IZ-Reiseblog: Die Welt gibt es nicht – auf der Autobahn nach Istanbul
IZ-Reiseblog: Auf der Autobahn nach Istanbul wird das Navigationsgerät zum Ausgangspunkt einer philosophischen Reise. Wie verändern KI und moderne Technik unseren Blick auf die Welt?
Grafik: Abu Bakr Rieger/mit KI erzeugt
(iz). Wir verlassen Thessaloniki am Morgen. Über dem Thermaischen Golf liegt noch Dunst. Vor uns liegen gut dreihundert Kilometer bis zur türkischen Grenze bei Kipoi und İpsala, danach soll es weiter durch Ostthrakien nach Istanbul gehen. Auf dem Armaturenbrett leuchtet das Navigationsgerät. Es kennt den Weg. Wir kennen ihn eigentlich auch, aber wir benutzen es trotzdem.
Die Stimme aus dem Armaturenbrett
„In achthundert Metern rechts halten.“ Die Stimme ist freundlich und duldet keinen Widerspruch. Meine Frau lächelt und erinnert an die Faltkarten von früher, die sich nie wieder so zusammenlegen ließen, wie man sie gekauft hatte und an den Shell-Atlas auf ihren Knien.
Die Ortsnamen in kyrillischer oder griechischer Schrift mussten erst entziffert werden, während die Ausfahrt schon vorbeizog. Heute ist das Reisen leichter. Das ist ein Segen, und wir sagen es ohne Ironie.
Trotzdem fallen uns sofort die anderen Geschichten ein: die Nacht in einem idyllischen Bergdorf auf dem Peloponnes, das wir nur fanden, weil wir uns hoffnungslos verfahren hatten; ein alter Mann an einer Tankstelle, der uns mit Händen und Füßen den Weg erklärte. Wir kamen damals auch ans Ziel. Nur anders, manchmal mit einer Geschichte mehr.
Wir sprechen über Hartmut Rosa. In Unverfügbarkeit beschreibt er das moderne Verlangen, die Welt erreichbar, berechenbar und beherrschbar zu machen. Gerade der Versuch, alles unter Kontrolle zu bringen, kann sie verstummen lassen.
Das berühmte Wort der Entfremdung gehört hierher. Resonanz nennt der Soziologe dagegen eine Beziehung, in der uns etwas berührt und wir darauf antworten — ohne vorher bestimmen zu können, was daraus wird.
Grafik: Abu Bakr Rieger/mit KI erzeugt
Das Navigationsgerät verspricht zumindest für den Weg eine Kontrolle. Es nimmt uns viele Irrwege ab. Ob es uns damit auch Erfahrungen erspart, die wir lieber gemacht hätten, lässt sich schwerer berechnen. Natürlich ist nicht jede verpasste Ausfahrt eine Offenbarung. Manchmal ist sie bloß eine verpasste Ausfahrt.
Eine frühe Form dieser technischen Orientierung kam aus Japan. Honda brachte 1981 den Electro Gyrocator auf den Markt, das erste kartenbasierte Navigationssystem für Autos. Auf einem kleinen Bildschirm zeigte das Gerät die Fahrzeugposition an; die passende Straßenkarte wurde als transparente Folie darübergelegt.
Es gab noch keine Stimme, die rechts halten sagte, sondern es handelte sich um eine Karte, auf der man sich selbst beim Unterwegssein zusehen konnte. Der Gedanke erinnert uns an ein berühmtes Werk der Reiseliteratur.
Matsuo Bashō brach 1689 zu jener Wanderung auf, aus der Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland hervorging. Er hatte zu Beginn seines Weges Absichten und einen Reisegefährten. Aber was eine Reise werden würde, ließ sich auch mit einem Ziel vor Augen nicht vorwegnehmen.
In der japanischen Ästhetik gibt es den Begriff ma: den Zwischenraum. Vielleicht ließe sich, in einer freien Übertragung, auch der Umweg so verstehen — als Unterbrechung zwischen dem geplanten Verlauf und dem, was tatsächlich geschieht.
Ein Mitreisender, der nie müde wird
Wir fragen uns, wie es wäre, wenn diese Stimme eines Tages nicht nur Abzweigungen ankündigte. Wenn sie mit uns über die Landschaft spräche, Fragen aufgriffe und Verbindungen herstellte. Wir hätten dann einen Mitreisenden, der nie müde wird. Einer, der weiß, was uns interessiert.
Man kann über die Sinnhaftigkeit dieser Vision streiten, eine Science-Fiction ist es schon lange nicht mehr. In Japan erprobte JR East bereits 2024 einen Travel Concierge, der mithilfe von Googles Gemini touristische Orte vorschlug, Fragen beantwortete und Reisepläne erstellte. Eine zweite Testphase, vorgesehen von August 2025 bis Januar 2026, erweiterte das Angebot unter anderem um neun Sprachen und Vorschläge für kurze freie Zeitfenster unterwegs.
Das ist noch nicht der freisprechende Reisegefährte aus unserer Vorstellung. Es bleiben ungelöste Fragen, jenseits der Perfektion der Technik: Was wäre überhaupt ein gutes Gespräch unterwegs? Eines, dass jede Wissenslücke sofort schließt? Das zu jedem Hügel eine Erklärung liefert? Oder eines, das merkt, wann es genug gesagt hat?
Wir stellen uns einen Begleiter vor, der die Landschaft lesbarer macht. Und entdecken gleich darauf, dass wir uns auch einen wünschen, der schweigen kann.

Foto: Alexandra Torro/Unsplash
Kaffee am Meer und ein Streit über den Weg
Hinter Kavala verlassen wir die Autobahn. In einem kleinen Dorf sitzen wir auf Plastikstühlen in einem Café am Wasser. Niemand erklärt uns hier etwas. Das Meer und die Bergkulisse dahinter brauchen keinen Kommentar.
Die Schönheit der Landschaft erschließt sich in unserer Pause jenseits der Logik direkt aus der Anschauung. Auf dem Rückweg zur Autobahn beginnt ein uns vertrauter Streit. Meine Frau hält das Telefon. Google Maps zeigt nach links. Ich will nach rechts. Ich habe ein Gefühl für die Richtung, sage ich. Ich bin hier vorhin hergekommen. Das Meer liegt doch dort!
Ich fahre nach rechts. Zehn Minuten später stehen wir in einer Sackgasse. Sie sagt nichts. Das ist schlimmer als jeder Kommentar. Ich hatte unrecht. Aber was hat den Widerstand in mir ausgelöst? Intuition? Ein Rest jener Orientierung, die wir früher beim Kartenlesen trainiert hatten? Oder bloß Trotz gegen eine Stimme, die sich so selten irrt? Für einen Augenblick gefällt mir die Vorstellung, ich hätte mir ein Stück Unverfügbarkeit zurückerobert.
Millionen von Reisenden navigieren heute mit Hilfe der Technik durch ihnen unbekannte Räume. Dennoch gibt es Grenzen. In Japan kann schon die Adresse das vertraute Orientierungsgefühl irritieren. Dort beziehen sich Anschriften häufig auf Gebiete, Blöcke und Gebäude- oder Grundstücksnummern statt auf eine Straße mit fortlaufenden Hausnummern.
Wer das System nicht kennt, braucht eine zusätzliche Erklärung und ist auf Hilfe angewiesen. Vielleicht ist das ein wichtiger Gedanke: Die Frage nach dem Weg kann eine Beziehung eröffnen. Man muss zugeben, dass man nicht weiterweiß, und jemand anderem zutrauen, etwas zu wissen. Geht es nicht darum, wenn wir uns in unbekannten Regionen bewegen?

Foto: S N Barid, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0
Die Welt gibt es nicht
Zurück auf der Autobahn hören wir einen Podcast mit dem Philosophen Markus Gabriel. Irgendwo zwischen Xanthi und Alexandroupolis fällt der Satz, der auch einem seiner Bücher den Titel gab: Die Welt gibt es nicht.
Gemeint ist nicht, dass nichts existiert. Gabriel bestreitet vielmehr, dass es das eine allumfassende Ganze gibt, in dem alles zusammenkommt. Zu existieren heißt für ihn, in einem Sinnfeld zu erscheinen. Die Pointe liegt auf der Hand: Ein Sinnfeld aller Sinnfelder gibt es nach seiner Theorie nicht.
Wir versuchen, den Gedanken an der Landschaft vor dem Fenster zu verstehen. Die Berge lassen sich geologisch betrachten, historisch oder literarisch. Dabei geht es nicht bloß um beliebige Ansichten, die wir ihnen überstülpen. Dass Gestein eine Geschichte hat und eine Grenze eine andere, hängt nicht allein von unserer Laune ab.
Sinnfelder sind bei Gabriel keine privaten Weltbilder, die wir beliebig konstruieren. Auch wenn unser Zugang begrenzt bleibt, ist die Wirklichkeit nicht einfach unsere Erfindung. Für das Reisen lässt sich daraus – so denken wir zumindest – eine Versuchung und eine Warnung gewinnen. Die Versuchung besteht darin überall weitere Zusammenhänge zu entdecken und die Warnung darin, keinen davon vorschnell für das Ganze zu halten.
In Thessaloniki beschäftigte uns die Geschichte. Morgen in Istanbul wird es vielleicht die Literatur sein. Beides erschließt etwas. Beides lässt etwas offen. Ein Reiseführer kann uns viel über Thrakien sagen, ohne deshalb sagen zu können, was Thrakien ein für alle Mal ist. Wir hören staunend, dass Gabriels Bücher in Japan ein großes Publikum gefunden haben. Die Medien machten seine Gedanken einem globalen Publikum zugänglich. Daraus entstanden neue, inspirierende Dialoge, die unsere Haltung zur Umwelt und Technik betreffen.
In Asien gibt es philosophische Begriffe, die zu Vergleichen einladen. Nishida Kitarō entwickelte seit den 1920er-Jahren seine „Logik des Ortes“, des basho: eine anspruchsvolle Alternative zu einem Denken, das von isolierten Substanzen ausgeht.
Das ist nicht dasselbe wie Gabriels Sinnfeldontologie. Aber die Frage, in welchem Zusammenhang etwas erscheint, lässt sich von beiden Seiten herstellen. Dass Gedanken einander begegnen, macht sie noch nicht identisch. Vielleicht sollte man auch mit ihnen reisen, ohne sie gleich einzugemeinden.
Vertiefung statt Dauerkommentar
Ja, wir nutzen die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz auf unseren Reisen. Nicht als Instanz, die uns sagt, was wir gesehen haben müssen, sondern als Werkzeug für Fragen, die uns bereits beschäftigen. Wir fragen nicht nur: „Was sind die zehn wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Istanbul?“ Sondern zum Beispiel: „Welche Spuren der griechischen Gemeinde von Konstantinopel lassen sich heute noch finden, und welche Romane erzählen davon?“
Das ist eine andere Frage und sie entspringt einer anderen Aufmerksamkeit. Die Antwort muss sich anschließend an Orten, Büchern und Quellen bewähren. Ob sie uns weitergebracht hat, entscheidet sich nicht allein auf dem Bildschirm.
Vielleicht beginnt Vertiefung schlicht damit, dass man eine erste Antwort nicht für das Ende der Frage hält. Dass man nachliest, widerspricht oder einen Namen notiert, um mehr darüber mehr zu erfahren. Manchmal fahren wir dann am nächsten Tag einen Umweg, den einem niemand vorgeschlagen hat.
Eine Maschine kann viel erzählen, aber wir müssen noch immer unterscheiden, was wir bloß erfahren haben und was uns wirklich angeht. Letztendlich gilt hier eine alte philosophische Einsicht: je tiefer die Frage, desto besser die Antwort.
Foto: Freepik.com
Reisen, ohne Mittelpunkt zu sein
Bei unserer Recherche stoßen wir auf die „Travel Etiquette for the Future“, die die japanische Tourismusbehörde Ende 2024 veröffentlichte. Sie empfiehlt, das Reiseziel kennenzulernen, Menschenmengen zu meiden, mit leichtem Gepäck zu reisen, Kulturgüter zu respektieren, Abfall verantwortlich zu entsorgen, lokal einzukaufen und sich Zeit zu nehmen. Es sind praktische Hinweise im Zeitalter der Globalisierung.
Und doch steckt darin ein Gedanke, der über gutes Benehmen hinausreicht: Der Ort ist nicht allein für uns da. Dort leben Menschen, deren Alltag nicht erst beginnt, wenn wir eintreffen. Der wahrhaft Reisende will sich selbst verändern, nicht – wie wir als Folge des Massentourismus überall beobachten können –, das Reiseziel.
Was würde das für einen KI-Reisebegleiter bedeuten? Vielleicht müsste er nicht immer den nächsten Höhepunkt finden. Vielleicht müsste er gelegentlich erklären, warum ein Besuch zu einer anderen Zeit besser wäre. Er erinnert daran, dass etwas zugänglich ist, ohne uns deshalb uneingeschränkt zur Verfügung zu stehen.
Dass auf diese Weise personalisierte Reiseplanung schon Rücksichtnahme bedeutet, ist damit noch nicht gesagt. Ein Vorschlag, der zu meinen Wünschen passt, kann immer noch an den Bedürfnissen eines Ortes vorbeigehen. Wir möchten jedenfalls einen Begleiter, der uns die Reise erleichtert, ohne uns die Illusion zu vermitteln, alles unterwegs warte auf uns.
Die Bücher auf dem Rücksitz
Am späten Nachmittag sehen wir die ersten Hochhäuser von Istanbul. Das Navigationsgerät führt uns durch den Verkehr. Die Verkehrsführung ist ein Mysterium, dass man nur aus der Vogelperspektive verstehen kann. Unter diesen Umständen wollen wir auf die Technik nicht verzichten.
Wir wollen nur nicht aus Bequemlichkeit auch die Aufmerksamkeit an sie abgeben. Den Weg darf sie uns zeigen. Was unterwegs Bedeutung gewinnt, möchten wir nicht vollständig vorentschieden bekommen.
Vielleicht ist das die kleine Freiheit, die bleibt: nicht das Recht, sich unbedingt zu verfahren, sondern die Bereitschaft, sich von etwas aufhalten zu lassen. Von den traditionellen Formen der Wissensvermittlung wollen wir uns dabei nicht trennen.
Auf unserem Rücksitz liegen wie immer einige Bücher. Reisebegleiter, die man nicht fragen kann, sondern die einem Fragen stellen. Die nicht wissen, wo wir gerade sind, und uns trotzdem zeigen, wo wir stehen.