, ,

Lifecoach Rishad Ahmed: „Einfach mal in Ruhe sitzen“

mütter

Insbesondere die Erfahrung in der Pandemie und ihre Einschränkungen haben viele Menschen vor existenzielle Momente in ihrem Leben gestellt. Viele fragen sich jetzt, ob sie nicht etwas anderes sollten.

Im folgenden Interview spricht der Lifecoach Rishad Ahmad über die Wichtigkeit der Selbsterkenntnis, der Befreiung von inneren Zwängen und darüber, warum Verlernen eine wichtige Eigenschaft ist.

Frage: Rishad Ahmad, Sie widmen Ihr berufliches Leben, anderen zu mehr Selbstwahrnehmung und -erfahrung zu verhelfen. Vielleicht können Sie uns kurz in die Tätigkeit eines Lebensberaters oder Lifecoaches einführen.

Rishad Ahmad: Weisheit muss befolgt werden, selbst wenn das unseren rationalen Verstand übersteigt. Der Grund, warum die meisten unsicher sind, wenn es um Qualität des Lebens geht, ist, dass es im herkömmlichen Maße keinen Sinn ergibt. Es ist für mich essenziell keine rationale Erforschung.

Meine Herkunft liegt in einer traditionell muslimisch-indischen Familie. Ich musste erst den Sinn entdecken. Uns wurde gelehrt, gute Väter zu sein. Und dass der Zweck unserer Existenz darin bestünde, Geschäftsmann, reich, bekannt und erfolgreich zu sein. Das hatte ehrenhafte Seiten wie: In der Moschee zu sein, zu beten oder Zakat zu bezahlen. Und all das war großartig. Aber warum machte ich diese Dinge? Diese Fragen stellten wir nicht.

Frage: Wir akzeptieren die Sachen, wie sie sind. Blicken wir in die Geschichte, dann geschieht Veränderung immer durch Menschen. Nützlicher Wandel zu Gerechtigkeit und positiven Dingen wird von aktiven Charakteren geführt; ob das der Prophet, möge Allah ihn segnen und Frieden geben, seine Gefährten oder andere sind. Das müssen aber nicht immer die Großen sein. David gegen Goliath, Johanna von Orleans oder Wilhelm Tell waren normale Menschen.

Rishad Ahmad: Es gibt einen anderen Aspekt des Helden. Wenn wir auf seinen Weg blicken, ist das die Reise des Individuums zum inneren Helden und zu seiner Entdeckung. Natürlich braucht es Vorbilder dafür. Der nötige Raum dafür kann sich im Lärm des rein rationalen Denkens nicht entfalten. Wir müssen diesen in uns eröffnen und entdecken, wer wir sind.

Ohne Kenntnis des eigenen Selbst gibt es keine Möglichkeit, das Göttliche zu erkennen.

In diesem Moment ist der Held jede einzelne Person. Finden wir heraus, was und wer wir sind, nähern wir uns den Menschen an, die ihr Selbst gefunden haben. Und gemeinsam kann etwas Gutes entstehen. Dann entstehen organisch harmonische Muster.

Frage: Es handelt sich um eine Entdeckungsreise. Darauf aufbauend möchte ich zwei Fragen stellen. Was ist mit jemandem, der sagt, dass die Dinge so sind? Und was ist mit der Person, die nicht an der Beschäftigung mit ihren Ängsten interessiert ist?

Rishad Ahmad: Kein Interesse zu haben an der Bewältigung von Angst ist tatsächlich die Übernahme persönlicher Verantwortung. In dieser Formulierung ist das eine selbst-ermächtigte Aussage. Wenn jemand von dem Entschluss spricht, etwas nicht tun zu wollen, ist das eine Entscheidung.

Es gibt im Coaching und in der Psychologie etwas, das wir erlernte Hilflosigkeit nennen. Erziehung und Gesellschaft lehren uns, manchmal die Dinge hinzunehmen, wie sie sind. Und  dies wächst sich zu einem Glaubenssystem aus. Das ist ein Zustand, der in vielen von uns herrscht, wenn wir meinen, wir könnten eine Sache nicht ändern.

Sich hinzusetzen, eine Sache zu erkennen, sie festzuhalten und sich dann zu sagen, ich suche mir die nötige Hilfe, ist ein zu großer Schritt für viele. Wir haben Hilflosigkeit erlernt und Gesellschaft hat daran einen großen Anteil. Einerseits denken sie, dass man für alles kämpfen sollte, woran man glaubt. Das ist es, was sie dir sagen. Dein Glück ist das Wichtigste. Kämpfe dafür. Das ist definitiv nicht der Fall.

Aber was man uns nicht sagt, ist, dass der Grund, warum wir überhaupt nach Glück suchen, der ist, dass dieses ganze System auf einer kapitalistischen oder konsumistischen Ideologie basiert. Sie besagt, dass wir nie genug haben werden. Wir werden immer über unsere Schulter auf denjenigen schauen, der mehr leistet. Diese Psychose bestätigt nur den Glauben, dass man nicht gut genug ist. Und dann sagen sie: Aber du bist stark genug, um zu tun, was du willst.

Dank all der Unterhaltung sitzen wir im Sessel, ohne einen Finger zu rühren. Der Bildschirm ist eine Hauptursache, denn wir erfahren dank ihm ein Leben, als hätten wir es tatsächlich geführt. Wir sitzen aber weiterhin vor dem Schirm. So verlieren wir weitere Handlungsfähigkeit. Was angesichts der Wahlfreiheit recht ironisch ist und uns weiter verwirrt. Das ist eine Sache, die sich Analyselähmung nennt.

Frage: In der Welt der sozialen Medien postet jede/r ihre/seine Meinung; allen voran Influencer. Jeder richtet sich dort in der eigenen Nische ein. Nach welcher Meinung sollen wir uns richten?

Rishad Ahmad: Wenn es um Meinungen geht, ist das Ganze offenkundig subjektiv und richtet sich nach dem eigenen Kenntnisstand.

Frage: Viele sind mit Marketing verbunden und erhalten Zahlungen für Meinungen. Geht es nur um die jeweilige Meinung oder darum, welcher Person man vertraut?

Rishad Ahmad: Das ist ein guter Punkt. Was wir tun müssen, ist, zuerst das Denken zu lernen. Warum suchen wir draußen nach Informationen? Eine Sache, vor der viele meiner Klienten stehen, ist die große gesellschaftliche Verwirrung. Auf der einen Seite haben sie all die Wahlmöglichkeiten. Und auf der anderen gibt es Phänomene wie Amazon, die unsere Entscheidung vorformatieren.

Wir kommen wieder zum Punkt der richtigen Entscheidung zurück. Wenn wir ihn begreifen, verstehen wir das Leben. Wenn wir den rationalen analytischen Rahmen auf alles anwenden, gibt es keine Garantie, dass unsere Entscheidung richtig sein wird. Viele meiner Klienten verwenden viel Zeit auf das Gefühl, dass ihnen die nötige Klarheit fehlt. Wie weiß ich, was ich tun soll? Was ist die richtige Entscheidung? Sie fühlen sich so gelähmt. Und was passiert dann? Meistens setzen sie sich aufs Sofa zurück.

Beispielsweise hatte ich mich entschieden, nach Kapstadt zu ziehen, um was Neues anzufangen. Ich stand vor der Wahl, entweder eine mittelmäßige Wohnung anzumieten, die ich mir knapp leisten konnte, oder eine schöne, die mein Budget überspannte. Als ich nicht weiter wusste, rief ich meine Mutter an. Sie riet mir, diejenige zu nehmen, die mir gefiel. Bei der richtigen Wahl werde das Geld kommen. Und was ist passiert? Ich nahm die Bessere und am Ende des Monats kam das Geld; ich weiß nicht einmal woher. Die rein rationale Entscheidung mit Für und Wider hätte zu einem anderen Ergebnis geführt.

Eine Sache, zu der ich rate, um die Analyselähmung zu überwinden: gehen Sie in ein Restaurant und bestellen Sie das Erste, was sie auf der Speisekarte finden. So lernen Sie, Ihrer Intuition zu vertrauen.

Frage: Das erinnert mich an die Dada-Bewegung. Sie war ein wichtiger Einfluss auf das, was später der Surrealismus mit beispielsweise Max Ernst oder Salvador Dali werden sollte. Eine ihrer Techniken war der Automatismus, mit der Sie Kunst unter Umgehung der bewussten Kontrolle schufen.

Rishad Ahmad: Man geht über Logik hinaus. Wir dürfen nicht missverstehen, dass unser Verstand, unser Gehirn sowie unsere Fähigkeit, zu denken, wahrzunehmen und durch die Welt zu gehen, wunderbare, uns zur Verfügung stehende Werkzeuge sind. Es geht nicht darum, den Verstand abzuschalten, sondern vom Herzen aus zu führen. Es geht darum, dieses kraftvolle Organ der Schlussfolgerung zu nutzen, auf jene Entscheidung zu kommen, die das Herz angedeutet hat.

Frage: Sie erwähnten das Verlernen. Und meine Frage an Sie lautet: Müssen wir nicht lernen, uns selbst zu finden, sondern vielmehr all den Ballast loswerden, der uns daran hindert zu wissen, wer wir sind?

Rishad Ahmad: Ja. Wenn jemand sagt, ich muss herausfinden, wer ich bin, dann kannst du das nur tun, indem du zuerst herausfindest, wer du nicht bist. Denn wenn man das, was man nicht ist, aus dem Weg räumt, wird man mit leuchtenden Augen auf das starren, was bleibt. Und die Essenz der Selbstentdeckung ist der Prozess des Verlernens all dessen, was du gedacht hast und was du dachtest, dass du bist. Diese Gedanken werden zu Dingen, die uns zu Glaubenssätzen führen. Und dann wird der Glaube zu etwas, an dem wir festhalten. Aber warum glaubst du das?

Der Entdeckungsprozess ist im Grunde genommen immer derselbe. Es handelt sich nicht um eine Lehre, die so vielfältig und unterschiedlich ist. Es ist die Essenz des Lebens. So gibt es eine Technik, die die Yogis praktizieren, die Vipassana heißt. Das ist ein Prozess des Sitzens in Stille. Mit anderen Worten: Sitzen, Schweigen und nicht reden. Ein Teil eines Rückzugs besteht darin, dass man zehn Tage lang zehn Stunden am Tag nicht spricht, nichts tut, sondern mit geradem Rücken in einer Haltung sitzt und nur zuhört oder einfach nichts tut.

Wenn du in der Stille sitzen und dir selbst begegnen kannst, entdeckst du dein Selbst. Du bist dieses unglaublich komplexe und illusionäre Ding, das du aus deinen Gedanken, deinen Überzeugungen, deinen Mustern, deinen Schmerzen und deiner gesamten Wahrnehmung konstruiert hast. Und wenn du da sitzt und dich zwingst, zu sitzen und zu beobachten, während du dir bewusst machst: ich bin müde. Nein, du bist nicht müde. Du fühlst dich müde. Das Auge ist dasjenige, das beobachtet, du bist der Beobachter. Ich fühle mich also nicht selbst, wenn wir ein Problem mit Selbstwertgefühl haben. Ich mag nicht, wie ich aussehe. In wessen Augen? Meiner Meinung nach. Mir gefällt nicht, wie ich aussehe. Wer ist also das Ich, das mich anschaut? Wenn man herausfindet, wer das Ich ist, dann gelangt man zur Quelle des Lebens.

Sie ist das Göttliche. Und etwas, zu dem wir streben. Rumi hat das gesagt sowie viele andere vor und nach ihm. Aber es ist der Einzelne, der seine Essenz, Stimme, Weisheit, Intuition und Stimme im Inneren entdecken muss. Wenn man diesen Prozess der Selbstfindung beginnt, kann das sehr schmerzhaft und beunruhigend sein. Ich wusste nicht, wie beunruhigend das ist. Und es erfordert großen Mut. Ich glaube, es war Rumi, der sagte, dass die größte Reise, die man jemals macht, die ins Innere ist.

Frage: Mit was soll man den Anfang machen, um voranzukommen?

Rishad Ahmad: Der erste Schritt besteht darin, die Augen zu schließen, sich an einen Ort der Stille zu begeben und zu beginnen, die Gedanken zu beobachten. Sie bestimmen unser Leben. Wir denken zwischen siebzigtausend und achtzigtausend Mal am Tag. Niemand hat je daran gedacht, sich ihre Quelle anzusehen. Wir beginnen zu erkennen, dass achtzig Prozent die gleichen Muster haben und die gleiche Geschichte darüber wiederholen, wer wir sind. Fangen wir damit an und stellen diese kraftvolle Frage, die den Gedankenprozess ausschaltet, uns aber Zugang zu der wahren Essenz dessen verschafft, was wir sind.

Ich frage mich, was ich als Nächstes denken werde. Wir distanzieren uns augenblicklich, was uns Zugang zu erstaunlichen Entdeckungen verschafft: Dass wir nicht unsere Gedanken sind. Das heißt, wenn du einen Gedanken denkst, wirst du nicht zu ihm. Anstatt also zu sagen, ich bin traurig, sagst du, ich fühle mich traurig. Es findet eine Trennung statt, und wir befinden uns jetzt in einem Zustand der Ermächtigung, weil wir nicht mehr derjenige sind, der reagiert. Wenn man anfängt, die Gedankenmuster zu erkennen, entsteht Klarheit und Frieden. Die Menschen wollen dieses Glück. Und ich sage: Nein. Glück wird man niemals außerhalb von einem selbst finden.

Es gibt kollektive Gedankenmuster. Wir halten uns für originell, aber jeder auf dem Planeten meint das Gleiche. Sie nehmen nur unterschiedliche Formen bei verschiedenen Punkten an. Aber kaum jemand denkt selbst und eigenständig. Der einzige Weg zu einer Antwort besteht darin, aus diesem Gedankenspiel herauszutreten.

Das Interview wurde erstmals von Abdullah Dutton im Podcast „In Search of a Mulim Hero“ im Mai 2021 veröffentlicht.

,

Das Nichtstun: Zum persönlichen Wohlbefinden zählt auch die Gelassenheit

bücher ruhe wohlbefinden

Unsere Gesellschaft ist auf Arbeit gegründet. Sie ist so strukturiert, dass wir tätig sein müssen. Die Wirtschaft beruht auf Kredit oder Schulden, sodass wir, die verschuldet sind, schaffen müssen, um Schulden zu bezahlen.

(iz). Man kann in jedes Lehrbuch der Ökonomie schauen, um dies bestätigt zu finden. Verbindlichkeiten halten die Welt am Laufen und lassen einen schaffen. Sie treiben unser Bruttosozialprodukt voran. Arbeit beschafft das Geld, um den Hauskredit zu bedienen, sie bezahlt die Rechnungen und sichert sie gleichzeitig.

Diese Neigung zur Arbeit war nicht immer unser Zustand. Was wir als gegeben betrachten, ist eine recht neue Sache. Die fünftägige Arbeitswoche wurde während des 19. Jahrhunderts im industrialisierten Norden Britanniens eingeführt. Allgemein verbreitete sie sich erst in den 1870ern. Neben der Sonntagsruhe gab sie den Arbeitern am Samstag frei.

Im Gegenzug mussten die Arbeitskräfte am Montag nüchtern erscheinen. Das moderne Wochenende war geboren! In den USA wurde sie spät 1938 mit dem Gesetz für gerechte Arbeitsrichtlinien festgesetzt. Dieses schuf erst die bekannte Wochenarbeitszeit von 40 Stunden.

Die USA und Großbritannien legten damit einen verbindlichen Standard fest, dem alle folgten, um die weltweiten Märkte zu synchronisieren. Die arabische Welt schloss sich dem Trend erst in diesem Jahrzehnt an. Auch unsere globale Gesellschaft basiert auf Arbeit. Benjamin Franklin sagte: „Es ist der arbeitende Mann, der der glückliche Mann ist. Es ist der untätige Mann, der der elende Mann ist.“

Und jeder meiner Bekannten weiß, dass ich ein Workaholic bin. Trotzdem widerspreche ich ihm. Ich habe die moderne Welt gesehen: gestresst, überarbeitet und verschuldet. Daher möchte ich die unglaublichen Segnungen des Müßiggangs loben.

Seine Vorteile sind mir erst wieder im Erwachsenenalter begegnet. Nachdem ich durch ein Studium meinen Körper und Geist erschöpfte und zum Kollaps brachte, wurde ich krank. Ich erschöpfte mich im Versuch, herauszufinden, wie wir uns als Zivilisation in diese widersprüchliche Lage manövrierten, in der wir uns heute wiederfinden. Ich dachte, ich würde sterben! Dann traf ich den Heilpraktiker Hakim Salim Khan, der mich drei Jahre lang vom Studium verbannte.

Erst an diesem Punkt begann die Heilung. Müßiggang rettete sprichwörtlich mein Leben! Und während ich mich erholte, brauchte ich etwas zu tun. Ich entschied mich für die Wiederentdeckung der Kampfkünste, aber mein Körper war zu schwach. Simple Liegestütze führten bei mir zu Herzklopfen und Zittern.

Das führte mich auf eine Reise, die mich zu den inneren Kampfkünsten Chinas brachte sowie zur in den Wahnsinn treibenden Übung des „Stehens, ohne etwas zu tun“. Wenn ich mit dem Stehen aufhören und richtig kämpfen wollte, pflegte einer meiner Lehrer zu sagen: „Ruhe ist sparen und Bewegung ist ausgeben.“

Und so blieb ich beim Nichtstun und endete mit einem Körper, der stärker war als vor meiner Krankheit. Meine Erholung baute auf dem Fundament dreier müßiger Jahre auf, denn ich entdeckte, dass Muße nicht Sünde ist, wie es uns immer gelehrt wird.

Einmal plauderte ich mit Dr. Rod Paton. Er schrieb das Buch „Lifemusic – Connecting People to Time“. Das Konzept bringt Leute zusammen, um in Gruppen musikalisch zu improvisieren. Sie entdecken, dass Musik in ihnen ist und sie durchquert, während sie sich begegnen und ihre tiefe Spontanität und kreativen Impulse ausdrücken.

Müßiggang oder Muße befreien in Wirklichkeit das natürliche Umherstreifen unseres wilden, kreativen Geistes. Das moderne Leben schränkt uns ein und dirigiert uns, aus Furcht vor dieser wilden, menschlichen Fähigkeit, die Teil unseres wesensmäßigen Genius ist. Die Fähigkeit, Verstand und Geist fliegen zu lassen, führte überhaupt erst zur Zivilisation.

Sie veranlasste den Philosophen Russel, „Lob des Müßiggangs“ zu schreiben. Wahre Schaffenskraft, Wachstum und Wandel ereignen sich aus diesem Ort des Nichtstuns. Ohne gibt es keine Erleichterung. Unsere Gesellschaft drückt andernfalls das Verlangen nach Loslassen und Wildheit durch Rauschmittel und der „spirituellen“ Befreiung aus. Um unsere natürliche Intensität und Spontanität wiederzufinden, müssen wir uns des Nichtstuns annehmen.

Drei Wege des Nichtstuns:

1. Machen Sie lange Spaziergänge mit Ihrer Familie, mit Freunden oder sogar alleine. Verschwinden Sie für mindestens einen halben Tag. Wandern, sitzen und essen, singen, lachen, schlafen Sie… mit keinem anderen Zweck, als müßig zu sein. Lassen Sie die Gespräche passieren und laufen Sie einfach herum. Wenn es Streit gibt, einfach später entschuldigen und weiterhin müßig sein.

2. Wird man müde, sollte man schlafen. Man muss sich jeden Monat ein paar Tage zur Erholung einräumen. Schlafen, untätig sein und sich wieder aufladen. Kreative Anstöße brauchen Energie. Je müder man ist, desto schwieriger wird es, aus den sich wiederholenden Zwangsmustern auszubrechen.

3. Singen und tanzen Sie jeden Tag für mindestens 15 Minuten. Kopieren Sie nicht einige Tanzbewegungen, die Sie gesehen haben, tanzen Sie einfach mit Hingabe. Wenn Sie tanzen wie die britische Premierministerin May, dann haben sie Probleme. Tanzen Sie weiter, irgendwann werden sie verschwinden.

, ,

Wohlbefinden: Die Ruhe von Religionen lernen

bücher ruhe wohlbefinden

Das Wohlbefinden der Menschen kann erheblich beeinträchtigt werden, wenn bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung außer Acht gelassen wird.

(The Conversation). Als Wissenschaftlerin, die sich mit der Soziologie der Religion befasst, weiß ich, dass die Themen Ruhe und Besinnung in den meisten religiösen Traditionen tief verwurzelt sind und auch in unserem heutigen Leben nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Von Kristen Lucken

Die abrahamitischen Traditionen des Judentums, des Christentums und des Islam betrachten einen wöchentlichen Ruhetag als heiliges Recht und Pflicht der Gläubigen.

Der traditionelle jüdische Schabbat bietet einen 24-Stunden-Zeitraum, der am Freitag bei Sonnenuntergang beginnt und in dem die Hektik des Alltags zum Stillstand kommt. Die Gläubigen versammeln sich, um zu beten, gemeinsam zu essen, zu studieren und zu beten.

In ähnlicher Weise feiern praktizierende Muslime ihren besonderen Tag am Freitag. Dies ist eine Zeit, in der Muslime von der Arbeit freinehmen, um mittags am Jumu‘a teilzunehmen. Bei diesem Gebet in einer örtlichen Moschee halten Imame eine Predigt zu einer Reihe von intellektuellen, spirituellen und praktischen Themen und leiten die Gemeinde im Gebet.

Obwohl die Besucherzahlen rückläufig sind, begehen viele Christen den Sonntag durch den Gottesdienstbesuch, den gemeinsamen Gottesdienst, Musik und das Teilen des Abendmahls. Die christliche Variante des Sabbats ist eine Zeit der Ruhe, des Gebets, der Anbetung und der Zweisamkeit mit der Familie.

Richtungen des Islam, des Christentums und des Judentums sehen darüber hinaus regelmäßige Zeiten des Gebets und der Besinnung als Teil täglicher und jährlicher Zyklen vor. In der islamischen Tradition stellt das Innehalten zum Gebet im Laufe des Tages eine der fünf Säulen des islamischen Glaubens dar.

Durch die Praxis der Meditation beruhigen religiöse Praktiken die Sinne, um einen Zustand der Ruhe zu erreichen, von dem sie glauben, dass er ein gesteigertes Bewusstsein hervorbringt. Hindus, Buddhisten und Jains lehren das Konzept des Dhyana, was im Allgemeinen mit „Kontemplation“ übersetzt wird.

Durch Yoga, Meditation und andere kontemplative Praktiken können Praktizierende einen Zustand meditativen Bewusstseins und Selbstwahrnehmung erreichen, der zu einer besseren geistigen, körperlichen und spirituellen Gesundheit führen kann.

Religionen betonen die Notwendigkeit von Ruhe und stiller Besinnung, damit sich unser überladener Verstand auf das Beten und andere kontemplative Praktiken konzentrieren kann. Der Apostel Paulus erläutert, wie die Pflege der „Frucht des Geistes“ durch Gebet und Kontemplation uns zur Geduld führt und vom Egozentrismus wegbringt.

Buddhisten glauben, dass geistige Beruhigung durch Meditation den Menschen helfen kann, zu erkennen, dass ihre Gefühle, Wahrnehmungen, Weltanschauungen und sogar das Selbst vergängliche Aspekte des Lebens sind, die Leiden verursachen können. Es kann den Menschen auch unterstützen, über ihre Verbundenheit mit der Welt um sie herum nachzudenken.

Ruhe und Versenkung helfen gläubigen Personen, sich mit den tieferen Quellen der Sinnhaftigkeit zu verbinden, die sie durch das Studium der Heiligen Schrift, Meditation und Gebet zu pflegen suchen.

Wie der amerikanische Trappistenmönch Thomas Merton in seinem 1948 erschienenen autobiografischen Werk „The Seven Story Mountain“ erklärt, ist Kontemplation eine Zeit der Ruhe, der Unterbrechung jeglicher Tätigkeit und ein „Rückzug in die geheimnisvolle innere Einsamkeit, in der die Seele in der unermesslichen und fruchtbaren Stille Gottes versinkt“.

Die Medizin ist zu einem unerwarteten Verbündeten der Religion geworden, wenn es darum geht, die positiven Auswirkungen dieser religiösen Praktiken zu bestätigen. Forscher haben einen Zusammenhang zwischen Auszeiten, Lernen und Kreativität festgestellt.

Schlaf, Spaziergänge in der Natur und Bewegung bieten eine Reihe von Vorteilen, die die Lebensqualität steigern, darunter ein besseres Gedächtnis, höhere Produktivität und eine bessere körperliche Gesundheit.

Jüngste Fortschritte in der Neurobildgebung haben es Forschern ermöglicht, Veränderungen im Gehirn während intensiver Gebete, Yoga und Achtsamkeitsmeditation zu beobachten. Wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Ausübung dieser Praktiken zu besserer Gesundheit und mehr Wohlbefinden führen kann.

Eine Vielzahl klinischer Studien zu Achtsamkeits-, Dezentrierungs- und Akzeptanztherapien kommt zu dem Schluss, dass regelmäßige Meditation das Hirn physisch verändern und dessen Reaktion auf die Umwelt beeinflussen kann.

So wurde beispielsweise festgestellt, dass diese Praktiken die neuronalen Bahnen des Gehirns umstellen und neue Netzwerke bilden, was zu einer Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens führen kann.

* Übersetzt und veröffentlicht im Rahmen einer CC-Lizenz.

,

Muhammad Yunus soll Bangladesch zur Ruhe bringen

bangladesch yunus

Die gestürzte Ex-Premierministerin Hasina ist nach Indien geflüchtet. Dass nun ausgerechnet ihr Erzgegner Muhammad Yunus die Übergangsregierung führt, dürfte der autoritären Politikerin besonders zu schaffen machen.

Dhaka (KNA). Am 6. August hat Staatspräsident Mohammed Shahabuddin die Berufung von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus als „Chefberater der Regierung“ Bangladeschs offiziell bekanntgegeben. Die Mitteilung war eher formeller Natur.

Denn die wahren Machthaber im Land sind derzeit das Militär und die Anführer der Studentenproteste. Die Studenten forderten Yunus als Chef der Übergangsregierung. „Jede andere Regierung als die von uns vorgeschlagene wird nicht akzeptiert“, stellte Nahid Islam, einer der Hauptorganisatoren der Studentenbewegung, in einem Facebook-Video klar.

Bangladesch: Gelingt der Neuanfang?

Bei den wochenlangen Unruhen gegen die Regierung war es zu den schwersten Ausschreitungen seit der Unabhängigkeit Bangladeschs vor mehr als 50 Jahren gekommen. Etwa 300 Menschen kamen durch die Gewalt der Polizei, der Antiterroreinheit „Rapid Action Battalion“ und von Anhängern der regierenden Awami Liga ums Leben. Tausende wurden verletzt, Tausende festgenommen.

Nachdem allein am 4. August mehr als 90 Menschen getötet worden waren, schritt am Montag die Armee ein. Nicht durch einen klassischen Putsch mit Panzern und Gewehren, sondern offenbar durch politischen Druck hinter den Kulissen. Bei vielen Gesprächen der Armee mit Parteien und staatlichen Institutionen mit dabei: Anführer der Studenten.

Ein 84-jähriger als Symbol für Hoffnung?

Es mag ironisch wirken, dass die junge Generation einem 84-Jährigen den demokratischen Wandel zutraut. Aber Rock Rozario, Redakteur des asiatischen Mediendienstes Ucanews in Dhaka, weiß warum: „Yunus ist die beste Person für die Führung der Übergangsregierung. Er wird als fähiger und neutraler Mann angesehen. Zudem ist er eine globale Persönlichkeit“, sagte Rozario der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Der 1940 in Chittagong geborene Yunus studierte in den 1960er Jahren in den USA. Zurück in Bangladesch, startete er Anfang der 1970er Jahre ein Projekt zur Gewährung von Kleinkrediten an Arme, aus dem 1983 die Grameen Bank wurde. 2006 wurden Yunus und die Bank für ihre Pionierarbeit bei Kleinkrediten mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Foto: University of Salford, flickr | Lizenz: CC-BY 2.0

Aus der Politik hielt sich Yunus lange heraus. Als aber 2007 eine vom Militär gestützte Interimsregierung an die Macht kam, gründete er als Alternative zur korrupten Elite eine eigene Partei. Sie existierte nicht lange, aber ihre klaren Positionen gegen Korruption und Vetternwirtschaft fanden so sehr Anklang im Volk, dass die 2008 zur Premierministerin gewählte Sheikh Hasina sich davon bedroht fühlen musste.

Yunus war seitdem, wie so viele andere Regierungskritiker während der 15-jährigen autokratischen Herrschaft von Hasina, politischer Verfolgung ausgesetzt. Und absurden Diffamierungen. Als korrupter „Blutsauger der Armen“ wurde er von der Machthaberin verunglimpft und mit Prozessen überzogen.

Der frühere US-Präsident Barack Obama und 103 weitere Nobelpreisträger protestierten bereits im August 2023 in einem offenen Brief gegen die Verfolgung von Yunus. Im Mai dieses Jahres wurde er im Vatikan von Papst Franziskus zu einem Gespräch über die aktuellen globalen Herausforderungen empfangen.

Die Spannungen halten an

In Bangladesch halten die Spannungen unterdessen an, während offenbar bei den für Gewalt und Morde verantwortlichen Sicherheitskräften personell aufgeräumt wird. Das Innenministerium ernannte am Mittwoch neue Chefs der Polizei von Dhaka und des „Rapid Action Battalion“.

Mit Sorge sehen Diplomaten in Dhaka die Attacken von Muslimen auf Hindu-Tempel. Die religiösen Minderheiten wie Hindus und Christen im überwiegend islamischen Bangladesch gelten als Anhänger der bisherigen säkularen Regierungspartei Awami Liga. Die gute Nachricht aber lautet, dass Studenten Hindutempel vor radikalen Muslimen schützen.

Als sich die Partei unter Hasina zunehmend in eine korrupte, demokratiefeindliche, menschenrechtsverachtende Organisation verwandelte, hielten die Christen, vor allem ihre Führungspersönlichkeiten, aus Angst vor islamistischen Alternativen weiter zu ihr. „Die Kirchen haben zu alledem geschwiegen“, kritisiert Ucanews-Redakteur Rozario und fügt hinzu: „Ich habe mich heute umgehört. Kirchen wurden bisher nicht angegriffen.“

, ,

Antimuslimische Gewalt in England: Hoffnung auf Ruhe

gewalt gb

Zehntausende Menschen setzten in Großbritannien nach den Ausschreitungen ein Zeichen gegen antimuslimische und rechtsextremistische Gewalt. Mehr als eine Woche lang erschütterten rechtsradikale Krawalle das Land.

London (KNA, dpa). Nach dem Ausbleiben neuer rechtsextremer Ausschreitungen in England wächst die Hoffnung auf eine dauerhafte Rückkehr zur Normalität. In vielen Städten waren am Mittwochabend neue Krawalle befürchtet worden – doch stattdessen gingen Tausende Menschen gegen Hass und Gewalt auf die Straße.

Die neue Labour-Regierung unter Premier Keir Starmer stand angesichts der fremdenfeindlichen Unruhen im Land vor ihrer ersten Krise. Dabei spielte das Thema Migration vor den britischen Parlamentswahlen Anfang Juli keine entscheidende Rolle. Das marode Gesundheitssystem, hohe Lebenshaltungskosten und Lohndebatten trieben den Sozialdemokraten die Wähler zu.

Dagegen konnten die Konservativen im Wahlkampf nicht mit dem Versprechen punkten, Asylzahlen zu senken, Migrantenboote über den Kanal zu stoppen und Abschiebungen zu forcieren – zumal sie damit längst gescheitert waren. Seit 2021 stieg die Zahl der Asylbewerber jährlich auf zuletzt mehr als 84.000.

Premierminister Keir Starmer zufolge war der weitgehend friedliche Verlauf des Abends vor allem Polizei und Justiz zu verdanken. „Ich denke, die Tatsache, dass wir gestern Abend nicht die befürchteten Unruhen erlebt haben, ist darauf zurückzuführen, dass wir viele Polizisten im Einsatz hatten (…)“, sagte der Labour-Politiker.

Antifaschistische Demonstranten drängen gewaltbereite Rassisten ab. (Screenshot: YouTube)

Antimuslimische Gewalt: Radikalisierung der weißen Arbeiterschaft

In bestimmten Milieus der unteren Mittelschicht und der weißen Arbeiterklasse befeuert das eine Radikalisierung, die seit etwa 15 Jahren zugenommen hat. Dafür stehen kleine, aber aggressive Gruppierungen wie die rechtsextreme British National Party oder die islamfeindliche English Defence League. Deren einstiger Chef Tommy Robinson (41) – eine Art englischer Martin Sellner in Hooligan-Ausgabe – genießt unter Asylgegnern Kultstatus.

Manche Beobachter führen „Fake News“ in den Sozialen Medien, die zu den tagelangen Ausschreitungen auf der Insel und der Eskalation am Wochenende beitrugen, direkt auf ihn zurück. Der 17-Jährige, der am 29. Juli in Southport drei Mädchen bei einem Tanzkurs mit einem Messer ermordet und viele verletzt hatte, sei muslimischer Asylbewerber, hieß es da. Tatsächlich wurde der Täter, dessen Eltern aus dem überwiegend christlichen Ruanda stammen, in Cardiff geboren. Mehr gab die Polizei bisher nicht bekannt, auch kein Motiv für die Tat.

Fest steht aber: Die Bilanz der einwöchigen Krawalle ist seit Beginn der Flüchtlingskrise vor rund zehn Jahren europaweit beispiellos. In Manchester, Liverpool und anderen englischen Städten rotteten sich teils hunderte Menschen unter dem Motto „Genug ist genug“ zusammen, griffen Moscheen und Asylunterkünfte an, zerstörten Geschäfte, bedrohten verängstigte Muslime und Migranten.

Es wird von einem „Pogrom“ gesprochen – aber auch breiter Widerstand durch die Zivilgesellschaft

Mehr als 400 Randalierer wurden festgenommen, Dutzende Polizisten verletzt. Plötzlich taucht mitten im kosmopolitischen Großbritannien ein Begriff auf, den man in Europa lange hinter sich glaubte: Pogrom.

„Das ist kein Protest, das ist Gewalt“, erklärte Premierminister Starmer am 5. August nach einer Sitzung des Krisenstabs. Verantwortlich sei eine winzige Minderheit rechter Mobs, die in keiner Weise die britische Gesellschaft repräsentiere.

Der Strafverfolgungsbehörde Crown Prosecution Service zufolge wurden bisher knapp 150 Menschen angeklagt. Beinahe 500 waren zuvor festgenommen worden. Bei ersten Verurteilungen wurden teils mehrjährige Haftstrafen verhängt.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan bedankte sich auf X bei den Menschen, die friedlich demonstrierten, und den Sicherheitskräften. Er fügte hinzu: „Und an alle rechten Schläger, die noch immer Hass und Spaltung säen wollen – ihr werdet niemals willkommen sein.“

Der Organisation Stand Up to Racism zufolge versammelten sich im ganzen Land etwa 25.000 Menschen, um gegen rechtsextreme Gewalt zu demonstrieren. Darunter viele im Londoner Bezirk Walthamstow, im Osten Londons sowie in den Städten Bristol, Brighton, Liverpool und Sheffield.

gewalt

Foto: Keir Starmer, No. 10 Downing Street

Gefühle der Entfremdung bei den „Autochthonen“

Fraglich ist allerdings, ob die Labour-Regierung das tieferliegende Problem ethnischer Spannungen allein mit den Mitteln des starken Staats ausreichend adressiert. Wie in anderen westlichen Gesellschaften fühlen sich auch Teile der Bevölkerung von der Zuwanderung nicht nur kulturell und wirtschaftlich bedroht, auch das Sicherheitsgefühl auf der Insel erodiert. 

Mehr als 50.000 Messerangriffe in einem Jahr zählte die Polizei zuletzt. Aus Sicht der Migrationsgegner sind sie das logische Resultat einer ideologischen Politik, die ihre Heimat auf Biegen und Brechen zu einer multikulturellen Zone machen will.

Vielerorts bildeten sich auch Gegenproteste von Menschen mit „Refugees welcome“-Schildern. Solidarität kommt auch von christlichen Kirchen. So verurteilte der Flüchtlingsbischof der katholischen Bischofskonferenz von England und Wales, Paul McAleenan, die Exzesse. Die Taten weniger stünden im Gegensatz zum Einsatz von Flüchtlingshelfern und kirchlicher Gruppen, die Migranten unermüdlich die Hand reichen.

Man muss den Bürgerkrieg nicht für „unausweichlich“ halten, wie Elon Musk dies am 5. August auf seiner Online-Plattform X tat und damit Empörung in London auslöste. Doch die Woche der Gewalt hat die Polarisierung im Land dramatisch beschleunigt.

, , ,

Anbetung darf keine Last sein

Produktivität kurzmeldungen

(About Islam). Wir leben in einer Welt, die von uns erwartet, immer unser Bestes zu geben. Und wir sollen so viel wie möglich arbeiten. Und wir müssen dies so gut […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ – Onlineabo, Kombi Print & IZ+ or Das IZ-Förder-Abo können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, ,

Schönheit braucht Ruhe

Sehnsucht Dua meinung schönheit ruhe

Schönheit: Wahr ist die Aussage, dass heutzutage kein Mensch mehr in völliger Ruhe leben kann. Ruhe – was ist das überhaupt?

(iz). Eine Abwesenheit von Lärm, oder nicht doch etwas mehr? Wahr ist auch, dass Schönheit nicht nur Geschmackssache ist, sondern dass uns meistenteils im Alltag eindeutig Hässliches seine Fratze entgegensetzt, nicht zuletzt in Zeitungen und Fernsehbildern, aber auch in der so genannten Freizeit.

Allenthalben und von allen Seiten wird des Menschen Seele bestürmt von Eindrücken und Einflüssen, die ihn seiner Mitte berauben, ihn hin und her wanken lassen, ihn verzweifelt nach einem Lichtschimmer im dunklen Kerker des Geistes (und manchmal auch des Körpers) suchen lassen.

Schönheit: Ist das für einen Muslim nicht insbesondere das Erkennen der Dinge in ihrer Wahrheit, gemäß der qur’anischen Aussage, dass Allah die Wahrheit (Haqq) ist und ebenso Sein (ta’ala) Wort? Und ist nicht das, was Freude im Herzen des Menschen erweckt, schön?

Und wird nicht zuhauf in Qur’an und authentischer Tradition ­gesagt, dass Schönheit in äußeren und innerlich verborgenen Dingen gut und erwünscht ist, ja zum ausgewogenen Menschen gehört?

Gerade heute bewegt mich der starke Wunsch nach Ruhe, nach Betrachtung schöner Dinge, wohl weil ich mich in der Stadt umgeben sehe von lauter unangenehmen Stimmen, Bildern; stinkende Gerüche krempeln mir gleichsam die Nasenschleimhäute um. In der Bahn, auf der Straße, in Läden und Gängen viel Dreck, Schmutz und Lärm, wie es ihn vor Jahren so nicht gab.

Doch vor meinem inneren Auge sehe ich Schönes, wenn es mir nur gelingt, die Widerwärtigkeit des Alltags auszublenden: Trockenes Grasrascheln, nicht blödes Handy-Gepiepse; gemächliche Klassik und traditionelle Kunstmusik anstelle von Hip-Hop und Konsorten; feine Federzeichnungen und herrliche Farben statt plumper Plakatwerbung mit dumm-ekligem Inhalt und verrückter Botschaft.

Ohne klaren Plan, wie man in dieser Lage zu einem „schönen“, also von Schönheit erfülltem Sein zurückgelangen kann. Man ist verloren, vor sich hin kriechend; stammelnd und lallend versucht man Stellungen zu erreichen, Posten zu ergattern, die letztendlich doch nur die Leere würdelosen Seins bekräftigen.

Ehre und Anstand bilden eine der ­Voraussetzungen, ein schönes Inneres im Menschen heranzubilden, jedoch sind diese Eigenschaften sicherlich immer dünn gesät. Aber wenn sich nur ein ­kleiner, feiner Keim dieser inneren ­Haltung gegen den ihn umgebenden Schmutzflor von Skrupellosigkeit und Hemmungslosigkeit durchsetzt, dann hat man Hoffnung und gibt sich nicht ­geschlagen.

Aber auf wen vertrauen? Wer kann ­einem derart Suchenden helfen, eine Harmonie wiederzugewinnen, die – so scheint es – dem heutigen Menschen der Postmoderne verloren ist? An erster Stelle steht für den Gläubigen Allah, denn wer es einmal durchmachen musste, wie sich alle Welt von einem abwendet, wird seine Zuflucht nur noch bei dem Herrn und Schöpfer des Universums suchen, Der prüft, aber niemals abweist.

Foto: Shutterstock

Andererseits lebt der Mensch nicht allein. Er hat Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunde und Verwandte usw., und wird doch bald – wie auch viele Gelehrte der islamischen Geschichte, wie zum Beispiel Abu Hamid Al-Ghazali, der Autor der „Wiederbelebung der Religionswissenschaften“ – erfahren, wie wenig und wie oberflächlich das Verständnis der meisten Mit-Menschen ist.

Kaum findet sich einer, der die ­Wirklichkeit hinter Schleiern und ­Masken sucht, Selbsttäuschung und ­Lügen beherrschen in einer postmo­dernen, künstlichen Welt Hirne und Herzen der Mehrheit aller Völker. Wenn erst einmal gespottet wird über dich, du niemanden weißt, dem du deinen ­Hoffnungskeim anvertrauen kannst, dann stehst du am Anfang eines neuen, harten Weges, dessen Ende nur Allah ­allein kennt.

Dieser Weg hat unvorstellbar viele Stufen, aber auch Plattformen gleich Ruheplätzen, und wer eine bestimmte Ebene der Welterkenntnis erlangt, kann nur erkennen, was unter ihm liegt, doch weder kann er das folgende wissen, noch können ihn andere begreifen, die seine Stufe noch nicht erklommen haben.

So spricht Al-Ghazali – stellvertretend für viele Gelehrte und Wahrheitssucher und zu Allah Strebende – eine gewaltige Wahrheit mit weitreichenden Folgen aus, wenn er bekennt: „Es gibt einen Ghazali, den alle sehen, dann gibt es einen Ghazali, den nur seine Freunde kennen, dann gibt es einen, den nur seine enge Familie kennt, und schließlich existiert ein Ghazali, den nur Allah und außer Ihm und Ghazali niemand kennt.“

geschwindigkeit

Foto: Yayasan, Pixabay

Je mehr ein Suchender also nach Ruhe und Schönheit strebt, desto mehr strebt er notwendigerweise nach der Wirklichkeit und Wahrheit der göttlichen Sphäre, und je mehr Erfolg er damit hat, umso mehr muss er sich auch von seinen Mitmenschen entfernen, die diesen Weg nicht mitgehen und im Zustand der Unruhe, Hässlichkeit und Selbsttäuschung verharren.

All dies, ohne dass der Suchende seine Mitmenschen hochmütig behandelt oder gar vor den Kopf stößt. War nicht der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, seinem Herrn so unglaublich nah, und war er nicht dennoch sanftmütig zu den Menschen?

Vertraue keinem Menschen völlig: nur Allah verdient Hingabe, Glauben und Vertrauen ohne Grenzen. In einem Hadith heißt es vom Gesandten Allahs (s): „Wahrlich, Allah ist schön und liebt die Schönheit“. Wieviel Weisheit ist darin!

Schönheit braucht Ruhe. Ruhe braucht Zeit. Zeit braucht Kraft.

Hast du diese Kraft? Und warum das? Wer sich keinen Zeit-Freiraum schafft und gegen andere(s) verteidigt, hat keine Zeit, schon gar nicht für sich selbst, geschweige denn für Dinge außerhalb seiner selbst und seiner Pflicht. Ohne diese „Frei-Zeit“ gibt es keinen Spielraum für die Ruhe. Ruhe lässt sich nicht schnell erzwingen, Ruhe muss gedeihen und wachsen.

Die Zeit ist die Nahrung der Ruhe, so wie die Ruhe die Nahrung für das Schöne ist. Ruhe braucht alles, was etwas werden will. Wer schon alles ist und alles hat, braucht keine Ruhe – er ist selbst Ruhe. Und wer alles will und nach allem strebt, der erhält keine Ruhe, weil er nicht alles bewahren kann – so sehr er sich auch bemühen mag. Schönheit entsteht, wird zu etwas, was der wahre Liebhaber des ruhigen Seins schätzt.

Weil aber Schönheit sich dauerhaft in bestimmten Dingen, feinstofflichen Seinsformen, darstellt, entsteht auch beim anspruchslosen, einfachen Geist der Wunsch nach Schönem. So wird die aufgesparte Ruhe aufgebraucht durch das Streben nach etwas, was schön ist oder zur Schaffung von Schönem nötig und unentbehrlich ist.

Ein Bild braucht Papier, Leinwand, Holz oder eine Steinwand; Farben sind ein Muss, Pinsel, Lösmittel und Instrumente zur Vorzeichnung kann man nicht entbehren… und wie das alles zur Ruhe und Schönheit erhalten? Durch Suchen, Hetzen, Kämpfen, Streben, kurz: Verbrauchen der Ruhe, welche man doch noch kurz zuvor angespart hatte…

kunst kreativität Künstler

So gesehen gleicht das erfolgreiche Schaffen von Schönem (im Kunstsinne) einem gesunden Atmungsvorgang: Einatmen – Ruhe sammeln; Ausatmen – Ruhe opfern, ausgeben, für Schönes. Aber tatsächlich wird Ruhe meist nicht für Schönes angespart, sondern für Hässliches vergeudet: Probleme, Streitigkeiten, unnützes Zeug und Gerede, Zerstörung und Wut; diese sind das Ergebnis von Streben, Anstrengen und Hetzen der meisten Menschen.

Es ist klar, dass niemand sich ganz davor bewahren kann: Es ist nun einmal Allahs Gewohnheit, den Menschen durch solche Heimsuchungen zu prüfen. Aber wer schmeißt denn ohne Notwendigkeit seine Erträge in den Müll, vernichtet sein Kapital ohne Sinn und Zweck? Nur ein Schwachsinniger oder ein Wahnsinniger.

Wo liegt nun die besondere Verbindung zum Monat Ramadan, den Allah – mit Seiner Erlaubnis – uns gewährt? Gerade in dem: im Ausruhen. „Saum“ (wörtlich: Fasten) bedeutet ursprünglich „Innehalten“; man bezeichnete in alter Zeit Pferde, die in ihrem Lauf innehielten, anhielten und dann stillstanden, als „Khail sa’im“.

In diesem Sinne wird auch in einer Reihe berühmter Sahih-Hadithe seitens des Propheten (s) empfohlen, dass der Fastende, wenn er angegriffen wird, nur sagen solle: „inni sa’im“, also: ich halte inne, mit Essen, Trinken, Geschlechtsverkehr, aber auch mit allem anderen.

Der Ramadan schafft eine Trennung, zwingt – wenn er ernst genommen wird und aufrichtig befolgt wird – zu einer Ruhe, zur Besinnung; wer darunter nur ein Nicht-Essen und Nicht-Trinken, einen rein körperlichen Verzicht sieht, und sei es aus sozialen Aspekten heraus, reduziert die Kraft des Ramadan dementsprechend. In Sahih-Hadithen heißt es vom Gesandten Allahs, Heil und Segen auf ihm: „Und so mancher wird vom Fasten (des Ramadan) nicht mehr haben, als dass er hungert und dürstet.“

Wem sich aber die innerliche und geistige Dimension des Ramadan erschließt, findet hierin einen Schlüssel zur Ruhe, Ruhe des Körpers und des Herzens, und somit auch Schönheit, und somit auch Wirklichkeit und Wahrheit.