, , ,

Islamrat legt Programmbeschwerde gegen „Klar“-Sendung ein

Islamrat ARD

Der Islamrat kritisiert ARD-Sendung „Klar“ scharf: Die Folge „Wo Islamisten Deutschland unterwandern“ sollte „Islamismus“ enttarnen – und landete nun selbst in der Kritik.

(iz). Eltern und eine Berliner Schule protestieren, der Bayrische Rundfunk (BR) schneidet nach. Im Zentrum steht die Frage, wo notwendige Islamismuskritik endet und die alte Erzählung von der drohenden „Islamisierung“ beginnt.

Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland ist mit einer formellen Programmbeschwerde gegen eine Folge des ARD-Reportagemagazins „Klar“ in die Offensive gegangen und kritisiert darin eine mediale Erzählung, die muslimisches Leben unter Generalverdacht stellt.

Der Fall zeigt, wie Berichterstattung über „Islamismus“ kippen kann: von notwendiger Kritik an Extremismus hin zu einer alarmistischen Unterwanderungsstory, in der reale Muslime vor Ort nur noch als Kulisse für sicherheitspolitische Dramaturgie vorkommen.

Die Programmbeschwerde des Islamrats

Auslöser ist die am 29. April ausgestrahlte „Klar“-Folge mit dem Titel „Wo Islamisten Deutschland unterwandern“, produziert von BR24 in Kooperation mit dem Norddeutschen Rundfunk. Der Vorsitzende Burhan Kesici bezeichnete ihn Beitrag als „einseitig, alarmistisch und gesellschaftlich gefährlich“ und betont, dass sich die Beschwerde nicht gegen die Berichterstattung über Extremismus an sich richtet.

Der 1986 gegründete Islamrat zählt zu den größeren muslimischen Dachverbänden in Deutschland und versteht sich als Koordinierungsinstanz von mehreren Dutzend Mitgliedsorganisationen.

In seiner Stellungnahme monierte der Verband, die Sendung verbinde sehr unterschiedliche Phänomene zu einer „alarmistischen Unterwanderungserzählung“ und stelle islamische Praxis und migrantisch geprägte Räume in einen generellen Verdachtszusammenhang.

Konkret forderte er eine umfassende programmrechtliche, journalistische und medienethische Prüfung des Beitrags. Sollte die Beschwerde im Haus nicht zu Konsequenzen führen, müsste sich der Rundfunkrat der Anstalt mit dem Vorgang befassen. Das ist jenes Gremium, das den Sender im Sinne der Allgemeinheit beaufsichtigen soll.

Der „Klar“-Beitrag und seine Erzählung

Die „Klar“-Folge folgte einem inzwischen etablierten Muster sicherheitspolitischer Formate im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Im Mittelpunkt stand die Frage, ob der Staat den Einfluss religiös begründeten Fundamentalismus ausreichend im Blick hat.

Dazu begleitete Moderatorin Julia Ruhs unter anderem eine ehemalige Verfassungsschützerin, zeigt Straßenszenen aus Berlin-Neukölln, in denen „islamistische Tendenzen“ ausgemacht werden, und marschiert an Büchern mit angeblich problematischem Demokratieverständnis vorbei.

Der Beitrag arbeitet mit starken Bildern und zugespitzten Begriffen: „Unterwanderung“ suggeriert eine verborgene, konspirative Strategie, während der Spannungsbogen von „Scharia-Richter“ über „TikTok-Islamisten“ bis zu „Parallelwelten“ reicht.

In dieser Mischung aus Bedrohungsszenario und investigativer Pose geraten alltägliche Formen muslimischer Religionspraxis in eine Nähe zum Extremismus, die für die Betroffenen kaum trennscharf aufzulösen ist.

Hinzu kommt, dass das Format „Klar“ von Beginn an mit dem Anspruch gestartet ist, „konservativere Zielgruppen“ zu erreichen – ein publizistischer Kurswechsel, der im Vorfeld Kritik an inhaltlicher Zuspitzung und politischer Rahmung ausgelöst hatte. Der Streit um die Episode ist damit nicht nur eine Auseinandersetzung über Fakten und Zitate, sondern auch ein Symptom dafür, wie sich öffentlich‑rechtliche Angebote zunehmend an polarisierte Publikumssegmente adressieren.

Elternproteste und Korrekturen des BR

Besondere Brisanz erhielt der Fall durch Beschwerden von Eltern und der Schulleitung einer Schule in Berlin‑Neukölln, die in der Sendung eine Rolle spielt. Sie werfen der Redaktion vor, Interviews mit Kindern und der Schulleiterin zur religiösen und kulturellen Vielfalt an ihr selektiv und einseitig montiert zu haben, sodass ein verzerrtes Bild von Konflikten um Ramadan und schulischen Alltag entstehe.

Der Bayerische Rundfunk bestreitet die Vorwürfe, hat die in der Mediathek abrufbare Fassung allerdings nachbearbeitet. Die umstrittenen Passagen mit den Kindern wurden teilweise gelöscht oder unkenntlich gemacht; nach Angaben des BR auf Bitten der Eltern und „ohne Anerkennung einer Rechtspflicht“.

In seiner Stellungnahme verwies der Sender darauf, die Schule von Beginn an über den Fokus der Dreharbeiten, darunter „Fasten im Ramadan als Konfliktthema“, informiert zu haben. Zugleich betonte er, der Beitrag zeige, wie sie sich inzwischen erfolgreich für Toleranz engagiere, und würdige sie ausdrücklich als „Vorzeigeschule“ – ein Hinweis, der die Kritik an der Bildauswahl jedoch nicht aus der Welt schafft.

Reaktionen im BR und in den Medien

Der Bayerische Rundfunk bestätigt den Eingang der Beschwerde und kündigt an, sich „in der gebotenen Sorgfalt“ inhaltlich damit auseinanderzusetzen. Nach epd‑Angaben liegen dem Sender inzwischen drei Programmbeschwerden zu derselben Folge vor: neben der des Islamrats zwei weitere von Privatpersonen, die die journalistische Herangehensweise kritisieren.

BR‑Rundfunkrätin Sanne Kurz, Grünen‑Abgeordnete und selbst erfahrene TV‑Journalistin, fordert eine „vollumfängliche Aufklärung“. Dazu zähle nicht zuletzt die Frage, ob bei den Dreharbeiten an der Berliner Schule transparent wurde, für welche Sendung und mit was für einer Stoßrichtung die Aufnahmen gedacht waren.

Auch andere und kirchliche Medien greifen den Vorgang auf, häufig mit ähnlicher Rahmung: Es gehe um den Balanceakt zwischen notwendiger Islamismuskritik und der Gefahr, muslimisches Leben pauschal in den Schatten von Extremismus zu stellen. Dass ausgerechnet ein islamischer Dachverband eine solche Debatte programmrechtlich anstößt, markiert einen Schritt weg von bloßer Empörung hin zu institutionellem Widerspruch innerhalb bestehender medienrechtlicher Verfahren.

angst

Foto: Krakenimages.com, Adobe Stock

Die „Islamisierung“ als mediales Schreckgespenst

Dass der „Klar“-Beitrag auf das Bild einer „Unterwanderung“ setzt, fügt sich in ein größeres Muster ein, das die Islamische Zeitung seit Jahren beschreibt: die Erzählung einer angeblich bevorstehenden „Islamisierung“ Deutschlands. Unter Schlagworten wie „Unterwanderung“, „Parallelgesellschaft“ oder „schleichende Islamisierung“ werden unterschiedliche Themen – vom Moscheebau bis zur Kopftuchdebatte – zu einem einheitlichen Bedrohungsnarrativ verklammert, das empirisch nie eingelöst wird.

Zahlreiche Analysen im IZ‑Archiv zeigen, dass es sich dabei weniger um eine Beschreibung realer Machtverhältnisse als um ein instrumentelles Schreckgespenst handelt.

Die Vorstellung, eine kleine religiöse Minderheit könne „den Westen“ in absehbarer Zeit kulturell überrollen, hält keiner nüchternen Betrachtung von Zahlen, Institutionen und Gesetzeslage stand. Sie funktioniert aber als Mobilisierungsmittel für politische Kampagnen, Talkshow‑Dramaturgie und Reichweitenlogik.

Besonders deutlich wurde das in der Debatte um den Muezzinruf in Köln, die von IZ‑Autorinnen und -Autoren als Beispiel einer aufgeheizten Symbolpolitik analysiert worden ist. Ein einmal wöchentlicher Gebetsruf im Innenhof wurde dort in Überschriften zu einem angeblichen Machtsignal des „Politischen Islam“ hochgeschrieben – bis hin zu Unterstellungen einer „Islamisierung“ der Domstadt –, während das grundgesetzlich garantierte Recht auf Religionsausübung kaum vorkam.

Alte Angst, neue Verpackung

Die „Klar“-Sendung knüpft an diese Muster an, indem sie unter dem Schlagwort „Unterwanderung“ vertraute Signale bedient, die weite Teile des Publikums bereits aus rechtspopulistischen Kampagnen kennen. Wo der Jargon der „Islamisierungs“-Rhetorik in die Bildsprache öffentlich‑rechtlicher Formate einsickern, verschwimmen die Grenzen zwischen kritischer Recherche und der Reproduktion eines schon vorhandenen Feindbildes.

Die IZ hat immer wieder darauf hingewiesen, dass diese „Erzählung der Islamisierung“ nicht nur Muslime trifft, sondern den gesamten Diskurs verengt. Wenn der Islam primär als kulturelle Bedrohung und nicht Teil gesellschaftlicher Normalität vorkommt, verschiebt sich der Fokus von sozialen Problemen, Bildungschancen oder Rassismuserfahrungen auf eine vermeintliche Abwehrschlacht gegen „das Fremde“ – eine Verschiebung, von der jene profitieren, die politisch aus Angst Kapital schlagen.

muslimisch medien

Foto: freepic.diller, Freepik.com

Öffentlich‑rechtliche Verantwortung und muslimische Perspektiven

Der Fall zeigt auch, wie fragil das Vertrauen vieler Muslime in das öffentlichrechtliche System ist. Schon die Ankündigung, konservativere Zielgruppen zu gewinnen, weckt bei Betroffenen die Sorge, ihr Alltag könnte zum Material für identitätspolitische Lagerkämpfe werden, statt die Grundlage für eine faire und gründliche Recherche zu bilden.

Gleichzeitig erinnert die Programmbeschwerde daran, dass Muslime nicht nur Objekt von Berichterstattung sind, sondern zunehmend als Akteure in medienrechtlichen und öffentlichen Debatten auftreten. Ein Dachverband, der programmrechtliche Mechanismen nutzt und ein medienethisches Kurz‑Gutachten vorlegt, beansprucht Teilhabe an der Aushandlung dessen, was als legitime Islamkritik und was als stigmatisierende Erzählung gilt.

Für die Anstalten bedeutet dies, dass die Pflicht zur ausgewogenen Darstellung nicht nur formale Balance von Pro und Contra meint. Sie erfordert Sensibilität für strukturelle Machtverhältnisse: Wenn eine redaktionelle Entscheidung dazu beiträgt, dass muslimische Kinder und ihre Schule sich bloßgestellt oder verzerrt dargestellt sehen, ist der Schaden größer als der kurzfristige Quoten‑ oder Aufmerksamkeitsgewinn.

* Mit Material der KNA.

,

Debatte: Was kommt nach dem „Islamismus“?

mitte-studie

Debatte: Der demografische Wandel, der den Aufstieg der „islamistischen“ Politik vorangetrieben hat, kommt zum Erliegen. Eine neue Generation verlangt anderes. [Anmerkung: Der Autor verwendet in seinem Text den Begriff „Islamismus“. […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, ,

Der „Islamismus“-Begriff als sprachliches Problem mit realen Folgen

islamismus islamisch

Der „Islamismus“-Begriff: Sprache formt nicht nur unsere Wahrnehmung der Welt, sondern auch unser Denken über andere Menschen.

(iz). Gerade in gesellschaftlich sensiblen Debatten wie der über Radikalisierung und Extremismus spielt die Wortwahl eine zentrale Rolle. Der Begriff „Islamismus“ ist dabei leider zu einem festen Bestandteil politischer, medialer und wissenschaftlicher Diskurse geworden – und genau das ist ein Problem.

Viele Muslime erleben diese Terminologie als stigmatisierend und ungerecht. Er lässt den Eindruck entstehen, als sei der Islam selbst ein Problem oder zumindest Teil des Problems. In Talkshows, Nachrichten und Zeitungen wird „Islamismus“ häufig in einem Atemzug mit Terror, Gewalt und Fanatismus genannt.

Dadurch entsteht in der öffentlichen Wahrnehmung eine fatale Verbindung: Islam gleich Gefahr. Die Folge ist eine kollektive Zuschreibung, die Millionen friedlicher, demokratischer und gesetzestreuer Muslime in Misskredit bringt. Sie fühlen sich dadurch nicht nur ausgegrenzt, sondern auch diskriminiert – sprachlich, politisch und gesellschaftlich.

Besonders brisant ist die Endung „-ismus“. Sie ist in der deutschen Sprache typisch für ideologische Systeme: Kommunismus, Faschismus, Nationalismus, Rassismus, Sozialismus.

Islam, eine Weltreligion mit spirituellem und ethischem Fundament, wird durch diese Wortbildung ungewollt in dieselbe Kategorie gedrängt. Was ursprünglich als Begriff zur Abgrenzung extremistischer Strömungen gemeint war, entfaltet heute eine Wirkung, die den Kern des Islam verzerrt. Aus einer Religion wird eine Ideologie gemacht. Aus Gläubigen werden potenzielle Ideologen.

Ein weiteres sprachliches Ungleichgewicht fällt auf: Es gibt keinen „Christentumismus“, keinen „Judentumismus“, keinen „Hindutismus“. Auch dort existieren radikale Gruppierungen, die Gewalt im Namen ihrer Religion ausüben. 

Doch nur beim Islam wird der Name der Religion selbst zum Bestandteil eines Begriffs, der Terror, Fanatismus und politische Gewalt beschreibt.

Das ist kein Zufall. Es verweist auf tief verwurzelte kulturelle Vorurteile, die über Jahrzehnte hinweg gewachsen sind. Die Sprache zeigt, was gedacht wird – und was gedacht wird, wirkt sich auf das gesellschaftliche Klima aus.

Wenn es darum geht, radikale und gewaltbereite Strömungen zu benennen, braucht es Begriffe, die präzise und zugleich fair sind. Der Ausdruck „religiöser Extremismus“ erfüllt diese Anforderungen deutlich besser. Er benennt das eigentliche Problem – den Extremismus – und vermeidet zugleich die pauschale Verknüpfung mit einer spezifischen Religion.

Daesh Terror Syrien Irak

Foto: Fishman64, Shutterstock

Er macht klar, dass es hier nicht um Glauben geht, sondern um eine pervertierte Auslegung, die Gewalt legitimiert und Andersdenkende bekämpft. Diese Formulierung ist sachlich, analytisch und nicht stigmatisierend. Sie erlaubt es, Radikale beim Namen zu nennen, ohne Gläubige unter Generalverdacht zu stellen.

Ohnehin sind die meisten Fälle von Extremismus nicht religiös, sondern politisch motiviert. Dabei geht es um Macht und Beherrschung von Land und Boden.

Kaum zu glauben, dass diese Begrifflichkeit trotzdem seit Jahrzehnten verwendet wird. Wer aber solche Begriffe verwendet, sollte sich auch der impliziten Botschaften bewusst sein, die mitschwingen. In einer pluralen und offenen Gesellschaft braucht es Begriffe, die differenzieren statt zu pauschalisieren.

Sprache kann Brücken bauen oder Mauern errichten – sie kann verbinden oder spalten. „Islamismus“ spaltet. Daher muss er hinterfragt und durch präzisere, gerechtere Begriffe ersetzt werden. Nicht, um Probleme zu verharmlosen, sondern um sie endlich richtig zu benennen.

, ,

Wahlprogramme im Test: CDU/CSU zwischen Tradition und Trumpismus?

wahlprogramm cdu

In den kommenden Wochen behandeln wir in einer Reihe die Wahlprogramme der größeren Parteien und was sie Muslimen zu sagen haben. Dieses Mal: die CDU/CSU.

(iz). Die Union mit Kanzlerkandidat Friedrich Merz ist nicht mehr dieselbe wie in den 16 Jahren der Kanzlerschaft von Angela Merkel. Das geht so weit, dass bei vielen das böse Wort von den „Merkelianern“ kursiert.

Man kann feststellen, dass sich die beiden christdemokratischen Parteien von heute in Sprache und Substanz teilweise verändert haben. Das liegt zum einen an globalen Phänomenen wie dem Aufstieg des Populismus.

Zum anderen sind Führungspersönlichkeiten wie Wolfgang Schäuble, der Initiator der Deutschen Islamkonferenz (DIK), verstorben oder aus den Führungsgremien ausgeschieden. Es ist fraglich, ob sich heute ein Unionspolitiker einen Satz wie „Der Islam gehört zu Deutschland“ (C. Wulff) zutrauen würde.

Der Weg der Schwesterparteien vom Kampf um die Mitte gegen SPD und Bündnisgrüne nach rechts und ihr verzweifelter Versuch, der AfD Stimmen abzujagen, wird von einer trumpesken Rhetorik begleitet. Dahinter stehen einige, inzwischen führende Figuren, die immer weniger mit dem Erbe Adenauers, Kohls oder Merkels zu tun haben.

Diese Veränderungen spiegeln sich im Bundestagswahlprogramm der Union wider. Bei Themen, die für muslimische Bürger von besonderem Interesse sein könnten, haben sich Ton und Forderungen verändert.

Union-Wahlprogramm: Was sind die religionspolitischen Prämissen der Union?

Die heutigen Christdemokraten unter Friedrich Merz sind nicht mehr so eng mit beiden Kirchen verbunden, wie dies in der alten Bundesrepublik der Fall war. Als Hinweis darauf können die negativen Reaktionen ihrer Vertreter auf die kritischen Äußerungen der zwei großen christlichen Religionsgemeinschaften zu den migrationspolitischen Vorstellungen von Merz gelten. Etwas scheint im gegenseitigen Verhältnis ins Rutschen geraten zu sein.

Die aktuellen religionspolitischen Aussagen im Wahlprogramm lesen sich nach dem Rückzug bzw. Tod der früheren christlich verankerten Führungspersönlichkeiten eher wie Traditionspflege denn als Ausdruck tiefer Überzeugung. Die Union beruft sich in ihrem Programm weiterhin stark auf das „christliche Erbe Deutschlands“.

Berichterstattung Berlin Sehitlik Moschee Hof Iftar Fastenbrechen

Öffentliches Fastenbrechen auf dem Gelände der Berliner Sehitlik-Moschee. (Foto: Ömer Sefa)

Und sie betont den „unverzichtbaren Beitrag für Bildung, Gemeinwohl und gesellschaftlichen Zusammenhalt“ der Großkirchen. Sie bekennt sich zum Schutz der Feiertage und zur bisherigen Zusammenarbeit von Staat und Kirchen. Im Gegensatz zu anderen betont sie den Charakter des Religionsunterrichts als „ordentliches Lehrfach“.

Im Umgang mit dem Islam als religiöse Lebenspraxis ist der Ton ambivalenter. Muslime werden zwar als „Teil der religiösen Vielfalt Deutschlands und unserer Gesellschaft“ gesehen. Gleichzeitig gilt ihre Religion aber nur dann als akzeptabel, wenn sie „unsere Werte“ teilt. Hier setzt sich bei der Union der Denkfehler fort, „dem Islam“ in der Bundesrepublik einen Subjektcharakter zuzuschreiben.

Die Haltung der Union zu deutschen Muslimen

Wie in anderen Wahlprogrammen wird die Haltung gegenüber muslimischen Mitbürgern an Bedingungen geknüpft: Einerseits gehört ihr Bestand zur bundesrepublikanischen Realität. Allerdings unter dem Vorbehalt, dass sie „unsere Werte“ teilen. Es gibt keine andere Bevölkerungsgruppe im Land, deren grundsätzliche Existenz an eine solche Vorbedingung gebunden wird.

Der Blick auf die hiesigen Muslime ist zweigeteilt: Die Union fordert in ihrem Wahlprogramm die Schließung extremistischer Moscheegemeinden, die Einführung einer Offenlegungspflicht für Vereine und ihre Dachverbände sowie die Verhinderung einer übermäßigen Einflussnahme aus dem Ausland.

Foto: hydebrink, Shutterstock

Gleichzeitig soll ein „lebendiges und vielfältiges muslimisches Gemeindeleben“ gefördert werden, das sich hier zugehörig fühlt. Die Ausbildung von Imamen in Deutschland auf Deutsch soll nach dem Willen der Union durch eine Stiftung betrieben werden. Ebenso will sie „Forschung und Lehre islamischer Theologie an deutschen Hochschulen“ ausbauen.

Wo der frühere Bundespräsident Wulff (CDU) den Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ wagte, heißt es heute „Die Scharia gehört nicht zu Deutschland“.

Praktische Fragen

In Hinblick auf konkrete Anliegen muslimischer Bürgerinnen und Bürger in ihrer Lebenspraxis hält sich das Bundeswahlprogramm der Union bedeckt. Das liegt unabhängig von der Partei an der föderalen Struktur Deutschlands. In dieser liegen die Behandlung alltägliche Bedürfnisse – von Bestattungen bis Moscheebauten – auf Landesebene oder im Verfügungsbereich von Kommunen.

Einzige Ausnahme ist die erwähnte Ausbildung von Imamen. Sie Christdemokraten befürworten, dass sie an hiesigen Universitäten stattfindet. Damit wollen sie „Integration“ fördern und einen „ferngesteuerten Islam“ verhindern.

Was tun bei Muslimfeindlichkeit?

Am 5. Februar veröffentlichte die CLAIM Allianz (ein Bündnis zu Muslimfeindlichkeit und Antidiskriminierung) eine Auflistung der Positionen der jeweiligen Parteien (ohne AfD, DAVA und Mera25):

Die Union lehnt in ihrem Wahlprogramm alle von CLAIM genannten Aspekte ab: Es gibt kein explizites Bekenntnis gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit. Die Partei fordert keine Beauftragten gegen antimuslimische Diskriminierung, lehnt Antidiskriminierungsschulen im öffentlichen Dienst ab und fordert auch keine Reform des Antidiskriminierungsgesetzes (AGG). Auch dem Demokratiefördergesetz steht die Union kritisch und mit Bedenken gegenüber.

Integration und Zuwanderung

Es gehört zu den Ärgernissen unserer „Islamdebatte(n)“, dass die religiöse Lebenspraxis einerseits und die Themen „Integration“ und „Migration“ andererseits wenn nicht synonym, so doch als miteinander verbunden verstanden werden. Das bedeutet, dass integrations- und migrationspolitische Fragen in den Blick genommen werden müssen, weil Muslime hier unausgesprochen mitgemeint sind.

Es ist kein Geheimnis, dass die Union unter Merz trotz gegenteiliger Ankündigungen die Integration zum wichtigsten Wahlthema gemacht hat. Sie kündigt eine „grundlegende Wende in der Migrationspolitik“ an. Und will einen „sofortigen faktischen Aufnahmestopp“ für illegale Migranten durchsetzen. Grenzkontrollen sollen mit Zurückweisungen verbunden werden. Der Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte soll ausgesetzt werden. Und alle freiwilligen Aufnahmeprogramme beendet werden.

Die aktuellen Positionen zeigen eine deutliche Verschärfung der Migrations- und Integrationspolitik der CDU im Vergleich zu früheren Wahlprogrammen. Für sie steht „der deutsche Pass am Ende der Integration und nicht am Anfang“. Hier will sie eine „Express-Ampel-Einbürgerung“ umkehren.

Krieg und Frieden im Nahen Osten

Der Nahostkonflikt spielt für muslimische und arabische Wähler in Deutschland eine herausragende Rolle. Auch wenn hier keine Umfragen vorliegen, sondern nur anekdotische Evidenz sowie Äußerungen von Einzelpersonen bzw. bekannt gewordene Parteiaustritte (vgl. Heft 356), dürfte er ein wichtiges, wenn nicht das dominierende Thema für ihre Wahlentscheidung sein.

Die Parteien positionieren sich unterschiedlich zum Nahostkonflikt, was für diese Wählergruppe relevant sein kann. Er war und ist für viele ein sensibles und emotionales Thema – insbesondere nach dem Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober und dem darauf folgenden Angriff der israelischen Streitkräfte auf Gaza.

Der Krieg, der Umgang der etablierten Parteien mit ihm und die offensichtliche Empathielosigkeit der gesellschaftlichen Mitte gegenüber der palästinensischen Zivilbevölkerung führen, wie das DeZIM kürzlich ermittelte, auch bei muslimischen Wählern zu einer Lockerung der Parteibindungen und zu neuen Sympathien. Davon konnten in den Umfragen vor allem das BSW und Die Linke profitieren.

Foto: The White House, Joyce N. Boghosian, via flickr | Lizenz: Public Domain

Für Muslime, die die Union gewählt haben oder es wollen, dürfte die Haltung des Wahlprogramms zum Nahostkonflikt ein Hindernis darstellen. Beide Schwesterparteien positionieren sich eindeutig zugunsten der israelischen Politik. Die CDU bekennt sich zur Sicherheit Israels als „Staatsräson“. Seine Existenz und Sicherheit werden als nicht verhandelbar bezeichnet. Sie verurteilt nicht nur den Terror der Hamas, sondern betont auch das Recht Israels auf Selbstverteidigung.

Innenpolitisch bedeutet dies unter anderem, dass die Union Gewaltverherrlichung und antisemitische Äußerungen etwa auf Demonstrationen ausdrücklich ablehnt. Zudem will sie die Zahlung von Bundes- und EU-Mitteln an palästinensische Organisationen einstellen und künftig nur noch solche unterstützen, die sich klar vom Terror der Hamas distanzieren. Außerdem will sie Moscheen schließen lassen, in denen Hass und Antisemitismus verbreitet werden. Einzelpersonen, die solche Äußerungen tätigen, sollen leichter bestraft werden und Konsequenzen wie Aufenthaltsentzug oder Verlust der Staatsbürgerschaft erleiden.

Außenpolitisch spricht sich die Partei in ihrem Wahlprogramm für Waffenlieferungen an die israelische Armee aus. Man wolle Tel Aviv im „legitimen Kampf gegen den Terror“ militärisch unterstützen. Bestehende Ausfuhrsperren sollen aufgehoben werden. Völkerrechtlich lehnt die CDU die Haftbefehle des IStGH gegen israelische Politiker ab. Diese seien „zumindest problematisch“. Eine mögliche Festnahme Netanjahus auf deutschem Boden lehnt sie ab.

Formal tritt die Union – wie der politische Mainstream in Deutschland – formalistisch für eine Zweistaatenlösung im Nahostkonflikt ein. Dies sei der einzige Weg zum Frieden in der Region. Wie diese – vor dem Hintergrund der „Staatsräson“ und der Unterstützung der gegenwärtigen israelischen Regierung – erreicht werden soll, bleibt offen.

Hier kommst Du direkt zum CDU/CSU-Wahlprogramm 2025:
https://www.cdu.de/app/uploads/2025/01/km_btw_2025_wahlprogramm_langfassung_ansicht.pdf

, ,

Viele sagen „Islamismus“, meinen aber „Muslime“

islamismus islamisch

Von Grünen bis AfD kämpfen Politiker dieser Tage gegen den „Islamismus“. Was genau das sein soll, weiß keiner so genau. Sicher ist nur, wer unter diesem Kampf oft leidet: ganz normale Muslime.

(iz). Was würden Sie denken, würde ich Ihnen erzählen, dass Nordkoreas Kim Jong-un, SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz und der Sozialarbeiter von nebenan Teil einer gemeinsamen sozialistischen Bedrohung sind? Dass Putin, die kolumbianischen Farc-Rebellen und der Deutsche Gewerkschaftsbund insgeheim die kommunistische Unterwanderung unserer Gesellschaft planen?

Sie würden mich vielleicht für einen Verschwörungstheoretiker, auf jeden Fall aber für einen kompletten Spinner halten. Und das völlig zurecht. Was aber, wenn ich Ihnen erzähle, es gibt Menschen, die so etwas behaupten. Und sie gelten als alles andere als inkompetent. Im Gegenteil: Viele haben sich mit solchen Behauptungen das Renommee ausgewiesener Experten erarbeitet. Sie sitzen im Bundestag, Behörden, Talkshows und Chefredaktionen. Ihre Verschwörungstheorien finden sich in Gesetzestexten, Leitartikeln und auf Bestsellerlisten.

Der Unterschied ist nur: Ihre Spinnereien handeln nicht von den unzähligen Gruppierungen, Ideologien und Bewegungen weltweit, die zwar irgendwie ihren Ursprung in den Schriften von Marx und Engels haben, aber längst nichts mehr miteinander zu tun haben. Sie handeln von muslimischen Verbandsfunktionären, Messerstechern in der Fußgängerzone, türkeistämmigem Gemeinderäten, Diktatoren vom Golf und Imamen von nebenan.

Sie alle sollen Teil eines gemeinsamen „islamistischen“ Bedrohungsszenarios sein. Dabei haben sie außer ihrem Muslimischsein meist nur die negativen Fremdzuschreibungen gemein: reaktionär, anti-demokratisch, gewalttätig.

„Islamismus“ war schon immer ein unscharfer Begriff

Die Unschärfe und das damit verbundene Missbrauchspotenzial des Begriffs „Islamismus“ ist nichts Neues. Es ist dem Begriff quasi in die Wiege gelegt. Das Licht der Welt erblickte der „Islamismus“ an europäischen und amerikanischen Unis Mitte der 1970er: Als Sammelbezeichnung für politische Bewegungen und Akteure, die im 20. Jahrhundert überall in der islamischen Welt als Antwort auf die Krisen jener Zeit entstanden waren. Schon Ende der 80er hatte der Begriff seine zahlreichen Vorgänger wie „Radikalismus“, „Fundamentalismus“ oder „Islamisches Erwachen“ weitgehend ersetzt. 

Was dem Islamismusbegriff bis heute fehlt, ist eine allgemein akzeptierte Definition: Ein Islamist ist jemand, der den Islam als Grundlage für soziale und politische Veränderungen gebraucht. So lautet ein Minimalkonsens unter den Islamismus-Definitionen. Anders als „islamisch“ beschreibt „islamistisch“ also ein politisches und kein religiöses oder kulturelles Phänomen. Welche Merkmale den „Islamismus“ sonst noch ausmachen? Darüber herrscht auch in der Wissenschaft keine Einigkeit. 

An Merkmalen zur Auswahl stehen unter anderem: (Rück)besinnung auf islamische Werte, Streben nach Errichtung einer als islamisch verstanden Gesellschafts- und Werteordnung, Absolutheitsanspruch, Anti-Modernismus, Demokratie-Feindlichkeit und ein patriarchalisches Rollenverständnis und Gewaltbereitschaft.

Aber auch Bewegungen und Gruppierungen werden dem „Islamismus“ zugeordnet, die explizit gewaltfrei sind, sich zur Demokratie bekennen oder progressive Gesellschaftsentwürfe anstreben. Vorstellungen, was einen „Islamisten“ ausmachen, variieren außerdem je nach Zeit, wissenschaftlicher Fachrichtung und Denkschule. 

Kurzgefasst: Es ist kompliziert mit dem „Islamismus“. So kompliziert, dass viele Wissenschaftler den Begriff gänzlich ablehnen: Weil er Phänomen und Akteure, die nichts miteinander zu tun haben, in einen Topf wirft, weil er die Grenzen zwischen Religion und Politik verschwimmen lässt, wegen seiner fehlenden analytischen Schärfe und seines Missbrauchspotenzials.

Muslimfeindlichkeit Islamkonferenz debatte

DIK 2022. Ministerin Faeser im Gespräch mit einer Teilnehmerin. (Pressefoto: © Henning Schacht / Bundesinnenministerium)

Ein Kürzel für Unliebsame?

Gerade aber diese Unschärfe ist es, die den Begriff außerhalb von Universitäten so erfolgreich macht. Während in der Wissenschaft zumindest ein (vermeintlicher) gemeinsamer historischer Ursprung Bedingung für die Zuschreibung „Islamist“ ist, fällt im öffentlichen Diskurs auch diese letzte Hürde weg. In Medien und Politik hat sich „Islamist“ fest etabliert: als Kürzel für unliebsame Muslime aller Art. Als Instrument der Markierung, Problematisierung und Kriminalisierung. 

Um bei den Vergleichen zu bleiben: Die populäre Verwendung des Begriffs „Islamismus“ ist in etwa so präzise als fasse man israelische Siedler und jüdische Friedensaktivistinnen unter „Judaismus“ zusammen oder bezeichne Mitglieder von Ku-Klux-Klan, CSU und Caritas als „Agenten des Politischen Christentums“.

Stigma gegen Menschen, die sich nie haben etwas zu Schulden kommen lasssen

Hinzu kommt: Viele „Islamisten“, die uns in Medien und Politik begegnen, sind nicht einmal sonderlich extrem. Häufig trifft die Zuschreibung ausgerechnet Menschen, die sich demokratisch engagieren und eine gewisse öffentliche Sichtbarkeit erlangt haben: Vertreter islamischer Religionsgemeinschaften, Mitglieder religiöser Arbeitskreise, Moscheevorstände, muslimische Medienschaffende und Politiker…

Der Umstand, dass viele der Gescholtenen sich ein leben lang gegen Diskriminierung und Extremismus aller Arten engagiert haben, wird selten zu ihrer Verteidigung angeführt. Im Gegenteil: Gerade ihre Gesetzestreue und ihr demokratisches Engagement – so liest man in CDU-Papieren, Verfassungsschutzberichten und Artikeln der BILD regelmäßig – mache diese „Legalistischen Islamisten“ so gefährlich.

Insbesondere der Verfassungsschutz produziert auf diese Weise seit einigen Jahren „Islamisten“ am Fließband. In dessen Berichten werden tausende Muslime zu Islamisten erklärt, die sich nie etwas haben zu Schulden kommen lassen. Oftmals der einzige Grund: die Mitgliedschaft in (in Deutschland legalen) Organisationen und deren (oftmals fragwürdige) Zuordnung zu einem historischen islamistischen Ursprung. In vielen anderen Fällen sorgen Kontaktschuldvorwürfe dafür, dass bestens integrierte Bürger zur extremistischen Bedrohung erklärt werden.

Aus „Islamisierung“ wurde „Politischer Islam“

Konkurrenz erhält der Begriff „Islamismus“ in den letzten Jahren vom nahezu identischen „Politischen Islam“. Als Alternative zum vorbelasteten „Islamismus“ etablierte sich auch der „Politische Islam“ zuerst an Hochschulen und in Forschungseinrichtungen, bis Politik und Öffentlichkeit den Begriff entdeckten. In Bestsellern, Tageszeitungen und Parteitagsbeschlüssen liest man nun regelmäßig von „Agenten des Politischen Islam“, die dabei wären, westliche Gesellschaften zu infiltrieren und in eine islamische Diktatur verwandeln.

Es sind die alten rechten Verschwörungstheorien von „Islamisierung“ und „Unterwanderung“, die als Warnung vor „Islamismus“ und „Politischem Islam“ im modernen bürgerlichen Gewandt daherkommen. Es ist nur folgerichtig, dass als „islamistisch“ in Medien und Politik in den letzten Jahren immer häufiger Praktiken bezeichnet, die in Wahrheit nichts anderes sind als „islamisch“: Kopftuchtragen, Halal-Essen, Muezzinruf…

Auch das zeigt: Die ausgrenzende Macht des Begriffs „Islamismus“ und der Debatten, die wir mit ihm führen, richten sich nicht nur gegen Gewalttäter und Extremisten, sie richtet sich gegen ganz gewöhnliche Muslime und ihr Recht auf Religionsausübung und Teilhabe in Deutschland.

, ,

El Yazidi sieht „Islamismus“ als Kampfbegriff

Islamismus yazidi

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland vertritt rund 300 Moscheegemeinden. Sein Vorsitzender hält den „Islamismus“-Begriff für Propaganda.

Köln (KNA) Der neue Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), Abdassamad El Yazidi, wehrt sich gegen den Begriff „Islamismus“. „Kampfbegriffe wie Islamismus oder politischer Islam werden oft genutzt um Muslime gesellschaftlich zu diskreditieren“, sagte er am 2. Oktober der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Köln.

El Yazidi: Grenzen uns vom Missbrauch der Religion ab

Mit Blick auf seinen Verband betonte El Yazidi, der ZMD grenze sich von allen ab, die den Koran für radikale und antidemokratische Botschaften missbrauchen wollten. „Nehmen Sie die Gruppen, die im Mai in Hamburg das Kalifat gefordert haben: Diese Leute haben in unseren Moscheen keinen Zugang. Dafür werden wir von denen auf TikTok als ‘Staatsmuslime’ bezeichnet.“

Muslimische Gelehrte in Deutschland und international leisteten hervorragende Arbeit, um eine Fehldeutung von koranischen Versen durch Bildung und Präventionsarbeit zu verhindern, so El Yazidi weiter. „Auch wenn die Islamkritiker-Industrie in Deutschland das vielleicht anders sieht.“

Der 1975 in Hessen geborene Deutsch-Marokkaner, der im vergangenen Juni den ZMD-Vorsitz von seinem Vorgänger Aiman Mazyek übernommen hatte, verwies auf einen strikten Umgang mit problematischen Mitgliedsorganisationen des Verbands.

Umgang mit umstrittenen Mitgliedern

Die Mitgliedschaft des mittlerweile verbotenen und vom Iran gesteuerten Islamischen Zentrums Hamburg ruhe gerade. „Das Zentrum wehrt sich derzeit gegen das Verbot und die Ergebnisse gilt es abzuwarten.“ Den umstrittenen Mitgliedsverband ATIB nahm El Yazidi hingegen in Schutz.

Der aus der Bewegung der rechtsextremen türkischen „Grauen Wölfe“ hervorgegangene Verband habe sich glaubwürdig von Antisemitismus und Rechtsextremismus distanziert und klage nun gegen die Erwähnung im Verfassungsschutzbericht. „ATIB-Moscheen und der ATIB-Vorstand machen engagierte Dialogarbeit. Sie sind bereit, sich den Vorwürfen zu stellen und auch unabhängige Gutachten zu Ihrer Arbeit und Struktur zuzulassen.“

,

Verratene Visionen nach der Indischen Unabhängigkeit

modi indien

Vor 75 Jahren wurden Indien und Pakistan unabhängig. Aus der Vision einer vielfältigen Gesellschaft beider Gründerväter wurde nichts – stattdessen sorgt heute religiöser Nationalismus für Gewalt und Konflikte. (KNA). Vor […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

,

Historische Rechtlosigkeit: Ein Rückblick auf die Operation Luxor

Ein nie dagewesener Schlag gegen „Islamisten“ in Österreich sollte die Operation Luxor sein. Stattdessen wird die Razzia wohl als beispielloser Missbrauch von Justiz und Sicherheitsbehörden in die Geschichte des Landes […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

,

Das Radikalisierungsdrama „Je suis Karl“ überzeugt trotz Überzeichnungen

(iz). Der neue Rechtsextremismus, das ist die Botschaft dieses Films, ist nicht mehr auf den ersten Blick als solcher sichtbar. Er ist habituell und intellektuell angekommen in der Mitte der Gesellschaft. Bei einem Bombenanschlag auf ein Wohnhaus in Berlin verliert Maxi (Luna Wedler) ihre Mutter (Mélanie Fouché) und ihre beiden kleinen Brüder. Ihr Vater Alex (Milan Peschel), ein Lehrer, flüchtet sich in Wahnvorstellungen, bleibt aber der linke, idealistische Menschenfreund. Maxi aber gerät in die Fänge Karls (Jannis Niewöhner), eines jungen, gutaussehenden Studenten, der sich in einem neurechten Netzwerk namens „Regeneration“ gegen Migration und für „Identität“ engagiert, seine Mitstreiter und -streiterinnen sind „junge Europäer“, überwiegend akademisch, überwiegend gutaussehend.

Auf deren Tagungen werden die üblichen antimigrantischen Klischees hergebetet, allerdings ohne die alte neonazistische Stumpfheit. Ja, es gebe Situationen, in denen man sein Brot teilen müsse, sagt das bildschöne, in marianisches Weiß gewandete Postergirl der französischen Rechten mit dem etwas zu sehr sprechenden Namen Odile Duval (Fleur Geffrier); aber man dürfe, peroriert sie, den Flüchtlingen eben nicht immer nur sagen „kommt“, sondern auch wieder „geht zurück“. Ihre Kombattantin, die hübsche Tschechin Jitka (Anna Fialová) – sie ist gestylt wie die Taylor Swift zwischen „1989“ und „Reputation“ –, ruft auch schon mal „Sieg Heil“. 

„Regeneration“ ist kein stumpfsinniges Sitzen um den Metkessel in der Uckermark, sondern eine Internationale des neofaschistischen Glamours. Jitka singt schwermütigen Gothic im Enya-Sound, auf den Tagungen wird kreuz- und quer gevögelt, ein Babylon Berlin, aber in Prag und Paris, und nicht 1920, sondern 2020. Konservative Revolution, George-Kreis für Millennials, inklusive homoerotischer Spannung unter Frauen und Männern. Faschismus, aber fesch.

In all das schlittert die halbfranzösische Maxi, die mit Karl natürlich eine Affäre anfängt, widerstandslos hinein, geht sie doch davon aus, dass hinter dem Anschlag auf ihr Elternhaus Islamisten steckten. Was sie nicht weiß, der Zuschauer aber schon: es war kein Islamist, sondern Karl, der, maskiert als „orientalischer“ Paketbote, die todbringende Fracht an Maxis Vater übergeben hatte, der sie arglos in der eigenen Wohnung abstellte. 

Karl ist der thanatophile Agent provocateur, dem auch seine eigenen, falschen, Ideale letztlich egal sind; dem es allein um destruktive Selbstwirksamkeit geht, um den „Willen zur Tat“. Rasch überredet er Maxi, auf einer Kundgebung der Bewegung in Straßburg zu sprechen, als das Mädchen, das seine halbe Familie durch islamistischen Terror verloren habe. Die er zur Traumatisierten machte, missbraucht er nun als Testimonial.

Die Inszenierung eines Milieus, das habituell nicht eindeutig als „rechts“ zu erkennen – und vielleicht auch gar nicht eindeutig rechts – ist, ist eine Stärke des Films. Wenn der Nihilist Karl die rechte Standardfloskel nachbetet, „die Begriffe links und rechts gebe es für ihn nicht mehr“, dann ist das womöglich gar nicht gelogen. Wenn Odile in ihrem Besteller lamentiert, ihre Eltern hätten ihr eine politische Welt hinterlassen, „in der sie nicht atmen, nicht leben könne“, so könnte diese Phrase genauso gut von „Fridays for Future“ stammen. 

Diese Stärke des Films, das Atmosphärische, ist freilich zugleich eine seiner Schwächen. Seit „Napola“ und „Die Welle“ neigt der deutsche Aufklärungsfilm zur Ästhetisierung, die zur involontären Identifizierung mit dem Gegenstand einlädt; Schwochos „Je suis Karl“ bildet hier keine Ausnahme. Die andere Schwäche liegt in der Überzeichnung: Als es im Anschluss an die Straßburger Kundgebung zur finalen Eskalation kommt, verwandelt sich die Stadt in ein Bürgerkriegsgebiet. Vater Alex, der seiner verlorenen Tochter hinterhergereist ist, flüchtet mit ihr an der Hand durch die Kanalisation, während draußen Schüsse gellen und ein rechter Mob auf Menschenjagd geht. Immerhin: die tödlich verstörte Maxi wird so innerhalb weniger Filmminuten von ihrem kurzen rechten Wahn geheilt. Ihre Hand dabei hält, ein sanftes arabisches Lied auf den Lippen – Yusuf (Aziz Dyab). Den jungen Libyer hatten ihre Eltern zwei Jahre zuvor nach Deutschland geschmuggelt und in ihrer Wohnung aufgenommen; er hat Maxi in Frankreich ausfindig gemacht und ihren Vater zu ihr geführt.

Der Gute in diesem Todesspiel ist der Migrant – der Böse Karl. Der hat sich nach seinem Auftritt in Straßburg von einem Mitstreiter erschießen lassen, um so ein Fanal zu setzen, und auch gleich den passenden Slogan dazu entworfen (nämlich „Je suis Karl“), und tatsächlich: als Maxi seinen blutenden Leichnam in den Armen hält, gibt es keinen Zweifel: Karl ist tot. 

Der Neonazi als Selbstmordattentäter – auf diesen dramaturgischen Kniff muss man erst einmal kommen. Er reprojiziert den paranoiden Verdacht der Rechten, Migranten seien Messermänner und Bombenleger, auf die Rechten selbst – angesichts der Geschichte des europäischen Faschismus kein unrealistischer Gedanke. Die Katharsis, die dem Film so gelingt, ist vollkommen.  

„Je suis Karl“ (Regie: Christian Schwochow, Drehbuch: Thomas Wendrich) lief auf der Berlinale 2021 und ist ab dem 16. September in den deutschen Kinos zu sehen. Der Film ist in vier Kategorien (u.a. als bester Spielfilm) für den Deutschen Filmpreis nominiert und kandidiert als deutscher Beitrag zu Oscar für den besten internationalen Film 2022.

,

Wer hat Angst vor „politischen Muslimen“ (1)

interkulturell BLM rassismus

(iz). Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des „Politischen Islam“. Allein der Klang seines Namens löst unter den Bürgern Furcht und Schrecken aus, so sehr, dass man […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.