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Sehnsucht nach „starken Männern“

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In aller Welt kommen „starke Männer“ an die Macht. Massenwut, Verarmung und Globalisierung helfen seit mehr als einem Jahrzehnt beim Aufstieg autoritärer Charaktere.

(iz). Ob in den Slums von Karatschi, in den demografisch gealterten Kleinstädten Ostdeutschlands, im „Rust Belt“ der USA oder in Argentinien – seit Längerem ist ein anschwellender Chor der Wut zu vernehmen. Begleitet wird dieser immer häufiger von Rufen nach einem „starken Mann“.

Der indische Kritiker Pankaj Mishra deutet den heutigen Populismus als „Politik des Ressentiments“. Wo die Moderne Freiheit, Wohlstand und Anerkennung versprach, aber für viele Menschen Ungleichheit, Prekarität und kulturelle Entwertung produziert, entstehen Wut, Neid und das Gefühl, von Eliten oder fremden Mächten gedemütigt zu werden.

Das gilt in seinen Augen nicht nur in Europa und den USA, sondern auch für postkoloniale Gesellschaften sowie verschiedene Formen des ethnischen, religiösen und autoritären Nationalismus. Dabei nimmt er u.a. extreme muslimische, hindu-nationalistische sowie rechtspopulistische Bewegungen im Westen in den Blick.

„Starke Männer“: Aus Wut entsteht Massen-Sehnsucht

Aus dieser Wut entsteht die Sehnsucht nach einem „starken Mann“. Sie bietet keine Lösungen für soziale und globale Ungleichheit. Allerdings hat sie ein erfolgreiches Narrativ zu bieten, das Menschen auf der ganzen Welt anzieht: „Wir gegen sie“, „nationale Wiedergeburt anstatt komplizierter Politik“ und „Stärke statt Zweifel“.

Die Führungsfigur verwandelt Ohnmacht in geliehene Macht, indem sie Minderheiten, Eliten oder äußere Gegner demütigt. Laut Mishra ist das die gefährliche Attraktion des Autoritarismus im „Zeitalter des Zorns“: Er verspricht Würde, wenn er die Ausgrenzung anderer organisiert.

Die von ihm beschriebenen Mechanismen sind nicht neu. Die Auseinandersetzung mit Tyrannei sowie dem populistischen Zusammenspiel von angehenden Despoten und der instrumentalisierten Masse ist Teil unserer Ideengeschichte. Sie wurde in der europäischen Antike von griechischen Denkern wie Platon thematisiert und von römischen Historikern wie Tacitus im Rückblick auf den Untergang der Republik beschrieben.

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Foto: Sushil Nash, Unsplash

An dieser Stelle ist eine Einschränkung nötig. Die Kenntnis von Geschichte, ihren Beispielen und des Handelns früherer Mächtiger ist beim Verständnis hilfreich.

Dabei steht uns einiges zur Verfügung: von Chroniken über Biografien bis zu Warnungen. Allerdings ist Vergangenheit keine Gebrauchsanweisung. Es hilft nichts, bei Oberflächenähnlichkeiten zu bleiben, ohne die Realität der Macht zu begreifen.

Daher können Vergleiche nicht nur falsch, sondern gar gefährlich sein. Donald Trump ist bspw. nicht mit einem Diktator der 1930er Jahre gleichzusetzen. Viktor Orbán ist kein Wiedergänger Miklós Horthys. Heute müssen die „starken Männer“ ihre Schläger nicht mehr zu Veranstaltungen der Opposition auffahren lassen; oft genügt eine Armee von Bots.

Ein Kennzeichen des heutigen Populismus ist, dass er nicht auf die sichtbaren Versatzstücke vergangener Diktaturen angewiesen ist; selbst wenn es bei Anhängern nostalgische Anklänge gibt.

Das Wissen um die Geschichte ist wichtig, um zu verstehen, wie eine extreme Bewegung einen Rechtsstaat ohne Gegenwehr übernehmen kann oder welche Gefahr extrem konzentrierte private Wirtschaftsmacht für den Bestand einer Republik darstellen kann.

Platons Warnung aus der Vergangenheit

Die Furcht vor Populismus, seinen Nutznießern und den Folgen für ein Gemeinwesen ist nicht neu, sondern reicht bis in die Antike zurück. Schon Platon, Philosoph des klassischen Athen, beschäftigte sich mit diesen Fragen.

Selbstredend liefert er uns keine moderne Theorie aber eine der eindruckvollsten Diagnosen von Demagogie, Tyrannei, Gesetzlosigkeit und Verführung durch einen „Freund des Volkes“.

Seine zentrale These in der „Politeia“ lautet: Eine Demokratie kann in Ungerechtigkeit umschlagen, wenn Freiheit zu Maßlosigkeit wird und ein „Volksführer“ soziale Gegensätze und politische Feindschaften ausnutzt.

In einer polarisierten Ordnung, so ein Gedanke, tritt ein „Volksführer“ auf. Dieser gebe sich als Beschützer gegen die Reichen und jene, die er zu Feinden erklärt, fordere Maßnahmen für sie und baue so seine persönliche Anhängerschaft auf. Diese Figur werde dann zum Tyrannen, wenn sie Gewalt, Verfolgung, Verbannung und Enteignung anwendet.

Für ihn wird er von ungeordneten, gesetzlosen Begierden beherrscht. Politische Verhältnisse und seelische Verfassung sind bei ihm eng miteinander verknüpft. Dieser Typus kennt keine innere Ordnung, nimmt sich, was er will, und lebt in ständiger Angst, Misstrauen und Zwang.

Foto: Kosths/Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Was zeichnet diese „starken Männer“ aus?

In der Antike wurde der Tyrann vor allem als politische und moralische Figur beschrieben. Moderne Autoren suchen dagegen nach institutionellen, biografischen und psychologischen Erklärungen für seine Macht. „Wir sind schon immer von starken Führungspersönlichkeiten fasziniert gewesen, ganz gleich, ob es sich dabei lediglich um autoritäre Persönlichkeiten oder um echte Diktatoren handelt.

Sie bestimmen das politische Klima des Landes, das sie regieren, auch wenn es dabei unweigerlich zu Turbulenzen kommt.“ Das schreibt der britische Journalist Iain Dale im Geleitwort des von ihm herausgegebenen Sammelbands „The Dictators“.

In einem einführenden Text stellt der Historiker Peter-Caddick Adams eine wichtige Frage über diesen Typus: „Bevor wir uns mit dem Leben dieser verabscheuungswürdigen Menschen befassen, hielten wir es für sinnvoll, für die Zwecke dieses Bandes den Begriff ‘Diktator’ zu definieren und zu erläutern, wie sich Diktatoren von anderen Arten autoritärer Führer unterscheiden.“

Zunächst versucht er, diese Bezeichnung für das Buch arbeitsfähig zu machen und ihn von zusätzlichen Formen abzugrenzen. Demnach seien „starke Männer“ nur selten Monarchen, die kraft Geburt herrschten.

Typischerweise gelangten sie vielmehr durch politische Verfahren an die Macht: Sie nutzten Parteien, Konflikte zwischen den Lagern oder innerhalb von Clanstrukturen, gründeten Organisationen bzw. bemächtigten sich vorhandener Machtapparate.

Diktaturen unterschieden sich sowohl in ihren Methoden wie in ihrem politischen Erbe. Nicht selten entwickle sich eine zunächst vergleichsweise gemäßigte Herrschaft schrittweise zu einem offenen Terrorregime. Andere Machthaber hätten ihre Macht von Beginn an auf Gewalt und Unterdrückung gegründet und diese später weiter verschärft.

Caddick-Adams hebt den Einparteienstaat als ein häufiges Kennzeichen moderner Diktaturen hervor. Seiner Meinung nach besteht das Wesen einer solchen Herrschaft darin, Macht zu erringen und abzusichern. Dazu wird eine Partei geschaffen, übernommen oder zu einem Herrschaftsinstrument umgebaut.

Nach Einschätzung politischer Analysten sind viele von ihnen narzisstisch geprägt. Sie kombinieren Fantasien grenzenloser Macht, Ruhm, Anerkennung und Dominanz mit einem starken Mangel an Mitgefühl.

Ihre eigene Zielstrebigkeit, Machtwille und Sendungsbewusstsein haben deshalb überproportionale Folgen. Erst in Verbindung mit Narzissmus und fehlender Empathie wird dieser Wille zu einer für demokratische Gesellschaften toxischen und gefährlichen Mischung.

Der Psychologe und Neurowissenschaftler Ian Robertson greift diesen Gedanken auf. Er beschreibt den Diktator als jemanden, der sich über Regeln, Gesetze und soziale Konventionen stellt.

Er diktiert Vorgaben für andere, fühlt sich selbst aber nicht an sie gebunden. Der Autor erklärt diese Haltung in einer bewusst zugespitzten These mit den psychologischen und neurobiologischen Folgen von Macht.

Bereits geringe Machtgewinne können das Selbstvertrauen, die Entscheidungsfähigkeit und die Risikobereitschaft stärken. Über hormonelle und dopaminerge Prozesse kann Herrschaftsgewalt zudem Angst senken, zielgerichtetes Handeln erleichtern und Führungsfiguren überzeugender erscheinen lassen.

Mit wachsender und dauerhaft unkontrollierter Macht kann dieser Effekt jedoch kippen. Laut Robertson schwächt diese die Empathie, fördert eine instrumentelle Sicht auf andere Menschen und macht Machthaber blind für Risiken und korrigierende Einwände. So kann aus Selbstvertrauen Selbstüberschätzung werden und aus politischer Gestaltungskraft können narzisstische Allmachtsfantasien entstehen.

Foto: zabanski, Shutterstock

Ein wichtiger Hinweis von Hannah Arendt

Es gibt ein wiederkehrendes Medienphänomen. In englischsprachigen Formaten werden prominente Gäste häufig nach den schlimmsten Figuren der Geschichte gefragt. Die Antwort lautet bemerkenswert oft: Hitler oder Stalin.

Wenn heute von der Sehnsucht nach „starken Männern“ die Rede ist, sind Herrscher totalitärer Regime wie diese – neben anderen – nicht unmittelbar gemeint. Wege zur Macht und Methoden der Mobilisierung können ähnlich scheinen. Daraus folgt keine Vergleichbarkeit der Herrschaftsformen.

Die Philosophin Hannah Arendt hat einen wesentlichen Teil ihres Werks der Analyse des Totalitarismus gewidmet. Sie arbeitet heraus, worin sich totale Herrschaftsgewalt von Tyrannei, Diktatur und zusätzlichen autoritären Arten der Gewaltherrschaft unterscheidet.

„Wäre totalitäre Herrschaft nichts anderes als eine moderne Form der Tyrannis, so würde sie sich damit begnügen, die politische Sphäre des Menschen zu zerstören, also Handeln zu verwehren und Ohnmacht zu erzeugen“, schreibt Arendt in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Für sie geht diese über Tyrannei hinaus.

Sie zielt nicht allein auf Unterwerfung, sondern darauf, Bürger durch Ideologie und Terror bis in ihre sozialen Beziehungen und ihre Fähigkeit zum eigenständigen Handeln hinein zu beherrschen.

Der entscheidende Unterschied zwischen totaler Herrschaftsgewalt und anderen Formen bestehe nach Arendt darin, dass erstere nicht nur ihre Gegner, vielmehr auch Freunde und Anhänger vernichten könne. Terror sei hier nicht bloß ein Mittel, um Widerstand zu brechen, sondern werde zum Prinzip der Herrschaft. 

Das ist keine akademische Frage. Seit Jahrzehnten werden autoritäre Machthaber, gegen die sich Kritik richtet, vorschnell zum „neuen Hitler“ deklariert. Wenn es begrifflich und konzeptionell nicht gelingt, ihre Herrschaftsformen und Machtmechanismen zu verstehen, wird angemessenes Handeln schwieriger.

Wer jeden „starken Mann“ zum „neuen Hitler“ erklärt, verharmlost die historische Figur nicht zwangsläufig. Aber er sagt häufig zu wenig über den Machthaber, den er kritisieren will. Und ohne genaue Diagnose gibt es keine präzise Gegenwehr.

Warnsignale

Die politische Theoretikerin Judith N. Shklar erlaubt einen zusätzlichen Blick auf die Frage nach dem „starken Mann“. Eine Bedrohung geht von entschlossener Führung nicht schon deshalb aus, weil sie handlungsfähig auftritt oder den Staat durchsetzungsfähiger machen will. Sie wird gefährlich, wenn Macht nicht mehr vorhersehbar, rechtlich begrenzt und kontrollierbar ist.

Shklar hat dafür keine einfache Checkliste formuliert. Aus ihrem „Liberalismus der Furcht“ lassen sich jedoch deutliche Warnzeichen ableiten: Militär, Polizei oder paramilitärische Gruppen üben Gewalt absichtlich aus. Öffentlicher Widerspruch wird durch Einschüchterung, Demütigung, Drohungen und Angst vor Schaden unterdrückt. 

Gerichte verlieren ihre Unabhängigkeit; die Verwaltung handelt parteiisch und willkürlich. Die Betroffenen werden als „Feinde“, „Kriminelle“, „Verräter“ sowie als Menschen ohne Schutzanspruch stigmatisiert. Reale oder behauptete Gefahren dienen dazu, Grausamkeit als notwendig erscheinen zu lassen.

In ihrem Essay „The Liberalism of Fear“ stellt sie die Gnadenlosigkeit ins Zentrum ihrer politischen Theorie. Sie versteht darunter die absichtliche Zufügung körperlichen und – nachrangig – seelischen Schmerzes durch Mächtigere gegenüber einer schwächeren Person bzw. Gruppe, um ein Ziel zu erreichen.

Damit lässt sich eine zentrale Erfahrung tyrannischer Herrschaft beschreiben. Macht nutzt Verletzbarkeit. Die „starken Männer“ erfordern dafür nicht nur loyale Vollstrecker. Sie benötigen auch Narrative, die Gewalt rechtfertigen und als Schutz erscheinen lassen. Dazu gehören Berufungen auf „Sicherheit“, „Volkswillen“ oder den „Ausnahmezustand“ ebenso wie die vorherige Abwertung jener, gegen die sich die Gewalt richtet.

Das Symptom von inneren Widersprüchen?

Die italienische Politikwissenschaftlerin Nadia Urbinati befasst sich seit Jahren mit dem Verhältnis von Demokratie, Repräsentation und Populismus. Dieser ist für sie keine bloße Ausnahmeerscheinung, die von außen kommt und die Ordnung bedroht. Vielmehr kann er eine Verfallserscheinung aus ihrem Inneren sein.

Seine Akteure berufen sich auf Wahlen und einen „Volkswillen“, verändern jedoch deren Gehalt. An die Stelle der komplexen und oft unübersichtlichen Gesellschaft setzen sie die Vorstellung eines homogenen „wahren Volkes“, das der jeweilige „starke Mann“ zu verkörpern beansprucht.

Ein Beispiel für diese Logik ist die völkisch-exklusive Idee politischer Zugehörigkeit, wie sie teils von der AfD vertreten wird. Nicht alle Staatsbürger erscheinen darin gleichermaßen als Angehörige des „eigentlichen“ Volkes.

Eine ihrer Kernfragen lautet: Wie kann eine repräsentative Demokratie bestehen bleiben, wenn sie einerseits Mehrheitsentscheidungen benötigt und andererseits soziale Vielfalt, Opposition und ihre Einrichtungen bewahren muss? Urbinati sieht die Lösung im Schutz von Minderheiten, Dissidenz und vermittelnden Institutionen. 

Populismus verschiebt die Balance zwischen politischem Entscheidungswillen und öffentlicher Meinungsbildung. Populistische Führungsfiguren untergraben das Gleichgewicht, indem sie Mehrheit, Staat und das von ihnen definierte „wahre Volk“ zu einer Einheit verschmelzen lassen. Zugleich stellen sie sich als unmittelbare Verkörperung dieses „Volkswillens“ dar.

Laut Urbinati kann die Demokratie nicht nur durch einen offenen Staatsstreich beschädigt werden. Sie kann ebenso schrittweise durch Technokratisierung, populistische Polarisierung und plebiszitäre Personalisierung der Repräsentation erodieren. Es wird gefährlich, wenn das Handeln einer Regierung oder Führungsfigur als direkter Ausdruck eines einheitlichen Volkswillens dargestellt wird.

In einer repräsentativen Demokratie wählen Bürger Repräsentanten, die sie kritisieren, kontrollieren und abwählen können. In diesem Modell soll die Bevölkerung hingegen die Führungsfigur bestätigen; sie soll das von ihr behauptete „wahre Volk“ verkörpern. Aus aktiver öffentlicher Meinungsbildung wird ein Publikum, dessen Rolle vor allem darin besteht, zu applaudieren, zu klicken, zu wählen und zu bestätigen.

In dieser Logik erscheinen Parteien, Parlamente, freie Medien und unabhängige Gerichte nicht als notwendige Vermittler demokratischer Vielfalt, sondern als Störfaktoren oder gar „Volksfeinde“.

Foto: Paul Wong, Shutterstock

Was folgt daraus?

Nach Einschätzung von Demokratie- und Menschenrechtsbeobachtern geraten liberale Institutionen und gesellschaftliche Freiheiten weltweit unter Druck. Der CIVICUS Monitor dokumentiert eine wachsende Zahl von Ländern, in denen Meinungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt werden.

Für 2025 registrierte das Netzwerk schwere Angriffe auf die Zivilgesellschaft in 122 von 198 Staaten und Territorien. Nur 7 Prozent der Weltbevölkerung lebten in Ländern mit offenem oder relativ freier Öffentlichkeit.

Betroffen seien unterschiedliche politische Systeme: klare Militärregime ebenso wie gewählte Regierungen, die Gerichte, Medien, Opposition und Gesellschaft schrittweise schwächen.

Zu den Stimmen, die in den vergangenen Jahren ein angemessenes Handeln formuliert haben, gehört der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder. Er rät zunächst, autoritärer Macht nicht vorauseilend zu gehorchen.

Viele Freiheiten gingen nicht erst verloren, sobald Verbote erlassen würden, sondern schon, wenn Menschen ihre Sprache, ihr Verhalten und ihre Erwartungen vorsorglich an die vermeintlichen Wünsche der Mächtigen anpassten.

Wer sich aus Angst selbst zensiere, Ausgrenzung schweigend hinnehme oder neue Grenzen des Sagbaren ohne Not akzeptiere, lehre eine autoritäre Führung, wie weit sie gehen könne. Snyders Gegenmittel lautet: Früh widersprechen, sichtbar Haltung zeigen und die eigene berufliche wie persönliche Integrität bewahren.

Zweitens fordert er, demokratische Einrichtungen nicht als Selbstläufer zu behandeln. Gerichte, Parlamente, Wahlregeln, freie Medien, Gewerkschaften, Parteien und zivilgesellschaftliche Organisationen schützten sich nicht von allein.

Sie seien nur dann „unsere“ Institutionen, wenn Menschen sie im konkreten Fall verteidigten: durch Wahlbeteiligung, lokales Engagement, Unterstützung und durch die Bereitschaft, rechtsstaatliche Verfahren selbst dann zu verteidigen, sollten deren Ergebnisse unbequem sein.

Schließlich verbindet Snyder demokratischen Widerstand mit einer Kultur der Wahrheit und persönlichen Beziehungen. Bürger dürften Propaganda nicht gedankenlos übernehmen, sollten Informationen prüfen und ihre Sprache vor politischen Schlagworten schützen.

Er rät dazu, reale soziale Bindungen zu pflegen, Menschen außerhalb der eigenen digitalen Blase zu begegnen, zivilgesellschaftliche Anliegen zu unterstützen und sich nicht allein auf Online-Empörung zu verlassen.

Für Snyder ist das keine private Nebensache: Eine lebendige Öffentlichkeit, belastbare Nachbarschaften und die Bereitschaft, im entscheidenden Moment Mut zu zeigen, wirken der sozialen Isolierung und Angst entgegen, von denen autoritäre Politik lebt.

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War das Diskriminierung?

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Mehr denn je beschweren wir Muslime in Deutschland uns über diskriminierende und rassistische Erfahrungen. Ein Essay mit wichtigen Fragen und Erkenntnissen, die überraschen könnten.

(iz). Und es hat niemanden überrascht, dass diskriminierende und rassistische Vorfälle gegenüber Muslimen in Deutschland zugenommen haben und immer noch zunehmen. Wir fühlen uns als Opfer. Von Azizah Seise & Ahmet Aydin

Die Kommentarspalten in den Sozialen Medien sind voll von Angst, Hilflosigkeit, aber auch Ärger, Wut und Zorn über diesen Zustand. Die Schuld liege ganz klar bei den Anderen, den Bio-Deutschen, den Almans, den Kartoffeln, den Nazi-Enkeln. So lassen wir uns über unsere Mitmenschen aus und scheren selbst alle über einen Kamm. 

Claudia Azizah: Es ist einige Jahre her. Ich stehe in Dresden an einer Strassenbahnhaltestelle, zusammen mit meinem Mann und dem Kinderwagen. Ich trage Kopftuch. Ein älterer Mann läuft vorbei. Sieht mich an und spuckt ohne Vorwarnung in meine Richtung. Er trifft mich. Galt dieser Angriff mir? 

Ahmet Aydin: Ich bin als Gästebetreuer tätig. Ein Gast spricht mich auf die niedrigeren Löhne im Osten Deutschlands an. Ich sage ihm, dass ich mich mit den Unterschieden nicht beschäftigt habe. Plötzlich sagt er: „Ach komm, Du bist doch auch Ausländer.“ Will er mir sagen, dass ich, wie Menschen aus dem Osten, benachteiligt werde?

Claudia Azizah: Ich bin 17 Jahre alt und laufe durch mein Wohnviertel in Leipzig. Ich bin noch nicht Muslimin, falle mit meiner Kleidung trotzdem auf. Ich bin ein Hippie, trage bunte Sachen und lange offene Haare. Es ist November und um 18 Uhr schon dunkel. Ich laufe von der Haltestelle nach Hause und treffe auf eine Gruppe von jungen Neo-Nazis mit Bomberjacke, Springerstiefeln, Glatze und jungen Frauen mit kurzen Haaren. Ich kenne diese Menschen nicht. Eine dieser Frauen tritt auf mich zu und schreit mich ohne Vorwarnung an, beschimpft mich. Dann holt sie aus und verpasst mir eine schallende und schmerzhafte Ohrfeige. Die jungen Männer in der Gruppe halten sie zurück: „Diese Schlam… ist es nicht wert.“ Sie ziehen die Frau weiter. War das Diskriminierung aufgrund meines Äußeren? Galt dieser Angriff mir?

Ahmet Aydin: Es ist die Zeit nach 2015. Unzählige Menschen flüchten aus Syrien. Deutschland nimmt eine beachtliche Anzahl auf. Ich bin an einem Bahnhof und sehe, wie viele geflüchtete Menschen dort sitzen und in Schlafsäcken liegen. Die Polizei ist präsent und kontrolliert Pässe und Ausweise. Ich sehe wie vor mir zwei Punks, so nannte man sie in meiner Schulzeit, kontrolliert werden und will intuitiv meinen Ausweis hervorholen. Ich schaue, wo mein Portemonnaie ist, in meiner Brusttasche oder in meiner Tasche. Ich finde es nicht. Die Polizisten schauen mich an und winken mich weiter. Ich müsse nicht kontrolliert werden. Ich wurde in der Vergangenheit öfter für einen Syrer gehalten. Wieso wurde ich das in dieser Zeit nicht, obwohl eine Kontrolle nachvollziehbar gewesen wäre?

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Foto: mpix-foto, Adobe Stock

Claudia Azizah: Ich sitze mit meinem nicht-deutschen und nicht-europäisch aussehenden Mann in der Ausländerbehörde. Wir werden von der Sachbearbeiterin aufgerufen. Sie scheint schlecht gelaunt zu sein, ist unhöflich. Die Art, wie sie unsere Ausweispapiere zum Identitätsabgleich fordert, hinterlässt ein ungutes Gefühl im Magen. Ich habe Angst: Was ist, wenn sie meinem Mann den Aufenthaltstitel verwehrt? Darf sie das? In meinem Kopf ist Kopfkino. Hat sie mich gerade missbilligend angeschaut? Vielleicht wegen meines Kopftuches? Ich gebe ihr meinen Ausweis. Sofort ändert sich ihre Stimmung. Auf einmal ist sie freundlich, fast zuvorkommend. Lag das an meinem Doktortitel, der auf dem Ausweis vermerkt ist? Wie wäre der Termin ohne diesen Titel verlaufen? War ich nur zu aufgeregt und deshalb überempfindlich, was mögliche negative Energien betrifft? Oder war es doch an der Grenze zu einer Diskriminierungserfahrung? 

Ahmet Aydin: Die Augen beginnen zu strahlen, wenn ich sage, dass ich Germanistik und Philosophie studiert habe. Sowohl bei Menschen, die deutsch aussehen, als auch bei Menschen, die ausländisch aussehen. Einmal war ich an der Kasse im Supermarkt. Die Kassiererin trägt kein Kopftuch, aber sieht ausländisch aus. Die Person vor mir in der Schlange, mit Kopftuch, spricht gebrochen Deutsch. Die Kassiererin schimpft über ihr schlechtes Deutsch. Dann blickt sie mich an und sagt: „Aber Sie können Deutsch.“ Ich bin wütend darüber, wie sie die Person vor mir behandelt hat und antworte bewusst herablassend: „Ja, ich habe es studiert. Also besser als Sie!“ Die Kassiererin schaut mich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr an, wenn ich im Supermarkt bin. Bekämpfen sich Menschen, die ausländisch aussehen, um von Deutschen geliebt zu werden?

Claudia Azizah: Oft besuche ich die ostdeutsche Kleinstadt, wo meine Großmutter wohnt. Erst seit einigen Jahren gibt es dort wenige Muslime oder als Muslime gelesene Menschen. Als Frau mit Kopftuch war und bin ich dort immer ein „Hingucker“. Gucken die Menschen böse, missbilligend, herablassend? Schauen sie rassistisch, hasserfüllt? Ich wag es nicht zu sagen. Das wäre meine Interpretation. Ich weiß, dass meine ostdeutschen Landsleute häufig nicht gerade den freundlichsten Blick haben. Das liegt nicht an mir und nicht am Kopftuch. Sie schauen einfach oft grummelig, schlecht gelaunt. Würde man ihnen einen Spiegel vorhalten, wären sie wahrscheinlich selbst erschrocken. Interessant ist, dass ich nie eine negative Reaktion auf ein freundliches „Guten Tag“ oder ein lächelndes Nicken bekommen habe. Im Gegenteil. Man kommt sogar ins Gespräch und das Stück Stoff auf dem Kopf guckt sich weg. Welche Erfahrung würde ich machen, wenn ich ähnlich gucken würde wie sie? Wie würde ich mich fühlen, wenn ich ihren Blick auf mich bezöge?

Ahmet Aydin: In Deutschland lächeln die Menschen nicht so häufig. Das bestätigen Italiener oder Spanier auch. Früher dachte ich immer, „die“ Deutschen lächeln nicht, weil ich ausländisch aussehe. Dann sagte mir ein Rabbiner, der ziemlich deutsch aussieht, dass es in Deutschland einfach so ist. Die Menschen merken das gar nicht. Ich hatte es aber oft darauf bezogen, dass ich ausländisch aussehe und sofort Rassismus attestiert. Schaffe ich mir durch meine eigenen Gedanken so das Ungeheuer, über das ich mich im Anschluss rechthaberisch beklagen will? Würde ich die Ungeheuer des Rassismus einschläfern, wenn ich schöner von meinen Mitmenschen denken würde? Oder kann ich das nur sagen, weil ich kein Kleidungsstück trage, das fremd anmutet? Liegt es an meinem Äußeren, wie ich behandelt werde oder an meiner Sprache? War zuerst das Ei da oder das Huhn? Wie schickt es sich Menschen, und seien sie noch so rassistisch, zu behandeln?

Foto: Prostock-studio, Shutterstock

Das sind unsere Erfahrungen. Die Erfahrung einer deutschstämmigen Muslimin und eines türkischstämmigen Muslims in Deutschland. Warum erfahren wir als muslimische Gemeinschaft mehr und mehr Diskriminierung, ja sogar Rassismus? Es ist ein realexistierendes Phänomen. Das können wir nicht abstreiten.

Doch ist es sehr wichtig zu verstehen, dass alles, was wir erfahren und erleben, jede Ungerechtigkeit, die wir von anderen Menschen erfahren, letztendlich von Allah kommt. Das möchten wir oft so nicht wahrhaben. Doch alles kommt von Allah. Die anderen Menschen sind ein Werkzeug für das, was uns widerfahren soll und was seit Urzeiten geschrieben steht. Das macht es auf keinen Fall gut. Diskriminierung und Rassismus sind schlecht und wir müssen das Schlechte als solches benennen.

Gleichzeitig sollten wir überlegen, was wir daraus lernen können. Wir müssen Innenschau halten. Ist Diskriminierung und Rassismus in unseren muslimischen Gemeinschaften abwesend? Hält uns Allah gar einen Spiegel vor? Sind für uns wirklich alle Muslime gleichwertig? Oder blicken wir auf den schwarzen Bruder aus Afrika herab? Sind Sie empört das zu lesen? Oder ist der asiatische Bruder doch nicht passend für unsere türkischstämmige Tochter, obwohl er Hafiz und ein gottesfürchtiger und rechtschaffener Muslim ist? Sind Sie empört das zu lesen? Oder ist der türkischstämmige Muslim unwürdig für unsere Tochter, weil er kein Arabisch spricht? Sind Sie empört das zu lesen? Sind das nicht Beispiele aus der muslimischen Realität heutzutage?

Nur Allah weiß, ob es zwischen unserer eigenen diskriminierenden und rassistischen Einstellung und unseren Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung eine Korrelation gibt. Das maßen wir uns nicht an zu beurteilen. Jedoch sollte uns, als Muslime in Deutschland, bewusst sein, dass die Opferrolle keine gute Rolle ist. Wir müssen Unrecht verurteilen und strafrechtlich verfolgen, ja. Es darf uns jedoch auf keinen Fall lähmen, darf nicht unseren guten Charakter verändern, unsere Freundlichkeit in Hass verwandeln. 

Allah sagt im Qur’an: „Allah wird den Zustand einer Gesellschaft nicht ändern, bis sie sich selbst ändern.“ (Ar-Ra’d, Sure 13, 11). Können wir uns selbst, unser Inneres ändern und verbessern, um unsere gesellschaftliche Situation in Deutschland zu ändern und zum Guten zu wenden? Lehnen wir die von Allah erschaffenen schlechten Taten ab und wählen die guten Taten? Wir haben als Menschen die Wahl. 

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Im Garten der Gegenwart

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Wie verhindern wir, dass uns die Wut übermannt? Vom Leben in der Gegenwart Allahs. (iz). Allah, der Erhabene, sagt in Seinem Edlen Buch: „Und beeilt euch um Vergebung von eurem […]

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Von der Wut Berliner Kinder: Feuer und Flamme im Silvester

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Dort, wo Mülleimer in Flammen standen oder der Bus ausbrannte, bleiben nur noch die schwarzen Flecken auf dem Asphalt. Am Montag nach Neujahr wurde das Gröbste bereits weggeräumt und die […]

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Wie Wut und Ärger überwinden?

Eine Frau mit Kopftuch reckt bei einer Demonstration die Faust und ruft; sie hält ein Schild, dahinter weitere Demonstranten mit Transparenten.

Ich arbeite als Hakim im Bereich der Heilung. Das reicht von Hals- und Kopfschmerzen zu emotionalen Problemen bis zu psychologischen Herausforderungen. Im Verlauf der Jahre habe ich gesehen, dass die […]

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Destruktiver Zorn und was sich gegen ihn tun lässt

(iz). Es gibt mehr als 40 Ahadith [Berichte über Aussagen oder Handlungen des Propheten], in denen von Zorn die Rede ist. Er ist eine Eigenschaft, die der Prophet, Allahs Heil und Segen auf ihm, verboten hat, dass wir sie als Eigenschaft haben. In der letzten Khutba hörten wir eine Aussage über den Starken; dass der wirklich Starke der ist, der seinen Zorn beherrscht und nicht einer, der stark im Kampf ist. Der Kämpfer ist physisch stark und bezwingt seinen Gegenüber im Kampf oder im Wettstreit. Wenn man aber sich selbst beherrscht, das heißt, bezwingt, dann ist man innerlich stark, in seinem Batin. Und das ist das wichtigste.

Wann gilt es solche Geduld zu üben? In einer Hadis heißt es: „Geduld gilt es im Augenblick des ‚ersten Schlags‘ zu haben.“ Wenn jemanden eine schlechte Nachricht erreicht, gewöhnt er sich nach einer Weile an diesen Umstand, passt sich an und akzeptiert die Lage. Der Mumin aber tut dies bereits im Augenblick, da ihn die Nachricht erreicht, und nicht erst später, denn „Geduld gilt es im Augenblick des ‚ersten Schlags’“ zu haben.

Es gibt eine Eigenschaft, die, wenn man sie sich aneignet, dem Propheten gleicht. Das ist eine Eigenschaft, die unter den Charaktereigenschaften den Rang ihres Oberhauptes, ihres Sayyid hat. Diese Eigenschaft ist Hilm, Milde. Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Der Halim, der Milde, ist beinah ein Prophet.“ Und er sagte: „Hilm, die Milde, ist der Sayyid der Eigenschaften.“ Wenn man mild und dem Zorn fern ist, denkt man ruhiger, entscheidet korrekter, bezieht eine ausgeglichene und eine gerechte Position, irrt nicht ab, ist nicht ungerecht, übertreibt nicht, missbraucht nichts und niemanden. Wenn man jemanden straft, dann überlegt. Und wenn man jemandem eine Gegenleistung erbringt, ist es überlegt, und wenn man lobt oder kritisiert, geschieht es auch überlegt.

Wenn man aber die Kontrolle verliert und die Nafs die Überhand nimmt, dann kann alles was man tut, zu einem schlechten Ende führen. Wenn man zornig ist, verwandelt man sich in einen Anderen, und hält sich an keine Denkregel, hat eine lose Zunge und auch eine lockere Hand. So kann der Zorn zu Ergebnissen führen, die einem missfallen.

Es gibt Situationen, in denen man aufgrund falscher Informationen oder überschnellen Schlüssen zornig wird und später die Wahrheit erkennt und bereut. Und das ist eine schlimme Sache. Allah der Erhabene sagt in der Sure Hudschurat: „Oh ihr Muminin, wenn euch ein Fasiq eine Kunde bringt, dann schafft Klarheit darüber, damit ihr Leute nicht in Unwissenheit beschuldigt, und dann später das, was ihr getan habt, bereut.“ Daher sollte man eine negative Nachricht überprüfen und sich versichern, oder Beweise fordern. Wenn Du an deinem Bruder etwas siehst, dass offensichtlich ungewöhnlich ist, dann wahre eine gute Meinung von ihm, bis Du dir sicher bist. Die gute Meinung ist eine der schönsten Eigenschaften, die man als Muslim haben kann.

Möge Allah mit dem barmherzig sein, der sagte: „Es gibt zwei Eigenschaften, die keine andere gepriesene Eigenschaft überragt: Die Gute Meinung über Allah, und die Gute Meinung über seine Sklaven. Verkörpere diese beiden Eigenschaften und sei nicht stur und aufsässig.“

Eine der größten Tore zur Erleichterung sowie der schnellste und nützlichste Weg ist Dhikrullah. Er poliert die Herzen, ist der Schlüssel der Tür der Eingebung, und der Weg, auf dem die Manifestationen zu den Herzen gelangen. Durch Dhikr geschieht Charakterbildung und -festigung. Der Muslim grämt nicht, sorgt sich nicht oder ist nicht betrübt, außer über sein Vergessen in der Erinnerung an Allah. Wenn er sich mit Dhikr beschäftigt, kennt seine Freude kein Ende und er ist immer glücklich, denn dieser ist der Schlüssel zur Freude und zum Glück. Die Ghafla, die Vergesslichkeit, jedoch ist der Schlüssel zur Trauer und Kummer.

Allah der Erhabene sagt sinngemäß: „Jene, die Iman haben und deren Herzen durch Dhikrullah zur Ruhe kommen – und nur durch Dhikrullah kommen die Herzen zur Ruhe.“ Imam Bukhari und Imam Muslim überlieferten, dass der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Allah der Erhabene spricht: ‘Ich bin der Erwartung, der Meinung meines Sklaven über Mich. Ich bin bei ihm, wenn er Meiner gedenkt. Wenn er Meiner bei sich im Stillen gedenkt, gedenke Ich seiner bei Mir, und wenn er mich in einer Versammlung erwähnt, dann erwähne Ich ihn in einer besseren Versammlung.’“ At-Tirmidhi überlieferte die folgenden Worte des Propheten: „‘Soll ich euch über eine Tat informieren, die für euch die beste Tat, bei eurem König die reinste Tat und die die höchste eurer Ränge ist, und besser als das Spenden von Gold und Silber, und die Begegnung mit dem Feind auf dem Schlachtfeld und dass ihr einander erschlagt?’ Sie sagten, ‘Sicher!’ Und er sagte: ‘Es ist Dhikrullah.’“ Imam Muslim überliefert, dass der Prophet, Allahs Heil und Segen auf ihm, sagte: „Es gibt keine Versammlung von Menschen, die sich zum Dhikrullah trifft, außer dass die Engel sie umgibt, Rahma sie bedeckt, die Engel auf sie herabkommen und Allah sie bei jenen erwähnt, die bei Ihm sind.“

Es gibt zwei Punkte, die ich erwähnen möchte, um sie zu erklären. Das ist einmal laute Dhikr sowie die Versammlung von Menschen für Dhikrullah.

Was den lauten betrifft, so ist er gemäß der Scharia sowohl laut als auch leise möglich. Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und im Frieden geben, ermutigte zur Erinnerung an Allah auf beide Arten. Und die Gelehrten stimmen darin überein, dass der laute, also hörbare Dhikr besser ist, vorausgesetzt es ist keine Riya, keine Zurschaustellung dabei, oder man stört niemanden der betet, der Quran rezitiert oder der schläft.

Auf diesen Vorzug des lauten Zikr wird in mehreren prophetischen Überlieferungen hingewiesen. So zum Beispiel das Hadith Qudsi, das vorhin erwähnt wurde, in der Allah der Erhabene sagt, dass Er in der Erwartung seines Sklaven über Ihn ist und sagt: „… und wenn er mich in einer Versammlung erwähnt, dann erwähne Ich ihn in einer besseren Versammlung.“

Und der Dhikr in der Versammlung ist laut. Von Zayd ibn Aslam wurde überliefert, dass er sagte: „Ibnu Adra sagte: ‘Ich ging eines Nachts mit dem Propheten, Allahs Frieden und Segen auf ihm, und er bemerkte, dass ein Mann in der Mosche laut sprach. Ich sagte, ‘O Gesandter Allahs, vielleicht ist das jemand, der nur angibt.’ Er antwortete: ‘Nein, er ist vielmehr ein Flehender.’“

Was die Versammlung für die Erinnerung an Allah betrifft, so haben wir eine sehr klare Überlieferung darüber, aber es gibt sehr viele mehr. Ich möchte nur eine erwähnen. Imam Muslim und Hakam überlieferten von Abu Hurayra, der sagte:

„Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: ‘Allah hat Engel, die über das Land ziehen, und nach Versammlungen für den Dhikr suchen, und wenn sie so eine Versammlung finden, dann umgeben sie diese Versammlung mit ihren Flügeln, und türmen sich auf bis zum Himmel. Und Allah der Erhabene fragt sie: ‚Woher kommt ihr?‘ Sie sagen: ‚Wir kommen von einer Versammlung deiner Sklaven, die mit Subhanallah, Allahu Akbar, Alhamdulillah und La Ilaha illa’llah deiner gedenken. Sie bitten Dich um eine Sache, und bitten Dich um Schutz vor einer Sache.‘ Er fragt sie: ‚Und was ist es, worum sie bitten?‘ Sie sagen: ‚Sie bitten Dich um den Garten.‘ Er fragt: ‚Haben sie ihn denn gesehen?‘ Sie sagen: ‚Nein, O Herr!‘ Er sagt: ‚Und wie wäre es, wenn sie ihn gesehen hätten?‘ Dann fragt er: ‚Und wovor suchen sie Schutz?‘ Sie sagen: ‚Vor dem Feuer.‘ Er fragt: ‚Haben sie es denn gesehen?‘ Sie sagen: ‚Nein.‘ Er sagt: ‚Und wie wäre es, wenn sie ihn gesehen hätten? Bezeugt, dass Ich ihnen vergeben habe und ihnen gebe worum sie bitten und sie vor dem beschütze, wovor sie Schutz suchen.‘ Die Engel sagen: ‚Es war unter ihnen einer, der sich unter sie verirrt hatte und nicht wirklich einer von ihnen war.‘ Er sagt: ‚Auch ihm habe ich vergeben, denn dies sind Leute, dass wer mit ihnen sitzt nicht unglücklich ist.’“

"IZ-Begegnung" mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu

(iz). Dem Dichter – wie dem gesamten Berufszweig der „Intellektuellen“, wird im Feuilleton und auf Festveranstaltungen gerne ein gewisser Respekt erwiesen. Oft genug verharren viele, nicht alle, in diesem Bannkreis, oder nehmen als sprachliche Kunsthandwerker am allgemeinen Spektakel teil. Wollen sie mit relevanten Beiträgen an Debatten teilnehmen, bleiben sie – jenseits des Feuilletons – zu oft unge­hört oder, wie der Fall Grass belegt, werden von der Herde niedergebrüllt und schnell in ihre Reihen zurückgedrängt.

Zu den, existierenden, Ausnahmen gehört der deutsche Schriftsteller, Publizist und Drehbuch­autor Feridun Zaimoglu, der sich neben seiner künstlerischen Tätigkeit auch an verschiedenen Debatten zu den Themen Islam und Integration beteiligt. Der Kieler (geb. 1964) war auch anfänglich Teilnehmer der Deutschen Islamkonferenz, die er aber 2007 wieder verließ. Aus Protest, dass keine selbstbewussten Muslimas mit Kopftuch eingeladen wurden.

Feridun Zaimoglu, der auch unter jungen Muslimen seine Leser findet, lässt sich nicht auf ein Genre oder auf ein bestimmtes Image festlegen. Schon gar nicht auf das Ökotop einer wie auch immer gearteten „Migrantenliteratur“. Mit dem aktuellen Titel „Ruß“ hat er einen „Heimatroman“ geliefert, der in der – eigentlich untergegangene – Welt des Ruhrgebiets spielt. Mit ihm sprachen wir unter anderem über den Fall Grass, die Möglichkeiten des Dichters und den Islam in Deutschland.

Islamische Zeitung: Lieber Feridun Zaimoglu, man hat den Eindruck, dass in den letzten Jahren das Wirken der Dichter ins folgenlose Feuilleton oder in die kunsthandwerkliche Behübschung herrschender Verhältnisse abgeschoben wurde. Scheinbar plötzlich debattierte Deutschland tagelang über ein Gedicht – lassen wir dessen sprachlichen Gehalt einmal beiseite – von Günter Grass zur Kriegsgefahr im Nahen Osten. Hat sie das überrascht?

Feridun Zaimoglu: Mit Grass verfährt man, als hätte er sich des heimlichen ­Kackens im Weingarten des Herrn schuldig gemacht. Die Freaks der Aufklärung sahen in Sarazin einen ehrenwerten Mann mit kleinen Macken. Die selben Leuten hacken heute auf Günter Grass ein. Er hat die Konservativen geärgert, das verzeihen sie ihm nicht. Einige gute Leute aus dem Kulturjournal machen mit – weshalb? Grass’ Text ist eine einwandfreie politische Analyse. Die blinden Parteigänger mögen noch so laut jodeln: Günter Grass tat Wahrheit kund.

Islamische Zeitung: Früher waren Dichter Künder des Überzeitlichen und sollten Wahrheit sprechen? Lässt sich heute – nach Jahrzehnten Postmoderne, Dekonstruktivismus und Popkultur – damit überhaupt noch etwas anfangen?

Feridun Zaimoglu: Die Party ist vorbei, die Kasper sammeln die letzten Pappbecher ein. Es hieß: Lasst uns so schön ausgebeutet Lieder singen. Es hieß: Der Bekenner ist nur ein schlechter Tänzer. Es hieß: Däumchendrehen und Faseln macht uns munter. Es hieß: Gut und Böse – was schert uns das? Und heute? Geschwätz, Geflüster und Gerüchte. Aber auch: Zerpflückt die Armen. Kapitalverkehr von unten nach oben. Die Rechten schwätzen von Denkverboten, immer dann, wenn sie den Menschen das Denken verbieten wollen. Alles Lügen hilft nichts – der Kapitalismus frisst alle Kinder.

Islamische Zeitung: Ihr Buch „Ruß“ hat einer unserer Autoren im letzten Juli als „einen deutschen Roman“ ­bezeichnet. Ist es für Schriftsteller schwierig geworden, sich unverstellt und verständlich mit ihren Umfeld auseinanderzusetzen?

Feridun Zaimoglu: Hierzulande galt es als schick, Schischi-Schreiber aus Amerika oder Frankreich voll toll zu finden. Es wurden aber auch Pflänzchen aus den Literaturinstituten gelobt. Deutsch war unfein und deutsche Welt ­unwelthaltig. Das hat sich, nur ein bisschen, geändert. Nun will man, nun wollen die Experten, besser hinsehen.

Man man sich ja über mich lustig: Der Mameluck macht auf überdeutsch. Ist mir egal. Ich sehe, dass es vor meiner Haustür keimt und gärt. Blöde wär’s, nicht darüber zu schreiben. Gott sei Dank, die öden Büchlein von Frolleins und Knäbchen sind aus der Mode gekommen. Es sind nicht wenige Kollegin­nen und Kollegen bereit, deutsche Geschichten zu schreiben. Man achte auf die Dichtkunst aus dem Osten. Gute Dichter rücken an, und man wird sie nicht mit den üblichen ­Schaufenster-Ossis verwechseln können.

Islamische Zeitung: Neben – oder begleitend? – zu ihrer schriftstellerischen Arbeit haben sie sich seit Jahren in verschiedene „Integrations-“ und „Islamdebatten“ eingeschaltet. Gelegentlich drängt sich der Eindruck auf, dass mit den meisten Beiträgen nicht die Klarheit, sondern nur die Unüber­sichtlichkeit zunimmt. Haben sie die Hoffnung, hier einen Unterschied zu machen?

Feridun Zaimoglu: Man ruft mich an und bittet mich um meine Meinung. Man sitzt bei mir auf dem Sofa und drückt auf die Aufnahmetaste des Dikta­fons. Und manchmal melde ich mich als Salonfrontsau zu Wort. Ich bin ehrlich: Ich glaube nicht, dass ich mit wirklich klaren Beiträgen zum Thema glänze. Ich gelobe Besserung.

Islamische Zeitung: Ein deutscher Philosoph hat gesagt: „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämt­heit, wenn sie ‘ich’ sagen.“ Gehen ihnen die vielen Identitätsdebatten nicht auf die Nerven?

Feridun Zaimoglu: Sie sagen es. Ich hör’ schon nicht mehr hin. Vor anderthalb Jahren habe ich aufgehört, Zeitungen zu kaufen. Der mündige und interes­sierte Bürger – was ein Schwindel. Frühstückszeitungen im Hotel lese ich dann doch. Um festzustellen, dass sich nichts geändert hat. Zur Ichverortung neigen vornehmlich Menschen, die im Leben sonst nichts vorhaben. Identität? Albern.

Islamische Zeitung: Lieber Feridun Zaimoglu, sie haben sich, beispielsweise in einem Beitrag für die „Zeit“ und in einer Interviewreihe mit den „Deutsch-Türkischen Nachrichten“, zu Wort gemeldet. Und zwar mit ­einer gehörigen Portion Wut. Braucht es diese Wut, um sich einen Weg zu den Herzen und zum Verstand der Menschen durchzuhämmern?

Feridun Zaimoglu: Was war noch einmal das Modewort der letzten Saison? Wutbürger. Was hat’s gebracht. Was bin ich? Schreibender Wutbürger. Schön ist es, sich nicht zu verheben. Ich rumpele in der Kiste, ein paar Freunde rufen an, und sagen: Guter Rappel, toll. Eigentlich liebe ich Zimmerlautstärke – ausgerechnet ich, den man auch gerne mal als altdeutschen Krakeeler bezeichnet. Ja, ich tobe. Ja, ich lange zu. Aber wenn ich schreibe, tauche ich ab und halte den Mund. Dann fühle ich mich am wohlsten. Das Reden über Missstände zermürbt. Trotzdem: Man sollte schon dann und wann die Lügner anbrüllen.

Islamische Zeitung: Sie nahmen an den ersten Runden der Deutschen Islamkonferenz teil. Können sie heute, nach mehreren Jahren und Mutationen dieser Gesprächseinrichtung, noch etwas damit anfangen? Wenn nein, sehen sie Alternativen?

Feridun Zaimoglu: Am Anfang stand die gute Idee: Die Moslems gehören zu Deutschland. Ich gehörte zu einem bunt zusammen gewürfelten Haufen aus Hauptberuflichen und Privatinteressierten. Es wurden viele Gruppenfotos geschossen. Das Ding implodierte. Der Stifter der Konferenz wanderte in ein ande­res Ressort, die folgenden Minister sprachen weise Worte oder blödes Zeug. Heute schart man sich um eine Leiche, ringt die Hände. Die Leiche stinkt, man sollte sie begraben. Alternativen? Neue Moslem-Welle? Bund der aus der Konferenz Vertriebenen? Liberale für mehr Beinfreiheit? Nein. Junger Deutscher Islam. Ja.

Islamische Zeitung: Ein nicht unerheblicher Anteil der muslimischen Jugend hat höchstwahrscheinlich nur einen sehr begrenzten Zugang zur Sprachwelt und zur Literatur Deutschlands, aber auch der Kultur ihrer Eltern. Haben sie die Hoffnung – wenn sie das denn wollen – diese neuen Generationen zu erreichen?

Feridun Zaimoglu: Die meisten Deutschstämmigen haben keinen Bezug zu Literatur. Ich mache ja nur ein Angebot. Es fällt aber auch, dass zu meinen Lesungen immer mehr Muslime kommen. Sie erleben einen Berserker auf der Bühne. Manchen gefällt’s, andere rümpfen ob meiner Stubenbarbarei die Nase. In der Arbeiterklasse hält man halt die Kultur für recht verzichtbar. Auf die Techniken der Verfeinerung pfeift man. Sehr schade.

Islamische Zeitung: Was ist ihr Verhältnis zu den – vermeintlichen – sozialen Netzwerken und deren Folgen für unsere Kommunikation? Haben sie eine Bedeutung für ihren Alltag?

Feridun Zaimoglu: Verstehe die Frage nicht wirklich. Halt, doch mir dämmert’s. Bin Einzelgänger und ­Einzeltäter. Bin gern unter Menschen, setze mich aber auch gerne ab. Die meiste Zeit des ­Tages sitze ich alleine zu Haue, oder im Zug, oder im Hotelzimmer. Und brüte: über eine Geschichte, über den nächsten Roman, über das nächste Projekt. Und danke am Ende des Tages dem ­Allmächtigen, dass er mich geschützt hat.

Islamische Zeitung: Lieber Feridun Zaimoglu, wie sehen sie den Zustand der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland und was sollte ­geschehen, um ihn zu transformieren?

Feridun Zaimoglu: Alles ist in Auflö­sung. Schön. Alles ist im Entstehen. Noch besser. Das Ziel: Weg von der Tradition, vom Altvaterglauben. Hin zur Menschenliebe. Wer andere Menschen demütigt, ist ein Schwein. Ein Schwein muss man befehden. Das Heilige ist uns überliefert – daran festhalten. Und in den Gärten der reichen Säcke heimlich kacken – darauf nicht verzichten.

Islamische Zeitung: Lieber Feridun Zaimoglu, wir danken Ihnen für das Gespräch.