Ein Viertel aller Muslime existiert heute als Minderheit – von vielen werden sie übersehen. Sie sind aber ein wichtiger Bestandteil der Umma. (iz). Am 10. Oktober 2022 veröffentlichte das unabhängige […]
Nachrichten & Lebensart
Ein Viertel aller Muslime existiert heute als Minderheit – von vielen werden sie übersehen. Sie sind aber ein wichtiger Bestandteil der Umma. (iz). Am 10. Oktober 2022 veröffentlichte das unabhängige […]
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(iz). In wenigen Wochen startet der Fastenmonat Ramadan. In ihm enthalten Muslime sich täglich für eine festgelegte Zeitspanne vom Konsum weltlicher Dinge wie Essen und Trinken. Das Fasten ist wie Maulana Rumi einmal sagte, die Entwöhnung von „der großen Brust“, d.h., der vermeintlichen Abhängigkeit von materiellen Gegenständen, Gewohnheiten oder unbewussten Zwängen.
In der Realität führt das Fasten in diesem Monat viele Muslime zu einem gesteigerten Verbrauch von Lebensmitteln und anderen Ressourcen – bspw. durch umfangreiche Mahlzeiten oder opulente Einladungen zum Essen.
Foto: Svetlana Lukienko, Adobe Stock
Dass der dabei stattfindende Verbrauch von Einmalgeschirr und Plastik zum Problem werden kann, hat der Verein NourEnergy e.V. bereits vor Jahren problematisiert. Mit dem GreenIftar unterhält er seit Jahren ein Projekt, durch das den Fastenden der Aspekt von Nachhaltigkeit im Ramadan nahegebracht werden soll.
Im Mai letzten Jahres veröffentlichte der Verein sein Buch „Halal & Tayyib: Vom Erbe zum Bewusstsein“. Sein Ziel und das des begleitenden Bildungsprogramms besteht darin, Muslime für die Verbindung zwischen der Praxis von „halal“ (erlaubt) und „tayyib“ (nachhaltig oder vollwertig) zu sensibilisieren. Über die rein islamrechtliche bzw. juristische Betrachtung aus dem Bereich „halal“ soll die ethische und lebenspraktische Dimension von „tayyib“ in den muslimischen Diskurs gerückt werden.
Darüber hinaus sollen Buch und Bildungsprogramm Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein bei Muslimen erhöhen. Sie gehören zu den Bemühungen von NourEnergy, Muslime zu einem nachhaltigeren und ökologischeren Lebensstil zu ermutigen.
Außerdem stellen die MacherInnen eine Verbindung zwischen islamischen Traditionen und zeitgenössischen Herausforderungen vor. Der Titel soll aufzeigen, wie traditionelle islamische Konzepte auf aktuelle Themen wie Umweltschutz, faire Arbeitsbedingungen und verantwortungsvollen Konsum angewendet werden können.
Dass es dabei nicht bei bloß theoretischen Ansätzen und Anforderungen bleibt, verdeutlichen diverse Kapitel des Bandes durch ihre praktischen Ansätze, Vorschlägen zur Änderungen des Lebensstils sowie einem umfangreichen Anhang mit Rezepten.
Foto: Bahatha.co
Wie NourEnergy e.V. in seinem Vorwort schreibt, ist „Halal & Tayyib“ das Ergebnis einer „langen, inspirierenden Reise“. Als Ausgangspunkt gilt der Qur’anvers: „Darum esst nun von den erlaubten (halal), guten (tayyib) Dingen, womit Allah euch versorgt hat. Und seid dankbar für Allahs Huld, wenn Er es ist, dem ihr dient.“ (An-Nahl, Sure 16, 114)
Der Ansatz im Buch und dem Bildungsprogramm soll eine Suche nach den „vielfältigen Facetten und Bedeutungsebenen“ dieses Verses sein. Dabei stellen sich einige wesentliche Fragen die nach dem Platz des Menschen in der Schöpfung, nach der menschlichen Verantwortung sowie der Beziehung zwischen Konsum (und demnach Ressourcenverbrauch) in der materiellen Welt und Nähe zu Allah.
Es macht in seiner Gesamtheit deutlich, dass es sich dabei um relevante Aspekte handelt und kein bloßes Beiwerk. Die gegenwärtige ökonomische Ordnung der Welt – „Globalisierung, Kapitalismus und technischer Fortschritt“ –, an der Muslime wie alle Anteil haben, bringe nicht nur Vorteile, „sondern vor allem auch eine Vielzahl an Leid und folgenschweren Problemen für Mensch und Mitwelt“. Diese schwerwiegenden Herausforderungen beträfen die gesamte Schöpfung – und damit auch „unsere Lebenrealität“. Mit diesem nötigen Wissen im Gepäck könnten Muslime sich auf den Weg zu ihren Spuren machen.
NourEnergy e.V. hat mit „Halal & Tayyib“ auch das Ziel, „Bewusstsein für ein achtsameres Leben in Einklang mit der Mitwelt und der gottgegebenen Verantwortung“ zu schaffen. Das Buch steht daher unter dem Motto „Vom vergessenen Erbe zum gelebten Bewusstsein“. In fünf Abschnitten werden die Leser durch die theoretischen und praktischen Schritte eines nachhaltigen Lebens geführt.
Dabei reicht der Fokus der AutorInnen – wie der vorgestellte konkrete Teil – von Nachhaltigkeit beim Fasten, Lebensmittel aus der Sunna über Tierethik im Islam bis hin zu Aktivitätsfeldern, die uns eine Lebensänderung ermöglichen.
Eingeleitet wird das Buch mit einer wichtigen Klarstellung von Kernbegriffen wie „halal“. „Halal & Tayyib“ macht deutlich, dass sich die wesentlichen Konzepte und Begriffe einer erlaubten Lebensweise nicht auf die Themen Fleisch oder Prüfsiegel eingrenzen lassen. Hierbei ist es jenseits des vorliegenden Textes insgesamt von erheblicher Bedeutung, dass das oft benutzte Wort „halal“ eine Verflachung und Vernutzung erlebt hat.
Ursprünglich waren Termini wie „halal“ oder „haram“ Rechtsurteile. Aus diesem Grunde hatten viele Gelehrte der frühen Generationen nicht nur einen großen Respekt vor ihnen. Sie gebrauchten sie zusätzlich mit der gebotenen Sorge und hielten sich dabei mit „Schnellschüssen“ zurück. Heute hingegen ist das berühmte Halal-Siegel, das am Ende eines Prüfprozesses steht und das alle erdenklichen Erzeugnisse der Lebensmittelindustrie ziert, oft kaum mehr als der Stempel einer Prüforganisation.
Darüber hinaus hat sich die Einstellung vieler Muslime ihnen gegenüber verändert: Während früher alles erlaubt war, das nicht eindeutig als verboten zu erkennen war, sind viele muslimische Konsumenten der Ansicht, Lebensmittel müssten ein solches Siegel tragen, um „erlaubt“ zu sein.
Der vorliegende Band von NourEnergy macht im ersten Kapitel klar, dass die Frage nach „halal“ Teil eines „ganzheitlichen Konzepts“ ist. Der Prophetengefährte ‘Abdullah ibn ‘Abbas sagte in Hinblick auf den einleitenden Qur’anvers, dass zur Erlaubtheit eines Lebensmittels nicht nur formelle Fragen gehören, sondern bspw. auch, ob im Zuchtprozess eines Schlachttieres Wucher (arab. riba) beteiligt ist. Darauf verweist die Einleitung zum Ratgeber. Ein Lebensmittel könne „zwar an sich halal sein“, doch aufgrund seiner Prozesse „als verboten gelten“.
Trotz des offenkundigen „Siegeszuges“ des Halal-Begriffs und seiner Ökonomisierung durch die globale Lebensmittelindustrie betonen die AutorInnen zurecht den zweiten Begriff aus dem wegweisenden Qur’anvers: Tayyib. Und sie erinnern uns daran, dass ein Lebensmittel zwar den formalen Standards des Erlaubten entsprechen könne, aber nicht „zwingenderweise auch rein und gut im Sinne von ‘tayyib’“ sein müsse. Für die Theologin Asmaa El Maaroufi stellt „halal“ eine rechtliche Kategorie dar, während sich „tayyib“ auf das psychisch oder moralisch Reine beziehe.
Der zweite große Aspekt von „Halal & Tayyib“ stellt die Frage nach unserer Lebensweise – und wie wir diese nachhaltiger und unserem Schöpfungszweck angepasst wandeln können. Die gegenwärtige sei, so die AutorInnen, aus dem Gleichgewicht geraten. Massenproduktion (auch Massentierhaltung), Gier und Habsucht, maßloses Kaufverhalten und Profitsucht hätten bewirkt, dass der Mensch „kein gesundes und friedliches Leben“ führen könne.
Foto: Rumman Amin, Unsplash
Dankenswerterweise weist die Textsammlung darauf hin, dass ein bewusster und achtsamer Umgang mit den Ressourcen der Natur beileibe kein Monopol der Moderne ist. Viele qur’anische Verse, prophetische Aussagen und Lebensgewohnheiten sowie Handlungsanweisungen der Tradition verweisen auf einen angemessenen Umgang mit der Schöpfung. Muslime müssten sich die Frage stellen, ob sie ihrer Verantwortung in dieser Welt gerecht würden.
Es ist alles andere als Zufall, über „Halal & Tayyib“ im Kontext des Ramadans zu sprechen. So wie NourEnergy e.V. diesen Monat für sein GreenIftar nutzt, so ist er besonders für eine Reflexion über unsere Gewohnheiten, Konsum und den „ökologischen Fußabdruck“ der heutigen Lebensweise geeignet.
Das liegt nicht nur an der besonderen Natur seiner Zeit, sondern wir sind als Muslime auch angehalten, in ihr über Allahs Wort und Schöpfung sowie unsere Rolle in ihr zu reflektieren. Zusätzlich schafft unser Verzicht den nötigen Raum für diese Beschäftigung.
Bezug: Halal & Tayyib – Vom Erbe zum Bewusstsein, NourEnergy 2024, Hardcover, 246 Seiten. Zu beziehen über: https://www.nour-energy.com/produkt/halal-tayyib/
Köln (iz). Angesichts einer radikalisierten politischen Debatte im Bundestagswahlkampf um das Thema Migration und mit Blick auf den 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz warnten der Zentralrat der Muslime und die IGMG vor den Folgen der aktuellen Rhetorik parteipolitischer Akteure.
„Rassistisch konnotierte Migrationsdebatten haben schon immer einen Anstieg rassistisch motivierter Straftaten zur Folge gehabt. So ist es auch diesmal. Binnen weniger Tage wurden mehrere Moscheen bedroht“ erklärte Ali Mete, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Anlass für die Erklärung waren verschiedene „Schmäh- und Drohbriefe“, sie an Moscheegemeinschaften geschickt wurden.
Seit dem Wiederaufflammen der migrationspolitischen Debatte hätten sich die Angriffe auf Musliminnen und Muslime und ihre Einrichtungen gehäuft. In den letzten Tagen hätten Moscheegemeinden in Düsseldorf, Dortmund und Hessen islamfeindliche Briefe mit massiven Beschimpfungen, Beleidigungen und Drohungen erhalten. In einem Fall konnte eine Freitagspredigt aus Sicherheitsgründen nicht gehalten werden.
„Zusätzlich kam es zu rechtsextremen Schmierereien an Moscheen, Schändungen sowie Beleidigungen und Angriffen auf muslimisch gelesene Menschen im öffentlichen Raum. Die muslimische Gemeinschaft in Deutschland ist zutiefst besorgt.“
Für den IGMG-Generalsekretär gebe es einen Zusammenhang zwischen „rechtspopulistischer Rhetorik“ und antimuslimischen Attacken. Das hätten Studien gezeigt. Wenn Werte wie Menschenwürde verletzt würden, entstehe ein Klima, so die Pressemitteilung, welches Ressentiments und Straftaten fördere. „Immer, wenn Menschenrechte und Menschenwürde zur Disposition gestellt werden, fühlen sich willige Vollstrecker ermutigt und verüben Straftaten. Die Geschichte hat gezeigt: Auf Worte folgen Taten.“
Pressebild: IGMG
Man appelliere an die Politik, den vorgegebenen Rahmen des Grundgesetzes nicht zu verlassen. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass sich die Verhältnisse wiederholten, vor denen es schützen solle. „Mit großer Sorge haben wir in den vergangenen Tagen beobachtet, dass politische Parteien zentrale Menschenrechte infrage gestellt und sogar ihre Abschaffung erwogen haben. Das ist eine Zäsur. Dieses Verhalten hat Vertrauen zerstört und es wird lange nachwirken – weit über die Bundestagwahl hinaus.“
Am gleichen Tag, an welchem der Bundestag des 80. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz gedachte, brachte die Union einen unverbindlichen Antrag zum Thema Migration ein, der mit Stimmen der AfD beschlossen wurde. Neben anderem veranlasste diese Verschiebung der politischen Landschaft den Zentralrat der Muslime, am 2. Februar seine Besorgnis angesichts der „aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen“.
Man befürchte, dass „das einstmals allgemeingültige Versprechen ‘Nie wieder’ in Deutschland“ nicht mehr für alle gelte. Während sich hiesige Vertreter auf Gedenkveranstaltungen zur „historischen Verantwortung Deutschland“ bekannten, würden Muslime hier „ein besorgniserregendes Ausmaß an Hass, Hetze und Gewalt“ erleben. Dieses Ressentiment werde nicht nur ignoriert, sondern „aktiv“ angeheizt.
Die CLAIM Allianz stellte am 24. Juni 2024 ihr Lagebild „antimuslimischer Rassismus“ in Berlin vor. (Foto: imago | Jürgen Heinrich)
Die Fakten sprächen für sich: 2023 seien in der Bundesrepublik 1464 islamfeindliche Straftaten registriert worden, darunter 70 Angriffe auf Moscheen – ein Anstieg von über 140 % im Vergleich zum Vorjahr. „CLAIM dokumentierte 1926 Fälle von antimuslimischem Rassismus, mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Muslimische Frauen mit Kopftuch sind besonders betroffen.“ Der Zentralrat verwies auf die aktuelle Leipziger Autoritarismus-Studie 2024, wonach Vorurteile gegen Muslime längst in der Mitte des Landes angekommen seien.
„Die Folgen sind fatal: Bombendrohungen gegen Moscheen, Angriffe auf Muslime und muslimische Einrichtungen, Anfeindungen im Alltag (nur in den letzten Tagen: Düsseldorf, Essen, Duisburg, Köln, Penzberg). Statt einzuschreiten, lässt eine populistische Politik dies zu oder befeuert diese Entwicklungen sogar. Diese Gewalt ist kein Zufall, sondern das direkte Resultat einer gesellschaftlichen Atmosphäre, in der antimuslimischer Rassismus zunehmend als legitim betrachtet wird.“
Auch der Zentralrat der Muslime forderte von der Politik eine adäquate Antwort: Antimuslimische Straftaten müssten hartnäckig verfolgt, Moscheen besser gesichert und antimuslimische Diskurse in der Berichterstattung zurückgewiesen werden.
(Mediendienst Integration/IZ). In den letzten zehn Jahren, nach dem „Flüchtlingssommer“ 2015, kamen viele Geflüchtete auch in die ostdeutschen Bundesländer. Wo es vorher kaum muslimische Strukturen gab, sind neue Gebetsräume entstanden, eine Reihe von Vereinen und Moscheegemeinschaften. Die in Erfurt ist die erste Moschee mit Minarett und Kuppel in Ostdeutschland außerhalb Berlins. Von Carsten Wolf, Lennart Kreuzfeld und Lina Steiner
Waren es Anfang der 1990er Jahre noch sehr wenige, leben inzwischen laut einer BAMF-Schätzung etwa 190.000 bis 200.000 in den neuen Bundesländern (ohne Berlin). Das sind etwa 1,5 % der dortigen Menschen.
Foto: Frau Schütze, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0
Gemessen an ihrem prozentualen Teil an der Gesamtbevölkerung leben die wenigsten Muslime in Sachsen, mit einem Anteil von ca. 0,7 % an der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Westdeutschland sind es im Schnitt 10. Mit 2,7-2,9 % hat Sachsen-Anhalt die meisten muslimischen Menschen. Danach folgen Thüringen mit 2,6-2,8 % sowie Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg mit jeweils 1,1 %.
Gemessen an der Gesamtzahl aller Muslime in der Bundesrepublik leben nur etwa 3,5 % aller Muslime in Deutschland im Osten. Allerdings lässt sich ihre Zahl nur näherungsweise bestimmen. Die Angabe der Religionszugehörigkeit ist freiwillig in Befragungen wie dem Zensus. Rund jeder fünfte Bürger verweigert die Antwort auf Fragen zur religiösen Zugehörigkeit.
Von ca. 2.800 Moscheegemeinden in der Gesamtrepublik befindet sich nur ein Bruchteil in den ostdeutschen Bundesländern. Bei einer Mediendienst-Recherche aus öffentlichen Quellen ließen sich rund 60 Gemeinschaften oder Gebetsräume ermitteln, das entspricht etwa 2 % von allem im Land. Ihre Zahl ist in den letzten Jahren gestiegen. Viele sind erst nach dem „Flüchtlingssommer“ 2015 entstanden.
Die Zahl 60 ist nur ein Schätzwert, der eher zu niedrig sein dürfte. Ostdeutsche Muslime beten teilweise in Räumlichkeiten, die sie mit anderen teilen, zum Beispiel in Gemeinschaftsunterkünften. Erst wenn sie einen eigenen Raum anmieten wollen, gründen sie einen öffentlich sichtbaren Verein, so eine Studie der Robert Bosch Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Foto: Elpstirra | Shutterstock
Es gibt Hinweise darauf, dass Muslimfeindlichkeit im Osten stärker verbreitet als im Westen ist. Muslime berichten von Übergriffen in „praktisch allen Bereichen ihres Lebens“. Öffentlichkeitswirksam waren die Proteste gegen eine vermeintliche „Islamisierung“ bzw. Moscheebauprojekte, wie beispielsweise in Dresden oder Erfurt.
Die Forscherin Ayşe Almıla Akca von der Universität Innsbruck ist der Ansicht, dass diese Gemeinschaften „bunter“ als die im Westen seien. „In den kleinen Gemeinden kamen Musliminnen und Muslime aus verschiedenen Herkunftsländern zusammen, während sie im Westen oft nach Herkunftsland getrennt sind.“
In ihrer Gründungsphase hätten sie dort viel selbst organisieren müssen. „Viele haben mir erzählt, dass das neu für sie war. Sie mussten Räume anmieten, das selbst bezahlen. Es gab keinen Staat oder Gemeinde, die das für sie gemacht hätten.“
Am 20. Dezember schloss die rheinland-pfälzische Landesregierung einen Staatsvertrag mit vier muslimischen Verbänden. (IZ/KNA). Die rheinland-pfälzische Landesregierung hat am 20. Dezember 2024 mit mehreren Dachverbänden von Moscheevereinen einen Staatsvertrag nach […]
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Von offen bis repressiv – die großen Parteien unterscheiden sich in den Wahlprogrammen teils stark bei Religionspolitik und ihrer Haltung gegenüber Muslimen. (iz). Bei der Bundestagswahl 2025 stellen sich Dutzende […]
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(iz). Für das Jahr 2025 hat das Weltwirtschaftsforum (WEF) in seinem Bericht zur Einschätzung globaler Risiken die Bedrohung durch Desinformation und Fehlinformation auf Platz 5 gesetzt. Wer an der Realität und der Bedrohung durch eine nicht oder falsch informierte Öffentlichkeit in medialisierten Gesellschaften zweifelt, braucht sich nur in den Kommentarspalten großer Medien oder in sozialen Netzwerken zu tummeln. Das Ergebnis eines nur bruchstückhaften Überblicks sollte sensiblen Gemütern zu denken geben.
Foto: Bjoern Wylezich, Shutterstock
Insbesondere bei neuralgischen Debattenthemen mit gesellschaftlichem Spaltpotenzial, wie dem Thema Migration in der Bundesrepublik Deutschland, wirken verschiedene Prozesse. Sie reichen von individualpsychologischen Effekten über die Einflussnahme ausländischer Staaten oder Milliardäre bis hin zur fatalen Wirkung von Algorithmen auf sozialen Plattformen. Sie alle beeinträchtigen die Fähigkeit von Bürgerinnen und Bürgern sowie ganzer Staaten, existenzielle Fragen souverän und aufgeklärt zu behandeln – wenn nicht gar zu lösen.
Ein Gegenmittel neben Common Sense sowie einer rational geführten Debatte ist ein Mindestmaß an Medienkompetenz. Die Fähigkeit zum kompetenten, effektiven und kritischen Umgang mit Medien versetzt BürgerInnen und ihre Interessengruppen in die Lage, aktiv an gesellschaftlichen Prozessen teilnehmen zu können. Sie umfasst neben der Fähigkeit zur souveränen Mediennutzung auch die kritische Distanz zu den Medien, das notwendige Maß an Selbstreflexion und die Fähigkeit zur aktiven Teilnahme an medienvermittelter Kommunikation.
Wir Muslime haben uns angewöhnt – und das mit einigem Recht – auf „die Medien“ zu schimpfen. Betrachtet man mehr als zwei Jahrzehnte Islamberichterstattung nach dem 11. September 2001 und die verzerrten „Islamdiskurse“, so ist diese Wahrnehmung nicht unbegründet.
Aber selbst wenn sie zutreffen sollte, gibt es wenig Grund, sich als „Opfer“ der herrschenden Verhältnisse zurückzulehnen und darauf zu hoffen, dass es der vermeintlich Andere schon in unserem Sinne richten wird. Larmoyanz ist keine Haltung, die wir uns angesichts der gegenwärtigen Situation und unserer eigenen spirituellen Grundlagen leisten sollten.
Laut BMI leben in Deutschland grob geschätzt 5,5 Mio. Muslime. Alle im Bundestag vertretenen Parteien haben zusammen ca. 1,17 Mio. Mitglieder. Wir können unsere Untätigkeit nicht dauerhaft mit fehlenden Zahlen oder mangelndem realen Potenzial begründen, sondern müssen wie bei anderen Fragen langsam „in die Gänge kommen“.
Foto: Lara Solanki
Für Muslime in Deutschland ist Medienkompetenz auf drei Ebenen ein wichtiges Thema, das wir angehen sollten: auf individueller, in der Familie sowie in Moscheen und ihren verschiedenen Gemeinschaften.
Jeder Einzelne kann einiges tun, um seinen individuellen Umgang mit Medien zu verbessern. Dazu gehören: Nicht nur selektiv lesen, sondern sich für eine mediale Bandbreite professioneller Medien öffnen. So halten wir uns den eigenen Meinungskorridor offen. Die Wirkung bekannter psychologischer Mechanismen bei sich selbst erkennen und aktiv daran arbeiten.
Für die Entwicklung eines selbstbewussten Umgangs von Kindern und Jugendlichen spielt das Elternhaus eine wichtige Rolle. Muslimische Eltern können einiges zur Förderung beitragen: Begleitung und offene Kommunikation mit ihrem Nachwuchs. Sie sollten ein Auge darauf haben, welche Medien wie konsumiert werden. Und sie müssen ihrer Vorbildfunktion gerecht werden. Handys und Tablets werden nicht verschwinden. Umso wichtiger wäre es, den Nachwuchs im kreativen Umgang mit diesen Medien zu fördern.
Medien und der souveräne Umgang mit ihnen gehören in das Portfolio von Moscheen, Gemeinschaften und Dachverbänden. Ihre Bildungsarbeit sollte dies ebenso widerspiegeln wie der Umgang der Imame in ihrem Unterricht. Darüber hinaus müssen die größeren Zusammenschlüsse die Wirklichkeit und Bedeutung von Medien realisieren, den effektiven Umgang mit ihnen fördern und den Bestand eines freien und kompetenten Journalismus von Muslimen bei Wissen und materieller Ausstattung mit absichern. Diese Aufgabe kann uns niemand abnehmen.
(iz). Am 23. Februar wird der neue Bundestag gewählt. Der vorgezogene Urnengang war notwendig, nachdem die Ampel scheiterte. Bereits bei der Europawahl und den Landtagswahlen vom vergangenen Jahr wurde klar, dass die Dreierkoalition keine Mehrheit mehr besitzt. Beim Termin sind ca. 59,2 Mio. BürgerInnen zur Stimmabgabe aufgerufen.
Viele stehen vor einer schwierigen Entscheidung. Zu komplex sind die Sachfragen, zu aufgeheizt das gegenwärtige Klima für sachliche Debatten. Hiesige, wahlberechtigten MuslimInnen sind davon nicht ausgenommen. Im Gegenteil: Unter ihnen haben sich in den letzten 12 Monate erhebliche Entfremdungsprozesse abgespielt.
Foto: Deutscher Bundestag | Tobias Koch
Beginnen wir mit den Fakten. Die Erkenntnisse zu ihrer Menge sind dünn. Basierend auf bisherigen Zahlen lässt sich ihre Quantität nicht genau bestimmen, sondern höchstens schätzen. Nach BMI-Angaben sollen in Deutschland derzeit 5,5 Mio. Muslime leben. Das entspräche einem Bevölkerungsanteil von ca. 6,6 %. Nur ein Teil hat die Staatsbürgerschaft, die sie zur Wahlteilnahme berechtigt. Es gibt keine offizielle Statistik, aus der sich ihre Rate ableiten lässt. Es bestehen grobe Annahmen zum Anteil. Demnach soll die Summe der Deutschen bei 2-3 Mio. liegen.
Während sich hier kaum belastbare Aussagen treffen lassen, sieht es bei WählerInnen mit Migrationsgeschichte etwas anders aus. Nach Angaben vom Mediendienst Integration haben über 7 Mio. Wahlberechtigte eine Einwanderungsgeschichte. Das seien ca. 12 % aller Stimmberechtigten.
Die Zahlen ergeben sich aus einer Hochrechnung des aktuellsten Mikrozensus. Ihre Herkunftsgeschichte ist divers: 2 Mio. kommen aus EU-Staaten, ca. 1 Mio. aus der Türkei, rund 2,2 Mio. aus Gebieten der Ex-Sowjetunion, ca. 2,09 Mio. aus Asien inkl. Ländern wie Kasachstan sowie 308.000 Mio aus Afrika inklusive Marokko. Hinzukommen kleinere Gruppen aus Syrien, dem Iran und Lateinamerika.
Anhand eines Beispiels aus Westdeutschland sieht man die bisherige Parteibindung bei Migranten. In der ehemaligen Industriestadt Duisburg erreichten SPD und Grüne 2021 die ersten beiden Plätze unter MigrantInnen; eine Ausnahme waren Türkischstämmige. Sie gaben der CDU die zweitmeisten Stimmen. Allerdings zeigt eine Studie des DIW vom gleichen Jahr, dass bei SPD, Union und FDP die Parteibindung migrantischer WählerInnen kontinuierlich abnimmt.
Das dpa berichtete jüngst von einer Befragung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) über Berlin-Neukölln. Demnach würde die Mehrheit der Stimmberechtigten mit Migrationshintergrund eher Mitte-Links wählen. Insbesondere das BSW und Die Linke hätten ein höheres Potenzial bei Menschen mit Migrationsgeschichte als unter anderen.
Foto: DesignRage, Shutterstock
Die vorzeitig gescheiterte Koalition begann vollmundig (siehe IZ Nr. 355). Angekündigt waren verstärkte Maßnahmen gegen Diskriminierung – namentlich Muslimfeindlichkeit. Anstatt diese Ziele anzusteuern – so die nüchtern-kritische Bewertung –, wurde vieles nicht erreicht. Darüber hinaus hat das Dreierbündnis im Rückblick bei muslimischen Wählern signifikant „Porzellan“ zerschlagen: Angriff auf Grundrechte, Abschiebe-Debatten, gesellschaftlicher Generalverdacht und eine parteiliche Haltung im Nahostkrieg.
IZ-Autor Fabian Goldmann fasste die Ergebnisse der Ampel zusammen: „Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit, Migrations- und Asylpolitik, Schutz vor Gewalt und Diskriminierung: In all diesen Fragen stehen Geflüchtete, Muslime, arabischstämmige Menschen und viele weitere Menschen in Deutschland heute schlechter da als vor der Ampel. Der ‘zunehmenden Bedrohung von Musliminnen und Muslimen und ihren Einrichtungen’ wolle man mit ‘umfassendem Schutz, Prävention und besserer Unterstützung der Betroffenen’ begegnen. Das war eines von vielen Versprechen, das SPD, Grüne und FDP den rund sechs Millionen muslimischen Menschen in Deutschland (…) gegeben hatten. Getan haben sie das Gegenteil.“
Die Frage von Parteibindung geht über die Ampel hinaus: Die parteipolitische Mitte im Land hat, mit teilweiser Ausnahme der Linken, die Aufbruchsstimmung vieler jüngerer und engagierter BürgerInnen vor 10-15 Jahren passiv verstreichen lassen.
Damals begann eine ganze Reihe deutscher MuslimInnen, sich politisch in den etablierten Parteien zu engagieren, trat in Kreisverbänden bei Wahlen an und schaffte den Einzug in Lokalparlamente und Vertretungen der Stadtstaaten. Von dieser Aufbruchstimmung ist derzeit wenig zu sehen. In den letzten Monaten häuften sich Austritte aus Protest gegen die gegenwärtige Außenpolitik sowie die Übernahme AfD-naher Positionen beim Thema Migration. Ahmed Beiersdorf-El Schallah dokumentiert (siehe S. 2) die Geschichte eines Entfremdungsprozesses.
Lange setzten SPD und Grünen auf muslimische und migrantische Wähler, ohne viel für Wahlkampf unter ihnen tun zu müssen. Die SPD profitierte von ihrer Vergangenheit als „Arbeiterpartei“ bei den Nachkommen türkischer oder marokkanischer Arbeiter in den entsprechenden Regionen. Die Grünen zählten auf akademische Milieus, die ihre antirassistischen Ansichten schätzten. Bei der Union gab es zarte Versuche, wertkonservative und aufstiegswillige Bürger wie Unternehmer, Selbstständige oder Handwerker einzubinden.
Diese Entwicklung war selten nachhaltig und wurde nicht strategisch betrieben. Während SPD und Bündnisgrüne häufig die muslimische Stimme als gegeben betrachten, kommen der Union immer wieder Ausbrüche von Ressentiments in die Quere.
Die vier großen Wahlen von 2024 (EU-Parlament sowie Landtage) stellten eine Niederlage für die Ampel und ihre Parteien dar. Die Verschiebung der Wählergunst setzte sich auch bei muslimischen WählerInnen fort. Bei einer Befragung am Wahltag im April erhob die Forschungsgruppe Wahlen erstmals die Religionszugehörigkeit.
Ein Wechsel bei Zustimmungswerten war klar: Muslime gaben an, demnach mit 17 % jeweils das BSW und die neue DAVA-Partei, der kaum realistische Chancen auf einen Einzug in den Bundestag zugerechnet werden, zu favorisieren. Danach folgte die Union mit 15 %. SPD und Bündnisgrüne verloren stark. In dieser Befragung schnitten FDP und AfD weit abgeschlagen ab.
Foto: Anas-Mohammed, Shutterstock
Während die AfD in anderen Bevölkerungsschichten Erfolge verzeichnet, gibt es keine Zahlen, ob und wie Muslime die Partei goutieren würden. Bisherige Schätzungen gehen nicht davon aus, dass sie signifikanter Zahl die rechtsextreme Partei wählen würden.
Relativ klar ist: Seit Beginn des Nahostkrieges in Folge des Hamas-Terrors vom 7. Oktober 2023 stieg die politische Entfremdung zwischen den Parteien von Bündnisgrünen bis zur Union an. Von den relevanten Mitbewerbern konnten bei Umfragen die Linke und das BSW (trotz seiner, ins populistische abgeglittene Migrationspolitik) profitieren.
Das BSW Sahra Wagenknecht erlebt gerade hohe Zustimmungswerte (55,5 %) bei Menschen mit Wurzeln in der Türkei sowie der arabischen Welt. Das ergeben Zahlen einer repräsentativen Studie des Dezim (s.o.). Gestellt wurde nicht die bekannte „Sonntagsfrage“, sondern die Parteipräferenz wurde abgefragt.
Bei der Bundestagswahl 2013 stimmten ca. 12 % der türkischstämmigen WählerInnen für die Linke. Und bei der Nachwahlbefragung vom April 2024 sagten 8 % der befragten Muslime, dieser Partei ihre Stimme geben zu wollen. In deren Beliebtheit liegt sie allerdings deutlich hinter dem BSW, das in der Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen ca. 17 % auf sich vereinigen konnte.
Als Hauptgrund kann die Haltung beider Parteien zum Nahostkonflikt und den Krieg in Gaza gelten. Diesbezüglich forderte die Wagenknecht-Partei mehr Zurückhaltung Deutschlands. Sie erkennt zwar Israels Recht auf Selbstverteidigung nach dem Hamas-Angriff an, betont aber auch die schwierige Situation im Gazastreifen, den sie als „größtes Freiluftgefängnis der Welt“ bezeichnete.
Im April 2024 beantragte das BSW im Bundestag die Einstellung von Rüstungsexporten nach Israel. Wagenknecht äußerte im März 2024, dass Israels Kriegsführung in Gaza „Züge eines Vernichtungsfeldzugs“ trage.
Die Position der Linken ist wegen ihrer größeren innerparteilichen Meinungsbreite weniger einheitlich als die des BSW. Die Partei verurteilte den Hamas-Angriff, kritisierte aber zeitgleich das militärische Vorgehen der israelischen Regierung.
In ihren Augen agiere die Regierung Netanyahu „völlig überzogen“. Auch die Linke fordert ein Ende der deutschen Waffenlieferungen an Israel. Zudem unterstützt sie eine friedliche Zwei-Staaten-Lösung in den Grenzen von 1967. Zudem sieht sie die israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete als Unrecht an, betont aber, dass dies keine Rechtfertigung für den Terror der Hamas sei.
Nach den antimuslimischen Riots im Sommer wird erneut eine Kampagne gegen britische Muslime gefahren. Medien und soziale Netzwerke zündeln dabei mit. (iz). Stellen Sie sich vor: Ihr eigenes Haus wird […]
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Berlin (KNA). Das Loriotsche „Früher war mehr Lametta“ beschreibt auch die Berücksichtigung von Kirchen und Religion in den aktuellen Wahlprogrammen zur Bundestagswahl. Beim politischen Newcomer BSW findet sich dazu: null. Am detailreichsten behandelt das Thema die Linke. Zum Schutz jüdischen Lebens und gegen Antisemitismus finden sich außer beim BSW in allen Programmen Passagen, wobei die AfD den Judenhass vorwiegend bei Muslimen verortet.
Die Union will die christlichen Traditionen bewahren und bekennt sich zum Schutz der entsprechenden Feiertage, zur Sonntagsruhe sowie zur „geregelten Kooperation zwischen Staat und Kirche“. Vor früheren Wahlen wurde das noch detaillierter ausgeführt.
Ferner ist der Religionsunterricht für CDU und CSU erklärtermaßen unverzichtbar. Der umfängliche Schutz der Religionsfreiheit und religiöser wie weltanschaulicher Minderheiten sei der Union ein „besonderes Anliegen“.
Foto: Marc-Steffen Unger, Deutscher Bundestag
Erklärtes Ziel ist laut Unionsprogramm „ein lebendiges und vielfältiges muslimisches Gemeindeleben, das sich Deutschland zugehörig fühlt“, aber auch fest auf dem Boden der freiheitlichen Grundordnung stehen müsse.
„Wir schließen Moscheen, in denen Hass und Antisemitismus gepredigt wird“, heißt es. Überdies treten CDU und CSU erneut für eine Imamausbildung in Deutschland und in deutscher Sprache ein. Diese Forderung teilen sie mit AfD und FDP.
Die Liberalen wiederholen darüber hinaus ihre Forderung, das Staatskirchenrecht zu einem Religionsverfassungsrecht weiterzuentwickeln. Was das konkret bedeutet, lassen sie allerdings weiter offen. Ferner halten sie an einer Ablösung der historischen Staatsleistungen an die Kirchen fest. Der inzwischen über 100 Jahre alte Verfassungsauftrag stand auch im Koalitionsvertrag der Ampel.
Zuletzt war das Thema im Spätsommer hochgekocht. Der angekündigte Entwurf der früheren Regierungskoalition für ein sogenanntes Grundsätzegesetz, mit dem die Rahmenbedingungen auf Bundesebene festgelegt werden sollten, wurde jedoch nicht mehr vorgelegt. Denn es gibt massiven Widerstand von den Ländern, die die Kosten in Milliardenhöhe tragen müssten. Die Kirchen indes sind bei dem Thema offen. Neben der FDP hat jetzt nur noch die Linke die Ablöseforderung im Wahlprogramm.
Foto: Andreas Prott, Adobe Stock
Die Linkspartei fordert auch, dass die Kirchen ihre Kirchensteuern selbstständig einziehen sollten. Bisher geschieht dies über die Finanzämter der Länder, die dafür eine Aufwandsentschädigung einbehalten. Zudem wendet sich die Partei erneut gegen ein Verbot religiös motivierter Bekleidung und damit verbundene Einschränkungen bei der Arbeit, etwa durch das Tragen eines Kopftuchs.
Außerdem sollen das muslimische Zuckerfest und der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur staatlich geschützte Feiertage für die Religionsgemeinschaften werden.
Darüber hinaus votiert die Linkspartei wieder für eine Reform der Militärseelsorge, um eine ihrer Ansicht nach gleichberechtigte Betreuung durch alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zu garantieren.
Die Linke plädiert ebenfalls für den Sonntagsschutz, kommt aber anders als die Union von der Gewerkschaftsseite. Im gleichen Fahrwasser verlangen die Linken erneut die Abschaffung des eigenständigen kirchlichen Arbeitsrechts. Das Streikrecht etwa müsse auch in Einrichtungen von Diakonie und Caritas gelten, die zu den größten Arbeitgebern in Deutschland zählen.
Die SPD hält es knapp: Kirchen und Religionsgemeinschaften leisteten einen wertvollen Beitrag für das Zusammenleben. „Wir fördern den interreligiösen Dialog und schützen die Religionsfreiheit“.“ Ausführlicher kommen Schutz und Förderung jüdischen Lebens vor, allerdings ohne konkretere Umsetzungsideen.
Ähnlich würdigt auch der Programmentwurf der Grünen den Beitrag der Kirchen zum demokratischen und sozialen Zusammenhalt und spricht sich ferner expliziert für das Kirchenasyl aus. Antisemitismus müsse entschlossen bekämpft werden, ältere jüdische Generationen sollten stärker sozial abgesichert werden. Mit einem Aktionsplan gegen Islamfeindlichkeit wollen die Grünen gegen die Diskriminierung von Muslimen vorgehen.
Foto: Markus Spiske, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0
Die AfD will das Kirchenasyl hingegen abschaffen und die Vereinbarung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge mit den Kirchen kündigen.
Die Partei will einer „weiteren Islamisierung“ entgegentreten und die Finanzierung wie den Betrieb von Moscheen und muslimischen Organisationen aus dem Ausland per Gesetz verbieten. Das Tragen von Burka und Niqab (Gesichtsschleier) soll in der Öffentlichkeit untersagt werden.
Zwar gehört nur noch knapp jeder zweite Bundesbürger (47 Prozent) einer christlichen Kirche an, gleichwohl hat die Konfession noch deutliche Auswirkungen auf das Wahlverhalten, wie zuletzt die Forschungsgruppe Wahlen zur Europawahl im Mai zeigte. Katholiken wählen demnach überdurchschnittlich oft die Union, bei den Protestanten fällt eine größere Unterstützung für die SPD auf. AfD und BSW wählten Christen etwas seltener als der Bundesdurchschnitt.
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