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Ein Rückblick auf den Ramadan in Zeiten der Krise

ramadan krise irankrieg

Der vergangene Ramadan war nicht nur ein spirituelles Ereignis, vielmehr stand er unter dem Schatten des Feuers, das in den vergangenen Monaten am Golf aufflammte, als Raketen und Drohnen zentrale Öl- und Gasanlagen trafen und in Brand setzten.

(iz). Zwischen Explosionen von Energieinfrastruktur, zeitweiligen Produktionsstopps und der lähmenden Dauerpräsenz von Kriegsbildern erlebten viele Gläubige einen Monat des Fastens, der zugleich Rückzug und Besinnung bedeutete. Denn gerade im Moment, in dem das Äußere unruhig wird, verdichtet sich die innere Erfahrung zu etwas Einfachem und Wesentlichem: dem Loslassen des eigenen Willens.

Wer fastet, erfährt das Fließende der Identität: Hunger und Durst lösen jene starre Vorstellung des Selbst auf, die sonst das Zentrum unserer Wahrnehmung bildet. Mit dem Verzicht entsteht kein Mangel, sondern eine andere Form von Gegenwart – das, was der Soziologe Hartmut Rosa die „Unverfügbarkeit des Weltbezugs“ nennt. Man kann die Erfahrung nicht erzwingen, sie bleibt Gabe.

ramadan übung

Foto: PlanetZ/Adobe Stock

Dieses Nichtwollen, das sich im Verzicht formt, schafft Raum für Hoffnung: auf ein gutes Schicksal für uns selbst und andere. Und darin öffnet sich die Nähe zum Wort der Offenbarung, das den Menschen nicht als Herren, sondern als Hörenden begreift. So zeigt sich, dass der Islam keine Ideologie, keine Weltanschauung im säkularen Sinn ist, sondern eine fortwährende Übung im Hören und Erkennen – eine spirituelle Anthropologie.

Ramadan ist keine Flucht aus der Welt. Das Fasten, das Gebet und der nächtliche Dialog mit dem eigenen Gewissen sind keine asketischen Praktiken zur Abschottung, sondern Formen der Resonanz.

Im Zustand des Gebetes entstehen Mitgefühl und Bewusstsein für das Elend anderer; insbesondere für diejenigen, die in den brennenden Zonen rund um die angegriffenen Städte und Energieanlagen leben und deren Lebensgrundlagen – Arbeit, Wasser, Luft – in Mitleidenschaft gezogen werden.

Viele Muslime erinnerten in diesem Monat an die Namen der Kriegsopfer. Sie taten es nicht, um zu politisieren, sondern um ein Zeichen zu setzen. Innen und außen geraten in Balance: das Innerliche dient als sensorische Verfeinerung des Blicks in die Welt.

Aus diesem Ramadan ergibt sich eine doppelte Lehre. Zum einen müssen wir unsere Erkenntnisverfahren überdenken – in einer Zeit, in der Bilder dominieren und Worte schwinden. Zum anderen verlangt das Politische eine neue Form des Denkens, die Identität nicht als Abgrenzung, sondern Identität als Durchlässigkeit vorstellt.

Und schließlich zwingen uns die zivilen Opfer, die Angriffe auf Energieinfrastruktur, die massiven Brände und die ökologischen Folgeschäden zu einer unbequemen Frage: Wie lässt sich politisch handeln, ohne in eine Logik abzurutschen, in welcher „der Zweck alle Mittel heiligt“?

Es war in diesem Monat leichter, auf Essen und Trinken zu verzichten, als das Handy aus der Hand zu legen. Jeden Abend fluteten neue Bilder aus der Golfregion durch die Feeds: Angriffe auf Israel, Feuerbälle über Öl- Terminals, zerstörte Anlagen in Saudi-Arabien, den Emiraten, Katar; die Medien versorgten uns mit Karten, Pfeildiagrammen und Expertenpanels. Die Wucht dieser Bilder lähmt mehr, als sie aufrüttelt.

Susan Sontag schrieb in „Über Fotografie“, dass Bilder zwar das Gewissen anstacheln, aber selten ethische Erkenntnis hervorrufen. „Fotos, die von sich aus nichts erklären können,“ schreibt sie, „fordern unwiderstehlich zu Deduktion, Spekulation und Phantastereien auf“. Der entscheidende Punkt: Ohne ein politisches Bewusstsein führen Bilder ins moralische Nichts. Heute, da jede Ideologie ihre eigene Bildwelt erschafft, gilt dies mehr denn je.

Bilder

Foto: cendhika/Adobe Stock

Fotos, einst Ersatz für Lesen, sind vielfach zum Ersatz für Denken geworden. Jede Bewegung, jede Nation bastelt aus Millionen von Motiven ihr eigenes Puzzle der Wahrheit. Das Resultat: eine überreizte Wahrnehmung, die innerlich abstumpft.

Der Ausweg führt nicht über visuelle Askese, sondern über Sprache – über Worte, die Bedeutung freilegen, statt bloß zu beeindrucken. Unser Anspruch muss sein, inhaltlich Beiträge zu schaffen, die nicht nur schockieren wollen, sondern Bedeutung vermitteln und uns verstehen lehren.

Als Gläubige wissen wir: Rituale verändern uns. Doch in einer Zeit, in der Religion als politisches Symbol missbraucht wird, droht diese Kraft sich zu verkehren. Identitätspolitik definiert, „wer wir sind“, über Abgrenzung und Konflikt, nicht über Glauben.

Dagegen lässt sich der Ramadan als transversale Praxis verstehen – nicht als Manifestation einer Gruppe, sondern als Übung, das Eigene zu relativieren und den anderen einzubeziehen. Der Verzicht öffnet den Blick, um im Nächsten nicht die Differenz, sondern das Gemeinsame zu erkennen.

Byung-Chul Han hat in seinem neuen Buch „Ohne Respekt. Eine soziale Krise“ (2026) eine scharfe Diagnose gestellt: Meinung darf nicht Identität werden; Respekt setzt Distanz voraus. „Wer sich zu einer Meinung als Identität bekennt“, lautet sein programmatischer Gedanke, „verliert die diskursive Freiheit, die Distanz zur eigenen Meinung voraussetzt“.

Diese Einsicht trifft das Herz unserer gegenwärtigen Krise. Wenn politische Ansichten zu Selbstausdrücken werden, verschwindet die Bereitschaft zum Dialog. Die religiöse Praxis – vom Gebet bis zur Fastenzeit – erlangt hier eine ungeahnte, andere politische Bedeutung: Sie lehrt uns, Distanz zu uns selbst zu wahren. Han fasst die Argumentation wie folgt zusammen: „Das Politische beginnt nicht mit der Feinderklärung, sondern mit dem Respekt als Aufmerksamkeit für den anderen. Fehlender Respekt führt zum Verfall des Politischen.“

Nikolaus von Kues sprach einst von der „Einheit in der Vielfalt“; der Fähigkeit, Differenzen zu denken, ohne sie zu verabsolutieren. In diesem Sinn bewahrt Religion ihre kritische Kraft gerade dann, wenn sie Macht, Nation und Ideologie gegenüber skeptisch bleibt. Für Muslime heißt das: Politik darf nicht zum festen Bestandteil des eigenen Ichs werden, sonst verliert man die Freiheit zur Prüfung, eine Fähigkeit, die jede Dogmatik übersteigt. 

Gerade die aktuelle Golfkrise stellt uns vor eine doppelte Herausforderung. Einerseits sehen wir, wie Konfliktparteien Energieanlagen, Häfen, Exportterminals zu strategischen Zielen machen und damit nicht nur militärische, sondern zivile Lebensadern treffen – mit langfristigen Folgen für Versorgung, Umwelt und globale Stabilität.

Andererseits wissen wir, dass kein Krieg – weder der Angriffskrieg noch der Verteidigungskrieg – sich auf einen moralischen Blankoscheck berufen darf, in dem der Zweck alle Mittel heiligt. Weder Religion noch Recht können der Maxime zustimmen, dass jedes Mittel erlaubt sei, wenn das Ziel nur hoch genug erscheint.

Aus islamischer, christlicher und säkular-rechtlicher Perspektive gilt: Es gibt Tabus, die nicht überschritten werden dürfen – die bewusste Tötung von Zivilisten, der Angriff auf elementare Lebensgrundlagen, die mutwillige Zerstörung der Umwelt, der Einsatz von Waffen, deren Wirkung sich nicht auf Kombattanten begrenzen lässt.

Das humanitäre Völkerrecht ist, bei all seinen Defiziten, der Versuch, diese Einsicht in Normen zu fassen; es verbietet etwa unterschiedslose Angriffe und verpflichtet zur Schonung von Zivilpersonen und kritischer Infrastruktur, soweit militärisch verantwortbar. Ohne diese Bindung verlieren wir die Fähigkeit Krieg und Frieden zu unterscheiden.

Gleichzeitig wäre es weltfremd, die Frage zu verdrängen, wie man auf Regime reagiert, die offen nach Langstreckenwaffen und Atomwaffen streben und ihre Nachbarschaft bedrohen. Wer nur auf ein abstraktes Ideal der Reinheit verweist, ohne die Sicherheitsinteressen der bedrohten Gesellschaften ernst zu nehmen, riskiert eine Hypermoral, die im Ernstfall handlungsunfähig macht.

Die schwierige Aufgabe politischer Ethik besteht darin, zwei Sätze gleichzeitig wahr sein zu lassen: Erstens, dass es absolute Grenzen der Mittel gibt, die auch im Namen der Selbstverteidigung nicht überschritten werden dürfen; zweitens, dass Untätigkeit gegenüber einem Regime, das nach Vernichtungswaffen strebt, selbst moralisch fragwürdig sein kann. 

Eine verantwortliche politische Theologie wird daher fragen: Welche Formen der Abschreckung, der Diplomatie, der Sanktionen, der begrenzten militärischen Intervention sind mit diesen Tabus vereinbar – und wo beginnt die Grenzüberschreitung, in der wir das, was wir schützen wollen, selbst untergraben?

Sie wird weder den Präventivkrieg leichtfertig legitimieren noch sich in einem moralischen Rigorismus einrichten, der reale Gefahren ignoriert. Zwischen Zynismus („alles ist erlaubt“) und Hypermoral („handeln ist immer schuldhaft“) entsteht ein schmaler Korridor verantwortlicher Politik.

Europa ist der Raum, in dem wir frei reden, denken und zweifeln dürfen. Diese Freiheit ist kein Gegensatz zur Religiosität, sondern ihr Komplement: Nur, wer frei ist, kann auch wahrhaft glauben. Religion kann – und muss – ein Korrektiv politischer Meinung sein, indem sie auch die eigenen Handlungen kritisch befragt. Glaubwürdigkeit entsteht, wenn Prinzipien wie das Völkerrecht nicht selektiv angewendet, sondern universell gelten – auf „uns“ ebenso wie auf „die anderen“.

Papst

Screenshot: Vatican News

Der Papst erinnerte jüngst daran, wie dünn die Linie zwischen Information und Propaganda geworden ist. In einer Botschaft an Journalistinnen und Journalisten mahnte Leo XIV. am 16. März 2026, die Medien müssten in Kriegszeiten besonders wachsam gegenüber der Gefahr sein, zum „Megafon der Macht“ zu werden, und hätten die Pflicht, Leid sichtbar zu machen und den Krieg „durch die Augen der Opfer“ zu erzählen.

Diese Worte enthalten eine einfache Wahrheit: Je weniger ein Krieg sich moralisch rechtfertigen lässt, desto stärker der Drang, ihn religiös oder schicksalhaft zu überhöhen. Eine verantwortliche politische Theologie aber erkennt: Gott ist nicht verfügbar als Legitimationsquelle für sinnlose Gewalt.

Je weniger Krieg sich moralisch und rechtlich rechtfertigen lässt, desto größer die Versuchung, ihn in einen quasitranszendenten Rahmen zu heben, in dem das Unvertretbare als notwendig, schicksalhaft oder heilig erscheint. Eine Religion, die ihre eigene Botschaft ernst nimmt, wird hier widersprechen: Sie besteht auf der Begrenztheit jeder Macht und auf der Unverfügbarkeit Gottes für Kriegspropaganda.

Genau darin liegt auch ein europäischer Standortvorteil: In offenen Gesellschaften können religiöse Stimmen, rechtliche Argumente und philosophische Kritik zusammenwirken, um diese Verklärungen zu entlarven – auch dann, wenn sie aus dem eigenen Feld kommen.

Ramadan hat uns gelehrt, was Verzicht bedeutet – nicht nur auf alltägliche Speisen, sondern auf gewohnte Gewissheiten. Er hat gezeigt, dass Erkenntnis aus Unterbrechung erwächst, nicht aus dem Aufenthalt im Dauerrauschen der Medien. Inmitten der Bilderflut brauchen wir wieder Worte, die verbinden, statt zu spalten. Und im politischen Diskurs brauchen wir Formen der Distanz, die uns ermöglichen, zuzuhören, ohne uns selbst zu verlieren.

Die Golfkrise zwingt uns, die Frage nach legitimen Mitteln im Konflikt neu zu stellen: Weder religiös noch rechtlich dürfen wir eine Politik akzeptieren, die behauptet, „der Zweck heilige alle Mittel“, aber wir dürfen uns auch nicht in eine Moral flüchten, die jede verantwortliche Reaktion auf reale Bedrohungen blockiert.

Zwischen beiden Extremen könnte ein neues, vom Geist des Ramadan geprägtes Politisches entstehen: kritisch, selbstreflexiv – und dennoch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht beginnt genau hier die Wiedergewinnung des Politischen – jenseits von Meinungskult und Identitätskampf –, als eine Praxis des Hörens, des Maßhaltens und des Hoffens.

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Imam Ramazan Demir: „Massive Radikalisierung auf Telegram“

Ramazan Demir

Gespräch mit dem engagierten deutsch-österreichischen Imam Ramazan Demir zu Prävention und Deradikalisierung. (iz). Ramazan Demir ist ein aus Deutschland stammender Imam mit türkischen Wurzeln, der in Österreich als wichtige Stimme […]

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Wird das Extreme normal? Über Vertreibungsphantasien im Nahostkonflikt

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In der heutigen israelischen politischen Landschaft sind radikale Vertreibungsphantasien längst nicht mehr nur randständig. (The Conversation). Vor dreißig Jahren konnte man in Israel wegen Befürwortung von Völkermord ins Gefängnis kommen. […]

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Ideologien: Wie die Baath-Partei zur Mumie wurde

baath

Die Ideologie der Baath-Partei hat den Nahen Osten über ein halbes Jahrhundert in Atem gehalten. Die bisherige Rolle des Baathismus ist vorbei.

(KNA). Mit dem Sturz von Baschar al-Assad ist in Syrien auch das Monopol seiner Baath-Partei gefallen. Zusammen mit Militär und Geheimdiensten sicherte sie dem Regime 54 Jahre lang die Herrschaft. Und gab sich dabei, wie üblich in Einparteiensystemen, als Sprachrohr des Volkswillens und Garantin des Fortschritts aus. Von Christoph Schmidt

Ihr ruhmloses Ende ist zugleich das letzte Begräbnis einer politischen Ideologie, die einst große Teile der arabischen Welt erfasste und dann zur fluchbeladenen Mumie wurde. Offiziell gegründet wurde die „Partei der arabisch-sozialistischen Wiedergeburt“, kurz Baath, 1947 in Damaskus von dem Christen Michel Aflaq und dem Muslim Salah ad-Din al-Bitar.

Baath-Partei: Einst wollten sie die „arabische Welt“ vereinen

Unter dem Motto „Einheit, Freiheit, Sozialismus“ forderten die Baathisten einen panarabischen Staat von Marokko bis zum Golf, die Befreiung von imperialistischer Kontrolle und Reformen gegen soziale Ungerechtigkeit in den halbfeudalen Gesellschaften.

Wie viele außereuropäische Bewegungen ihrer Zeit kämpfte sie auf Basis moderner Ideen. Eine „islamische Renaissance“, wie sie die der politische Islam bis heute verfolgt, lehnte sie als rückwärtsgewandt ab. Ableger der Baath entstanden in etlichen Staaten. Dauerhafte politische Macht errang sie aber nur 1963 in Syrien und 1968 im Irak jeweils durch Putsch, wobei sich beide Zweige wegen ideologischer Differenzen künftig erbittert bekämpften.

In ihrem Gewandt tyrannisierten die Diktaturen

Beide Länder wurden im Gewand des Baathismus zu brutalen Diktaturen – der Irak unter Saddam Hussein, Syrien ab 1970 unter dem alawitischen Luftwaffenchef Hafiz al-Assad – und die jeweiligen Parteien im Zeichen eines gigantischen Führerkults zum totalitären Machtinstrument. Die Mitgliederzahl der Baath soll in der Zeit des ersten Assad auf über eine Million angewachsen sein.

Wie in den Regimes des Ostblocks konnte ein Parteibuch über Studienplatz oder Ladenlizenz entscheiden. Und es erleichterte den Umgang mit den allgegenwärtigen Geheimdiensten. Die Baath durchzog alle gesellschaftlichen Schichten, Gewerkschaften, Unternehmerverbände, die Journalistenvereinigung und Anwaltsgilde.

Die Partei bildete mit ihrer nationalistisch-säkularen Ideologie eine eiserne Klammer zwischen den vielen Konfessionen Syriens. Zwar setzten die Assads Mitglieder der Alawiten-Sekte auf Schlüsselpositionen in Armee und Geheimdienst, aber die Baath war keine „Alawiten-Partei“, sondern repräsentierte nach einem Proporz die sunnitische Mehrheit, Christen und Drusen.

Der syrische Baathismus erstarrte unter Hafiz’ Sohn Baschar al-Assad nach 2000 immer weiter in Korruption, Misswirtschaft und Polizeiterror. Nach Beginn des Bürgerkriegs 2011 soll es auf der unteren Ebene zu massenhaften Parteiaustritten gekommen sein. Sie wurde endgültig zum ideologischen Zombie.

„Heute ist der letzte Slogan der Baath-Partei zusammengebrochen, nachdem der Freiheitsslogan schon vor 40 Jahren gefallen war“, schrieb damals der Schauspieler Bassam Jneid in der Tageszeitung „Baladna“ in einem mutigen Kommentar. „Um Himmels willen, was von unserer Partei geblieben ist, ist nichts anderes als eine Bande von Dieben, die alles stahlen, was sie konnten, unter dem Deckmantel des Nationalismus.“

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Die Ideologie der Grenzen

grenzen

In der Welt der Gegensätze sind Sachdebatten eher selten. Dagegen haben extreme Feindbilder und der Ruf nach neuen Grenzen wieder Konjunktur. (iz). Am Anfang der 1990er herrschte große Euphorie in […]

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Saat der Gewalt: Was bedeuten Rufe nach einem „islamischen Staat“?

islamismus islamisch

Debatte: Politische und ideologische Gruppen wollen mit dem Ruf nach einem „islamischen Staat“ insbesondere Jugendliche mobilisieren.

(iz). „Khilafah, Khilafah!“, rufen dieser Tage Protestler auf einigen propalästinensischen Demonstrationen. Was hat das Kalifat mit der leidvollen Situation der Palästinenser zu tun, deren Städte infolge des Hamas-Israel-Konfliktes gerade dem Erdboden gleichgemacht werden?

Auf Schulwegen, in Bussen, auf Youtube, Instagram und TikTok; Propagandisten der Organisation Hizb ut-Tahrir werben im Gewand ihrer Nachfolgeorganisationen Generation Islam, Realität Islam und Muslim Interaktiv um die Köpfe und Herzen junger Muslime. Sie sollen überzeugt werden von der Heilsnotwendigkeit eines „Islamischen Staates“.

Foto: User:EPO, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Hizb ut-Tahrir mobilisiert mit Rufen nach „islamischem Staat“

Nur dieser könne die Einheit der Muslime wiederherstellen, Israel vernichten und dem Leiden der Palästinenser ein Ende bereiten. Wer die Existenz eines solchen ablehne, lehne einen Bestandteil des islamischen Monotheismus ab und könne kein Muslim sein.

Mit einer solchen Argumentation setzt man Menschen unter Druck. Welcher Muslim möchte schon vom Islam abfallen? Und irgendwie hat das Kalifat ja etwas mit dem Islam zu tun, schließlich gab es doch ein solches einst, oder? Und mit einem Male wird man aufnahmebereit für die Argumente der Hizb ut-Tahrir.

Betrachtet man aber die Texte und Reden von Apologeten eines solchen Staates genauer, so zeigt sich sehr schnell, wie oberflächig und extremistisch ihr Denken ist. Ihre Argumente zu hinterfragen, impft vor ihrer zersetzenden Wirkung.

Analyse der Argumente

Zunächst einmal ignorieren sie gerne sämtliche Versuche seit Mitte des 20. Jahrhunderts, einen solchen zu gründen. Es findet keine kritische Auseinandersetzung mit den Diktaturen Iran, Pakistan unter Zia-ul-Haq, Afghanistan unter den Taliban oder dem IS (Islamischer Staat Irak und Syrien) statt. Schließlich würde dies ein Nachdenken provozieren, ob ein solcher Staat für die Muslime überhaupt eine gute Idee ist.

In Texten von Befürwortern eines Islamischen Staates finden sich immer wieder Begriffe, die undefiniert bleiben. Eine kleine Auswahl:

Umma: Was ist damit genau gemeint? Umfasst der Begriff alle Muslime, also Sunniten und Schiiten oder nur jeweils eine Konfession? Islamische Menschen: Was sind islamische Menschen? Weshalb verwendet man nicht das Wort Muslime? Islamische Gesellschaften: Was sind islamische Gesellschaften? Wodurch zeichnen sich diese aus?

Staat: Worin liegen die Unterschiede zwischen dem vormodernen und dem modernen Staat? Warum wurde das vormoderne Staatskonzept durch den modernen Staat ersetzt? Welche Schwächen hatte das alte Modell? Knüpft ein Islamischer Staat an das vormoderne Modell an oder bedient er sich beim modernen Modell? Wenn Letzteres, auf welcher Grundlage geschieht dies? Und was wird historisch unter einem Islamischen Staat verstanden? Medina zur Zeit des Propheten Muhammad, das Kalifat der ersten vier Kalifen, die Herrschaft der Umayyaden, Abbasiden, Moghul, Osmanen u.a.?

Scharia: Was wird unter Scharia eigentlich verstanden? Handelt es sich dabei nicht um zwei Quellen, dem Qur’an und der Sunna oder dem Hadith, deren arg begrenzte Anzahl an Bestimmungen durch die Rechtsgelehrten mittels unterschiedlicher Methoden weitergedacht wurden, was zur Entstehung der Wissenschaft von der Normenlehre (arab. fiqh) und unterschiedlichen Rechtsschulen führte? Gerade diese Entwicklung belegt, dass Religion stets Interpretation ist und es somit keine sterile Scharia gibt.

Auffällig ist auch, dass Vertreter dieser Idee tunlichst Begriffe vermeiden, die negative Assoziationen hervorrufen könnten. Einerseits wird erklärt, dass in einem solchen Staat die Souveränität allein Gott gebührt, andererseits verzichtet man darauf, diese Herrschaftsform korrekt als Theokratie zu benennen.

Des Weiteren lassen sich gewichtige Widersprüche finden, die typisch für Islamischer Staat-Advokaten sind. Die Ablehnung des Nationalstaates wird damit begründet, da dieses Konzept die Volkssouveränität vertritt. In ihren Texten wird schließlich erklärt, dass die Souveränität im Islamischen Staat bei der Umma liegt, ausgeführt von den Rechtsgelehrten.

Foto: OsamaK, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wer ist Souverän?

Moment einmal, bei wem liegt nun die Souveränität im Islamischen Staat: bei Gott oder der Umma? Hier wird ein Problem dieser Befürworter deutlich. Einerseits plädieren sie dafür, dass alle Macht bei Gott liegt, andererseits besteht die offenkundige Tatsache, dass Gott diese Herrschaft niemals ausgeführt hat. Gott spricht nicht im Parlament. Er hält keine Ansprachen an die „islamische Gesellschaft“. Und Engel fungieren im Islamischen Staat auch nicht als Polizisten oder Soldaten.

Da Gott im „Islamischen Staat“ durch Abwesenheit glänzt, braucht es notwendigerweise den Menschen. Islamischer Staat-Propagandisten versuchen nun, ihr Konzept von der Souveränität Gottes notdürftig zu retten, indem der Mensch auf ein ausführendes Organ der Offenbarung reduziert wird.

Die gesamte islamische Geschichte zeigt jedoch, dass es einen objektiven und sterilen Zugang zu dieser nicht gibt. Religion ist Interpretation. Folglich rutschen im politischen Bereich die Juristen in die Rolle des Souverän, da Gott ihnen nicht mitteilt, was die richtige Interpretation ist.

Ebenso wenig teilt Er ihnen neue Normen mit, etwa Regeln für den modernen Straßenverkehr. Demnach ist der „Islamische Staat“ ein Staat der Rechtsgelehrten wie es im Iran der Fall ist.

Monolithisches Weltbild

Auch fällt auf, dass die Befürworter dieses Ordnungsmodells Gesellschaft stets als ein monolithisches Gebilde denken, indem es keine unterschiedlichen Interessen gibt. Gesellschaften sind jedoch plural und setzen sich aus verschiedenen Gruppen zusammen, die unterschiedliche Vorstellungen von Gesellschaft und Staat haben.

Aufgabe von Politik ist es, einen Konsens zwischen den Gruppen herzustellen, damit diese als eine Gesellschaft voranschreiten können. In diesem Denken fehlt jedoch jegliche Spur einer innerislamischen Pluralität wie sie in Gestalt von Sunniten und Schiiten nun einmal eine Realität ist.

Nichtmuslimische Religionsgemeinschaften oder der zunehmend größer werdende Anteil säkular eingestellter Menschen in den muslimischen Ländern werden ebenso wenig thematisiert. Auf die Herausforderung von Pluralität haben diese Aktivisten und ihr Staatsentwurf also keine Antwort.

Folglich würde dies bei einer Überführung von der Theorie in die Praxis schon den Weg in die Diktatur weisen, da alles von der Theorie Abweichende unterdrückt werden muss. 

Da Gesellschaft stets nur als „islamische Gesellschaft“ gedacht wird, haben demnach nicht alle gesellschaftlichen Gruppen das Recht auf Teilhabe. Aber was ist dann mit diesen „Landesbewohnern“? Sind sie Untertanen der staatstragenden Gesellschaft? Ewige Bürger 2. Klasse? Immerwährende Geduldete?

Foto: Sushil Nash, Unsplash

Was soll der Staat?

Was ist schließlich oberste materielle Aufgabe eines Islamischen Staates? Vielleicht für das Allgemeinwohl der Umma zu sorgen und soziale Gerechtigkeit herzustellen? Mitnichten. In den Texten von Denkern eines Islamischen Staates heißt es, oberstes Gebot sei der Schutz der Religion, da diese den Staat trägt, und alles abzuwehren, was ihr in irgendeiner Form Schaden könnte.

Mittels dieser Schwert- und Schildfunktion des Staates können Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit eingeschränkt werden. Die Mitglieder der „islamischen Gesellschaft“ dürften hieran keinen Anstoß nehmen, da sie ja nichts zu befürchten haben.

Damit wird deutlich, dass der islamische Staat als ein totalitärer ideologischer Staat konzipiert ist. Da in diesem Staat Religion und Regierung eins sind, ist jede Kritik an der Regierung auch Kritik an der Religion und somit Sünde und Apostasie.

Jetzt wird auch erkennbar, was sich hinter nebulösen Worthülsen wie „islamische Menschen“ und „islamische Gesellschaft“ versteckt. Sie markieren und unterscheiden zwischen den systemtreuen „wahren“ Muslimen und den systemfeindlichen, abtrünnigen Muslimen.

Freilich wird mit keinem Wort erwähnt, was mit Letzteren geschehen muss. Dies könnte nämlich potenzielle Rekruten abschrecken. Aber es liegt auf der Hand, Systemfeinde müssen mit der ganzen Macht des Staates ausgemerzt werden.

Psychologisch betrachtet haben diese Befürworter eines solchen Modells nekrophile Charakterzüge, da sie sich von der Macht zu Töten wie auch überhaupt vom Töten angezogen fühlen. Ihren genozidalen Träumen verleihen sie verbal Ausdruck, wenn sie alle muslimischen Länder samt der dort lebenden Muslime als Bestanteil des Dar Al-Kufr verunglimpfen.

Der Staat selbst bleibt eine abstrakte Angelegenheit. Wie sieht sein Innenleben aus? Über welche Institutionen verfügt er? Wie werden die Rechtsgelehrten bestimmt, die die „Scharia“ ausführen? Werden sie von der Umma gewählt? Auf welche Weise und wie oft? Wie wird der Kalif, also der oberste Rechtsgelehrte, bestimmt und über welche Befugnisse verfügt er?

Es gibt keine Gewaltenteilung

Gibt es zwischen den Institutionen eine Gewaltenteilung? Hier zeigt sich eine weitere Schwäche von Denkern eines Islamischen Staates. Einerseits erklären sie, dass dieser ein fundamentaler Bestandteil des islamischen Glaubens sei, andererseits können sie keine einzige Blaupause aus den islamischen Quellen ableiten.

Wenn aber der Staat eine solch enorme Bedeutung für das Muslimsein innehat und mit metaphysischen Weihen versehen wird, weshalb hat Gott nicht erklärt, wie ein solcher Staat ausgestaltet werden soll?

Da der Staat essenziell ist, muss ja jeder Prophet einen solchen gegründet haben. Waren Noah, Abraham, Ismail, Isaak Josef, Moses, Johannes oder Jesus die Staatengründer? Die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Propheten dies eben nicht war, widerlegt diese These. Verschwiegen wird gerne auch, dass der Prophet Josef in einem nichtislamischen Staat ein Regierungsamt innehatte.

Wenn die Einheit von Islam und Staat so eindeutig ist, weshalb gab es nach dem Tod des Propheten Muhammad zwischen den Prophetengefährten unterschiedliche Vorstellungen davon, wie es weitergehen sollte? Weshalb gab es unterschiedliche Modelle, die von verschiedenen Prophetengefährten favorisiert wurden? Weshalb wurden diese Auffassungen dann zum Konfliktherd zwischen ihnen, die zum ersten Bürgerkrieg führte, der von einem Teil von ihnen ausgeführt wurde? 

Gerade dieser Konflikt ist ein Lehrstück, dass es sich schon bei den Gefährten des Propheten um keine monolithische Gruppe handelte. Noch dass es nach seinem Ableben einen Plan gab. Das Kalifat war ihre Antwort für ihre Zeit. Diese ist aber nicht verpflichtend für spätere Generationen.

Hier offenbart sich eine weitere eklatante Schwäche dieser Aktivisten. Sie behaupten zwar immer wieder, dass ihre Thesen in der islamischen Geschichte wurzeln, aber diese Geschichte endet anscheinend mit dem Tod des Propheten Muhammad (s).

In der Regel sind sie unfähig, islamische Geschichte über das 7. Jahrhundert hinaus zu betrachten. Es gab niemals in der klassischen Zeit eine Herrschaft der Rechtsgelehrten.

Eher nahmen diese eine Distanz zur Politik ein, was sich an den Biografien von Gelehrten wie Abu Hanifa und Malik ibn Anas sehr gut nachweisen lässt. Und Kalifen waren niemals oberste Rechtsgelehrte.

Islamischer Staat? – Dieses Denken stellt die Saat der Gewalt dar, unter der wir Muslime heute so immens leiden.

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Debatte: Besteht eine Gefahr der rechtspopulistischen Vereinnahmung von Religionen?

Wenn ein -ismus in Form einer Ideologie auftaucht, ist Vorsicht geboten – zum Beispiel beim Rechtspopulismus. Eine Tagung hat sich nun mit dem Phänomen in Verbindung mit Religionsfreiheit beschäftigt. Von […]

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Debatte: Das falsche Versprechen der Identitätspolitik

Empörung

Viele Sekten in der Geschichte des Islam wurden durch importierte Ideen beeinflusst. Das geschieht auch in Form einer metaphysischen Ontologie oder Weltanschauung, durch die sie Islam interpretieren und verändern, was ihnen widerspricht. Das markanteste Beispiel aus der Frühgeschichte ist die Mu’tazila. Diese waren „Rationalisten“, die sich aus dem Unterricht des großen Gelehrten der Nachfolgegeneration (arab. salaf), Hasan Al-Basri, zurückgezogen hatten. Sie waren von der griechischen Philosophie beeinflusst. Das war der Rahmen, den sie zur Entwicklung einiger heterodoxer Überzeugungen nutzten – insbesondere ihre Vorstellung von der Erschaffenheit des Qur’an. Von Justin Parrott

(Muslim Matters). Sie waren insofern „Rationalisten“, als dass sie ihre philosophischen Überlegungen über den Qur’an und die Sunna stellten sowie über deren Verständnis durch die Salaf oder Ahlu’l-Sunna. Die schlimmsten unter ihnen legten den Fehler des Spekulierens ohne Anbindung an die göttliche Offenbarung an den Tag. Sie schufen die erste einflussreiche Inquisition (arab. mihna) im Islam.

Während dieser inhaftierten, folterten und töteten sie sogar Imame, die ihre falsche Doktrin von der Erschaffenheit des Qur’an ablehnten. Sie wurden unter anderen durch Imam Ahmad ibn Hanbal aufgehalten, der die Verfolgung geduldig ertrug und andere Gelehrte um ihn herum ermutigte, bis zur endgültigen Beendigung der Mihna durchzuhalten.

Heute ist der aufsteigende Trend in Amerika, der von Politikern und Unternehmen unterstützt wird, eine Ansammlung von Ideologien, die wir als postmodernistischen Identitarismus bezeichnen könnten. Der Postmodernismus ist eine diffuse Denkschule, die den Fokus der westlichen Aufklärung auf die Behauptung und den Anspruch einer wissenschaftlichen Objektivität ablehnt. Aus ihr entstanden intellektuelle Nebenzweige wie der Dekonstruktivismus oder der Anti-Fundamentalismus.

Es ist schwierig, sie eindeutig festzulegen und zu definieren. Ihre Natur ist absichtlich formlos. Ihre Einstellung wurde vom Anti-Fundamentalisten Stanley Fish erklärt, der schrieb, dass Dekonstruktivismus „mich von der Verpflichtung befreit, Recht zu haben… und nur verlangt, dass ich interessant bin“ (Stanley E. Fish, Is There a Text in This Class?). Auf Politik angewandt vertreten Postmodernisten die Ansicht, dass Wahrheitsansprüche keine objektiven Realitäten sind, sondern vielmehr soziale Konstrukte zur Unterdrückung anderer.

Identitarismus als eine politische Bewegung

Auf der anderen Seite ist der Identitarismus eine politische Bewegung, die teilweise vom marxistischen Gegensatz von Ausbeuter und Ausgebeuteten inspiriert ist. Während Marx vom letztendlichen Sieg des Proletariats (der Arbeiterklasse) über das Bürgertum ausging, unterteilen Amerikas Identitäre ebenso die Bevölkerung in zerstrittene Fraktionen aufgrund von Ethnie und Gender. Das fundamentale Problem dieser Bewegung oder extremen Identitätspolitik ist die Tendenz ihrer Führer, ihre Identitäten als Basis für politische Ansprüche zu „essenzialisieren“. (Karel Sima, From Identity Politics to the Identitarian Movement)

Mit anderen Worten: Sie beanspruchen ein Monopol auf die von ihr gewählte Identität und schließen alle Andersdenkenden nicht nur aus ihren Reihen, sondern auch aus der Identität selbst aus. Sie behaupten beispielsweise, dass Schwarze, die ihre Identitätspolitik zurückweisen, „politisch nicht schwarz“ seien.

Solche Bewegungen beruhen nicht auf universalen Prinzipien; auch wenn ihre Rhetorik durch unaufrichtige Appelle an allgemein verbindliche Werte wie „Fairness“ eingefärbt sind. Das ist keine Vision für eine harmonischere und gerechtere Zukunft. Es handelt sich hier um eine militante Nutzung von Identität für politische Ziele.

Identitäre und radikale Mu’tazila

Die historischen Parallelen zwischen den Rationalisten und heutigen Bewegungen sind offenkundig nicht exakt vergleichbar. Erstere akzeptierten anders als Postmodernisten eine objektive Wahrheit. Trotz aller Fehler waren nicht alle Extremisten. Nichtsdestotrotz können wir einige Gemeinsamkeiten ausmachen. Die wichtigste Parallele zwischen ihnen ist, dass amerikanische Muslime, welche sich der Identitätspolitik verschrieben haben, Theorien und Ideologien von nichtmuslimischen Akademikern und Aktivisten übernommen haben. Sie nutzen diese als Maßstab, anhand dem sie Islam beurteilen und verändern wollen – ungeachtet ob bewusst oder unbewusst.

So gibt es muslimische Akademiker in den Fakultäten der Islamstudien, welche die Homo-Ehe unterstützen und ihre Vorstellungen unter der Jugend verbreiten, obwohl es dafür keine Unterstützung in den schriftlichen oder rechtlichen Quellen gibt. Feministische muslimische Führungsgestalten versuchen die Einführung neuer Rituale in die Anbetung unter der Annahme, Männer seien natürliche und historische Unterdrücker von Frauen. Selbst die sektiererische Theologie der Nation of Islam einer angeborenen Überlegenheit von Schwarzen über Weiße feiert dank des Einflusses der Kritischen Rassentheorie (CRT) auf den linken Aktivismus ein Comeback. In jedem Fall bildet ein reduktives, postmodern inspiriertes Narrativ die Grundlagen und Begründung für die Zurückweisung der Sunna.

Ungeachtet dessen, ob die Trennungslinie Ethnie oder Gender ist, bemühen sich manche Muslime um Veränderung von grundlegenden islamischen Glaubensüberzeugungen und Praktiken, was von entscheidenden identitären Kreisen mitgetragen wird. Wie jene, die Imam Ahmad ibn Hanbal verfolgten, sind sie rücksichtslos und entschlossen. Sie wollen Macht. Und wenn sie diese haben, wird sie genutzt, um Widerspruch durch Einschüchterung, Verleumdung und Cancel-Kultur klein zu halten. Da sie nicht an absolute Wahrheit glauben, verschwenden sie nicht allzu viel Energie auf Überzeugungsarbeit von Öffentlichkeit und Kritikern.

Weil führende Identitäre jeden Wahrheitsanspruch als Machtspiel deuten, sind sie nachlässig bei Fakten. Das führte ihre PolitikerInnen und AktivistInnen auf einen Pfad der zynischen Unehrlichkeit. Diese Weltanschauung ist motiviert durch ein kosmisches Narrativ von Unterdrückung, und es muss um jeden Preis aufrechterhalten werden, selbst wenn dieser die Wahrheit ist. Es behauptet, eine essenzialisierte Identität wird immer unterdrückt und eine andere ist stets der Despot. Dann pickt man sich die „Rosinen“ unter den Fakten heraus oder verzerrt sie, um diese Erzählung zu stärken.

Das ist nicht Wahrheit, sondern „ihre“. In der Welt des etablierten Mainstreamjournalismus lässt sich beobachten, dass der narrative Rahmen feststeht, bevor die Fakten einer Geschichte überhaupt bekannt sind. Aus diesem Grund ist eine Mehrheit der Amerikaner mit einiger Berechtigung überzeugt, dass viele Journalisten unfähig sind, die Nachrichten „genau und fair“ zu berichten. Es wurde schon vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass Nachrichten nicht die Wirklichkeit sind. Und die Lage verschlimmert sich nur, seitdem der Identitarismus an Beliebtheit zunimmt.

Es sollte jetzt klar sein, dass das politische Bündnis der amerikanischen Muslime mit dieser Bewegung und ihren Köpfen ein erheblicher Fehler war. Er bestand nicht in spezifischen muslimischen Themen, um die sich dieses Phänomen angeblich sorgt, sondern in einer falschen Metaphysik in ihrem Kern. Es gibt keinen Weg, mit ihr zusammenzuarbeiten, ohne zumindest einigen ihrer Fehlannahmen und Narrativen über die Natur der Existenz zuzustimmen. Amerikanische Muslime haben diese vermeintlichen politischen Verbündeten so unterstützt, dass eine neue Generation junger Muslime so gründlich in die Bewegung hineingeführt wurde, dass ihnen der traditionelle orthodoxe Islam nur als weiteres rassistisches, patriarchalisches Unterdrückungssystem erscheint.

Islamfeindlichkeit und das falsche Schutzversprechen

Nach den Angriffen von 9/11 und dem Beschluss des Patriot Act gab es einen intensiven islamfeindlichen Druck auf amerikanische Muslime. Diejenigen, die in diesen furchteinflößenden Zeiten lebten, wissen, dass die Gemeinschaft nach einem Schutz vor der offenen Feindseligkeit suchte, die meistens vom rechten Rand kam. Diesen Hass gibt es bis zu einem gewissen Grad auch noch heute.

Dann kamen die Identitären mit dem Versprechen, die muslimische Identität vor der Fremdenfeindlichkeit der Rechten zu schützen sowie ihre religiösen Rechte angesichts einer drohenden Gefahr. Das war gelogen. Sie wollten niemals einen traditionellen orthodoxen Islam vor irgendetwas bewahren. Sie beabsichtigten, die amerikanische muslimische Identität in eine weitere unterwürfige Ethnie zu verwandeln – in einen weiteren permanenten blauen Wahlblock.

Wir sollten muslimische Gelehrte und Führungsgestalten nicht hart kritisieren, die auf das identitäre Versprechen eingegangen sind. Einsicht ist immer besser als Nachsicht. Politik ist eine chaotische, undurchsichtige Angelegenheit. Vielleicht waren sie naiv.

Aber wir können uns die Allianz mit dieser Bewegung nicht länger leisten. Sie wollen, dass unsere Kinder mit ihren nebulösen Werten aufwachsen und nicht unserem universalen Glauben und Prinzipien. Und sie werden sich gegen uns in dem Moment wenden, wenn es politisch passt; wenn in ihrer Basis der Angriff auf orthodoxe Muslime nicht mehr als „islamophob“ gilt. Sie werden niemals mit uns zufrieden sein, bis wir nicht genauso sind wie sie. (Muslim Matters)

Justin Parrott hat einen BA in Physik und Englisch von der Otterbein University, einen MLIS von der Kent State University und einen MRes in Islamwissenschaften von der University of Wales. Derzeit ist er Forschungsbibliothekar für Nahoststudien an der New York University in Abu Dhabi (NYUAD) und Forschungsbeauftragter des Yaqeen-Instituts. Bis 2013 war er ehrenamtlicher Imam für die Islamische Gesellschaft des Großraums Columbus. Derzeit ist er Fakultätsberater und ehrenamtlicher Imam für die die muslimische Studentenvereinigung der NYUAD.

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Kommentar: Welt ohne Gott denkbar, Welt ohne Banken nicht?

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Ägypten: Kerry schlägt neue Regierung vor

„Nicht willkommen“, so hieß es auf Plakaten, die zahlreiche Demonstranten dem neuen US-Außenminister John Kerry in Kairo entgegenhielten.

Kairo (dpa/iz). Der neue US-Außenminister John Kerry forderte bei seinem Antrittsbesuch in Ägypten – einem Schlüsselverbündeten der USA in der Region – die regierenden Muslimbrüder auf, einen Schritt auf die so genannten „säkularen“ Parteien zuzugehen. Der Opposition riet er, sich an der für April geplanten Parlamentswahl zu beteiligen. Er sagte nach einem Gespräch mit Außenminister Mohammed Amr: „Ich möchte betonten, dass ich nicht gekommen bin, um mich in ägyptische Angelegenheiten einzumischen, sondern um unsere Meinung darzulegen.“

Seit den fünfziger Jahren gibt es Gerüchte über eine Zusammenarbeit zwischen CIA und der Bewegung. Ägypten gilt als wichtigster strategischer US-Partner in der Region und hat eine Schlüsselstellung für die Sicherheit Israels. Heute argumentieren Beobachter wie der Journalist William Engdahl, dass die „Demokratisierung“ Ägyptens mit Hilfe der Bruderschaft Teil einer umfassenden Strategie Amerikas ist.

//2l//Laut Informationen der arabischen Zeitung „Al-Sharq Al-Awsat“ schlug Kerry während seines Aufenthalts in Kairo außerdem die Bildung einer Einheitsregierung unter Beteiligung der Opposition vor. Fast alle liberalen und linken Parteien wollen die Wahl boykottieren, der am 22. April beginnen soll. Sie kritisieren das Wahlgesetz und befürchten, dass die Muslimbrüder die Wähler mit „Geschenken“ manipulieren werden.

Über die politische Zerrissenheit Ägyptens hinaus ist das größte Problem des Landes am Nil die immer noch ungelöste Wirtschaftslage, einer der Faktoren, die überhaupt den Aufstand gegen Ex-Diktator Mubarak motivierten. Damals mussten die einfachen Ägypter rund 40 Prozent ihres monatlichen Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Die Präsidentschaft von Mohammed Mursi könnte an der Unzufriedenheit der Massen über weiter steigende Lebensmittelpreise scheitern.

//3r//Beobachter gehen davon aus, dass die ökonomische Zwangslage von Mohammed Mursi dessen Handlungsspielraum extrem einenge. Insbesondere, weil Ägypten nach den Worten Mursi dringend auf einen neuen Kredit des Internationalen Währungsfonds über 4,8 Milliarden US-Dollar angewiesen sei. Sollte die Kreditvereinbarungen nach den kommenden Parlamentswahlen im Sommer abgeschlossen werden, steht zu befürchten, dass der Einfluss der internationalen Finanzinstitutionen auf die Wirtschaftspolitik Ägyptens noch wesentlich weiter steigen werden.