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Muslimische Laboratorien der Zukunft

muslimisch Zukunft

Wie muslimische Initiativen an den Bruchkanten der Globalisierung arbeiten – von Lebensmittelsicherheit bis zum Schutz der gemeinsamen Umwelt.

(iz). Von Dakar bis Dhaka, von der Sahelzone bis Jakarta: In OIC-Staaten entstehen Projekte, die Ernährungssicherheit, Klimaschutz, Armut und Bürgerrechte neu denken – religiös verankert, politisch sensibel und global vernetzt.

Die globale Krisenlage trifft muslimische Gesellschaften in besonderer Weise – als Betroffene von Kriegen, Klimafolgen und Prekarität, aber auch als Akteure, die eigene Antworten formulieren.

In Dorfräten, Klimabüros und Tech-Hubs entstehen Modelle, die Tradition und Innovation miteinander verschalten. Ein Blick auf eine Landschaft, die selten Schlagzeilen macht, aber viel über mögliche Zukünfte verrät.

Wenn heute von Globalisierung die Rede ist, dominieren meist Zahlenkolonnen und Großmachtstrategien. Wer genauer hinsieht, entdeckt daneben eine stille Parallelbewegung: kleine Laboratorien, in denen muslimische Akteure versuchen, die großen Versprechen einer vernetzten Welt gegen ihre eigenen Schattenseiten zu wenden.

Foto: Isofoton.ec | Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Es sind Orte, an welchen Qur’anverse über Verantwortung für die Schöpfung auf Solartechnik treffen, klassische Zakat-Praxis auf innovative Bezahlsysteme und lokale Gemeinderäte auf globale Klimagipfel.

Eine dieser Ebenen ist die Ernährungssicherheit. Die in Kasachstan ansässige Islamic Organization for Food Security (IOFS), ein Sonderorgan der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC), versucht seit einigen Jahren, die strukturellen Bruchstellen der Agrarsysteme ihrer Mitgliedsstaaten anzugehen.

Sie koordiniert Programme für klimaresiliente Landwirtschaft, Saatgutbanken, Bauernschulungen und regionale Notfallreserven. In der Theorie sollen damit nicht nur akute Hungersituationen besser abgefedert, sondern langfristig Abhängigkeiten von Importen verringert werden. Das ist ein heikler Punkt in Gesellschaften, in denen steigende Brotpreise immer wieder Proteste auslösen.

Auf Arbeitstreffen der IOFS sitzen Agronomen neben Ministern, islamische Wohlfahrtsorganisationen neben Entwicklungsbanken.

Die religiöse Sprache bleibt im Hintergrund, aber sie ist als stiller Referenzrahmen präsent: Die Pflicht, Hunger zu bekämpfen, wird aus klassischen Texten begründet; Zakat und Waqf erscheinen nicht als fromme Randphänomene, sondern als mögliche Bausteine eines „Food-Security-Ökosystems“.

In manchen Mitgliedsstaaten fließen staatliche Programme und religiös organisierte Hilfsgelder in dieselben Projekte – etwa dort, wo Kleinbäuerinnen Zugang zu Krediten, Beratung und Saatgut erhalten, ohne ihre Felder an Konzerne zu verlieren.

Foto: ClimeCo/Yakopi

Die ökologische Frage ist parallel längst auf der politischen Bühne der OIC angekommen. Muslimische Staaten haben auf Klimakonferenzen Deklarationen verabschiedet, in denen der Schutz der Schöpfung als religiös begründete Pflicht formuliert wird; Gelehrte und Muftis diskutieren über „grüne“ Fatwas und die Frage, ob Umweltzerstörung als moralische Verfehlung zu fassen ist.

In der Praxis heißt das: Programme zur Wiederaufforstung in Südostasien und Ostafrika, Versuche, Moscheen energieeffizienter zu machen, und Bildungsinitiativen, die Klimafragen in islamischen Religionsunterricht oder Predigten integrieren.

In indonesischen Städten experimentieren „Green Ramadan“-Kampagnen mit Wassersparen, regionalen Produkten und der Reduktion von Plastikmüll, getragen von jungen Aktivistinnen und Aktivisten, die auf soziale Medien setzen und zugleich religiöse Autoritäten in die Pflicht nehmen. 

In Sahelstaaten wiederum knüpfen lokale Projekte an traditionelle Nutzungsrechte und Gemeindestrukturen an, wenn es um den Schutz von Weideflächen oder angepasste Anbaumethoden geht. Die Kategorie der „Umweltgerechtigkeit“ trifft hier auf die Erfahrung, dass Klimafolgen und Armut selten zu trennen sind.

An den Rändern urbaner Zentren geht es weniger um Emissionsbilanzen als um das tägliche Überleben. Dort, wo steigende Nahrungsmittelpreise, fragile Lieferketten und Bodendegradation zusammentreffen, greifen Gemeinden auf vertraute Instrumente zurück – Almosenabgaben, Stiftungen, gemeinschaftlich verwaltete Flächen – und füllen sie mit neuen Inhalten.

Zakat wird nicht nur als spontane Mildtätigkeit begriffen, sondern im Sinne einer möglichen Finanzierungsquelle für Gemeinschaftsgärten, Bewässerungsanlagen oder Schulungen zu klimaresilienter Landwirtschaft; manche Projekte koppeln das an digitale Plattformen, die Spendenströme transparenter machen und gezielt in agrarische Vorhaben lenken.

Gleichzeitig verschiebt sich der Ort, an dem muslimische Öffentlichkeit in den OIC-Staaten entsteht. Die Auseinandersetzung mit Umwelt, Armut und Bürgerrechten wandert in soziale Medien, in Webinare, in regionale Konferenzen; sie findet in einer hybriden Sprache zwischen Aktivismus, Theologie und technischer Expertise statt.

Junge IngenieurInnen präsentieren Solarkonzepte für ländliche Kliniken, während Religionspädagogen Unterrichtsmaterialien zur Schöpfungsverantwortung entwickeln. Moscheen, Universitäten und lokale NGOs werden so zu Knotenpunkten, an denen soziale, religiöse und technologische Fragen zusammenlaufen.

Fotos: NourEnery

Doch die Spannungen sind sichtbar. Während OIC-Gremien strategische Pläne zur Hungerbekämpfung und Klimaanpassung verabschieden, bleibt in vielen Hauptstädten die Umsetzung hinter den Ankündigungen zurück; Korruption, politische Instabilität und externe Abhängigkeiten bremsen ambitionierte Programme aus. 

Religiöse Sprache der Verantwortung trifft auf die Realität von Subventionen für fossile Energieträger, auf die Nachfrage nach billigen Flügen zur Pilgerfahrt, auf Bevölkerungen, die bereits jetzt zwischen Teuerung und Repression leben. Initiativen, die eine „Green Hajj“ propagieren oder Konsumkritik üben, stoßen auf soziale Erwartungen – und auf das Argument, Verzicht sei ein Luxus des globalen Nordens.

Auch in der Bürgerrechtsarbeit zeigt sich diese Ambivalenz. Dieselben Regierungen, die sich auf internationalen Foren als Anwälte der „Klimagerechtigkeit“ oder der „Ernährungssouveränität“ inszenieren, begrenzen zuhause oft Meinungsfreiheit und politische Partizipation.

Umso mehr Bedeutung kommt jenen zivilgesellschaftlichen Akteuren zu, die ökologische und soziale Fragen mit Forderungen nach Transparenz und Mitbestimmung verbinden – etwa dann, wenn sie Landgrabbing anprangern, Wasserprivatisierung kritisieren oder den Zugang zu fruchtbarem Boden als Grundrecht formulieren.

Parallel entstehen im Schatten großer Technologiezentren kleine Innovationsinseln: Start-ups, die islamkonforme Mikrofinanzierung mit agrarischen Projekten koppeln, Apps, die Gläubige zu ressourcenschonenden Alltagspraktiken anleiten, Datenplattformen, die Ernteausfälle und Preisentwicklungen erfassen und Bauern frühzeitig warnen.

Der Begriff „Umma“ wird dort neu codiert – nicht nur als religiöse Gemeinschaft, sondern als transnationale Infrastruktur, über die Wissen, Kapital und politische Impulse zirkulieren.

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„Brennende Welt“: Global gibt es 305 Millionen Bedürftige

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Konflikte und Klimawandel-Katastrophen stürzten Familien ins Elend. Regierungen geben nicht genug Geld für Nothilfe. Eine Frage der globalen Solidarität, sagt der neue UN-Nothilfekoordinator.

Genf (dpa). Trotz wachsender Krisen und Konflikte weltweit will das Nothilfebüro der Vereinten Nationen (OCHA) seine geplanten Hilfsleistungen für 2025 nicht erhöhen. Das liegt unter anderem an mangelndem Geld: 

Für 2024 kamen bislang demnach nur etwas mehr als 40 % der angefragten Mittel zusammen. Manche Länder brauchten zwar mehr, sechs dagegen gar kein Geld mehr aus dem globalen Nothilfeplan, berichtet das Büro in Genf.

„In einer brennenden Welt zahlen die Verletzlichsten den höchsten Preis: Kinder, Frauen, Menschen mit Behinderungen und Arme“, sagte der neue UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher. „Wir brauchen ein neues Niveau an globaler Solidarität.“

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Foto: Anas-Mohammed, Shutterstock

Globale Zahl der Bedürftigen steigt

Die Zahl der Bedürftigen schätzt OCHA für das kommende Jahr auf rund 305 (2024: 300) Millionen Menschen, den Bedarf auf 47,4 Mrd. (46,4) Dollar. UN-Organisationen und ihre mehr als 1.500 Partnerorganisationen wollen rund 190 (180) Mio. Menschen in 72 Ländern unterstützen. Die anderen sind auf Hilfe von bilateralen Partnern oder anderen humanitären Organisationen angewiesen, die nicht vom OCHA-Plan erfasst sind, etwa das Rote Kreuz.

Im Fall von neuen Konflikten oder Katastrophen wird der Bedarf angepasst. OCHA kümmert sich um Nothilfe. Die einzelnen UN-Organisationen stellen zusätzlich Bedarfspläne für längerfristige Hilfsprojekte auf.

In diesem Jahr wurden laut OCHA mangels Geld Lebensmittelhilfen für Syrien gekürzt, im Jemen mit vielen Choleraausbrüchen reichte es nicht für bessere Trink- und Abwasserversorgung, und im Tschad konnte nicht genug gegen den Hunger getan werden. Fehlende Spenden bedeuten demnach, dass nur 116 der geplant 180 Mio. Menschen erreicht werden können.

Den größten Bedarf sieht OCHA im kommenden Jahr in Syrien und Nachbarländern und im Sudan. Auch die von Israel besetzten Palästinensergebiete, die Ukraine und Myanmar seien unter den Krisen, für die OCHA besonders viel Geld benötigt.

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„Ein Armutszeugnis“: 117 Millionen Menschen sind auf der Flucht

menschenrechte Rafah flucht krieg

Aus den neuen Zahlen des UNHCR geht hervor, dass mittlerweile 1,5 Prozent der Weltbevölkerung fliehen musste – im eigenen Land oder ins Ausland.

Genf (dpa, NRC, iz). So viele Menschen wie nie zuvor sind weltweit vor Gewalt, Krieg, Konflikten und Verfolgung auf der Flucht. Im Mai waren es 120 Millionen, fast zehn Prozent mehr als vor einem Jahr, wie das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR am Donnerstag in Genf berichtete.

Zum 12. Mal in Folge steigen die globalen Fluchtzahlen

Es war der zwölfte Anstieg der Zahlen in Folge. Rund 1,5 Prozent der gesamten Weltbevölkerung ist damit aus ihrer Heimat vertrieben, wie aus dem neuen Weltflüchtlingsbericht hervorgeht.

Gut zwei Drittel der Menschen sind innerhalb der Grenzen des eigenen Heimatlandes auf der Flucht. Zwei Drittel der über die Grenzziehungen Geflohenen leben in Nachbarländern, die großteils selbst arm sind. Die meisten Menschen harren dort in der Hoffnung aus, zügig in ihre Heimat zurückkehren zu können.

„Nie zuvor waren so viele Menschen in so vielen Ländern auf der Flucht vor Konflikten, Gewalt und Verfolgung. Seit mehr als einem Jahrzehnt verzeichnen wir jedes Jahr neue Rekordzahlen von Flüchtlingen und Binnenvertriebenen, verursacht durch die Brutalität bewaffneter Gruppen, die Unfähigkeit der Diplomatie, Konflikte zu lösen, und das weltweite Versagen, die Zivilbevölkerung zu schützen“, kommentierte Jan Egeland, Generalsekretär des Norwegian Refugee Council (NRC), die neuen Flüchtlingszahlen.

Foto: Henry Wilkins/VOA | Lizenz: Public Domain

Egeland: Wann wird endlich eingegriffen?

„Wie lange wird es noch dauern, bis nationale, regionale und globale Entscheidungsträger entschlossen handeln, um die Zivilbevölkerung zu schützen? Vom Sudan bis zur Ukraine, von Burkina Faso bis Gaza werden Zivilisten vertrieben und oft über Jahre und Jahrzehnte vergessen und vernachlässigt“, fragt der Kopf der norwegischen Flüchtlingsorganisation.

In weiten Teilen Europas und Nordamerikas setze die Politik zunehmend auf Maßnahmen zur Abwehr verzweifelter Flüchtlinge. Viele wohlhabende Staaten entziehen sich ihrer Verantwortung, indem sie abschieben oder gar an der Einreise hindern. Millionen säßen jedes Jahr unter menschenunwürdigen Bedingungen fest.

Deutschland an Platz 2 der Zielländer

Bei den Menschen, die keine Chance auf baldige Rückkehr sehen, standen die USA und Deutschland hoch im Kurs: Die USA verzeichneten mit Abstand die meisten Asylanträge, insgesamt 1,2 Millionen. Danach folgte mit großem Abstand Deutschland mit rund 330 000 Anträgen, vor Ägypten, Spanien und Kanada.

Die Zahlen sind von Jahr zu Jahr nur bedingt vergleichbar, weil die Datenlage in manchen Ländern besser wird und die Erhebungsmethoden sich teils ändern. Rekorde beziehen sich auf den Zeitraum seit 1951, als das UNHCR erstmals Flüchtlingszahlen ermittelte.

Foto: Oxfam New Zealand, flickr

Der Klimawandel verschärft das Problem

Regionen, die durch Konflikte, Armut, Hunger und schlechte Regierungsführung geprägt sind, liegen auch dort, wo die Klimakrise besonders spürbar ist, heißt es in dem Bericht: „Ende 2023 lebten fast drei Viertel der gewaltsam Vertriebenen in Ländern, die hohen bis extrem hohen klimabedingten Gefahren ausgesetzt waren.“ Dazu gehörten die Demokratische Republik Kongo, Somalia, Sudan, Syrien und Jemen.

Der Kampf um Ressourcen in Zufluchtsländern, die vom Klimawandel stark betroffen sind, könne weitere Fluchtbewegungen auslösen, etwa dort, wo das Trinkwasser schon knapp ist, oder Dürre immer mehr Ernten vernichtet und Vieh mangels Wasser und Nahrung verendet. (sw)

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Der Müll – verdrängtes Erbe unserer Hinterlassenschaften

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Drei interessante Bücher zeigen die geistigen Hintergründe des Müllproblems auf. Wir geht die Menschheit in Zukunft mit ihm um?

(iz). Wie kann man das Thema Müll mit dem Reisen in Verbindung bringen? Für den Professor der Philosophie Oliver Schlaudt ist das kein Widerspruch. Mit seinem faszinierenden Buch „Zugemüllt“ legt er einen ungewöhnlichen Reisebericht vor. Die Expedition führt zu den Wahrzeichen unserer Müllkultur, sei es eine Mülllandschaft in Bitterfeld, eine Sondermülldeponie auf einer künstlichen Rheininsel oder die weltgrößte Untertagedeponie in Hessen.

Für ihn ist dieses „Reisen keine Flucht mehr vor der selbstgeschaffenen Realität, sondern die volle Konfrontation mit ihr“. Er ruft zu einem anderen Entdeckermut auf. Die Begegnung mit den Denkmalen des Anthropozäns nötigt dem Beobachter die Einsicht ab, dass es weder die Fremde noch unberührte Landschaften mehr gibt.

Die Zeichen und Hinterlassenschaften unserer Konsumgesellschaft in der Umwelt sind, zumindest wenn wir die Augen aufmachen, eindeutig. Marcos Buser spricht in seiner „Rubbish Theory“ ausdrücklich vom Müll als kulturellem Erbe und relativiert damit die romantisierende Idee der Leitkultur.

Müll hat gewaltige Dimensionen

Das Phänomen hat gewaltige Dimensionen. Zwischen 1900 und 2015 soll die Menschheit geschätzte 1.315 Gigatonnen festigen und flüssigen Müll und weiteren 643 Gigatonnen gasförmige Emissionen produziert haben, insgesamt 2 Billionen Tonnen Abfall.

Die Tempel der Müllmoderne (Cyrille Harpot), die auf der Reiseroute liegen, erinnern daran, dass erstmals in der Natur- und Kulturgeschichte Müll anfällt, der von der Biosphäre nicht mehr resorbiert wird. So entsteht ein „unheilbarer Riss“ und das Ende der Kreislaufwirtschaft.

Das Problem lässt sich nicht national eingrenzen, wie die Plastikverschmutzung der Erde eindrücklich belegt. 100 Millionen Tonnen sind in den Ozeanen und täglich werden es mehr. Die Hinterlassenschaft bildet zwischen Hawaii und der kalifornischen Küste den Great Pacific Garbage, eine Fläche, die drei Mal so groß wie Frankreich ist. Man erinnert sich beim Lesen dieser Passage des Berichts an ein Zitat von Reiner Kunze: „…und am Ende ganz am Ende, wird das Meer in der Erinnerung blau sein.“

„Die Entsorgung der menschlichen Abfälle, die in der modernisierten Welt (…) anfielen, war der eigentliche Sinn von Kolonialisierung und imperialistischer Eroberung“, argumentierte vor Jahren der Soziologe Zygmunt Baumann. 

Zwar ist die Kolonialzeit zu Ende gegangen, Fakt ist aber, dass der Export von Abfällen aus den Industrieländern ein dubioses Geschäft ist und in der Tradition der Ausbeutung steht.

Foto: Freepik

Export unseres Wohlstandsmülls

Unser Wohlstandsmüll wurde über Jahrzehnte in Urlauber-Paradiese wie die Türkei, Malaysia oder Indonesien exportiert. Schnelllebige Modeartikel aus den USA und Europa, die keine Abnehmer gefunden haben, werden nach Südamerika verschifft und enden in der chilenischen Atacama-Wüste. In einer Reportage des NDR liest man über die Überproduktion des perversen Systems der Fast Fashion. „Was die Industrienationen nicht wollen, landet zu großen Teilen hier in der Freihandelszone Zofri: 59.000 Tonnen Kleidung pro Jahr.“

Zurück nach Deutschland, in die ehemaligen Kohlefördergebiete rund um Bitterfeld. Durch die Flutung der Krater, die durch den Kohleabbau in der Umgebung entstanden sind, entstehen künstliche Seen und damit neue Feriengebiete. Die Idylle ist etwas trügerisch. Man schätzt, dass unter der Stadt auf einer Fläche von 25 Quadratkilometern etwa 200 Millionen Kubikmeter hochgradig verseuchtes Grundwasser durch das Gestein strömt.

Über Jahrzehnte – wie der SPIEGEL 1990 berichtete – wurde gigantische Menge giftige Abwasser (genug für einen Tankwagenzug, der von Hamburg bis Melbourne reicht) in der Region entsorgt. Ein ehemaliges Chemiekombinat lieferte den Müll seiner Reaktionsöfen und Rührmaschinen ab. Das Gift gelangte von der Mulde bis in die Elbe. Es ist seitdem in den Fischen des Wattenmeers nachweisbar.

Niemand kann genau sagen, welche Stoffe sich heute im Untergrund bilden und wo diese unbekannten Substanzen einst wieder auftauchen werden. Hunderte Pumpen saugen täglich verseuchtes Grundwasser ab, um die Kloake in Schach zu halten. Für vermutlich ein Jahrhundert ist keine andere Lösung in Sicht.

In seiner Argumentation weist Schlaudt auf ein Paradox hin. Wir sind heute von den Idealen der Sauberkeit, Hygiene und Sterilität beherrscht. „Der industrielle Dreck ermöglicht uns die Illusion von Reinheit, und diese lässt uns umgekehrt jenen übersehen.“

Das Fazit des Philosophen: „Im Licht dieser Analyse erscheint der Müll immer mehr als das gesellschaftlich Unbewusste, das Kollektiv Verdrängte.“ Die Konsequenz ist klar: Alles Verdrängte kommt eines Tages mit Gewalt zurück. 

kolumne zeitenwende humanismus

Foto: metamorworks, Adobe

Nicht ohne eine Vision

Die Deutschlandreise entlässt den Leser nicht ohne eine Vision. Das, wie wir wissen, nur begrenzt effektive Recycling scheint heute die Lösung von Rationalität und Technik zu sein. Schlaudt fordert eine Kehrtwende zu einer echten Kreislaufwirtschaft. Er sieht – zum Beispiel – in der Philosophie des Humus oder dem intelligenten Einsatz von Bakterien nicht nur eine Low-Tech-Variante, sondern einen metaphysischen und kosmologischen Gegenentwurf. 

Und: Wir müssen wieder lernen, den Dingen einen Wert zu geben. Das heißt, keine Produkte zu kaufen, die nur eine kurze Lebenszeit versprechen.

In „Müll und Geist“ setzt sich Guillaume Paoli mit dem Denken in postnormalen Zeiten auseinander. Seine These: Die Verschmutzung entsteht bereits im Kopf. Der Ausgangspunkt seiner Überlegungen klingt dramatisch: „Die Parole Wohlstand für alle, hat sich als Anstiftung zum kollektiven Selbstmord entpuppt.“

Paoli setzt sich mit den Lösungsansätzen für die Umweltproblematik und der grundsätzlichen Frage nach der Technik auseinander. In den „Achsenjahren“ zwischen 1970-75 verpuffte in den westlichen Industrienationen die Fortschrittsgläubigkeit. Danach folgte ein halbes Jahrhundert der Untätigkeit, des Wegschauens und der faulen Ausreden.

Die Sorgen über die Zukunft des Menschen sind für den Denker bis heute geblieben, denn „wo das Rettende nicht auftaucht, wächst die Gefahr auch“. Er ruft im Geist des Philosophen Günther Anders (1902-1992), der seine Vorbehalte gegen die moderne Technik schon früh formuliert hat, zu einem Mut der Angst auf. Diese Haltung muss eine furchtlose sein, keine panische, eine liebende, keine egoistische und eine belebende, die uns „statt in die Stubenecken hinein in die Straßen hinaus“ treibt.

Auf der denkerischen Seite zeigt Paoli die Geschichte der Ansätze für eine Lösung der Umweltprobleme. Die Spannbreite reicht von der Hoffnung auf eine „grüne“ industrielle Revolution, dem Übergang von der bösen zur guten Technik, bis hin zu Utopien einer Rückkehr einer harmonischen Biosphäre und dem perfekten Recyclinghof. Politisch zeigt er die Wege auf, die vom Ruf nach einer Revolution bis hin zu gemäßigten, evolutionären Reformmodellen reichen.

Ein anderes Extrem symbolisieren die Überlegungen von Technokraten, die den Menschen künftig unter die Aufsicht von Algorithmen und künstlicher Intelligenz stellen. Die Tagespolitik folgt der Logik der Steigerung, von der Idee des endlosen Wachstums, über mit neuer Verschuldung finanzierten Investitionen, bis hin zu einer ausufernden Bürokratie.

Foto: Freepik.com

Ökologie und Ökonomie gehören zusammen

Wichtig sind für den Denker, die ökonomischen Zusammenhänge nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Die Frage ist für ihn, ob unser Wirtschaftssystem und ein funktionierendes Ökosystem überhaupt zusammenpassen. Nicht nur das Produkt, der Abfall selbst ist ja am Anfang schon ideell vorhanden.

„Es ist unmöglich, Stoffe komplett zu recyceln. Die kapitalistische Wirtschaftsweise ist beschleunigte Entropie“. Für Paoli korreliert die Vermehrung des Mülls in der Welt mit der endlosen Spirale des abstrakten Verwertungsprozesses namens Kapital. Für den Menschen zeigt sich die fatale Lage in dem Gefühl wachsender Entfremdung.

Unstrittig ist, dass die ökologischen Krisen, in der sich die abzeichnende Epoche befinden, den Menschen in ein Dilemma werfen. Es scheint keine Alternativen zur Idee des endlosen Wachstums zu geben, und – wie Paoli feststellt – wird schlichte Anpassung das unwirksam gewordene Gegensatzpaar Fortschrittlichkeit und Konservatismus letztlich ablösen. Und, will man hinzufügen, es bleibt zu hoffen, dass der Mensch sich nicht in die alten Irrwege der Ideologien flüchtet.

Umweltethik Islam

Foto: Bahatha.co

In der muslimischen Welt

In der islamischen Welt rufen Aktivisten, wie der Engländer Fazlun Khalid, seit Jahrzehnten zu einem Umdenken und – unter Beachtung der Quellen – einem erneuerten Bewusstsein auf. Sein 2019 erschienenes Buch, die Zeichen der Erde, ist von einem Qur’anvers inspiriert: „Es gibt Zeichen auf der Erde für Menschen mit Gewissheit. Und auch in Euch selbst. Versteht ihr denn nicht?“ (Sure 51, Ad-Dariyat, 20-21) Er zeigt die Notwendigkeit und Verpflichtung für Muslime auf, die Schöpfung in einer kollektiven Anstrengung zu bewahren und zu schützen.

Dabei verknüpft er das Umweltthema mit den sozialen und ökonomischen Prinzipien der Lehre und entwirft so die Vision eines gemäßigten Kapitalismus. Inzwischen haben hunderte Gelehrte und Organisationen die islamische Position zur Ökologie in einem Dokument namens „Al-Mizan“ ausführlich zusammengefasst.

Die Initiative demonstriert, dass der Islam eine Inspirationsquelle für nachhaltige Entwicklung und Umweltschutz ist. Die globalen Verstrickungen der Umweltprobleme lassen den Autoren des Manifests keine Wahl: Lösungen wird es nur im Zusammenspiel mit Aktivisten, Organisationen und Regierungen aus aller Welt geben.

Ein gemeinsames Ziel ist den verbreiteten Fatalismus zurückzudrängen. „Die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten birgt“ – diese Mahnung hatte schon Friedrich Nietzsche dem aufkommenden Nihilismus in der Moderne entgegengesetzt.

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Von Bosnien bis zur USA: Kurzmeldungen aus Ausgabe 346

kurzmeldungen Operation Luxor Österreich Wien

Kurzmeldungen: In dieser Ausgabe reichen unsere Kurzmeldungen von globalen Themen bis zu den USA. Resolution gegen Muslimfeindlichkeit beschlossen NEW YORK (Agenturen). Die UN-Generalversammlung hat am 15. März mit überwältigender Mehrheit […]

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Migration erreicht neuen globalen Rekord

migration

Migration: Gegenwärtige Rekordzahlen an Vertriebenen sind auf Kriege wie in der Ukraine und den Konflikt im Sudan zurückzuführen

(IOM). In einer von Wirtschaftskrisen, Konflikten und Naturkatastrophen geprägten Welt erweist sich die Zunahme von Migrationsbewegungen als eines der wichtigsten geopolitischen Phänomene dieses Jahrhunderts.

Die negativen Auswirkungen des Klimawandels und der Umweltzerstörung treiben immer mehr Menschen aus ihrer Heimat. Von Dr. Lansana Gberie

Migration: Zahlen stiegen dramatisch an

Am 14. Juni hat das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) seinen entsprechenden Jahresbericht „Global Trends: Displacement 2022“ veröffentlicht. Darin heißt es, dass die Zahl der Menschen, die durch Krieg, Verfolgung, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen aus ihrer Heimat vertrieben wurden, bis Ende letzten Jahres dramatisch um 19,1 Millionen gestiegen ist. Das ist der größte Anstieg in der Geschichte: insgesamt 108,4 Millionen.

brot für die welt rohingya bootflüchtlinge meer flucht

Foto: UNICEF/UN0119963/Brown

Diese Rekordzahl an Vertriebenen ist vor allem auf den Krieg in der Ukraine und den Ausbruch des Konflikts im Sudan zurückzuführen. Anhaltende Konflikte in Afghanistan, Äthiopien, der afrikanischen Sahelzone und anderswo haben ebenso dazu beigetragen wie die Zunahme von Naturkatastrophen im Zusammenhang mit dem Klimawandel.

Hochkommissar Filippo Grandi machte in seinem Bericht zu Recht die Menschen für diese Tragödie verantwortlich, die „viel zu schnell in einen Konflikt stürzen und viel zu langsam Lösungen finden“, was zu solchen „Verwüstungen, Vertreibungen und Qualen für jeden der Millionen Menschen, die gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben wurden“, führe.

bundesinnenministerin Clankriminalität

Foto: Deutscher Bundestag / Leon Kuegeler / photothek

Auch der Rest der Welt hat Verantwortung

Den Verursachern solcher Konflikte die Schuld zu geben, bedeutet jedoch nicht, den Rest der Welt von der Verantwortung freizusprechen, auf solche Vertreibungen so schrecklich zu reagieren. Es handelt sich zwangsläufig um irreguläre oder illegale Migration. Am Tag der Veröffentlichung des UN-Berichts kamen 600 Männer, Frauen und Kinder ums Leben, als das Schlepperboot Adriana vor der griechischen Küste kenterte.

Im darauffolgenden Juli zeigten Pressefotos 27 Leichen afrikanischer Migranten sowie Dutzende weitere Menschen, die an der Grenze zwischen Libyen und Tunesien gestrandet waren.

Einige Wochen später, am 21. August, berichtete Human Rights Watch, dass Grenzbeamte eines wichtigen Landes im Nahen Osten Hunderte von afrikanischen Migranten und Asylsuchenden, die zwischen März 2022 und Juni 2023 versuchten, die Grenze zu überqueren, „weit verbreitet und systematisch“ misshandelt hätten.

Das Land hat die Vorwürfe als falsch zurückgewiesen. Sollte sich das Gegenteil herausstellen, könnten wir dies als ein extremes Beispiel für „eine Art grimmige und tragische Monotonie“ betrachten, mit der der amerikanische Quäker und Humanist Louis W. Schneider 1954 die aggressive Haltung der Welt gegenüber unerwünschten Migranten charakterisierte.

Grenze

Foto: Sergey Chayko, Shutterstock

Gewaltsame Verhinderung von Wanderungsbewegungen

Vielleicht noch schädlicher, weil subtiler und anderswo leichter nachzuahmen, ist die zunehmende Praxis reicher Länder, finanzschwachen Staaten Ausbildung, logistische Abstimmung und andere Hightech-Unterstützung zu bieten, damit diese die Migration in die Wohlstandszonen gewaltsam verhindern können.

Die jüngste Tragödie vor der westafrikanischen Küste, als Patrouillenboote ein Fischerboot mit Migranten verfolgten, steht im Zusammenhang mit dieser schädlichen Politik und Koordination. Bei der Flucht in stockfinsterer Nacht kam das Migrantenboot vom Kurs ab und schlug an einem beliebten Strand in Dakar, Senegal, auf Felsen auf, wobei mindestens 16 Menschen ums Leben kamen.

Zweifellos gibt es legitime Gründe für Staaten, diese Art der irregulären und lebensgefährlichen Migration energisch zu unterbinden: Tausende junger Afrikaner sind über die Jahre auf dieser gefährlichen Route gestorben. Und staatliche Souveränität erfordert sichere Grenzen.

Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Eindämmung illegaler Migrationsströme eine höhere Priorität hat als die Hilfe für verzweifelte junge Menschen, die oft durch Konflikte und Umweltkatastrophen vertrieben werden, um sichere und wohlhabende Ziele zu erreichen.

Das Problem ist nicht nur eine Frage der Moral. Es handelt sich um eine äußerst komplexe Herausforderung, die eindeutig zu den großen globalen Aufgaben unserer ungleichen Welt gehört und für die es keine einfache Lösung gibt. Dennoch müssen wir einen menschlicheren und effektiveren Weg finden, die Frage anzugehen.

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Global ernüchternd: Was denkt die Jugend über Demokratie?

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Globale Haltung zu Staatsformen und Regierung: Laut Open Society Barometer wendet sich die Jugend ab. (IPS/IZ). Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist jünger als 25. Doch die enorme Anzahl […]

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Innovation und Ursprung

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Innovation und Ursprung: Die technologische Entwicklung entzieht sich der politischen Kontrolle. Das Ende ist offen.

(iz). Wer hat nicht einmal über das perfekte muslimische Leben nachgedacht. Wer sich auf diesen Gedanken einlässt, wird sich dabei von Erinnerungen an die Gemeinschaft in Medina inspirieren lassen. Man sinnt über die Charaktereigenschaften der ersten Muslime nach, ihr Leben in der Moschee und auf dem Marktplatz, an ihre sozio-ökonomischen Einrichtungen. Überhaupt glauben wir an die Idee einer solidarischen und gerechten Gesellschaft, die die Schöpfung nicht nur bewahret, sondern preist.

Fern scheint diese Realität, wenn man sich die islamische Wirklichkeit im einundzwanzigsten Jahrhundert vergegenwärtigt. Generationen von Muslimen haben sich damit beschäftigt, wie das Erbe und die Tradition neu gelebt werden können. Die Ansätze variieren zwischen Fundamentalisten, die das Rad der Geschichte anhalten wollen, Pragmatikern, die ihre Praxis auf das beschränken, was möglich erscheint oder den Muslimen, die die Innovationen gerade als Chance ansehen, dem ursprünglichen Vorbild wieder nahezukommen.

Die Zukunft des Islam in der Moderne dreht sich um die Frage der Technik. Für die einen sind die technologischen Innovationen mehr oder weniger Verführungen des Teufels; für die Anderen eine Möglichkeit, das Erbe in der Moderne neu zu etablieren. Dass die Technik nicht einfach aus unserem Alltag verdrängt werden kann, zeigt eindrucksvoll der Siegeszug des Smartphones.

Foto: lenbir, Freepik.com

Innovationen haben das Leben aller Muslime verändert

Ob es uns gefällt oder nicht, diese Neuerung hat das Leben von de facto allen Muslimen unabhängig von ihrem Hintergrund radikal verändert. Deutlich wird dies auf der Pilgerreise, wo es unzählige Pilger auf ihrem Aufenthalt begleitet. Die Phantasie einer Rückkehr in das Mittelalter wird hier eindeutig durch die Faktizität technologischer Anwendung decodiert.

Fakt ist: Die Lehre und unsere Weltanschauung werden entscheidend von den neuen Kommunikationstechniken bestimmt sein. Die Konsequenzen der Revolution, die Realität von Erfindungen wie Blockchain, ChatGPT oder virtuellen Währungen verändern unsere Gegenwart.

Die Hoffnung bleibt, dass diese Metamorphose zu Verbesserung der Lebensumstände des Menschen beitragen. Neben den bekannten negativen Einflüssen der Techniken wie der sozialen Medien auf unser Dasein gilt es, die Frage zu beantworten, ob diese neuen Möglichkeiten uns Kinder der Neuzeit auf überraschende Weise an das ursprüngliche Modell zurückführen.

Beispiele für diesen Trend gibt es bereits: Man denke nur an das erfolgreiche Crowdfunding, das die Idee der Solidarität unterstützt, oder an Internetseiten, die die lokale Verteilung der Zakat effektiv organisieren. Selbst die alte Einrichtung der Gilden, die Netzwerke der Kompetenz, erlebt mit Hilfe der Angebote der sozialen Medien eine Renaissance.

Die verlorene Einheit von Moschee und Marktplatz, die die muslimische Zivilisation über Jahrhunderte prägte, könnten Gemeinden mit der Etablierung virtueller Handelsplätze überwinden. Ist es eine Utopie, dass wir eines Tages neben dem Gebetsraum Räume finden, die Start-Ups beheimaten oder uns Bildschirme anbieten, mit deren Hilfe wir in die globale Halal-Ökonomie eintreten? Willkommen im 21. Jahrhundert!

Foto: Freepik.com

Die Kernfrage nach dem Geld

Der Natur dieses Zeitalters entsprechend ist es die Frage des Geldes, die den Streit zwischen den Ursprüngen unserer Kultur und dem Einfluss der Innovation deutlich zeigt. Über Jahrhunderte war der Tausch von Zahlungsmitteln in Form von Gold und Silberwährungen der Motor der Globalisierung der Ökonomie. In der islamischen Welt waren der Dinar und der Dirham fixierte Gewichtseinheiten der Rohstoffe.

Das internationale Währungssystem verdrängte die reinen Substanz-Währungen. Die Einführung der Papiergeldwährungen wurde in der Geschäftswelt zunächst nur akzeptiert, weil sie bis 1971 durch den sogenannten Goldstandard gedeckt waren.

Diese Praxis beendete die US-Regierung, die eine enorme Geldsumme für die Finanzierung des Vietnamkrieges benötigte. Mit Hilfe Saudi-Arabiens und dem Handel mit Öl in der amerikanischen Währung begann das „goldene“ Zeitalter der Petrodollars.

Gleichzeitig entbrannte eine Diskussion um die Ethik der neuen, von keiner logischen Grenze gehegten Geldproduktion. An dem Streit um eine gerechte Geldordnung beteiligen sich politische, ökonomische und traditionell auch religiöse Lehren. Der provokante Slogan, Geld kenne keine Moral, forderte das ethische Handeln heraus.

Die wundersame Geldvermehrung ist nicht folgenlos und verstärkt auf der ganzen Welt die Spaltung der Gesellschaften in Arme und Reiche. Und, die ökonomische Krise, rund um die Themen der Verschuldung und der Inflation, erinnerte die Muslime an die Fundamente ihrer eigenen Wirtschaftsordnung.

Die Wahl der Zahlungsmittel – sei es beim Einkauf, dem Handel oder bei der Zahlung der Zakat – ist eine elementare Frage. Nur welches Geld in den Staaten erlaubt ist, entzieht sich in freiheitlichen Systemen der Entscheidung des Einzelnen. Auf der internationalen Ebene gibt es seit einigen Jahren Bewegungen und Alternativen auf diesem Feld.

Karte Naher Osten Iran Yuan Einfluss

Foto: Shutterstock

Die reichen Ölstaaten orientieren sich neu

Es ist paradox, dass ausgerechnet Saudi-Arabien den amerikanischen Dollar als Leitwährung in Frage stellt. Die Ankündigung des Landes, seine Öllieferungen nach Fernost mit der chinesischen Währung abzuwickeln leitet vermutlich eine Zeitenwende ein.

Es ist wichtig, zu verstehen, dass die technologische Revolution, in der wir uns aktuell befinden, die machtvollsten Einrichtungen der letzten Jahrzehnte in Frage stellt: die Existenz der Banken und das Währungssystem überhaupt. Mit Hilfe der Blockchaintechnologie sind Kreditinstitute für die Vermittlung vieler Geschäfte nicht mehr nötig und das Monopol der Geldproduktion der nationalen Staaten wird durch alternative Währungen herausgefordert. 

Hier sind nicht nur Regierungen, sondern mächtige, private Global Player am Start. Völlig neu ist zum Beispiel das Phänomen, dass Techfirmen wie Facebook oder Amazon über die Einführung eigener Währungen nachdenken und damit indirekt ein Kreditsystem anbieten.

In den letzten Jahren war es vor allem „Bitcoin“, das die Vision einer anderen Wirtschaft befeuerte.

Die virtuelle Währung ist dezentral organisiert, nicht manipulierbar und wird von keiner zentralen Stelle reguliert. Die Schöpfung der Einheiten ist ein energieaufwändiger, mathematisch komplizierter Prozess. Vor allem ist die Menge der Bitcoins auf ca. 21 Millionen begrenzt. Damit steht diese Grenze der Möglichkeit, endlos Geld zu drucken diametral entgegen. Über die Jahre ist eine bunte Bewegung entstanden, die deswegen die Vorteile der neuen Währung preist.

Ihre Gegner verweisen auf den turbulenten Verlauf der Preisentwicklung der künstlichen Münzen, die als reine Kunstprodukte keinen in sich wohnenden Wert haben. Unlängst ist mit dem „Islamic Coin“ eine muslimische Variante der Kryptowährung entstanden. Das Unternehmen wird von prominenten Persönlichkeiten aus den Vereinten Emiraten unterstützt.

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Auch Papiergeld wird kritisch beäugt

Die Gelehrten streiten, ob diese Alternative sich im Rahmen des islamischen Rechts bewegt, allerdings hört man ähnliche Vorwürfe gegenüber der Nutzung von inflationärem Papiergeld. Und in Sachen Gold gibt es Kritik an den manipulierten Preisen und an dem Fakt, dass niemand genau weiß, wo die Goldreserven gelagert sind. Wie kaum bei einer anderen Diskussion wird klar, dass die reine Lehre, unter den gegebenen Umständen, schwer zu formulieren ist.

Fest steht, die Auseinandersetzungen um das Geld wird in der modernen Massengesellschaft nicht nur von der Werthaltigkeit des Zahlungsmittels, sondern ebenso von der Praktikabilität entschieden. Die simple Frage, welches Geld sich am einfachsten mit Smartphones disponieren lässt, ist künftig entscheidend. Neben den üblichen Papiergeldwährungen, die wir mit unseren Kreditkarten nutzen, sind es die Krypto- und Goldwährungen, die Verbreitung finden. Bewegung in dieser Frage gibt es in der ganzen Welt.

Im Jahr 2023 ließ das amerikanische Bundesland Arkansas mit der Ankündigung aufhorchen, Gold und Silber wieder als gesetzliche Zahlungsmittel zuzulassen. Die Goldmünzen, die beim Kauf keiner Mehrwertsteuer unterliegen, werden eine harte Alternative zum US-Dollar sein. Und das Gold wird in diesem Fall nicht nur eine Anlageform sein, sondern ein Tauschmittel des Alltags; vermutlich nicht durch den Einsatz physischer Münzen, eher werden die Nutzer goldgedeckte Debitkarten erhalten.

Mit der Rückkehr in die vortechnologische Vergangenheit hat dieses Phänomen wenig zu tun. Eine offene Frage ist, ob die amerikanische Zentralbank die Existenz einer harten Währung, die inländisch in Konkurrenz mit dem Dollar tritt, auf Dauer tolerieren wird.

Wie immer sich das Rad der Geschichte dreht, es wird spannend zu beobachten sein, wohin die technologische Innovation führt und wie sie unsere Gesellschaften verändert. Die Politik hat nur begrenzte Macht den Schwung der Veränderungen aufzuhalten.

Ob man diese Fakten mit Optimismus oder mit Pessimismus zur Kenntnis nimmt, entscheidet über den spirituellen Zustand der kommenden Generationen. Es wäre erstaunlich, wenn die alten muslimischen Einrichtungen, die Marktplätze, die Gilden, die Handelsverträge und das reale Geld ihre Aktualität zurückgewinnen. Damit wäre wieder ein Anlass gegeben, das islamische Wirtschaftsrecht genauer zu studieren.

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