Mord in Moschee: Am Freitag ermordet ein Täter aus muslimfeindlichen Motiven heraus den 23-jährigen Aboubakar Cissé mit unzähligen Messerstichen. Muslime beklagen allgemeine Teilnahmslosigkeit.
(iz, Agenturen). Am Morgen des 25. April 2025 ereignete sich in der Kleinstadt La Grand-Combe im südfranzösischen Département Gard ein Mord, der landesweit für Entsetzen sorgte. In der Khadidja-Moschee wurde der junge Muslim 23-jährige Aboubakar Cissé mit 40 bis 50 Stichen getötet.
Muslimfeindlichkeit in Frankreich: Das Opfer war allein
Zum Zeitpunkt der Tat befanden sich nur das Opfer und der Täter in der Moschee. Cissé war am Freitagmorgen allein dort, um vor dem Freitagsgebet sauberzumachen. Laut Überwachungskameras wechselten die beiden zunächst ein paar Worte, bevor Olivier H. plötzlich das Messer zog und wiederholt auf Cissé einstach.
Während des Angriffs filmte der Täter sein sterbendes Opfer mit dem Handy und äußerte dabei islamfeindliche Parolen wie „Deinem Scheiß-Allah habe ich in den Hintern gestochen“. Das Video wurde offenbar über einen Kontaktmann auf Snapchat veröffentlicht, aber später wieder gelöscht.
Nach der Tat floh Olivier H. zunächst und wurde als „potenziell sehr gefährlich“ eingestuft, da er in dem Video weitere Verbrechen andeutete. Die Polizei leitete eine Großfahndung ein. Zwei Tage später stellte sich der mutmaßliche Täter auf einer Polizeiwache im italienischen Pistoia und wurde festgenommen. Er soll demnächst nach Frankreich ausgeliefert werden.
Motiv Muslimfeindlichkeit
Die Ermittlungsbehörden gehen von einem antimuslimischen Motiv aus. Premierminister François Bayrou sprach von einer „islamfeindlichen Gräueltat“ und sicherte der muslimischen Gemeinschaft seine Anteilnahme zu. Die Antiterror-Staatsanwaltschaft prüft eine Übernahme des Falls.
Der Täter war bislang nicht polizeibekannt, lebte von Sozialhilfe und verbrachte viel Zeit mit Videospielen. Die Tat wird als Ergebnis zunehmender Islamfeindlichkeit in Frankreich gewertet. Der Rat französischer Muslime (CFCM) sprach von einem „anti-muslimischen Attentat“ und forderte zu erhöhter Wachsamkeit auf.
Foto: Nuno21, Shutterstock
Die Tat löste landesweit Entsetzen aus. Staatspräsident Macron verurteilte den Mord und betonte, dass „Rassismus und Hass aufgrund von Religion in Frankreich nie Platz haben werden“. Politiker verschiedener Parteien sowie muslimische Verbände forderten einen besseren Schutz von Moscheen und riefen zu Solidaritätskundgebungen auf.
Der Mord in La Grand-Combe steht exemplarisch für Spannungen in Frankreich, die durch antimuslimischen Hass ausgelöst werden. Die Tat war brutal, gezielt und öffentlichkeitswirksam inszeniert. Die Ermittlungen laufen weiter, insbesondere zur genauen Motivation und zum psychischen Zustand des Täters.
Foto: Zentralrat der Muslime in Deutschland, Facebook
Zentralrat der Muslime verurteilt „beschämende Gleichgültigkeit“
„Es ist eine erschütternde Ignoranz, dass in Deutschland weder die Politik noch große Teile der Presse angemessen auf dieses Verbrechen reagieren“, erklärte der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) in einer Presseerklärung.
Dass ein solches Hassverbrechen an einem Muslim – noch dazu in einem Gebetshaus – kaum öffentliche Empörung oder politische Reaktionen hervorrufe, sein „ein alarmierendes Zeichen“ für die wachsende soziale Teilnahmslosigkeit gegenüber antimuslimischem Rassismus. Schweigen normalisiert diese Gewalt.
Gleichzeitig warnte das Gremium vor den Folgen der Verharmlosung des antimuslimischen Rassismus. Betroffen davon seien mitnichten nur einzelne Muslime, sondern „die Grundprizipien eines demokratischen Rechtsstaates“. „Wenn Gläubige selbst in ihren Gotteshäusern nicht mehr sicher sind, wird eine rote Linie überschritten, die uns alle angehen muss – unabhängig von Religion oder Herkunft“, erklärt der Vorsitzende des ZMD, Abdassamad El Yazidi.
Das vorgestellte Koalitionspapier setzt den Trend der deutschen Islampolitik fort und verstärkt ihn. Muslimische Bürger gelten vorrangig als Problem.
Berlin (dpa/iz). Mit dem Vertrag haben sich Union und SPD auf die Verteilung der Ministerien sowie auf Grundlinien ihrer gemeinsamen Politik verständigt. Die CDU bekommt erstmals seit fast 60 Jahren das Außenministerium, die SPD besetzt die wichtigen Ämter für Finanzen und Verteidigung.
Und um die innere Sicherheit kümmert sich künftig ein Minister oder eine Ministerin der CSU. Die Namen der Kabinettsmitglieder werden erst später bekanntgegeben.
Die neue Koalition ist das fünfte Regierungsbündnis dieser Parteien seit Gründung der Bundesrepublik. Erstmals kam es von 1966 bis 1969 unter CDU-Kanzler Kiesinger zu einer solchen Konstellation. Nach den Bundestagswahlen 2005, 2013 und 2017 führte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) jeweils eine solche Formation.
Während christliche Kirchen und jüdisches Leben prominent gewürdigt und gefördert werden, bleibt der Islam weitgehend unsichtbar als Teil des gesellschaftlichen und religiösen Pluralismus.
Eyüp Kalyon, Generalsekretär der DITIB, kommentierte das bekanntgewordene Papier mit kritischen Worten: „Es ist bedauerlich, dass die Herangehensweise der beiden Koalitionspartner an die Themen rund um den Islam und die Muslime in Deutschland auf negativ konnotierte Inhalte fokussiert ist. Der veröffentlichte Koalitionsvertrag thematisiert Muslime lediglich im Zusammenhang mit sicherheitspolitischen Aspekten wie Islamismus, Extremismus oder Prävention“
Das ignoriere die ca. 90 % der deutschen Muslime, die sich als Teil dieses Landes sähen und einen gesellschaftlichen Beitrag leisteten. Einerseits sei das keine positive Botschaft an sie und führe andererseits dazu, dass diese sich nicht vertreten fühlten. „Die Koalition hat in der Praxis die Pflicht, diese verzerrte Betrachtung von Muslimen zu korrigieren und ihnen zu zeigen, dass sie keine Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse sind.“
„Deutschland bekommt eine handlungsfähige und eine handlungsstarke Regierung“, sagte der wohl nächste Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Die Einigung sei ein Aufbruchsignal und ein kraftvolles Zeichen für die Bundesrepublik, dass die politische Mitte in der Lage sei, die Probleme zu lösen. „Die künftige Regierung, die künftige Koalition wird reformieren und investieren, um Deutschland stabil zu halten, sicherer zu machen und wirtschaftlich wieder stärker zu machen.“
Der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil betonte: „Die Ausgangslage war schwierig, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen.“ Der SPD-Chef wies auf die aktuellen Krisen hin und unterstrich: „Wir haben das Potenzial, gestärkt aus dieser Zeit hervorzugehen.“
Umgang mit Muslimen: Die neue Koalition setzt die Grundlinien der alten fort
Wenig Überraschendes bietet das Einigungswerk für muslimische BürgerInnen der Bundesrepublik und ihre Gemeinschaften. Obwohl die Ampelkoalition mit starken Ankündigungen startete, wurde zugig deutlich, dass sie in Sachen Religionspolitik und Austausch – entgegen der populistischen Propaganda von einer „Islamisierung“ – weit hinter ihren eigenen Ankündigungen zurückblieb. So wurden die Themen Muslimfeindlichkeit und Diskriminierung von Muslimen bald schon vernachlässigt.
Erheblich fielt der Unterschied zu den Merkelkabinetten bei der Kommunikation auf. Die unter Schäuble begründete und seinen Nachfolgern fortgesetzte Deutsche Islamkonferenz (DIK) konnte – trotz zeitweiser Unstimmigkeiten – jahrelang produktiv arbeiten und Projekte wie die Islamische Theologie auf den Weg bringen. Die Ampelkoalition hingegen ließ – so muslimische Vertreter in Gesprächen – viele wichtige Gesprächskanäle in den letzten 1 ½ Jahren versanden.
Die neue Koalition setzt direkt ein Zeichen gegen unser modernes Einwanderungsland. Die teilweise Abschaffung der Staatsbürgerschaftsreform der Ampel verhindert Integration und führt dazu, .. 1/2
Dort, wo die Dreierkoalition aufhörte, macht das neue Bündnis weiter. Muslime (ca. 6 % der hiesigen der Wohnbevölkerung) bzw. ihre Religion tauchen im bekanntgewordenen Koalitionspapier nur im Kontext von Bedrohungsszenarien und der inneren Sicherheit auf. In Zeile 2717 wird „Islamismus“ als eine der zu bekämpfenden radikalen Ideologien beschrieben.
An keiner Stelle des Papiers wird die Lebensleistung muslimischer BürgerInnen in diesem Land gewürdigt oder ihre positiven Beiträge zur Zivilgesellschaft erwähnt. Selbst bei Problemfeldern setzt es – im Gegensatz zu einigen Landesregierungen – nicht auf Interaktion und Einflussnahme. Es hat den Anschein, dass es kaum gesondertes Interesse an einem Austausch gibt.
Man wolle (Zeilen 2721-24 des Vertrags) keine Zusammenarbeit mit „Vereinen und Verbänden“ pflegen, „die von ausländischen Regierungen oder mit ihnen verbundenen Organisationen gesteuert werden“ bzw. deren Mitglieder von den Verfassungsschutzämtern beobachtet werden. Das damit selbst die ideologisch unbescholtenen bosnisch- und albanischstämmigen muslimischen Verbände betroffen sein könnten, scheint übersehen worden zu sein.
Konkret wurde Einführung einer Pflicht zur Offenlegung der Finanzen solcher Vereine und Verbände angekündigt. Zusätzlich wolle man einen „Bund-Länder-Aktionplan“ arbeiten und die „Task Force Islamismusprävention“ entwickeln.
Foto: Shutterstock.com
Türkische Gemeinde fordert „überzeugendes Konzept gegen Rechtsextremismus“
Die Co-Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Aslihan Yesilkaya-Yurtbay, sagte, es sei gut, dass ein klares Bekenntnis zum bedingungslosen Schutz von Jüdinnen und Juden in Deutschland in den Koalitionsvertrag aufgenommen worden sei.
„Angesichts der explodierenden Zahlen im Bereich der rassistischen Übergriffe hätte ich mir gewünscht, dass auch Schwarze Menschen, Muslime und Sinti und Roma eine vergleichbare Berücksichtigung im Text erfahren.“
Was ihr mehr fehle, sei „ein überzeugendes sicherheitspolitisches Konzept gegen Rechtsextremismus, das uns allen das Gefühl vermittelt, wir können in Deutschland eine sichere Zukunft planen“.
Zentralrat der Muslime: „Koalitionsvertrag blendet muslimisches Leben aus“
In seiner Pressemitteilung von heute zeigte sich der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) „tief besorgt“ angesichts der jetzigen Einigung. Er beklagt „inhaltliche Leerräume und unausgewogene Schwerpunktsetzungen“. Deutsche MuslimInnen blieben unerwähnt.
Als „gravierend“ wurde die fehlende Erwähnung des Phänomens der Muslimfeindlichkeit bezeichnet. „Der von den Koalitionären angekündigte Nationale Aktionsplan gegen Rassismus bleibt in dieser Hinsicht vage und unvollständig. Eine Strategie, die Diskriminierung bekämpfen will, muss ihre Erscheinungsformen deutlich benennen – auch dann, wenn sie Muslime betrifft.“
Politisch hält es der Zentralrat für einen Fehler, dass diese BürgerInnen des Landes nicht als Teilnehmer an gesellschaftlichen Prozessen wie Wahlen auftauchen. „Bei der letzten Bundestagswahl wurde deutlich, dass sich ein großer Teil der muslimischen Wähler:innen für Parteien links der Mitte entschieden hat – insbesondere dort, wo ernstzunehmende Angebote gemacht wurden (…).“ Dieser Trend mache klar, dass die Gemeinschaft eingebunden werden müsse.
Foto: Ömer Sefa Baycal
„Die religionspolitische Ausrichtung des Vertrages bleibt hinter demokratischen Standards zurück. Zwar wird die Rolle der Kirchen anerkannt, doch islamische Religionsgemeinschaften bleiben völlig unsichtbar – weder bei Fragen wie Religionsunterricht, Seelsorge oder Wohlfahrtsarbeit, noch bei der institutionellen Kooperation mit staatlichen Stellen. Der vielfach beschworene interreligiöse Dialog bleibt somit unvollständig und unausgewogen.“
Als Reaktion auf das Koalitionspapier fordert das Gremium „eine politische Neuausrichtung“. Dazu gehören: Benennung und Bekämpfung von Muslimfeindlichkeit im Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus, Sichtbarmachung sowie Förderung muslimischen Lebens, die Schaffung eines Bundesbeauftragten für muslimisches Leben und eine gleichberechtigte Religionspolitik, „die muslimische Gemeinschaften auf Augenhöhe einbindet und nicht länger institutionell benachteiligt“.
Gemischte Reaktionen bei Migration und Integration
Viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte waren in den vergangenen Monaten beunruhigt, weil die CDU/CSU gefordert hatte, die von den Ampel-Parteien verabschiedete Reform des Staatsangehörigkeitsrechts mit einer von acht auf fünf Jahre verkürzten Wartefrist für Einbürgerungen und der Erlaubnis für die doppelte Staatsbürgerschaft auch für Nicht-EU-Bürger rückgängig zu machen.
Der Unionsvorschlag, Eingebürgerten mit Doppelpass bei Straffälligkeit den deutschen Pass wieder wegzunehmen, sorgte für massive Verunsicherung. Hier soll laut Koalitionsvertrag alles so bleiben, wie es ist.
Einzige Ausnahme: Die Einbürgerung schon nach drei Jahren für Menschen, die besondere Integrationsleistungen nachweisen können – wie etwa ehrenamtliches Engagement oder hervorragende Sprachkenntnisse – soll wieder gestrichen werden. (sw, ak)
Seit dem 17. März arbeiten die Meldestellen im Bundesland NRW zur Erfassung verschiedener Diskriminierungsformen. (iz). Glaubt man dem religions- und islamkritischen Feuilleton, gehen die Probleme in Deutschland nur und ausschließlich […]
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Die Kurzmeldungen aus Deutschland (Nr. 356) reichen von Außenpolitik, über handfeste Muslimfeindlichkeit bis zu Imamen in Bayern. Steinmeier: Türkei spielt eine wichtige Rolle ANKARA (MEMO). Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die […]
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Die Kurzmeldungen aus Deutschland (Nr. 354) reichen von Muslimfeindlichkeit, über Projektförderungen bis zu einem Friedhof.
Ataman: Islamophobie ist alarmierend hoch
BERLIN (KNA). Die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman, fordert eine „umfassende Strategie gegen religiöse Diskriminierung“. Damit reagierte sie auf eine aktuelle Studie der europäischen Grundrechteagentur FRA zur Muslimfeindlichkeit in der EU. In Deutschland erlebten Menschen nach Österreich am häufigsten antimuslimischen Rassismus, so Ataman. „Muslimfeindlichkeit hat ein derart alarmierendes Ausmaß erreicht, dass wir reagieren müssen“, erklärte die Antidiskriminierungsbeauftragte. Eine Strategie gegen religiöse Diskriminierung müsse demnach Prävention und Sensibilisierung genauso umfassen wie einen verstärkten Diskriminierungsschutz. Schon jetzt sei darüber hinaus wichtig klarzustellen, dass Diskriminierung aufgrund der Religion verboten sei. Ataman sagte: „Ich kann Betroffenen nur raten, sich beraten zu lassen und dagegen vorzugehen.“ Muslime erleben dem Bericht „Being Muslim in the EU“ zufolge Diskriminierung vor allem auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. So sind laut Erhebung beispielsweise rund 40 % der Muslime in der Europäischen Union für ihren Job überqualifiziert, während es im Vergleich allgemein 22 % der Menschen seien.
Spitzentreffen von KRM und EKD
BERLIN (islam.de). Vertreterinnen und Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und des Koordinationsrates der Muslime (KRM) sind am 5. November zu ihrem jährlichen Austausch zusammengekommen. Im Mittelpunkt des Treffens stand dabei das Thema „Die Rolle der Theologien in einer pluralen Gesellschaft“. In den letzten 10 Jahren sind mehrere Einrichtungen an Universitäten entstanden. Das Berliner Institut ist die vorerst letzte Gründung (2019) in dieser Reihe. Bei ihrer Implementierung spielen Beiräte eine besondere Rolle, die analog zu den Kirchen ein Pendant für die theologischen Fakultäten darstellen. KRM-Sprecher Mohamed El Kaada sagte: „Die islamische Theologie ist ein vielschichtiges System, das eine Vielzahl von Werten und Prinzipien umfasst. Diese richten sich nicht nur auf den persönlichen Glauben, sondern auch auf das Wohl der Gemeinschaft.“
Foto: MuTeS
Finanzierung der Telefonseelsorge noch offen
BERLIN (KNA). Die finanzielle Förderung der Muslimischen Telefonseelsorge in Berlin bleibt weiter offen. „Wir hatten heute ein gutes und offenes Gespräch mit dem Senat“, sagte Geschäftsführer Imran Sagir am 18. November der KNA. Dabei seien alle Punkte angesprochen, jedoch keine Entscheidung getroffen worden. Laut Sagir gibt es aufseiten des Senats Vorbehalte gegenüber dem Träger des Angebots, dem Islamic Relief Deutschland. Diese waren bereits 2021 aufgetreten, damals jedoch ausgeräumt worden. Nun würden offenbar die alten Bedenken nochmals zur Diskussion gestellt. Sagir betonte: „Wir sind auf das Fördergeld angewiesen, um unsere Arbeit verlässlich leisten zu können.“ Bisher werden 40 Prozent der Kosten vom Islamic Relief getragen, 60 Prozent der Gesamtkosten durch Fördermittel, welche die Telefonseelsorge seit 2016 jährlich erhält.
Dialog-Projekte gegen Mittelkürzungen
BERLIN (IZ). In einem gemeinsamen Aufruf vom 14. November haben verschiedene Berliner Kulturprojekte, die sich dem interreligiösen Dialog widmen, gegen geplante Mittelkürzungen des Senats protestiert. Dieser Dialog sei ein unverzichtbarer Bestandteil. Er trage wesentlich zum Miteinander bei. Ohne ihn würden antagonistische Kräfte an Einfluss gewinnen.
Foto: CLAIM Berlin
Zahlen: Muslimfeindlichkeit ist gestiegen
KÖLN (islam.de). Zum dritten Mal veröffentlicht die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) Daten zur Lebenssituation von Muslime der EU. Auf Grundlage einer Umfrage unter knapp 10.000 Personen zwischen 2021 und 2022 erfasst die Studie Erfahrungen in den Bereichen Diskriminierung, Rassismus und Teilhabe. Aus der Befragung geht hervor: Nahezu die Hälfte erlebt rassistische Diskriminierung; 2016 waren es noch 39 %. Der Anteil der Betroffenen von Rassismus war besonders hoch in Österreich (71 %), Deutschland (68 %) und Finnland (63 %). 2023 zählte die Polizei 1.464 islamfeindliche Straftaten. Die Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr stark angestiegen und hat sich mehr als verdoppelt (2022: 610 Straftaten, +140 %). Rund 83 % der Straftaten (1.211) waren politisch rechts motiviert. Stark zugenommen haben islamfeindliche Straftaten, die durch eine ausländische Ideologie motiviert waren (2023: 72, +620 %).
EU fördert Dialogprojekt
MÜNCHEN (KNA). Mit zwei Millionen Euro fördert die Europäische Union ein neues Projekt der Eugen-Biser-Stiftung in München. In den kommenden drei Jahren sollen sechs weiterführende Schulen in Bayern und Baden-Württemberg befähigt werden, besser mit religiöser Vielfalt umzugehen. Der Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf), Hans-Eckhard Sommer, sagte Ende Oktober, er hoffe, dass davon eine Initialzündung für die Schullandschaft in ganz Deutschland ausgehe.
Foto: C. Sahinöz
Eröffnung des muslimischen Friedhofs
RHEDA-WIEDENBRPCK (IZ). Auf dem kommunalen Friedhof in Rheda-Wiedenbrück ist ein muslimisches Begräbnisfeld eröffnet worden. Mitglieder der beiden Moscheen in der Stadt hatten hierzu einen Antrag bei der Stadt eingereicht. Sowohl im Integrationsrat als im Stadtrat wurde er positiv aufgenommen und dann in die Tat umgesetzt. Entstanden ist ein Grabfeld mit ca. 300 Plätzen. An der Eröffnung nahmen viele Besucher teil. Imam Nuri Cennetoglu rezitierte den Qur’an. Übersetzt wurde die Rezitation von Dr. Cemil Sahinöz, der die Eröffnungsfeier moderierte. Bürgermeister Theo Mettenborg sprach ein Grußwort und bezeichnete den muslimischen Friedhof als eine Selbstverständlichkeit in seiner Stadt. Es sei ein Zeichen des Respekts und des gegenseitigen Verständnisses. Nesrin Pür, stellvertretende Vorsitzende des Integrationsrates, hielt eine emotionale Rede und war gerührt, dass es nun für Muslime auch die Möglichkeit gab, in ihrer Stadt begraben zu werden.
Die EU-Grundrechteagentur weist Deutschland einen führenden Platz in Sachen Muslimfeindlichkeit zu. Um was handelt es sich bei dem Phänomen?
(Mediendienst Integration/IZ). Gerade hat die Grundrechteagentur der EU (FRA) ihren Bericht „Being Muslim in the EU“ veröffentlicht. Die Erhebung hebt hervor, dass Muslime in 13 EU-Mitgliedsstaaten häufig Diskriminierung und Vorurteilen ausgesetzt sind – sowohl im Alltag als auch in spezifischen Bereichen wie Bildung, Beschäftigung und Zugang zu Dienstleistungen. Sie dokumentiert Erfahrungen von 10.000 befragten Personen, die von Benachteiligungen berichten, und betont die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Förderung der Gleichbehandlung und für die Bekämpfung von Ausgrenzung auf gesellschaftlicher und individueller Ebene.
Soweit die Bundesrepublik betroffen ist, steht es derzeit schlecht um die Höhe und Entwicklung von Muslimfeindlichkeit im Lande. Deutschland liegt nach Ansicht der FRA-Forscher hinter Österreich auf dem zweiten Platz, wenn es um antimuslimische Einstellungen und Diskriminierungen geht.
Die dabei entstandenen Zahlen sind alles andere als ermutigend: 68 % der befragten Muslime gaben an, Rassendiskriminierung erlebt zu haben, was eine der höchsten Raten unter den 13 befragten EU-Ländern ist. 39 % der werden bei der Arbeitssuche diskriminiert, und 35 % erleben Ausgrenzung am Arbeitsplatz. 27 % wurden in den letzten fünf Jahren rassistisch belästigt. Und 49 % der Personen, die in Deutschland von der Polizei angehalten wurden, waren der Meinung, dass der Grund ethnisches Profiling war.
Im Folgenden dokumentieren wir Eckpunkte zum Thema Muslimfeindlichkeit. Das Feature wurde vom Mediendienst Integration angefertigt. Das Projekt versteht sich unter anderem als Wissensressource für Journalisten und Multiplikation.
Grafik: Mediendienst Integration
Was ist Muslimfeindlichkeit
„Antimuslimischer Rassismus“ steht in den Augen des Mediendienstes für die pauschale Abwertung und Diskriminierung von Muslimen und Menschen, die als solche wahrgenommen werden. Der Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit hat 2023 in einem Bericht antimuslimische Einstellungen und Diskriminierung in Bereichen wie Politik, Bildung, Kultur und Alltag analysiert.
Nach dem rassistischen Anschlag von Hanau 2020 hatte der damalige Innenminister Seehofer das Gremium eingesetzt, dem neun Wissenschaftler und Experten angehörten. Anfang 2024 zog das Amt diese Veröffentlichung zurück, nachdem Publizisten gegen ihre Nennung geklagt hatten. Der Report wurde im Juli dieses Jahres mit leicht veränderten Passagen erneut veröffentlicht.
Mehr Übergriffe im Jahre 2024
Im ersten Halbjahr 2024 zählte die Polizei 429 islamfeindliche Verbrechen. Dazu gehören Körperverletzungen, Beleidigung, Sachbeschädigungen und Volksverhetzung. Die Angaben sind vorläufig, es können Nachmeldungen folgen. 2023 zählte die Polizei 1.464 islamfeindliche Straftaten. Die Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr stark angestiegen und hat sich mehr als verdoppelt (2022: 610 Straftaten, +140 %). Rund 83 % der Straftaten (1.211) waren politisch rechts motiviert. Stark zugenommen haben islamfeindliche Straftaten, die durch eine ausländische Ideologie motiviert waren (2023: 72, +620 %).
Nicht alle antimuslimischen Vorfälle werden angezeigt oder von der Polizei als solche erkannt. Die Europäische Grundrechteagentur (FRA) stellte in einer Umfrage zwischen 2021 und 2022 fest, dass nur 12 % der Leidtragenden muslimfeindliche Fälle und Straftaten melden. Eine nicht-repräsentative Studie der CLAIM Allianz zeigt: Hier meldet die Mehrheit der Betroffenen Übergriffe nicht und nimmt keine Beratungsangebote in Anspruch (57 Prozent).
CLAIM führt daher jährlich eigene Zählungen durch. 2023 erfasste das Bündnis 1.926 strafbare und nicht strafbare Vorfälle. Dazu gehören Beleidigungen, Körperverletzungen oder Bedrohungen. Besonders betroffen sind muslimische Frauen; auch Angriffe von Erwachsenen auf Kinder wurden registriert. Sie haben sich im Vergleich zu 2022 mehr als verdoppelt, wobei damals nur Daten aus sieben Bundesländern einflossen. Das Netzwerk geht sowohl bei den selbst erfassten als auch bei den offiziellen Zahlen von einem großen Dunkelfeld aus.
Anstieg nach Oktober 2023
Es gibt unterschiedliche Zahlen zu antimuslimischen Vorfällen nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023:
Vom 7.10. bis 31.12.2023 registrierte die Polizei 564 „islamfeindliche“ Straftaten (Stand: 29.4.2024). Die Zahl dieser Taten war schon vor dem Angriff der Hamas gestiegen: Bis Ende September 2023 wurden mehr Delikte registriert als im gesamten Vorjahr.
Zivilgesellschaftliche Organisationen warnten nach dem Angriff der Hamas vor einer Zunahme von antimuslimischen Vorfällen. So registrierte Claim im Oktober einen starken Anstieg von Meldungen und Beratungsanfragen. Zwischen 7.10. und 31.12.2023 zählte CLAIM 679 antimuslimische Vorfälle .
Rund 8.300 politisch motivierte Taten erfasste das Bundeskriminalamt (BKA) seit dem 7. Oktober im Zusammenhang mit dem Nahost-Krieg. Darunter sind etwas über 230 muslimfeindliche Straftaten (Stand: 25.09.2024). Es handelt sich vor allem um Sachbeschädigungen und Volksverhetzungen. (…)
Grafik: Mediendienst Integration
Moscheen im Visier
Zu islamfeindlichen Straftaten gehören auch Angriffe auf Moscheen. Im ersten Halbjahr 2024 erfassten die Behörden 21 Verbrechen gegen diese, darunter hauptsächlich Wandalismus und Volksverhetzung. Über 70 % davon waren politisch rechts motiviert.
2023 zählte das Bundesinnenministerium 70 Attacken auf Moscheen, ein Anstieg um rund 13 % im Vergleich zum Vorjahr (62). Die meisten Taten waren Sachbeschädigungen und Volksverhetzungen. 40 der Angriffe waren politisch rechts motiviert, 14 Taten durch eine ausländische Ideologie.
Die Organisation FAIR International dokumentiert Angriffe auf Moscheen auf der Webseite #brandeilig – und kommt dabei teils zu deutlich höheren Zahlen als das Bundesinnenministerium. 2022 hat die Organisation rund 70 Übergriffe erfasst (2021: 63, 2020: 148). Der Moscheeverband DITIB erfasste 2022 in einer eigenen Erhebung 35 Angriffe auf Moscheen (2021: 44, 2020: 111).
Behörden, DITIB und #brandeilig verwenden unterschiedliche Definitionen von „Moscheen“ und „Angriffen“. Die Behörden haben eine enge Definition von „Moscheen“ und zählen nur Straftaten. DITIB zählt zusätzlich Attacken auf Gebetsräume in öffentlichen Institutionen (z.B. Flughäfen, Krankenhäuser und Universitäten) sowie Fälle, die nicht strafrechtlich relevant sind. #brandeilig zählt auch Angriffe gegen Einrichtungen, die von den Tätern als islamisch wahrgenommen werden, als Moscheeangriffe.
Grafik: Mediendienst Integration
Die Mehrheit sagt, sie ist von Muslimfeindlichkeit betroffen
In einer nicht-repräsentativen Umfrage von CLAIM gaben 2023 78 % an, dass sie von antimuslimischen Übergriffen und Diskriminierung betroffen sind. Die häufigste Diskriminierungsform ist, dass die Menschen für das Verhalten von anderen Muslim*innen mitverantwortlich gemacht werden, etwa für das Verhalten des türkischen Präsidenten Erdogan (56 %). Die Mehrheit der Leidtragenden meldet Übergriffe nicht und nimmt keine Beratungsangebote in Anspruch (57 %).
Zwischen 2006 und 2022 haben sich 1.026 Personen an die Beratung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gewandt, die sich wegen ihrer muslimischen Religionszugehörigkeit benachteiligt fühlten. 2022 und 2021 waren es jeweils rund 150 Personen (2022: 153, 2021: 154). Die meisten Betroffenen berichteten von Diskriminierungen im Segment Arbeitswelt. Darauf folgten Diskriminierungserfahrungen bei Dienstleistungen sowie im Bereich Bildung.
Muslime sind häufig von Mehrfachdiskriminierungen betroffen. Das heißt, dass sie sowohl wegen ihrer Religion als auch etwa ihrer Herkunft, Hautfarbe oder ihres Geschlechts diskriminiert werden. Zahlen zu ihrer Diskriminierung findet man hauptsächlich in Studien zur Diskriminierung von Migranten oder Personen mit Migrationshintergrund, die zusätzlich die Religionszugehörigkeit erfassen.
* Veröffentlicht im Rahmen einer CC-Lizenz. Aus Platzgründen gekürzt.
Grundrechteagentur FRA verzeichnet einen Anstieg von Diskriminierungen von Muslimen in der EU. Deutschland liegt ganz weit oben. (IZ). Muslime in ganz Europa haben mit einer „besorgniserregenden Zunahme“ von Rassismus zu […]
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Rassistische Beleidigungen und körperliche Angriffe: Muslime erfahren hierzulande immer wieder Hass. Kai Hafez wirft der Politik vor, zu wenig dagegen zu unternehmen. Dies birgt aus seiner Sicht verschiedene Gefahren.
Düsseldorf (KNA). Feindseligkeit gegenüber Muslimen wird in Deutschland aus Sicht des Politikwissenschaftlers Kai Hafez zu wenig bekämpft. Die vier bis fünf Millionen Musliminnen und Muslime, die hierzulande lebten, würden „vom Innenministerium im Regen stehen gelassen“, sagte Hafez der „Rheinischen Post“ (Dienstag).
„Das ist ein beträchtlicher Teil der in Deutschland lebenden Bevölkerung, häufig sind es auch deutsche Staatsbürger.“ Er sehe eine „weit verbreitete Stigmatisierung“, fügte der Erfurter Wissenschaftler hinzu. „Der Islam wird meist nur mit negativen Themen verknüpft und die Interessen der Musliminnen und Muslimen werden vernachlässigt.“
Er warf Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) vor, ihre Fürsorgepflicht gegenüber den hier lebenden Muslimen zu vernachlässigen. Er gehört dem Unabhängigen Expertenrat Muslimfeindlichkeit an.
Screenshot: Verband binationaler Familien und Partnerschaften | YouTube
Hafez warnte vor den möglichen Folgen einer sich ausbreitenden Muslimfeindlichkeit. „Aus der Forschung wissen wir, dass Radikalisierung im Bereich des Islamismus viel mit Diskriminierungserfahrung zu tun hat.“ Dies sei nicht der einzige, aber ein verstärkender Faktor.
„Gerade bei jungen Menschen ist die Diskriminierungswahrnehmung Teil einer Radikalisierung. Wer etwas gegen islamistische Radikalisierung tun will, der sollte der Islamophobie in diesem Land vorbeugen.“
Er sehe bei Faeser ein Bemühen darum, „sowohl gegen den Islamismus als auch gegen den Rechtsextremismus stark aufzutreten und radikale Spitzen zu verbieten“, fügte der Kommunikationswissenschaftler hinzu. Repressive Maßnahmen seien in Ordnung, wenn zugleich betroffene Minderheiten geschützt würden.
„Doch hier sehe ich keinerlei Ansätze im Innenministerium.“ Neben der Gefahrenabwehr habe das Innenministerium auch einen Integrationsauftrag, „der momentan nicht erfüllt wird“, kritisierte Hafez.
Zehntausende Menschen setzten in Großbritannien nach den Ausschreitungen ein Zeichen gegen antimuslimische und rechtsextremistische Gewalt. Mehr als eine Woche lang erschütterten rechtsradikale Krawalle das Land.
London (KNA, dpa). Nach dem Ausbleiben neuer rechtsextremer Ausschreitungen in England wächst die Hoffnung auf eine dauerhafte Rückkehr zur Normalität. In vielen Städten waren am Mittwochabend neue Krawalle befürchtet worden – doch stattdessen gingen Tausende Menschen gegen Hass und Gewalt auf die Straße.
Die neue Labour-Regierung unter Premier Keir Starmer stand angesichts der fremdenfeindlichen Unruhen im Land vor ihrer ersten Krise. Dabei spielte das Thema Migration vor den britischen Parlamentswahlen Anfang Juli keine entscheidende Rolle. Das marode Gesundheitssystem, hohe Lebenshaltungskosten und Lohndebatten trieben den Sozialdemokraten die Wähler zu.
Dagegen konnten die Konservativen im Wahlkampf nicht mit dem Versprechen punkten, Asylzahlen zu senken, Migrantenboote über den Kanal zu stoppen und Abschiebungen zu forcieren – zumal sie damit längst gescheitert waren. Seit 2021 stieg die Zahl der Asylbewerber jährlich auf zuletzt mehr als 84.000.
Premierminister Keir Starmer zufolge war der weitgehend friedliche Verlauf des Abends vor allem Polizei und Justiz zu verdanken. „Ich denke, die Tatsache, dass wir gestern Abend nicht die befürchteten Unruhen erlebt haben, ist darauf zurückzuführen, dass wir viele Polizisten im Einsatz hatten (…)“, sagte der Labour-Politiker.
Antifaschistische Demonstranten drängen gewaltbereite Rassisten ab. (Screenshot: YouTube)
Antimuslimische Gewalt: Radikalisierung der weißen Arbeiterschaft
In bestimmten Milieus der unteren Mittelschicht und der weißen Arbeiterklasse befeuert das eine Radikalisierung, die seit etwa 15 Jahren zugenommen hat. Dafür stehen kleine, aber aggressive Gruppierungen wie die rechtsextreme British National Party oder die islamfeindliche English Defence League. Deren einstiger Chef Tommy Robinson (41) – eine Art englischer Martin Sellner in Hooligan-Ausgabe – genießt unter Asylgegnern Kultstatus.
Manche Beobachter führen „Fake News“ in den Sozialen Medien, die zu den tagelangen Ausschreitungen auf der Insel und der Eskalation am Wochenende beitrugen, direkt auf ihn zurück. Der 17-Jährige, der am 29. Juli in Southport drei Mädchen bei einem Tanzkurs mit einem Messer ermordet und viele verletzt hatte, sei muslimischer Asylbewerber, hieß es da. Tatsächlich wurde der Täter, dessen Eltern aus dem überwiegend christlichen Ruanda stammen, in Cardiff geboren. Mehr gab die Polizei bisher nicht bekannt, auch kein Motiv für die Tat.
Fest steht aber: Die Bilanz der einwöchigen Krawalle ist seit Beginn der Flüchtlingskrise vor rund zehn Jahren europaweit beispiellos. In Manchester, Liverpool und anderen englischen Städten rotteten sich teils hunderte Menschen unter dem Motto „Genug ist genug“ zusammen, griffen Moscheen und Asylunterkünfte an, zerstörten Geschäfte, bedrohten verängstigte Muslime und Migranten.
Es wird von einem „Pogrom“ gesprochen – aber auch breiter Widerstand durch die Zivilgesellschaft
Mehr als 400 Randalierer wurden festgenommen, Dutzende Polizisten verletzt. Plötzlich taucht mitten im kosmopolitischen Großbritannien ein Begriff auf, den man in Europa lange hinter sich glaubte: Pogrom.
„Das ist kein Protest, das ist Gewalt“, erklärte Premierminister Starmer am 5. August nach einer Sitzung des Krisenstabs. Verantwortlich sei eine winzige Minderheit rechter Mobs, die in keiner Weise die britische Gesellschaft repräsentiere.
Der Strafverfolgungsbehörde Crown Prosecution Service zufolge wurden bisher knapp 150 Menschen angeklagt. Beinahe 500 waren zuvor festgenommen worden. Bei ersten Verurteilungen wurden teils mehrjährige Haftstrafen verhängt.
Londons Bürgermeister Sadiq Khan bedankte sich auf X bei den Menschen, die friedlich demonstrierten, und den Sicherheitskräften. Er fügte hinzu: „Und an alle rechten Schläger, die noch immer Hass und Spaltung säen wollen – ihr werdet niemals willkommen sein.“
Der Organisation Stand Up to Racism zufolge versammelten sich im ganzen Land etwa 25.000 Menschen, um gegen rechtsextreme Gewalt zu demonstrieren. Darunter viele im Londoner Bezirk Walthamstow, im Osten Londons sowie in den Städten Bristol, Brighton, Liverpool und Sheffield.
Foto: Keir Starmer, No. 10 Downing Street
Gefühle der Entfremdung bei den „Autochthonen“
Fraglich ist allerdings, ob die Labour-Regierung das tieferliegende Problem ethnischer Spannungen allein mit den Mitteln des starken Staats ausreichend adressiert. Wie in anderen westlichen Gesellschaften fühlen sich auch Teile der Bevölkerung von der Zuwanderung nicht nur kulturell und wirtschaftlich bedroht, auch das Sicherheitsgefühl auf der Insel erodiert.
Mehr als 50.000 Messerangriffe in einem Jahr zählte die Polizei zuletzt. Aus Sicht der Migrationsgegner sind sie das logische Resultat einer ideologischen Politik, die ihre Heimat auf Biegen und Brechen zu einer multikulturellen Zone machen will.
Vielerorts bildeten sich auch Gegenproteste von Menschen mit „Refugees welcome“-Schildern. Solidarität kommt auch von christlichen Kirchen. So verurteilte der Flüchtlingsbischof der katholischen Bischofskonferenz von England und Wales, Paul McAleenan, die Exzesse. Die Taten weniger stünden im Gegensatz zum Einsatz von Flüchtlingshelfern und kirchlicher Gruppen, die Migranten unermüdlich die Hand reichen.
Man muss den Bürgerkrieg nicht für „unausweichlich“ halten, wie Elon Musk dies am 5. August auf seiner Online-Plattform X tat und damit Empörung in London auslöste. Doch die Woche der Gewalt hat die Polarisierung im Land dramatisch beschleunigt.
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