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Srebrenica als Erinnerungsort der europäischen Muslime

Srebrenica erinnerung

Der Genozid von Srebrenica gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa nach 1945. Für Bosniaken ist der 11. Juli ein Tag der Trauer und des Widerstands gegen das Vergessen. Für […]

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Srebrenica 1995: Chronik eines Genozids

srebrenica

Im Juli 1995 werden in einer UN-Schutzzone mehr als 8.000 muslimische Bosniaken ermordet. Srebrenica ist das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa nach 1945 – und eine offene Wunde, an der sich entscheidet, wie ernst der Kontinent seine Verantwortung gegenüber muslimischen Minderheiten nimmt.

(iz). Es ist ein warmer Julitag, als die Menschen in und um Srebrenica merken, dass die Versprechen der Welt zerbröseln. Seit Monaten hängt über der Stadt das blaue Emblem der Vereinten Nationen, Blauhelme patrouillieren, Lastwagen mit Hilfsgütern kommen und gehen. „UN-Schutzzone“.

Das klang für viele nach einem letzten Halt in einem Krieg, der Bosnien seit 1992 zerfrisst. In den Tagen vor dem 11. Juli 1995 aber wird aus der Schutzformel eine hohle Hülle. Die bosnisch-serbischen Truppen rücken vor, die Front verschiebt sich. Als die Angreifer einmarschieren, wird die Gegend zum Schauplatz eines Genozids.

Die Stadt ist da längst überfüllt. Menschen aus den umliegenden Dörfern haben sich in Srebrenica gesammelt, um den Angriffen zu entkommen. Die Versorgung ist schlecht, viele sind unterernährt, krankt und traumatisiert. Wer mit Bewohnern spricht, hört immer wieder, dass die Hoffnung an einem Punkt hing: An der Idee, dass die internationale Gemeinschaft ihr Versprechen einhält, diese letzten Inseln zu schützen.

Doch militärisch ist die „Schutzzone“ schwach, die Blauhelme sind schlecht ausgerüstet, der politische Rückhalt brüchig. Die UN warnen, appellieren, verhandeln. Aber sie zeigen nicht den Willen, die Zone gegen einen entschlossenen Angreifer zu verteidigen.

Srebrenica

Foto: Jeroen Akkermans, via flickr | Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Als Ratko Mladić nach der Einnahme Srebrenicas vor die Kameras tritt, wirkt sein Auftritt wie eine makabre Inszenierung. Er verteilt Süßigkeiten, spricht von „Befreiung“, verspricht Frauen und Kindern Sicherheit.

Hinter dieser Fassade beginnt ein streng organisiert wirkender Ablauf. Männer und jugendliche Jungen werden vom Rest der bosniakischen Zivilisten getrennt. Auf dem Gelände der niederländischen UN-Basis in Potočari drängen sich tausende Menschen.

Einige versuchen, mit den Blauhelmen zu verhandeln, andere flehen darum, nicht ausgeliefert zu werden. Gleichzeitig formieren sich Kolonnen in den Wäldern: Männer, die in der Dunkelheit zu Fuß Richtung Tuzla aufbrechen, in der Hoffnung, die Linien zu durchbrechen.

Was in den nächsten Tagen geschieht, wird später aus Dokumenten, Zeugenaussagen und forensischen Berichten zusammengesetzt. In Scheunen, Schulgebäuden, Lagerhallen und auf abgelegenen Feldern werden Gruppen von Bosniaken zusammengetrieben, gefesselt und erschossen. Busse und Lastwagen bringen immer neue zu den Exekutionsorten.

Es ist keine spontane Raserei, sondern eine systematische Vernichtung: Wer in dieser Logik als Träger der Gemeinschaft gilt – Männer und jugendliche Jungen – soll ausgelöscht werden. Danach verscharren die Täter die Leichen in Massengräbern.

In manchen Fällen werden die Gräber später wieder geöffnet, die Körper zerteilt und in mehrere, neue Gruben verbracht. Die Gewalt endet nicht mit dem letzten Schuss, sie setzt sich fort in dem Versuch, Spuren zu verwischen.

Die niederländischen Blauhelme stehen in dieser Phase zwischen Hilflosigkeit und Verantwortung. Sie sehen die Selektionen, sie sind Teil der Evakuierungen von Frauen, Kindern und Alten. Zugleich lassen sie zu, dass Männer und Jungen unter der Kontrolle der Angreifer gelangen.

Viele Menschen, die sich auf das UN-Emblem verlassen hatten, erleben den Moment, in dem der Schutz in Begleitung zur Vernichtung umschlägt. In Interviews mit Überlebenden taucht diese Szene immer wieder auf: der Blick zurück auf die Tore der Basis, auf das Blau der UN, auf Soldaten, die abwinken oder schweigend zur Seite treten.

Jahre später stehen auf den Feldern um Srebrenica und Potočari Menschen in weißen Schutzanzügen. Sie öffnen Gräber, tragen Knochen und Stoffreste an die Oberfläche, ordnen sie, fotografieren, beschreiben. Forensische Arbeit wird zur Voraussetzung dafür, dass Familien Gewissheit erhalten. DNA-Analysen helfen, die über die Region verstreuten Überreste einzelnen Personen zuzuordnen.

Hinter jeder Zahl steht ein Name, hinter jedem Namen eine Familie, ein Dorf, eine Straße. Die bekannte Anzahl von mehr als 8.000 ermordeten Bosniaken ist oft zitiert. Vor Ort ist sie nicht abstrakt. Sie findet sich auf Grabsteinen, Tafeln und in Registern.

srebrenica gaza

Foto: UN ICTY, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Parallel dazu laufen Verfahren vor globalen Gerichten. In Den Haag werden Generäle und politische Akteure vernommen, Zeugen berichten von Befehlen, Funksprüchen, Listen. Der Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien verhandelt Fälle, die Srebrenica betreffen, und spricht Urteile. Der Internationale Gerichtshof stuft 2007 das Verbrechen als Genozid ein.

Viele Bosniaken nehmen diese Anerkennung mit einer Mischung aus Genugtuung und Ernüchterung zur Kenntnis. Genugtuung, weil das Wort „Genozid“ nicht mehr verhandelbar ist. Ernüchterung, weil die Frage nach der Verantwortung von Staaten und internationalen Strukturen oft nur gestreift wird.

Wer heute nach Potočari kommt, sieht zuerst die langen Reihen weißer Grabsteine. Zwischen ihnen gehen Angehörige, viele davon Frauen, die seit Jahrzehnten auf eine Nachricht gewartet haben. Mütter, die ihren Sohn im Grabfeld suchen; Ehefrauen, die an einem Namen stehen, einem Datum, einem Geburtsort.

Oft tragen sie Kopftuch, manchmal den Ausweis einer NGO um den Hals. Sie sind zu Gesprächen eingeladen worden, zu Konferenzen, zu Gedenkveranstaltungen. Ihre Geschichten haben sich in Pressemitteilungen, Dokumentationen und Berichten niedergeschlagen, aber der Abstand zwischen einem Mikrofon und dem Grab eines Angehörigen bleibt spürbar.

Am 11. Juli, zum Jahrestag, werden neu identifizierte Tote beigesetzt. Jährlich kommen Särge dazu, von denen manche nur wenige Knochen enthalten. Der Akt der Beisetzung ist dennoch entscheidend. Er verschafft ein Grab, das besucht, betrauert, mit Gebeten begleitet werden kann.

Imame sprechen Bittgebete, Suren aus dem Qur’an werden rezitiert. Junge Leute tragen Särge, auch Gäste aus anderen Ländern. Auf dem Platz mischen sich bosnische Akzente mit deutschen, niederländischen, britischen Stimmen. Gedenken ist hier kein abstrakter Begriff, sondern eine körperlich erfahrene Praxis.

Schon Tage zuvor bricht der „Marš mira“ auf. Der Friedensmarsch folgt der Route, auf der viele Männer 1995 in Richtung Tuzla fliehen wollten. Wer mitläuft, schläft in einfachen Unterkünften, geht durch Wälder und über Hügel, an Orten vorbei, an denen damals Menschen getötet wurden.

Fotos: IZ Medien

Teilnehmer berichten, wie der Marsch die Distanz zwischen „Geschichte“ und „Gegenwart“ auflöst. Man spürt, wie weit es ist, wie steil manche Anstiege, wie schwer die Hitze auf den Körper drückt. Unter den Marschierenden sind Bosniaken, internationale Aktivisten, Studierende, muslimische Delegationen aus Westeuropa. Manche tragen Banner von NGOs, andere kleine bosnische Fahnen.

Organisationen wie die Gesellschaft für bedrohte Völker begleiten diese Prozesse. Sie veröffentlichen Berichte, prangern die Leugnung und Relativierung des Genozids an, benennen das Versagen der internationalen Politik. In ihren Stellungnahmen wird deutlich, wie viel – trotz Gerichtsverfahren und Gedenkstätten – bis heute offen ist.

Es fehlen Konsequenzen, klare Bildungsarbeit, belastbare Zusagen für die Zukunft. Die Leugnung des Genozids ist in Teilen der Republika Srpska und in Serbien Alltag. Verurteilte Täter werden als Helden inszeniert, Denkmäler und Straßennamen erzählen andere Geschichten als die Gräber von Potočari.

Srebrenica ist damit mehr als ein lokaler Ort der Erinnerung. Es ist ein Spiegel für diesen Kontinent. Der Genozid traf Menschen, die Europäer und Muslime waren. Ihre Biografien sprengten die gewohnte Trennung zwischen „hier“ und „dort“, „wir“ und „sie“.

Dass das Verbrechen in vielen Debatten lange als „Balkan-Tragödie“ abgelegt wurde, sagt einiges darüber, wie schwer sich Europa damit tut, muslimische Opfer als Teil der eigenen Geschichte zu sehen. Für Muslime in Deutschland und anderswo ist Srebrenica deshalb ein Schlüsselereignis: Es erzählt von einem Genozid in Europa, der gezielt solchen Menschen traf.

Wer heute durch die Reihen der Grabsteine in Potočari geht, sieht Namen, die einem vertraut vorkommen könnten. Väter, Söhne, Brüder – Menschen, deren Leben von Freitagsgebet, Schulbesuch, Arbeit im Dorf geprägt war.

Sie waren keine Statisten in einem „Konflikt“, sondern Nachbarn, Kollegen, Angehörige. Erinnerung an Srebrenica heißt, diese Wirklichkeit ernst zu nehmen. Nicht, um sie in Konkurrenz zu anderen Leidensgeschichten zu stellen, vielmehr um einen blinden Fleck im europäischen Gedächtnis zu benennen.

Journalistisch bedeutet das, nicht bei der Formel „schlimmstes Kriegsverbrechen seit 1945“ stehenzubleiben. Geschichten über Srebrenica erzählen von konkreten Orten, Menschen, Abläufen und Entscheidungen. Sie fragen nach Verantwortung – der bosnisch-serbischen Führung, des serbischen Staates, der UN, der beteiligten Regierungen.

Sie fragen danach, was „Nie wieder“ jenseits von Jahrestagsreden bedeutet. Für muslimische Communitys in Europa stellt sich die Frage, wie Srebrenica in eigene Erinnerungskulturen integriert wird: als Datum im Kalender, als Thema in Unterricht und Predigten, als Ort, den man besucht.

Wer darüber schreibt, bewegt sich immer auf einem schmalen Grat. Der Genozid von Srebrenica ist ein schweres Thema, das leicht zur instrumentellen Folie politischer Debatten werden kann.

Humanität verlangt, nahe bei den Menschen zu bleiben, ohne die Analyse zu vernachlässigen. Srebrenica ist ein Ort, an dem sich beides verdichtet: die Geschichte einer europäischen muslimischen Gemeinschaft und die Frage, ob unsere Politik bereit ist, für ähnliche Situationen in der Gegenwart andere Entscheidungen zu treffen.

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Völkerrecht: Aus Srebrenica für Gaza lernen

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Ein Kurzessay, in welcher Hinsicht aus der Strafverfolgung nach Srebrenica Lehren für den Umgang mit Gaza zu ziehen sind. (The Conversation). Im Juli dieses Jahres jährte sich zum dreißigsten Mal […]

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Den Völkermord von Srebrenica überleben

srebrenica

Für die Opfer von Srebrenica und des Bosnienkrieges insgesamt: Die Hilfsorganisation Islamic Relief Deutschland steht bis heute an der Seite der Überlebenden.

Köln (Islamic Relief Deutschland/iz). 30 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica bedeuten 30 Jahre Aufarbeitung, Erinnern, Gedenken und Trauma für die bosnische Gesellschaft. Sie zeugen aber auch von der Hoffnung und Widerstandsfähigkeit traumatisierter Menschen, die einen Völkermord überlebt haben.

Über 700 Tonnen Hilfsgüter während des Krieges

Islamic Relief Deutschland und ihr internationales Hilfsnetzwerk haben während des Bosnienkrieges mehr als 700 Tonnen Hilfsgüter bereitgestellt und die Menschen darin unterstützt, ihre eigenen Lebensmittel anzubauen. Die 70-jährige Überlebende und Zeitzeugin Tima erinnert sich an das Grauen von Srebrenica, die Kriegsjahre und das Leben danach.

Heute gedenkt die internationale Gemeinschaft des Völkermordes von Srebrenica im Jahr 1995, bei dem mehr als 8.372 bosniakische Männer und Jungen getötet wurden – aber auch der mehr als 100.000 größtenteils bosniakischen Todesopfer, die in den Kriegsjahren von 1992 bis 1996 in ganz Bosnien getötet wurden.

Das Trauma hält bis heute an und ist generationenübergreifend. Die 70-jährige Überlebende Tima erzählt von der Flucht aus ihrer Heimatstadt Sebioèina mit ihren drei Kindern: „Ich musste mein Zuhause verlassen, weil sie das Haus in Brand setzten. Sie töteten, wen sie konnten. Wir sind nie zurückgekehrt. Diejenigen, die geblieben sind, wurden getötet.“

Timas Heimatstadt Sebioèina wurde 1992 von serbischen Truppen angegriffen, was sie und ihre Familie zur Flucht zwang. Drei Monate lang trug Tima ihre Kinder durch den Schnee, bis sie Srebrenica erreichte, wo sie zunächst im Wald leben musste. „In Srebrenica erinnere ich mich an den Klang der Granaten. Ich erinnere mich daran, wie anstrengend es war, das schwere Essen auf meinem Rücken zu tragen, während ich gleichzeitig meine Kinder trug.“

Sie erinnert sich auch an die schwedischen Hilfsorganisationen, die etwas humanitäre Hilfe brachten. Sie sagt: „Diejenigen, die humanitäre Hilfe erhielten, hatten eine Überlebenschance, aber diejenigen, die keine erhielten, hatten keine Chance. Ich hoffe, dass es hier nie wieder Krieg gibt.“

Alija, Timas Ehemann, und ihr Sohn wurden von den serbischen Truppen gefangen genommen. Er wurde auf tragische Weise in Kasaba, im Osten von Bosnien und Herzegowina, getötet; im Jahr 1995, wie das rote Kreuz später herausfand. Ihr Sohn Nedzad wurde zu einer Massenhinrichtungsstätte gebracht. Trotz der vier Schüssen auf ihn, überlebte er und kehrte schwerverletzt zu seiner Mutter nach Tuzla zurück.

Jetzt, 30 Jahre später, lebt Tima zeitweise bei Nezdad in Srebrenica. Und bis heute verfolgen sie die Kriegsjahre: „Wenn man einmal etwas extrem Beängstigendes erlebt hat, dann erschüttern einen danach selbst kleine Dinge. Ich würde meinen Sohn gerne aus Srebrenica wegbringen, aber was kann ich tun? Da Nedzad hier beschäftigt ist, müssen wir hierbleiben.“

Tima und ihre beiden damals noch kleinen Töchter erhielten später Unterstützung durch das Waisenpatenschaftsprogramm von Islamic Relief. Tima konnte einen kleinen Kredit aufnehmen, der ihr half, die Kinder in die Schule zu schicken. Sie sagt: „Ich bin Islamic Relief sehr dankbar, denn ich hätte nirgendwo anders einen Kredit bekommen. Ich möchte Ihnen und der Organisation, die die Patenschaft für meine beiden Mädchen übernommen hat, einfach nur sehr danken.“

Derzeit teilt sie ihre Zeit zwischen Tuzla und Srebrenica, wo Nedzad lebt, auf, doch die Rückkehr dorthin fällt ihr immer noch schwer. „Ich wollte nicht zurückkehren“, sagt sie.

Auch 30 Jahre nach dem Krieg und dem Völkermord von Srebrenica findet sie keine Worte, die auch nur annähernd das Leid ausdrücken, welches ihr wiederfahren ist. Täglich beweist sie ihren Mut und ihre Willenskraft aufs Neue, indem sie auch jetzt für ihre Kinder da ist.

Trauma

Das Trauma der jahrelangen Belagerung, des Völkermordes, der Hungersnot und der massenhaften Vergewaltigungen von schätzungsweise 50.000 Frauen hält bis heute an. Mehr als 104.000 größtenteils bosniakische und muslimische Menschen starben im Krieg, dessen Spuren die Gesellschaft bis heute durchziehen.

Zwischen dem 13. und 19. Juli 1995 wurden beim Genozid von Srebrenica mehr als 8.372 Bosniaken hingerichtet und unzählige Frauen vergewaltigt.

Als Hilfsorganisation hat Islamic Relief während des Bosnienkrieges Lebensmittel an die Flüchtenden und Überlebenden verteilt und unterstützte sie in den schweren Folgejahren dabei, ihr Leben wiederaufzubauen.

Um die Menschen auch danach zu unterstützen, setzte Islamic Relief in den 30 Jahren seit dem Krieg zahlreiche Projekte um, die Frauen und Kinder in ihrer Resilienz durch psychosoziale Betreuung stärken, aber auch Familien dabei unterstützen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Waisenpatenschaften halfen den vielen Witwen und Waisenkindern dabei, Zugang zu Bildung zu erhalten und Mikrokredite zu nehmen, um sich eine kleine Existenz aufzubauen.

30 Jahre humanitäre Hilfe in Bosnien für eine Zukunft voller Hoffnung 

Der Bosnienkrieg ist eng mit der Gründung Islamic Relief Deutschlands verbunden, denn noch vor der offiziellen Gründung 1996 sammelten deutsche Helferinnen und Helfer erstmalig Geld für die Opfer und Überlebenden des Bosnienkrieges und des Völkermordes von Srebrenica.

Mittlerweile leistet die Kölner Hilfsorganisation seit 30 Jahren humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit in dem Land, das den Krieg und andere Katastrophen erlebt hat.

Die Hilfsorganisation hat während des Krieges in Bosnien Soforthilfe geleistet und unterstützt bis heute schutzbedürftige Gemeinden vor Ort – ob durch die jährliche Winterhilfe, saisonalen Ramadan- und Kurban Lebensmittelverteilungen oder Patenschaften für Waisenkinder.

Heute noch steht das internationale Islamic Relief Hilfsnetzwerk den Überlebenden des Völkermordes, insbesondere Witwen und Waisenkindern zur Seite, mit bis zu 1400 laufenden Waisenpatenschaften.

Islamic Relief als globales Netzwerk ist seit 1992 in Bosnien und Herzegowina tätig. Mit dem Kriegsende halfen lokale Teams den Überlebenden beim Wiederaufbau ihrer Häuser und bei der Bewältigung ihres Traumas; halfen den Kindern, wieder zur Schule zu gehen, und bei der Gründung von Bauernhöfe und kleinen Unternehmen.

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Gedenken: Srebrenica aus europäischer Sicht

Srebrenica

Jahrestag: Wie lässt sich des Genozids von Srebrenica aus europäischer Sicht gedenken? Und wie sieht ein muslimischer Beitrag dazu aus?

(iz). Wenn wir Muslime über Vergangenes und Geschehenes, über Geschichten in Raum und Zeit reflektieren, dann um die Bedeutung und den Sinn von Geschichte zu erfassen. Bei unserem heutigen Thema ist es zunächst notwendig, nochmals einige historische Eckdaten aus dem Logbuch der Geschichte zu erfassen und auf uns wirken zu lassen. Leider zeigen diese Ereignisse der 90er Jahre, dies sei vorab gesagt, einige typische, sich wiederholende Merkmale der Moderne auf.

Genannt seien das Lager, das nach dem italienischen Philosophen Agamben zum „Nomos der Moderne“ gehört, und das Prinzip der Massenvergewaltigung, für den Philosophien Foucault der Ausdruck einer modernen Biopolitik.

Der Balkankrieg macht zudem wieder einmal deutlich, was es heißt, wenn sich Volksgruppen ausschließlich als „Ethnie“ definieren. Die Grundlage des Barbarischen, Antireligiösen ist damit bereits gelegt. „Der ethnisch definierte Mensch“, so schrieb die damalige Ombudsfrau für Bosnien, Gret Haller, „hat gar keine Autonomie als Mensch mehr und wird völlig auf seine ethnische Zugehörigkeit reduziert“. Recht verletzen und Recht haben verkommt zu einer ethnischen Frage.

Srebrenica

Foto: The Advocacy Project, via flickr | Lizenz: CC BY-ND 2.0

Vergegenwärtigen wir uns also noch einmal emotionslos einige historische Fakten, die im Grunde für sich sprechen:

1991: Letzte Volkszählung vor dem Krieg. Srebrenica: 73 Prozent der Einwohner bezeichnen sich als Muslime.

6.3.1992: Beginn der Kämpfe in Bosnien-Herzegowina.

August 1992: Erste Berichte über Gefangenenlager der Serben (Roy Gutman in „Newsday“).

Oktober 1992: Die Serben haben die Macht in ihren Siedlungsgebieten konsolidiert, diese territorial verbunden und „ethnische Säuberungen“ vorgenommen. Dazu haben sie das von den bosnischen Muslimen bewohnte Ostbosnien bis auf sechs Enklaven, darunter Srebrenica, erobert. Auch die Hauptstadt Sarajevo sowie Bihac in Westbosnien sind von Serben eingeschlossen.

6.5.1993: Alle belagerten bosnischen Enklaven – Srebrenica, Sarajevo, Tuzla, Zepa, Gorazde und Bihac – werden zu UN-Schutzzonen erklärt (Resolution 824).

10.6.1993: Die NATO übernimmt den Schutz der UNPROFOR aus der Luft, die Abstimmung über Einsätze erfolgt in einem komplizierten Zwei-Schlüssel-System mit der UNO. Die NATO-Flugzeuge sollten aber nie wirklich zum Schutz der Bosnier zum Einsatz kommen.

24.5.1995: Der französische General Bernard Janvier, Kommandeur der UNO-Truppen in Ex-Jugoslawien, schlägt dem Sicherheitsrat die Aufgabe der Schutzzonen vor. [General Janvier war einer der härtesten Gegner von möglichen NATO-Angriffen gegen serbische Landziele während der Eroberung Srebrenicas. Er ließ das schlecht vorbereitete „Dutchbat“ alleine.]

6.-11.7.1995: Serben erobern die Schutzzone Srebrenica trotz der Anwesenheit von 419 Blauhelm-Soldaten. Der Befehlshaber der bosnischen Serben, General Mladic, leitet die Aktion persönlich. Dreißig niederländische Blauhelm-Soldaten als Gefangene in der Gewalt der Serben.

10.7.1995, 19.00 Uhr: Das niederländische Bataillon „Dutchbat“ fordert Luftunterstützung an. General Janvier zögert, weist drei solcher Aufrufe ab. Flugzeuge erreichen Srebrenica, kehren aber wieder um.

11.7.1995: Erst um 14.30 Uhr greifen NATO-Flugzeuge serbische Panzer an.

Um 15.00 Uhr wird die Beendigung der Angriffe wegen der Gefahr von Geiselnahmen verlangt.

16.00 Uhr: Eroberung Srebrenicas.

20.30 Uhr: Treffen Karremans/Mladic [Berüchtigter Sektglas-Empfang]. Präsident Izetbegovic ruft die UNO vergeblich zur Rückeroberung auf. [Viele niederländische Soldaten haben sich niemals mit dem Ziel ihres Einsatzes identifiziert; Zitat: „This is not my war!“]

12.7.1995: „Dutchbat“ wird von den Serben praktisch entmachtet. Zehntausende Frauen und Kinder, die Schutz bei der UN-Basis Potocari gesucht haben, werden mit Bussen deportiert.

12.7. bis 18.7.1995: Ca. 8.300 muslimische Jungen und Männer werden von serbischen Militärs und Militärpolizisten der bosnischen Serben bei Srebrenica ermordet.

11.7.1995: Die niederländischen Blauhelme verlassen Srebrenica. [Es hat nach den Ereignissen keine wirklichen Worte des Bedauerns seitens der beteiligten „Dutchbat“-Offiziere oder Mannschaften gegeben. Der kommandierende Offizier Karremans wurde später befördert.]

Erst am 26.7.1995 stimmt der US-Senat für die Aufhebung des Waffenembargos gegen Bosnien-Herzegowina.

12.10.1995: Waffenstillstand in ganz Bosnien und Herzegowina, letzte Kämpfe am 21.10.1995.

14.12.1995: Das im November ausgehandelte Friedensabkommen von Dayton wird von den Präsidenten unterschrieben. Srebrenica wird, wie andere früher mehrheitlich muslimische Gebiete auch, Teil der „Republika Srpska“ der bosnischen Serben.

[Quellen: Unter unseren Augen, von Hajo Funke und Alexander Rhotert, Verlag Das Arabische Buch, Berlin 1999; Srebrenica – Ein Prozess, Herausgegeben von Julija Bogoeva und Caroline Fetscher, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2002]

Was gehört zur weiteren Geschichte?

Soweit also zu den nüchternen historischen Fakten. Sie sprechen wie gesagt eigentlich schon für sich. Dennoch, was gehört aber noch zur weiteren Geschichte dieses Krieges und des stattgefundenen Genozids? Wenn wir heute gemeinsam dem Schicksal der unzähligen Opfer des Völkermords in Srebrenica gedenken, dann verrichten wir nicht nur eine notwendige gemeinsame Trauerarbeit, sondern wir tauchen auch in den besonderen Erfahrungshorizont europäischer Muslime ein.

Seit dem 11. September ist etwas in Vergessenheit geraten: Dass gerade im letzten Jahrhundert die Muslime in Europa nicht etwa Aggressoren, sondern immer wieder auch Opfer waren. Der Krieg auf dem Balkan und insbesondere die unvergesslichen Bilder aus Srebrenica sind und bleiben damit der natürliche Teil unserer gemeinsamen kollektiven Erinnerung.

Zur Verortung und zum Denken eines „europäischen Islam“ gehören zweifellos Städte wie Sarajevo und Cordoba, gehört der west-östliche Diwan Goethes, gehört das Denken Ibn Al-’Arabis und gehört Srebrenica gleichermaßen. Mit europäischen Muslimen meine ich, wenn ich dies ausdrücklich anmerken darf, diejenigen Muslime, die europäische Sprachen sprechen.

Ich würde gerne einige weitere Aspekte der geschichtlichen Deutung, aus europäischer und muslimischer Sicht, hier ansprechen. Zunächst ist festzustellen: Der Krieg auf dem Balkan war auch, aber nicht nur, ein ethnischer Konflikt zwischen verfeindeten Volksgruppen. Diesen Umstand versteht man besser, wenn man sich für einen Moment die Symbolsprache der Konflikte auf dem Balkan vergegenwärtigt.

Einen weltweiten Bekanntheitsgrad haben diese tragischen Ereignisse auf dem Balkan ja immer wieder durch das umkämpfte Amselfeld erlangt, auf welchem im Jahr 1389 die Osmanen das Heer der Serben geschlagen haben.

Dieser Ort, der sich im heutigen Kosovo befindet, wurde immer wieder zum Symbol für das serbische Nationalbewusstsein (und, wenn ich diese Anmerkung hier machen darf: jedes Nationalbewusstsein in Europa ist natürlicherweise in der Gefahr, in ein rassisches Bewusstsein umzuschlagen).

Für Milosevic war es ein Leichtes, an dieser Stelle, mit seiner weniger berühmten als berüchtigten Rede, die Balkankriege der 90er Jahre einzuleiten, indem er auf die damals genau sechs Jahrhunderte zurückliegende Schlacht bewusst Bezug nahm. Es ist dabei nicht überraschend, sondern vielmehr vielsagend, dass während des Krieges von der serbischen Propaganda den Bosniern gerade eine ethnische Identität nicht wirklich zugebilligt wurde.

Sie wurden, auf ihre islamische Identität anspielend, von der serbischen Propaganda immer wieder als „Türken“, also gerade nicht als Europäer, bezeichnet. So wurde verdeutlicht, dass man den Muslimen weder ein eigenes Territorium zubilligte, noch ihre Identität als europäische Volksgruppe überhaupt anerkennen wollte. Hieraus speist sich wohl auch der totalitär-unmenschliche Zug der Kriegsführung.

Es sind vor allem drei weitere Aspekte der Aufklärung und Würdigung der Ereignisse in Bosnien, die auch zehn Jahre nach Srebrenica aus meiner Sicht nicht in den Hintergrund geraten dürfen und nach weiterer Aufklärung verlangen. Diese Aspekte seien – natürlich in aller Kürze – hier genannt: Die Rolle der orthodoxen Kirche in Bosnien, die Rolle der Westmächte, von Srebrenica bis Dayton, und die Rolle der Täter-Opfer-Perspektive.

Zur Rolle der orthodoxen Kirche in Bosnien

Schwere Vorwürfe gegen die Serbisch-orthodoxe Kirche hat zu Recht die Gesellschaft für bedrohte Völker International (GfbV) nach der Veröffentlichung des so genannten Srebrenica-Videos erhoben. „Die Serbisch-orthodoxe Kirche hat die Ermordung und Vertreibung der bosnischen Muslime und damit die Auslöschung des 500 Jahre alten mitteleuropäischen Islam aus Bosnien bedingungslos unterstützt“, stellte der (damalige) Präsident der GfbV International, Tilman Zülch, fest.

Zülch weiter: „Das Video belegt einmal mehr, wie unmittelbar diese Kirche in den Genozid an den bosnischen Muslimen verstrickt ist.“ In dem Video war zu sehen, wie der in Serbien populäre Abt Gavrilo aus dem Kloster des heiligen Erzengels in Privina Glava bei Sid im Nordwesten von Belgrad die serbischen Mörder von sechs muslimischen Zivilisten aus Srebrenica segnete.

Eine ähnliche Szene ist auf einem weltweit verbreiteten Foto der Agentur Reuters zu sehen, das wenige Tage nach der Erschießung von mindestens 7.800 bosnischen Männern und Knaben aus der ehemaligen UN-Schutzzone durch serbische Einheiten in Ostbosnien am 25. Juli 1995 aufgenommen wurde.

Auf dem Bild reicht Patriarch Pavle, der höchste Geistliche der serbisch-orthodoxen Kirche, den heute mit internationalem Haftbefehl gesuchten Hauptkriegsverbrechern Radovan Karadzic und Ratko Mladic in Sokolac bei Sarajevo geweihtes Brot. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Zur Rolle der Westmächte

Immer wieder diskutiert wurde die Rolle der NATO-Staaten in diesem Konflikt. Wir wissen heute, dass die UNO sowie die Militärführungen und Regierungen mehrerer NATO-Staaten mindestens vier Monate vor dem Fall der ostbosnischen UNO-Schutzzone Srebrenica im Juli 1995 sehr konkrete Informationen über die Angriffsvorbereitungen und Eroberungspläne der bosnischen Serben hatten.

Doch Überlegungen im New Yorker UNO-Hauptquartier, den militärischen Schutz Srebrenicas zu verstärken, wurden nach einer Intervention der Clinton-Administration Anfang April 1995 gestoppt.

Diese neuen Erkenntnisse, die im Widerspruch zu dem im November 1999 vorgelegten Srebrenica-Untersuchungsbericht von UNO-Generalsekretär Kofi Annan stehen, erbrachten gemeinsame Recherchen der taz und des niederländischen Radiosenders VPRO.

Wir können hier nur noch einmal an die skandalöse Folgenlosigkeit der Untersuchungen der Akte Srebrenica erinnern. Dunkel bleibt die Rolle von Militärs und Politikern, sieht man einmal vom Rücktritt der niederländischen Regierung Kok am 16.4.2002 nach Veröffentlichung eines Reports über Srebrenica durch das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation (NIOD) ab.

Bis heute verweigert sich Frankreich wirklichen Untersuchungen über die Rolle der französischen Politik und Militärs, so zum Beispiel über die dubiose Rolle des französischen Generals Janvier.

Es bleibt nach wie vor eine offene Frage, inwieweit das „humanitäre“ Engagement oder Nicht-Engagement, das Gewähren und Nichtgewähren von Hilfe, die Rolle von Embargos und so weiter auch von geopolitischen Gesichtspunkten und Zielvorstellungen geprägt war.

Foto: CIA, via Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Zur Täter-Opfer-Perspektive

Schon der Daytonvertrag an sich birgt – aus Sicht vieler Bosnier – das Problem, dass die Vertragsmodalitäten in Dayton den serbischen Despoten Milosevic als gleichrangigen Verhandlungspartner anerkennen.

Der Daytonvertrag hat sicher einige juristische Schwächen, die indirekte Akzeptanz Milosevics ist jedoch seine evidente moralische Schwäche und hat die Regierungszeit Milosevics wohl mit entscheidend verlängert.

Aber auch zehn Jahre nach dem Krieg gibt es weitere handfeste Zweifel an der gerechten Aufarbeitung der Tragödie. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat beispielsweise der NATO schwere Versäumnisse bei der Suche nach den als Kriegsverbrecher angeklagten bosnischen Serben Ratko Mladic und Radovan Karadzic vorgeworfen.

Zehn Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica befinden sich der einstige bosnisch-serbische Militärführer und der bosnisch-serbische Ex-Präsident noch immer auf freiem Fuß. Die Leiterin der Abteilung für Europa und Zentralasien von Human Rights Watch, Holly Cartner, klagte: „Dass Karadzic ein Jahrzehnt nach Srebrenica noch immer frei herumläuft, ist ein schweres moralisches Versäumnis“. Laut Human Rights Watch gab es von Seiten der NATO-Friedenstruppen in den vergangenen zehn Jahren nur drei bestätigte Versuche, Karadzic zu verhaften.

Auch ein Weiteres möchte ich in diesem Zusammenhang anführen. Ich war vor drei Jahren Zeuge, als drei bosnische Generäle wegen Verletzung des Kriegsrechts in Den Haag angeklagt worden sind. In einigen Dutzend Fällen war es laut Anklageschrift in ihren Einheiten zu Lynchjustiz und Übergriffen gekommen.

Auf dieses Verfahren angesprochen, erklärte mir Alija Izetbegovic, man dürfe nicht vergessen, dass in dem untersuchten Zeitraum bis zu 110.000 Bosnier und Bosnierinnen ums Leben kamen. Dies spricht natürlich nicht gegen einen Prozess gegen die Generäle, wohl aber gegen das Vergessen der eigentlichen Verursachung des gesamten Krieges.

Sicher gehört es zu den moralischen Grundverpflichtungen der Bewertung dieses Krieges, Aggressor und Opfer immer wieder klar auseinanderzuhalten.

Meine verehrten Anwesenden, was bleibt nun also aus europäisch-muslimischer Sicht? Als wir Mitte der 90er Jahre in Weimar einige Veranstaltungen zum Thema Bosnien organisiert hatten, waren wir immer wieder über das fehlende Interesse der europäisch-bürgerlichen Eliten erstaunt.

Für mich war dies besonders unverständlich, da wir doch in der Schule gelernt hatten, dass eine Verfolgung aufgrund der religiösen Zugehörigkeit sich in Europa keinesfalls wiederholen dürfe.

Jetzt aber wurde man am Fernsehschirm Zeuge von jahrelang andauernden Übergriffen, Säuberungen und Verfolgungen. Für mich ein Trauma. Srebrenica hat allerdings auch – wie man es beispielsweise an der Politik des deutschen Außenministers ablesen kann – zu einem Bewusstseinswandel geführt. Srebrenica, so heißt es, hat die Idee eines deutschen Pazifismus erledigt.

Zumindest auf, oder besser gesagt allerdings leider nur auf dem Balkan. Tatsächlich leisten ja auch heute noch Soldaten der Bundeswehr, vor einigen Jahren noch undenkbar, einen Beitrag zur labilen Sicherheitslage in der Region.

gesellschaft

Foto: SorinVides, Shutterstock

Aber kommen wir zurück zu unserem eigentlichen Thema, den Menschen in Bosnien. Ich habe die positive Haltung der bosnischen Muslime nach den schrecklichen Kriegsereignissen immer bewundert. Die oft betonten Charaktereigenschaften eines angeblich „kriegerischen“ Islam treffen auf den Islam in Bosnien augenscheinlich nur wenig zu. Das ist eine wichtige Botschaft.

Es ist kein Zufall, dass Huntington bei seiner düsteren Vision des angeblich drohenden „Clash der Zivilisationen“ den bosnisch-europäischen Islam nicht erwähnt, oder besser nicht erwähnen kann. Die bosnisch-europäischen Muslime jedenfalls haben zu dem Konflikt der Kulturen – in jeder Hinsicht – herzlich wenig beigetragen.

Mehr noch, die Existenz der europäischen Muslime und die Existenz ihrer Kultur zeigt gerade, dass dieser angebliche Kulturkampf zwischen Europa und dem Islam eine Fata Morgana darstellt.

Eine andere Frage wäre es, ob auf dem Balkan ein neuer Konflikt droht, dessen mögliche Ursachen weniger kultureller als eher politisch-ökonomischer Natur sind. Der Balkan droht im sich abzeichnenden „Weltinnenraum des Kapitals“, so nennt Sloterdijk die neue globale Ordnung, zu einer vernachlässigten Außenzone zu werden.

Heute ist das Wort „Balkanisierung“ längst eine Art politisches Schimpfwort geworden. Es verwundert nicht, dass es keine wirkliche öffentliche Debatte über einen EU-Beitritt Bosniens gibt. Ich halte diesen Umstand, unabhängig vom Ergebnis, für zutiefst unlogisch.

Eine solche Debatte wäre aus den genannten Gründen für das geschichtliche Selbstverständnis Europas ungeheuer wichtig und als Debatte übrigens gerade für diejenigen schwer zu führen, die den Islam allein als eine fremde Religion von Ausländern definieren und ausgrenzen wollen.

Der Fall Bosniens zeigt, dass der Islam und Europa geschichtlich durchaus zusammengehören. Im Gegensatz zur Türkei dürfte auch die geografische Zugehörigkeit Bosniens zu Europa völlig außer Frage stehen.

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Viele Geschichten, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, beginnen und enden in Sarajevo. Sarajevo ist eine europäische Stadt. Ein Blick auf die Stadt gehört zu den europäisch-geschichtlichen Erfahrungen.

Blickt man auf das Tal, so sieht man wie an einer Schnur geschichtliche Abläufe und ihre architektonischen Ausdrucksformen aneinander gereiht. Geschichte ist sozusagen in jeder Epoche zum Greifen nah. Osmanisch geprägter Islam, österreichisch-ungarische Kaiserzeit, säkulare Ideologien, bis hin zum Olympiastadion und seinen Massengräbern.

Eine meiner bewegendsten Begegnungen fand vor einigen Jahren mit dem mittlerweile verstorbenen Alija Izetbegovic statt. Der ehemalige Präsident war von seiner tragischen Geschichte schwer gezeichnet und berichtete über seine, eigentlich von ihm nie gewollte, politische Karriere.

Der Islam, so Izetbegovic, hatte ihn vor allem als eine ökonomische Lehre fasziniert, die die damals herrschende Lehre des Kommunismus zurückwies. Das Gespräch drehte sich dann schnell um die negativste der gegenwärtigen Möglichkeiten auf dem Balkan: einen neuen, sich wiederholenden Bürgerkrieg.

Dies wäre, wie wir gemeinsam feststellten, auch deswegen eine Tragödie, weil dies auch ein neuer Bürgerkrieg zwischen jungen Serben, Kroaten und Bosniaken wäre, jungen Leuten, die alle im Grunde nicht mehr so genau wissen würden, was der eigentliche „kulturelle“ Unterschied zwischen ihren Völkern und Nationen ist.

Die Zurückhaltung der bosnischen Muslime

Schlussendlich: Ich habe, wie gesagt, die Zurückhaltung der bosnischen Muslime nach den schrecklichen Ereignissen immer bewundert. Auch dies gehört hierher: Ein Selbstmordattentat, ausgeführt durch einen bosnischen Muslim, ist, religiös und existenziell, Gott sei dank undenkbar. Eine Lehre oder ein Lehrer, die oder der solche Taten als „religiös“ verklärt, zum Glück auch.

Exemplarisch sei die folgende, zusammenfassende Antwort von Mufti Mustafa Ceric zur Rolle Bosniens im aktuellen Spannungsfeld Europa – Islam – Terrorismus genannt.

Ceric sagte in einem Interview mit der tageszeitung: „Man kann nur beschämt sein über das, was geschah, und dass man es zugelassen hat. Wenn wir in Bosnien jetzt in die terroristische Ecke gestellt werden, dann hat dies etwas mit dem schlechten Gewissen uns gegenüber in Europa zu tun. Dabei gab es hier in Bosnien nach dem Ende des Krieges keine Revanche gegenüber den Tätern, obwohl es viele Gründe dafür gegeben hätte. Wir haben uns zivilisiert benommen. Während des Krieges mussten wir jegliche Hilfe annehmen, weil Europa zögerte, uns gegenüber der Aggression zu verteidigen. Deshalb kamen so genannte Mudschaheddin ins Land, die solidarisch mit uns sein wollten. Das liegt also auch in der europäischen Verantwortung. Zudem muss man sich fragen, was der Wahhabismus eigentlich ist. Es gibt einen politischen und religiösen Wahhabismus; der politische wurde vom Westen kreiert, um das türkisch-osmanische Reich zu schlagen. Saudi-Arabien ist nach wie vor Verbündeter des Westens. Der ideologische Wahhabismus, die Theologie, ist uns bosnischen Muslimen fremd geblieben. Wir haben ein anderes Verständnis von Staat und Gesellschaft; die bosnischen Muslime werden sich darin nicht verändern, da können sie sicher sein.“

Man kann sich, verehrte Anwesende, zur Geschichte des letzten Jahrhunderts mit ihren verheerenden Kriegen, maßlosen Ideologien und menschenverachtenden Lagern letztlich nicht geistig indifferent verhalten. Am Schlimmsten wäre wohl, als Konsequenz dieser Ereignisse, eine fatalistische oder nihilistische Haltung.

Als Gläubiger, unabhängig von der Konfession, gehört die Akzeptanz des Schicksals, wie schwer es auch sein mag, zur geistigen Konstitution. Ein bosnischer Freund hat mir einmal nach einem Gespräch über dieses Thema gesagt: „Nach Srebrenica hört man entweder auf zu beten, oder man beginnt damit“. Wir haben dann gemeinsam das Abendgebet verrichtet und einen neuen Tag begonnen.

* gehalten am 2. Juli 2005.

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GfbV zu 30 Jahren Srebrenica

GfbV srebrenica

Die Menschenrechtsorganisation GfbV fordert als Lehre aus dem 30. Jahrestag: Dem Gedenken müssen Konsequenzen folgen!

Göttingen (GfbV/iz). Dreißig Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica bleiben zentrale Forderungen der Überlebenden und Angehörigen unerfüllt, wie die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) kritisiert:

„Die internationale Gemeinschaft hat versagt – und sie versagt bis heute. Das Gedenken an die über 8.000 bosniakischen Jungen und Männer, die im Juli 1995 ermordet wurden, darf nicht vom politischen Handeln entkoppelt werden. Es braucht endlich Konsequenzen, Aufarbeitung und wirksame Prävention“, fordert Jasna Causevic, GfbV-Referentin für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung anlässlich des 30. Jahrestags des Massakers.

Die GfbV begrüßte die im Mai 2024 verabschiedete UN-Resolution, die den 11. Juli als Internationalen Gedenktag an den Genozid in Srebrenica etabliert. Doch Causevic zufolge muss dieser Gedenktag durch konkrete Maßnahmen flankiert werden:

„Es reicht nicht, einmal im Jahr Worte des Bedauerns zu sprechen. Europäische Staaten und Institutionen müssen Genozid-Leugnung klar verurteilen, die Verbrechen aufarbeiten und aktiv zur Gerechtigkeit beitragen – gerade in der Entität Republika Srpska und in Serbien, wo nach wie vor Täter glorifiziert und Opfer diffamiert werden.“

Zu den notwendigen Maßnahmen gehörten europaweiten Veranstaltungen und Bildungsprogramme und verstärkte Anstrengungen zur Auffindung der verbleibenden Massengräber. Auch eine landesweit Erinnerungskultur, die die Ethnonationalisten bisher verhindern müsse die EU unterstützen. 

Foto: Paul Katzenberger, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Auch heute, 30 Jahre nach dem Verbrechen, ist der Verbleib von über 800 Opfern ungeklärt. Viele Familien haben nie vollständige Überreste ihrer Angehörigen erhalten. „Wenn in diesem Jahr sieben weitere Opfer in Potocari bestattet werden, dann oft nur mit einzelnen Knochen. Die Täter haben Massengräber systematisch zerstört, um ihre Spuren zu verwischen“, erinnert Causevic.

„Währenddessen sterben immer mehr Mütter und Geschwister der Opfer, ohne je die sterblichen Überreste ihrer Liebsten bestatten zu können.“

Heute organisiert die GfbV gemeinsam mit den Bundestagsabgeordneten Michael Brand und Adis Ahmetovic eine Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag. Dort wird Nedzad Avdić sprechen, der die Massenerschießungen 1995 überlebt hat.

„Unser Respekt gilt Menschen wie Avdić und den Müttern von Srebrenica. Ihr unermüdlicher Kampf für Gerechtigkeit mahnt uns alle. Es ist beschämend, dass viele Täter weiterhin auf freiem Fuß sind“, so Causevic weiter.

Die GfbV-Sektionen Deutschland und Bosnien und Herzegowina rufen zur Teilnahme an den internationalen Gedenkveranstaltungen in Srebrenica und weltweit auf. Sie appellieren an die Bundesregierung, ihre historische Verantwortung anzuerkennen und entschlossen gegen Nationalismus und ethnische Spaltung auf dem Westbalkan vorzugehen.

„Nie wieder darf Völkermord geschehen – und Nie wieder darf nicht zur leeren Floskel verkommen“, erklärt Causevic abschließend.

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Srebrenica: „Die Albträume haben nie aufgehört“

srebrenica

Am 11. Juli gedenkt die Welt der Opfer des Srebrenica-Massakers. Vor 30 Jahren töteten serbische Nationalisten mehr als 8.000 Muslime. Ein Überlebender und der UN-Chefankläger erinnern sich an die Gräuel.

Srebrenica (KNA) „Es war frühmorgens am 6. Juli, als die ersten Schüsse fielen“, erinnert sich Nedzad Avdic. Zunächst dachte seine Familie, dass es sich bloß um eine weitere Provokation der bosnisch-serbischen Armee handele. Doch diesmal wurde auf Menschen geschossen.

Avdic war 17 Jahre alt, als das Massaker von Srebrenica vor 30 Jahren begann. Binnen weniger Tage töteten serbische Nationalisten mehr als 8.000 muslimische Bosniaken – unter ihnen auch Avdics Vater und vier Onkel. Der Völkermord, der als Höhepunkt der Verbrechen des Bosnien-Krieges (1992-1995) gilt, belastet Bosnien-Herzegowina bis heute.

Foto: Jeroen Akkermans, flickr | Lizenz: CC BY-NC-Sa 2.0

Srebrenica: Überlebende werden immer noch von Träumen verfolgt

Auch Avdic wird immer noch verfolgt: nachts, von Uniformierten, vor allem im Sommer. „Die Albträume haben nie aufgehört“, erzählt der Ökonom. Nachdem die ersten Schüsse gefallen waren, versteckte er sich mit seinen Verwandten im Wald.

Kurz darauf wurde die Gruppe von Soldaten der serbischen Teilrepublik Srpska gefangengenommen. „Manche schlugen sie so brutal zusammen, dass sie nicht mehr laufen konnten.“

In den kommenden Tagen sah er mit an, wie Nachbarn, Freunde und Fremde blutüberströmt starben. In einer Schule gefangen, hörte er im Nebenraum das automatische Feuer des Hinrichtungskommandos. Er selbst wurde mit anderen mitten in der Nacht an einen Baggersee gebracht – eine weitere Hinrichtungsstätte.

Dort wurde auch er angeschossen. Projektile von Maschinengewehren bohrten sich durch seine Brust, Arm und Bein. „Neben mir fielen die Menschen reihenweise um. In dem Moment wollte ich nur noch sterben.“ Wie durch ein Wunder überlebte Avdic – eine Tatsache, die er erst Tage später realisierte, als Dorfbewohner seine eiternden Wunden versorgten.

Foto: UN ICTY, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Ratko Mladic in Haft

Schauplatzwechsel: Den Haag, drei Jahrzehnte nach dem Massaker. In einem UN-Gefängnis verbüßt Ratko Mladic, ehemaliger Militärchef der bosnischen Serben, eine lebenslange Freiheitsstrafe. Vorigen Monat beantragte seine Verteidigung die Freilassung des 83-Jährigen. Er soll unheilbar krank sein.

Serge Brammertz, Chefankläger des Internationalen Residualmechanismus für die Ad-hoc-Strafgerichtshöfe (IRMTC, zuständig für Ruanda, Ex-Jugoslawien) sieht das Ansuchen gespalten: Einerseits sei die Möglichkeit auf einen würdigen Tod genau das, was eine zivilisierte Gesellschaft von der Barbarei der Kriegsverbrecher unterscheide. Andererseits wolle er im Sinne der Opfer und Hinterbliebenen „alles in unserer Macht Stehende tun“, damit Mladic im Gefängnis bleibt. Ohnehin gebe es dort die beste medizinische Versorgung.

Brammertz zeigt sich enttäuscht über die langsame Aufarbeitung des Genozids. Mit Blick auf 7.500 Opfer, die immer noch als vermisst gelten, sagt er: „Für jeden Vermissten gibt es zumindest einen, der weiß, wo sich die Person befindet. Sei es der Arbeiter, der die Person vergraben hat, der Busfahrer, der sie zur Exekution gebracht hat, oder der Baggerfahrer, der das Massengrab ausgehoben hat.“ Doch es herrscht Schweigen. Untermauert wird es von Nationalisten, die den Völkermord offen leugnen und Kriegsverbrecher als „Helden“ feiern.

Aufholbedarf gibt es laut Brammertz auch bei der regionalen Zusammenarbeit. Einige kroatische oder serbische Ex-Militärs flohen in die Nachbarländer und nahmen deren Staatsbürgerschaft an. „Das bringt uns in die unglaubliche Situation, dass in der Mitte Europas mutmaßliche Völkermörder 30 Kilometer von dem Ort entfernt leben, wo sie ihre Straftaten begangen haben“, so der UN-Ankläger.

Zwar sei es eine Traumvorstellung zu glauben, dass die strafrechtliche Aufarbeitung direkt zu Versöhnung in Bosnien-Herzegowina führen könnte. „Dennoch bleibt die Verurteilung der Schuldigen eine Voraussetzung, um der Versöhnung überhaupt eine Chance zu geben.“

Foto: Kremlin.ru, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 4.0

Extremisten wie Dodik gefährden das Land

Davon scheint die Vielvölkernation aus Bosniaken, Serben und Kroaten allerdings noch denkbar weit entfernt. Das Zusammenleben wird verpatzt von ethnischen Nationalisten. Der bekannteste unter ihnen: Serben-Führer Milorad Dodik.

Der Präsident der Republika Srpska droht regelmäßig, sein Serbengebiet von dem Balkan-Staat abzuspalten. Trotz eines im März erlassenen Haftbefehls bleibt Dodik auf freiem Fuß. Darüber hinaus gibt es aber auch Lichtblicke. In der Hauptstadt Sarajevo verurteilte ein Richter jüngst erstmals eine Person wegen Genozid-Leugnung.

Auch Nedzad Avdic glaubt an ein anderes Bosnien-Herzegowina: Er gehört zu den sogenannten Rückkehrern, die sich Jahre nach dem Völkermord wieder in den Dörfern und Städten um Srebrenica niederließen. Dort leugneten selbst heute noch viele den Völkermord, sagt er; genauso wie die bosniakische Identität und Kultur.

Und: „Etliche Jugendliche, die nach dem Krieg geboren wurden, sind zu größeren Nationalisten geworden als die Kriegsverbrecher.“ Ständig seien sie Propaganda ausgesetzt; “sie haben keine Chance dazuzulernen“.

Wie lange Avdic seine drei Töchter diesem vergifteten Klima noch aussetzen könne, sei fraglich, meint er. „Aber sollte ich tatsächlich wieder wegmüssen von hier, gehe ich mit Stolz: Ich habe es versucht!“

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Europas Wunde – Das Massaker von Srebrenica vor 30 Jahren

srebrenica

Es war das größte Kriegsverbrechen auf europäischem Boden seit 1945. Der Massenmord von Srebrenica an mehr als 8.000 bosniakischen Muslimen belastet bis heute die politische Kultur auf dem Balkan. Doch das Gedenken lebt.

Sarajevo (KNA/IZ). Der Eroberer gibt sich väterlich an diesem heißen Julitag 1995, im vierten Jahr des Bosnienkriegs: „Habt keine Angst, niemand wird euch etwas antun“, beschwichtigt der bosnisch-serbische General Ratko Mladic eine Gruppe muslimischer Bosniaken, Frauen, Männer und Kinder.

Srebrenica – der zynische General Mladic

Ihre Gesichter spiegeln Angst, Hoffnung, Ungewissheit. Busse seien unterwegs, um die Menschen aus der Gegend von Srebrenica auf bosnisches Gebiet zu bringen, verspricht Mladic vor laufender Kamera.

In Wahrheit gibt er beim Einmarsch in Srebrenica vor seinen Soldaten eine andere Parole aus, wie ein zweites Filmdokument beweist. Der tief in der Geschichte wurzelnde Hass des orthodoxen Serben auf bosnische Muslime entlädt sich in einem Satz: „Die Zeit ist gekommen, an den Türken dieser Region Rache zu nehmen“.

Nach der osmanischen Balkan-Eroberung im 15. Jahrhundert hatten die Bosniaken allmählich die Religion der neuen Herren angenommen.

Beide Auftritte Mladics laufen in Endlosschleife auf einem Videomonitor in der Galerija 11/07/95 in Sarajevo. Sie ist Museum und Gedenkstätte zugleich für das schlimmste Massenverbrechen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Foto: Jeroen Akkermans, flickr | Lizenz: CC BY-NC-Sa 2.0

Unter den Augen niederländischer UNO-Soldaten zogen Mladics Truppen am 11. Juli 1995 bei Srebrenica Tausende aus dem Flüchtlingsstrom heraus, vor allem Männer. Sie trieben sie zusammen und erschossen sie in den nächsten Tagen systematisch an Orten rund um die kleine Stadt in Ostbosnien.

Anschließend verscharrten sie die Ermordeten. Die Zahl der bestätigten Todesopfer liegt heute bei 8.372. Viele wurden immer noch nicht gefunden.

Eine ungefilterte Härte

Das Video auf dem Großbildschirm in der Galerija 11/07/95 zeigt harte Szenen von Massenerschießungen. Als die Körper der Männer nach vorne fallen, stöhnt eine Zuschauerin leise auf und wendet sich ab. Doch die Dauerausstellung im Zentrum von Sarajevo konfrontiert den Besucher auch mit stummen Bildern: 640 Porträtfotos von Ermordeten, darunter Frauen und Minderjährige.

„Der einzige Grund für ihre Tötung war, dass sie den falschen Namen, die falsche Ethnie und Religion hatten“, sagt Tarik Samarah, Gründer und Direktor der Galerija. „Von etlichen Opfern blieben wegen der Kriegswirren nichtmal mehr Fotos übrig.“ Dafür dokumentieren an den Wänden großformatige Aufnahmen das Grauen: ein verwester Schädel im Schlamm, Menschen mit Schaufeln, die ihre Angehörigen ausgraben.

Ein gespenstisches Bild zeigt eine erschossene Frau neben ihrer Einkaufstüte, während ein Auto im Hintergrund beiläufig vorbeifährt. Entstanden ist es während der fast vierjährigen Belagerung Sarajevos durch die bosnisch-serbische Armee, deren Scharfschützen und Artillerie Jagd auf die Bevölkerung machten und 11.000 Menschen töteten.

Das Foto erinnert daran, dass der Massenmord von Srebrenica zwar die schlimmste, aber bei weitem nicht einzige Gräueltat dieses Krieges war. „Erinnerung darf kein passiver Akt sein“, fordert Galerija-Gründer Samarah.

„Sie funktioniert nur als aktives Bemühen um die Menschenwürde und dafür, dass so etwas nicht wieder passiert.“

Blutiger Zerfall

Mit 100.000 Toten war der Bosnienkrieg 1992 bis 1995 der blutigste unter den jugoslawischen Zerfallskriegen. Während das Teilgebiet der Republika Srpska unter Präsident Radovan Karadzic den Anschluss an das serbische Mutterland anstrebte, wollten die Bosniaken ihren eigenen Staat.

Beide bildeten jeweils mehr als 30 Prozent der Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas. In Titos Jugoslawien hatte man oft Haus an Haus zusammengelebt, nun wütete der ethnokulturelle Nationalismus.

1993 erklärt der UN-Sicherheitsrat das Gebiet um Srebrenica dann zur Schutzzone für rund 40.000 bosniakische Flüchtlinge, was die Eroberung durch Mladics Truppen zwei Jahre später nicht verhindert.

Dass die etwa 400 niederländischen Blauhelme sie angesichts der Übermacht ohne Gegenwehr gewähren ließen, sorgte nach dem endlich erzwungenen Frieden von Dayton Ende 1995 für jahrelange Debatten – und die Rolle der UNO bis heute für Verbitterung in der bosnischen Gesellschaft. Im Verkaufsbereich der Galerija 11/07/95 zeugen schwarze T-Shirts davon, Aufschrift: „UN – United Nothing“.

Foto: Paul Katzenberger, flickr | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Der Gerichtshof stellte Völkermord fest

Zumindest bezeichnete der Internationale Gerichtshof in Den Haag das Grauen von Srebrenica 2007 als Völkermord. Die Haupttäter Mladic und Karadzic erhielten vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal lebenslange Haftstrafen, etliche weitere wurden von verschiedenen Gerichten verurteilt. Auch in Serbien, das den Vorwurf des Genozids aber nicht anerkennt.

Das gilt erst recht für den heutigen Präsidenten der Republika Srpska, seit dem fragilen Abkommen von Dayton eine der beiden Entitäten Bosnien-Herzegowinas. Der Nationalist Milorad Dodik spricht von einem „Lügen-Mythos“ und droht derzeit wieder mit der Abspaltung aus dem Staatsverband. „Wir leben immer noch in der letzten Phase eines Völkermords: seiner Leugnung“, sagt Samarah.

So bleibt Srebrenica auch nach 30 Jahren eine Wunde in Europa. Vor allem für die Angehörigen der rund 800 Opfer, nach denen immer noch gesucht wird. Noch 2021 stießen Ermittler auf ein weiteres Massengrab. 

Unter den Opfern war das jüngste bekannte: das wenige Tage alte Mädchen Fatima Muhic. Tausende Ermordete fanden inzwischen ein würdiges Grab auf der Gedenkstätte Potocari – jenem Ort nahe Srebrenica, wo Mladic den Menschen einst sicheres Geleit versprach.

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Srebrenica – der größte Mord ein Europa seit 1945

Srebrenica

Srebrenica: Gretchen Shirms Roman ist ein indirekter und fiktiver aber eindrücklicher Zeuge für die Kriegsverbrecherprozesse in Den Haag.

(The Conversation). Gretchen Shirm war Rechtsreferendarin in Den Haag, am Internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen, der Schauplatz ihres neuen Romans „Out of The Woods“ ist. Während sie 2006 ihr Praktikum absolvierte, spielt ihr Text im Jahr 2000. Von Jade Turner Goldsmith

Er ist eine fiktive Nacherzählung des realen Prozesses gegen Radislav Krstić, der im Zusammenhang mit einem Völkermord steht, der schlimmsten Massenmordtat in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Im Juli 1995 töteten bosnisch-serbische Truppen mehr als 8.000 bosnische muslimische Jungen und Männer und vertrieben über 20.000 Zivilisten aus Srebrenica, einer Stadt im Osten Bosnien-Herzegowinas. Krstić, Kommandeur des für das umliegende Gebiet zuständigen Armeekorps, wurde 2001 wegen Beihilfe zum Völkermord und Mord verurteilt.

Die Autorin verwendet öffentlich zugängliche Auszüge aus Zeugenaussagen vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien. Sie war bei der Verhandlung gegen ihn nicht anwesend. Ihre Erfahrungen in Den Haag haben sie jedoch tief bewegt – und ihre Wirkung hallt in der Erzählung ihrer Protagonistin nach.

In Shirms Roman nimmt Jess, eine Typistin mittleren Alters aus Lismore, eine Stelle als Gerichtsreporterin für ein Kriegsverbrechertribunal an. Es befasst sich mit den Ereignissen in der Enklave Srebrenica der Vereinten Nationen im Jahr 1995 nach dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens. 

Sie nimmt an der Verhandlung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers „K“ teil und hört Aussagen der Zeugen. Ihr persönlicher Kampf um Selbstfindung vor dem Hintergrund emotionaler Vernachlässigung wird durch diese Zeugenaussagen unterbrochen.

„Out of the Woods“ ist eine zusammengesetzte Erzählung, die in ihrer Struktur „romanischer“ ist als bisherige Werke der Autorin. Der Gesamteindruck ist beeindruckend: Stimmen vermischen sich und sprechen miteinander.

So ist das Buch zugleich ein großes und weitreichendes Narrativ von Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus einer nicht allzu fernen Vorzeit und eine nicht minder kleine, persönliche Geschichte über die Aufarbeitung vergangener psychischer Misshandlungen.

Zu Beginn des Romans schreibt sie: „Die Landschaft war weiß bedeckt, und sie hatte nicht gewusst, dass es so weiter schneien würde, und es bereitete ihr Unbehagen, den stillen Schneefall zu beobachten, als würde sie mit ansehen, wie etwas vor ihren Augen ausgelöscht wurde.“ Wie zu viele Beispiele in der Geschichte gezeigt haben, ist Auslöschung das beabsichtigte Ziel der Täter von Völkermord.

Wenn die Stimmen der Kriegsüberlebenden nicht gehört werden, besteht die Gefahr, dass sie gelöscht werden. Nichtung und Vergessen: In diesem Fall sind es bosnische Männer und Frauen, die ihre Ehemänner, Söhne und Brüder durch die Serben in Srebrenica verloren haben.

Als Teenager lernte die Autorin das Wort „Völkermord“ von ihrer Mutter, die sie, wie in der Danksagung zum Buch erwähnt, dazu ermutigte, „sich um Dinge zu kümmern, die wichtig sind“. Diese Anliegen schlummerten offensichtlich in ihr und tauchten nun als kraftvolles Thema in diesem Roman auf.

Durch diese Beschreibung habe ich indirekt und aus zweiter Hand von unbekannten oder vergessenen Ereignissen in Srebrenica erfahren. Zum Beispiel, dass serbische Truppen, getarnt mit UN-Helmen und gestohlenen Fahrzeugen, bosnische Kriegsgefangene – die „Männerkolonne“ im Wald – zur Kapitulation überredeten, sie dann aber (so wird angedeutet) hinrichteten.

Ein Zeuge, ein britischer Armeeoffizier, verweist mit der distanzierten Stimme eines Aussagenden, der vor Gericht befragt wird, auf die Notwendigkeit, Leute zu identifizieren, die „in der Lage und bereit waren, an den Morden teilzunehmen; es wurden andere Personen mit Maschinen benötigt, um Löcher zu graben, Gräber auszuheben; es wurde Treibstoff benötigt … Ausrüstung“.

Ich erfuhr, dass die Bedingungen in Srebrenica so unerträglich waren, dass „die Menschen sich lieber das Leben nahmen, als es sich nehmen zu lassen“. Das sekundäre Trauma, das jeder erlebt, der an Kriegsverbrecherprozessen teilnimmt, darf nicht unterschätzt werden. Auf einer Ebene ist Shirms Roman eine ausführliche Untersuchung darüber, wie das Zeugnisgeben unter solchen Umständen das Leben verändert.

Anfangs glaubt sie, dass ihr Tun leicht sein wird: Sie muss lediglich die Verhandlungen protokollieren. Sie ist „gut darin, einfach ihre Arbeit zu machen“ und tut dies, indem sie sich von dem, was sie hört, distanziert. Allerdings: „Die Aussagen der Zeugen waren nicht geordnet, sie folgten keinen festen Mustern. Es fiel ihr schwer, diese Worte in ihrem Kopf einzuordnen.“

Jess fühlt sehr mit für die Berichte der Augenzeugen über Mord, Vertreibung, Täuschung, Misshandlung, Grausamkeit, Kampf, Schmerz und Verlust. Gleichzeitig empfindet sie auf eine ihr selbst schwer erklärbare Weise ambivalente Sympathie für den Angeklagten K. Sie nimmt ihn als Menschen wahr, der verletzlich ist. Dieses Gefühl der ungewollten Komplizenschaft entsteht durch ihre räumliche Nähe zueinander.

Die Kraft der Worte und die Bedeutung des Zeugnisses sind ebenfalls starke Motive. Keine Worte scheinen angemessen, um das Entsetzen von Jess’ Kollegen auszudrücken. Und doch „gab es Worte, weil die Zeugen immer wieder neue Wege fanden, um zu sprechen“. Worte und Geschichten sind wichtig und dürfen nicht vergessen werden, erinnert uns Shirm – auch wenn dies seinen Preis hat. Merjem ist überwältigt, verlässt das Tribunal vorzeitig und flieht zurück nach Sarajevo.

Übersetzt und veröffentlicht im Rahmen einer CC-Lizenz.

Gretchen Schirm, Out of the Woods (engl. Ausgabe), Transit Lounge 2025, Taschenbuch, ISBN 978-1923023314, Preis: EUR 33,46

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Srebrenica: Im Schatten des Völkermords

Srebrenica

Ankündigung: Neue Arte-Doku über Srebrenica und das Leben nach dem Massaker in der ostbosnischen Stadt.

Wie lebt man mit der Erinnerung an einen Völkermord? Die Frage stellen sich die Bewohner von Srebrenica, wo vor 30 Jahren 8.400 Muslime ermordet wurden. Eine TV-Doku zeigt, wie lang der Schatten der Vergangenheit ist. Von Christoph Arens

Straßburg (KNA). Es war das größte Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg: Der Name Srebrenica ist seit 1995 untrennbar mit dem Völkermord an 8.400 bosnischen Muslimen – meist Männern und Jungen – verbunden. Der grausame Höhepunkt des Bosnienkrieges, der nach dem Zerfall Jugoslawiens 1992 begann – und gut 100.000 Opfer auf allen Seiten forderte.

Zum 30. Jahrestag, der am 11. Juli international begangen wird, führt die 31-minütige Arte-Dokumentation „Srebrenica – Leben im Schatten des Völkermords“ in die Stadt, deren Wunden noch lange nicht verheilt sind. 

Srebrenica – schwieriges Zusammenleben

Dort leben Menschen, die sich nur schwerlich aus den Schatten der schrecklichen Vergangenheit lösen können. Srebrenica gehört heute ausgerechnet zum serbisch dominierten Teil Bosnien-Herzegowinas.

Von früher 30.000 Einwohnern sind nur noch 4.000 geblieben. Opfer und Täter wohnen eng zusammen – Kirche und Moschee liegen in Blickweite, die Muslime sind in der Minderheit.

Eine Stadt im Bann der Vergangenheit. Es gibt keine Cafés und keine Treffpunkte für Jugendliche. Die Kamera führt durch vernachlässigte Straßen, vorbei an leerstehenden Häusern und trifft auf Menschen, die zurückgekommen sind, weil sie nach ermordeten Angehörigen suchen oder sich um ältere Familienmitglieder kümmern, die die Stadt niemals verlassen wollten.

Foto: Adobe Stock

Erinnerungen

So wie Bekir Halilovic. Er war damals ein Baby, seine Mutter konnte ihn retten, als sein Vater von den Serben ermordet wurde. Heute, mit 31, lebt Bekir zwei Autostunden von Srebrenica entfernt, aber er kommt regelmäßig zurück, um seine Mutter zu besuchen oder am Grab seines Vaters zu beten – einer weißen Steele auf den riesigen Gräberfeldern, die sich um die Gedächtnisstätte Srebrenica Memorial Centre gruppieren.

Seine Erinnerung pflegt er nicht nur privat innerhalb der Familie: Bekir hat eine eigene Nichtregierungsorganisation gegründet, gemeinsam mit seiner serbischen Freundin Valentina. Wie kann man die Erinnerung wachhalten, ohne die Versöhnung zu blockieren? Diese Frage wollen Bekir und Valentina mit Jugendlichen aller Volksgruppen in Srebrenica erörtern.

„Warum“, bringt es einer der Jugendlichen auf den Punkt, „sollen wir dreißig Jahre später keine Freunde sein? Wir müssen halt dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.“

Bei „Adopt Srebrenica“ treffen sie sich regelmäßig zu Alltagsaktivitäten, inspizieren leerstehende Häuser, befassen sich mit der vielfältigen Vergangenheit der Stadt, sprechen intensiv über die Geschichte von Srebrenica – vor und während des Völkermordes. Die Archivierung von historischen Dokumenten ist dabei genauso wichtig wie der Austausch mit Zeitzeugen.

Foto: Yousef Salhamoud, Unsplash

Die Probleme der Jugend

„Eine Stadt, die eine lange Vergangenheit hat, kann auch eine Zukunft haben“, sagt eine der Jugendlichen. Srebrenica habe Potenzial – auch wenn es heutzutage vor allem für Geldwäsche genutzt werde. Und ein anderer Jugendlicher ergänzt: Natürlich sei es wichtig, die Vergangenheit nicht zu vergessen, um die Erinnerung wach zu halten. „Aber Srebrenica hat andere Probleme, wie Umweltverschmutzung und Abwanderung.“

Wie schwierig das Zusammenleben heutzutage ist, wird in der Doku oft zwischen den Zeilen deutlich: Die serbische Stadtverwaltung hat keine Interesse, „Adopt Srebrenica“ zu fördern. Interviews mit serbischen Mitbewohnern kommen nicht zu Stande.

Auch für Bekirs Freund Bernis ist die Versöhnung noch weit weg. Einige seiner Angehörigen sind ebenfalls ermordet worden. Er hat ein Hotel aufgebaut, in dem die vielen internationalen Besucher der Gedenkstätte unterkommen können. „Ich habe nichts gegen die Serben“, sagt der 34-Jährige, „aber wenn ich wüsste, wer meinen Vater erschossen hat, würde ich morgen losziehen und die Gerechtigkeit selbst in die Hand nehmen.“

Die Doku ist online ab 25. Juni 2025 zu sehen. Die Erstausstrahlung im Fernsehen ist für Freitag, 27. Juni, um 19.40 Uhr geplant