Arbeitslosigkeit und politische Blockaden prägen Bosnien-Herzegowina. Doch zwischen Moscheen und Kirchen lebt die Hoffnung auf Versöhnung und den Weg in die EU.
(KNA/IZ). Wo mag die alte Frau im zerschlissenen Kleid und den ausgetretenen Schuhen wohl die Nacht verbracht haben? Verfilzte graue Haarsträhnen lugen unter ihrem Kopftuch hervor, das sie unter dem Kinn gebunden hat. Müde braune Augen blicken aus dem zerfurchten Gesicht. Von Marion Krüger-Hundrup
Es ist frühmorgens in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina mit rund 300.000 Einwohnern. In der Straße Safvet bega Basagica unweit des osmanisch geprägten Viertels Bascarsija stehen Müllcontainer, in denen die Anwohner ihre Abfälle entsorgen. Ungerührt von neugierigen Blicken wühlt die Seniorin im Unrat, reißt prall gefüllte Plastiktüten auf. Und fischt Brot- und Gemüsereste heraus: ihr Frühstück oder sogar die ganze Tagesration.
So wie ihr geht es auch denen, die in der Ferhadija am Straßenrand kauern und die Hand aufhalten. Hier in der beliebtesten Einkaufs- und Bummelmeile Sarajevos mit ihren Boutiquen, Parfümerien, Schuhläden und Cafés erhoffen sich alt gewordene Männer und Frauen von bessergestellten Einheimischen und Touristen ein Erbarmen. Ein kleines oder größeres Geldstück, um den Hunger nach Essbarem stillen zu können.
So bitterarm sind Srecka Cemalovic und ihr Sohn Adi noch nicht, dass sie betteln müssten. Doch auf Rosen gebettet ist die 66-jährige Witwe nicht: Obwohl sie über 40 Jahre lang als medizinisch-technische Angestellte an der Universität Sarajevo gearbeitet hat, bekommt sie lediglich eine kleine Rente: „Zu wenig zum Leben“, sagt Srecka und erzählt, dass sie trotz Ruhestand in einer pathologischen Praxis weiterarbeitet.
Auch, um ihren 39-jährigen Sohn zu unterstützen, der nach längerer Arbeitslosigkeit zu ihr in die Zweizimmerwohnung im Stadtteil Grbavica gezogen ist. „Ich bewerbe mich überall, bekomme aber nur Absagen oder gar keine Antwort“, klagt Adi. Die einzigen Angebote sind einmonatige Jobs in Supermärkten: „Regale einräumen ist keine Perspektive für die Zukunft“, meint der in einem technischen Beruf ausgebildete Mann.
Foto: SorinVides, Shutterstock
Den Jüngeren in Bosnien-Herzegowina geht es oft nicht besser. In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen sind mehr als ein Viertel arbeitslos. Der Anteil der registrierten Erwerbslosen an allen potenziellen Arbeitnehmern liegt 2026 bei 12,6 Prozent.
Der Weg nach Brüssel ist für das Balkanland auch drei Jahrzehnte nach dem verheerenden Bürgerkrieg von 1992 bis 1995 noch weit. 2016 hat es offiziell einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt und erhielt 2022 den Kandidatenstatus. 2024 beschlossen die Mitgliedstaaten, den Weg für Beitrittsverhandlungen grundsätzlich freizumachen. Sie knüpften dies jedoch an die Umsetzung von Reformauflagen.
Vor allem auch an die zivile Umsetzung des Dayton-Friedensabkommens von 1995. „Dazu zählen der Schutz der Institutionen, die Unterstützung demokratischer Prozesse und die Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit, die zu meinen Aufgaben gehören“, erklärt Christian Schmidt im Gespräch mit der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA).
Der Deutsche ist Hoher Repräsentant für Bosnien-Herzegowina, einer internationalen Sondereinrichtung, die 1995 durch das Dayton-Abkommen geschaffen wurde und die zivile Umsetzung des Friedensvertrages überwacht.
Nach fünf Jahren auf dem Posten hat der 68-Jährige im Mai 2026 seinen Rücktritt angekündigt. Er bleibt kommissarisch im Amt, bis eine Nachfolge bestimmt ist. In seiner Bilanz hebt er hervor, seine Reformen und die Einführung neuer Wahltechnologien hätten das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Wahlen gestärkt.
Darüber habe seine Behörde institutionelle und finanzielle Stabilität ermöglicht, wenn die einheimischen politischen Akteure keine Einigung erzielen konnten.
„Ich bin stolz darauf, dass sich Bosnien-Herzegowina in dieser Zeit der Europäischen Union angenähert hat“, sagt der CSU-Politiker und ehemalige Bundesminister Schmidt. Gleichwohl hätte er sich schnellere Fortschritte bei Reformen und eine stärkere Bereitschaft der politischen Führung gewünscht, um Spaltungen zwischen den bosnischen, serbischen und kroatischen Bevölkerungsteilen zu überwinden.
Und er bedauere, so Schmidt, „dass viele junge Menschen weiterhin unsicher in die Zukunft blicken und das Land verlassen“.
Dabei verfüge Bosnien-Herzegowina über enormes Potenzial: „Das wird aber erst voll zum Tragen kommen, wenn die politische Elite ihrer Verantwortung für die Stabilität und die Entwicklung des Landes gerecht wird“, erklärt der Hohe Repräsentant.
Das Land sehe sich weiterhin mit Versuchen lokaler politischer Kreise konfrontiert, die gesamtstaatlichen Institutionen zu schwächen und Reformen, die ihr korruptes Geschäftsmodell bedrohen, auszubremsen.
Gleichzeitig bestehe eine echte Chance auf Fortschritt, „wenn sich die politischen Führungspersönlichkeiten auf Zusammenarbeit statt auf Spaltung konzentrieren“, prognostiziert Schmidt.
Foto: Mete H., Shutterstock
Er wehrt sich dagegen, die besonders durch den bosnischen Serben Milorad Dodik angespannte Lage, der einen konfrontativen nationalistischen Kurs fährt, einen „vergessenen Konflikt“ zu nennen: „Bosnien-Herzegowina bleibt wichtig für die europäische Stabilität und Sicherheit“, sagt der Hohe Repräsentant.
Die internationale Gemeinschaft verfolge die Entwicklungen im Land weiterhin aufmerksam, auch wenn globale Krisen zeitweise die Aufmerksamkeit ablenken. Deshalb sei es wichtig, Frieden und Stabilität nicht als selbstverständlich anzusehen. So wünsche er sich von der internationalen Staatengemeinschaft fortgesetztes Engagement, Geschlossenheit und strategische Geduld.
Am 5. Juni fand im montenegrinischen Tivat der EU-Westbalkan-Gipfel statt, zu dem auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) reiste. Schmidt gibt zu bedenken, Bosnien-Herzegowina sollte nicht nur durch die Brille des Krisenmanagements betrachtet werden, sondern als ein Land mit einer europäischen Identität, dessen Transformation und schließlich Integration die EU stärken würde: „Nicht zuletzt auch, weil wir in keiner anderen Region der Welt über so viel Einfluss verfügen“, so Christian Schmidt.
Eine stabilisierende Rolle spielen die Religionen für die 3,2 Millionen Landesbewohner. Der institutionalisierte interreligiöse Dialog zwischen muslimischen Bosniaken (50 %), orthodoxen Serben (31 %) und katholischen Kroaten (15 %) ist ein positives Beispiel dafür, wie unterschiedliche Glaubensrichtungen und Traditionen zusammenleben.
Viele Beobachter betonen, es gebe keinen „Kampf der Kulturen“. Was nicht heißt, dass nicht auch in Bosnien-Herzegowina Intoleranz und religiös begründete Feindseligkeit existieren. Wer über das eigene Minarett, den eigenen Kirchturm hinausschaut, tut sich wesentlich leichter mit der Versöhnung.
Solche Friedensbotschafter sind die Bosniaken Srecka und Adi Cemalovic, die selbst in ihrer in Sarajevo alteingesessenen Familie alle drei Religionen vertreten haben. Für die Witwe und ihren Sohn ist es selbstverständlich, dass sie sich um die alt gewordenen Verwandten kümmern.
Sarajevo, auch das „Jerusalem Europas“ genannt, trägt die Last der Geschichte, besitzt aber auch einen außergewöhnlichen Geist der Widerstandskraft und Offenheit. Inmitten architektonischer Vielfalt klingen hier der Muezzinruf und das Angelus-Läuten der Kirchen nebeneinander.
Selbst nach schwierigen Phasen ihrer Geschichte hat sich die Stadt eine einzigartige Energie und Würde bewahrt, ihr multikulturelles Gepräge zu bewahren und alte Konflikte zu überwinden.
Repräsentationen, die über dich herrschen. Teil 2 der Essay-Reihe von Larbi Dhaouadi (iz). Wir begegnen Ibraham zum ersten Mal in Sure 21 (Verse 51–73). Er steht seinem Volk gegenüber – […]
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„IZ-Begegnung“ mit zwei VertreterInnen von der IGMG-Jugend über das Potenzial der kommenden Generation und das laufende Programm der SES Academy..
(iz). Häufig werden junge Muslime in unserer Gesellschaft als Problem stigmatisiert und in medial vermittelten Diskursen problematisiert. Ein eindrückliches Beispiel für diese Tendenz war die vom Kanzler angestoßene „Stadtbilddebatte“.
Selbstredend ist die Wirklichkeit vielschichtiger und differenzierter. Gerade in Deutschland haben junge Muslime in vielen Bereichen Anschluss gefunden und sind aktiv als Studierende, Startup-Unternehmer und Fachkräfte tätig. Ähnlich verhält es sich mit ihrer Bindung an die hiesige Gesellschaft. Das belegt nach Ansicht der Mitwirkenden eine Studie zur IGMG-Jugend, die demnächst veröffentlicht werden soll.
Im April startete die SES Academy – ein Projekt des Islamrats in Kooperation mit der IGMG – mit einer international besetzten Auftaktveranstaltung. Das auf zweieinhalb Jahre angelegte Projekt widmet sich schwerpunktmäßig der politischen und gesellschaftlichen Weiterbildung.
Darüber hinaus soll es den Teilnehmenden die notwendigen Kompetenzen für die Teilhabe an der Öffentlichkeit vermitteln. Hierzu sprachen wir mit Zehra Karataş und Furkan Kahraman aus der Jugendarbeit des Verbandes.
Islamische Zeitung: Liebe Zehra Karataş, lieber Furkan Kahraman, können Sie sich kurz vorstellen?
Zehra Karataş: Mein Name ist Zehra Karataş und ich wurde 1985 in Duisburg geboren. Ich habe an der FH Dortmund Architektur studiert und bin seit 2021 als Leiterin der Frauen-Jugendorganisation bei der IGMG tätig.
Furkan Kahraman: Mein Name ist Furkan Karaman und ich wurde 1993 in Mühlacker geboren. Seit dem 13. Lebensjahr bin ich in der IGMG aktiv. Ich habe an der Sultan Mehmet Vakıf Universität in Istanbul Islamische Theologie studiert. 2019 bis 2020 war ich in England und habe an Sprachkursen teilgenommen. 2020 kam ich zurück nach Deutschland und bin seit 2021 als Leiter der Jugendorganisation der IGMG tätig.
Islamische Zeitung: Am Wochenende vom 11.-12. April 2026 fand die Auftaktveranstaltung der SES Academy in Köln statt. Erste Wochenendseminare sind bereits auf der Website angekündigt und das Bildungsprogramm ist auf zweieinhalb Jahre ausgelegt. Können Sie beschreiben, um was es dabei geht und welche Inhalte vermittelt werden sollen?
Zehra Karataş: Es handelt sich dabei um ein langfristiges, mehrsprachiges Programm. Es soll jungen Muslimen helfen, sich besser in Politik und Gesellschaft zu orientieren. Im Kern steht die politische Bildung.
Wir wollen die TeilnehmerInnen dazu befähigen, komplexe Themen reflektieren und einordnen zu können, statt nur oberflächlich auf Schlagzeilen zu reagieren.
Das Ganze findet in verschiedenen Formaten statt: von klassischen Wochenendseminaren bis hin zu intensiven Sommerschulen oder als digitales Angebot.
Islamische Zeitung: Richtet sich die Akademie an die eigenen Mitglieder und angeschlossenen Gemeinschaften oder generell an junge Muslime in Europa?
Furkan Kahraman: Das Programm ist ein Angebot hauptsächlich für unsere Jugend, also für Mitglieder der Jugendorganisationen. Aber es gibt ebenso Interessierte außerhalb des Verbandes. Auch sie sind willkommen. Schwerpunktmäßig richtet sich das Bildungsprogramm an 18- bis 30-Jährige.
Foto: Islamrat/SES Academy
Islamische Zeitung: Warum hat man sich für die SES Academy für den Fokus auf politische Bildung entschieden?
Furkan Kahraman: Politische Entwicklungen und gesellschaftliche Debatten überschlagen sich derzeit. Den Überblick zu behalten oder Entwicklungen zu kontextualisieren, wird für viele Menschen zunehmend schwieriger. Weltweit geschieht enorm viel, und in rasantem Tempo: in den internationalen Beziehungen, in Wirtschaft und Wissenschaft, globale Krise und Konflikte, aber auch die Entwicklung neuer Technologien wie Künstlicher Intelligenz.
Hinzu kommt, dass viele muslimische Jugendliche – auch oder gerade wegen zunehmender antimuslimischer Strömungen und gesellschaftlicher Polarisierung – den Wunsch verspüren, sich stärker einzubringen, ihre Perspektiven hörbar zu machen und gesellschaftlich mitzuwirken.
Sie besitzen einerseits ihre muslimische Identität und zugleich fühlen sie sich den Ländern, in denen sie leben, zugehörig. Gleichzeitig wird diese Zugehörigkeit immer stärker und lauter in Abrede gestellt.
Diese Fragen und Bedürfnisse werden täglich an uns herangetragen – von Jugendlichen und jungen Erwachsenen selbst. Dieser Nachfrage möchten wir nun mit der SES Academy begegnen: durch Angebote, die Orientierung schaffen, politische Bildung fördern und junge Menschen dabei unterstützen, gesellschaftliche Entwicklungen besser zu verstehen und selbst aktiv mitzugestalten.
Islamische Zeitung: Sie sprachen von „Zugehörigkeit“. In der Studie wird eine Generation muslimischer Jugendlicher beschrieben, die nicht nur qualifiziert ist, sondern sich auch mit ihrem jeweiligen europäischen Herkunftsland identifiziert. Gibt es in der Studie Befunde, die sie nicht erwartet haben?
Zehra Karataş: Was uns persönlich überrascht hat, war weniger das Ergebnis selbst, sondern vielmehr, dass sich unsere bisherigen Beobachtungen nun auch empirisch bestätigen.
Wir sehen seit Jahren, dass muslimische Jugendliche in Europa zunehmend hochqualifiziert sind und sich stark mit den Ländern identifizieren, in denen sie geboren und aufgewachsen sind. Jetzt haben wir erstmals Zahlen, die genau das unterstreichen.
Besonders ist dabei, dass die Studie klar zeigt, dass sie sich nicht von europäischen Gesellschaften getrennt betrachten, sondern sich als festen Bestandteil ansehen. Es mangelt nicht an fehlender Integration, sondern an gleichberechtigter Teilhabe und sozialer Anerkennung.
Islamische Zeitung: Ein weiterer Punkt ist die von Ihnen beschriebene „Gleichzeitigkeit“. Einerseits haben wir das Zugehörigkeitsgefühl, andererseits Gefühle von Ausschluss oder tatsächliche Ausschlussphänomene. Wie würden Sie einem breiteren Publikum diese Polarität erklären?
Zehra Karataş: Viele muslimische Jugendliche empfinden Europa ganz selbstverständlich als ihre Heimat. Sie sind hier geboren, sozialisiert und fühlen sich emotional mit ihren Ländern verbunden.
Gleichzeitig erleben viele von ihnen jedoch, dass sie sozial nicht vollständig akzeptiert werden bzw. immer wieder in eine Außenseiterrolle gedrängt werden. Dieses Spannungsfeld entsteht vor allem dadurch, dass sie häufig durch Debatten über Sicherheit, Integration oder Leitkultur betrachtet werden. So gerät aus dem Blick, welchen Beitrag sie in der Realität für die Gesellschaft leisten und wie sehr sie diese bereits mitprägen.
Die Ergebnisse zeigen eindeutig: Es gibt kein grundlegendes Problem einer mangelnden Zugehörigkeit. Im Gegenteil, Religionsgemeinschaften wie die IGMG stärken bei vielen Jugendlichen das Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer jeweiligen europäischen Heimat. Die negative öffentliche Debatte verstärkt jedoch das Gefühl von Exklusion.
Besonders auffällig ist, dass Medien bei Negativereignissen oft das Herkunftsland betonen, während bei Erfolgen die Herkunft plötzlich keine Rolle mehr spielt. Das vermittelt vielen den Eindruck, dass sie erst als vollwertige Bürger wahrgenommen werden, wenn sie außergewöhnliche Leistungen erbringen. Dieses Paradox prägt den Alltag vieler junger Menschen.
Innerlich fühlen sie sich zugehörig, äußerlich werden sie häufig ausgegrenzt. Mehr als die Hälfte erlebt Benachteiligungen im Berufsleben aufgrund ihrer religiösen Identität, und viele sprechen von alltäglichen Vorurteilen oder verbalen Angriffen.
Islamische Zeitung: Die Studie zeigt gleichzeitig, dass ein großer Teil der Befragten studiert bzw. in qualifizierten Berufen arbeitet. Sie wiederholen das klassische Migrationsschema. Nämlich, dass die zweite oder dritte Generation aufstiegswillig ist und in die Mittelschicht vordringen will. Sehen Sie da auch Chancen in diesem Aufstieg, der etwas langsamer als möglich stattfindet, aber immerhin stattfindet, für die europäischen Gesellschaften?
Furkan Kahraman: Auf jeden Fall. Wir haben es heute mit muslimischen Jugendlichen zu tun, die gut ausgebildet, mehrsprachig und sehr mobil sind. Deshalb verfügt Deutschland, aber auch Europa, über eine Generation, die bereit ist, mitzugestalten und ihren Beitrag für Europa zu leisten.
Dieses Potenzial muss erkannt und entsprechend gefördert werden. Das hätte auch international einen positiven Effekt, da in Europa viele Migrantinnen und Migranten aus verschiedenen Ländern leben. Ich bin überzeugt, dass eine Würdigung und Förderung des muslimischen Potenzials einen positiven Einfluss haben werden.
Pressefoto: IGMG
Islamische Zeitung: Ein interessanter Aspekt ihrer Studie ist, dass Religionsgemeinschaften wie die IGMG, und nicht nur sie, oft unter den Schlagworten „Parallelgesellschaft“ oder „Abgrenzung“ beschrieben werden. In der Studie bzw. in einem Beitrag sprechen Sie hingegen eher von „Brückenräumen“ als von Rückzugsorten. Was kann verbessert werden, damit sich mehr Muslime und ihre Community nicht im Gegensatz zu ihrer Religion, sondern positiv unterstützt durch sie in den europäischen Gesellschaften engagieren?
Furkan Kahraman: Damit sich mehr Muslime in Europa aktiv gesellschaftlich engagieren und ihre Religion dabei als positive Ressource erleben, braucht es vor allem drei Dinge: Anerkennung, Teilhabe und Vertrauen.
Viele muslimische Jugendliche möchten sich einbringen – gesellschaftlich, politisch, kulturell oder sozial. Sie engagieren sich bereits in Vereinen, der Bildungsarbeit oder Nachbarschaftsprojekten. Häufig erleben sie jedoch, dass ihre religiöse Identität dabei nicht als selbstverständlich wahrgenommen wird, sondern unter Rechtfertigungsdruck steht.
Deshalb braucht es zunächst ein gesellschaftliches Klima, in dem muslimisches Leben nicht permanent problematisiert wird und der Islam als Quelle und positiver Antrieb von menschen Akzeptanz findet.
Der Wunsch eines jungen Muslims nach gesellschaftlicher Teilhabe – eben aus islamischer Motivation heraus – muss die gleiche Akzeptanz und Anerkennung erfahren wie das Engagement eines Jugendlichen aus der Evangelischen Jugend Deutschlands oder dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend, der sich aus seiner religiösen Überzeugung heraus gesellschaftlich einbringen möchte.
Gleichzeitig tragen auch muslimische Gemeinschaften Verantwortung. Wir müssen Räume schaffen bzw. bestehende Räume erweitern, in denen junge Menschen lernen, dass gesellschaftliches oder politisches Engagement zusammen mit Werten wie gesellschaftliche Verantwortung, Gerechtigkeit, Solidarität oder Einsatz für das Gemeinwohl tief in unserer Religion verankert sind.
Wichtig ist außerdem, muslimische Jugendliche nicht nur als „Thema“ von Debatten zu behandeln, sondern ihnen echte Mitsprache zu ermöglichen – in Politik, Medien, Bildung und Zivilgesellschaft. Wer Verantwortung übertragen bekommt, entwickelt auch stärker das Gefühl, Teil dieser Gesellschaft zu sein und sie mitgestalten zu können.
Zehra Karataş: Der Leitsatz lautet hier: nicht verurteilen, sondern begegnen. Genau daran liegt aus unserer Sicht der Schlüssel für ein gelungenes Zusammenleben. Wir sind in einer Gesellschaft, in der Politik, Medien und andere religiöse Gemeinschaften muslimische Organisationen wie die IGMG stärker als Partner wahrnehmen sollten – insbesondere mit Blick auf ihre wichtige soziale und pädagogische Arbeit.
Insbesondere ist z. B. das Mentoring von Bedeutung, das wir für junge Menschen zwischen 13 und 17 leisten. Die Studie zeigt, welche enorme Bedeutung diese Begleitung auf ihre persönliche Entwicklung hat. Deshalb wäre es sinnvoll, muslimischen Organisationen wie der IGMG soziale Kooperationen zu ermöglichen bzw. diese zu stärken.
Islamische Zeitung: Unsere letzte Frage schlägt den Bogen zur Akademie. In der Studie wird deutlich, dass es einerseits einen großen Willen gibt, sich in europäischen Gesellschaften einzubringen. Gleichzeitig herrscht eine große Distanz zu einer klassischen Parteimitgliedschaft. Aber auch die Vorstellung, Parteien und Politik würden Muslime nicht repräsentieren. Das deckt sich mit Erhebungen von Wahlforschern, die generell bei Bürgern mit „Migrationshintergrund“ eine geringere Wahlbeteiligung feststellen. Was muss getan werden, um hier junge Menschen ins Engagement zu bekommen, damit sie Veränderungen realisieren können?
Zehra Karataş: Tatsächlich ist dieses Ergebnis sehr interessant. Die geringe Bereitschaft zur klassischen Parteipolitik bedeutet jedoch nicht, dass muslimische Jugendliche politisch desinteressiert wären oder nicht dazu beitragen möchten.
Viele engagieren sich intensiv ehrenamtlich und gesellschaftlich. Die eigentliche Frage ist, warum sich viele in den bestehenden Parteien nicht ausreichend repräsentiert fühlen. Gerade vor dem Hintergrund eines spür- und sichtbaren Rechtsrucks empfinden manche Jugendliche eine zunehmende Distanz auch zu den etablierten Parteien.
Ich glaube, wir brauchen hier auch einen stärkeren Auftrag an die Wissenschaft und an politische Institutionen, sich ehrlich mit der Frage auseinanderzusetzen, warum Muslime und Menschen mit Migrationsgeschichte trotz wachsender gesellschaftlicher Präsenz politisch weiterhin so stark unterrepräsentiert sind.
Und ebenso wichtig ist die Frage: Warum ziehen sich viele von ihnen nach kurzer Teilhabe wieder zurück oder entscheiden sich bewusst dagegen, langfristig in der Politik zu bleiben? Denn wenn man genauer hinschaut, gibt es bis heute nur sehr wenige Beispiele für nachhaltige politische Karrieren von Muslimen oder Menschen mit sichtbarer Migrationsgeschichte.
Wenn wir ernsthaft über Teilhabe sprechen, dann müssen wir auch untersuchen, warum politische Repräsentation für viele zwar theoretisch möglich erscheint, praktisch aber oft keine langfristig tragfähige Perspektive bietet.
Ich glaube nicht, dass die geringe langfristige politische Präsenz von Muslimen an mangelnder Motivation oder fehlender Einsatzbereitschaft muslimischer Jugendlicher liegt. Ganz im Gegenteil: Viele muslimische Jugendliche sind ausgesprochen engagiert.
Sie wollen anpacken, mitgestalten, Verantwortung übernehmen, gesellschaftlich aufsteigen und sich aktiv in politische und gesellschaftliche Prozesse einbringen. Sie möchten sichtbar sein, gehört werden, mitdiskutieren und ihre Perspektiven in die Gesellschaft einbringen.
Deshalb arbeiten wir daran, das soziale und politische Bewusstsein junger Menschen weiter zu stärken – unter anderem mit der SES Academy. Langfristig ist es wichtig, dass junge Menschen erkennen: Durch aktive Repräsentation und Beteiligung können sie ihre Gesellschaften nachhaltig mitgestalten.
Die Frage ist natürlich, ob sie diese Möglichkeit tatsächlich haben und, wenn man das Beispiel der Parteien nehmen möchte, inwiefern sie sich in den Parteien akzeptiert fühlen. Wenn es um Wahlen geht, werden sie zwar angesprochen.
Aber viele Jugendliche – vor allem mit muslimischem oder migrantischem Hintergrund oder auch aus anderen Religionsgemeinschaften – finden in den Wahlprogrammen kaum Bereiche, mit denen sie sich identifizieren können. Entsprechend fragen sie sich, ob sich eine Beteiligung für sie überhaupt lohnt und wen sie wählen sollen.
Islamische Zeitung: Liebe Zehra Karataş, lieber Furkan Kahraman, wir bedanken uns für das Gespräch.
In Köln hat die SES Academy ihren Auftakt gefeiert: Ein ambitioniertes Bildungsprogramm richtet sich an politisch interessierte muslimische Jugendliche in Europa.
(iz). Unter dem Motto „Identität, Verantwortung und Teilhabe: Jung und muslimisch in Europa“ kamen rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus verschiedenen Ländern zusammen, um über ihre gesellschaftliche Rolle und politische Beteiligung zu diskutieren.
Getragen vom Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland in Kooperation mit den Jugendorganisationen der IGMG, erstreckt sich das Programm über zweieinhalb Jahre mit zwölf Modulen.
Es beleuchtet Themen wie europäische politische Systeme, Religionsfreiheit, Diversität, Wirtschaft, Ökologie und Digitalisierung – ergänzt durch praxisnahe Workshops zu Rhetorik und Projektmanagement.
Der Islamratsvorsitzende Burhan Kesici unterstrich in seiner Eröffnungsrede, dass Muslime ein integraler Bestandteil der Gesellschaften seien. Staatliche Neutralität schaffe hierdurch echte Chancen für aktive Teilhabe.
Einer der prominenten Gäste war der ehemalige schottische First Minister Humza Yousaf. Er appellierte leidenschaftlich: „Seid ihr selbst – übernehmt Verantwortung für das Gemeinwohl jenseits enger Gemeinschaftsgrenzen.“
IGMG-Präsident Kemal Ergün betonte die Rolle von Muslimen als „ursprünglichen Bestandteil“ der Gesellschaften. Rechtswissenschaftler Prof. Mathias Rohe mahnte: Kenne deine Rechte und kooperiere aktiv.
Eine Studie von Prof. Mahmut Hakkı Akın (Universität Istanbul) unter 2.091 IGMG-Jugendlichen belegt starkes Zugehörigkeitsgefühl trotz häufiger Diskriminierungserfahrungen. Rohe machte deutlich, dass Muslimen dieselben Grundrechte zustünden wie anderen Religionsgemeinschaften.
Foto: Daniel M. Ernst, Shutterstock
Generalsekretär Murat Gümüş erläuterte den Hintergrund: Die Academy entstand aus dem Bedarf junger Muslime nach Orientierung inmitten von Krisen und Informationsüberflutung. Sie soll sie zu informierten, eigenständigen Akteuren formen.
Offen ist das Programm für 18- bis 30-Jährige mit guten Sprachkenntnissen in Englisch, Türkisch oder der Landessprache; die Teilnahme ist kostenlos. Bewerbungen waren bis 15. Januar 2026 möglich.
Im Jugendalter verändert sich der Körper sehr schnell: Knochen wachsen, Muskulatur nimmt zu, und das Gleichgewicht verschiebt sich. (The Conversation). Viele Jugendliche verlieren in dieser Phase sichtbar an Koordination, stolpern […]
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Nahostkrieg, Flüchtlingskrise, Konflikte – der Verein Coexister geht dem nicht aus dem Weg, sondern macht das Miteinander zwischen Religionen und Weltanschauungen möglich. Und bekam dafür jetzt einen wichtigen Preis. (KNA). […]
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Eine Kolumne der Sexualtherapeutin Magdalena Zidi: Warum wir mit Kindern über Pornografie sprechen müssen.
(iz). „Mama, was ist Sex?“ – Wenn diese Frage aus dem Kindermund kommt, zucken viele Eltern innerlich zusammen. Noch unangenehmer wird es, wenn Kinder uns Dinge erzählen, die sie irgendwo aufgeschnappt – oder bereits gesehen – haben: „Ich hab ein Video gesehen, da hat ein Mann einer Frau wehgetan, die waren nackt und sie hat komisch geschrien.“ Das ist nicht Fiktion, sondern Realität in vielen Familien. Und oft ist es dann schon zu spät. Zu spät, um den ersten Eindruck zu korrigieren.
Warum es so wichtig ist, DAVOR zu sprechen
In meiner Praxis als Sexualtherapeutin und Sexualpädagogin begegnen mir immer wieder Jugendliche, deren erstes Wissen über Sexualität nicht durch Gespräche mit vertrauten Erwachsenen geprägt wurde, sondern durch Pornografie. Oft konsumieren Kinder schon mit 9 oder 10 Jahren erste pornografische Inhalte – unfreiwillig oder aus Neugier. Studien zeigen: Der durchschnittliche Erstkontakt mit Pornografie liegt heute bei etwa 11 Jahren – Tendenz sinkend.
Pornos sind heute nicht mehr versteckt in der hintersten Ecke einer Videothek, sondern einen Klick entfernt – auf dem Handy, im Tablet, im WLAN des Schulbusses. Und das Problem ist nicht nur der Zugang, sondern der Inhalt. Egal wieviele Filter oder Kindersicherungen wir installieren – früher oder später werden Kinder mit pornografischen Inhalten konfrontiert. Das, was in den meisten Pornos gezeigt wird, hat mit gesunder, verantwortungsvoller oder liebevoller Sexualität nichts zu tun. Es geht um Macht, Unterwerfung, Schmerz und unrealistische Bilder von Körpern und Beziehungen. Wer seine ersten Eindrücke von Intimität aus solchen Quellen gewinnt, erhält ein zutiefst verzerrtes Bild von Sexualität – und damit auch von sich selbst.
Deshalb ist es unsere Verantwortung als Eltern, Erziehende und muslimische Gemeinschaft, das Gespräch über Sexualität nicht zu tabuisieren, sondern zu gestalten.
Foto: olsima, Freepik.com
Aber ist es islamisch, mit Kindern über Pornografie zu sprechen?
Diese Frage wird mir häufig gestellt – und sie ist absolut berechtigt. Wenn dich dieser Artikel bisher empört, dann frag dich bitte, wie du selbst zum ersten Mal mit solchen Inhalten in Berührung gekommen bist? Gab es damals schon so viele Möglichkeiten im Internet wie heute? Haben deine Bezugspersonen mit dir über Körpergrenzen und Sexualität gesprochen? Hast du als junger Mensch nicht auch Unsicherheit verspürt und dich damit manchmal allein gelassen gefühlt? Im Islam gibt es klare Grenzen und gleichzeitig eine tiefe Weisheit im Umgang mit der menschlichen Sexualität. Allah hat die Sexualität nicht erschaffen, um sie zu verdrängen, sondern um sie zu ehren – innerhalb bestimmter ethischer und spiritueller Rahmen.
Der Prophet Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, war offen in Fragen der Sexualität, wenn es darum ging, seine Umma zu lehren – angepasst an Alter, Geschlecht und Reife seiner Zuhörenden. In der islamischen Geschichte gibt es zahlreiche Werke, die sich mit der Psychologie, Ethik und Spiritualität von Intimität beschäftigen. Was wir heute oft als „Tabuthema“ empfinden, war früher ein Teil der islamischen Bildung, eingebettet in Haya’ (Schamhaftigkeit) und Adab (guter Charakter).
Also ja: Es ist islamisch, mit Kindern über Pornografie zu sprechen – wenn wir es auf angemessene, feinfühlige und entwicklungsorientierte Weise tun. Es ist islamisch, unsere Kinder zu begleiten, bevor sie mit falschen Bildern geprägt werden.
Die Gefahr des Schweigens
Viele muslimische Eltern schweigen aus Angst, Unwissenheit oder falschem Schamgefühl. Doch dieses Schweigen hinterlässt einen Raum – und dieser Raum wird gefüllt. Mit Halbwissen. Mit Bildern aus dem Internet. Mit Gesprächen auf dem Schulhof. Mit Serien, Filmen oder TikTok-Trends. Schweigen schützt nicht – es liefert aus.
Ein Kind, das das erste Mal mit Pornografie konfrontiert wird, hat keine Worte, um zu beschreiben, was es gesehen hat. Es hat keine Werkzeuge, um es einzuordnen. Und häufig entwickelt es daraus Scham, Angst, Ekel – oder im Gegenteil: Neugier, die in eine ungesunde Richtung kippt. Kinder brauchen Begriffe, Wissen und Orientierung – nicht erst, wenn der Schaden passiert ist, sondern vorher.
Was macht Pornografie mit Kindern und Jugendlichen?
Aus therapeutischer Sicht wirkt Pornografie auf junge Menschen oft toxisch. Hier ein paar typische Effekte.
Realitätsverzerrung: Kinder und Jugendliche glauben, dass Sexualität genau so „funktioniert“ wie in Pornos. Das kann zu Enttäuschung, Leistungsdruck oder auch Angst vor körperlicher Nähe im Erwachsenenalter führen.
Verlust der natürlichen Schamgrenzen: Wiederholter Pornokonsum kann Haya (gesunde Scham) abbauen und emotionale Abstumpfung fördern.
Suchtentwicklung: Besonders bei Kindern und Jugendlichen mit ungestillten emotionalen Bedürfnissen (z. B. Nähe, Zuwendung, Sicherheit) kann Pornografie eine kompensierende Rolle einnehmen – bis hin zur Abhängigkeit.
Beeinträchtigung des Selbstbilds: Viele Jugendliche vergleichen sich mit den dargestellten Körpern, Rollen oder „Leistungen“. Selbstzweifel, Komplexe und Schamgefühle können die Folge sein.
Störung der Beziehungsfähigkeit: Wer früh lernt, dass Sexualität „funktionieren“ muss wie ein Klick-Video, wird später Schwierigkeiten haben, echte Nähe, Zärtlichkeit und gegenseitige Verantwortung zu leben.
Wie kann eine islamische Begleitung aussehen?
Wir brauchen keine Angst vor Aufklärung haben – wenn sie altersgerecht, islamisch fundiert und beziehungsorientiert gestaltet ist. Hier sind zentrale Prinzipien, die wir muslimischen Eltern und pädagogischen Fachkräften an die Hand geben können:
1. Sprich, bevor das Internet es tut: Der Grundsatz lautet: Erst die Beziehung, dann die Information. Kinder müssen spüren, dass sie mit allen Fragen zu dir kommen dürfen. Je früher das Vertrauensverhältnis aufgebaut wird, desto leichter wird das Gespräch über schwierige Themen. Ebenso ist es hilfreich, wenn Fragen rund um Körperlichkeit von Geburt an einen Raum finden. Dann lernt dein Kind, dass es auch bei solchen Themen zu dir kommen kann, ohne verurteilt zu werden. Dabei gilt: Du musst nicht alles auf einmal erklären – aber du musst da sein, wenn dein Kind fragt. Und manchmal auch, wenn es nicht fragt.
2. Benutze klare Begriffe – ohne Vulgarität: Islamische Pädagogik bedeutet nicht, Dinge zu verschweigen, sondern sie in Würde zu benennen. Statt „eklig“ oder „verboten“ zu sagen, können wir erklären: „Pornografie zeigt eine entstellte Form von Nähe, die Allah nicht für uns möchte.“ Oder: „In solchen Videos wird nicht gezeigt, was wahre Liebe, Verantwortung und gegenseitiger Respekt bedeuten – und das ist im Islam sehr wichtig.“
Verwende Begriffe, die Kinder verstehen, aber auch einen moralischen Rahmen setzen: Respekt, Verantwortung, Würde, Liebe, Ehe, Scham, Grenzen. Auch Genitalien sollten bei ihren medizinisch korrekten Bezeichnungen benannt werden und nicht als „Pipimax“, „Pipifrau“ oder „Muschi“.
3. Lehre Haya (Scham) als Schutz – nicht als Mauer: Haya bedeutet nicht Schweigen oder Tabuisieren. Haya bedeutet, das Gute zu kennen – und das Schlechte zu vermeiden. Wer seine Kinder islamisch begleitet, spricht offen, aber in Adab. Wir müssen Kindern beibringen, wie sie sich selbst schützen können, ohne Angst zu machen. Und wie sie über das, was sie sehen, sprechen dürfen – ohne sich schuldig zu fühlen.
Beispiel: „Wenn du mal etwas siehst, was sich komisch anfühlt oder was dich verwirrt – du darfst immer zu mir kommen. Es ist nicht deine Schuld. Aber es ist meine Aufgabe dich zu schützen und dir zu helfen.“
4. Stärke das Herz – nicht nur den Filter: So wichtig technische Schutzmaßnahmen sind (Jugendschutzfilter, Bildschirmzeiten, kein unbegrenzter Internetzugang), so entscheidend ist die innere Stärke. Kinder müssen lernen, warum sie bestimmten Dingen nicht folgen. Und das kommt nur durch spirituelle Bildung und echte Herzensbindung.
Zeige deinem Kind, dass Allah nicht der Strafende ist, der „sieht, wenn du etwas Falsches machst“ – sondern der Liebevolle, der möchte, dass du dich selbst achtest; dass dein Körper ein Geschenk ist. Dass Intimität etwas Kostbares ist, das in einem sicheren, islamischen Rahmen wachsen darf.
Was tun, wenn mein Kind bereits Pornos gesehen hat?
Zunächst: Ruhe bewahren. Nicht schreien, nicht schimpfen. Dein Kind hat ohnehin schon eine emotionale Überforderung erlebt. Jetzt braucht es dich als sicheren Hafen.
1. Fragen statt Vorwürfe: „Was hast du gesehen? Wie hast du dich dabei gefühlt?“ – Das öffnet Räume, statt sie zu schließen.
2. Benennen, ohne zu bewerten: „Du hast etwas gesehen, das sehr viele Menschen schauen, aber was trotzdem nicht gut für uns ist. Ich erkläre dir warum.“
3. Islamische Orientierung geben: „Allah liebt uns so sehr, dass Er uns schützt. Pornos tun unserem Herzen nicht gut. Es ist okay, dass du neugierig warst. Aber ich helfe dir, besser damit umzugehen.“
4. Alternativen anbieten: Bücher, Gespräche, altersgerechte islamische Medien oder kreative Projekte über Körper, Liebe und Schöpfung können die Neugier umlenken.
Foto: Aaron Amat, Shutterstock
Fazit: Eine Umma, die schweigt, verliert ihre Kinder
Unsere Kinder wachsen nicht im Vakuum auf. Sie leben in einer digitalen Welt, in der der Zugriff zu sexuellen Inhalten nur ein Klick entfernt ist. Wenn wir als muslimische Familien, Moscheegemeinden und Bildungseinrichtungen nicht die Verantwortung übernehmen, wird das Internet es tun. Und das – gnadenlos.
Lasst uns unsere Kinder nicht mit Scham, Angst oder Verboten überfordern – sondern mit Liebe, Wissen und islamischer Orientierung stärken. Lasst uns Räume schaffen, in denen sie fragen dürfen, staunen dürfen, verstehen dürfen. Und lasst uns nicht vergessen: Die Sexualität ist kein Feind – sie ist ein Geschenk von Allah. Aber nur dann, wenn wir sie als solches vermitteln.
Über die Autorin: Magdalena Zidi ist Sexual- und Traumapädagogin sowie Sexualtherapeutin. Unter dem Namen „sexOlogisch“ begleitet sie Jugendliche, Eltern und Paare in sensiblen Fragen rund um Körper, Intimität und Beziehung einfühlsam und fachlich fundiert – online wie offline.
Mehr zu ihrer Arbeit, ihrem Podcast, Instagram-Kanal und Beratungsangebot unter: www.sexologisch.com
Welche Folgen haben u.a. soziale Medien für die Qualität der Bildung von muslimischen Kindern und Jugendlichen? Ein Essay über die Herausforderungen des Alltags.
(iz). Es ist spätabends in einem Hamburger Stadtteil. Wie in vielen Großstädten sitzen Jugendliche dicht gedrängt in stickigen Shisha-Cafés. Auf den Tischen stehen Energy Drinks, in den Händen Shisha-Schläuche, aus den Fernsehern werden vollaufgedrehte Musikvideos ausgestrahlt, die jegliche Unterhaltung unmöglich machen. Doch selbst wenn es leiser wäre: Es gäbe ohnehin wenig Gesprächsbedarf. Alle starren auf ihre Smartphones, die mittlerweile smarter sind, als die Jugend selbst. Von Abdelsamit Demir
Doch ich will weniger über die Cafés und das Rauchen an sich berichten als über die Jugend. Ich will darüber grübeln, weshalb soziale und religiöse Jugendzentren mit verschiedensten Beratungs- und Veranstaltungsangeboten inklusive professioneller Begleitung an Zugang abnehmen, während o.g. Locations jugendgewinnend sind.
Es gibt viele Ursachen für die geistige sowie soziale Abwesenheit, doch eines ist wohl sicher das Nichtvorhandensein von spirituellen und ethischen Vorbildern. Dazu kommt ein Kaleidoskop an weltlichen Entertainment-Konzepten.
Einen wichtigen Aspekt bilden dabei die sozialen Netzwerke, in denen jeder ein scheinbar hervorragendes Leben präsentiert. In jeder Ecke werden Posts und Snaps gemacht und auf verschiedenste Art posiert, immer darauf fokussiert, andere zu übertrumpfen, um besonders dazustehen und mehr Klicks und Likes zu erhalten. Ungesund und asozial ist der neue Hype.
Orte beispielsweise werden nicht nur ausgesucht, weil sie qualitativ gut, sondern eben angesagt sind. Seit Gründung und Verbreitung dieser sozialen Netzwerke wurde ebenso eine künstliche Parallelwelt geschaffen, in der jegliche moralische Normen und Regeln des freundlichen und friedvollen Miteinanders keine Rolle mehr spielen und diskriminierende, beleidigende Hasskommentare an der Tagesordnung stehen.
Vor nicht allzu langer Zeit hatte man Beispielsweise Aussichten und Momente genossen. Heutzutage werden sie nur noch auf sozialen Medien festgehalten. Ohne Geschmack, Feinfühligkeit und Vision gleitet die Jugend aus den Fugen. Bücher schmücken nur noch die Regale und nicht mehr das menschliche Hirn.
Nicht ein grammatikalisch korrekter Satz ist zu hören, ganz abgesehen vom Schreibstil und den Emojis auf WhatsApp. Dinge bestellt man nicht mehr, weil sie gut schmecken, sondern abstrakt präsentiert werden. Neologismen und kulturelle Begriffe werden entwickelt, aufgeschnappt und dem Wortschatz hinzugefügt, ohne zu wissen, in welchen Kontexten sie eigentlich verwendet werden und wofür sie stehen. Abstrakte und dekadente Lebensweisen und Gewohnheiten werden als Lifestyles verkauft.
Doch kommen wir zum Kernproblem: Wir verzeichnen einen enormen Verlust an motivierten, moralischen, gebildeten und kosmopolitischen Vorbildern. Persönlichkeiten, die Jugendlichen Orientierung geben – durch Vorleben, nicht nur durch Worte.
Diese Lücke wird zunehmend von digitalen „Idolen“ gefüllt, die oft fragwürdige Botschaften vermitteln. In einem solchen Vakuum übernehmen Algorithmen, Likes und ominöse Influencer die Kontrolle, doch im echten Leben benötigen Junge Menschen reale Bezugspersonen, an denen sie sich orientieren können.
In der Sichtung der Plattformen sind verschiedenste, heterogene Akteure zu erkennen, die islamisches Content präsentieren. Und das Geschäft boomt. Sie agieren oft autodidaktisch, nutzen ihre medialen Kompetenz und durch ihre Sprachwelt wie z.B. einfaches deutsches Sprachniveau, Jugendjargon und wiederkehrende Floskeln sind sie für das junge Publikum nahbar und für den Algorithmus relevant.
Sie sind aus dem „islamistischen“ Milieu heraus entstanden, die frühzeitig das riesige Potenzial dieser Plattformen erkannt haben, weshalb ähnliche bis identische Inhalte bis heute erhalten geblieben sind.
Dazu gehören die genannte vereinfachte Sprache für die leichte Konsumierbarkeit, Schaffung von einer „Wir und die Anderen“-Rhetorik und Feindbilder sowie Emotionalisierung. Hatte man damals noch auf Youtube stundenlange Vorträge angeschaut, sind es heute nur noch Sekunden auf Tiktok und Instagram, in denen Entertainment, Trash sowie „Koran und Sunna“ aufeinandertreffen.
Klassische Jugendhäuser und Gemeinden wirken auf viele Jugendliche daher oft nicht mehr ansprechend. Was wir daher dringend brauchen, ist eine neue Generation von jungen, dynamischen, gut ausgebildeten und weltoffenen Vorbildern. Junge Menschen, die sichtbar attraktive und zeitgemäße Angebote anbieten und Verantwortung übernehmen.
Junge Imame, die digitale Räume mitgestalten, aber auch präsent sind in der Gemeinde. Junge Mediatoren, die die Jugendlichen mit all ihren Problemen, Fragen und Sehnsüchten ernst nehmen und ihnen neue Wege aufzeigen. Persönlichkeiten, die nicht nur über Werte sprechen, sondern sie leben – sichtbar in beiden Welten und so in der Lage sind, Brücken zu schlagen zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Spiritualität und Alltag, zwischen digitaler Präsenz und realen Begegnungen.
Denn die muslimische Jugend von heute lebt im Spannungsfeld zwischen Herkunft und Heimat, zwischen religiösem Anspruch und gesellschaftlicher Realität. Sie suchen krampfhaft nach Orientierung, nach Identität. Weil sie genau darin von Familie, Moschee und Gesellschaft allein gelassen werden, fliehen sie in die virtuelle Welt, in denen ihnen schnelle, einfache Antworten und klare Codes für das Leben erhalten.
Daher ist zu sagen, dass sie junge Vorbilder benötigt, die sie begleiten und ihnen auf Augenhöhe begegnen. Die muslimische Jugend ist nicht verloren. Sie wartet sehr dringend auf Lotsen. Diese sollen keine perfekten Menschen sein. Es sollen Menschen sein mit Haltung, Herz, Kreativität und Substanz.
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