsere Zahlen decken sich praktisch mit denen vom UNHCR. Rund 12 Mio. Menschen wurden durch den Krieg vertrieben – ca. 7,5 Mio. flohen in andere Landesteile, der Rest über die Grenzen in Nachbarländer. Unter den Flüchtlingen gibt es viele Sudanesen, die schon zum zweiten oder dritten Mal seit Beginn des Konflikts fliehen mussten.

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist derzeit auf humanitäre Hilfe angewiesen. Vielen davon leiden an akuter Hungersnot.

Was die Zahl der zivilen Kriegstoten betrifft, so ist die Rede von ca. 150.000 Menschen. Allerdings steht diese Angabe seit Monaten im Raum. Es gibt niemanden, der ihr Ausmaß erfassen könnte.

Des Weiteren haben sich Krankheiten wie Denguefieber, Cholera u.a. ausgebreitet. Das liegt daran, dass das Gesundheitssystem zusammengebrochen bzw. absichtlich zerstört wurde; insbesondere von Seiten der RSF.

Ehrlich gesagt würde ich mich den KollegInnen aus allen Organisationen anschließen: So schlimme Zeugenberichte wie aus dem Sudan habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Insgesamt ist die Lage kaum zu erfassen.

sudan frauen 2025 hilfe

Foto: UNICEF | UN Photos

„In diesem Krieg wird Vergewaltigung zur Waffe.“

Islamische Zeitung: Inwiefern sind die Opfer, Tote wie Verletzte, die Folge „normaler“ Kriegshandlungen. Und wie stark Ergebnis eines gezielten Handelns der Kriegsparteien?

Sarah Reinke: Mir fällt der Vergleich schwer. Beim Hunger kann man das beobachten. Hier werden Menschen bewusst von Lebensmittelversorgung abgeschnitten. Ich würde sagen, dass im Sudan Hungersnot als Waffe eingesetzt wird.

Ebenso werden Krankenhäuser gezielt bombardiert. Und Flüchtlingsströme werden dorthin dirigiert, wo sie keine Hilfe finden. Das sehen wir im Sudan deutlich.

Hinzu kommt die Militarisierung sexueller Gewalt. In diesem Krieg wird Vergewaltigung zur Waffe. Es gibt Berichte von Frauenrechtsorganisationen, denen zufolge dieser Konflikt praktisch auf dem Körper von Frauen ausgetragen wird.

„Die ausländische Mitwirkung heizt den Krieg an. Sie verlängert das Leid der Zivilbevölkerung.“

Islamische Zeitung: Sowohl SAF wie RSF werden von einer Reihe staatlicher Akteure aus dem Ausland unterstützt. Hinzu kommen weitere Staaten, die Interessen im Sudan haben und nichtstaatliche Beteiligte wie Söldnergruppen sowie ethnische Verbündete bspw. aus dem Tschad. Welchen Einfluss hat die auswärtige Beteiligung auf den Sudankrieg?

Sarah Reinke: Die ausländische Mitwirkung heizt den Krieg an. Sie verlängert das Leid der Zivilbevölkerung. Ich kenne Sudanesen, die sagen, man müsse die Grenzen schließen, um zu verhindern, dass Waffen und Söldner ins Land kommen. Das ist allerdings nicht möglich, da die Nachbarländer bereits sehr viele Flüchtlinge aufgenommen haben.

Als Gesellschaft für bedrohte Völker fordern wir seit Jahren, dass genau diese Unterstützer – die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten usw. –, die den Krieg mit Waffen, Gerät und Milizen verlängern und anheizen, mit Sanktionen belegt werden. Da beißen wir beim Auswärtigen Amt jedoch auf Granit. Europa und Deutschland scheitern daran, auch mal unbequeme Entscheidungen zu treffen.

Wir müssen die VAE unter Druck setzen, dass dieser Krieg nicht durch weitere Waffen angeheizt wird. Nach Berichten soll in El Faschir die VAE-Flagge gehisst worden sein.

UN Vereinte Nationen

Foto: UN Photo, Evan Schneider

„Da erkenne ich momentan keinen politischen Willen.“

Islamische Zeitung: Es gab in der Vergangenheit – mit unterschiedlichem Erfolg – internationale Versuche, die schlimmsten Formen von Gewalt in Konflikten durch multinationale Interventionen zu unterbinden bzw. zu beenden. Sehen Sie hierfür derzeit Entschlossenheit bei der Politik?

Sarah Reinke: Nein, da erkenne ich momentan keinen politischen Willen. Staatliches Handeln kann jedoch auch unterhalb einer solchen Maßnahme aktiv werden. Das sind bspw. kleinteilige Schritte: Zugänge für humanitäre Unterstützung verhandeln. Diese gibt es, sie stauen sich jedoch in Port Sudan, weil die Regierung sie nicht ins Land lässt. Dadurch wird die Hilfe gestohlen und dann teuer auf den Märkten verkauft.

Ein anderes Thema wäre die Einrichtung von Fluchtkorridoren. Diplomaten u.a. haben Kontakte und Zugang zu den Konfliktparteien. Das wird einfach nicht genutzt.

Diese Art des Engagements ist deutlich kostengünstiger und wäre leichter zu bewerkstelligen. Leider sehen wir viel zu wenig davon.

„Es darf keine Konkurrenz zwischen den Opfern geben.“

Islamische Zeitung: Seit 2017 veröffentlicht CARE International seinen Jahresbericht „Breaking the Silence“ (dt. „Gegen das Vergessen“). Über Jahre dominiert Afrika in der Aufzählung vergessener Kriege. Woher kommt das globale Desinteresse an dem Kontinent?

Sarah Reinke: Ich denke, das hat im Kern mit Rassismus zu tun. Viele Menschen fühlen sich überfordert, wissen zu wenig und haben zu wenig Interesse. Dann entsteht solch eine Haltung: wieder ein Krieg in Afrika. Das liegt allerdings auch an den Medien und den Menschenrechtsorganisationen, die hierzu kommunizieren.

Betrachten wir das Beispiel Sudan. Hier wurden für die Menschheit einzigartige Kulturgüter zerstört, die mehr als 2.000 Jahre alt sind. In diesem Land gibt es eine spannende Kultur mit Musik, Filmen und Literatur. Das heißt, wir müssen anders über diese Länder sprechen.

Allerdings habe ich das Gefühl, dass die Empathie nicht ausreicht. Das finde ich bestürzend. Es darf keine Konkurrenz zwischen den Opfern geben. Es ist ungemein wichtig, dass alle ungeachtet ihres Ortes die gleichen Rechte haben und geschützt werden müssen.

Foto: yiannisscheidt, Shutterstock

„Wichtig wäre es, Möglichkeiten für eine Begegnung zu schaffen. Auch hier leben Sudanesinnen und Sudanesen, die über ihr Land sprechen könnten.“

Islamische Zeitung: Bei Kriegen, über die allgemein wenig bekannt ist bzw. die keine starken Emotionen beim Publikum auslösen, werden oftmals stereotype Erklärungen wie „die sind immer schon so“ bzw. ethnische, kulturelle oder religiöse Motive genommen. Und zeitgleich auf komplexe Ursachenforschung verzichtet. Woran liegt das und lässt sich etwas dagegen unternehmen?

Sarah Reinke: Inzwischen sind die deutschen Medien stark ausdifferenziert. Hinzu kommt, dass soziale Plattformen eine größere Reichweite haben. Was die vereinfachte Darstellung betrifft, stimme ich einerseits zu. Dabei handelt es sich um Themen, die keine Mehrheiten erreichen.

Trotzdem ist es wichtig, dass wir das volle Spektrum zeigen. Und Geschichten erzählen, wie die sudanesische Revolution entstanden ist, wie mutig die Leute in den Emergency Response Rooms arbeiten oder wie sich Flüchtlinge täglich um ihre Versorgung sorgen müssen.

Wichtig wäre es, Möglichkeiten für eine Begegnung zu schaffen. Auch hier leben Sudanesinnen und Sudanesen, die über ihr Land sprechen könnten.

Wir müssen uns fragen, was dieser Krieg mit uns zu tun hat – jenseits des Motivs, keine Flüchtlinge aus dem Sudan aufnehmen zu wollen. Das war bisher ein starkes Motiv der europäischen Politik. Wir sollten beleuchten, welchen Einfluss die hiesige Politik und Wirtschaft auf den Sudankrieg haben.

Und müssen fragen, wie wir praktisch mit den Sudanesen verknüpft sind; das gilt ebenfalls für die hier lebenden Menschen aus dem Sudan. Durch direkte Begegnungen kann sich die Haltung zu Kriegen wie diesem verändern. 

Islamische Zeitung: Liebe Frau Reinke, wir bedanken uns für das Gespräch.

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GfbV zu 30 Jahren Srebrenica

GfbV srebrenica

Die Menschenrechtsorganisation GfbV fordert als Lehre aus dem 30. Jahrestag: Dem Gedenken müssen Konsequenzen folgen!

Göttingen (GfbV/iz). Dreißig Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica bleiben zentrale Forderungen der Überlebenden und Angehörigen unerfüllt, wie die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) kritisiert:

„Die internationale Gemeinschaft hat versagt – und sie versagt bis heute. Das Gedenken an die über 8.000 bosniakischen Jungen und Männer, die im Juli 1995 ermordet wurden, darf nicht vom politischen Handeln entkoppelt werden. Es braucht endlich Konsequenzen, Aufarbeitung und wirksame Prävention“, fordert Jasna Causevic, GfbV-Referentin für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung anlässlich des 30. Jahrestags des Massakers.

Die GfbV begrüßte die im Mai 2024 verabschiedete UN-Resolution, die den 11. Juli als Internationalen Gedenktag an den Genozid in Srebrenica etabliert. Doch Causevic zufolge muss dieser Gedenktag durch konkrete Maßnahmen flankiert werden:

„Es reicht nicht, einmal im Jahr Worte des Bedauerns zu sprechen. Europäische Staaten und Institutionen müssen Genozid-Leugnung klar verurteilen, die Verbrechen aufarbeiten und aktiv zur Gerechtigkeit beitragen – gerade in der Entität Republika Srpska und in Serbien, wo nach wie vor Täter glorifiziert und Opfer diffamiert werden.“

Zu den notwendigen Maßnahmen gehörten europaweiten Veranstaltungen und Bildungsprogramme und verstärkte Anstrengungen zur Auffindung der verbleibenden Massengräber. Auch eine landesweit Erinnerungskultur, die die Ethnonationalisten bisher verhindern müsse die EU unterstützen. 

Foto: Paul Katzenberger, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Auch heute, 30 Jahre nach dem Verbrechen, ist der Verbleib von über 800 Opfern ungeklärt. Viele Familien haben nie vollständige Überreste ihrer Angehörigen erhalten. „Wenn in diesem Jahr sieben weitere Opfer in Potocari bestattet werden, dann oft nur mit einzelnen Knochen. Die Täter haben Massengräber systematisch zerstört, um ihre Spuren zu verwischen“, erinnert Causevic.

„Währenddessen sterben immer mehr Mütter und Geschwister der Opfer, ohne je die sterblichen Überreste ihrer Liebsten bestatten zu können.“

Heute organisiert die GfbV gemeinsam mit den Bundestagsabgeordneten Michael Brand und Adis Ahmetovic eine Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag. Dort wird Nedzad Avdić sprechen, der die Massenerschießungen 1995 überlebt hat.

„Unser Respekt gilt Menschen wie Avdić und den Müttern von Srebrenica. Ihr unermüdlicher Kampf für Gerechtigkeit mahnt uns alle. Es ist beschämend, dass viele Täter weiterhin auf freiem Fuß sind“, so Causevic weiter.

Die GfbV-Sektionen Deutschland und Bosnien und Herzegowina rufen zur Teilnahme an den internationalen Gedenkveranstaltungen in Srebrenica und weltweit auf. Sie appellieren an die Bundesregierung, ihre historische Verantwortung anzuerkennen und entschlossen gegen Nationalismus und ethnische Spaltung auf dem Westbalkan vorzugehen.

„Nie wieder darf Völkermord geschehen – und Nie wieder darf nicht zur leeren Floskel verkommen“, erklärt Causevic abschließend.

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Vier Monate Sudan-Krieg: Appell von Menschenrechtsorganisationen 

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Sudan-Krieg: Humanitäre Korridore und Sanktionen gefordert. Verhandlungen nur mit Beteiligung aller zivilen Kräfte.

Göttingen (GfbV). Seit vier Monaten herrscht im Sudan wieder Krieg. Vor diesem Hintergrund kritisiert die „Bana Group for Peace and Development“, ein Netzwerk sudanesischer Frauenorganisationen die internationale Gemeinschaft: Die demokratische Bewegung des Sudan, die 2018/2019 das Ende der Militärdiktatur unter Omar Al Baschir erreichte, sei viel zu wenig unterstützt worden.

Sudan-Krieg geht auf El Bashir-Dikatur zurück

„Gegen den Willen des sudanesischen Volkes wurden genau jene Kräfte im Land gefördert, die jetzt den Krieg führen: Abdelfatah Burhan, Chef der sudanesischen Armee und Mohammed Hamdan Daglo, Anführer der paramilitärischen Rapid Support Forces“, berichtete Sarah Reinke, Leiterin der Menschenrechtsabteilung der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Die Ansprechpersonen der Demokratiebewegung seien vom politischen Prozess ausgeschlossen worden. Besonders die Rolle der Frauen sei nicht anerkannt worden.

Foto: Agence France-Presse, via Wikimedia Commons | Lizenz: Universal Public Domain

„Frauen haben von Anfang an eine zentrale Rolle in der Revolution gespielt. Sie haben die Proteste angeführt, sie haben sich einen permanenten Platz in den Widerstandskomitees erkämpft und sich gegen die patriarchalen Strukturen und die Gewalt in der sudanesischen Gesellschaft engagiert“, so Reinke.

Nun seien Frauen und Kinder wieder die Hauptleidtragenden im Krieg, in dem Vergewaltigung als Waffe gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt werde.

Appell an Bundeskanzler Scholz

In einem Appell, den die GfbV und die „Bana Group for Peace and Development“  Bundeskanzler Olaf Scholz gerichtet haben, fordern die Organisationen: 

  • Humanitäre Korridore und entmilitarisierte Zonen, damit die sudanesische Zivilgesellschaft selbst Hilfen organisieren kann. Entmilitarisierung des Flughafens in Khartum. 
  • Öffnung der Grenzen nach Ägypten, Äthiopien und zum Südsudan für Flüchtende sowie humanitäre Hilfe für sie.
  • Sanktionen gegen Einzelpersonen und sudanesische Firmen im Besitz der Rapid Support Forces oder der Sudanesischen Streitkräfte: Einfrieren von Geldern und Strafen für Unternehmen, die mit den Sanktionierten zusammenarbeiten.
  • Ermittlungen des Internationale Strafgerichtshofs gegen die Hauptverantwortlichen. 
  • Unterstützung von Treffen der sudanesischen, Demokratiebewegung, auch mit erleichterter Visavergabe.

Geberkonferenz Sudan

Foto: UNHCR/Charlotte Hallqvist

Zivilbevölkerung fordert Waffenstillstand

„Ein Waffenstillstand ist wichtig. Eine Machtteilung zwischen den kriegsführenden Generälen darf es aber nicht geben. Bei Verhandlungen über eine zukünftige Regierung müssen alle zivilen Kräfte beteiligt werden“, forderte Reinke.

Die Bilanz der bisherigen Kämpfe ist erschütternd: Mindestens 3.000 Tote, über 6.000 Verletzte. Drei Millionen Menschen sind auf der Flucht, 25.000 von humanitärer Hilfe abhängig.

Viele haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, Strom, Wasser und Lebensmitteln, der Mobilfunk fällt ständig aus, Frauen und Kinder werden Opfer von sexualisierter Gewalt. In Darfur zerstören die RSF und verbündete Milizen ganze Ortschaften und greifen gezielt bestimmte ethnische Gruppen wie die Masalit an. Internationale Beobachter warnen vor einem Völkermord.

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GfbV würdigt Tilman Zülch: „Visionär und unbeugsamer Anwalt für Verfolgte“

Tilman Zülch

Tilman Zülch, langjähriger Verfechter für die Rechte verfolgter Völker ist nach Angaben der von ihm gegründeten GfbV am 17. März im Alter von 83 verstorben.

Göttingen (GfbV). „Am 17. März starb unser Gründer und Vereinsvater, Freund und langjähriger Initiator unserer Menschenrechtskampagnen, Tilman Zülch, im Alter von 83 Jahren in Göttingen. Wir sind tief betroffen über diesen Verlust. Mit unseren Gedanken sind wir bei seinen Angehörigen und Freunden in aller Welt“, teilt Burkhard Gauly, Bundessvorsitzender der Gesellschaft für bedrohte Völker stellvertretend für Vorstand und Geschäftsstelle mit.

Tilman Zülch: Visionär der Menschenrechtsarbeit

Tilman Zülch war ein Visionär der Menschenrechtsarbeit. Sein Blick auf das Schicksal von verfolgten ethnischen und religiösen Minderheiten sowie indigenen Völkern, sein selbstloses Engagement gegen Völkermord und Vertreibung stehen heute beispielhaft für internationale Menschenrechtsarbeit. Denn die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass gerade Minderheiten, Völker ohne Staat und indigene Völker oftmals schutzlos der Verfolgung und Bedrohung, gar der Vernichtung ausgesetzt sind.

Dass sie eine internationale Lobby brauchen, die vehement für sie eintritt, war eine der Grundüberzeugungen von Tilman Zülch. Für ihn, geboren in Ostpreußen, mit seiner Familie vertrieben und geprägt durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, stand fest, dass das Wissen um die Shoa dazu verpflichtet, heute Verantwortung zur Verhinderung von Genozid und Gewalt zu übernehmen.

Diese Prinzipien und Tilman Zülchs Haltung, den Menschen in den Blick zu nehmen, Empathie zu empfinden und zu zeigen, auch selbstlos Menschen in Not zu helfen, werden wir als Gesellschaft für bedrohte Völker in unserem täglichen Einsatz für Verfolgte in aller Welt beherzigen.

Biafra, Irak sowie Sinti und Roma

Gemeinsam mit Klaus Guercke gründete Tilman Zülch 1968 die „Aktion Biafra-Hilfe“, aus der die GfbV hervorging. Diese setzte sich für die zehn Millionen Angehörigen des Ibo-Volkes ein, die von der nigerianischen Regierung mit militärischer Unterstützung der Sowjetunion und Großbritanniens einer Hungerblockade ausgesetzt wurden.

Mit der kirchlichen Luftbrücke flog Zülch in den Biafra-Kessel und wurde direkter Zeuge des Aushungerns, dem zwei Millionen Menschen zum Opfer fielen. Im Oktober 1968 hielt Günter Grass eine viel beachtete Rede auf der ersten großen Biafra-Demonstration in Hamburg. Persönlichkeiten wie Ernst Bloch, Heinrich Böll, Paul Celan, Helmut Gollwitzer, Erich Kästner, Siegfried Lenz oder Carl Zuckmayer unterstützten die Aktionen der Biafra-Hilfe. 

In den nächsten Jahrzehnten gelang es Zülch, viele Menschen für die GfbV zu begeistern und an die Organisation zu binden: prominente Persönlichkeiten, Minderheitenvertreter, Vereinsmitglieder und über 30.000 Unterstützerinnen und Unterstützer.

Foto: Guillaume Le Bloas, Adobe Stock

Mit Tilman Zülch an der Spitze ist die GfbV immer wieder gegen den Strom geschwommen und hat sich nicht zuletzt für Volksgruppen eingesetzt, „von denen keiner spricht“, so der Titel eines der von Zülch herausgegebenen Bücher. Seit 1970 setzt sich die GfbV kontinuierlich für Kurden, Yeziden oder assyro/aramäische/chaldäische Christen im Nahen Osten ein.

So deckte die GfbV die Beteiligung deutscher Firmen am Aufbau der Giftgasindustrie und einer Kampfhubschrauberflotte im Irak auf, der in der kurdischen Stadt Halabja 5.000 Menschen zum Opfer fielen. 1977/78 wurde die erste große Europarundreise für indigene Delegierte aus 16 Staaten Nord- und Südamerikas organisiert – mit überwältigender öffentlicher Resonanz.

1979 bis 1981 machte die GfbV den bis dahin tabuisierten Holocaust an Sinti und Roma bekannt. Der von Zülch 1979 herausgegebene Band „In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt“ (mit einem Vorwort des kürzlich verstorbenen Philosophen Ernst Tugendhat), ein gemeinsam mit dem Verband deutscher Sinti unter Romani Rose organisierter Trauermarsch zur KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen (1979) mit der damaligen Präsidentin des Europaparlaments, Simone Veil, und Heinz Galinski, damaliger Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie schließlich der Internationale Roma-Kongress (1981) in Göttingen unter Schirmherrschaft von Simon Wiesenthal und Indira Ghandi, mit 400 Roma-Delegierten aus 26 Staaten und fünf Kontinenten, brachten den Durchbruch:

Der Genozid wurde von der Bundesregierung anerkannt. Staatenlose Sinti erhielten ihre deutsche Staatsbürgerschaft zurück, die Bezeichnung Sinti/Roma anstelle von Zigeuner wurde durchgesetzt und die neu entstandenen Institutionen der Volksgruppe wurden nun staatlich gefördert.

Die lauteste Stimme für Bosniaken und Krimtataren

Die GfbV war die wohl lauteste und nachdrücklichste Stimme im deutschen Sprachgebiet, als im Bosnienkrieg (1992–95) Hunderttausende Europäer, bosnische Muslime, um ihr Leben liefen, vor geschlossenen Grenzen standen, in Konzentrations- und Vergewaltigungslagern, bei standrechtlichen Erschießungen und den Bombardements ihrer Städte starben.

Das Massaker von Srebrenica war der tragische Höhepunkt ihres Martyriums. Die GfbV organisierte 1993 die Bosnien-Demonstration vor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, dabei waren auch Marek Edelman, Kommandeur der Widerstandskämpfer im Warschauer Ghetto, der französische Philosoph Alain Finkielkraut und der litauische Präsident Vytautas Landsbergis.

Foto: The Advocacy Project, via flickr | Lizenz: CC BY-ND 2.0

Es folgten u.a. die große Bosnien-Demonstration mit 50.000 Teilnehmern in Bonn (1994), die Gründung des Bosnischen Forums (1994), der Aufbau eines symbolischen Friedhofes vor dem Wohnhaus von Bundeskanzler Helmut Kohl (1995) und der bosnische Genozidkongress in Frankfurt (1995). Auch hier gilt unser Dank der Unterstützung von Persönlichkeiten wie Rita Süssmuth, Christian Schwarz-Schilling und Martin Walser.

Schon seit den 1980er Jahren setzte sich die GfbV als eine der ganz wenigen Organisationen für sowjetische Dissidenten wie den Anführer der Krimtataren Mustafa Dzhemilev ein. Nur folgerichtig war daher auch die intensive Arbeit gegen die Kriege in Tschetschenien (1992-1994, 1999-2006), das Anprangern der entsetzlichen Verbrechen durch das Putin-Regime dort und die harte Kritik an der deutschen Russlandpolitik in den 2000er Jahren. Die GfbV unter Tilman Zülch machte die indigenen Krimtataren und die von rücksichtslosem Rohstoffabbau und Rassismus betroffenen indigenen Völker der russischen Arktis zu ihrem Anliegen.

Foto: ZUMA Press Inc., Alamy

„Für die Rechte so vieler Menschen“ (S. Wiesenthal)

1999 schrieb Simon Wiesenthal an Tilman Zülch: „Sie haben eine Organisation mit gegründet und aufgebaut, die allen Menschen, die sich bedroht fühlen, eine Anlaufstelle für Hilfe bedeutet, mag die Bedrohung gegen Einzelpersonen oder Gruppen gerichtet sein. Sie haben sich für die Rechte so vieler Menschen eingesetzt, dabei den Menschen in den Mittelpunkt Ihrer Bemühungen gestellt – ohne Rücksicht auf persönliche Nachteile und Anfeindungen – und auf diese Weise beispielgebend Großartiges geleistet. Ich war immer froh, auf Ihre Mitarbeit zählen zu können. Mögen Ihnen und Ihren Mitstreitern noch viele erfolgreiche Jahre und Aktionen beschieden sein!“

Zülch, der Herausgeber einer Reihe von Büchern über Völkermord und Vertreibung sowie der Zeitschrift „bedrohte Völker -–pogrom“ ist, erhielt für seinen unermüdlichen Einsatz als unbequemer Mahner und Warner zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz, den Niedersachsenpreis für Publizistik, den Göttinger Friedenspreis, die Ehrenbürgerschaft der Stadt Sarajevo, den Bürgerrechtspreis des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma oder den Srebrenica Award against Genocide. 

Zülch betrachtete diese Auszeichnungen auch als Anerkennung der Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der Regionalgruppen sowie des Engagements der Mitglieder und Förderer der GfbV.

Sein von Ideologie und Parteipolitik unverstellter Blick für Unrecht, seine Tatkraft und Entschlossenheit, seine große Bereitschaft, Schwächeren bei der Durchsetzung ihrer Rechte zur Seite zu stehen, bleiben unser Vorbild. Wir werden ihm in unserem Verein ein liebevolles und ehrendes Andenken bewahren.

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Gesellschaft für bedrohte Völker zu sechs Monaten russischer Angriffskrieg gegen die Ukraine

Ordnung

Göttingen (GfbV). Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat Bundeskanzler Olaf Scholz aufgefordert, sich für die Schaffung eines internationalen Gerichtes einzusetzen, das die russischen Verantwortlichen für den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zur Rechenschaft zieht:

„Wladimir Putin und seine Geheimdienste haben sich geirrt, als sie am 24. Februar 2022 davon ausgingen, dass die Menschen in der Ukraine ihre Unabhängigkeit und ihre Demokratie mehr oder weniger kampflos aufgeben. Am heutigen Nationalfeiertag der Ukraine ist die Entschlossenheit, die russische Invasion zurückzuschlagen, größer als je zuvor. Die Schaffung eines Internationalen Strafgerichtshofes für die russischen Verbrechen gegen die Ukraine würde zeigen, dass Putin auch die Willenskraft der Staatengemeinschaft unterschätzt hat. Die Strafverfolgung der für den Krieg Verantwortlichen ist darum ein wichtiges Signal“, sagte GfbV-Direktor Roman Kühn am heutigen Mittwoch in Göttingen.

„Grundlage aller Verbrechen, die die russische Armee in den letzten sechs Monaten auf dem Territorium ihres Nachbarstaates begangen hat, ist der Angriffskrieg Putins. Die Erschießungen von Zivilisten, Bombardierungen von Krankenhäusern und Opern, die Deportation von Ukrainerinnen und Ukrainern nach Russland und die kommenden Pseudo-Referenden über die Zugehörigkeit okkupierter Gebiete zu Russland sind Konsequenz der Entscheidung des Kremls, ein benachbartes Land anzugreifen.“ 

Ukrainische Ermittler verfolgen derzeit ungefähr 25.000 Fälle von Kriegsverbrechen russischer Soldaten in der Ukraine. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat Ermittlerinnen und Ermittler in die Ukraine geschickt, die Fällen von Kriegsverbrechen nachgehen. Er hat aber im Falle der Ukraine und Russlands keine Zuständigkeit für das von Putin begangene Verbrechen der Aggression, dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. 

„Ein neuer ad-hoc-Strafgerichtshof, der eigens für den russischen Krieg eingesetzt wird, würde den Fokus auf die Entscheidung Putins lenken, einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zu beginnen“, so Kühn. „Die Verteidigung der ukrainischen Unabhängigkeit und territorialen Integrität verlangt nach einem Gericht, dass Verantwortliche auf höchster Ebene belangen kann. Deswegen sollte sich Bundeskanzler Scholz gemeinsam mit Deutschlands Verbündeten für ein solches Gericht einsetzen.“

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Die muslimischen Uiguren: Interview mit dem GfbV-Referenten Ulrich Delius

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