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Wie wir Krieg verstehen (1)

einseitig medien

Zweiteilige IZ-Serie über unseren Blick auf Kriege bzw. bewaffnete Konflikte. Und darüber, warum es wichtig ist, sich mit der eigenen Perspektive zu beschäftigen.

(iz). Als Europäer leben wir seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in einer der sichersten Regionen der Welt. Krieg kennen wir – mit Ausnahme der Balkankriege in den 1990er Jahren – nur durch Medien und von Menschen, die deswegen zu uns fliehen mussten. Wir Deutschen haben nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts eine friedliche Nachkriegszeit erlebt. Hinzu kam, dass uns dank fehlender Kolonien die „dreckigen“ Kleinkriege der Dekolonisierung erspart blieben und dass es jahrzehntelang einen Konsens gab, sich mit dem Thema nicht beschäftigen zu wollen.

Das heißt nicht, dass die Bonner Republik nicht indirekt durch Waffenlieferungen an kriegführende Parteien beteiligt war. Wir waren aber bis in die späten 1990er Jahre hinein eine Gesellschaft, in der alles Militärische kaum Interesse weckte. Umso desorientierter reagierten die Eliten auf den in der Nachbarschaft ausgebrochenen Krieg gegen die Ukraine – und damit auf das Phänomen organisierter, bewaffneter Gewalt. Dabei hätten wir es besser wissen können: Auch im 21. Jahrhundert gehören kriegerische Auseinandersetzungen zur menschlichen Erfahrung.

Bewaffnete Zeiten & Kriege: jene, die wir nicht sehen

2024 gab es mehrere schwere Kriege – u.a. in Gaza und im Nahen Osten, in der Ukraine, im Sudan, in Myanmar (Burma), Nigeria, Somalia, Burkina Faso, Mexiko (Staat vs. Drogenkartelle), Syrien und Mali. 2024 (noch ohne Syrien) forderten sie in Gaza, der Ukraine, Myanmar, Sudan und Nigeria die meisten zivilen Opfer.

Wie in Vorjahren ist die globale Aufmerksamkeit (eher Fiktion als Realität) für bewaffnete Gewalt ungleich verteilt. Sie wird aufgrund verschiedener Faktoren unterschiedlich wahrgenommen. Die Hilfsorganisation CARE International veröffentlicht ab 2013 den Bericht „Breaking the Silence“. Seit zehn Jahren wird darin festgehalten, über welche gewalttätige Krisen nicht gesprochen wird. Die erschreckende Bilanz für 2023: Die am wenigsten beachteten ereigneten sich alle in Afrika.

sudan frauen

Foto: UNICEF | UN Photos

„Menschliches Leid passt in keine Rangliste. Die 10 Krisen, die keine Schlagzeilen machten, betreffen Millionen von Menschen und finden dennoch kaum Gehör. CARE geht es mit dem Report nicht um eine Anklage. Er ist vielmehr eine Aufforderung an alle, mehr über diese Krisen zu erfahren, die Informationen zu teilen, sich zu engagieren“, sagte Corinna Henrich 2023. Dass das Kämpfen und Sterben (der Zivilbevölkerung) in Afrika so erschreckend wenig Beachtung findet, lässt sich nicht allein mit dem oft zitierten „Eurozentrismus“ erklären. CARE International bezog u.a. auch die arabischen Medien mit ein.

Grob lassen sich drei Modi des Umgangs mit Kriegen unterscheiden. Da es keine abstrakte „Weltöffentlichkeit“ gibt, die alles gleich bewertet, hängen Bewertungen und Interessen zum Teil erheblich von lokalen Interessen und Befindlichkeiten ab.

a) Ist bekannt und bewegt „uns“ (das konstruierte Gesamt-Ich, abhängig vom jeweiligen Erkenntnisinteresse) wie im Falle der Ukraine oder des Nahostkonflikts.

b) Ist bekannt, aber bewegt „uns“ nicht/kaum: Kriege/Konflikte wie im Sudan, Jemen etc.

c) Sind nicht bekannt und berühren „uns“ nicht/kaum: Siehe Afrika.

Henrich erklärt dies mit den Gesetzen der globalen Aufmerksamkeitsökonomie. Medienunternehmen befänden sich in einem rasanten Wandel, der sich auf Berichterstattung auswirke. Dabei seien die „Konsequenzen für Millionen Menschen, die von humanitären Krisen betroffen sind und trotzdem kaum in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit gelangen“ enorm. Mangelnde Sichtbarkeit gehe nicht selten mit geringer finanzieller Unterstützung einher. „Es ist wichtig, Wege zu finden, das Interesse des Publikums für vermeintlich kleinere Krisen zu wecken.“

Unsere Gewohnheiten des Hinschauens

Obwohl Medien und Journalisten für sich in Anspruch nehmen, Nachrichten und Analysen zu liefern, haben sich je nach Medium, Genre, den jeweiligen AutorInnen und Publikumssegmenten unterschiedliche Gewohnheiten der Wahrnehmung bewaffneter Konflikte gebildet. Bei der folgenden Beschreibung handelt es sich um vereinfachte Typologien.

krieg

Foto: DoD Media, via Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

a) Kriege werden im Rahmen politischer Erklärungsmodelle verstanden. Ihr Rahmen kann national sein bzw. in Kombination regional oder international verstanden werden. Als Ursachen gelten Interessengegensätze und Gegnerschaften, Bündniszugehörigkeiten, territoriale Begehrlichkeiten etc. Bei zwischenstaatlichen Kriegen lässt sich diese Perspektive „leichter“ durchhalten, bei innerstaatlichen ist dies schwieriger – wenngleich bei Bürger- und Stellvertreterkriegen politische Feindschaften Ursache und/oder Anlass sein können. In den letzten Jahren hat sich – ausgelöst durch die russische Aggression gegen die Ukraine – teils das überholt geglaubte Denken in Einflusszonen und Großräumen durchgesetzt.

b) Mit obiger Deutung geht häufig eine ideologische (bzw. religiöse) Interpretation einher. Die Motive der Akteure werden durch die Unterschiede ihrer Ansichten bzw. Identitäten erläutert: prowestlich vs. prorussisch, muslimisch vs. nichtmuslimisch, schiitisch vs. sunnitisch, fortschrittlich vs. reaktionär. Die Zuordnung der Konfliktparteien (in innerstaatlichen Auseinandersetzungen) ist medial oft begleitet von schwarz-weiß- bzw. gut-böse-Darstellungen. Die Journalistin Kristin Helberg erklärte jüngst am Beispiel Syrien, wie schädlich das sein kann: „Syrien lässt sich nur verstehen, wenn man das entweder-oder überwindet, das viel mit ideologischer Vereinfachung und wenig mit der komplexen Realität vor Ort zu tun hat. Statt einseitige Schlüsse zu ziehen, gilt es Mehrdeutigkeit auszuhalten.“ (ZEIT-online)

c) Insbesondere bei den oft vernachlässigten Kriegen in armen, aber ressourcenreichen Ländern werden wirtschaftliche Aspekte als Ursache oder Zankapfel hervorgehoben. Die Kontrolle über Ressourcen, Schürfrechte, Transitrouten etc. sei die Kriegsursache. Nicht selten artet dies in einen vulgärmarxistischen „cui bono“-Ökonomismus aus. Wir kennen das z.B. noch von der Parole während des Irakkrieges: „Kein Krieg für Öl“. Auch im aktuellen Krieg gegen die Ukraine geht es für viele um die Kontrolle ukrainischer Ressourcen.

Was nicht heißen soll, dass es bei bewaffneten Konflikten in den letzten Jahrzehnten nicht auch um wirtschaftliche Faktoren oder die Herrschaft über Rohstoffe ging und geht. Ein Beispiel dafür ist der Abtransport der sudanesischen Goldreserven in Milliardenhöhe durch russische Söldner. Im weiteren Sinne gibt es Dinge wie die Ressource Wasser, deren Knappheit bzw. Kontrolle mitursächlich für einen Krieg sein kann. So gab es beispielsweise in Syrien vor dem Arabischen Frühling eine ungleiche Verteilung an verschiedene Bevölkerungsgruppen. Oder in Westafrika kämpfen Nomaden und Ackerbauern um immer weniger fruchtbares Land.

d) Beliebt und gerne verwendet wird die kulturalistische Brille. Je weiter und je „exotischer“ ein Kriegsgebiet, desto lieber erklären sich Laien und manche Experten einen Konflikt anhand tatsächlicher oder eingebildeter „kultureller“ Markierungen. Das kann von ernsthaften wissenschaftlichen Betrachtungen bis zu Ansichten reichen, die nur als rassistisch zu bezeichnen sind.

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Von Murdoch zu Musk. Jetzt haben die Tech-Bros die mediale Macht

Tech-Genie Elon Musk macht

Themenschwerpunkt soziale Medien: Die globale Medienmacht hat sich von den Zeitungsmoguln zu Tech-Oligarchen verschoben

(The Conversation). Bis vor kurzem war Elon Musk nur ein äußerst erfolgreicher Elektroauto-Tycoon und Weltraumpionier. Sicher, er war unberechenbar und unverblümt, aber sein globaler Einfluss war begrenzt und scheinbar unter Kontrolle. Mit dem Besitz von nur einer Medienplattform in Form von Twitter (jetzt X) ist aus dem Eigenbrötler ein Mogul geworden, und der Stab des größten medialen Bullys der Welt ist an einen neuen Spieler übergegangen. Von Matthew Ricketson & Andrew Dodd

Soziale Netze und Medien: Wer hat die Macht?

Was wir aus der Beobachtung von Musks Führung von X ableiten können, ist, dass er anders ist als frühere Medienmogule. Was ihn potenziell gefährlicher macht. Er arbeitet nach seinen eigenen Regeln, oft außerhalb der Reichweite von Regulierungsbehörden. Er hat gezeigt, dass er keine Rücksicht auf diejenigen nimmt, die versuchen, ihn zu zügeln.

Unter dem alten Regime gaben Pressezaren, von William Randolph Hearst bis Rupert Murdoch, zumindest vor, sich einem wahrheitsgetreuen Journalismus verpflichtet zu fühlen. Dabei war es ihnen egal, dass sie gleichzeitig Einschüchterung und Schikane einsetzten, um ihre kommerziellen und politischen Ziele zu erreichen.

Musk hat keine Notwendigkeit und auch kein Verlangen nach solchen Täuschungsmanövern, weil er nichts, was er sagt, auch nur mit einem hauchdünnen Schleier des Journalismus verhüllen muss. Stattdessen ist sein treibendes Motiv die Redefreiheit, was oft ein Code dafür ist, dass man es besser nicht wagt, ihm in die Quere zu kommen.

Das bedeutet, dass wir uns auf Neuland befinden, aber es heißt nicht, dass das, was davor war, irrelevant ist. Wenn Sie eine umfassende, aktuelle Einführung in das Verhalten von Medienmoguln im letzten Jahrhundert und darüber hinaus suchen, hat Eric Beecher sie gerade in seinem Buch „The Men Who Killed the News“ geliefert.

Neben Berichten über Personen wie Hearst in den Vereinigten Staaten und Lord Northcliffe im Vereinigten Königreich zitiert Beecher das berüchtigte Beispiel von John Major, dem britischen Premierminister zwischen 1990 und 1997, der sich weigerte, Murdochs Widerstand gegen eine Stärkung der Beziehungen zur Europäischen Union zu folgen.

Islamberichterstattung

Foto: Bjoern Wylezich, Shutterstock

In einem Gespräch zwischen Major und Kelvin MacKenzie, dem Herausgeber von Murdochs englischer Boulevardzeitung „The Sun“, wurde dem Premierminister unverblümt gesagt: „Nun, John, lass es mich so sagen. Auf meinem Schreibtisch steht ein großer Eimer mit Scheiße und morgen früh werde ich dir den ganzen Inhalt über den Kopf schütten.“

Medienmogule verwenden metaphorische Geschosse. Die relativ wenigen Menschen, die sich ihnen widersetzen, wie Major, werden von ihrer Regierung sprichwörtlich mit Dreck beworfen. Zu den Schlagzeilen in „The Sun“ nach dem Wahlsieg der Konservativen im Jahr 1992 gehörten: „Zwergen-Premierminister“, „Der Aufgabe nicht gewachsen“ und „1.001 Gründe, warum du so ein Trottel bist, John“.

Wenn Medienmoguln seit Hearst und Northcliffe zwischen der Produktion von Journalismus und der Verfolgung ihrer kommerziellen und politischen Ziele hin- und hergerissen sind, haben sie zumindest Ersteres getan, und einiges davon war sehr gut. Die Führungskräfte der Social-Media-Giganten beanspruchen dagegen keine Rolle als vierte Gewalt. Wenn überhaupt, scheinen sie die Berichterstattung mit einer Zange so weit wie möglich von ihrem Gesicht fernzuhalten.

Die neuen Oligarchen haben enorme Mittel

Sie verfügen jedoch über ein enormes Vermögen. Apple, Microsoft, Google und Meta, früher bekannt als Facebook, gehören zu den zehn weltweit führenden Unternehmen nach Marktkapitalisierung. Im Vergleich dazu liegt die Marktkapitalisierung der News Corporation derzeit weltweit auf Platz 1.173.

Der Gründer und CEO von Meta, Mark Zuckerberg, ist dafür bekannt, dass er sich nicht an die Regeln hält, wie er im Februar 2021 demonstrierte, als er gegen den Verhandlungskodex protestierte, indem er einseitig Facebook-Seiten mit Nachrichten schloss. Im Allgemeinen bestand seine Strategie jedoch darin, Standardmethoden der Öffentlichkeitsarbeit und des Lobbyings einzusetzen. Sein Rivale Elon Musk hingegen setzt seine Social-Media-Plattform X wie eine Abrissbirne ein.

Dieser ist so ziemlich das Erste, was der durchschnittliche X-Nutzer in seinem Feed sieht, ob er will oder nicht. Er lässt alle an seinen Gedanken teilhaben; ganz zu schweigen von seinen Gedankenblasen. Er bezeichnet sich selbst als Verfechter der freien Meinungsäußerung, aber die meisten seiner Äußerungen sind stark rechtslastig und lassen wenig Raum für alternative Ansichten.

gewalt kurzmeldungen

Foto: imago images, ZUMA Press Wire

Elon Musk als Brandbeschleuniger

Einige seiner Tweets waren hetzerisch, wie der Link zu einem Artikel, der eine Verschwörungstheorie über den brutalen Angriff auf Paul Pelosi, den Ehemann der ehemaligen US-Sprecherin Nancy Pelosi, verbreitet, oder sein Tweet, dass „ein Bürgerkrieg unvermeidlich ist“, nachdem es kürzlich in Großbritannien zu Unruhen gekommen war.

Wie die BBC berichtete, kam es nach der tödlichen Messerstecherei auf drei Mädchen in Southport zu den Gewaltausbrüchen. „Die anschließenden Unruhen in Städten und Gemeinden in ganz England und in Teilen Nordirlands wurden durch Fehlinformationen im Internet, rechtsextreme und einwanderungsfeindliche Stimmungen angeheizt.“

Der Oligarch schert sich nicht um Nettigkeiten, wenn die Leute anderer Meinung sind. Ende letzten Jahres erwogen Werbetreibende, X zu boykottieren, weil sie glaubten, dass einige von Musks Beiträgen antisemitisch seien. Er sagte ihnen in einem Live-Interview: „F… euch doch“.

Er hat Donald Trump, den Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei, wieder auf X willkommen geheißen, nachdem Trumps Konto wegen seiner Kommentare zum Angriff auf das Kapitol am 6. Januar 2021 gesperrt worden war. Seitdem haben beide Männer die Idee ins Spiel gebracht, gemeinsam zu regieren, falls Trump eine zweite Amtszeit gewinnt.

Ist die Welt besser dran mit Tech-Bros wie Musk, die uneingeschränkte Freiheit fordern und ihren Einfluss dreist geltend machen? Oder mit altmodischen Medienmoguln, die wohlklingende Rhetorik über Pressefreiheit verbreiten und unter dem Deckmantel des Journalismus Einfluss ausüben?

Das ist eine Frage unserer Zeit, mit der wir uns wahrscheinlich auseinandersetzen sollten.

* Übersetzt und veröffentlicht im Rahmen einer CC-Lizenz.

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Unsere Medien im Nahostkrieg

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Deutsche Medien im Nahostkrieg: Ein kritischer Blick am Beispiel der Berichterstattung über Angriffe auf Krankenhäuser in Gaza. (iz). Nach einem Jahr Krieg liegt das Gesundheitssystem im Gazastreifen in Trümmern. Mitverantwortlich […]

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Das Vertrauen verloren: Viele misstrauen der Nahost-Berichterstattung

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Während die israelische Führung den Nahostkrieg auf den Südlibanon ausweitet: Das Vertrauen der Bundesbürger an der deutschen Nahost-Berichterstattung schwindet. Berlin (iz). Seit dem heutigen Dienstag befinden sich erstmals seit 2006 […]

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Westen und Osten: Vertrauen in Medien unterschiedlich

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Laut einer Allensbach-Umfrage hält die überwältigende Mehrheit Journalismus und Medien für die Demokratie für unverzichtbar. Wenn es um Glaubwürdigkeit geht, sieht es schon anders aus. (KNA). Eine große Mehrheit der […]

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Mendel: Nahostkonflikt ist ein „Topthema an jeder Schule“

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Unter Schülerinnen und Schülern ist der Nahostkonflikt nach Einschätzung des Historikers Meron Mendel ein „Topthema“. (KNA). TikTok statt Geschichtsstunde: Dass junge Menschen sich zunehmend in den Sozialen Medien informieren, hat […]

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Medien: 10 Schritte zu einer besseren Islamberichterstattung

Islamberichterstattung

Die Neuen deutschen Medienmacher*innen legen konkrete Vorschläge für eine bessere Islamberichterstattung vor.

(iz). Die Gewalt in Nahost in eine Zäsur: auch für viele Muslime und Musliminnen in Deutschland. Sie erleben aktuell ein bisher ungekanntes Ausmaß an Verdächtigungen und Anfeindungen. Mit am Zündeln: viele Medienschaffende. Wie es besser geht, hat kürzlich ein Unabhängiger Expertenkreis im Auftrag des Bundesinnenministeriums analysiert. Wir haben ihren 400-seitigen Bericht gründlich gelesen und auf dessen Basis zehn Vorschläge für eine bessere Islam-Berichterstattung formuliert.

Mehr thematische Vielfalt 

Kriege, Terror und Kriminalität. Das sind nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 die Themen, um die sich deutsche Islam-Berichterstattung dreht. Im Auftrag des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit (UEM) werteten Forscher der FU-Berlin über 20.000 Medienbeiträge mit Islam-Bezug aus: Das Ergebnis der repräsentativen Untersuchung: 57 Prozent der Print- und sogar 89 Prozent der TV-Beiträge handeln von Negativthemen.

In der BILD beschäftigen sich zwei von drei Beiträgen mit Islam-Bezug mit Themen wie Terrorismus, Krieg und innerer Sicherheit. Im Programm der ARD sind es sogar knapp 86 Prozent. Beiträge, die sich dem Islam als Religion widmeten, gab es im Programm des öffentlich-rechtlichen Senders keinen einzigen. Das Fazit der Studienmacher*innen: „Es fehlt eine Diversifizierung der Themenpalette, die konstruktive Aspekte der Lebensrealität stärker einbezieht.“

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Foto: LightField Studios, Shutterstock

Mehr personelle Vielfalt

Für eine vielfältige und professionelle Berichterstattung, die sich am realen Leben realer Muslime statt an Klischees über sie orientiert, braucht es vor allem eines: mehr Vielfalt auf den Bildschirmen, den Zeitungsseiten und in den Redaktionen selbst. Nach wie vor werde in Medien „weit mehr über als mit Muslim*innen gesprochen“, schreiben die Macher des Berichts. 

Muslime würden „kaum als Sprecher*innen in Erscheinung (treten)“ und „in hohem Maße objektifiziert.“ So würden Muslime beispielsweise häufiger als Miliz-Anhänger*innen oder Terroristen in Erscheinung treten denn als Mitglieder der Zivilgesellschaft. Der Anteil migrantischer Journalist*innen steige zwar langsam, „liegt aber weit hinter dem Bevölkerungsdurchschnitt zurück.“

Bessere Bilder 

Nicht nur die tendenziöse Auswahl von Themen und Stimmen begünstigt die Schieflage der Islamberichterstattung. Auch in der Bildberichterstattung – so schreibt der UEM – hätten sich stereotype Darstellungen „seit Jahrzehnten kaum geändert“. Muslime würden weiterhin vor allem „als ‚Sicherheitsrisiko‘, ‚kulturelle Herausforderung‘ oder als ‚primitiv‘ dargestellt“.

Zudem würden Musliminnen häufiger visuell markiert als andere Gruppen – insbesondere durch das Kopftuch. Der Expertenkreis fordert deshalb „eine vollständige Neubestimmung des Bildjournalismus zur Überwindung visueller Stereotype.“

Vorsicht bei pauschalisierenden Debatten

Journalisten sind Herdentiere. Das zeigt sich auch in der Islamberichterstattung. Der UEM hat mehrere mediale Debatten untersucht: vom Karikaturenstreit, über die Kölner Silvesternacht bis zur Berichterstattung über „Clankriminalität“. Das Ergebnis: Medienschaffende verfallen immer wieder denselben ausgrenzenden und pauschalisierenden Dynamiken. So habe die Debatte um den „Politischen Islam“, „in erheblichen Teilen der medialen und politischen Diskussion jede problemorientierte Kontur verloren“ und stigmatisiere „weite Teile der muslimischen Bevölkerung und ihrer Organisationen.“

In den immer wiederkehrenden Kopftuchdebatten würden Hijab tragendende Frauen einerseits als fremd und gefährlich markiert, „andererseits zu Opfern von per se patriarchalischen und unterdrückenden Verhältnissen stilisiert.“ Auch bei Medienberichten über Moscheebauten würden „Muslim*innen als Problem benannt, in Gegensatz zur deutschen Gesellschaft gesetzt und damit in den Kontext einer vielfach negativen Berichterstattung über ‚den Islam‘ eingeordnet. Zu „Ehrenmorden“ merkt der UEM an, dass diese in „keiner Relation zur medialen Darstellung“ stünden. Öffentliche Debatten hierzu würden „zur Kriminalisierung der muslimischen Bevölkerung führen.“

Foto: Neuköllner Begegnungsstätte e.V. – Dar Assalam

Schluss mit Kontaktschuldvorwürfen

Ein missverständlicher Like, der Besuch in einer „falschen“ Moschee, eine problematische Bekanntschaft – und schwupps gilt man öffentlich als Islamist. Und mit einem selbst gleich der nächste Kreis weiterer Kontakte. Der Problematik von Kontaktschuldvorwürfen hat der UEM ein eigenes Kapitel gewidmet. Diese kritisiert er als „Sippenhaftkonstruktionen“, „Pseudoargumente“ und „Pauschalurteile“, als deren Folgen, „Karrieren oder auch Existenzen zu Bruch gehen können“. 

An mehreren konkreten Beispielen zeigt der UEM, wie neben Politiker*innen, dubiosen Blogs und selbsternannten „Islamexperten“ auch viele eigentlich seriöse Medien solche Vorwürfe unkritisch verbreiten und zu einem Generalverdacht gegenüber Muslimen beitragen.

Mehr Distanz zu Staat und Behörden

Schon in der Ausbildung lernen Journalisten, Sicherheitsbehörden als „privilegierte Quellen“ zu behandeln. Manch einer hält selbst das Abtippen von Polizeimeldungen für Journalismus. Nach der Lektüre des UEM-Berichts sollten Medienschaffende dieses Urvertrauen zumindest überdenken:

Etwa, weil der Verfassungsschutz mit „unbelegten Annahmen und Verunglimpfungen“ zu einer „regelrechten Misstrauens- und Verdachtskultur gegenüber Muslim*innen“ beigetragen habe. Weil – wie eine aktuelle Studie von Forschern der Uni Duisburg-Essen zeigt – rassistische Einstellungen unter Polizisten eher die Regel als die Ausnahme sind. Und weil Straftaten, in denen Muslime nicht Täter, sondern Opfer sind (z.B. Moscheeübergriffe) sehr viel weniger Aufmerksamkeit durch Sicherheitsbehörden erlangen.

USA

Foto: momius, Adobe Stock

Mehr Vorsicht gegenüber sozialen Medien

Nicht erst seit Elon Musks Twitter-Übernahme stehen Soziale Medien in der Kritik. Wie toxisch das Klima dort aber tatsächlich ist, zeigt eine Studie von Forschern der Uni Mainz. Im Auftrag des UEM haben sie auf Twitter, 4Chan, Telegram, Facebook, YouTube und Instagram über eine halbe Million Tweets und Kommentare mit Islam-Bezug untersucht.

Die allergrößte Mehrzahl der Posts, charakterisierte Muslime und ihre Religion pauschal als gewalttätig, terroristisch, intolerant, frauenfeindlich und antisemitisch. Hinzu kommen Verschwörungstheorien und „rassistische Sprechakte“, die „pogromartige Gewalt wie in Hanau befördern können.“ Insbesondere, da Medien immer häufiger bei der Auswahl von Themen und Stimmen auf Soziale Medien setzen, sollten sie hier vorsichtig sein.

Mehr Offenheit gegenüber sozialen Medien

Soziale Medien sind ein Problem, sie können aber auch Lösungen bieten. Auch das zeigt der Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit. In seinem Auftrag analysierten Forscher der Uni-Erfurt, wie Soziale Medien Kommunikationsräume für gesellschaftliche Gruppen schaffen, die in traditionellen Medien häufig zu kurz kommen.

Am Beispiel muslimischer Influencer auf Instagram zeigten sie: Soziale Medien können einen wichtigen Raum für Sichtbarmachung, Aufklärung, Solidarisierung und Empowerment einer muslimischen Gegenöffentlichkeit bieten. Berücksichtigt man, dass schon einzelne solcher Accounts teils weit mehr Reichweite erzielen als beispielsweise große Tageszeitungen, sollten klassische Medien aufpassen, hier nicht den Anschluss zu verlieren.

Selbstkritik fördern

Der UEM analysiert nicht nur Probleme der aktuellen Medienarbeit. Der Bericht zeigt auch, wo jetzt schon das Potenzial für Verbesserungen existiert: In den Redaktionen selbst. Im Bericht kommen zahlreiche Medienschaffende zu Wort, denen die Missstände in ihrer Branche durchaus bewusst sind und sich mit (Selbst)kritik nicht zurückhalten. Diese reicht vom Fokus auf Negativthemen und mangelnden Fachkenntnissen, über unzureichenden Bezug zu migrantischen Zielgruppen und einseitiger Expertenauswahl, bis zur Angst vor rechten Shitstorms und wirtschaftlichen Zwängen.

Auch Ideen, wie eine bessere Islamberichterstattung gelingen kann, finden sich zahlreich in den Redaktionen. Nur scheitern sie damit häufig an den Beharrungskräften in der eigenen Chef-Etage. Der UEM fordert deshalb „eine grundlegende Reform der Produktionsstrukturen im Journalismus, auf Leitungsebene der Medien und in der professionellen Selbstkontrolle (inkl. Mediengewerkschaften und -verbänden), um Medienschaffende und -organisationen nachhaltig zu sensibilisieren.“

Verantwortung übernehmen

Medienschaffende bewegen sich mit ihrer Arbeit nicht im luftleeren Raum. Sie prägen die Stimmung im Land mit und tragen Verantwortung für die Folgen ihres Handelns. Diese Folgen reichen von Sinken medialer Glaubwürdigkeit und zunehmender Demokratieverdrossenheit, über die Zunahme rechter und menschenfeindlicher Positionen in der Bevölkerung bis hin zu konkreten Gewalttaten gegen Muslim*innen, Geflüchtete und andere marginalisierte Gruppen.

„Eine Mitverantwortung der Medien für Antimuslimischen Rassismus ist folglich nicht von der Hand zu weisen“, schreibt der UEM und belegt dies mit zahlreichen Studien. Verantwortungsvolle Medienschaffende sollten sich dieser Verantwortung stellen und sich mit den Folgen ihres Handelns auseinandersetzen.

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Was passiert jetzt mit Qantara?

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Pläne des Außenministeriums für die Medienplattform Qantara führen zu Protesten bei Journalisten und Experten. (iz). Qantara.de ist ein Internetportal der Deutschen Welle, das den „Dialog“ zwischen der westlichen und der […]

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Hausaufgaben für Redaktionen bei Muslimfeindlichkeit

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Kriege brauchen Medienkompetenz. Navigieren in schwierigen Zeiten

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Kriege werden in und mit Medien geführt. Es braucht Kompetenz, um Propaganda von Berichterstattung zu unterscheiden. (The Conversation). Als die Nachricht über den tödlichen Angriff der militanten palästinensischen Hamas auf […]

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